Böhmischer Prater – Wien

Wien, Ende September 2018, Blasmusik tönt, wie selbstverständlich laufen die Burschen in Lederhose und die Madeln tragen Dirndl. Sie strömen zum Prater, dem Vergnügungspark im 2. Wiener Bezirk. Auch dort feiern die Wiener „ihr“ Oktoberfest. Exportiertes Bajuwarentum. In heutigen Zeiten hingegen will feiern gut überlegt sein – ob Gangbang, Bungabunga, Kit-Kat, Diskofox oder des Onkels 50er Geburtstag: nur mit negativem Coronatest oder gar nicht. Irgendwann aber geht es wieder nach Wien und auch in den herrlichen Prater und eben jenen „anderen“ Prater.

Den Prater, auch Wurstelprater genannt, kennen die meisten Wienreisenden zumindest dem Namen nach, wenngleich der tatsächliche Prater sehr viel größer ist, nämlich eine gedehnte Parklandschaft mit Auenwald, zwischen Donaukanal und Donau, im Südosten Wiens, nahe des Zentrums. Eine herrliche Landschaft, um sich zu erholen: obwohl Wien für den Besucher Erholung genug ist. Wer bisher nicht im Prater war, erinnert sich aber an jene spektakuläre Szene aus dem Film Der Dritte Mann: das Riesenrad, hoch über dem düsteren Nachkriegs-Wien und jene Gondel, wo Harry Lime (Orson Welles) seinem alten Freund Holly Martins (Joseph Cotton) mit Zynismus die neue Zeit erklärt. Der Prater in Wien-Leopoldstadt ist bis heute ein Riesenrummel.

Wer jedoch eine ausgefallenere Art des Jahrmarktes mag, wer Dinge schätzt, die aus der Zeit gefallen scheinen und wer Sinn fürs Abseitige hegt, der reise aus der Stadt hinaus in Richtung des Naherholungsgebiets Laaer Berg, an der Stadtgrenze, im Süden Wiens, 10. Bezirk Favoriten. Das ist Arbeitergegend, immer schon. Früher lebten dort Tschechen, heute die Kroaten, die Türken, die Kosovaren, und ebenso die Ureinheimischen. Eine Vielvölkerstadt. Mit der U-Bahn-Linie 1 fahre ich bis zum Reumannplatz, eine unwirtliche Gegend, nichts Spektakuläres dort, außer dem üblichen Grau oder ein Schißgrün des Wiener Gemeindebaus. Hier ist man im tatsächlichen Wien, weit ab von Heurigengemütlichkeit, von Stephansdom und Straußscher Walzerseligkeit. Hier fragt keiner in Barockkostüm verkleidet, ob man Karten für das große Wienerwalzerkonzert erstehen möchte. Hier ist Kanacksprack. Ich eile weiter und suche den 68er Bus, der mich zumindest in die Nähe dieses anderen Praters bringt, des Böhmischen Praters. Von der Haltestelle Urselbrunnengasse aus laufe ich dann nochmal eine Viertelstunde, um an diesen sagenumwobenen Ort zu gelangen. Leicht zu erreichen ist dieser Vergnügungspark nicht. Zumindest nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln, und wer es mit dem Fahrrad versucht, sollte keine Herzbeschwerden haben.

Endlich angekommen und dann geht’s hinein in die Welt des Vergnügungsparks, genauer gesagt eines Rummels, den es eigentlich so gar nicht mehr geben dürfte, weil man denkt, daß seine Zeit lange schon abgelaufen ist. Gleich links beim Eingang fällt mein Blick auf ein altes Ringelspiel. Dies ist die Bezeichnung für ein Karussell, dessen Figuren sich artig im Kreis drehen. Das Ringelspiel hat eine lange Tradition, es stammt vom Training der Ritter, die mit einer Lanze die seitlich aufgehängten Ringe durchstachen. Im Barock diente dieser Wettkampf dann zur Belustigung und wurde als Ringelreiten zum Vergnügungsspiel auf ein „Carrousel“ montiert.

Der Böhmische Prater entstand 1882, als sich eine Reihe von Ausflugslokalen für die Arbeiter auf dem Laaer Berg ansiedelte. Jene waren nötig geworden, damit die Habsburger Herrlichkeit sich erweiterte und die Stadt Wien neue Dimensionen annehmen und sich industrialisieren konnte. Wien wird zur Großstadt demoliert, so spottete später Karl Kraus. Zu den Ausflugslokalen für die Arbeiter gesellten sich 1883 die ersten Fahrgastgeschäfte: Kettenkarussell und Russische Schaukel. Damals hieß er noch Favoriten-Prater doch schnell bürgerte sich wegen der vielen Tschechen der Name Böhmischer Prater ein. Im Illustrierten Wiener Extrablatt von 1884 heißt es: „An Sonntagen geht es im Prater am Laaerberg, von welchem man eine herrliche Aussicht auf die Residenz genießt, so lustig zu, wie in der Donauau in der Leopoldstadt, welche Kaiser Joseph den Wienern geöffnet hat.“ Der eine und der andere Prater eben.

Weniger schön beschreibt es 1886 die Vorstadt-Zeitung:

„Ekelerregende Schnapsverkäuferinnen, welche in czechischem Idiom ihre Waare anbieten; schmutzstarrende alte Weiber, die um Almosen stehen. Krüppel, welche ihre Gebrechen zur Schau stellen, verstimmte Leierkasten, die ihre ohrenbetäubenden Klänge zum besten geben, markieren die Wege zu dieser merkwürdigen Kolonie.“

Im 20. Jahrhundert mußte die Politik den Schaustellern oftmals unter die Arme greifen, weil die Eigentümer des Geländes andere Projekte im Sinn hatten: 1984 wollte eine Firma für Spielautomaten dort Hotels und Spielhallen erreichten: „Klein Las Vegas“ sollte hier erblühen. Dem machte jedoch der Bezirk einen Strich durch die Rechnung. Das Praterareal wurde durch die Stadt Wien gekauft und so war ab 1986 sichergestellt, daß die Schausteller weitermachen konnten.

Das alte Ringelspiel von 1890 kreist also zum Glück noch immer. 1984 wurde das Karussell wegen seiner Einzigartigkeit unter Denkmalschutz gestellt. Mit seinen 12 Holzpferden ist es das älteste Ringelspiel Europas. Die Pferdchen heißen Peter, Susi, Otto, Gitti. Sie drehen sich und drehen sich an diesem Sonntagnachmittag im Kreis, zusammen mit der alten schönen Straßenbahn, dem BMW-Motorrad, der Dampflok und dem Oldtimer. Aber es sitzen nur wenige Kinder auf Pferd, Wagen, Motorrad. Karussellmusik ertönt aus der alten Orgel. Es ist wie in vergangenen Tagen und wenn man ein wenig phantasiert, reist man zurück in diese Zeit. Auch das macht den Reiz dieses Ortes aus. Aus der Zeit gefallen.

Aber der Böhmische Prater ist keineswegs nur Museumsdorf, sondern es gibt genauso moderneres Gerät. Der Karibik-Twister, die üblichen Automaten zum Armdrücken, Biergärten und der klassische Autoscooter, der hier schön alt Autodrom heißt.

Als Stadtspazierer ist es nicht meine Spezialität mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Aber gut ist es doch, auch mit Leuten zu sprechen, mit den Schaustellern, und sie zu befragen. So erfährt der Spaziergänger Dinge. Ich gucke ich mir jemanden aus, und am Riesenrad treffe ich Franz Reinhardt, Inhaber des alteingesessenen Schaustellerbetriebs gleichen Namens. Reinhardt ist zugleich Obmann im Verein der Schausteller im Böhmischen Prater. Ich frage ihn, wie lange er dieses Geschäft betreibe. Das, so Reinhardt, sei ein Lebenswerk, immer schon habe er das gemacht. Doch im Lauf der Zeiten hat sich vieles gewandelt. Das Geschäft ist härter geworden, die Konkurrenz durch andere Unterhaltung erheblich und die Leute kommen seltener. Zusammen mit dem Riesenrad betreibt er das Kaffeetassenkarussell und die alte Kartbahn für die Kleinen. Karussells mit Nostalgie, mit viel Charme und Schönheit.

Ich denke beim Anblick des Riesenrades und dessen Design an die 70er Jahre, obwohl es erst 1988 aufgebaut wurde. Aber genau so sahen auch damals die Gondeln aus. „Warten Sie mal!“, sagt Franz Reinhardt. Dann verschwindet er in seiner Schaustellerkabine und als er wiederkommt, hält er einen Katalog in der Hand: Favoriten und der Böhmische Prater. Laaerberg – Der andere Wiener Wald. „Darin finden Sie alles, was Sie wissen wollen“, sagt Reinhardt. Dann folgt eine Szene, die ich mir lieber nicht gewünscht hätte, und von diesem Punkt an hätte das Gespräch gerne beendet sein können. Aber das war es nicht. Es nahm eine unangenehme Wendung: „Und jetzt fahren wir Riesenrad!“, rief der Herr Reinhardt vergnügt. Die Sache hatte nur einen Haken: ich bin nicht schwindelfrei. Daran hat auch – als Konfrontationstherapie – das Fallschirmspringen nichts geändert, obgleich es doch seinen Reiz hat, mit einer alten Antonow in den Brandenburger Himmel aufzusteigen. Nicht einmal eine Leiter geht, geschweige ein Sessellift. Und schon gar nicht das Riesenrad. Ich lehne dankend ab, aber Herr Reinhardt hat eine Art zu überzeugen, der ich nicht wiederstehen konnte. Außerdem muß man für eine Reportage Opfer bringen, denke ich mir. Andere wühlen unendlich in Akten und recherchieren, ich hingegen fahre Riesenrad. Ich bin ein weißer alter privilegierter Mann, der seine Privilegien schwer genießt. Wir steigen ein. Herr Reinhardt gibt ein Zeichen und auf geht die Reise in der Gondel mit der schmalen Brüstung. Aber für Sicherheit ist gesorgt, er sei ja mit an Bord, so murmelt Herr Reinhardt.

Nein, das Riesenrad ist nicht riesig, es mißt gerade mal 21 Meter, das Wurstelprater-Riesenrand hat eine Höhe von knapp 65 Metern. Doch wenn man oben ist, schwebt man über Wien, sieht von der Höhe des Laaer Bergs auf die Stadt hinab. Donaucity und die alten Gasometer, in der Ferne der Stephansdom und noch weiter im Horizont ragt der herrliche Kahlenberg. Es ist ein wunderbarer Blick über das geliebte Wien. In der Höhe, auf der Spitze verharren wir ein wenig, ich schaue auf diese so schöne Stadt, die Augen fest auf den Horizont gerichtet, wie man es bei Schwindel macht. Froh bin ich jedoch, als es wieder zur Erde geht. „Sehen Sie, ist doch gar nicht schlimm!“. Nein, das war es nicht, ich bedanke mich artig und schlendere weiter. In Richtung des Ausgangs zum Laaer Waldes.

Doch vorher erwartet mich noch das alte Raupen-Karussell der Familie Geissler. Am Kassenhaus ist ein Schild angebracht: „Diese Raupe wurde im Jahre 1929 von meinem Onkel Rudolf Rusniak gebaut“. Neben der Raupe findet sich die uralte Karussellorgel. „Die Orgel entspricht einer Orchesterkapazität von ca. 25 Mann“ steht da in alter geschwungener Schrift. Ich stehe und staune angesichts dieser Pracht der liebevoll bemalten Figuren und der Orgelpfeifen. Ich werfe einige Euro-Münzen in die Büchse des Leierkastenmanns. Er ist aus Holz und hat einen buschigen Oberlippenbart.

Und dann geschieht das unvorstellbar Schöne: Plötzlich heben die Orgelpfeifen zu spielen an, Kirmes-Musik setzt ein. Langsam, schunkelnd, dann scheppert, hämmert, orgelt und tönt es, nicht zu laut, nicht zu leise, sondern so wie es auf einem Jahrmarkt sein muß. Und da erklingt sie plötzlich: die Wiener Walzerseligkeit, Straußens An der schönen blauen Donau. Aber nicht im Konzertsaal mit erlesenem Publikums und feinen Instrumenten gespielt, sondern fürs Volk, schief, krachend und wie in einem Stück Ödön von Horváths. Das ist melancholisch und zugleich anrührend schön.

Konservative wollen etwas bewahren, was eigentlich nur noch in unserer Erinnerung seinen Ort hat. Traurig und doch auf eine Art beglückt schlendere ich fort in Richtung der Wälder.