„Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung“ – Buchmesse Frankfurt

Nein, ist sie nicht, und auch nicht morgens um sechs Uhr, Mittwoch, im ICE. Ich bin zwar ein Mensch, dem es nichts ausmacht, früh aufzustehen, was daran liegt, daß ich oft gar nicht erst einschlafe. Aber im Dunkel des trüben Morgens mit dem öffentlichen Nahverkehr durch Berlin zu fahren, um den Bahnhof Südkreuz zu erreichen, der ebenfalls kein Ausbund urbanen Lebens und des morgendlichen Frohsinns ist, regt in mir wenig Vergnügen. Bei Prousts legendärem, vielzitierten Eröffnungssatz: „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen …“ neidete ich es seinerzeit bei meiner Lektüre jenem Erzähler, wenn ihm kurze Zeit darauf die Augen zufielen. Daran hat sich seit über 25 Jahren, als ich das erste Mal Proust las, nichts geändert.

SPIEGEL: Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung …
ADORNO: Mir nicht.

Der ICE ist überfüllt mit Buchmenschen, die ihre Rollkoffer durch die Gänge schieben und sie dann in die Gepäckablagen wuchten. Ich erkenne und kenne niemanden, betrachte mir das Gesicht einer Frau, die schräg gegenüber zwei Reihen vor mir sitzt, ich versuche, mir ihre Unterwäsche im Koffer vorzustellen, die sie zur Messe mitnimmt, was natürlich völlig sinnlos ist, weil dies eines der Rätsel bleibt, die weder ein analytischer noch ein ästhetisch ausgeprägter Verstand zu ergründen vermögen. Ich lese in der FAZ und in der „Berliner Zeitung“ und bemerke, daß ich kein Reisemensch bin. Das Rheinische Format blättert sich auf engem Raum besser als das Nordische. Am liebsten fahre ich Auto. Oder reise mit dem Flugzeug. Ich hätte nach Frankfurt fliegen sollen, denke ich mir. Was mich wundert: daß man von der Flugzeit her nach Wien ebensolange braucht wie nach Frankfurt. Woran mag das liegen?

Kurz hinter Göttingen, knapp vor Kassel, dort in den dunklen Wäldern, wo die Märchen der Gebrüder Grimm spielten, lag auf den Bäumen, den Feldern  und Dächern fein gezuckert der erste Schnee. Dämmerig noch das Licht, dämmerig bleib es den ganzen Mittwoch über. Ich mag diese Stimmung. Endlich näherte der Zug sich Frankfurt: Hanau, ein Anblick aus dem Zug, der mich berührt, weil es sich um einen jener ausgesucht öden Ort handelt – zumindest wenn ich mir die Gebäude um den Bahnhof herum betrachte. Mein Blick versucht sich an die Details zu heften, aber der Zug fährt zu schnell, um genauer zu sehen, geschweige etwas zu photographieren und für mein Reisetagebuch festzuhalten. Wie schon bei der wunderbaren Winterlandschaft. Ich wäre gerne stehengeblieben. Wäre durch den dunklen Wald spaziert. Schöner als eine Buchmesse. Hanau erinnert mich an Atomkraftwerke und die Kämpfe jener Zeit. Ich versuche Blickkontakt mit jener Frau zwei Sitze vor mir herzustellen. Aber sie interessiert sich nicht für ältere Männer. Verständlicherweise.

Frankfurt ist so grau und so kalt, wie auch Berlin grau und kalt war – nur etwas heller nun. Inzwischen ist es 9 Uhr 45. Mir geht die Buchmesse auf die Nerven, bevor ich überhaupt dort bin. Literaturkritiker seien mit Verrissen zurückhaltend; heißt es. Selbst am Text nachweislich mäßige Bücher werden abgenickt. Der Betrieb will es so. Selbstzweck. Aber nicht immer: Jens Balzer verriß in der „Berliner Zeitung“ das neue Buch von Charlotte Roche in deutlicher und luzider Sprache:

„‚Mädchen für alles‘ ist sehr schlecht geschrieben, spannungsarm sowie in überaus ermüdender Weise mit Wiederholungen und Redundanzen gebläht und daher insgesamt quälend langweilig zu lesen. Obwohl es nur locker gesetzte 240 Seiten umfasst, habe ich ein ganzes Wochenende dafür gebraucht, weil mich nach wenigen Seiten stets das Gefühl einer großen Erschöpfung ereilte und ich entweder schlafen musste oder an die frische Luft.  (…) Mir ist beim Lesen nicht klar geworden, ob Charlotte Roche diese sozio-erotische Dialektik bewusst inszeniert oder ob sie so reaktionär und verklemmt wie ihre Hauptfigur ist. In jedem Fall bietet ihr Buch ein gutes Bild des total gewordenen Biedermeiers, in dem wir uns heute befinden.“

Kritiken dieser Art wünscht man sich mehr. Insbesondere für jenen Bereich der Literatur, den wir gemeinhin als die hohe bezeichnen. Leider ist es bei manchem Schriftstellern weit verbreitet, sich nicht nach oben hin zu orientieren und mit Texten in der Bundesliga zu spielen, sondern nach unten geht der Weg in die Bezirksliga, wo Roche schreibt und kickt: Schlüsselbegriffe einbauen, die den den Erfahrungsraum des Lesers bedienen, sich an Zielgruppen ausrichten, kompatibles Schreiben. Bloß nichts Komplexes, bloß nichts, was anstrengt und wo der Leser sich überfordert fühlt, sondern fühliges Wiedererkennen ist das Gebot der Stunde: ob Knausgård oder Hegemann. Aber auch die Bezirksliga muß es nun einmal geben. Vom Literaturbetrieb ist für alle gesorgt: Alma mater eben.  Immerhin aber gibt der Deutsche Buchpreis Anlaß zur Hoffnung. Es läuft nicht alles nur in den Pauschalen ab, die wir uns manchmal denken. Dennoch: etwas im Betrieb läuft falsch. Dazu demnächst hier im Blog mehr.  Nun aber ab zur Buchmesse, und es sei ein kleiner Photoreigen gegeben.

Ihre Meinung zu „Bild“ …

so heißt eine weitere Kampagne für den Monat März, die von der Arschlochagentur Jung von Matt betreut wurde:

Die Anfrage:

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind als Werbeagentur mit der aktuellen BILD-​Kampagne betraut, in der wir hochkarätigen Prominenten eine Bühne bieten, ihre offene, ehrliche und ungeschönte Meinung zur BILD mitzuteilen.

Derzeit planen wir die nächste Produktionsphase für Frühjahr 2011. Die neu zu produzierenden TV- und Kinospots sowie Plakat-​ und Anzeigenmotive sollen die bestehenden Motive von Veronica Ferres, Thomas Gottschalk, Philipp Lahm, Richard von Weizsäcker, Mario Barth u.v.m. ergänzen.

Für diese Fortführung der Kampagne möchten wir sehr gern “Wir sind Helden” gewinnen.

Das schöne an der Kampagne ist, dass sie einem guten Zweck zu Gute kommt. BILD spendet in Namen jedes Prominenten 10.​000,- Euro an einen von Ihnen zu bestimmenden Zweck.

Lassen Sie uns gern telefonieren und die Details besprechen. Zur Detailinformation senden wir Ihnen bereits heute anbei einige weiterführende Informationen.

Ich freue mich dazu von Ihnen zu hören.

Herzliche Grüße aus Hamburg,

Jung von Matt/Alster Werbeagentur GmbH

(entnommen der Webpräsenz der Band „Wir sind Helden“, die dort auch ein entsprechendes Antwortschreiben zeigen.)

Ja, Mario Barth paßt zur Bild-„Zeitung“ wie Arsch auf Eimer. Nichts reimt sich auf Mario Barth? Doch: fad und Schwachmat.

Die Meinung Bersarins zur Bild-„Zeitung“. Es handelt sich um ein widerwärtiges Hetzblatt, strukturell arbeitet es nicht sehr viel anders als „Der Stürmer“. Bild, ein Blatt, dem nichts vergeben und nichts vergessen wird – bis zur endgültigen Auflösung bzw. Enteignung von Springer. Und immer noch gilt der Slogan: „Bild lügt!“

Eine Titelseite 1 wie über Baron Münchhausen von  Schummel zu Guttenberg, daß 87 % der BRD-„Bürger“ möchten, er solle bleiben, kann nur den Nachwirkungen jener gescheiterten Penisverlängerung von Kai Dieckmann entsprungen sein. Na ja, Kumpanei der Gelfrisuren. Beide passen bestens zusammen, wie man hier sieht. 2. Arsch auf Eimer innerhalb von nicht einmal 30 Sekunden. Gute Quote.

Wer Werbung für Bild macht, und sei das nur negativ, der ist gestorben. Man mag Charlotte Roche für manches kritisieren: in ihrer Haltung zu diesem Hetzblatt ist sie mir mehr als sympathisch. Gleiches gilt für „Wir sind Helden“, obwohl ich von deren Musik ansonsten nicht viel halte. (Bis auf jenes Stück „Denkmal“. Aber dieses Lied gefällt mir lediglich aus sentimentalen, privaten mithin biographischen Gründen, von denen ich hier nicht berichten möchte.) Doch die Haltung der Band ist klar und imponiert: schön auch, dies öffentlich zu machen. Und Frau Holofernes ist zudem ein wenig mein Typ von Frau. (Andererseits fallen Frauen mit Kind aus meinem Beuteschema sofort wieder heraus. Gleiches gilt für Frauen, die Yoga machen.)

Ansonsten bleibt mir nur übrig, das Bild-Girl des Tages zu zeigen:

(Copyright: Titanic)

PS: Über das Verhältnis von Kulturindustrie, Design, Werbung und Jung von Matt als pars pro toto sowie das ganze Gedöngel drum herum wäre im Grunde gleichfalls ein Text zu schreiben. Schlimm eben, daß eine derart widerliche und gefährliche Agentur eine so gute Webpräsenz hat. Andererseits: Vom Graphikdesign kommt die gegenwärtige Titelseite 15 Jahre zu spät, um noch avanciert zu sein. Und da zeigt sich dann doch wieder das Läppische und Biedere dieser Agentur.

Kulturindustrie

Virtuelle Fundstücke (5)

Manchmal, ganz selten erwischt man den Glücksfall, daß ein Text zugleich sein eigener Kommentar ist. Hier ist so etwas (nein, der Text ist nicht der „Titanic“ entnommen):

„Ihr Buch ‚Feuchtgebiete‘ war ein sensationeller Erfolg. Doch Charlotte Roche stand während des Rummels um ihren Bestseller nahe am Nervenzusammenbruch. (…)

‚Das Buch ist zu einem Monster geworden. Man ist zu viel in den Köpfen der Leute.‘ Nun könne sie nicht mehr, und es gebe eine Erschöpfung. ‚Ich war eine verbale Sau, aber ich bin es nicht mehr. Das ist vorbei. Ich kann einfach nicht mehr.‘ Roche: ‚Es ist ja nicht leicht auszuhalten, dass jeder denkt, die wäscht sich nicht, die ist tierisch behaart, und ganz sicher hat sie Hämorrhoiden.‘

(…)

Auf die Frage ob bei ‚3 nach 9‘ bisher das Risiko bestand, dass das Publikum einschläft, antwortet Roche: ‚Ja, manchmal, klar. Das liegt aber auch an dieser sehr, sehr schweren Ernsthaftigkeit. Ich bin dafür, dass ein Gast lieber lügt, damit es unterhaltsam wird, als eine langweilige Wahrheit zu erzählen.‘

(…)

Heidi Klum hingegen hält sie für die beste deutsche Unterhaltungskünstlerin: ‚Ich schaue die Sendung immer, und ich bin immer auf Heidis Seite und verteidige sie. Das gibt jedes Mal Krach in der Familie. Die anderen haben immer Mitleid mit den Models, weil die so jung sind, oft weinen und so weit weg sind von zu Hause. Aber wer so schwach ist, darf eben nicht Model werden wollen.‘“

Aus: Spiegel Online, in der Rubrik Kultur [sic!]