In schöner Ferne

Zum Beginn der Reise, in unerbittlicher Nacht, um halb vier, tritt der kalte Mann aus der Haustür seines Grandhotel Abgrund, pfeift, nein winkt ein Taxi sich heran, mit dem leicht erhobenen Finger, der schwingenden Hand, wie eine zaghafte Wortmeldung zum Morgen hin, während noch die Tropfen von Regen aus der Nacht heraus fallen und fallen. A hard rainʼs gonna fall. Doch nicht für mich, denn ich fahre in die schöne Ferne, die Fremde des Südens von Österreich, die in Wahrheit aber der Norden Italiens ist, sofern man neue Grenzen akzeptiert. Eine Taxe hält an. Der Taxifahrer spricht sogleich in aufgeregtem Atem und es schießt aus ihm heraus: er könne nicht wechseln, man habe ihm sein Portemonnaie geraubt, er sei Opfer eines Trickbetruges geworden. Ich steige in den Mercedes-Kombi und entgegne, daß wir die Sache des Bezahlens schon irgendwie hinbekämen, schließlich sind meine Taschen heute voller Gold. Aber man weiß nie: stimmt es oder ist es eine Ausrede, eine nette, gut erfundene Geschichte? Das Wissen, vielleicht selbst Opfer eines Trickbetrugs und damit verbunden Opfer der Mitleids-Masche geworden zu sein. Doch Glaube ist alles, dann Liebe, dann Hoffnung, dann nach der Nacht ein Morgen – mit Heidegger, Adorno und Hölderlin im Gepäck und den Gedanken an eine Fahrt in schöne Ferne. Feinere Gestade, Gebirgslandschaft. In seinem Gesicht steht Traurigkeit, er erzählt aufgeregt: daß Arme die Armen beklauen, sei eine Schande. Drei Fahrgäste waren es – der erste stieg aus und sagte, hinten im Reifen sei ein Nagel, der zweite Mann stieg ebenfalls aus und der dritte stahl im Trubel das Portemonnaie. Ich glaubte dem Mann. Selbst auf dem Weg zum Bahnhof waren seine Fahrkünste unsicher, so daß noch ich ihn am Ende dirigieren mußte und ihm sagen, wie man zum Südkreuz-Bahnhof gelange. Ich gebe viel Trinkgeld. Den Verlust der Nachtkasse muß der Mann aus eigener Tasche zahlen. Es waren 240 Euro. Geschichten aus der Arbeitswelt, kurz vor Morgen. Ich aber reise ins Philosophische: eine Woche Seminar über Adorno und Heidegger sowie deren Hölderlin-Deutungen. Dichten und Denken in dürftiger Zeit. Wir aber tun es in herrlichster Atmosphäre.

Der ICE ist pünktlich, das WLAN im Zug geht nicht, Vorspiel auf Kommendes und so wird diese Fahrt eine Reise in eine herrliche Zeit hinein, zu einer Abwesenheit von Internet. Denn auch auf dem Berghof hoch über dem Städtchen gibt es keinen Zugang zum Digitalen. Die Zugfahrt führt durchs ostdeutsche und dann das bayerische Regengebiet, es klatscht und prasselt gegen die Scheiben, ich bin froh, nicht mit dem Auto gereist zu sein, gen Süden, nach Bozen geht’s, ins schöne Südtirol, an die Etsch, nach Leifers. Geliebtes Österreich. Nein, es ist ja Italien. Mussolini siedelte in Südtirol, nach dessen Annexion 1919, Italiener an. Hinter München dann klart es auf, die Alpen liegen in guter Sicht. Vor dem Alpenblick zum Eingang ins Tal thront ein graues Gebäude. Ist es eine Burg oder doch nur ein Betonsilo, Industriebau als Kulisse? Im Gegenlicht und vorm Horizont der schimmernden Berge kaum auszumachen. Später dann gegen frühen Mittag ein schönes Panorama mit Sonnenlicht und hinein gondelt der Europa-City-Zug in die Pässe, durch die Täler, Schluchten, Wälder aus Fichten und manchmal sind Kiefern dabei. Innsbruck und Brenner. Die ragenden Gipfel, in der Höh und darüber, wo die Ruhe ist, wo kaum ein Mensch hingelangt. Die Zug-Abteile erinnern bereits an den Balkan: verschlissene Industrie-Moderne der 90er Jahre. So zumindest wirkt es. Die Gefilde werden südlicher. Bergtäler mit Fachwerk und vereinzelter Gewerbe, Ferienhäuser, Skihänge, meist aber ohne Schnee. Der liegt nur hoch oben bei den Gipfeln und an der kalten Brennerstation, wo Soldaten und Polizisten ihre Patrouille machen. Statt in Clemens Setz zu lesen, blicke ich aus dem Fenster und bewundere die Höhen, die Bergkämme, das karge Gestein. Moos und Gras.

Im Zug, kurz vor Bozen, ich hieve den Koffer von der Ablage, der Koffer gleitet aus der Hand, rutscht in die Schräge, schnellt herab und schlägt auf die ungünstigste Stelle, die es in einem Zug gibt, dort, wo kein Koffer am besten je aufschlägt: die Notbremse. Ein Ruck geht durch den Zug, langsamer die Fahrt, dann abruptes Halten. Es steht der Zug nun, es rappeln die Menschen, die Reisenden schauen irritiert und einer ist da: der weiß, wer es war: ich war es. Ich war das, und der Mißbrauch der Notbremse wird bestraft, so schieße es mir durch den Kopf. Ich zögere, ob ich den heiklen Vorfall melden soll. Ich tat es am Ende und die strenge Schaffnerin, die kein Wort von meinem geliebten Deutsch verstand oder aufgrund der Italienisierung der Region mit Absicht nicht verstehen wollte, wenngleich ich von ihrem Habitus zugleich vermutete, daß sie es tatsächlich nicht verstehen konnte, sprach mich italienisch an, mit Rüge und scharfem Ton, obwohl es in der autonomen Region Südtirol an ihr ist, deutsch zu sprechen und nicht an mir italienisch. Von ihrem schlechten Englisch, das noch ärmer als meines war, ganz zu schweigen. Am Ende akzeptierte sie in ihrem gebrochenen Katzelmacher-Englisch meine Entschuldigung, blickte dennoch böse und ich war kurz davor, mich bei der Bürgermeisterei oder sonstwo zu beschweren. In einer Region, in der deutsch gesprochen wird. Gleich zur Anreise erwachte bei mir so etwas wie Südtiroler Lokalpatriotismus: für diese schöne Sprache, diesen Dialekt, schwer zu verstehen zwar, wie ich dann im Laufe der Woche erfuhr, guttural, doch gemütlich. Ich denke an unseren Gärtner und Arbeitsmann, später, auf dem Berghof, der das Gepäck auf die große Höhe des Berghauses mit dem Pickup fuhr und bei der Rückreise dann wieder hinab brachte, während die Gruppe zum Wandern angehalten war: Erstes Erkenntnisziel für junge Studenten der Philosophie ist der Aufstieg. Dieser schwere und schöne Dialekt des Mannes, der wie der Bewohner einer feinen Zwergenwelt ausschaute: Freundlich, treu, bärtig, immer mit einem Lächeln und dazu eben jene seltsam-schönen Sprache. Ein Dialekt, der freilich noch viel ausgeprägter und noch viel fremder klang, wenn der Gärtner mit seinesgleichen sprach und nicht mit uns. Wir erlauschten dieses Reinsprechen des fremden feinen Bergvolkes einmal, als Otmar während der Arbeit mit einem seiner Kollegen auf dem Berghof babbelte. Es war eine Geheimsprache.

In Bozen fragte ich zwei ältere Frauen nach dem Weg, war auch unsicher: in welcher Sprache sie anreden? Am Ende in Deutsch und eine der Damen sagte: „Wir sprechen hier deutsch und wir haben uns diese Sprachautonomie hart erkämpft. Alles in Südtirol ist zweisprachig!“ Und: „Nein, wir sind keine Nazis, aber Deutsch ist in Südtirol unsere Heimatsprache!“ Ein Satz, der mich beeindruckte. Ein kluge, eine gute Antwort. Und zugleich sagte sie eben auch: Es sei natürlich trotzdem gut Italienisch zu lernen. Eine schöne Sprache. Stimmt, dachte ich mir. Und auch eine schöne Nationalhymne haben die Italiener. In nuce zeigen sich hier bis heute die Nachwirkungen eines grausamen Krieges und eine sinnlose Umsiedlungspolitik – was ebenso den Blick für manches Problem in Afrika schärfen könnte. Aber dies ist ein anderes Thema und weit weg von der schönen Bergwelt. Wenngleich auch in Bozen eine Vielzahl von Schwarzen zu sehen sind, die einem dies und auch das anbieten, wenn man dies oder das denn gerne möchte.

Unten in Leifers angekommen, trotz Notbremse, vom Berghaus gesehen tief unten der Ort, wenngleich Leifers eben doch 250 Meter über Null liegt. Eine Bar, eine Hauptstraße und davon abzweigend eine weitere, die in Richtung meines Ziels führt. Zwei Stunden vor dem großen Aufstieg zum Berghof. Das Städtchen im Tal ruht in der Wärme. Von nordischer Kälte, dem Regen über der brandenburgischen, sachsen-anhaltinischen, der thüringischen, der fränkischen, der bayerischen Landschaft ist hier nichts mehr zu spüren. Weit, weit weg und eine Welt des Südens tut sich auf, in Bergketten gerahmt: die Dolomiten. Hier ist alles ins milde Licht des Nachmittags getaucht. Die Gipfel der Berge ragen ins Blau des Himmels. Für den gelehrten Stubenhocker eine so ganz andere Blick-Welt. Ich stehe in Leifers mit meinem Koffer. Allein. Bewege mich an der Hauptstraße entlang auf mein Ziel zu, dort wo der Gärtner Otmar unsere Gruppe abholen wird. Bin aber deutlich zu früh. Zwei Stunden vor der Zeit liegt des Nordlichts Pünktlichkeit.

Aus der Kirche dringt eine Musik, ein Gesang ist es. Erhebend, sinnlich-aufreizend zu anderen Höhen strebt der Ton. Die Musik gefällt mir. Eine Chorprobe vielleicht. Ich bin neugierig und blicke in den Innenraum, ich betrete die Kirche. Ein Sarg steht vor dem Altar. Ja, es ist Beerdigung, die dritte und die letzte Hochzeit, zu der wir eine Kirche betreten. In jener letzten nicht mehr das Subjekt, sondern ein Ding, ein Objekt, aus dem aller Geist wich. Leblose Hülle. Substanz ohne Substanz. Und alles gelebte oder ungelebte Leben erlosch. Nicht zu korrigieren. Wir sind dieses uns vorauswerfende Dasein und wir sind es, die das irgendwann einmal nicht mehr sind. Ein Apeiron. Hypokeimenon. Manchmal braucht es keine Kastanienwurzel und eine Bank im Park. Es reicht die Bank vor der Kirche und ein Zufall, zu jener Zeit an jenem Ort zu sein.

Ich bewege mich wieder hinaus, setze mich draußen auf eine dieser Bänke bei der Kirche, in warmer Sonne und Milde des Südens, im Licht des Südens, um die traurige Zeremonie nicht zu stören. Ich denke an die Trauer auf einem Wäschedraht, irgendwann im Januar, diesen Zen-Moment in der Kälte Kölns und an einen anderen Moment, als sie dieses Gedicht vorlas – im Januar. Irgendwann. Irgendwann kamen Carabinieri und sperrten die Straße. Glocken schlugen und es verließ der Zug mit dem Sarg die Kirche, durchs Hauptportal, zog über die Straße und – ich ahnte es bereits, denn ich saß neben dem Friedhofstor – stieß direkt auf mich zu, als sei ich, ausgerechnet ich das Ziel dieses Zuges und Endpunkt dieser letzten Reise. Traurige Gesichter, würdevoll schreitend, vorne weg der Leichenwagen, dahinter in Trauer eingehakt die Angehörigen. Da saß nun ein bleicher fremder Gast mit einem großen Koffer, einer schwarzen Lederjacke und hellblauer Jeans, blaß wie die Nordmänner aus der tiefen Ebene halt blaß sind. Besser sich wenigsten zu erheben, dachte ich mir. Der Aufstieg in die luftige Höhe der Philosophie beginnt mit einem Begräbnis und mit dem Geläut der Glocken von Leifers.