In jener Nacht vom 22. auf den 23. September (Part 1)

im Jahre 1912 schrieb Franz Kafka eine Erzählung – manche sagen auch: eine Novelle, was von der Struktur her durchaus angemessen erscheint, wenn man die Novelle als Erzählung einer unerhörten Begebenheit begreift, die einen singulären Konflikt schildert –, welche die Literatur der Klassischen Moderne in eine andere Bahn brachte und eine Wendung ums ganze geben sollte. Es entstand eine der verstörendsten Erzählungen der Weltliteratur, und diese Novelle folgte einer eigengesetzlichen Logik und einer Struktur, die sich herkömmlicher Narration entzieht. Man kann diese Geschichte nacherzählen und man kann es im Grunde doch nicht, weil sich ein Teil dieser Novelle immer wieder verschließt und in die Absurdität des Sinns verschwimmt. Formal handelt es sich zwar um eine Geschichte, die von A. über B. nach C. verläuft, aber wie entstellt und wie die Tagesrest in einem Traum läuft es darin ab (dazu im zweiten Teil mehr). Es existiert in dieser Novelle, wenn man genau liest, keine zusammenhängende Bedeutung und ein irgendwie eruierbarer Sinn, sondern dieser Text schlüsselt sich eher dadurch auf, indem man die Beziehungsgeflechte und das Gleiten des Sinnes liest. In der Tat: eine unerhörte Begebenheit. Ein Vater verurteilt seinen Sohn zum Tod durch Ertrinken, dieser springt über das Geländer einer Brücke in den Fluß: „In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr.“ Die sexuelle Konnotation dieser Passage dürfte nicht zu überlesen sein.

Bekanntlich sterben vor den Vätern die Söhne, wie es Thomas Brasch, jener Schriftsteller und Drogist im Geiste dieses Blogs, gut wußte: In der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912 schrieb der Prager Jude und Jurist Franz Kafka „Das Urteil“. Und im Untertitel „Eine Geschichte“ welche Kafka „Für F.“ dedizierte. F. wird diesen letzten Satz der Novelle auf ihre Weise gelesen haben.

Es gibt im Leben herausragende Daten, insbesondere in der Literatur, und dieser 13. August 1912 ist eine dieser Konstellationen. Es handelt sich um Augenblicke, für die der Begriff des Kairos, der geglückten Zeit zutrifft. Es bedarf solcher Momente des Zufalls, um Neues hervorzubringen. Am 13 August 1912 traf sich Kafka mit Max Brod in dessen Wohnung, um Texte zu sichten und deren Reihenfolge festzulegen, damit sie am nächsten Tag an den Verleger Rowohlt versendet werden sollten. Kafka kam zu diesem Treffen, wie von Brod schon gewohnt, eine ganze Stunde zu spät. Und es erwartete ihn bei den Brods eine Überraschung („Nur überraschen will ich sie nicht, es gibt keine guten Überraschungen“, so schrieb er an Max Brods Ehefrau Elsa Taussig gut einen Monat später am 18.9.1912). Denn am Tisch der Familie Brod saß eine weitere Besucherin:

„Als ich am 13. August zu Brod kam, saß sie bei Tische und kam mir doch wie ein Dienstmädchen vor. Ich war auch gar nicht neugierig darauf, wer sie war, sondern fand mich sofort mit ihr ab. Knochiges leeres Gesicht, das seine Leere offen trug. Freier Hals. Überworfene Bluse. Sah ganz häuslich angezogen aus, trotzdem sie es, wie sich später zeigte, gar nicht war. (Ich entfremde ihr ein wenig dadurch, dass ich ihr so nahe an den Leib gehe. Allerdings in was für einem Zustand bin ich jetzt, allem Guten in der Gesamtheit entfremdet, und glaube es überdies noch nicht. Wenn mich heute bei Max die literarischen Nachrichten nicht zu sehr zerstreuen, werde ich noch die Geschichte von dem Blenkelt zu schreiben versuchen. Sie muss nicht lang sein, aber treffen muss sie mich.) Fast zerbrochene Nase, blondes, etwas steifes, reizloses Haar, starkes Kinn. Während ich mich setzte, sah ich sie zum erstenmal genauer an, als ich saß, hatte ich schon ein unerschütterliches Urteil. Wie sich … [bricht ab]“ (Eintrag vom 20. August 2012)

Allein diese Bruchstelle, diese (performative) Leerstelle im Tagebuch ist ein Stück Literatur. Leben ist am Ende ein Text – mehr nicht. Was erzeugte diesen Abbruch mitten im Satz und in den Überlegungen eines Tagebuchs – diese Schrift im Fragment? Nicht anders als dann später in Kafkas „Prozess“, der als Literatur eine lose Anordnung von Versatzstücken liefert, und in seiner Zerstreuung dennoch eine Struktur besitzt wie nur wenige Werke der Weltliteratur. Das Urteil schrieb Kafka in einem Zuge, in einer einzigen Nacht, die durch nichts – und das war für Kafka selten – unterbrochen wurde. Und ohne nennenswerte Korrekturen ging diese Fassung des Textes im Frühjahr 1913 in den Druck.

Einen Tag nach dieser kühlen, analysierenden Beobachtung, am 21. August, begann das Tagebuch mit folgendem Satz: Unaufhörlich Lenz gelesen und mir aus ihm – so steht es mit mir – Besinnung geholt.“

Felice Bauer war eine entfernte Verwandte der Brods, und zwar eine Cousine von Brods Schwager Max Friedmann – eine Jüdin aus Berlin, die in Prag Zwischenstop machte, um zu einer verheirateten Schwester nach Budapest weiterzureisen. Eine lebenslustige und lebenskompetente Frau, die für ihre Zeit erstaunlich selbständig und emanzipiert war. Felice Bauer arbeitete in verantwortlicher Position bei der Firma Carl Lindström A.G., die Grammophone und Parlographen herstellte – die damals modernsten Diktiergeräte, die es auf dem Markt gab. (Was Kafka und die Medien betrifft, so sei hier auf Friedrich Kittlers Texte „Aufschreibesysteme“ sowie „Grammophon Film Typewriter“ verwiesen. Die Techniken der Reproduktion und der Wiedergabe gewinnen Gestalt.) Die Unterhaltung bei Tisch im Hause der Brods verlief durchaus angeregt. Felice Bauer und Kafka beschlossen im Verlaufe des Abends sogar, als das Gespräch auf den Zionismus kam und Felice Bauer schilderte, daß sie sich mit der hebräischen Sprache beschäftigte, was Kafka aufhorchen ließ, gemeinsam nach Palästina zu reisen. Sie besiegelten dieses Versprechen durch Handschlag. Wiederholt spielte Kafka an diesem Abend auf diese Reise an, um sie in Erinnerung zu behalten, und auch zum Abschied kam er darauf noch einmal zu sprechen. Kafkas Beharrlichkeit und Zähigkeit ist bekannt.

 

Sein Eintrag ins Tagebuch dagegen, knapp eine Woche später, kommt als ein Schlag mit der Faust ins Gesicht daher – in jenes leere, unbeschriebene Gesicht, das später zur Folie der Literatur werden sollte, in das sich die Texte gravieren. Diese Passage aus dem Tagebuch zeigt einen anderen, einen kalten Blick. Zuweilen wird dieser Blick als typisch männlich konnotiert, was freilich von Mangel an Reflexion zeugt, denn genauso gut, könnte diese Zeilen Else Lasker-Schüler geschrieben haben. Es hängen solche Eintragungen in ein Tagebuch nicht am Geschlecht oder an Personalisierungen, sondern es zeigt sich in diesen Stellen von Schreiben eine Struktur der Textualisierung (die allerdings etwas mit dem Blick der Geschlechter zu schaffen hat). In dieser Lektüre und in diesem Geflecht aus Briefen, Romanen und Erzählungen wäre das Gegenbild, der Gegenschuß aus der Perspektive von Felice Bauer interessant. Ihre Briefe und Tagebücher (insofern sie solche Tagebücher schrieb) sind jedoch nicht erhalten.

Es reicht nicht aus, bei einer Gesellschaft nebeneinander zu sitzen und zu parlieren oder daß auf einer Feier plötzlich ein Bein an einem anderen preßt. Kafka ist der kalte und kühle Beobachter der Moderne, er distanziert die Szenerie in die Schrift und er vermag es, die Ereignisse in die (nötige) Reflexion zu setzten. Knapp sechs Wochen später, am 20. September, wird er Felice Bauer einen ersten Brief schreiben:

„Sehr geehrtes Fräulein!
Für den leicht möglichen Fall, daß sie sich meiner auch im geringsten nicht mehr erinnern könnten, stelle ich mich noch einmal vor: Ich heiße Franz Kafka und bin der Mensch, der […] Ihnen (…) über den Tisch hin Photographien von einer Thaliareise, eine nach der anderen, reichte und der schließlich in dieser Hand, mit der er jetzt die Tasten schlägt, ihre Hand hielt, mit der Sie das Versprechen bekräftigten, im nächsten Jahr einen Palästinareise mit ihm machen zu wollen.

(…)

Eines muß ich nur eingestehen, so schlecht es an sich klingt und so schlecht es überdies zum Vorigen paßt: Ich bin ein unpünktlicher Briefschreiber. Ja es wäre noch ärger, als es ist, wenn ich nicht die Schreibmaschine hätte; denn wenn auch einmal meine Launen zu einem Brief nicht hinreichen sollten, so sind schließlich die Fingerspitzen zum Schreiben immer noch da. Zum Lohn dafür erwarte ich aber auch niemals, daß Briefe pünktlich kommen; selbst wenn ich einen Brief mit täglich neuer Spannung erwarte, bin ich niemals enttäuscht, wenn er nicht kommt und kommt er schließlich, erschrecke ich gern. Ich merke beim neuen Einlegen des Papiers, daß ich mich vielleicht viel schwieriger gemacht habe, als ich bin. Es würde mir ganz recht geschehn, wenn ich diesen Fehler gemacht haben sollte, denn warum schreibe ich auch diesen Brief nach der sechsten Bürostunde und auf einer Schreibmaschine, an die ich nicht sehr gewöhnt bin.

Aber trotzdem, trotzdem – es ist der einzige Nachteil des Schreibmaschinenschreibens, daß man sich so verläuft – wenn es auch dagegen Bedenken geben sollte, praktische Bedenken meine ich, mich auf eine Reise als Reisebegleiter, -führer, -Ballast, – Tyrann, und was sich noch aus mir entwickeln könnte, mitzunehmen, gegen mich als Korrespondenten – und darauf käme es ja vorläufig nur an – dürfte nichts Entscheidendes von vornherein einzuwenden sein und Sie könnten es wohl mit mir versuchen.

Ihr herzlich ergebener Dr. Franz Kafka
Prag, Pořič 7“

Eine Photographie nach der anderen, hingeschoben zu jenem leeren, knochigen Gesicht.

Es entwickelt sich zwischen Felice Bauer und Franz Kafka eine Maschinerie des Schreiben, eine Logik der Sendung, des Ankommens und des Verfehlens von Postalischem, die einer eigenwilligen Kontrolle unterliegen, ein Verkehr und eine Logik der Gespenster, wie Kafka es in einem anderen Zusammenhang, im Briefwechsel mit Milena Jesenská, schrieb, und diesen Verkehr von Geister und Gespenstern brachte erst 70 Jahre später Jacques Derrida im Sinne des Judentums und einer Theorie der Schrift sowie einer Logik der Dis-Identität in seinem Buch „Die Postkarte. 1. Lieferung“ auf den Begriff von Literatur und Philosophie in gleicher Weise.

Der 22. September ist Jom Kippur, der höchste jüdische Feiertag – das Versöhnungsfest. Kafka mußte mit der Familie und mit anderen feiern. Kafkas Geselligkeit bei solchen zwanghaften Anlässen ist wenig ausgeprägt, gegen zehn Uhr abends drängt es ihn in sein Zimmer an seinen Schreibtisch.

23. September 1912:
„Diese Geschichte ‚Das Urteil‘ habe ich in der Nacht vom 22. bis 23. von zehn Uhr abends bis sechs Uhr früh in einem Zug geschrieben. Die vom Sitzen steif gewordenen Beine konnte ich kaum unter dem Schreibtisch hervorziehen. Die fürchterliche Anstrengung und und Freude, wie sich die Geschichte vor mir entwickelte, wie ich in einem Gewässer vorwärtskam. Mehrmals in dieser Nacht trug ich mein Gewicht auf dem Rücken. Wie alles gesagt werden kann, wie für alle, für die fremdesten Einfälle ein großes Feuer bereitet ist, in dem sie vergehen und auferstehen. Wie es vor dem Fenster blau wurde. Wie ein Wagen fuhr. Zwei Männer über die Brücke gingen. Um zwei Uhr schaute ich zum letzten Male auf die Uhr. Wie das Dienstmädchen zum ersten Male durchs Vorzimmer ging, schrieb ich den letzten Satz nieder. Auslöschen der Lampe und Tageshelle.“ (Franz Kafka, Tagebücher, 23. September 1912)

Und zum Ende des ersten Teils: Literatur goes Pop:

Get hot, get too close to the flame
Wild, open space
Talk like an open book
Sign me up
Got no time to take a picture
I’ll remember someday all the chances we took
We’re so close to something better left unknown“
The Metric

2012 – Feu la cendre

Diese Folge von Ziffern mag in vielfacher Hinsicht gut einen neuen Blogtext als Überschrift kennzeichnen: als Datum im Sinne des Jahrestages, als abstrakte Angabe von Zeit, es könnte sich dabei jedoch ebenso um einen Romantitel handeln, die Assoziationen zu „2666“ liegen nahe, aber ganz so ausufernd und figurenverschränkt gerät dieser Beitrag sicherlich nicht, und wir verweilen in der BRD. Was bleibt, ist die Freude an den unwillkürlichen Korrespondenzen. Die Metapher des unendlichen Spaßes ist vielfach einsetzbar. Meine Gedanken schweifen beständig woanders hin, während ich an meinem Schreibtisch sitze. Es sei hier nebenbei daran erinnert, daß in der Literatur vor einhundert Jahren einige der bedeutendsten Werke der Klassischen Moderne entstanden: im März 1912 erschien „Der Tod in Venedig“, in der Nacht vom 22. auf den 23. September schrieb Franz Kafka seine Erzählung „Das Urteil“ in einem Zuge durch. Dieses Ereignis wird auf „Aisthesis“ datumsgenau begangen, und um dem Antialkoholiker oder eher noch dem Abstinenzler Kafka nicht mit Aquavit, aber doch mit Adäquanz zu begegnen, gibt es in dieser Nacht womöglich eine besondere Sitzung aus unserer beliebten, bisher leider noch nicht öffentlich zelebrierten und stattgefundenen Rubrik „Der Blogtrinker“, um dieses Moment der Intensität (im Schreiben) und als ästhetische Konstruktion zum Ausdruck zu bringen.

Ich lege im Grunde nicht sehr viel wert auf die Dinge, welche mir Schriftstellerinnen oder Schriftsteller privat beziehungsweise in ihrem Tagebuch zu berichten haben. Allenfalls besitzt solches den Wert des Dokumentarischen, und es kann sich dieser Text in einer neuen Anordnung zu etwas anderem verbinden, das dann wiederum zur Literatur sich transformiert. Im Grunde sind auch die Briefe und die Tagebücher Kafkas ein Stück Literatur. Soviel nur sei von Kafkas Selbstbekenntnis, welches er in ein Heft eintrug, gegeben:

„Diese Geschichte ‚Das Urteil‘ habe ich in der Nacht vom 22. bis 23. von zehn Uhr abends bis sechs Uhr früh in einem Zug geschrieben. Die vom Sitzen steif gewordenen Beine konnte ich kaum unter dem Schreibtisch hervorziehen. Die fürchterliche Anstrengung und und Freude, wie sich die Geschichte vor mir entwickelte, wie ich in einem Gewässer vorwärtskam. Mehrmals in dieser Nacht trug ich mein Gewicht auf dem Rücken. Wie alles gesagt werden kann, wie für alle, für die fremdesten Einfälle ein großes Feuer bereitet ist, in dem sie vergehen und auferstehen. Wie es vor dem Fenster blau wurde. Wie ein Wagen fuhr. Zwei Männer über die Brücke gingen. Um zwei Uhr schaute ich zum letzten Male auf die Uhr. Wie das Dienstmädchen zum ersten Male durchs Vorzimmer ging, schrieb ich den letzten Satz nieder. Auslöschen der Lampe und Tageshelle.“ (Franz Kafka, Tagebücher, 23. September 1912)

Ich werde auf diese Passagen sowie vor allem auf „Das Urteil“ zurückkommen. Das Feuer, die Glut und die Asche. Ja, es ist für alles ein Feuer bereitet. Ich selber versenkte in dieser Woche fünf Monate digitale Korrespondenz mit einer unheilvollen Frau aus Hamburg in das digitale Nichts, es blieb nicht einmal die Asche übrig. Wie angenehm und restmelancholisch war das früher, wenn jemand die Briefe verbrannte, die nun als überflüssig sich erwiesen, die aus der Zeit fielen, und es blieb diese Schwärze zurück, zerbröckelt und ein Hauch und Wisch getätigt, damit alles in die Winde zerstäubt, jetzt brauchen wir lediglich eine Taste zu betätigen und dann noch einmal, damit es endgültig löscht. Nicht mit einem melancholischen, sondern mit einem technischen Lächeln. Aber sind Mails es wert aufgehoben zu werden, in denen eine Frau davon schreibt, in ein Restaurant wie das „IndoChine“ zu gehen? Es sind dies Orte, wo Menschen speisen, die keinen eigenen Geschmack besitzen und die Sätze von Aristoteles aus Zitatedatenbanken abschreiben. Warum halten Verblendungen so derart lange an? Eine Form, sich seiner (ästhetischen) Subjektivität als Privatissimum im Schreiben zu versichern, ist oder war der Eintrag ins Tagebuch bzw. das Schreiben von Briefen. Kafka ahnte sicherlich nicht, daß jene Tagebuchzeilen Jahre später Millionen Menschen lesen werden – eigenartige Vorstellung. Aber er begriff sich in diesen Zeilen vom 23. September durchaus als Schriftsteller, sah sich im Zusammenhang mit Wassermann und Werfel, und was den Rahmen von Deutung des Innenlebens samt den darin verschränkten Ebenen angeht, so nennt Kafka in diesem Eintrag zudem Freud. Der Subtext des „Urteils“, jene darin verborgene Struktur dürfte Kafka also nicht entgangen sein.

Der Schreibfluß als Akt der Intensivierung, als exzeptionelles Moment: „Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele.“ (F. Kafka, Tagebuch v. 23. September 1912) Andererseits gibt es eine solche Selbsttransparenz, die als Entäußerung auftritt, und eine solche Weise des Bei-sich-seins in der Offenheit von Affekt, Geist und Körperlichkeit lediglich im Modus des Fiktionalen: in der Schrift.

Die Theorie kam bei „Aisthesis“ in den letzten Tagen freilich zu kurz, was den Umständen, den gelebten Augenblicken und den vielfältigen Momenten aus dem Hier und Jetzt sich schuldete. Diese Absenz tut mir für meine Leserinnen und Leser fast ein wenig leid, aber es kommen, so sagt man, für das lesende Subjekt wieder bessere Tage. Zumindest was die Texte im Blog angeht. Nun verhält es sich jedoch derart, daß ein Essay zu Walter Benjamin oder über das Ende der Kunst sich nicht für einfachso schreibt, sondern ein Maß an Zeit benötigt.

Mögen Sie eigentlich Vollkornspaghetti? Ich nicht. Aber man kann sich sehr irren. J. und B. gingen nach einem ersten Strandspaziergang auf Usedom, bei dem wir dem kalten Wind trotzten und nach den Möwen schauten, die von zwei Spaziergängern gefüttert wurden, in den Ort Bansin hinein, wo wir in einem kleinen familienbetriebenen Hotel wohnten. Weil wir beide zudem Junkies des Außerordentlichen sind und uns gerne an jenen Orten aufhalten, die von dem französischen Ethnologen Marc Augé „Nicht-Orte“ genannt werden, konnten wir dem dortigen winzigen Einkaufszentrum nicht widerstehen. Die Photographien von diesem Ort zeige ich auf Proteus Image. Natürlich gibt es selbst in Bansin den obligatorischen 1-Euro-Shop, in welchen es uns sogleich hineinzog. Wir stöberten, schauten auf die Welt der billigen Waren, die in unansehnlicher Auslage als serielle Reihung und im Spiel der Farben dargeboten werden. An solchen Orten zeigt sich das Wesen und es fallen die Schleier. J. griff nach den Vollkornspaghetti von Buitoni für nur einen Euro, ich entgegnete, es sei nicht ihr Ernst, Vollkornspaghetti kaufen zu wollen, weil dieses Zeug nun einmal schrecklich schmecke. Allein es half nicht – die Spaghetti wurden gekauft, J. versprach, sie auf eine Art und Weise zuzubereiten, in der ich überhaupt nicht bemerken würde, daß es sich um ein schrecklich schmeckendes Vollkornprodukt handele.

Vier Tage später löste sie dieses Versprechen mittels einer wunderbaren Soße ein. Und das sind dann jene „Verzückungsspitzen des Daseins“, von denen Nietzsche schreibt, die sich einstellen, so zum Beispiel in diesen Momenten. Ich dachte bisher, meine Künste des Kochens seien hinreichend gut, aber nach diesem Abend werde ich nur noch unter Vorbehalt ein Gericht zubereiten, denn wenn ich mir ansehe, auf welch virtuose Art jene Frau in der Küche die Kunst der Improvisation und der Kombination von Elementen zu einem gelungenen Essen beherrscht, so zweifle ich an meinem Talent. Kochen ist ein kreativer Vorgang. Und deshalb sind Restaurants wie das „IndoChine“ No-go-area, Gentrifizierungsscheiße, ein Restaurant, das den guten Elbblick und das, was einst dort war, zuballert mit Geld und Scheiß.

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Nebenbei bemerkt, ist das Photographieren von zubereiteter Nahrung eine schwierige Angelegenheit, denn meist sehen die Bilder von gekochtem Essen so aus, als seien die Lebensmittel zerpampt, lapschig, lantzschig; allenfalls in schwarz-weiß geht‘s, das Gekochte abzubilden. Es klafft eine Lücke zwischen dem Abbild und dem, was wir zu uns nahmen.

Zu diesem Essen gab es drei Flaschen Wein, die von uns geleert wurden, und statt des Filmes „Blow Up“, welchen ich gerne gezeigt hätte, der sich aber ausleihweise an anderer Stelle befand, spielte uns die Musikanlage unter anderem das weiße Album von Tocotronic.