„Hellhörige Scheu vor dem Vergangenen“. Von Menschen und Mäusen oder: Jene zwanziger Jahre

Hegel, Hölderlin, Beethoven, Engels, Celan, Adorno

2020 – schönes Zahlenspiel, Zahlenmagie. Man kann auf solchen Datumsgrenzen zurückblicken. Aufs letzte Jahr und in diesem Falle gar auf das letzte Jahrzehnt und man kann Listen mit Büchern, Ausstellungen, Theaterstücken ausstellen: was war, was vorgeblich wichtig war oder auch nicht oder was ein Aufreger oder keiner war. Was man gelesen hat, was und wieviel. Undsoweiter. Aber solche Sichtung bleibt ohne Bezug und Kontext und damit im guten hegelschen Sinne abstrakt. Und wollte man diesen Kontext erzeugen, wuchtete sich der Text zu einem Essay über jenes Jahrzehnt aus. Insofern lieber mäandern.

Listen, Preise und Rankings mögen einen bestimmten Zeitgeist spiegeln und sie sind insofern soziologisch interessant. Doch übers ästhetisch Gelungene geben sie nur bedingt Auskunft. Weshalb ein Buch wie Anke Stellings „Schäfchen im Trockenen“ letztes Jahr den Leipziger Buchpreis erhielt, mögen die Götter oder die heutigen Bewohner des Prenzlauer Bergs wissen. Es gibt, so scheint es mir, Buchpreise, die nicht primär die ästhetische Qualität eines Textes, sondern dessen politische Haltung bepreisen: das unabdingbare Recht, innerhalb des Berliner S-Bahn-Rings wohnen zu müssen. Und es sind das dieselben Leute, die heute jammern und klagen, wenn sie aus ihren Wohnungen gentrifiziert werden und denen es gestern am Arsch vorbeiging, wer da eigentlich vorher im Wins- oder Bötzow-Viertel wohnte, bevor sie in jene Wohnungen einzogen. Ossis waren Kollateralschaden und mußten halt dem neuen biederen Lebensstil weichen. Da machte es nichts, wenn es für den Vormieter ab in die Platte nach Hellersdorf ging. Da fragte niemand, da schrieb kaum einer was zu. Aber das ist inzwischen auch über zwanzig Jahre her. Und so möchte man auch heute mit maliziösem Lächeln jenen Klagenden entgegnen: Leben ist eben Veränderung.

Festhalten kann man freilich fürs letzte Jahrzehnt verschiedene Tendenzen: Die wichtigste findet sich wohl im Feld des Politischen und es ist dies in meinen Augen die traurigste, erschreckendste und gefährlichste: nämlich der Niedergang der Sozialdemokratie, einst eine Volkspartei. 2013 noch beging sie ihren 150. Geburtstag und selbst in jenem Jubeljahr samt Jubelfest hätte, trotz Rückschlägen und trotz Wählerschwund, wohl niemand daran gedacht, daß sich die gute alte Tante auf dem Weg einer 15 %-Partei befindet. An diesem Niedergang sind nicht nur die Medien schuld, vor denen es – insbesondere in der Springer-Presse – die SPD immer schon ein Stück weit schwerer als die bürgerliche CDU hatte – man denke nur an Steinbrücks Fuckfinger und der daraus abgeleiteten Kampagne, während man Asse- und Irakkrieg-Merkel ungehindert gewähren ließ, ebenso ihre unsolidarische Haltung, nicht nur in der Flüchtlingsfrage, vor 2015 gegenüber Ländern wie Italien und Griechenland, und wie jene Medien es dabei unterließen, irgendwas von diesen Dingen je aufs Zeitungspapier zu drucken. Doch trug vor allem die SPD selbst an diesem Niedergang erheblichen Anteil und es läßt sich dieser Wählerschwund nicht nur auf die mediale Berichterstattung reduzieren.

Eine weitere unheilvolle politische Tendenz lag darin, daß sich die Klientel linker Politik entscheidend veränderte. Große Teile der Linken verschrieben sich einer Identitätspolitik, die primär nur noch auf Partialeffekte und Gruppenidentitäten abzielte. Das Abklopfen nach Marginalisierungen wurde Lieblingsbeschäftigung, Opferquartett das Lieblingsspiel. Noch die Literatur wurde von jenen Literaturblasenevangelikalen nach der korrekten Darstellung von Minderheiten in Prosa und auf sprachliche Reinheit abgeklopft. Vom politischen Separatismus ganz zu schweigen. Kein Blick aufs ganze, keine Analyse von Strukturen und von Denksystemen. Stattdessen häufig kurzschlüssige Ideologiekritik oder Identitätspolitik.

Daß es zwischen dunkelhäutigen und weißhäutigen Arbeitern und Angestellten durchaus politische Gemeinsamkeiten geben könnte, geriet zunehmend aus dem Blick und ebenso geriet aus dem Fokus, wie man solche Gemeinsamkeiten gesellschaftlich und politisch sichtbar machen kann. Solche Abschottungen, zum Teil auch innerhalb der SPD und im Osten gegenüber dem klassischen Milieu der Linke-Wähler, waren mitverantwortlich dafür, daß da eine Partei am rechten Rand entstehen konnte, die Bedürfnisse und Wünsche auffing. Dies ist beileibe nicht die einzige Ursache, aber doch eine von vielen. Man betrachte sich die Wählerwanderungen.

(Gelingende) linke Politik ist heute kaum noch denkbar. Kluge Linke wie auch der Dialektiker im Grandhotel Abseits ziehen sich aufs Feld der Analyse und gerne auch der ästhetischen Abenteuer zurück – gleichsam dem einheimisch-dialektischen Reich der Theorie, worin Waldgänger, destruktive Charaktere und abenteuerliche Herzen ihren Platz haben und sich tummeln. Denn Gesellschaft zu verändern, bedeutet zunächst mal, sie überhaupt erst in ihren Mechanismen zu begreifen – manchmal auch von der Perspektive des Exzentrikers her, der beim heutigen Juste Milieu der evangelikalen Identitätslinken nachgerade verpönt ist, wie er es sonst nur beim Spießbürger war – und auch die komplexen Aspekte in den Blick zu bekommen und das, was uns als vermeintliche Naturform gespiegelt wird, als gesellschaftlich Gemachtes und damit auch als Veränderbares zu lesen.

Womit wir beim Jahr 2020 angelangt sind und damit bei den anstehenden Jubiläen, nämlich Hegels und Hölderlins 250. Geburtstag. Man kann solche Jubiläen belächeln und als bildungsbürgerlichen Scheiß abtun, nur sollte man dann auch etwas Besseres in petto haben als Partialphilosophie, Textethiken samt intellektueller Kleingeisterei, die auf Partialschwachsinn hinauslaufen.

Hegel wie Hölderlin dachten und begriffen ihre Zeit und sie realisierten die großen gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Umbrüche ihrer Epoche, die bis heute Auswirkung haben: der Einsatz von Maschinen zur Produktion von Waren, das Ausbilden einer bürgerlichen Schicht und damit korrespondierend einer pauperisierten, die Bedeutung der Arbeit und das

„Herabsinken einer großen Masse unter das Maß einer gewissen Subsistenzweise, die sich von selbst als die für ein Mitglied der Gesellschaft notwendige reguliert – und damit zum Verluste des Gefühls des Rechts, der Rechtlichkeit und der Ehre, durch eigene Tätigkeit und Arbeit zu bestehen -, bringt die Erzeugung des Pöbels hervor, die hinwiederum zugleich die größere Leichtigkeit, unverhältnismäßige Reichtümer in wenige Hände zu konzentrieren, mit sich führt.“

So Hegel im Paragraph 244 seiner „Rechtsphilosophie“. Dieser gesellschaftliche Wandel kulminiert bei Hegel unter den Begriffen Entzweiung und Entfremdung. Vor allem aber traf Hegel die zentrale Unterscheidung zwischen der sich herausbildenden bürgerlichen Gesellschaft und dem Staat als Rechtsstaat, dem in diesen Konflikten eine zentrale Rolle zukam. Hegel dachte, so formuliert es Vieweg in seiner Hegel-Biographie, „über die Bedingungen für einen vernünftigen und freien Staat“ nach und dies eben ist eine Konstante in Hegels Philosophie. Bis heute aktuell. Bis heute zu realisieren.

Ebenfalls dachten Hegel wie Hölderlin die Bedeutung und die Macht der Kunst. Der Kunst kam zum einen eine gleichsam therapeutische wie auch verändernde Kraft zu, weil sie zum einen Möglichkeiten eines Anderen bereitstellte, das im Vorschein als Utopie aufblitzte oder in Rätselschrift sich als zu lesende Chiffre seinen Weg bahnte, wie in Hölderlins Dichtung, und zum anderen machte uns Kunst etwas anschaulich, was im Medium des Begriffs zunächst sich „verkapselt“, in der Kunst aber eine Form erhält, so daß Inhalte (sinnlich) zugänglich werden: in der Kunst schaut Gesellschaft sich selbst an. Gekonnt zeigt Hegel dies etwa in seinen Ästhetik-Vorlesungen anhand der niederländischen Genre-Malerei.

Kunst versinnlicht und darin liegt für das ausgehende 18. und das kommende 19. Jahrhundert zugleich eine Möglichkeit von umfassender Bildung, die nicht nur den Verstand, sondern ebenso die Sinne beansprucht: Jenes Programm ästhetischer Erziehung, das sich im Ältesten Systemprogramm des Deutschen Idealismus von 1797 als Versinnlichung der Ideen und als ästhetische Aufklärung Bahn brach, um mittels einer neuen Mythologie und neuen Formen des Erzählens so etwas wie Volksbildung zu betreiben. Denn nur ein gebildetes Volk kann auch politisch sich beteiligen. Kunst besitzt, neben der Ausbildung ihrer Autonomie immer eine gesellschaftliche Funktion. Nicht im unidirektionalen Sinne und als Zeigefingerpädagogik, sondern qua ihrer Auseinandersetzung mit und der Aneignung von Gesellschaft. Noch ein einfacher Seitensprung im Eheleben, den Literatur in Darstellung bringt, hat gesellschaftliche Relevanz, ist auf ganz unmittelbarer Ebene gesellschaftlich genommen, und der (subjektive) Brief als Romanform, in der eine unglückliche Liebe zum Ausdruck kommt, ist ebenso gesellschaftlich vermittelt und wirkt qua ästhetischer Form wiederum auf Gesellschaft und die Möglichkeiten von Kunst zurück.

Zentral ist die Rolle der Kunst in der ästhetischen Moderne seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert nicht mehr nur im Sinne der Bildung, sondern ebenso als Medium der Erkenntnis. Womit wir für das fatale und brutale 20. Jahrhundert bei einem dritten Jubiläum wären – das von Beethoven muß man freilich noch dazu nennen, denn ohne diesen wären die ästhetischen Brüche des 20. Jahrhunderts in der Musik, wären Mahler, Schönberg und Berg kaum denkbar. Nämlich dem 100. Geburtstag und gleichzeitig dem 50. Todestag von Paul Celan. Wohl in kaum einer Dichtung wurde das Grauen des deutschen Massen-Mordens im Zweiten Weltkrieg und insbesondere die Vernichtung ganzer Menschengruppen derart zum Ausdruck gebracht und zugleich ein anderes Sprechen als Schweigen und Andersdenken als Dichten derart bedeutsam. Die Linie Hölderlin – Celan dürfte bis heute hin aktuell und interessant sein. Man denke nur, was die bereits ganz unmittelbar genannten Bezüge angeht, an Celans „Tübingen Jänner“ und darin die schwimmenden Hölderlintürme samt jenem fremdseltsamen hölderlinschen Rätselwort „Pallaksch“:

Zur Blindheit über-
redetet Augen.
Ihre – „ein
Rätsel ist Rein-
entsprungenes“ –, ihre
Erinnerung an
schwimmende Hölderlintürme, möwen-
umschwirrt.

Besuche ertrunkener Schreiner bei
diesen
tauchenden Worten:

Käme,
käme ein Mensch,
käme ein Mensch zur Welt, heute, mit
dem Lichtbart der
Patriarchen: er dürfte,
spräche er von dieser
Zeit, er
dürfte
nur lallen und lallen,
immer-, immer-
zuzu.

(„Pallaksch. Pallaksch.“)

Jene aussetzende Sprache, das tauchende Wort; und aus der Sprachlosigkeit heraus, in einer Art Engführung, geschieht, fast musikalisch, ein neues Sprechen. Den wohl bedeutendsten Dichter des 20. Jahrhunderts gilt es dieses Jahr zu feiern. Bedeutsam deshalb, weil sich in der Kunst Möglichkeiten zeigten, solches Grauen in eine hermetische Sprache zu bringen, die nicht einfach mehr im Kunstgenuß sich erschöpft, sondern so etwas wie die ansonsten in der Philosophie beheimatete „Anstrengung des Begriffs“ auch für die Kunst erfordert. Destruktion von Sinn und Sinnhorizonten.

Und damit korrespondierend, nämlich unter anderem auch im Sinne einer Dichtung bzw. Kunst nach Auschwitz, aber ebenso in Fragen nach der Öffnung der ästhetischen Formen und dem Gelingen neuer, anderer Kunst, gilt es, die wohl bedeutendste Ästhetik des 20. Jahrhunderts zu feiern, nämlich 50 Jahre Adornos „Ästhetische Theorie“ – 1970 von Rolf Tiedemann und Gretel Adorno aus den einzelnen Textteilen, Notizen und Fragmenten Adornos in ein Buch gebracht.

Bis heute ist diese Kunsttheorie, die selbst mehr als nur Kunstphilosophie sein will, in den Debatten präsent. Bis heute umstritten, wenn es etwa um die Frage nach den Gattungsgrenzen, dem Einreißen von Grenzmarkierungen und einer radikalen Veränderung der Kunst geht. In einem Blog sind diese wissenschaftlich zu sichtenden Aspekte kaum thematisierbar. Aber zumindest lassen sie sich anspielen und einzelne Aspekte der Theorie zwischen all diesen gerade genannten Denkern und Dichtern können in eine Konstellation gebracht werden, so daß – vielleicht in einer Art von Benjaminschem dialektischen Bild – so etwas wie ein Szenario aufblitzt, das pointiert Möglichkeiten, Schwierigkeiten und auch die Aporien gegenwärtiger Kunst aufzeigt.

Spannend in jedem Falle bleibt, daß mit Hölderlin, Hegel, Beethoven, Adorno, Celan, aber auch mit dem 200. Geburtstag von Friedrich Engels ein Feld geschaffen werden kann, in dem Kunst und Gesellschaft ihren Ort haben. Auch in diesem Sinne zeugen Jubiläen von Zeitgenossenschaft. Vor allem besetzen Kunst und Gesellschaft samt jenen Rückblickjubiläen diesen Ort der zeitgenossenschaftlicher Reflexion in ihren Brüchen, was im Gegenwartsbezug eminent auch auf die Formfragen der Kunst am Ende abzielt – unter anderem bedeutet dieser Bruch, für den jene Namen stehen, das Auflösen klassischer oder überkommener Formen und zugleich eine plurale Erweiterung des Kanons.

Das „Meer des nie Geahnten“, welches sich den klassischen Avantgarden der 1910er Jahre auftat und „auf das die revolutionären Kunstbewegungen um 1910 sich hinauswagten, hat nicht das verhießene abenteuerliche Glück beschieden. Statt dessen hat der damals ausgelöste Prozeß die Kategorien angefressen, in deren Namen er begonnen wurde“ wie Adorno im Auftakt seiner Ästhetik schrieb: und so wurde in der Kunst zur Selbstverständlichkeit, daß nichts mehr selbstverständlich ist. Mit Hegel, Hölderlin, Beethoven und Celan haben wir ganz unterschiedliche Protagonisten für eine Bewegung, die bis heute anhält.

Namen in Jubiläen sind Schall und Rauch. Aber die mit den Namen verbundenen Theorien und die Dichtung sind es nicht. Und zu ihnen gesellt sich jener raue, harte, politische, neoklassische, affirmative, brutale Sound jener 1920er Jahre: zwischen Benn, Benjamin, Jünger und Brecht und am Ende Franz Kafkas wie auch Robert Walsers Prosa: eine Art von Verschwinden im Text, in Kunst, ein Kleinwerden, Verlust und die Frage, was eigentlich Kunst noch für jene seltsame Gegenwart sei und was sie bedeutet. Ähnlich der Weise wie es Kafka 1924 in seiner letzten Erzählung „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ schilderte:

„Ich habe oft darüber nachgedacht, wie es sich mit dieser Musik eigentlich verhält. Wir sind doch ganz unmusikalisch; wie kommt es, daß wir Josefinens Gesang verstehn oder, da Josefine unser Verständnis leugnet, wenigstens zu verstehen glauben. Die einfachste Antwort wäre, daß die Schönheit dieses Gesanges so groß ist, daß auch der stumpfste Sinn ihr nicht widerstehen kann, aber diese Antwort ist nicht befriedigend. Wenn es wirklich so wäre, müßte man vor diesem Gesang zunächst und immer das Gefühl des Außerordentlichen haben, das Gefühl, aus dieser Kehle erklinge etwas, was wir nie vorher gehört haben und das zu hören wir auch gar nicht die Fähigkeit haben, etwas, was zu hören uns nur diese eine Josefine und niemand sonst befähigt. Gerade das trifft aber meiner Meinung nach nicht zu, ich fühle es nicht und habe auch bei andern nichts dergleichen bemerkt. Im vertrauten Kreise gestehen wir einander offen, daß Josefinens Gesang als Gesang nichts Außerordentliches darstellt.

Ist es denn überhaupt Gesang? Trotz unserer Unmusikalität haben wir Gesangsüberlieferungen; in den alten Zeiten unseres Volkes gab es Gesang; Sagen erzählen davon und sogar Lieder sind erhalten, die freilich niemand mehr singen kann. Eine Ahnung dessen, was Gesang ist, haben wir also und dieser Ahnung nun entspricht Josefinens Kunst eigentlich nicht. Ist es denn überhaupt Gesang? Ist es nicht vielleicht doch nur ein Pfeifen? Und Pfeifen allerdings kennen wir alle, es ist die eigentliche Kunstfertigkeit unseres Volkes, oder vielmehr gar keine Fertigkeit, sondern eine charakteristische Lebensäußerung. Alle pfeifen wir, aber freilich denkt niemand daran, das als Kunst auszugeben, wir pfeifen, ohne darauf zu achten, ja, ohne es zu merken und es gibt sogar viele unter uns, die gar nicht wissen, daß das Pfeifen zu unsern Eigentümlichkeiten gehört. Wenn es also wahr wäre, daß Josefine nicht singt, sondern nur pfeift und vielleicht gar, wie es mir wenigstens scheint, über die Grenzen des üblichen Pfeifens kaum hinauskommt – ja vielleicht reicht ihre Kraft für dieses übliche Pfeifen nicht einmal ganz hin, während es ein gewöhnlicher Erdarbeiter ohne Mühe den ganzen Tag über neben seiner Arbeit zustandebringt – wenn das alles wahr wäre, dann wäre zwar Josefinens angebliche Künstlerschaft widerlegt, aber es wäre dann erst recht das Rätsel ihrer großen Wirkung zu lösen.“

Auch darin steckt jene Frage, was eigentlich ein Kunstwerk zum Kunstwerk macht oder ob es nicht vielmehr am Ende doch ein ganz gewöhnliches Pfeifen ist – ein Geräusch, ein Ding. Zumindest eine Ahnung scheint beim Volk der Mäuse vorhanden und etwas ist da im Gesang der Josefine, was ein Mehr entläßt. Oder wie Adorno es in bezug auf die Kunst formulierte: „Dinge machen, von denen wir nicht wissen, was sie sind.“ Für Adorno ist dies die Gestalt aller künstlerischen Utopie und darin eben liegt – unter anderem – die Aktualität von Adornos Ästhetik. Und man kann dies vielleicht mit Martin Heidegger ergänzen, wenn er in den Schwarzen Heften von 1931 die „Hellhörige Scheu vor dem Vergangenen“ beschreibt. Man muß dieses Rückgehen nicht als Regression fassen, sondern im Sinne eines Andenkens, eines Erinnerns und einer Form von Anamnesis. Und dazu eben dienen auch solche Jubiläen und Gedenktage, vielleicht im Celanschen und im Derridaschen Sinne einer Poetik des Datums. Einer Einmaligkeit und Singularität, die in eine wiederkehrende Struktur eingeschrieben wird.

***

Wer sich ansonsten in ästhetischen Fragen auf die zwanziger Jahre vorbereiten möchte, der lese dazu unbedingt Adornos Aufsatz „Jene zwanziger Jahre“ aus den „Eingriffen“, darin sich auch eine Kulturkritik des Revivals findet (besonders schön darin die Wendung von der Tapetenmusterkunst):

„Schlagworte machen sich verdächtig nicht bloß durch ihre Funktion, den Gedanken zur Spielmarke zu degradieren; sie sind auch Index ihrer eigenen Unwahrheit. Was das öffentliche Bewußtsein heute, zumal die Mode der Revivals den zwanziger Jahren zuschreibt, war damals, spätestens 1924, schon im Verblassen; die heroischen Zeiten der neuen Kunst lagen vielmehr um 1910, die des synthetischen Kubismus, des deutschen Frühexpressionismus, der freien Atonalität Schönbergs und seiner Schule.

[…]

Damit die gegenwärtige Kunst kein Aufguß der zwanziger Jahre werde, nicht zum Bildungsgut degradiere, was den Bildungsgütern absagte, müßte sie nicht nur der technischen Probleme, sondern auch der Bedingungen der eigenen Existenz sich bewußt werden. Sie hat zum gesellschaftlichen Schauplatz nicht mehr den sei’s auch zerfallenen Spätliberalismus sondern eine gesteuerte, überdachte, integrierte Gesellschaft, die »verwaltete Welt«. Was in dieser als Protest der künstlerischen Form sich regt – und keine künstlerische Form wäre länger denkbar, die nicht Protest ist -, fällt selber in das Geplante, dem sie widersteht, und trägt die Male dieses Widerspruchs. Die Kunstwerke werden dadurch, daß sie, nach der Emanzipation und allseitigen Aufbereitung ihres Materials, rein aus dem eigenen Formgesetz sich entwickeln, ohne alles Heterogene, potentiell zu einem Allzublanken, Ausgefegten, Gefahrlosen. Ihr Menetekel sind die Tapetenmuster.“ (Adorno, Jene zwanziger Jahre)

 

Zur Lyrik Celans und zu einer Lesart des Kitschs

Paul Celans Gedichte gibt es nun bei Suhrkamp in einer neuen einbändigen und kommentierten Gesamtausgabe. Dietmar Dath nahm dies zum Anlaß für eine Sichtung und verweist bezüglich der Lyrik Celans auf den Begriff des Kitsches, der in der einen oder anderen Zeile seiner Texte mitschwingt – wobei man sich über diese Diagnose mit Fug und Recht streiten kann, denn genauso könnte man den seit einiger Zeit verlorengegangenen Begriff des Pathos hier einsetzen. Aber wenn man Derridas These genauer betrachtet, sie für sich nimmt und durchdenkt, scheint sie mir ästhetisch interessant. Dath schreibt in der FAZ:

„Celan hat nicht nur Kunst, sondern auch Kitsch geschrieben. Nicht immer, nicht oft, aber wohl unvermeidlicherweise: Kitsch war hier Kollateralschaden der Unmöglichkeit, den angestrebten hohen Ton zu treffen, der nötig ist, um das magische Denken der Vorzeit ins poetische Spiel der Neuzeit zu retten, wenn das denn in einer Sprache geschehen soll, die man zuerst aus ihrem Alltag lösen muss, weil in diesem das, was die Neuzeit von der Vorzeit unterscheiden soll, die Vernunft, geschändet wurde wie in keiner anderen: In dieser Sprache hat man Verbrechen gerechtfertigt, befohlen, koordiniert, die jeden Gedanken von Vernunftgeschichte, von Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit, der Wahrheitsfindung und Kunsterziehung in ihren blutigen Dreck treten.

Kitsch entsteht in den Künsten immer dann, wenn ein Kunstwerk ein grundsätzliches ästhetisches Problem hat, es aber nicht lösen kann oder will. Kitsch ist die Sahne, die Leute ins Essen schütten, die nicht kochen können, aber glauben, sie könnten den Geschmack mit Hilfe der Sahne darüber betrügen. Celans Kitsch geschieht ihm, wo er Angst hat, die Worte könnten ihm anbrennen, wo sie den größten vorstellbaren Horror sagen sollen. Damit ist Celans Kitsch ein neuer, kein traditioneller. Denn im traditionellen Kitsch wird Stimmung gemacht oder eine pathetische Rechtgläubigkeit beschworen, es gibt in diesem Bannkreis künstlerischer Dummheit sentimentalen, patriotischen, religiösen Kitsch und so fort. Sie alle rühren einen Affekt in die Kunst, der von einer Armut, einem ungelösten Verhältnis zwischen Stoff, Thema und Form ablenken soll. Bei Celan ist der Kitsch aber weder Stimmung noch Gesinnung, sondern eine Qual, die sich der Lyriker nicht ersparen kann, weil er zu klug ist, zu glauben, was der Modernismus vor Hitler geglaubt hatte: dass das Hermetische und Esoterische an sich eine unfehlbare Versicherung der Kunst gegen Kitsch sei.“

Daths Celan-Kritik im Hinblick auf den Kitsch ist interessant, denn er liefert hier eine erweiterte und ästhetisch durchaus relevante Bestimmung für einen Begriff, der in der Kunst der Spätmoderne, besonders seit den 1980er Jahren oft pejorativ oder aber affirmativ und mit ironischem Augenzwinkern gebraucht wird, was wiederum eine Entschärfung des Kitschs als provokante Macht bedeutet, sobald sich solche ‚Subversion‘ institutionalisiert. Denn die höheren Weihen, die im Akt der Affirmation oder der Ironisierung dem Kitsch (auch als Camp) verliehen werden, zeigen am Ende nur das Maß des Gewöhnlichen am Kitsch. Jegliche Innovation geht verloren, sobald es sich um ein eingespieltes System handelt. Eine für Adorno seltsam milde Bestimmung des Kitschs übrigens – dies nur am Rande – findet sich in den Minima Moralia:

„Am Ende ist die Empörung über den Kitsch die Wut darüber, daß er schamlos im Glück der Nachahmung schwelgt, die mittlerweile vom Tabu ereilt ward, während die Kraft der Kunstwerke geheim stets noch von Nachahmung gespeist wird.“

Anders hingegen die Erläuterung, die Darth im Hinblick auf Celan liefert. Mit dieser begrifflichen Problematisierung wird zugleich – und darin ist Daths Kritik dialektisch – ein grundsätzliches ästhetisches Problem avisiert, nämlich dasjenige, was unter der Rubrik „Schreiben nach Auschwitz“ terminiert – man denke hier auch an Adornos (dialektisches) Diktum über Dichtung nach Auschwitz, die unmöglich ward – die komplexen Überlegungen, die in diesem Satz stecken, will ich hier nicht thematisieren, sie ergäbeneinen ganz eigenen Text über die Frage der Leiderfahrung und deren Darstellung. Dath macht diese Frage nach der ästhetischen Form an dem stets heiklen Begriff des Kitsches fest. Das ist insofern interessant, weil hier der Begriff des Kitschs auf ein Krisenphänomen weist, das sich auch in der Kompositionshaltung des Künstlers, in seinem Ringen ums gelungene Wort sedimentiert.

Das eben berührt zugleich die zentrale Frage, wie Kunst vom Grauen und vom Schrecken handeln bzw. schreiben kann, ohne diese in der ästhetischen Form entweder zu entschärfen oder aber im Kitsch und im Kunstgewerblichen zu ästhetisieren oder schlicht zu banalisieren. Kitsch und Kunstgewerbe oft nahe beieinander, das zeigen in unterschiedlicher Ausprägung manche der Zeilen von Rilke, handwerklich schön gedrechselt, aber teils zu schön, um noch den düsteren Schlund, der der Moderne ebenfalls eignet, noch zu fassen, und manche der Werke von Jeff Koons. Für die Zeit nach dem Grauen von Auschwitz und Hiroshima lieferte Celan den teils hermetischen, teils offen zu lesenden Lyrik-Text.

Ein jeder Engel ist schrecklich – in den Duineser Elegien brachte Rilke diese Erfahrung zwischen Daseinsexzeß, lyrischer Meditation auf die Bedingungen solchen Menschseins, schwarzer Metaphysik, schwindelfrei, und dem stummen Dasein der Dinge wunderbar ins Gedicht. Pathos aber kein Kitsch. Sprechen, dichten, schreiben auf der Grenze zum Sagbaren – auf der freilich die Lyrik meist sich bewegt, um es in anderem Modus als dem bloß Diskursiven zu sagen und vor allem: zu singen. Celans Lyrik antwortet auf jene Elegie. Oft in doppelbödigen Bildern. Man denke an sein Gedicht Cello-Einsatz. Es kann dies als der sing- oder musizierbare Rest gelesen werden, wo keine Sprache mehr heranreicht, weil sich Ausdruck in reinen Klang verwandelt und die Lyrik wieder in die Lyra, in das Spiel der Töne übergeht – nicht unbedingt im Sinne des Schönen, des Fast-zu-schönen. Aber man kann diesen Celloeinsatz ebenso als die Begleitmusik nehmen, die aufspielt, wenn es dem Lagerkommandanten nach Gemüt und deutscher Tonart zumute ist.

In diesem dialektisch-dichterischen Sinne scheinen mir Daths Überlegungen zu Celan interessant und sie öffnen einen neue, eine andere Dimension im Blick auf Celans Werk und überhaupt auf die ästhetische Kategorie des Kitsches.

 

Bildquelle: Wikipedia, von: http://www.oliverwieters.de/artikel-73.html

 

 

White Noise – Martin Heidegger zum 40. Todestag

heidegger41Mit zweierlei Maß messen? Da haben wir einmal Heideggers Philosophie und zum anderen seine Äußerungen zum Politischen. Das eine ließe sich vom anderen abtrennen. Aber kann man diese Dichotomie tatsächlich aufziehen? Jean-François Lyotard schrieb in „Heidegger und ‚die Juden‘“, er mache diese Form des Dualismus nicht mit: entweder Heidegger sei ein großer Denker, dann könne er kein Nazi sein. Oder er sei ein Nazi, dann könne er kein großer Denker sein. Denn das eine schließt das andere nicht kategorisch aus – der Mensch ist aus krummem Holz. Freilich tröstet dieser Satz wenig, geschweige daß er millionenfachen Mord entschuldigte. Heidegger war politisch, das zeigt seine Rektoratsrede, sein Gutachten über Hönigswald, seine Schlageter-Rede am 26. Mai 1933 vor der Universität Freiburg, und dieses Politische war: „Weder Unfall noch Irrtum“, wie der Titel eines Aufsatzes von Jean Luc Nancy 1988 in dem Sammelband „Die Heidegger-Kontroverse“ lautete. Nancy schrieb den Essay nach dem Enthüllungsbuch von Victor Fariás. Inzwischen sind die sogenannten „Schwarzen Hefte“ – herausgegeben von Peter Trawny – erschienen. Darin finden sich Passagen eindeutig antisemitischen Inhalts:

„Das Weltjudentum, aufgestachelt durch die aus Deutschland hinausgelassenen Emigranten, ist überall unfaßbar und braucht sich bei aller Machtentfaltung nirgends an kriegerischen Handlungen zu beteiligen, wogegen uns nur bleibt, das beste Blut der Besten des eigenen Volkes zu opfern.“ (Heidegger, Überlegungen XII–XV, in GSA 96, S. 262)

„Die zeitweilige Machtsteigerung des Judentums aber hat darin ihren Grund, daß die Metaphysik des Abendlandes, zumal in ihrer neuzeitlichen Entfaltung, die Ansatzstelle bot für das Sichbreitmachen einer sonst leeren Rationalität und Rechenfähigkeit, die sich auf solchem Wege eine Unterkunft im ‚Geist‘ verschaffte, ohne die verborgenen Entscheidungsbezirke von sich aus je fassen zu können.“ (Ebd. S. 46)

„Die Juden ‚leben‘ bei ihrer betont rechnerischen Begabung am längsten schon nach dem Rasseprinzip, weshalb sie sich auch am heftigsten gegen die uneingeschränkte Anwendung zur Wehr setzten. Die Einrichtung der rassischen Aufzucht entstammt nicht dem Leben selbst, sondern der Übermächtigung des Lebens durch die Machenschaft. Was diese mit solcher Planung betreibt, ist eine vollständige Entrassung der Völker durch die Einspannung derselben in die gleich gebaute und gleichschnittige Einrichtung alles Seienden. Mit der Entrassung geht eine Selbstentfremdung der Völker ineins – der Verlust der Geschichte – d. h. der Entscheidungsbezirke zum Seyn. Und damit verschütten sich die einzigen Möglichkeiten, daß Völker ureigener Geschichtskraft in ihrer Gegenwendigkeit sich zur Einheit bringen: z. B. der wissende Begriff und die Leidenschaft der Besinnung mit der Innigkeit und Weite des Unheimlichen – Deutschtum und Russentum – was mit ‚Bolschewismus‘ nichts zu tun hat, der nichts ‚Asiatisches‘ ist, sondern nur die Ausformung westlich-neuzeitlichen Denkens auf der Stufe des ausgehenden 19. Jahrhunderts – die erste entschiedene Vorwegnahme der uneingeschränkten Macht der Machenschaft.“ (Ebd., S. 56)

In perfider Logik wird bei Heidegger an dieser Stelle der Rassismus ausgerechnet als Merkmal des „Judentums“ gezeichnet.

„Kruder Nazi-Kram“, so mag man das leichtfertig abtun. Seinsgeschichtliche Esoterik, die Ontologisches ontisch reifiziert. Wenn die Wirklichkeit ins Denken einbricht und dieses kontaminiert, sieht es manchmal weder für die Wirklichkeit noch für das Denken  gut aus, wenn es den Anstrengungen  des Begriffs nicht als gewachsen sich erweist. Aber das Diktum „Heidegger ist halt Faschist!“ reicht mir nicht aus – auch im Sinne jener Überlegungen Lyotards nicht – und bleibt eine Behauptung, die sich erst am Text Heideggers zu erweisen hat. Zumal wir in seinen zahlreichen Texten eben nicht eine sich durchhaltende antisemitische, rassistische Suada finden. Ob Heideggers „Philosophie bis in ihre innersten Zellen faschistisch ist“, wie Adorno schreibt, mußte man im Detail untersuchen: wieweit Begrifflichkeiten Heideggers in diesem Sinne kontaminiert sind und zumindest in den Konnotationen eine Art seynsgeschichtliches Volkstum mitschwingt. In dieser knappen Sicht auf Heidegger ist dazu jedoch kaum der Platz.

[Hinweisen möchte ich auf das Buch von Philippe Lacoue-Labarthe „Die Fiktion des Politischen“, das sich kritisch mit Heidegger auseinandersetzt, ohne ihn zu verteufeln. Lacoue-Labarthe kommt aus dem Umfeld Derridascher Dekonstruktion, beschäftigte sich mit der literarischen Romantik, mit Hölderlin und Nietzsche, ohne daß er sich, wie auch Derrida es nie tat, rein affirmativ zu Heidegger verhielt. Endlich übersetzt übrigens, nach mehr als 38 Jahren liegt nun bei Turia + Kant eines seiner wichtigsten Werke vor, das er zusammen mit Jean-Luc Nancy  schrieb: „Das Literarisch-Absolute: Texte und Theorie der Jenaer Frühromantik“.]

Daß Heidegger der heimatlichen Scholle und einem Begriff eigenen Bodens näher stand als dem Kosmopolitismus und reisender Weite spricht weder gegen noch für Heidegger. Ohne sie gleichzusetzen, denn ihre Philosophien sind nicht in Parallele oder Ähnlichkeit zu bringen, finden wir jedoch auch bei Adorno starke Bezüge zur Frankfurter Heimat und zum Odenwald als Ausdruck philosophischer Erfahrung. Nur daß Adorno dabei nicht deutschtümelnd verfährt, sondern im Sinne der brechtschen Kinderhymne Heimat als ein Eigenes nimmt, das genauso dem Anderen zukommt und seinen Erfahrungsraum ausmachen kann.

Während Heidegger in „Der Feldweg“ oder „Warum bleiben wir in der Provinz?“ sich geriert, als befänden wir uns vom Stand der Produktivkräfte in der Sattelzeit um 1800 herum und entsprechend sich die Sprache Heideggers Sprache gestaltet, als lebten wir immer noch unter Hirten, Schafen und Bauern mit wettergegerbtem Gesicht, die in der Schankstube im Herrgottswinkel hocken, ist der Text Adornos lange schon in der Moderne angekommen. Technischer Fortschritt wird nicht abstrakt verdammt, sondern Adorno betrachtet ihn unter dialektischer Perspektive. Nicht Heimatverschrobenheit ist es, die ihre Zeit in einer anderen Epoche hat und damit anachronistisch wirkt, Authentisches lediglich simuliert, sondern Ortschaften und literarische Landschaften als Modelle von Erfahrung, die sich in seiner Philosophie und in den Erinnerungen auftun. Seine feine Miniatur „Amorbach“ in dem Band „Ohne Leitbild“ (ein Titel nebenbei, der Heidegger nie in den Sinn käme) gibt davon Zeugnis und ebenso die Passagen in den „Meditationen zur Metaphysik“, die sich der Kindheit widmen. Ohne je in den Kitsch und in den Pathos sprachlicher Atavismen zu gleiten. Bei Heidegger bleibt die Sprache der problematische Rahmen. Der ontologische Bezirk reinen Seins vergegenständlicht sich in solchen Schreibszenen ontisch. Kant wäre es in diesem Kontext sicherlich nicht in den Sinn gekommen, das Ding an sich reifizierend durch die Welt und über die Felder tanzen zu lassen. So aber kann es gehen, wenn empirischer und intelligibler Charakter in der Trennung unscharf werden.

Der von Peter Trawny gebrauchte Begriff eines „seinsgeschichtlichen Antisemitismus“ in seinem Buch „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“ scheint mir in diesem Kontext jedoch problematisch. Es ist ja nicht so, daß Antisemitismus lediglich eine philosophische Metapher wäre – ohne Realgrund, ohne Rückstand und ohne Folgen. Dieser seinsgeschichtliche Antisemitismus ist – wie auch der Antijudaismus – mit dem „eliminatorischen Antisemitismus“ (D. Goldhagen) eng verknüpft. Dieser erwächst zwar nicht mit Notwendigkeit aus jenen Varianten des Antisemitismus, doch führen im Gang der Geschichte und in den Aufsteigerungsrhetoriken Wege ins Progrom und in die Shoah. Jener Antisemitismus bleibt hinreichende Bedingung, damit aus den Worten am Ende auch die Konsequenzen gezogen werden können.

Aber es gibt bei Heidegger ebenso Passagen, die zeigen, daß er kein Rassist im üblichen Sinne war; sein Antisemitismus speist sich aus anderen Quellen:

„Alles Rassedenken ist neuzeitlich, bewegt sich in der Bahn der Auffassung des Menschen als Subjektum. Im Rassedenken wird der Subjektivismus der Neuzeit durch Einbeziehung der Leiblichkeit in das Subjektum und die Vollständige Fassung des Subjektums als Menschentum der Menschenmasse vollendet.“ (Heidegger, Überlegungen XII–XV, S. 48)

Bei Heidegger ist dieser Antisemitismus in einer grundsätzlichen Kritik der neuzeitlichen abendländischen Moderne verwurzelt, für die Begriffe wie Machenschaft und Technik stehen. Freilich gibt es – wie oben – Passagen, die nahelegen, daß dieser Modernismus wesentlich jüdischen Ursprungs ist.

Was bleibt von Heidegger? Die Shoah zumindest findet sich in keinem der Schwarzen Hefte und ebensowenig in Heideggers späteren Schriften je erwähnt. Nicht anders bei seinen drei Begegnungen mit Paul Celan zwischen 1967 und 1970. Als Celan Heidegger in seiner Hütte im Schwarzwald besuchte, schwieg dieser und Celan dichtete in  „Todtnauberg“:

die in dies Buch
geschriebene Zeile von
einer Hoffnung, heute,
auf eines Denkenden
kommendes
Wort
im Herzen,

Zum Ende des Besuchs notierte Celan für Heidegger: „Ins Hüttenbuch, mit dem Blick auf den Brunnenstern, mit der Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen. Am 25. Juli 1967/Paul Celan.“ Das Wort kam nicht, kam Heidegger nie über die Lippen.

Was bleibt von Heideggers Philosophie? Vielleicht ein Ringen in Sprache um etwas kaum Darzustellendes. Sprachliche Anachronismen, die sich an etwas heranwagen, was nicht in einfacher kommunikativer Rede und diskursiv gewonnen werden kann – schon gar nicht in apophantischen Aussagen. Vielleicht die Faszination für jene dunklen Philosophen, die sich dem Stahlgehäuse kommunikativer Rationalität entziehen. Jener Rest, der näher an Kunst und Dichtung ist als die Texte eines Habermas oder eines Rawls. (Wobei ich selber auch hier nicht die Entweder-Oder-Logik mitmache.) In solchem Verfahren mag ein theologischer Rest überwintern, wie wir es im Sprechen der Mystik finden oder wenn wir uns einem Numinosen nähern. (Wobei Heidegger solchen Deutungen sofort widersprechen würde, da sie in seiner Diktion der schlichte Ausdruck abendländischer Onto-Theologie sind.) Den anderen Anfang zu wagen, wie Heidegger dies in Drehungen, in Spiralen und Verwindungen von Metaphysik plante. Seine Sprache kreist darum, sie versucht zu zeigen und zu deuten. Nicht anders als Kunst. Heidegger selbst spricht in leicht altfränkischer Manieriertheit von „Winken“. Seine Gesamtausgabe ist mit jenem Motto übertitelt: „Wege – nicht Werke“. Diese Philosophie will ein Etwas in Begriffen anordnen und in Sprache einholen, was sich in keinen Begriff je einfach wird übersetzen können.

[Daß sich das Sein und manchmal auch ein Text entzieht, zeigt sich in diesem Falle übers Wesen und die Tücke der Technik: Das was ich gestern abend formulierte, schrieb und speicherte, war am nächsten Morgen nicht mehr vorhanden. So daß ich diesen Essay aus meinem Gedächtnis wiederhole. Oder rekonstruiere. Einige Überlegungen im Sinne einer Kritik Adornos, etwa an einem Begriff wie dem der Destruktion von Metaphysik sind dabei auf der Strecke geblieben. Aber das hebt sich auf und kann warten. Die Wahrheit wird uns nicht davonlaufen, wußte Hegel. Ein andermal. Heidegger wird uns im Laufe dieses Blogexperiments ein Stück weit auf Weg und Umweg begleiten.]

White noise.

Martin Heidegger zum Geburtstag

Heute hat er Geburtstag: Martin Heidegger. Einer der umstrittensten, aber auch wirkungsmächtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, der, zu seiner Zeit unkonventionell, als Professor Ski fuhr und zum Osterfest Feuerräder die Schwarzwaldhänge hinunterrollen ließ. Sein Einfluß auf so unterschiedliche philosophische Strömungen wie die Existenzphilosophie Sartrescher Prägung, die Heidegger in seinem „Humansimus“-Brief in die Kritik stellte, bis hin zu verschiedenen poststrukturalistischen Positionen wie Foucault, Lacan oder Derrida ist immens.

Was sich an Heidegger ausnehmend gut zeigt: das Politik und Philosophie zwei getrennte Bereiche, zwei unterschiedlich ausdifferenzierte Systeme mit unterschiedlichen Wirkunsbereichen bleiben sollten. Welch ein Irrtum, den Führer führen zu wollen. Aber trotzdem: An „Sein und Zeit“, an seiner Hölderlin-Lektüre, am Kunstwerkaufsatz, an seiner Kritik der abendländischen Metaphysik (im Rahmen der Postmoderne-Essays und einer Vattimo-Lektüre werde ich darauf noch kommen), aber auch an seinen von Philologen streng gerügten Interpretationen zu Aristoteles und anderen Denkern, da führt kein Weg dran vorbei. Die drei großen Werke des frühen 20. Jahrhunderts: „Geschichte und Klassenbewußtsein“, der „Tractatus“, „Sein und Zeit“.

Was Heidegger am Ende in der Bundesrepublik rettete, denn seine Sache stand in den 60er Jahren eher schlecht, war die von ihm so heftig kritisierte, gegen das Griechische ausgespielte lateinisch-romanische Tradition: jene Französische Philosophie des 20. Jahrhunderts.

Und wieviel Verstrickung und Schweigen hinterher. Ein Schweigen, das Celan bei jenem legendären mit Hoffnungen verbundenen Treffen zutiefst verstörte.

 Todtnauberg

 Arnika, Augentrost, der
Trunk aus dem Brunnen mit dem
Sternwürfel drauf,

in der
Hütte,

die in das Buch
– wessen Namen nahms auf
vor dem meinen? –,

die in dies Buch
geschriebene Zeile von
einer Hoffnung, heute;

auf eines Denkenden
kommendes
Wort
im Herzen,

Waldwasen, uneingeebnet,

Orchis und Orchis, einzeln

Krudes, später im Fahren;

deutlich,

der uns fährt, der Mensch,

der‘s mit anhört,

die halb-beschrittenen Knüppel-
pfade im Hochmoor.

 Feuchtes,
viel.

 

SINK mir weg
aus der Armbeuge,

nimm den Einen
Pulsschlag mit,

verbirg dich darin,
draußen.

 

JETZT, da die Betschemel brennen,
eß ich das Buch
mit allen
Insignien.