Ist Hirnfraß bei „Zeit“-Redakteuren meßbar?

Genova68 von dem schönen Blog „Exportabel“ hat mich auf einen Artikel in der „Zeit“ dieser Woche zur sogenannten Neuen Musik bzw. zur Zwölftonmusik hingewiesen: „Zu Schräg fürs Gehirn“ lautet die Überschrift des von Christoph Drösser verfaßten Artikels. Dieser Text paßt, gleichsam als Negativfolie, eigentlich recht gut zu den Ausführungen Adornos zur Ästhetik in seinen Vorlesungen, wenn es etwa um das Banausentum und den sogenannten Kunstgenuß als eine vermeintlich ästhetische Kategorie geht.

Doch zum Zeit-Artikel: 

Es geht gegen die Zwölftonmusik, warum es sozusagen neurologische bedingt ist, daß das kaum einer hört. Weiterhin taucht in diesem Artikel eigentlich alles an Motiven aus dem Ressentimenthaushalt des Kleinbürgers auf, der sich einmal in die Kunst hineinbegibt, um so recht nach Herzenslust unterhalten zu werden, aber eigentlich nicht recht weiß, was er da in der Kunst eigentlich soll. Es seien einige Auszüge aus dem Artikel wiedergegeben: 

„Ganz anders ergeht es dagegen der zeitgenössischen bildenden Kunst: Auch die ist oft sperrig, experimentell, absurd, bricht mit allen Konventionen – aber die Museen moderner Kunst sind regelrecht überlaufen. Warum ist das bei der zeitgenössischen klassischen Musik anders?“

 Was soll man da sagen? „It‘s the economie, stupid.“ Aber nicht nur dies, sondern viel wesentlicher: Weil die Musik eine Zeitkunst und keine Raumkunst ist. Um bei einem Konzert von Schönberg dabeigewesen zu sein, muß man die Zeit absitzen, (wir nennen solches Verhalten „zuhören“), ob man will oder nicht. Das macht nicht jeder. Deshalb nur halbbesetzte Konzertsäale. Um bei einer sperrigen Ausstellung zur bildenden Kunst dabeigewesen zu sein und dies hinterher auf einer Party oder wo auch immer („Bin im Guggenheim gewesen“, der Fetischcharakter der Kunstware) groß kundzutun, reicht ein zehnminütiger Durchlauf aus. Insofern erfreut sich die bildende Kunst sicher größerer Beliebtheit als schwergängiges Tanztheater, sperriges Regietheater oder eben nicht einfach nur zu konsumierende Musik. (Adorno hat über solche Art des Konzertbesuches und auch zur Aufführung von Barockmusik auf Originalinstrumenten einiges Treffendes geschrieben.) Zudem wüßte ich gerne, was die Anzahl der Besucher in einem Konzert oder Museum über die Qualität eines Werkes aussagen soll. Die Zustimmung zur CDU/FDP-Koalition sagt doch auch nichts über die Qualität ihrer Politik aus, und die 99,8 Prozent, welche die SED erhielt, sagte nichts über ihre tatsächliche Beliebtheit im Volke aus. 

Einige Zeilen später gesteht der Artikel den Unterschied zwischen Raum- und Zeitkunst dann auch ein. Muß aber zu naturwissenschaftlichen Erklärungen und zur Floskel der Gefälligkeit des Kunstwerkes Zuflucht nehmen. 

„Sloboda zieht den Vergleich zur bildenden Kunst: In einem Museum habe der Besucher die freie Entscheidung, welches Bild er sich wie lange anschaue, er könne mit Freunden darüber diskutieren oder zwischendurch einen Kaffee trinken, um seine Eindrücke zu verarbeiten. ‚Aber wenn Sie in einen Konzertsaal gehen, ist das wie im Gefängnis.‘ Der Zuhörer sei über Stunden an seinen Sitz gefesselt, regungslos und stumm, während andere über das Programm bestimmten. ‚Das moderne Publikum findet das zunehmend unakzeptabel.‘

 Soso, das spricht also gegen Zwölftonmusik. Das stumme Gefesseltsein an den Sitz und kein Coffee to go dabei, wenn der Kontapunkt sich verzweigen tut. (Wenigsten war Odysseus in der „Dialektik der Aufklärung“ noch an den Mast gefesselt.) Dies ist genau das Banausentum im Verhältnis zum Kunstwerk, gegen das Adorno (und nicht nur der) beständig angeschrieben hat. Es geht Kunstlauschern wie Drösser nicht mehr um das ästhetische Objekt als solches in der ihm eigenen Qualität, es geht nicht um die Sache, die da im Konzert wahrgenommen wird, sondern das Kunstwerk wird auf (psychologische) Reaktionsweisen, auf Lust-Unlust-Verhalten hin abgebildet und bezogen. Am Ende hängt es sozusagen am Arsch, nämlich am Sitzfleisch, das einer mitbringt. 

„Gerade dieses ‚Lustprinzip‘ aber war vielen Neutönern ein Dorn im Auge, insbesondere dem Philosophen Theodor W. Adorno, der sich auch als Musiktheoretiker einen Namen gemacht hat. Ihm war alles Schöne und Gefällige in der Musik verhasst, er wetterte (unqualifiziert) gegen die Emotionalität der Jazzmusik und erwartete von der Musik ständige ‚Innovation‘.

Solchen Kriterien mögen die modernen Klänge mühelos entsprechen. Aber sind sie im Umkehrschluss prinzipiell lustfrei, eine rein intellektuelle Spielerei? Wer sich erst einmal in sie hineingehört hat, der kann von ihnen durchaus emotional berührt werden. ‚Ich kriege auch eine Gänsehaut, wenn ich eine (Zwölfton-)Serie wiedererkenne‘, sagt Eckart Altenmüller. ‚Aber das liegt daran, dass ich über Jahrzehnte Neue Musik geübt habe. Von meiner Sekretärin würde ich das nicht unbedingt erwarten.‘ Die Sekretärin bestätigt das uneingeschränkt.“

Ja, ich habe auf sie schon gewartet, geradezu sehnsüchtig: Die Sekretärin. Die Unvermeidliche, die Frau, der Mensch aus dem Volke, der sich einig weiß mit seinem Herrn. Ich wußte bereits zum Beginn, daß sie bei Drösser (neben dem allerdings sehr witzigen Hape Kerkeling) irgendwo und irgendwann auftauchen wird.

Bereits der Ausdruck vom „wiedererkennen“ in diesem Zitat zeigt, in welche Richtung die Sache geht. Es ist Kunst rein auf den Genuß und die Gefälligkeit abgestellt. Daß es zwischen den Kunstwerken, auch den sogenannten sperrigen, durchaus qualitative Unterschiede gibt, daß es ästhetisch Gelungenes und Mißlungenes gibt und daß sich das nicht an der Verständlichkeit eines Werkes bemißt: Basale Einsichten in die Ästhetik sind Drösser (und wohl auch Eckart Alltenmüller) leider verschlossen geblieben. Kunst wird hier zum Einrichtungsgegenstand, wie ein gefälliges Ledersofa, reduzierbar auf einen billigen Gebrauchswert.

Ansonsten zeugt diese Passage über Adorno von einer Unkenntnis gegenüber seiner Philosophie, daß es fast schon traurig zu nennen ist. Sicherlich ist Adorno nicht sakrosankt, und man kann über seine Sicht des Jazz diskutieren. Auch haben sich ästhetische Kategorien wie das „avancierteste Material“ im Laufe der Zeit gewandelt, die Fortschrittsspirale der Kunst ist eine andere geworden als zu Adornos Zeiten. Aber ein Satz wie „Ihm war alles Schöne und Gefällige verhaßt“, was soll man dazu sagen. Man würde dies keinem Schüler durchgehen lassen. Ich weiß nicht, weshalb in der „Zeit“ ein solcher Blödsinn erscheint, warum kein Chefredakteur da ist, der Drösser hilfreich zur Seite gestellt ist. Ich mopse mich doch auch nicht hin und behaupte, von keinerlei Kenntnis getrübt, daß die binomischen Formeln Ausdruck frühkapitalistischer Herrschaftsverhältnisse sind und sonst nichts. Ich weiß nicht, warum sich Redakteure, die der Philosophie unkundig sind und in der „Zeit“ bisher nicht durch philosophische Beiträge aufgefallen sind, sondern ein völlig anderes Fachgebiet haben, sich mit Dingen abgeben, von denen sie nichts verstehen. Und ich weiß nicht, warum niemand da ist, um solchem Unfug Einhalt zu gebieten.

Dieser Artikel zumindest zeugt von einer tiefen Verständnislosigkeit gegenüber Kunst und Ästhetik. Das mühevolle Sich-hineinbegeben in das ästhetische Material, welches in der Tat allerdings Zeit kostet? Bei Drösser Fehlanzeige. Das Kunstwerk als Ausdruck komplexer (auch gesellschaftlicher) Zusammenhänge? Kein Wort davon. Aber wozu auch, es fehlt hier schlicht am Vokalbular, und schließlich soll es ja Genuß bereiten wie eine Kürbiscremesuppe oder ein Huhn an Curryreis auf Chicorée. Interessant ist der Text allerdings als Ausdruck des Amusischen. Zugleich ist er aber auch ein gutes Stück Ideologie: Das ist ja genau der Positivismus gegen den Adorno immer und zu recht opponiert hat. Hirnströmemessen bei Kunstwerken, Reiz-Reaktions-Schemata als rezeptionsästhetischer Ausweis über die Binnenstruktur und über die Qualität eines Werkes. Gute Güte, wie tief muß man hier ästhetisch auf den Hund gekommen sein. Ich wette darauf, daß Herr Drösser uns irgendwann in der „Zeit“ ein allen Menschen innewohnendes Gen vorstellt, das im Individuum von Geburt an eine Phobie gegen Sozialismus und Gerechtigkeit erzeugt. Vielleicht ist diese Abneigung sogar in Hirnströmen messbar beim Anhören bestimmter Reizbegriffe: Gewerkschaften, Karl Marx, Mindestlohn, Rosa Luxemburg, Gregor Gysi. Arrrg, arrrg macht da der Ausschlag des Meßinstruments beim Probanden. Und so haben wir dann endlich, endlich den Grund gefunden, warum es nie geklappt hat mit einer gerecht eingerichteten Gesellschaft. Ist halt erblich.

Herr Drösser, wie wird die nächste Überschrift im Wissen-Teil der „Zeit“ lauten: „Sozialismus? Zu gerecht für unser Empfinden“, „Mindestlohn? Zu schlecht fürs Portemonnaie.“?

Lieber Christoph Drösser: „Gehe zurück nach der Badstaße, gehe nicht über Los, ziehe nicht 4000,­- Mark ein.“ Und vor allem: Versuche nicht Gegenstandsbereiche zu koppeln, die nicht umstandslos zu koppeln sind, gehe in eine Bibliothek, besorge dir Bücher zur philosophischen Ästhetik. Oder besser noch: Laß es lieber sein, und bitte bleib in deinem Metier. Mach die Kolumne „Stimmt‘s?“ weiter, das sind kleine Texte, wo man eigentlich nicht viel falsch machen kann, aber versuche dich nicht in Dingen, die dich nichts angehen und die für dich nie bestimmt waren.