Von den Büchern

„Es ist kein Geringerer als Hegel, der den Chinesen einen angeborenen Hang zur Lüge bescheinigt. Er wirft ihnen eine ‚große Immoralität‘ vor. In China gebe es überhaupt keine Ehre. Die Chinesen seien ‚dafür bekannt, zu betrügen, wo sie nur können‘. Hegel wunderte sich darüber, dass es auch keiner dem anderen übel nehme, selbst wenn der Betrug auffliege.“
(Byung-Chul Han, Shanzhai. Dekonstruktion auf Chinesisch)

Früher, das muß in den 80er Jahren und zu Beginn der 90er gewesen sein, in der schönen Zeit, als den Frauen noch Schamhaar wuchs, streiften durch die Cafés Menschen mit einer Art Bauchladen, verkauften Taschenbücher, die als Raubkopien nachgedruckt waren. Meist stammten diese Bücher von namhaften Verlagen. Da es sich um linke Künstler- und Studenten-Cafés handelte, duldeten die Kellner diese Verkäufer zumeist stillschweigend. Die fliegenden Händler sprachen die dort Sitzenden an – all die Genießenden, Debattierenden, aber ebenso die Lonley-Hearts-Wartenden (auf die eine Frau,die schließlich in blond und Mantel hereinwehte), die Lesenden und solche, die ihr Versteck hinter ihrer Zeitung suchten, die Schreibenden, die sich immer mal kurz umschauten und dann versunken oder hektisch in ein Notizbuch kritzelten. Die, die bloß das Treiben beobachteten oder der Caféhausstille den ihrigen Teil hinzufügten. Die, die sich mit Trinken die Zeit vertrieben, und die Zeit verging schließlich auch, und aus den 90ern wurden die bekannten 00er Jahre („Eure Geld ist nicht weg, es ist nur woanders.“ Zum Beispiel bei Halliburton).

Manche wieder saßen einfach nur da, tranken ihr Bier und wollten nicht weiter behelligt werden. Aber mit einem großen Schwung trat jemand an den Tisch heran. Nun also doch, nun wurden sie durch einen mal verlegen, mal aggressiv und aufdringlich Fragenden aufgeschreckt. „Willste ’n Buch kaufen?“ „Na, was vertickt ihr denn?“, murrte der Trinkende halb widerwillig, halb  mit der sozialen Arroganz Besserweggekommener, weil er ja bloß seine Haut am Theater zu Markte trug oder als Hilfskraft Anfängerstudenten für lausiges Geld betreute. Womöglich aber war er gar kein Besserweggekommener ­- wer überhaupt kann das von sich behaupten? Unter dem Richtschwert des strafenden Gottes fielen schon manche Köpfe. Die den Trinkenden begleitende Frau schaute milder. Worauf ruhte ihre Blick? Auf dem Verkäufer vermutlich, so wie ich sie kannte.  Dann zog der Mann aus seinem Bauchladen die Raubdrucke hervor und präsentiere verhuscht oder auch aufdringlich-offen die Waren. Etwas von Umberto Eco, von Süsskind „Das Parfum“, Steven Hawkins Zeit-Buch, Botho Strauß, Handke, Goetz – alles was Literaturenthusiasten in den späten 80ern und ein paar Jährchen darüber hinaus lesend verzehrten und aufsogen, wurde urheberrechtsmäßig in veränderter Ausstattung in die Zirkulation geworfen. Geraubt, genauer gesagt, oder freundlicher genommen, kopiert und unters Volk gebracht, womit dann  linke oder nicht-linke Raubdruckkollektive monetär ebenso am Erfolg der Verlage teilhaben wollten. Der Gebrauchswert war natürlich derselbe, weil die Inhalte der Bücher sich glichen. Doch der Tauschwert wich ab. Auch der Merve Verlag raubdruckte in seinen anfänglichen Zeiten und verkaufte die Bücher in Szenekneipen, wenn ich Philipp Felschs wunderbarem „Der lange Sommer der Theorie“ trauen darf.

Diese Art von Buch, wie überhaupt das Taschenbuch, verströmte keinen besonderen Geruch, ein wenig nach Papier vielleicht, manchmal sogar stinkt das Buch naß-muffig; das Papier fühlt sich rau an, grob in der Haptik. Wie anders ist es bei den fest in Leinen oder in feinem Karton gebunden, neu erschienenen und frisch aus der Druckerei gelieferten Werken. Meine Buchhändlerin hielt mir kürzlich eines dieser Exemplare unter die Nase und forderte mich auf: „Riechen Sie mal, es sind Bücher, die vor einigen Stunden vom Buchbinder kamen!“ „Ja“, entgegnete ich freundlich, „ich kenne den Geruch, bin aus der Branche.“ Immer mal wieder passiert es, wenn ich ein Buch bestelle, das just aus der Verarbeitung kommt: Ich nehme es, entferne die Folie und es strömt ein technischer, aber doch schöner Duft. Im November war das Alexander Kluges „Kongs große Stunde“ – mit Vorfreude harre ich bereits auf den phantastischen Kluge, um zu lesen – oder gerade erst der Nachdruck vom Michail Ossorgins neu entdeckten Roman aus dem Jahre 1928 „Eine Straße nach Moskau“, bei „Die Andere Bibliothek“ erschienen. Ich spüre das Leinen bei Kluge, rieche den frischen Druck, die Farbe des Einbandes, den Leim. Ok, solche Typen nannten die Kids früher Sniffer, wenn die an Uhu-Tuben sich delektierten. Hier also haben wir Sniffing für das herabgesunkene Kulturbürgertum – ich müßte mir wieder proletarischere Gesten zulegen wie Meister Brecht mit seiner Wurststulle im Theater. Bücherbeschnüffeln aber kommt für die Street Credibility meist lau. Dabei färbt in Berlin doch eigentlich der ruppig-proletarische Gestus von selbst ab.

„Nachrichten aus der ideologischen Antike“? Nein, Schnüffelsurrogate und Denksprünge. Kleine Warenkunde. Kopierte Bücher, vernutzte Bücher, mit Unterstreichungen und Randnotizen. Bücher stiften Bilder, schichten das Erzählen und verbinden oder zerhacken Theoriestränge; erlauben es, assoziierend, denkend und reflektierend gleichermaßen sich einer Sache zu nähern. Bücher setzen Referenzrahmen, und sie sind Weisen der Welterzeugung, Weisen der Phänomenologie – insbesondere der des Geistes. Aber in diskontinuierlicher, eruptiver Form. Sie erzeugen ein Spiel, das im Fort-da, in Spiegelstadien, in Enthüllung besteht – ach, der Jüngling und das Bildnis zu Sais: Die Wahrheit ist in der Diktion Nietzsches eben doch ein Weib, wie wir in der „Fröhlichen Wissenschaft“ nachschlagen können. Lesen bedeutet eine Auf- und Entdeckungsorgie zu unternehmen. Lesen wie Schreiben webt Schleier, Hüllen und Stoffe. Bücher sind insofern Fetische, sie schieben sich vor etwas. Beim Olfaktorischen und Haptischen angefangen. Besondere Objekte, denen Sinn und Sinnlichkeit innewohnen. Bücher transportieren und entziehen dabei zugleich einen dunklen Grund, den sie in der Geste des Schreibens, in einer Trasse der Schrift als Text wiederum sichtbar bzw. lesbar machen, um ihn gleichzeitig wieder und im selben Zug zu verbergen. Diese Schrift-Szenen zu entdecken und erfahrbar zu gestalten, ist der Ort von Theorie, ist die Arbeit eines Essays. Ist der Ort von Kupido. Berührungen – auch wie jene tastenden Finger, die langsam, wild, begehrend unter die Wäsche ins Warme gleiten.

Lange Zeit bin ich abends in Cafés gegangen.

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Von einer problematischen Reflexionsfigur. Byung-Chul Han „Die Errettung des Schönen“

„Schönheit also ist nichts anders als Freiheit in der Erscheinung.“
(F. Schiller, Kallias oder über die Schönheit)

„Im Schönen setzt sich der Mensch als Maass der Vollkommenheit; in ausgesuchten Fällen betet er sich darin an. (…) Im Grunde spiegelt sich der Mensch in den Dingen, er hält Alles für schön, was ihm sein Bild zurückwirft: das Urteil ‚schön‘ ist seine Gattungs-Eitelkeit.“
(F. Nietzsche, Götterdämmerung)

Ein wenig in meiner Bibliothek gesucht, mit der Spitze meines Zeigefingers an den Buchrücken in der Abteilung „Philosophie“ entlanggezogen, so daß es ein leicht schabendes Geräusch ergibt, die passenden Bücher aus dem Staub sowie der alphabethischen Ordnung der Toten und der Lebenden gefischt, und schon springen mich diese zwei Zitate an, die im Grunde genommen die beiden gegensätzlichen Bewegungen betreffs einer Ästhetik des Schönen anzeigen. Ontologisierung des modernen Subjekts beim Betrachten und im Freiheitsverzücken steht gegen die Genealogie unserer Begrifflichkeiten und Urteile. Der Moderne zum Ausklang des 19. Jahrhunderts erscheinen die Dinge, die Entitäten und insbesondere das Subjekt selbst verdächtig. Zur Selbstverständlichkeit wurde, daß nichts mehr selbstverständlich ist. Solche Kritik, die von Nietzsche, über Adorno bis hin zu Foucault und Derrida reicht, verlernten die meisten weitgehend. Anderes Thema aber.

u1_978-3-10-002431-2.39902198Daß ein Buch das Schöne zu retten sich anschickt, mag zunächst gewagt erscheinen. Galt doch der Ästhetik des 20. Jahrhunderts dieser Begriff wenig. Im Angesicht von Zertrümmerung und Fragment, von Destruktion, Ich-Übersteigerung samt dessen Diversifizierung, Konventionssprengung sowie einer Ästhetik des Erhabenen und während die ästhetische Form sich verflüssigte, multipel geriet und zwischen Hyperrealismus, Kubismus, Surrealismus, stream of consciousness, innerem Monolog, Stunde-Null-Realismus, hermetischem Text oder Nouveau roman sich verzweigte, gab es für die einstmals bedeutsame Kategorie des Schönen wenig Platz. Schönheit geriet zwischen die Fronten, war mit dem Geruch des Althergebrachten oder aber einer Art von Kunstgewerblichkeit versehen und damit der Moderne Anathema. Freilich – in den Subtexten verborgen lag sie allemal vor und war eigentlich nie abwesend, sondern wechselte ihre Gestalten. Proteushafter Begriff also, der es erforderlich macht, sowohl Kant und Schiller wie auch Nietzsche zu lesen. Denn Schönes kann sowohl in der Grausamkeit als auch in der Härte der Reflexion, im schonungslosen Realismus, der uns den Ursprung der Welt öffnet, wie in der ornamental verzierten Abstraktion oder im freien Spiel interesselosen Wohlgefallens am Werk sein. Die Einbildungskraft ist vielfältig gepolt und wir unterliegen mannigfaltigen Strukturen, die unsere Referenzrahmen formen – und manchmal auch foppen.

Im Zeitalter des Medialen, zwischen Facebook und Twitter sowie anderen Formen der Virtualität ist für Byung-Chul Han das Glatte, mithin das bloß Gefällige und Eingängige die „Signatur der Gegenwart“. Dieses Glatte verkörpert die Positivgesellschaft. Es verletzt nicht, sondern es heischt nach Facebook-Likes, und so wird im Grundton des Unkomplizierten jegliche Negativität beseitigt. (Der englische Begriff „virtue“ heißt ins Deutsche übersetzt übrigens Tugend, und die Virtualität ist etymologisch genommen zugleich auch die Möglichkeit.) Das Glatte ist nicht das Schöne, sondern bloß das Gefällige. Das Glatte ist distanzlos, während vom schönen Kunstwerk eine Stoßrichtung ausgeht. Repulsion und Attraktion sind seine Attribute, sind seine Kraftfelder. Es herrscht, wie beim Erotischen, ein „rhythmische Wechsel von Anwesenheit und Abwesenheit, Verschleierung und Entschleierung“. Das Erotische, dem Schönen verschwistert, ist das Gegenteil des Pornographischen, dem es um die bloße Sichtbarmachung und um die Enthüllung ohne Geheimnis geht. (Hans Manichäismus oder aber in den Termini der Moderne sein Dualismus übersieht jedoch die Subtilitäten des Pornographischen bzw. er blendet sie aus. Im Sinne eines umfassenden Eros besetzen wir den nackten Körper mit unsern Sinnen ebenfalls pornographisch. Aber dies ist ein anderes Thema und erforderte, sich genauer mit dem Begriff des Pornographischen auseinanderzusetzen. Ebenso verkennt Han den zuweilen auch spielerischen Charakter des „Likens“: der Mensch ist ja bekanntlich nur dort ganz Mensch, wo er spielt.)

Für Han steht, ich schrieb bereits an dieser Stelle darüber, die Kunst von Jeff Koons für jene fatale Tendenz zum Glatten. „Allein die Positivität des Glatten löst den haptischen Zwang aus. Sie lädt den Betrachter zur Distanzlosigkeit, zum Touch ein. Ein ästhetisches Urteil setzt aber eine kontemplative Distanz voraus. Die Kunst des Glatten schafft sie ab.“ Was Han zu recht kritisiert – Koons fungiert hier lediglich als Name für eine Tendenz –, ist eine Kunst des Gefälligen und Angenehmen, eine Kunst des haptischen Reizes. Koons Skulpturen vermitteln „eine vollkommene, optimierte Oberfläche ohne Tiefe und Untiefe.“ Worauf Han abzielt, ist die (ästhetische) Distanz: Ohne diese sei keine Mystik und keine ästhetische Erfahrung möglich. Ersteres würde ich zwar nicht in solche esoterische Begrifflichkeit kleiden, wobei man den Begriff der Mystik ebenso als eine Art Metapher nehmen kann. Was Han jedoch zur ästhetischen Distanz schreibt, ist nicht von der Hand zu weisen, wenn es im Umgang mit Kunst darum gehen soll, noch irgendwie einem Anderen als dem eigenen Narzißmus der Selbstbildungen oder der Selbstfindungen gewahr zu werden. Denn in den gelungenen Kunstwerken (und auch in der Philosophie bzw. der ästhetischen Theorie, so möchte ich ergänzen) manifestiert sich die Erfahrung von Alterität: etwas wie Entgrenzung und Ichverlust, und es hebeln sich, fast mit Schopenhauer gesprochen, alle Schranken und Grenzen aus.

„Die sauberkeits- und hygienebesessene Gesellschaft von heute ist eine Positivgesellschaft, die Ekel empfindet angesichts jeder Form von Negativität.“ Wer Han in solchen Stellen Oberflächlichkeit oder einen Hang zu Allgemeinplätzen vorwirft, der vergleiche das gängige Schönheitsideal, das in dieser Gesellschaft herrscht und das den eigenen Blick auf die Schönheit präformiert, mit diesen Sätzen. Han mag zuspitzen und häufig auch vereinfachen, doch er trifft eine Tendenz. Das Ungeglättete und nicht ganz Perfekte fasziniert uns allenfalls an dem Wesen, was wir heute in verdinglichter Sprache unsere Partnerin nennen. Ansonsten zieht im Blick der meisten das Makellose besser. Die reine glatte epilierte Haut, schreckliche, haarfreie Muschizonen: das geht soweit, daß sich Menschen die Haare aus dem Arschloch entfernen lassen – eigentlich ein Gebiet, in das nicht viele andere blicken. Han moniert jenen Echo- und Spiegelbildnarzißmus, unter dem es nicht mehr zur Alteritätserfahrung und vor allem zu der Erfahrung kommt, daß der Andere unaufhebbar der Andere und ein Anderes bleibt, mit all seinen Makeln und auch den schiefen Stellen – eben eine Negativitätserfahrung, die nicht nur für die Kunst der Moderne konstitutiv sein sollte, sondern ebenso für die intersubjektiven Anerkennungsverhältnisse.

Gegen diese Ästhetik des Glatten und die medialen Verwerfungen der Gegenwart, die Han bereits in zahlreichen seiner Bücher kritisierte, mobilisiert er einen Begriff von Schönheit, wie wir ihn aus der antiken Philosophie von Platon her kennen: eine Metaphysik des Schönen, die mit der neuzeitlichen Ästhetik kontrastiert. In dieser gilt das Ideal subjektiver Selbstreferenz, und es bestätigt das Schöne lediglich das Subjekt in seiner Autonomie bzw. in seiner „autoerotischen Subjektivität“, so überspitz Han. Zudem scheidet diese Ästhetik das Schöne vom Erhabenen und bringt die einstmals korrespondierenden Begriffe in den Gegensatz. In dem von Han konzipierten Begriff von Schönheit, den er wiederzubeleben sich anschickt, verschränken sich jedoch Aspekte wie die der Negativitätserfahrung, des Wahnsinn (wie wir ihn in Platons Programm der Schönheit kennen), Erhabenes und Schönes sowie eine Erfahrung wesentlicher Andersheit. Schönheit ist für Han ein Versteck, ihr sind das Verbergen und auch der Entzug wesentlich. In diesem Ansatz Hans vermischen sich Platonische und Heideggersche Motive, was zunächst zwar, von Inhalt dieser unterschiedlichen Philosophien – die eine Metaphysik, die andere fundamentale Kritik an dieser – befremdlich erscheinen mag, in Hans Programm jedoch, sieht man einmal von dem doch apodiktischen Ton ab, durchaus funktioniert.

Ein weiterer Aspekt des Schönen ist der Ursprung der Kunst aus dem Fest. Han setzt – orientiert an Benjamins Passagen aus seinem Kunstwerkaufsatz, wenngleich diesen nicht explizit nennend – den Ausstellungswert und den Kultwert eines Kunstwerkes in bezug. Allerdings vertauscht Han die Vorzeichen. Zentral wird für Han nun wieder der Kultwert, um jenem Spektakelcharakter der Kunst zu opponieren, der sich in den Ausstellungen und Musealisierungen zuträgt. „Der Ausstellungswert verdrängt den Kultwert. Die Kunstwerke werden nicht an der Feststraße aufgestellt, sondern in Museen ausgestellt. Ausstellungen sind keine Feste, sondern Spektakel. Das Museum ist ihre Schädelstätte.“

Wenn Fest und Kunst korrespondieren sollen, dann ist das Museum eine Notlösung oder aber eine Form des Verfalls. Diese Umpolung der Kunst, weg vom Museum bringt sie allerdings in die Nähe zum Pop, obgleich solche Annäherung von Han sicherlich nicht intendiert ist. Denn sofern wir den Begriff des Festes nicht regrediert oder in archaischer Manier verwenden möchten, kann unter heutigen Bedingungen nur noch die Performance bzw. das Ineinandergehen von Kunst und Ereignis gemeint sein: Kunst und Fest verquicken sich, wenn in einer Independent-Galerie, wie es so schön als Spielmarke heißt, zu gereichten alkoholischen Kaltgetränken sowie Musik, Zeichnungen oder Gemälde in einen eigenwilligen Kontext gestellt werden, wenn ein Mann und eine Frau Hand in Hand und Kuß an Kuß wie versonnen und betäubt vor den Bildern stehen, staunen, reden, palavern, einander mit Blicken und Bissen gefangennehmen und dabei die Kunstwerke dennoch nicht unwesentlich bleiben: Ereignis einer Nacht, das dann, sofern reflexiv eingeholt, wiederum in ein Kunstwerk, in eine neue Geschichte münden kann. Meist finden solche wilden und ausufernden Veranstaltungen nur noch in solchen Räumen statt, die vom offiziellen Kunstbetrieb abgezirkelt sind. Dort wird die Kunst zum Fest. Aber zwei besondere und verwegene Menschen vermögen dieses Ereignishafte zwischen Rausch, Kunst, Theorie und Körper ebenso bei einer Ausstellungseröffnung im hochkulturellen Milieu zelebrieren.

Hans Ausführungen zum Schönen reißen leider häufig bloß Thesen an, ohne sie im Rahmen philosophischer Ästhetik zu vertiefen oder im Detail auszuarbeiten. Dieser Mangel zeigt sich bereits an Hans komprimierter Sprache, die in eine Kanonade der Hauptsätze und der Proklamationen verfällt. Solch traktatartiges Schreiben liest sich nicht wirklich schön und zeugt stilistisch von wenig Gespür. Das, was man die Musikalität der Sprache nennt, sollte für einen Text, der über das Schöne schreibt, ebenfalls wesentlich sein: Die Darstellung darf und kann der Sache niemals äußerlich bleiben. Man muß nicht beständig Adorno oder Derrida bemühen, aber wenn ich lese, wie sich bei ihnen oder bei Benjamin die Sache aus der Sprache selbst entwindet, Sache und Sprache in einem nicht bloß äußerlichen Verhältnis stehen und wie in dialektischer Verve, mit Trick, Spiegelung und Drehung ein Sachverhalt zur Entfaltung gelangt, dann erfreut solche Lektüre naturgemäß mehr als die Hans. Von Adorno läßt sich, was die Form der Darstellung betrifft, manches lernen, sofern man gewillt ist, dialektisches Denken nicht nur zu proklamieren, sondern es akut und aktuell werden zu lassen. Ein Ästhetiker, der über Ästhetik schreibt, muß entgegen dem Valéryschen Diktum selber nicht unbedingt gut aussehen, aber er sollte stilsicher schreiben. Ich folge Han zwar in manchem seiner Thesen. Ich lese diese Argumente jedoch nicht mit Genuß und Freude, wie dies bei den genannten Autoren geschieht.

Andererseits schafft es Han, eine Theorie kurz und knapp zu formulieren. Die eine oder der andere mag ihm diese eher seichte, stakkatoartige Form von Philosophie und Thesenhaftigkeit vorhalten, als stünde der leibhaftige Luther mit Hammer und Nagel vor der Kirchentür. Das ist nicht ganz von der seitenblätternden Hand zu weisen, und Han ist von der Form seiner Thesen her den von ihm kritisierten Phänomenen des Seichten und Glatten näher, als ihm lieb ist, doch sollte bei aller berechtigter Kritik am Stil nicht ganz vergessen werden, daß es sich hierbei um ein populärwissenschaftliches Sachbuch handelt, das einem breiterem Publikum Positionen gegenwärtiger Ästhetik und insbesondere die Kritik an einem bestimmten Standard der Kunst vermitteln möchte – gleichsam der Stand der Schönheit, the state of art, im Angesicht der Zerrüttung: in komprimierter Form wie ein Facebook-Dislike dargeboten. Dennoch möchte ich darauf hinweisen, daß in dieser Reihe „S. Fischer Wissenschaft“ deutlich besser geschriebene Bücher erschienen sind. Etwa Martin Seels „Die Künste des Kinos“, das ich jedem ans Herz lege, der für Film brennt, oder aber Ralf Konersmanns ungemein kluges Buch „Die Unruhe der Welt“, das im besten Sinne des Wortes Bildung ist.

Schwerer wiegt allerdings der Vorwurf, daß Han in seiner Proust-Interpretation der Madeleine-Episode, den Autor des Romans und den Erzähler dieser Erinnerungsintensivierung in eins setzt. Es ist nicht Proust, der spricht, wie Han dies schreibt, sondern ein Ich, das an zwei Stellen im Roman als „Marcel“ bezeichnet wird. Dieser Vorwurf mag kleinlich oder pedantisch erscheinen, aber zumindest zeigt sich darin, daß dieses Buch flüchtig gearbeitet ist und ein Lektorat gut vertragen hätte. Wäre dieses Buch von einem Doktoranden oder einem Magisterphilosophen beim Fischer-Verlag eingereicht worden, verwette ich meine Weinsammlung darauf, daß der Verlag es aus inhaltlich-formellen Gründen flugs abgelehnt hätte.

Eine Stärke des Buches ist es sicherlich, daß Han jenes „Gefällt-mir“ als Ausdruck vermeintlichen Urteilens drastisch kritisiert: Die Beliebigkeit des Meinens, das sich allerorten spreizt, als wäre es ein irgendwie verbindliches und verbindendes Urteil, und dem ein Ding so gut wie das andere gilt. Austauschbarkeit eben. Schön in einem emphatisch verstandenen Sinne ist nicht das (kantische) „interesselose Wohlgefallen“, denn dieses wird vom Schönen transzendiert, so schreibt Han zu Recht, sondern er bindet das Schöne wieder an den Begriff der Wahrheit. Mag dies in Hans Weise auch proklamatorisch und allzu thesenhaft mit wenig Esprit des Textes erfolgen, so handelt es sich dennoch um eine wichtige Geste, Kunst und Wahrheit wieder in ein Verhältnis zu bringen inmitten einer Epoche, die sich einzig noch die Modi ästhetischer Erfahrung auf die Fahnen schrieb und diese in den unterschiedlichsten Posen variierte; mithin eine Rückkehr zur Rezeptionsästhetik und an die Befindlichkeitsstufen zelebriert. Diesen Zug revoziert Han, und diese Lesart des Schönen macht das Buch trotz vieler Schwächen lesenswert. Vor allem wären seine Thesen ausbaufähig. Insofern  sollte man es als eine Art Heuristik benutzen.

Wir können Hans Buch in zwei Richtungen hin betrachten: Als Aufkochen und Zusammenbringen verschiedener Positionen der Kunstphilosophie, sozusagen ein knappes Patchwork für Ästhetiker, was sich dann zwischen Kant, Adorno, Blanchot, Barthes, Gadamer, Heidegger und Benjamin bewegt und in diesen Kontexten für ein allzubekanntes Denken der Alterität steht, dem die Unverfügbarkeit und das Einbrechen eines Anderen sowie das Nichtidentische eingeschrieben ist: Han entwickelt ein Konzept von Schönheit, das auf eine Epoche zurückgreift, die wir als nichtkonsumistisch konzipierte uns vorstellen müssen, gleichsam eine antipostmodernistische, essentialistische Postpostmoderne. Die andere, wohlwollende Lesart konzediert diesem Buch, daß es verschiedene Ansätze der Ästhetik in einen Zusammenhang bringt und aus diesem Kontext versucht, eine starke, wenn auch wohlbekannte These abzuleiten. Han versucht, den Begriff des Schönen zu retten. Allerdings mißlingt dies am Ende, weil die proklamatorische Sprache sowie die simpel gebauten Sätze, die Verschichtungen des Schönen und seine Vielfalt konterkarieren. Das gerät dann weniger schön.

Ein passender Untertitel, der sich für dieses Buch  eignete, wäre „Ein Manifest“ gewesen. Das Kursorische und Eliptische des Buches spiegelten sich in diesem Titel angemessen wider.

Byung-Chul Han, Die Errettung des Schönen, Fischer Verlag, 107 Seiten, EUR 19,99

 

Manufactumkatalog wie auch das schöne Leben. Oder von der Arschlangeweile der Koons-Kunst

„Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken,
… ein aufheulendes Auto … ist schöner als die Nike von Samothrake.“
(Filippo Tommaso Marinetti, 1909=)

Ich habe mit der Lektüre von Byung-Chul Hans im Juli erschienenen Büchlein „Die Errettung des Schönen“ begonnen, darin ich gleich zu Anfang eine harsche Kritik an der Kunst von Jeff Koons finde. Das freut mich zugegebenermaßen, denn richtig liegt Han mit seinem Urteil, daß die Kunst Jeff Koonsʼ an der Oberfläche bleibt, bewußt infantil sich spreizt und in ihrer Form banal ist – mit dem Ziel reiner Ökonomisierung von Kunst sowie einer veritablen Portion Anästhesie, so muß man Han ergänzen und zudem fragen, ob es sich überhaupt noch um Kunst handelt, sondern nicht vielmehr um einen Zwischenzustand: Von der Kunst borgt sich Koons den Impetus, veredelt, pfropft auf, wie der liebe Gärtner, um Seichtes zu veredeln: als Produkt oder genauer als Ware, die sich kunsthaft geriert, erscheint eine Art von Hybrid. Nicht benutzbar freilich, nicht einmal zum Anfassen: „Berühren verboten!“ prangt da als Schrift im Zeichen des Museums. Zum Ansehen und Kaufen gedacht.

Zudem kritisiert Han, daß diese Kunst kein Denken bzw. keine ästhetische Reflexion mehr notwendig mache. Insbesondere Koonsʼ glatten Ballon-Skulpturen, die lediglich einen haptischen Zwang auslösen – immerhin etwas, könnte man da noch entgegnen –, sind mehr einem Designobjekt verwandt als einem Kunstwerk. Trendgemäßes wird uns von fleißig werkelnden Manufactum-Gesellen geliefert, paßformgenau für die Rezeption aufbereitet: Reines Fühlen und Spüren ersetzen Reflexion und Denken; und etwas, das ich ebenfalls nicht müde werde zu kritisieren: Kunst ist beim bloß noch Genießerischen angelangt. (Von der Sphäre des Geistes, der für Hegel und in anderer Weise und unter anderem Begriff auch für Kant noch virulent war, ganz zu schweigen. Solche Höhe der Zeit erwarte ich heute nicht einmal mehr im Ansatz. Es setzte solcher Geist samt Metaphysik zudem zuviel voraus.)

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Dieser kunstkritische Befund Hans freilich, für den er pars pro toto Koonsʼ Kunst nimmt, ist so neu nicht. Es handelt sich im Hinblick auf die Künste der Spätmoderne um einen mittlerweile doch konsensfähigen Topos, der in die Breite der Meinungen vordrang: die Leere der bildenden Künste, ihr Leerlauf und ein System der kreisenden, zirkelnden Selbstreferenz und des Beliebigen. Die mit Blindheit und Taubheit Geschlagenen mobilisieren entsprechend die übrigen Sinne, wenn es Gesichts- und Hörsinn zu anderem nicht mehr schaffen. Touch too much!

08_05_03_D300_1503Wenn Han die Kunstwerke von Jeff Koons mit dem Brazilian Waxing gleichsetzt, weil es nur noch um die glatte wie auch die spuren- und makellose Oberfläche geht, mag dieser Zug bei Han in polemischer Absicht erfolgt sein, denn fairerweise muß man selbst Koons zugestehen, daß er in den 90er Jahren einmal Dinge gemacht hat, die insofern interessant waren, als seine Kunst – wenn auch ex negativo oder aber in der Form einer „Mimesis ans Tote“ – auf die Korruption oder höflicher geschrieben die Kaputtheit des Betriebs deutete, der die schöne Oberfläche zum Inhalt hatte und das Brutale, das Grausame der Kunst sowie ihr Abstoßendes zähmte. Bilder Kandinskys, die in einer Deutschen Bank hängen, so dachte ich bereits Ende der 80er Jahre, haben die Visionen, die Angriffe wie auch die Ausgriffe der klassischen modernen Kunst zum Beginn des 20. Jahrhunderts insgesamt verändert. Was von den Programmen der inzwischen historisch-musealen Avantgarden blieb, sind Verkaufszahlen, Kunst als Kulturspektakel, Distinktionsgewinnung qua Kunst sowie Galerien und Privatsammlungen, die zuweilen als Schenkung oder leihweise einem Museum Werke überlassen. Das erweist sich für beide gleichermaßen als eine Win-win-Situation. Das Museum veredelt das Werk durch einen öffentlichen Raum. Das Museum augmentiert sich mit einem feinen Namen. Freilich sind dies unhintergehbare Fakten, und es sind regressive Tendenzen, die auf einen unverstellten Zustand der Kunst im Zeichen von Versöhnung völlig unangebracht, solange realiter die Verhältnisse sind wie sie sind. Diese Regungen zeugen allenfalls von unserem sentimentalen und zugleich seriellen Charakter und verweisen auf die Tendenz der Latenz (um hier noch einen Reim draufzusetzen). Wie wir immer wieder diese sentimental journey einer Kunst als dem ganz Anderen lieben und schätzen.

10_12_18_D_300_11067Koons ist, war und wird dies immer bleiben: ein überschätzter und oberflächlicher Künstler. Doch ist er nicht oberflächlich aus Tiefe, wie Nietzsche die Oberflächlichkeit und das Spiel seinerzeit noch zu rühmen wußte. Koons ist der Ausdruck einer objektiven Tendenz und passend zu einer Zeit, in der Reflexion und Denken zu seltsamen Tätigkeiten von skurrilen Menschen verkommen sind. Der Anstrengung des Begriffs wurden die Seichtigkeit  des Spürens, das unendliche Gefasel und der Instagram-Fotofilter entgegengesetzt. Am Ende freilich geht es bei Koons weniger um Kunst als um den Marktwert. Koons ist, wie viele andere Entäußerungen in diesem Betrieb ebenso, ein rein ökonomisches Phänomen. Kein ästhetisches. Das Phantasma der Kunst. Ich hörte Koons anläßlich einer Ausstellung in der Frankfurter Schirn, in einem Interview: Es war ein furchterregendes Gefasel, daß mich an einen Vertreter erinnerte, der mir ein Produkt schmackhaft machen möchte, das kein Mensch benötigt. Wenn Koons in einem Interview äußert, daß er mit seinen Kunstwerken „den Zuschauer automatisch in seiner Selbstgewissheit bestärken will“, so zitierte Byung-Chul Han, dann wäre es angeraten, Koons schörte in einem Beauty-Salon als Friseur das Menschenhaar oder arbeitete als einer jener Motivationstrainer, die auf einer Bühne herumspringen und chaka chaka ins Headset trompeten.

Koons ist Effekt – für kurze Zeit witzig, dann vergessen. Es ist die Pop-Art der Pop-Art als bloßer Nachhall. Doch heute ist alles Pop, Scherz, Ironie und seichte Bedeutung. Die unendliche Ironisierung von allem und jedem befreit uns noch von der subtilen Ironie und gemeindet diese in die Diskurse der unendlichen Verlachung. Und dies entleert am Ende auch den einstmaligen Witz, der in der Kunst von Jeff Koons stecken mochte. Sie ist zur bloßen Affirmation und zur Akklamation verkommen. Schöner Wohnen für eine sich kunstsinnig dünkende Schicht, die von der Kunst soweit entfernt ist wie ein Klumpen Kiffstoff von deus sive natura.

Oh Freunde, nicht diese Töne, denn es sind doch die immer alten und dieselben Lieder, und manche rufen mit dem Brustton der Empörung: „Ach, die konservative Kulturkritik! Wie unoriginell! Wie Botho Strauß“ Da jedoch die sich perennierende Langeweile sowohl der Kritik an der Kritik der Kulturindustrie wie auch diese Industrie der organisierten Kultur- und Kinderkunstfreizeit selber nur in ihren Ausprägungen sich änderte, hängt der Kritikersound in der Tonspur der Wiederholung, die sich freilich immer wieder neu ihren herabgesunkenen Phänomen anpassen muß, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Als Fazit ist jedoch zu ziehen – egal wie man Koons nun wertet und sieht –, daß diese Kunst als eine ausgesprochen langweilige sich behauptet. Am Ende halte ich den fein spiegelnden, glänzenden Lack eines Autos aus den 60er Jahren für sehr viel erotischer und sinnlicher als ein Objekt von Koons. Vor allem aber: ich kann etwas damit machen. Das geht bei Koons belangloser Kunst nicht. Nicht einmal ist es erlaubt, die Objekte zu berühren. Wie lächerlich und läppisch! Glotzen und weitergehen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAByung Chul Hans Reaktion auf Koonsʼ Objekte liefert in diesem Buch über die Schönheit einen treffenden Befund. Daß er Koons in eine Reihe mit dem Brazilian Waxing oder dem iPhone stellt, mag einem maliziösen Blick geschuldet sein, scheint mir aber dennoch kein allzu übertriebenes Fazit des Kapitels zu Koons. Andererseits ist Koons ein Gegner, der es der Kritik leicht macht. Sehr viel interessanter wäre es, bei den subtiler sich gerierenden Kunstwerken anzusetzen. Aber dieser Aspekt von Identität und Wiederholung im Bezirk der Kunst wäre ein eigenes Thema, das die Logik der Innovation mit umfaßt, und es stellt sich die Frage, wie wir unsere Lektüren und Texte um diese Kunst gruppieren wollen und inwiefern wir uns ihr aisthetisch oder aber ästhetisch nähern. Oder inwiefern wir es verstehen, uns ihr als Praktik eines Textes zu nähern und in der Distanz zugleich einen neuen Blick zu setzen.
Ob man die von Han visierte Schönheit der Kunst jedoch wird retten können, wie es der Titel des Buches zunächst suggeriert, wird sich im Verlauf der Lektüre zeigen. Eine Buchkritik folgt im Laufe dieser Woche.
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10 Jahre Facebook: Heidegger, Byung-Chul Han, Flusser und das Internet. Oder auch: Strukturwandel der Öffentlichkeit?

Heidegger, ontisch gelesen und ins Gesellschaftlich-Allgemeine gehoben, in den Raum der Befindlichkeiten gebracht: da wo die tausend Themen wuchern. Nein, keine Angst, es wird diesmal kein Heidegger-Seminar. Sondern nur: Das Internet als Kommunikationsraum. Alles in irgendeiner Weise wichtig, alles irgendwie nebeneinander – die synchronen Texte, im diachronen Raum des Internets dargeboten. All die Debatten, die geführt werden, all die Plauderblogs, alle die wichtigen Blogs, die Interessantes bieten. All die unwichtigen Töne. Eine Gemengelage entstand, ein heterogener Sound, teils ein Plapper-Sound, der sich in der Blogwelt in Wort, Bild und Ton entlud; eine Auswahl an Themen, die auf Homepages, Blogs, Online-Plattformen, Online-Zeitungen oder in den sogenannten Social Media wie Facebook dargeboten werden. Die sogenannte Kulturkritik, die keine Gesellschaftskritik sein möchte und es von ihrer Strukturierung her auch nicht sein kann, hat es in diesem Feld leicht, Häme, Ranküne oder Kritik zu produzieren, um das Erlesene und Höhere der eigenen Position ins Spiel zu bringen. Allein schon durch die unendliche Unwissenheit ihrer Gegner. Wer gestern in Lüneburg Kulturwissenschaften studierte und dann über das Digitale schreibt, ist als Schreiber nicht wirklich ernstzunehmen. Als Denkender schon gar nicht.

Schließen wir Heidegger also mit dem Internet kurz. Passend zum Jubiläum von Facebook. Alle sind da, alle sind drin, keiner mag es.

Es gibt eine Sicht aufs Internet, die zu einer umfassenden Kritik des Mediums ansetzt und das Internet insgesamt als eine Verfallserscheinung lokalisiert. Solche umfassende Medienkritik spricht Verteufelungen und Bannflüche aus oder zeigt die Schattenseiten. Es fielen, so orakeln die Auguren und Weisen, die Benutzer des Digitalen von einem einstmals Echten und Authentischen ab. (Was immer dieses Ursprüngliche, Echte und Authentische sein mag.) Zu solchen Kritikern der Netzwelt gehört Byung-Chul Han, der an der Berliner U.d.K. Philosophie und Kulturwissenschaft unterrichtet und sehr von Heidegger geprägt ist. Unter anderem promovierte Han über Heidegger. Seinen Unmut auf die digitalen Welten äußerte er in verschiedenen Büchern, jüngst in dem kleinen Bändchen „Im Schwarm“, das 2013 im Verlag Matthes & Seitz erschien. Auch hier zeigt sich, daß das Studium und das Lehren von Kulturwissenschaft zu Kurzschlußhandlungen im Schreiben und verkürztem Denken führen. (Eine kleine Besprechung zu diesem Buch folgt hier demnächst.)

Ebenfalls lieferte Heidegger in „Sein und Zeit“ eine Sicht auf jenes an die Uneigentlichkeit verfallene Dasein, das sich im Gerede des Man bewegt. (Freilich bleibt dieser Begriff des Daseins bei Heidegger zugleich vom empirisch-faktischen Subjekt freizuhalten.) Zudem betont Heidegger in seiner phänomenologischen oder fundamental-ontologischen Lektüre, daß es ihm nicht darum geht, diese Sphäre des Uneigentlichen abzuwerten, sondern vielmehr verfolge seine Interpretation eine ontologische Absicht, die von einer „moralisierenden Kritik des alltäglichen Daseins und von ‚kulturphilosophischen‘ Aspirationen weit entfernt ist“ (M. Heidegger, Sein und Zeit, § 34). Ganz und gar nicht handelt Heideggers Philosophie von den Werten. Mit Carl Schmitt geschrieben kann man vielmehr von einer „Tyrannei der Werte“ sprechen und diese nimmt Heidegger – inmitten der ontischen Sphäre – implizit in die Kritik. (Alles dies sind bis in die Gegenwart hinein – über den Begriff der Dekonstruktion sowie die politisch-moralisch aufgeladenen Diskurse – sehr aktuelle Themen.)

Die Uneigentlichkeit bei Heidegger ist – fast dialektisch gesprochen – in ihrer Uneigentlichkeit sehr eigentlich da, weil sie ebenso wie das Man zur existentialen Verfassung des Daseins wesentlich mit dazugehört. Dennoch wird diese Sphäre von den Begrifflichkeiten Heideggers und in der Durchführung immer wieder von der Bestimmung her als Verfallserscheinung in Anschlag gebracht: die (bürgerliche) Öffentlichkeit z.B., das allzu Kommunikative, ist ihm nicht geheuer: Öffentlichkeit, so Heidegger ist über die Struktur des Man als Abständigkeit, als Durchschnittlichkeit, als Einebnung konstituiert. „Sie regelt zunächst alle Welt- und Daseinsauslegung und behält in allem Recht.“ (Ebd., § 27).

Dieser omnipräsente Zug, diese Hybris legt sich über jegliche Regung des Daseins und verdeckt jene andere Sphäre. Leider bleibt Heidegger in all diesen Bestimmungen immer wieder in den Termini von Echtheit und Eigentlichem hängen, die den (undialektischen, antithetischen) Gegenpart zum Verfall bilden, ohne der zugleich fortschrittlichen Komponente einzugedenken, die im Begriff der Öffentlichkeit steckt. „Die Öffentlichkeit verdunkelt alles und gibt das so Verdeckte als das Bekannte und Zugängliche aus.“ (Ebd.) Immer wieder dies: Die verteufelte „Dialektik der Aufklärung“ bleibt Heidegger fremd. Wer das produktive Moment der Öffentlichkeit in den Blick bekommen möchte, die oder der seien auf Jürgen Habermas‘ teils sehr anregendes, frühes Werk „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ verweisen. Das ist allemal mehr und gehaltvoller als das, was uns die sogenannten Internettheoretiker mit dem Studienabschluß Kulturwissenschaften anbieten. Bei Habermas wird Basales zum Begriff der Öffentlichkeit geliefert wird, ohne daß der kritische Gehalt dieses Begriffes preisgegeben oder lobhudelnd über den grünen Klee affirmiert wird.

Öffentlichkeit das ist auch: Zehn Jahre Facebook. Dazu fällt mir Lobendes-Preisendes nicht viel ein, weil ich dieses Medium, wie auch Twitter, für eine Verschwendung meiner Lebenszeit halte. Entweder ich twittere und facebooke oder ich lese bzw. schreibe einen zusammenhängenden, von Argumenten bzw. einer bestimmten Struktur getragenen Text. Beides geht nicht. Wer twittert, sie oder er habe Lacan und Foucault gelesen, ist meist über die ersten Seiten nicht hinausgelangt. Aber es klingt gut, wenn Hunderte eine im Grunde nicht vorhandene Lektüre mitgeteilt bekommen: Habe Lacan und Foucault gelesen. Wie das eben ist: manche geben sogar vor, Kant gelesen zu haben und bekommen die basale Unterscheidung von transzendental und transzendent nicht hin. Selbst dies gibt es in der Blogwelt. Ja: diese Form von Öffentlichkeit hat auch etwas mit dem Posertum und dem Narzißmus zu schaffen.

Nein, ich verteufele Facebook und Twitter nicht. Es sind in bestimmtem Rahmen nützliche Kommunikationsmedien, wenn man sie denn wieder abzuschalten weiß. Wer aber schreibend und lesend am Schreibtisch sitzt und froh ist, wieder eine Flasche Riesling oder Blauen Zweigelt aus den Klösterlichen Weingütern von Schulpforta trinken zu dürfen, benötigt Facebook nicht. Wozu gesellig sein, wenn es auch für sich alleine sehr viel besser geht? Die tiefste Versenkung in den Text findet in der Ruhe der intensiven Lektüre statt. Jeder Philosophierende, der in dieser Weise liest und aufnimmt, ist per se Zen-Meister und bedarf da keiner weiteren Meditationen. Überhaupt: die einzigen Meditationen, die ich kenne, sind die von Descartes und Husserl. (Das ist leider nicht von mir, sondern der Satz stammt von Jacques Derrida. Ich teile ihn. So leicht geht es zu liken und den gehobenen Daumen zu inszenieren. Auch das nicht neu. Facebook hat für das System der Affirmation lediglich ein Logo oder ein Symbol geschaffen.)

Nun aber wieder zu Heidegger in Korrespondenz mit der Welt des Digitalen. Eigenartig aktuell scheint mir dieses Zitat nach wie vor, und insbesondere im Kommunikationsraum des Internet treffen diese Sätze Heideggers mehr als nur einen Nebenschauplatz:

„Die Seinsart der Erschlossenheit des In-derWelt-seins durchherrscht aber auch das Miteinander als solches. Der Andere ist zunächst ‚da‘ aus dem her, was man von ihm gehört hat, was man über ihn redet und weiß. Zwischen das ursprüngliche Miteinandersein schiebt sich zunächst das Gerede. Jeder paßt zuerst und zunächst auf den anderen auf, wie er sich verhalten, was er dazu sagen wird. Das Miteinandersein im Man ist ganz und gar nicht ein abgeschlossenes, gleichgültiges Nebeneinander, sondern ein gespanntes zweideutiges Aufeinander-aufpassen, ein heimliches Sich-gegenseitig-abhören. Unter der Maske des Füreinander spielt ein Gegeneinander.“ (M. Heidegger, Sein und Zeit, § 37)

Wir könnten ebenso schreiben: Überwachen und Strafen. Aber nicht mehr im Sinne des von Foucault konstatierten Panoptismus, sondern als eine Form der Durchsichtigkeit, in der jede/r zugleich Sehender und Gesehener sein kann. Ein post-panoptisches Szenario, in der sich die betrachtende Instanz nicht mehr an einem Ort lokalisiert, wie in dem klassischen Gefängnis von Bentham – egal ob sich nun im Kontrollturm jemand befindet oder nicht: die Gefangenen richten zumeist ihre Handlungen so oder so konform zum Wärter oder Beobachter aus, weil sie potentiell gesehen werden könnten, ohne selber aber sehen zu können. Das Internet arbeitet anders. Jede/r kann in einer bestimmten Weise sehen und partizipieren und übt bei entsprechender Position sogar eine Kontrollfunktion aus, nach der sich andere ausrichten. Zugleich aber wird auch die Kontrolle von irgendwoher kontrolliert und wird sich selten als feste Instanz etablieren. Nicht einmal SpOn vermag dies mehr.

Dennoch wäre der Schluß, der aus all diesen Blick-, Kontroll- und Kommunikationsachsen gezogen wird, falsch: Das Digitale erziehe grundsätzlich zu konformem Verhalten. Die Erziehung zur Konformität kam sicherlich nicht erst mit dem Internet ins Spiel. Die Sätze Heideggers zeigen es (von den Untersuchungen Adornos ganz zu schweigen). Und das, was Deleuze im „Postskriptum über die Kontrollgesellschaft“ ausführt, trifft auf die Welt herkömmlicher Kontrolle – gleichsam von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft – ebenso zu, wie auf die Welt der neuen digitalen Medien – vermittelt über den Begriff der Arbeit. Was aber Kontrolle und Konformitätsdruck betrifft, so kann allerdings eine sich ändernde Quantität in eine neue Qualität umschlagen.

Insofern passen diese Sätze Heideggers auf vieles – sogar auf die NSA. Trotz ihrer Skepsis gegenüber den seinerzeit noch neuen Medien wie Photographie, Kino, Radio und Fernsehen (oder gerade deshalb) besaßen sowohl Heidegger wie auch Adorno ein untrügliches Gespür für ihre Tücken sowie für das Zweifelhafte des Begriffes Kommunikation. Sehr viel anders später dann schrieben die Generalaffirmateure der neuen Medien und des Kommunikativen wie Villem Flusser, denen sich diesseits der Schriftkultur ein neues digitales Christentum und die kommunikative Verkündung im Digitalen als dem neuen Band der Liebe auftaten. Kitsch as Kitsch can.