Daniel Kehlmann und das gute alte Regietheater

Zur Eröffnung der Salzburger Festspiele donnert Kehlmann gegen das Regietheater. So heißt es in der Welt:

An den teilweise in die Jahre gekommenen Protagonisten der Theater-Avantgarde ließ der 34-jährige Kehlmann kein gutes Haar. In Zeiten, in denen niemand mehr Karl Marx lese und kontroverse Diskussionen sich eigentlich nur noch um Sport drehten, sei Regietheater „zur letzten verbliebenen Schrumpfform linker Ideologien degeneriert“. Manch „hoch subventionierte Absurdität“ sei das Ergebnis der „folgenreichsten Allianz der vergangenen Jahrzehnte: dem Bündnis von Kitsch und Avantgarde“.

Vom ewig mit Spaghetti bekleckerten Menschen ist in den Ausführungen Kehlmanns die Rede, wo immerzu und irgendwer mit irgendwas beschmiert wird, ewige Happenings vor Videoleinwänden, Herumgebrülle und Toben. Wie anders dagegen die Inszenierungen der Klassiker im Ausland, wo pfleglich mit den Ursprungstexten umgegangen wird.

Einmal davon abgesehen, daß Kehlmanns Rede unmittelbar biographisch geprägt ist, was selten ein guter Ratgeber für eine Auseinandersetzung ist: Hat Kehlmann recht? Ja hat er, natürlich. Und zugleich: Nein hat er sicherlich nicht, wenn man ins Detail sieht. Recht hat er leider nur zu einem kleinen Viertel, was daran liegt, daß die Vorwürfe Kehlmanns ein eigentlich eher generelles Problem des Theater treffen. Nämlich die Frage „Wie setze ich einen gegebenen Text um? Wie transponiere ich ihn in die heutige Zeit?“ Denn schließlich ist eine Tragödie von Sophokles nicht eins zu eins übertragbar, weil wohl nur wenige von sich behaupten werden können, die antike griechische Gesellschaft präsent zu haben, so wie sie als antike griechische Gesellschaft damals tatsächlich war. Deshalb gibt es das Textechte nicht, den Herren über den uneingeschränkten Zugang zum wahren ursprünglichen Gehalt: es ist dies eine Chimäre. Schon die Lektüre eines Textes, welcher vor 30 oder 40 Jahren geschrieben wurde, setzt bei der Inszenierung Interpretationsleistungen voraus. Handkes „Publikumsbeschimpfung“ kann man kaum noch so spielen wie sie damals intendiert war. (Es würde zudem langweilig werden, weil‘s dann ja nur eine Verdoppelung dessen wäre, was damals sowieso schon war. Insofern die berechtigte Frage: Wozu eigentlich Werktreue? Was wäre Treue zum Werk und wer könnte von sich behaupten ein solcher Treuhänder zu sein?)

Ja sicher, es gibt manches Schlechte. Bevor aber pauschalisiert und bei der Kritik an Inszenierungen des sogenannten Regietheaters in das Gejammer des Kulturverfalls eingestimmt wird, sollte man zum einen Roß und Reiter nennen und man muß sich das jeweilige Stück schon ansehen. Da ist gewiß auch einmal etwas schlechtes dabei, da wird die Sache nicht getroffen, sind Bilder verunglückt, sicher wird manchmal auch zuviel mit Lebensmitteln geworfen, so wie in den 80ern zu viele Nackte über die Bühne rannten. Und der hunderste Epigone des Castorf oder des Marthaler ist gewiß nur langweilig. (Und auch Castrof dekonstruiert sich zuweilen selbst in seiner eigenen Langeweile. So sind die Meister auch nicht immer bei großer Klasse.)

Man hätte sich als Eröffnungsrede eine intelligentere Auseinandersetzung zum Regietheater gewünscht, welche die tatsächlichen Probleme trifft. Da genügt es dann nicht, nur witzig zu kalauern und auf den rhetorischen Effekt beim Hörer zu schielen. Aber subtile und der Sache gemäße Töne sind Kehlmanns Stärke nicht, dies haben bereits seine Worte zu Brecht gezeigt.

Überhaupt: es ist der Begriff „Regietheater“ ein dummes Wort. Was wäre nämlich die Alternative? Nicht-Regietheater? Theater lebt davon, daß eine oder einer oder mehrere Dinge in Szene setzen. Man kann dies auf eine konservative Weise betreiben und man kann das moderner veranstalten. Für beides gibt es, je nach dem aufzuführenden Text und nach der Situation, aus der heraus inszeniert wird, gute Gründe. Wichtig ist nur, daß die Angelegenheit stimmig ausfällt. Proklamieren und deklamieren nützt da leider nicht viel. Auch dann nicht, wenn man Vaddern mal was Gutes tun will. Aber was soll‘s, vielleicht ist Kehlmann in bestimmten Sinne sogar ein Anti-Ödipus.

Daniel Kehlmann, Brecht, der postmoderne Roman und ein Literaturrätsel

 Ich habe seinen neuen Roman „Ruhm“ nicht gelesen, und obwohl er vom Thema der Identität sowie dem Spiel zwischen realer und virtueller Welt her interessant sein könnte, denke ich, daß mich Kehlmanns Roman am Ende nicht interessieren wird: zu künstlich das Spiel, zu konstruiert das ganze. Am Ende doch nur konventionell, angereichert nur um ein paar Kinkerlitzchen. Ich lasse mich aber gerne überraschen und eines besseren belehren. (Vielleicht irgendwann mehr dazu. Und mittlerweile, bei einer vor Büchern überquellenden Bibliothek will jeder Kauf eines Buches gut überlegt sein, obwohl es natürlich jedem anzuraten ist, Bücher zu kaufen. Ich für meinen Teil aber, so denke ich manchmal, habe meine Schuldigkeit getan und müßte es mir eigentlich zur Regel machen, für jedes gekaufte Buch eines zu verkaufen oder besser noch zu verschenken.)

   Vielleicht hat mich in dem Zusammenhang mit Kehlmann auch die schnoddrige, bürschelnde, oberlehrerhafte Art über Brecht zu faseln, die von keinerlei Kenntnis getrübt war, geärgert. Wohlfeile Sätze werden dargeboten, die nüscht kosten. Ja: da bereitet einer sein Debüt als staatstragender Dichter vor. Widerwärtiger Vorgang. Mögen die Nachgeborenen Kehlmann messen an seinen Worten, die er zu dieser Gesellschaft gefunden hat, wenn dereinst das, was sich soziale Marktwirtschaft nannte, abgeurteilt sein wird als das, was sie tatsächlich ist. Dazu passend der Auftritt im „Zeit-Magazin“. Inszenierung und Gefasel. Oh, sagte die Schwiegermuter am heimischen Tisch, als die Ausführungen Kehlmanns beendet waren, wie vernünftig ist diese Generation der 1975 Geborenen. Wieviel Weisheit und Einsicht da waltet. Der Großvater nickte stumm dazu. Die Kuchengabel klackte am Teller. Kehlmann wollte gerade anheben, einige Worte zu gestalten. Sie hingegen lächelte verlegen und wußte schlagartig: es ist der falsche.

Manche von Brechts Theaterstücken mögen simpel sein, wenn man sie von einer philosophisch-(kritisch-theoretisch-)marxistischen Position aus analysiert, gerade dort, wo er versucht, Funktionsweisen des Kapitalismus aufzuzeigen (Heilige Johanna) oder den Aufstieg des Faschismus zu skizzieren (Arturo Ui). Daß aber selbst solches noch mehr taugt und hält als vieles von dem, was heute geschrieben wird, das mag sich bereits daran zeigen, daß bei einem vordergründig mißlungenen Text wie dem Ui (denn Faschismus ist mehr als die Verwicklungen von Gangstern und Gemüsehändlern) eine absolut gelungene Theaterinszenierung werden kann: so nämlich die Inszenierung von Heiner Müller am „Berliner Ensemble“ mit Martin Wuttke als Ui. Dies immerhin zeigt, daß dieser Text doch und trotz alledem schillernd und vielschichtig genug ist, um zu bestehen. Mir soll es aber heute nicht darum gehen, ein (kritisches) Lob Brechts zu singen. Und auch möchte ich mich mit Kehlmann nicht weiter befassen. (Dies zu einem anderen Zeitpunkt vielleicht.)

Doch möchte ich im Zusammenhang des Spiels mit der Identität auf einen – wohl etwas vergessenen – Schriftsteller aufmerksam machen, der lange vor dem allseits ausgerufenen postmodernen Spiel mit Existenz und Identitäten seinen Verwirrspiel-Spaß trieb mit seinen Romanfiguren: da kommt einem Schriftsteller sein Romanheld abhanden, flieht aus dem Roman, lebt sich so durch in Paris, wird von anderen Romanschriftstellern eingefangen, am Ende stürzt die Romanfigur ab, der Roman hat sich selbst erfüllt. (Le vol d’Icare, im Deutschen mehr schlecht als recht übersetzt mit „Der Flug des Ikarus“. Die Doppelbedeutung von „vol“ als „Raub“ und als „Flug“ geht leider verloren.) Oder es träumen sich zwei Existenzen, während die eine schläft, beginnt die andere zu existieren: zwei parallele Handlungsebenen, die sich dann im Paris 1964 begegnen. („Die blauen Blumen“)

Und jetzt ahnen Sie, welcher Schriftsteller es sein wird: Da kommt eine Göre vom Land zusammen mit ihrer Mutter, die dort ihren Liebhaber treffen will, nach Paris. Die Göre wird von Ihrem Onkel Gabriel am Bahnhof1 abgeholt, möchte aber keinesfalls die Stadt sehen, wie man es sich von einem Landei, das nach Paris kommt, denken mag, sondern will, rotzfrech und eigenwillig wie sie ist, gar nichts anderes in Paris als Metro fahren. (Was ja auch ein unschlagbares Erlebnis ist, und wo gibt es das schon, von Stalingrad nach Oberkampf zu fahren (Linie 5).) Doch zum Zeitpunkt ihres Besuches streikt die Metro. Und so beginnt ein Sprachspiel von Verwirrnis und Verwicklung, von Tempo und Dialog, eine Hommage an diese wunderbare Stadt, in aberwitzigen Szenen; etwa wenn Gabriel mit seinem Freund, dem Taxifahrer Charles, sich beim Taxi-Sightseeing vor der Göre streiten, ob es sich bei dem Gebäude nun um das Pantheon handelt oder nicht. Und so setzt sich der Aberwitz durch das gesamte Buch fort. Atemberaubend. Am Schluß des Romans endete der Streik zwar, und es ist die Göre durchaus Metro gefahren, doch hat sie, vollständig erschöpft von diesem turbulenten Aufenthalt, gerade da geschlafen. (Kongenial verfilmt das ganze von Louis Mallle.)

Und nun wissen Sie es bestimmt: die Göre heißt Zazie und ihr Schöpfer Raymond Queneau.

Ich weiß, dies alles, diese Art zu schreiben, wirkt lange nicht so ausgeklügelt wie die (Nicht-)Identitätskonzepte der (postmodernen) neueren Literatur und manchmal – vielleicht – auch antiquiert, aber der surreale, anarchische Spaß eines Raymond Queneau – und: ich muß, ich kann gar nicht anders, ich muß ihn hier mit dazu nennen, denn er darf keinesfalls unter den Tisch fallen: den Prinz von Saint-Germain-des-Prés, den anderen Großen der französischen modernen Literatur: – und der Witz eines Boris Vian ist dafür um so größer, gerade weil das Kunstfertige, fein Ziselierte und dadurch eben auch immer ein wenig kunsthandwerklich Wirkende dieser postmodernen Identitätsspielchen bei Queneau und Vian vollständig fehlt. Bei diesen herrscht großes (Kasper-)Theater: eher Radau und Rummelplatz, doch auch grandioses Sprachspiel und -witz; dies vor allem in Absetzung zur oft zu erdenschweren und existential-verhangen, politisch engagierten Literatur eines anderen Großen vom Saint-Germain-des-Prés: Jean Sol Patre (B. Vian). Dennoch sollte der philosophische Einschlag (insbesondere bei Queneau) nicht unterschätzt werden. Er läßt es halt nur nicht so raushängen. Ein gutes Korrektiv also, diese beiden. Gerade in diesen Tagen.

Queneau ist in sparsam ausgewählten Werken neu nur noch bei Wagenbach zu haben, die Taschenbuchausgabe im Fischer Verlag existiert nicht mehr, „Zazie“ gibt es bei Suhrkamp, die legendären „Stilübungen“ über den Autobus S auch: Hohe Philosophie, eine Lektion in Rhetorik und ein ungeheurer Lesespaß, wie eine einzige Szene in immer neuen Variationen geschildert wird. Leider gibt es diese schönen alten Autobuse in grün-weiß (oder grün-beige?), mit einer Plattform hinten, in Paris nicht mehr. In den 80er Jahren meine ich sie noch gesehen zu haben. Die Strecke von der Contrescarpe nach Champerret konnte man damals noch abfahren. Doch diese Plattform ist womöglich nur eine getäuschte Erinnerung, die eher den französischen Filmen entspringt.

Boris Vian ist bei Wagenbach und Zweitausendeins erschienen, dort eine sehr bibliophile Ausgabe mit den großartigen Covern von Art Spielgelman, aber auch bei Wagenbach ist die Ausstattung sehr ansprechend, für den Puristen auf alle Fälle geeigneter. Allein Titel wie „Wir werden alle Fiesen killen“ und „Ich werde auf eure Gräber spucken“ haben mich bereits als Schüler aus meiner Lethargie gerissen.

Demnächst gibt es hier über Boris Vian mehr. In diesem Jahr nähert sich schließlich sein 50. Todestag. Alt ist er leider nicht geworden, aber wen die Götter lieben, …

 (1) Kleine Preisfrage. Kommt die Göre nun am Gare d‘ Austerlitz oder am Gare de Lyon an?