Zwischen Al Quds-Tag und Überlegungen zur Photographie von Ereignissen

Zwischendurch einmal wieder etwas Palästina, Gaza, Israel. Zum Al Quds-Tag zog ich gestern hinaus, um zu photographieren. Es sind dabei einige Bilder entstanden, die ich auf Proteus Image zeige. Da es sich um zahlreiche Photographien handelt und vermutlich niemand sich 120 Bilder ansehen mag, teile ich die Aufnahmen in mehrere Serien auf, so daß geneigte Betrachterin, geneigter Betrachter sich die Photographien in verdaulich-leichten Happen und Stücken, Tag für Tag ansehen kann, wie man ein paar feine Petit Four verspeist, die wir zwischendurch verabreichen.

So angenehm und interessant es auch sein mag, sich mit den Menschen auf der Demonstration zu unterhalten, sei es mit dem klerikal-schiitisch gestimmten Iraner, für den es nur einen einzigen Gott gibt, die Allheit (die vermutlich auf den Namen Allah hört), wie er sie nannte, weil er mich wohl für einen Christen hielt und neutral sprechen wollte oder der kritischen Jüdin, die nicht weiß, auf welcher Kundgebung sie mitgehen soll und die in der Nähe des Kudamms wohnt, so schwierig ist ein solches Gespräch zugleich. Entweder du hast den photographischen Blick drauf, springst in den Bildmodus, der auf die Situationen geeicht ist, oder du bist in der Analyse drinnen, sichtest Situationen als Schreibanlässe. Fürs Notizbuch im Kopf. Photographie funktioniert jedoch anders. Ich wittere brenzlige Situationen. Wo geht noch was, wo ist die Gefahr unverhältnismäßig zum Ertrag der Photographien, welche Szenen ablichten, welches Gesicht? Was passiert als nächstes, wo bahnt sich Konflikt an? Wie fällt das Licht? Brauche ich einen Blitz, Blende hoch, Blende runter, Bewegungsunschärfe, die sich vorbeidrängende schubsende Polizeikette.

In dieser Wahrnehmungsweise arbeite ich nicht mehr als Schriftsteller, Essayist oder Journalist, ich kann das, was geschieht, nicht verbalisieren – will es auch gar nicht. Reflexion auf einen Gegenstand oder eine Situation setzt die betrachtende Distanz voraus, kluges Denken und Urteilen erfordert Abstand und nicht die Unmittelbarkeit. (Das gilt für viele Aspekte.) Es schiebt sich etwas zwischen die Wahrnehmung und das Geschehen: die Sprache. So wie sich beim Photographieren, in anderer Weise freilich, zwischen Wirklichkeit und Blick die Kamera drängt. Weil ich mit einer Kamera in der Hand immer photographisch fixiert bin, muß ich insofern diese häufig interessanten Gespräche meist wieder abbrechen, insbesondere, wenn ich an der Reaktion der Menge bemerke, daß irgendwo Tumult ausbricht. Geht noch ein gutes Bild? Leider ist es in den Menschmassen meist schwierig, nahe dran zu sein. Wie also sich durchzwängen, ohne die Menschen zu sehr zu verärgern?

Die Logik der Produktion von Photographien ist eine andere als die des Schreibens.

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Nachtragend zum Gestern: den zweiten Teil der Bilderserie gibt es hier zu sehen.

Vorratsdatenspeicherung (1)

Am Samstag, den 11.9., fand in Berlin das Erste Internationale Mopstreffen statt. Auch gab es, am Potsdamer Platz beginnend, dorthin wieder zurückkehrend, eine Demonstration gegen Vorratsdatenspeicherung unter dem Titel „Freiheit statt Angst“. Viele Gruppierungen waren dabei vertreten: vom Autonomen bzw. Antitkapitalistischen Block über die FDP, die Grünen bis zur Piratenpartei, aber auch Gewerkschaften demonstrierten mit.

Der Antikapitalistische Block war jung und laut; es gab die üblichen Parolen: „Zivischweine, Schüsse in die Beine“. Ist bekannt. Diese Losung hörte ich aber bisher noch nicht: „Randale, Bambule, Frankfurter Schule“. Man lernt nicht aus. Hat mir aber gut gefallen der Satz. Natürlich gibt es auch ein paar Photographien, und zwar hier. Und im Laufe der Woche zeige ich nach dem praktischen Teil auch noch einen zweiten Part, der eher theoretisch-ästhetisch geprägt ist. Da können Leserin und Leser aber mal gespannt sein.

Anti-Nazi-Demo – Walpurgisnacht – 1. Mai: Kampftag der Arbeiterklasse (2)

Für alle, die nicht in Berlin leben, was bedauerlich ist, denn dies ist die beste Stadt Deutschlands: schließlich gibt es hier die angesagtesten Clubs, die hipsten Szeneläden, die tollsten Bars, die geilsten Weiber, die beste Band der Welt (Die Ärzte) und noch viele weitere beste Bands, den besten Fußballklub, lauter freundliche Menschen, die dufte drauf sind, ein prima Nahverkehrsnetz, einen Bezirk, wo lauter schöne Menschen mit Kindern wohnen, diese Menschen trinken gesunde Bionade; doch leider gibt es in dieser schönsten Stadt der Welt auch viele Faschisten sowie eine Nazikneipe. So wurde am 30.4. gegen die Nazi-Kneipe „Zum Henker“, die sich in Niederschöneweide befindet, demonstriert.

Die Demonstration  ging durch die Bezirke Oberschöneweide und Niederschöneweide. Teils sind diese Bezirke herrlich verfallen, so daß ich demnächst auch mit Bildern aus Oberschöneweide meine Serie „Ausgewählt öde Orte“ fortsetzen möchte. Hier aber eine Dokumentation von der Demonstration.

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Alle Photographien: © Bersarin 2010

1. Mai – vorab

Wer denkt, daß es einfacher sei, einige Photographien in den Blog zu stellen, als einen Text zu schreiben, der irrt. Die Bearbeitung, die Auswahl, die Komposition und schließlich auch noch die Anordnung der Bilder, über die freilich nicht immer Übereinstimmung existiert und die sich in der Tat schwierig gestaltet, wenn man alles selber machen muß, muten sehr viel mehr Arbeit zu als das bißchen Schreiben.

Insofern gibt es also erst morgen eine Photostrecke zur Anti-Nazi-Demonstration in Oberschweineöde, zur Walpurgisnacht und zum 1. Mai in Berlin. Vorab nur dieses.

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„Haste mal ‘ne Mark?“, wurde keiner der Demonstranten gefragt: Wenn Punks mittlerweile bei der Polizei arbeiten, können wir dann im Umkehrschluß davon ausgehen, daß auch Polizisten bei den Punks und den Autonomen schaffen? Punks und Skins: auf diesem Bild  vereint. Und dazwischen eine fesche Renee.