Das Design bestimmt das Kunstsein. Kleiner topologischer Abgesang

„Wie gesagt: Jede Ware kann als Kunst gesehen und erlebt werden. Die totale Ästhetisierung der Welt, inklusive der Warenwelt, bildet den Horizont, in dem sich der moderne Kunstbetrachter notwendigerweise bewegt. Der Unterschied zwischen dem üblichen, ‚prosaischen‘ und dem ästhetischen, ‚poetischen‘ Konsum – zwischen Bedürfnis und Begehren, zwischen Notwendigkeit und Exklusivem – ist damit längst verschwunden.“

 Diese Sätze schrieb – hellsichtig, wie es gute Philosophen nun einmal sind – Boris Groys unlängst im Jahre 2003 in seinem Buch „Topologie der Kunst“. (Wobei Groys am Ende, das muß man mit dazu schreiben, diese Sicht vom Nachlassen der Kunst als Kraft und als sinnliche Überwältigung, als Prozeß der Kreation nur bedingt teilt.) Mit Duchamps Ready-mades ahnten wir diesen Umstand bereits, als er seinen Flaschentrockner und das Urinoir (Fontaine) präsentierte, und einige Jahrzehnte später dann lehnte sich der Werbegrafiker und umfassende Factory-Künstler Andy Warhol an diesen Aspekt der Kunst an und führte die Reproduktion des gewöhnlichen Gegenstands als Kunst fort.

Wenn dann, wie Hanno Rauterberg in seinem neuen Buch „Die Kunst und das gute Leben: Über die Ethik der Ästhetik“ beschreibt, die Performerin Marina Abramović 2014 zur Fußball-WM in Brasilien eine ihrer Kunstaktionen für Adidas ummünzte und als Werbung zur Verfügung stellte, tangiert diese Ästhetisierung der Waren und die Anästhesie der Kunst – so mutmaße ich – zwar nicht Kunst insgesamt, aber doch die der Frau Abramović. Mit böser Zunge könnte man behaupten, daß diese Anästhesie an sich bereits in ihrem Werk angelegt war, um in dieser Drastik die Kunst eben auch für die ästhetisierende Werbung  nutzbar zu machen. Machen wir uns nichts vor: Das Kunstwerk ist lediglich eine Ware unter vielen anderen.

Der österreichische „Kurier“ schreibt über Abramović:

„Die Marke Marina
Marina Abramović bleibt dennoch eine globale Marke für Direktheit, Sensibilität – und für Humorlosigkeit. Eine Marke, die auch nicht davor zurückscheut, mit anderen Marken zu kooperieren und sich deren Strategien zunutze zu machen. So tat sich mit dem Sportartikelhersteller Adidas zusammen, um rechtzeitig zur Fußball-WM ein Video zu lancieren. Die Idee zu der Performance, bei der es laut PR-Text um die Kraft von Teamgeist und Zusammenarbeit geht, stammt aus dem Jahr 1978. Nur wird sie nun Fußball-affin von 11 Performern ausgeführt, die – Überraschung – spezielle Turnschuhe tragen.“

 Die Intensität der bildenden Kunst [ihrer Überschneidungen, wenn die Gattungen sich, wie in der Performane-Kunst, verfransen, die Struktur des Werkes als Kunstwerk, sein Wahrheitsgehalt] weicht dem bloßen Ausstellungswert als Ware. Die Wahrheit der Kunst erweist sich – freilich mit einer in der Logik der Sache gegründeten Notwendigkeit – im Prozeß der Geschichte als die Ware. Dicht liegen wir hier bei der Philosophie Walter Benjamins, der im Detail und in ihren Kontexten die Welt der Waren im Paris des 19. Jahrhunderts betrachtete und dazwischen den Künstler als Flaneur, als Sammler, als Lumpensammler sah. Nur wirkte dieser Künstler noch – Paradefall wären hier Flaubert und Baudelaire – rein im Sinne einer Kunst um der Kunst willen: Dem Bürger Schrecken einzuflößen, eine Welt im Werk zu bewältigen, ja zu überwältigen und die Abgründe zu durchschreiten. Die Ware als Kunst war jedoch als Tendenz bereits schon für den Blick des Flaneuers, der sich durch die Pariser Passagen treiben ließ, angelegt. Zur Vollendung gebracht wurde dieser Prozeß dann in der Gegenwart: „Wir sind fähig, jede Ware ‚ästhetisch‘ zu erleben – es ist nur eine Frage der Optik, der Perspektive, die man leicht umstellen kann, wenn man entsprechend trainiert ist. Und inzwischen sind alle – oder fast alle – Betrachter entsprechend trainiert.“ (B. Groys)

Dieses Verhalten camoufliert sich als ironische Subversion, so daß man noch dem blödesten Warengegenstand und dem schlechtesten Musikstück einen irgendwie gearteten Mehrwert abpressen kann. (Anders wäre das Verhängnis vermutlich auch gar nicht auszuhalten.) Der Pop und überhaupt das, was sich popular culture nennt, ist das Lebenselixier dieser (vermeintlichen) Subversion. An dieser warenförmigen Kunst haben viele Künstlerinnen und Künstler teil, nicht nur Marina Abramović, die Nanas von Niki de Saint Phalle wie auch die Kitschobjekte Jeff Koons oder die Kunst Damien Hirsts, die ihren Warencharakter gar nicht mehr verbirgt, sondern als Kunst offen zur Schau stellt. Einen interessanten Text über jene kunstgewerblichen Nanas verfaßte der Alte Bolschewik auf dem Blog „Shifting reality“, wo er über seine Reise ins Guggenheim-Museum in Bilbao berichtete. Ich teile seine Sicht weitgehend. Ähnliches Unbehagen befiel mich, als ich mir 1985 in Paris den Strawinski- bzw. Tinguely-Brunnen in Paris beim Centre Pompidou betrachtete. Kunst geht den Bach runter, dachte ich mir. Es ist schier und schlicht entsetzlich. Was sich als Unbefangenheit und vermeintlich frohes Spiel inszeniert, ist in seiner Darstellung nun aber hochgradig befangen und bloßer Trug. „Es ist vorbei und die Moderne trug sich zu Grabe“, ging es mir beim Anblick dieser farbbesprenkelt-bunten, eigenwillig geformten Figuren durch den Kopf. Die Kunst der Moderne ist zur Schädelstätte geworden. Freilich möchte ich diese These nicht in dieser Absolutheit stehen lassen. Sie verweist jedoch eminent auf jene Reflexionsfigur vom Ende der Kunst, wie wir sie in Hegels Vorlesungen zur Ästhetik finden. Dezidiert freilich konstatierte bereits im Jahre 1971 Wolfgang Fritz Haug dieses Verhältnis von Ware und Sinnlichkeit in seiner „Kritik der Warenästhetik“.

 „Im Ausdruck Warenästhetik kommt eine doppelte Verengung hinzu: einerseits auf ‚Schönheit‘, d.h. auf eine sinnliche Erscheinung, die auf die Sinne ansprechend wirkt; andererseits auf solche Schönheit, wie sie im Dienste der Tauschwertrealisierung entwickelt und den Waren aufgeprägt worden ist, um beim Betrachter den Besitzwunsch zu erregen und ihn so zum Kauf zu veranlassen.“ (Wolfgang Fritz Haug, Kritik der Warenästhetik)

 Inzwischen bestimmt vielfach leider das Design das Sein der Kunst. Was Haug als These in bezug auf die Ästhetisierung der Waren entwickelte, kann weitergeschrieben werden im Blick auf die Warenförmigkeit des Kunstwerkes. Galt es Heideggers Kunstwerkaufsatz noch, das Dinghafte eines Werkes und was dieses von dem Kunstwerk scheidet, gleichsam im Sinne einer Ontologie des Kunstwerkes, in seinem Grund freizulegen, so müssen wir heute uns auf das Warenhafte besinnen. Wieweit kann die in der Gegenwart produzierte Kunst in ihrer immanenten Verfaßtheit und Struktur sich diesen Aporien überhaupt noch entziehen?

We Whish You a Merry Christmas

Ein paar treffende Worte, nicht nur zur Weihnachtszeit aus der Sphäre des schönen Konsums, der bröselnden spätbürgerlichen Gesellschaft und der Zirkulation der Waren, stammen von Boris Groys aus der Zeit Nr. 52:

 „In früheren Zeiten bediente die Wirtschaft in erster Linie die vermögenden Klassen. Wer kein Geld hatte, konsumierte kaum, sondern produzierte nur. Kaufleute wurden reich, wenn sie an Reiche verkauften. Wer an Arme verkaufte, blieb bescheiden. In unserer Zeit sind aber nur diejenigen wirklich erfolgreich, die möglichst billig und an möglichst viele verkaufen. So entsteht eine Konkurrenz nach unten, welche die ganze heutige Weltwirtschaft beherrscht. Das gilt nicht nur für McDonald’s oder neue chinesische Produkte für den billigen Massenkonsum. Die globale Kulturindustrie setzt in erster Linie auf möglichst billige Unterhaltung, auf Erfolg bei den, sagen wir ruhig, untersten Einkommensschichten. Auf diese Weise kann man Millionen und sogar Milliarden verdienen – durch Fußball, Popmusik, populäre TV-Shows, Unterhaltungsfilme et cetera. Und das bedeutet: Zwischen den heutigen globalen Geldeliten und den heutigen globalisierten Massen gibt es zwar eine finanzielle, aber keine kulturelle Distanz. Wenn ein globaler Popstar in die Menschenmenge ruft: I love you, dann ist er völlig aufrichtig. Er liebt diese Massen, weil er sie melkt, und diese Massen lieben ihn, weil sie es offensichtlich genießen, gemolken zu werden. Ein Klassenkampf von oben ist daher aus simplen ökonomischen und kulturellen Gründen völlig ausgeschlossen. Die heutigen Geldeliten leben in einem symbiotischen Verhältnis mit dem Sozialstaat, sie teilen seine Kultur und sind mit ihm in gegenseitiger Liebe verbunden.“

Diesen Sätzen stimmen wir, in weihnachtliche Harmonie getaucht, vollkommen zu. An diesem Punkt hat Groys recht. Es ist genau diese Symbiose, es ist die Produktionssphäre, und es ist diese Welt des schönen und häufig auch unschönen Scheins, der allseitigen Verbundenheit von Pop, Konsum und der Zirkulation des Geldes, des „annihilierendsten Signifikanten“ (Lacan), die die Maschinerie am Laufen halten. Die „Goldenen Zitronen“ und „Silbermond“ unterscheiden sich nur graduell; der aufgesetzte Protest als Pop-Pose hat in der Sphäre des Gefühls-Konsums und des Handels mit Gefühlen dem Schmusesong nichts voraus. Es ist jeder Ausweg verbaut. Allenfalls verhält es sich so, wie in Kafkas Parabel von der Katze und der Maus, der die Welt immer enger wurde: Du mußt nur die Laufrichtung ändern. Insofern sollten wir es uns in der Immanenz ruhig bequem machen – zumindest solange noch Geld da ist. Ich konsumiere, also bin ich: dies sei die Weihnachtsbotschaft.

Die Thesen allerdings, die Groys über den Mittelstand aufstellt, sind fragwürdig. Denn durchaus ist der Mittelstand (immer noch) Profiteur der Sozialsysteme, zudem trägt er wesentlich zum Kreislauf des Konsums bei, gerade im Mittelpreissegment. Und auch Aldi ist lange kein Ort mehr, wo sich Neukölln trifft, sondern Lokus der nivellierten Mittelstandsgesellschaft. Daß vom Mittelstand in irgend einer Form ein Aufstand ausgehen könnte, weil er das Einverständnis auflöste, ist kaum anzunehmen. Warum auch sollte er es, bei allem Unbehagen, kündigen, wenn die Dinge grosso mode gar nicht einmal so schlecht laufen? Ein Aufstand wird nicht stattfinden, weder aus der Mitte heraus und schon gar nicht von unten her: dort geschieht er allenfalls über die Fernbedienung vorm Fernseher, wenn „Wetten daß ….?“ einmal nicht gefällt, fortgezappt und gemosert wird.

Und deshalb bleibt es dabei: die Welt ist einzig als ästhetisches Phänomen, im schönen Schein der Waren gerechtfertigt. Uns so wünscht dieser Blog seinen Lesern ein gesegnetes, besinnliches und frohes Weihnachtsfest. Stärken Sie die Wirtschaft mit Ihrer Kaufkraft. Ich habe es auch getan, und eine Nikon D 3s samt Nikkor 17-35, 1/2,8 harrt meiner. Der Standortvorteil des Kapitalismus für den Photographen: Kapitalismus produziert – im höherpreisigen Segment – anständige Kameras, die bei jeder Wetterlage perfekt funktionieren und geeignet sind ein gutes Abbild seiner Emanationen zu liefern. Zumindest in potentia. Denn das Wesen muß zur Erscheinung kommen, und genau von einer solchen Erscheinung soll auch unser kleiner Weihnachtsfilm handeln, eine geradezu doppelgängerische Erscheinung. Nichts als umgehende Gespenster sozusagen:

In diesem oder anderem Sinne den Leserinnen und Lesern ein frohes Fest sowie einen guten und bekömmlichen Übergang ins nächste Jahr. (Kommentare werden zwischen dem 23. und dem 28.12 nicht freigeschaltet. Danach geht‘s dann weiter.)