Hamburg und eine Nebenbemerkung zur Gentrifizierung

Dieses Wochenende muß der Blog geschlossen bleiben, denn es geht zu einer lange erwarteten Party nach Hamburg. Beim Aufenthalt in jener Stadt werden zudem Photographien vom Hafen, am besten südlich der Elbe und auf der Veddel, gemacht und demnächst hier gezeigt – vielleicht auch von anderen Orten. Einige Photographien von Hamburg gibt es schon einmal hier zu sehen.

Vor einige Zeit hielt ich mich bereits in Hamburg auf; und dort verabredete sich mit mir abends eine Frau in einem Restaurant namens „Bullerei“. Solche Lokalitäten sind nun Inbegriff dessen, was sich Gentrifzierung eines Viertels – hier: des Schanzenviertels – nennt. Hochpreisniveau, welches weiteres Hochpreisiges nach sich zieht. Das Hochpreisniveau als solches ist nicht das Problem, wenn es bei einem oder zwei Restaurants bliebe, was aber naturgemäß ein widersinniger Wunsch ist, welcher aus dem Heile-Welt-Denken heraus geboren wurde.

Sicherlich: qualitativ hochwertiges, gut zubereitetes Essen kostet nun einmal etwas mehr Geld. Wobei dieses Restaurant eher den Charakter eines überlaufenen Speisesaales besitzt, nur leider nicht so gemütlich und angenehm wie etwa „Chartier“ in Paris. (Eigentlich aber ein Quatschvergleich, weil das zwei ganz verschiedene Räumlichkeiten und Gebäude sind. Das „Chartier“ entspringt der Welt der Pariser Passagen, die „Bullerei“ zehrt von der Backstein-Werksarchitektur.) Man geht in die „Bullerei“, weil alle dahingehen. Reflexionslosigkeit im Ausgehen. Der Wein ist allerdings sehr gut dort, aber der Ort besitzt keinen Stil, keine Aura und keine Atmosphäre. Ich wußte nicht, ob ich nun lachen oder weinen sollte, als der Barmann beim Einschenken eines Glases Riesling und als er mit mir sprach, mitten im Akt des Vollzuges sich bei mir dafür entschuldigte, daß er mich beim Sprechen nicht angeschaut habe.

Eigentlich wollte ich diese Kritik an der Gentrifizierung im Hinblick auf ihre idiotische Moralität, mithin die darin enthaltene moralische Komponente des Das-tut-man-aber-nicht, kritisieren. Alles soll nur schön bleiben, wie es ist und böse Restaurants nicht das Viertel kaputt machen. Die schöne Welt der Bürgerstöchter und -söhne darf keinen Schaden leiden. Kapitalismus wird kritisiert, weil er so böse Sachen macht. Ja, woher mag das wohl kommen? Solche naive Kritik verkennt aber die Lage. Denn der Kapitalismus kann nur so sein, wie er ist, er „handelt“ seinem Wesen gemäß, und es verhält sich ganz stringent und folgerichtig, daß ein Restaurant wie die „Bullerei“ eben dort eröffnet, wo es aufgemacht hat. Die Menschen werden, sobald das sogenannte „soziale“ der Marktwirtschaft abnippelt, mit einem Male ganz bekümmert. Ohne dabei aber in ihrer Sorge oder ihrem Ärger das Wesen zu treffen, nämlich in eine Kritik an den Systemstrukturen überzugehen, bleibt solche Moralisierung hilflos und arbeitet nur darin mit, daß das, was ist, so bleibt wie es ist. Als ob man kapitalistisches Wirtschaften mit Reformen und winzigen Änderungen an den Stellschrauben bessern könne. Aber ich habe im Grunde gar keine Lust dazu, dieses Thema heute auszuwalzen. Richtig ist allerdings, daß es kritisiert und bekämpft werden muß, wenn ganze Viertel umkippen. Doch ohne ein Maß an Theorie, welche Einblick in die Strukturen von Kapitalismus nimmt, ist gelingende, d.h. treffende Kritik aber nicht möglich. Aber auch das ist im Grunde keine ganz neue Erkenntnis. Was nicht geht: sich irgendwo in Neukölln oder Kreuzberg seine Kuschelecken zu bewahren, damit es dort nur schön flauschig bleibt. Es gibt keine Freiräume. Kein Ort, nirgends. Und gegen die Insistenz eines Systems helfen auch kein Yoga oder asiatische Versenkungskünste.

Und ansonsten aber gilt, etwas sprunghaft gedacht: Es ist wieder mal ein Rock’n’Roll-Freitag: