„daß meine Zeit nicht kommen wird …“ Nachklapp zum Büchnerpreis und zur Kritik an Jan Wagner

Auf der Skala schrill bis unangenehmer Töne kommt gleich nach dem Klagen vermeintlich zu kurz gekommener Pegidisten die Jeremiade von Dichtern, zu wenig zu verdienen und noch gleich darauf, das Jammern, weshalb um Himmels willen ausgerechnet der Dichter-Kollege X den Büchner-Preis bekam und nicht vielmehr der viel ruhmreichere Dichter Y oder die noch bessere Dichterin Z ihn erhielte. Wenn nicht gar der hochrelevante Dichter Omega. Ja, ja:

Hätte, könnte, sollte
wenn Witwe Bolte wollte.

Diese Klage wird meist im Namen anderer geführt. Gemeint ist aber in der Regel und indirekt man selbst, den es qua Preisgeld wieder einmal nicht an den Futtertrog verschlug. Welch Kleinmut und welche Verlogenheit noch dazu. Sich selber für den Preis ins Gespräch zu bringen: das wäre es! – Aber so weit ging nicht einmal Clemens J. Setz. Wenn deutsche Dichter wenigstens Mut hätten und jene gehörige Portion Größenwahn aufbrächten, zu sagen: „Ich selbst bin der wahre und richtige Kandidat für den Georg-Büchner-Preis. Einzig ich, niemand sonst!“ – eine Büchnerwürdige Szene im grauen Alltag des Literaturbetriebs gäbe dies. Um den Preis freilich, als Dichter nun völlig verbrannt für jeglichen Preis zu sein.

Karl Kraus schrieb in seiner „Fackel“ über jenen Größenwahn:

„Die tiefste Bescheidenheit, die vor der Welt zurücktritt, ist in ihr als Größenwahn verrufen. Wer von sich selbst spricht, weil kein anderer von ihm spricht, ist lästig. Wer niemand mit seiner Sache zu belasten wagt und sie selbst führt, damit sie nur einmal geführt sei, ist anmaßend. Und dennoch weiß niemand besser als ich, daß mir alles Talent fehlt, mitzutun, daß mich auf jedem Schritt der absolute Mangel dessen hemmt, was unentbehrlich ist, um sich wenigstens im Gedächtnis der Mitlebenden zu erhalten, der Mangel an Konkurrenzfähigkeit. Aber ich weiß auch, daß der Größenwahn vor der Bescheidenheit den Vorzug der Ehrlichkeit hat und daß es eine untrügliche Probe auf seine Berechtigung gibt: seinen künstlerischen Ausdruck. Darüber zu entscheiden, sind freilich die wenigsten Leser sachverständig, und man ist auch hier wieder auf den Größenwahn angewiesen. Er sprach: Selbstbespiegelung ist erlaubt, wenn das Selbst schön ist; aber sie erwächst zur Pflicht, wenn der Spiegel gut ist. Und jedenfalls ist es sogar ehrlicher, zum dionysischen Praterausrufer seiner selbst zu werden, als sich von dem Urteil der zahlenden Kundschaft abhängig zu machen. Die Journalisten sind so bescheiden, die Keime geistiger Saat für alle Zeiten totzutreten. Ich bin größenwahnsinnig: ich weiß, daß meine Zeit nicht kommen wird.“ (Karl Kraus, Die Fackel, 13.10.1908)

Man mag von Jan Wagners Dichtung halten, was man will. Aber noch einmal: Literaturpreise sind keine Gefälligkeitspreise, sie sind keine Alimentierungen für Dichter, die keine Lust haben, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Allenfalls sekundär haben sie auch das Ziel, Dichter zu unterstützen, damit sie weiter und vielleicht ein Stück weit unbeschwert wirken könne. Und Preise sind keine Auszeichnung für eine politisch korrekte Gesinnung oder fürs Geschlecht oder die ethnische Herkunft. Und natürlich lassen sich immer Namen finden, die ebenfalls geeignet und manchmal sogar geeigneter wären. Allein – das Spiel ist langweilig, und wenn man es spielt, dann sollte der Spieler wenigstens gute Gründe nennen, weshalb der Dichter Y auf die Liste oder aufs Preispodest gehörte. Einfach einen Namen in den Raum zu raunen ist kläglich. Zeugt nicht einmal von Größenwahn, sondern vielmehr von Kleinmut und neidischer Haltung. Invidia – eine der sieben Todsünden übrigens.

Jan Wagner und der Georg-Büchner-Preis

Die einen sagen so, die anderen meinen es seien die „Regentonnenvariatonen“ eine allzuseichte und gefällige Lyrik – eher den gediegenen Publikumsgeschmack des typischen „Landlust“-Lesers treffend. Ich habe mir in der Causa Grünzeug kein abschließendes Urteil gebildet. Ob ich freilich die „Epiphanie eines Rosmarins im schwäbischen Garten“ – so angekündigt bei Hanser für Wagners im März erschienenen Essay-Band „Der verschlossene Raum“ – tatsächlich goutiere und für relevant erachte, mag es sprachlich noch so flirren: auch das weiß ich nicht. Ich wittere hinter solchen Epiphanien eher die theologischen Mucken der Ware. Und rilkesches Wortklingeln und Huberei der Bedeutsamkeiten sind ein zweischneidiges Schwert, das manchem Dichter schon entglitt und ihm auf den eigenen Fuß fiel.

Gut sicherlich, daß nicht nur die älteren Damen und ältere Herren diesen wichtigen Preis bekommen, ein Preis, der fürs Renommee eines Dichters bedeutsam ist. In der FAZ lobt der geschätzte Andreas Platthaus Jan Wagners Lyrik. Jedoch: Ich verstehe solche Art von Kritik nicht:

„Er versteht es meisterhaft, anschaulich zu dichten, in einer allgemein zugängliche Sprache, die aber auf einer vollendeten Kenntnis der lyrischen Formen beruht. Kaum ein klassisches Reimschema, das Wagner nicht schon benutzt, bisweilen auch kreativ variiert hätte. Seine besondere Sympathie gilt dem Sonett.“

Weshalb kann man diese Aussagen nicht mit einem guten Beispiel illustrieren? Ohne Beleg bleiben die Sätze leer und reichen übers bloße Behaupten nicht hinaus. Wenigstens ein klitzekleines Zitat hätte es geben und wir Leser hätten uns ein Urteil bilden können, weshalb dieses Dichten meisterhaft sei. Nun werde ich morgen in meine Buchhandlung stapfen und schauen, was auf den Auslagetischen von Jan Wagner zu finden ist. Ich werde mir das eine oder andere Buch greifen. Besonders an Debüts bin ich interessiert. „Probebohrung im Himmel“ – das klingt für den materialistischen Metaphysiker im Grandhotel Abgrund verlockend. Aber vielleicht ist Jan Wagner genau als das zu begreifen: Lyrik in luftigen Höhen. Doch diese Luftschifferei ist nur bedingt meine Sache, und meist interessiert sie mich als Prosa, wenn der Kontext stärker gefaltet und dann wieder ausgefahren wird. Schachtelprinzip. „Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch“. Luftgeist statt Erdgeist. Und wenn schon Erdgeist, dann einer, der seine Sache auf Sand oder dicht am Meer baut. Verspieltheit in Sprache, immerhin, funktioniert in vielen Varianten. Für jeden was dabei. Ein Vivat auf Jean Paul! Und auf Jan Wagner bin ich dann mal gespannt. Ich habe mich, das sei zugegeben, vor seiner Lyrik bisher herumgedrückt.

Und der Büchnerpreis geht an …: Rainald Goetz

Irgendwann wird ihn auch Daniel Kehlmann bekommen. Ich bin mir da sicher. Jedes Jahr für jeweils einen Schriftsteller jeweils ein Büchnerpreis: Da fällt für alle im Betrieb etwas ab, und es gibt zudem die vielen kleinen Preise – da muß am Ende kein Dichter mehr in der im Sommer zu heißen, im Winter zu kalten und im Frühjahr sowie Herbst zu feuchten Spitzwegschen Dachkammer hausen und über sein prekäres Dasein jammern. Immerhin: Der Schriftsteller hat – anders als die Vielzahl derer, denen in tatsächlich prekären Verhältnissen der Saft ausgesogen wird – das Privileg, dieses Jammern und Klagen kathartisch für sich selber und (manchmal auch) zum Leseleidwesen der übrigen öffentlich tun zu dürfen. Ich halte nichts von Preisgeldern. Ich bin für die Abschaffung jeglichen Literaturpreisgeldes. Diese Preisungen sollten rein symbolisch erfolgen. Eine Frage der Ehre sozusagen. Andererseits sind 50.000 Euro eine eher klägliche Summe und man kommt damit nicht wirklich weit.

Ansonsten wäre an dieser Stelle und in diesem Zusammenhang ein weiteres Thema eine Kritik des Literaturbetriebes sowie einer immer mehr marktförmig sich organisierenden Literatur, die rein konventionell ihre Prosa schreibt. Dies zumindest kann man dem frühen und dem mittleren Goetz nicht vorwerfen. Erst Ende der 90er wird die Angelegenheit problematisch. Jedoch geht mir ein bestimmter Typus des Goetz-Bewunderers mehr auf die Nerven als jene Texte von Goetz aus den 90er Jahren, und dieses Genervtsein über die popaffinen Schwadroneure der Beliebigkeiten übertrage ich dann in einem Fehlschluß auf den Text von Goetz – das ist zugegeben ungerecht. Insofern wäre es angebracht, seine Texte gegen seine Bewunderer und vor allem gegen die Liebhaber zu verteidigen.

Bei seinem Büchlein „Rave“ und insbesondere ein wenig später dann bei der Prosa aus jener Zeit, als das Internet in den Kinderschuhen steckte und Blogs etwas Neues waren, mangelte Goetz den „Abfall für alle“ durch den Wolf. Berichte aus der Erlebnis-Zone wurden en vogue. Das reicht bis heute in den Blogwelt hinein.  Von unsäglichen Prosa-Blogs bis hin zu Literaturblogs, die über die simple Subjektivität nicht zu einem Übergreifenden hinausgelangen und ein Mehr entfalten. (Eine der wenigen löblichen Ausnahmen bildet die Dschungelanderswelt von Alban Nikolai Herbst. Ein giganto-manisches und gigantisches Projekt, das sich nicht vor den Niederungen des Banalen scheut, aber ebenso den hohen und geistreichen Ton trifft.) Egal wie: Leider muß man – neben vielem Guten – Goetz ebenso als den Ahnherren einer Assoziationsprosa oder -Lyrik bezeichnen, die ohne Struktur Einfälle, gerade Erblicktes, Gehörtes, Gelesenes und Launen verbindet: eine Art von Capriccio, das jedoch schnell als Schreibsystem kalkulierbar wurde. Solche Prosa seiner Epigonen gemahnt an Computerprogramme und Bots, denen man versucht, das Schreiben beizubringen: Aus der Luft Herbeifabuliertes – ohne Struktur: Vor meinen Füßen das Blütenblatt aus dem Topf, oder Vase, Fallhöhe und Luftzwang, der zu Boden geht. Jedes Blatt ein Manifest. Die Bilder müssen stimmen, rief Peter Hahne und Herr Pawelka lachte schief. Politik ist das Geschäft ohne Eigenschaften. Oh Rose reicher Überschiß. Schnell gemacht, schneller geschossen – solche Textlein.

Bei Goetz bin ich also gespalten. So wie er Gutes schrieb, existiert bei ihm ebenso der „Abfall für alle“, Ranz und Reigen der Beliebigkeiten wie „Rave“ oder „Celebration“. Mit dieser Form des Subjektiven hat er für das Schreiben von Literatur einerseits neue Wege markiert, andererseits ein Pop-Schreib-Maschinen-Assoziations-Sound seiner Epigonen hervorgebracht, der bloß noch nach dem Prinzip Zufall und Assonanz ausfällt und den Text zerfasert, weil sich Einfall an Einfall und gehörte Musik an erlebte Abende reiht. Zwischen Alk und Zigarettendampf: Schreibwut oder Drogenkrampf. Diese Assoziations- und Beziehungswut, die Bedeutungen auflöst oder umpolt oder aber bloß beliebig Namen von öffentlichen Personen aneinander kettet, mag als Einmaliges wie u.a. in „Festung“, „Krieg“ (immerhin Theaterstücke und damit Büchner gerecht werdend) sowie in der Prosa „Hirn“ gut funktionieren.

Aber wie sieht es mit den Halbwertszeiten solcher Texte aus? Leben solche Texte nicht mehr von den Effekten als aus der Komposition heraus? Das macht man einmal, aber dann nicht mehr und es hat etwas Kalkuliertes. Als Absatzbewegung von einer bestimmten Literatur der alten weißen Männer, die man mit bestimmten Namen der 50er, 60er, 70er Jahre verknüpft, mochte dieser Sound frischen Wind in die Küche bringen. Nun aber gehören auch die einstmals hungrigen jungen Männer jener Riege an und wurden im Laufe der Zeit alt und zu Männern mit weiß im Haar. Oder mit F.W. Bernstein und der „Titanic“ in jener absurden Verdrehung geschrieben: „Die schärfsten Kritiker der Elche, waren früher selber welche.“ Das Altern also auch der Postmoderne und der antiklassische Effekt des Subjektivismus – in diesem Sinne schreibt Goetz eine literarische Tendenz der 70er Jahre fort: die der Neuen Subjektivität, wie Ralf Schnell sie in seiner Literaturgeschichte der BDR beschreibt – er verwandelt sich in den Klassiker.

[In diesem  Spiel von Tradition und Avanciertem, zwischen Stürmen und Drängen sowie der Klassik liegt sicherlich ein gewichtiger Aspekt moderner Ästhetik. Das Innovative kann eben nur einmal innovativ sein, in einer bestimmten Raum/Zeit-Stelle paßt es und steht in seiner Struktur. Kleist, Kafka oder Beckett kann es nicht sehr häufig geben. Sie schufen Bleibendes. Einmaligkeit einer bestimmten Prosa.  Frage der Querelle des Anciens et des Modernes]

In den guten alten 50er, 60er Jahren war es einfach, den Büchner-Preis zu vergeben, denn es standen etwa 20 oder 30 relevante Schriftstellerinnen (wenige freilich, sehr wenige) und Schriftsteller (viele, sehr viele) zur Verfügung. Da fiel Lob und Preis nicht schwer, die Auswahl leicht. Andererseits täuscht der Eindruck des Verknöcherten bei der Preisvergabe und wenn man heute die Namen liest: Thomas Bernhard zählte 39 Lenze, als er den Preis erhielt. Hans Magnus Enzensberger 34 Jahre, Peter Handke 31 Jahre. Man könnte insofern auch behaupten, daß die Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zunehmend konservativer in der Preisvergabe verfährt.

Man kann – unabhängig vom monetären System Literatur – bei einer Preisvergabe immer einmal diese oder jene Auswahl eines Preisträgers kritisieren. Weshalb den Büchnerpreis etwa Friedrich Dürrenmatt sowie Erich Fried, deren Texte man als eher schwach bezeichnen kann, und 1991 Wolf Biermann erhielten, bleibt schleierhaft. Biermann hätte man ihn allenfalls 1973 für seine in den 60ern und in den frühen 70ern zur Gitarre vorgetragenen Lyrik aus der DDR geben müssen. Auch der Name Jelinek wurde kritisiert. Beim Nobelpreis verstehe ich die Gründe gut. Beim Büchnerpreis weniger. Denn wenn man jenen Autor nimmt, in dessen Namen der Preis jährlich vergeben wird, dann geht es um eine besondere, vor allem jedoch um eine innovative Form des Schreibens bzw. des Komponierens von Text. Was Büchner in „Dantons Tod“ oder im Theater-Fragment „Woyzeck“ als eine unerhörte Schreibweise auftat, das sollte auch berücksichtigt werden, wenn in seinem Namen ein Preis vergeben wird: Innovatives und avancierte Prosa, die sich auf der Höhe ihrer Zeit erweist. Aber es gehört zum Büchner ebenso der Aspekt des Politischen. (Dieser Umstand mag dann ebenfalls die Wahl von Fried und Dürrenmatt motivieren.) Diese unerhörte Schreibweise und das Avancierte der Prosa existiert bei Goetz. Seinen Roman „Johann Holtrop“ kenne ich leider nicht. Es gibt Kritiker, die schreiben, er wäre voll von Versatzstücken und huldigt einem eher schlichten, abbildhaften Realismus, der das, was sowieso bereits der Fall ist als das zurückspiegelt, was der Fall ist. Ein (Wider)Spiegelungskabinett also, das nichts sonders kniffelig und tricky auftritt. Das wäre zu prüfen.

Aber man sollte in jedem Falle Goetz gegen seine Liebhaber verteidigen. Er brachte mit seinen Romanen „Irre“ (1985) und „Kontrolliert“ (1988) einen neuen und frischen Ton in die Literatur: „Kontrolliert“ –  ein gigantomanischer RAF-Narzißmus in Textschrei und Baader-Haß und jene Nacht in Stuttgart-Stammheim, die vielen als zentraler Aspekt der BRD-Geschichte heute kaum noch geläufig sein dürfte. Ein Ich, das sich in jenen anderen hineinschreibt. Ein Schriftsteller-Ich ins Raspe-Ich. In den Kopf des anderen blicken, und wenn wir uns auch die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren könnten: Doch dieser Akt gelingt nur mit der Kraft der Prosa und in den imaginativen Verhältnissen. Auch hier also: Büchner. Krieg den Hütten, Friede den Palästen. Und am Ende lag da vor uns ein Kampf, ein Krieg im Kleinen und in den Städten, der auf diese Weise jedoch nicht recht funktionierte. Insofern alles Gute für Rainald Goetz. Trotz manchem Zwiespalt.