Beim Bart des Polit-Propheten

 

Ich gehöre zu den Männern, die es lieber mögen, wenn Frauen reizende Wäsche tragen statt nacktes Nichts. Weißen Stoff oder lila, grau, rot oder petrolfarben, auch schwarz ist ok, am liebsten aber weiß. Fetischcharakter nicht nur der Waren. Auch Religion sollte den Fetisch der schönen Wäsche und der Wunden bieten. Und ist das überhaupt Erdogan, da auf dem Bild? Ist das nicht der gealterte und verkommene Hitler im Orientpuff nach dem Endsieg, der sich gehen läßt? Wer weiß das schon? Ich erinnere mich an alte Titanic-Zeiten: Papst, Kohl und FJS – Gott hab ihn selig! – mußten in der Titanic damals mehr aushalten und härtere Kost ertragen als das da. Also schleicht euch!

Niemand muß das gut finden. Aber es gehört dies zur Satire. Auch wenn es provokant und manchmal auch schlicht und dumm ist. Die Provokation der Satire wird dazu führen, daß der orientalische Despot am Bosporus sich provoziert fühlt; und das wird wiederum dazu führen, daß die andere Seite reagiert. Aufschaukelnde Spiele, die morgen verraucht wieder sind, damit neue Spiele und neues Geplänkel folgt. Böse Zungen nennen das die Gesellschaft des Spektakels. Aber es ist dies eben die Gesellschaft, und Satire darf, auch wenn es nicht schön ist, unmöglich sein: unmöglich frech und unmöglich provokant. Und in dieser Frechheit doch wieder gut, weil derart zuspitzend, daß in diesem Bild all die Doppelmoral eines Politikers sichtbar wird.

Wie dem auch sei: die Zeichner bei Charlie Hebdo sind gut! Sie habe einen coolen Strich. Gut gefallen mir auch die drei Punkte auf dem Weiberarsch, die mit denen auf des  Polit-Propheten Körper korrespondieren  und doch ganz anders sind. Doch wer diese Magazin kennt – ich kenne es seit den 1980ern, noch als sie französische Atomtest verspotteten und böse bebilderten – weiß, das sie in alle Richtungen austeilen und keilen. Nicht anders als die Titanic damals, die sich das heute nicht mehr traut, sondern Geschichtchen und lauen Schabernack für die eigene Gemeinde produziert.

Damals aber: Papst-Titelbilder, über die Linke und auch mancher Liberale seinerzeit lachten. So z.B. das nebenstehende Titelblatt, als der Papst 1980 nach Deutschland reiste. (Und ich gehe davon aus, daß die alte Crew der Titanic aus den 1980ern heute keine Berührungsängste in bezug auf den Islam und auch den politischen Islam hätte, wie er von Erdogan instrumentalisiert wird, und scharf schösse wie Charlie Hebdo.) Mit Pech gab es lediglich auf die Fresse. Das ist heute anders. Heute ist die Sache ernster. Satire kostet wieder. Gegebenenfalls auch das Leben. Immerhin sind in der Titanic-Redaktion damals zu diesem Bild keine bewaffneten katholischen Killer erschienen.

Charlie Hebdo – 7.1.2015

Paris, diese so leichtlebige, elegante, teure Stadt hat sich innerhalb von wenigen Jahren nicht ein Stück geändert und sie ist doch eine ganz andere geworden. Zwei Jahre ist der Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo nun her. Doch der Begriff Anschlag ist nicht ganz korrekt – richtig muß es heißen: das Massaker, das Islamisten anrichteten. Man muß nicht alle Karikaturen dieses Magazin mögen – das tun viele Menschen auch bei der Titanic nicht; Martin Mosebach wird über das Bild vom Papst Benedikt mit den Fantaflecken auf der Soutane nicht gelacht haben –, aber es muß möglich sein, solche Karikaturen zu zeigen. Das müssen auch Muslime aushalten, wenn sie im Westen leben möchten. Ob diese Zeichnungen ihnen gefallen oder nicht. Wer hier nach Religionen und Gehalten differenziert und das große „Ja, aaaaaber“ anstimmt, sollte dann besser generell und mit offenem Visier für ein Verbot der Satire eintreten, die Religionen zu karikieren. Und vielleicht überhaupt für ein Verbot der Kritik an der Obrigkeit optieren. Das Prinzip einer säkularen Moderne jedoch wird damit verraten.

Doch mit Kant gesprochen bleibt allein der kritische Weg offen. Dieser Weg kann vielfältig ausfallen und er ist oft, wie Kant schreibt, ein „dornichter Pfad“. Zu diesem Pfad gehört ebenso die alberne oder sogar die beißende Satire und manchmal auch der Holzweg. Auch solche Satire kann in einem Kantischen Sinne Aufklärung bedeuten. Sicherlich hat die Verletzung von Religion ihre Grenzen – das gilt dann übrigens auch für die Satire auf christlichen Religionen – und man sollte sich bei einer guten Karikatur immer fragen, ob die Provokation Selbstzweck ist, um Mohammed zu beleidigen, oder ob sie ein politisches Problem aufspießt. Ein Mohammed, der Ziegen fickt, ist in den meisten Konstellationen nicht besonders witzig. Aber eine solche Zeichnung muß in einem Heft gedruckt möglich sein. Und ebenso muß die Kritik an solchen Karikaturen möglich sein: man muß sie dumm nennen dürfen, sofern eine solche Karikatur einfach nur anti-islamische Ressentiments bedient. Und ebenso muß wiederum eine Kritik an dieser Kritik möglich sein. Dieses Verfahren nennt sich öffentlicher Diskurs, auch wenn es häufig ad infinitum läuft und häufig leider nur der Bestätigung des eigenen kleinen Weltbildes dient. Dennoch: von diesem Modus der Kritik kann mancher Muslime und auch mancher militante Katholik etwas lernen und sich abschauen. Im übrigen bleibt Kritikern einer Karikatur immer noch der Rechtsweg offen.

Ich fürchte jedoch für die nächsten Jahre, daß die Kämpfe härter werden und immer ein Stückchen weiter tröpfelt der Extremismus ein, auch aufgrund der unendlichen Feigheit der Linken, sich Problemen zu stellen, Probleme zu benennen, aus Furcht zu verletzen. Aber wo schon ein Text von Houellebecq einer bestimmten Gruppe der Linken Anathema ist und vor Lehrveranstaltungen an der Uni Triggerwarnungen herausgegeben werden müssen, ist nicht allzuviel an Widerstand zu erwarten: Weder gegen den Kapitalismus in toto noch gegen religiöse Bevormundung.

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Ein bewegendes und instruktives Interview mit der Illustratorin und Comic-Zeichnerin Catherine Meurisse gibt es auf dem Blog intellectures. Sie kam bei dem Massaker in den Räumen von Charlie Hebdo mit dem Leben davon.

Einen schönen Text zu meinem geliebten Paris und ein feines Gedenken auch an die Opfer dieses Anschlags und ebenso an die Opfer auf den jüdischen Supermarkt – das wollen wir ebensowenig vergessen – schreibt Melusine Barbey auf ihrem Blog „Gleisbauarbeiten“. Zu Paris, zu Frankreich heißt es dort:

„Die Grande Nation feiert ihre Siege. (Trotz vieler Besuche in Paris zuvor: Ich war zuvor noch niemals in Versailles. Aus Gründen. Die sich in diesem neuen Jahr als richtige erwiesen. Die Galerie der Schlachten und den Spiegelsaal – ich kann sie nicht anders betrachten als  mit dem schaurig-bösen Triumphgefühl der eingefleischten Republikanerin, die Köpfe rollen lassen wollte, wenn Köpfe noch zu haben wären. … Winterkorn. Ach nein, wir fordern keine Laternen. Mehr.) Auch das Frankreich von heute gibt sich wehrhaft, gewaltig, gewalttätig, prächtig und schön. Der Laizismus immerhin – anders als die deutsche Linke in ihrer relativistischen Pseudo-Toleranz – erkennt seine Feinde und stellt sich ihnen entgegen, stolz, herrisch auch. Die Geschichte des Kolonialismus, zum Beispiel, unaufgearbeitet.“

Da ist etwas dran. Allerdings hat Frankreich jenes Problem mit bestimmten Ausprägungen des Islams zu großen Teilen selber herbeigeführt. Durch organisierte Gleichgültigkeit, durch Ghettosierung, durch Benachteiligung bestimmter Gruppen. Wer sieht, daß er niemals mehr eine Chance haben wird, strengt sich irgendwann nicht mehr an, sondern läuft aus dem Ruder. Zumal dann, wenn das Abziehen und Beklauen von Menschen einträglicher ist als die Arbeit und wenn das sowieso niemand sanktioniert. Zumal die Medien, von der Werbung bis zu den Auslagen, das Besitzen und Konsumieren als die neue Religion der Waren ausstellen. Jede Auslage ist eine Aufforderung. Die Riots in London 2011 haben das gezeigt. Die Menschen haben sich genau das genommen, was die Werbung ihnen versprach. Was bedeutet das? Es bedeutet, daß Werbung funktioniert.

In der BRD kann man von dem, was sich in Frankreich abspielt, nur lernen und es besser machen. Keinen Fußbreit den Intoleranten und denen, die eine totalitäre Variante ihrer Religion peu à peu einträufeln wollen. Dieses Sickern fängt bereits in den ganz kleinen Dingen an. Als alte Sozialdemokraten sollten sich manche noch an das schlechte alte Lied des Stasi-Spitzels Diether Dehm erinnern: „Das weiche Wasser bricht den Stein“. Im guten, im schlechten. Von der Abschaffung oder meinetwegen auch von der evolutionären Umpolung des Kapitalismus, wie sie uns Armen Avanessian, Nick Srnicek und Alex Williams in ihrem „Manifest für eine akzelerationistische Politik“ empfehlen, sind wir noch Lichtjahre entfernt. Die kommende Revolution wird eine religiöse sein. Der erwachte Trikont hat sich seiner politischen Ideen entledigt. So zumindest scheint es. Diese Einschläge spürte die letzten zwei Jahre Paris, und die Ausläufer bemerkt nun auch die BRD.

 

Charlie Hebdo und ein jüdischer Supermarkt

Einen lesenswerten Artikel bzw. Nachruf schrieb Jens Balzer in der FR und der Berliner Zeitung über den Cartoonisten Georges Wolinski. Ich selber kenne aus den Achtzigerjahren in Paris noch das Magazin Hara Kiri, das als Ableger aus Charlie Hebdo hervorging: immer böse und immer bitter und nie mit irgendwem den Schmusekurs gefahren. Dies ist nun einmal die Funktion und die Aufgabe von Satire.
 
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Quelle: Twitter