Fescher Feminist im Trachtenkleid und katholisches Muttertier – Don Alphonso und Birgit Kelle in Berlin

Aha, Don Alphonso und Birgit Kelle zusammen auf einer Podiumsdiskussion. Die Karten waren schnell abverkauft, gut also, daß ich bereits am ersten Weihnachtstag, als Kelle den Termin twitterte, mir online was ergatterte. Bei dem despektierlich klingenden Beitragstitel, soviel sei zur Beruhigung gesagt, handelt es sich übrigens um eine, im Fall Kelles ironische Selbstbeschreibung der beiden Kolumnisten – Don Alphonso seit 9 Jahren als legendärer FAZ-Blogger, fesch in Tracht oder Anzug, gedient unter Frank Schirrmacher, und Kelle als Welt- und Buch-Autorin: Gendergaga ist ein zwar verkürzter, aber sehr treffender Buchtitel für den Unsinn, den wir teils im Netzfeminismus erleben: daß ein verrutscher Abend oder eine Bemerkung übers Aussehen etwas anderes sind als sexuelle Übergriffe und sogar Straftaten scheint vielen mittlerweile keine Selbstverständlichkeit mehr. Und  das entwertet dann eben auch, im Unkehrschluß, den sexuellen Übergriff – der in Kelles Worten übrigens unabdingbar sanktioniert gehört. Bei diesen Debatten sind manchen inzwischen gehörig sämtliche Koordinaten durcheinandergerüttelt.

Da es am Ende des Abends auch Sekt geben sollte und ich das Auto nicht mit Alkohol fahre, beschloß ich etwas Unübliches zu machen, nämlich abenteuerlustig mit der BVG anzureisen, zumal der Veranstaltungsort nicht weit von meinem Zuhause entfernt liegt. Ich bin lange nicht mehr in Berlin abends mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren. Und mein Eindruck war nicht der beste. Bereits auf der Hinfahrt zum Kino an der Hardenbergstraße bestätigt sich das, was Don Alphonso übers Reichshauptstadtslum, wie er Berlin leicht despektierlich nennt, schreibt. Roh, häßlich, dreckig. Und eine Vielzahl Armer, Obdachloser, am Bahnhof Schloßstraße ein Heerlager der Armen, die dort campieren. Soziales Elend, frei flottierend. Traurig und erschreckend zugleich für eine Stadt. Man könnte an Baudelaire-Szenen denken, jener Bettler, der geschlagen wurde, eine Szene, die Simon Strauß übrigens in Sieben Nächte aufgreift. Eine Stadt, die einerseits wild und frei sich gibt und giert – das ist meine wohlwollende Interpretation –, andererseits ein Ruin und Ruine.  Je nachdem für welchen Charme man sich entscheidet. Der Don greift solche Aspekete regelmäßig auf. An diesen Stellen ist Armut keineswegs sexy. Und wenn die Stadt nicht  zu tun gewillt ist, so wäre es gut, wenn Bürgersinn sich ausbildete. Den gibt es aber in Berlin nicht. (Fußnote dazu siehen unten)

Aber was brachte der Abend im Saal? Auf dem Podium saß eine recht homogene Gruppe, so kam Disput leider kaum zustande. Den Advocatus diaboli spielte die Moderatorin Rebecca Schönenbach, aber eher halbherzig. Eine junge und bekannte Feministin aus Berlin, die eigentlich den Gegenpart geben und damit eben für die wichtige Diskussion sorgen sollte, hatte abgesagt. In der Gated Community der Berliner Feminstinnenriege, mit zahlungskräftiger Böll-Stiftung im Hintergrund, dürfte es publizistisch den Todesstoß bedeuten, mit Don Alphonso und Birgit Kelle zusammen aufzutreten. Und diese Gleichschaltung im Milieu, bei Binnenabweichung um ein Minimales allerhöchstens, ist ein grundsätzliches Problem dieser Szene. Wie auch im Journalismus einer bestimmten Couleur. Es gibt dann bei bestimmten Zeitungen ganz einfach keinen Schreibplatz mehr. Und wer mit dieser Arbeit sein Geld verdienen muß, der hält halt den Rand, wenn er im grün-roten Milieu nicht Persona non grata sein will und wenn er nicht bei Sezession oder JF schreiben mag. Insofern gibt es, so Don Alphonso, den traurigen Sachzwang, die Füße still zu halten, und kaum ein 25-Jähriger habe, verständlicherweise, so der Don, die Kraft, solche Konflikte auf Dauer durchzustehen. Für ein liberales, für ein bürgerlich-konservatives Milieu ist in diesen Gefilden kaum Platz, so ließe sich die Position sowohl von Kelle wie auch von Don Alphonso zusammenfassen. Einschüchterungen und rigide Szenemoral geben den Ton an.

Wie sehr Vorurteile und der Medienrant einschlägiger Twitterfeminstinnen unser Bild von einem Menschen prägen können, zeigt sich an dem Phänomen Birgit Kelle. Ich erwartete eine Reaktionärin, nahe beim Rechtsradikalen gesiedelt, und bekam eine liberal-konservative, aber wehrhafte Frau geboten, die sich stolz zu ihrem Katholizismus bekannte. Anhand solcher Meinungsmache wie man sie von Wizorek und Konsorten kennt, kann man gut sehen, wie in einer Gesellschaft Trugbilder geprägt werden. Nein, das Kopftuch sei kein Problem, sagte Kelle, wieso auch? Jede Frau müsse das selbst entscheiden, das sei so in einer liberalen Gesellschaft. Aber es müsse genauso das Recht geschützt werden, daß Mädchen es nicht tragen. An Schulen und Unis ist es also beim Lehrpersonal zu verbannen. Es habe ein striktes Neutralitätsgesetz zu gelten. Sollte eigentlich selbstverständlich sein, ist es aber nicht im rotrotgrünen Berlin.

Klare Ansage, klare Kante bei Kelle, wie auch sonst bei anderen Themen wie Kriminalität bei Flüchtlingen, die nun einmal da ist. Wenn wir die Probleme, die es mit einigen Flüchtlingen (nicht mit allen, das betonte Kelle ausdrücklich) gibt, nicht benennen, wenn wir so tun, als sei das alles gar nicht das Problem und nur die Idee von Nazis, werden wir weiter den rechten Rand stärken. Auf den Punkt gesagt. Auffällig wenig freilich war Köln das Thema, wie der Titel eigentlich ankündigte: „Zwei Jahre nach Köln: #metoo statt Freiheit für Frauen?“ Das war aber auch gar nicht nötig: Kelle brachte es klar, knapp und deutlich auf den Punkt: es kann nicht angehen, daß in Deutschland Frauen sich Strategien überlegen, welche Wege sie abends meiden, daß Frauen in bestimmten Gegenden Angst haben oder abends in Berlin bestimmte U-Bahnlinien meiden, daß sie anfangen Selbstverteidigungskurse zu belegen, anstatt daß man es umgekehrt macht, nämlich Straftäter radikal zu sanktionieren. Und ich füge hinzu, Kelle sprach nicht davon: sie nach rechtskräftigem Urteil unmittelbar in ihre Heimatländer abzuschieben. Strenge spricht sich herum und klare Regeln sind allemal besser als halbherziges Durchwurschteln.

Instruktiv waren auch die Berichte Don Alphonsos vom Tegernsee und aus Ingolstadt. Teils erschreckend, wenn er vom Aufmarsch Grauer Wölfe berichtet und wie eine Minderzahl von Islamisten in einem Flüchtlingslager den Ramadan mit Prügel durchsetzt. Genauso aber schilderte er, wie in Bayern Integration funktioniert und wie man sie umsetzt. Wer paßt und sich an Regeln hält, bleibt im Ort, und wer Schwierigkeiten macht, Drogen vertickt, grabscht oder anderes Verhaltensauffälliges bewirkt, so merkte der Don süffisant an, wird in den Norden expediert. Kelle ergänzte sachkundig: Wenn falsche Angaben, die Flüchtlinge machen, nicht sanktioniert werden, wie bei jedem anderen Bürger auch, der auf dem Paßamt Unwahrheiten erzählt, so tritt man damit eine unheilvolle Lawine los. Es spricht sich solches nämlich herum. Sollte selbstverständlich sein, ist es leider nicht.

Ebenfalls einleuchtend Kelles Kritik an einem bestimmten linken Milieu, das solche Äußerungen reflexhaft als rechtsradikal labelt. Nach der Sicht dieser Leute müsse dieses Land voll von Nazis sein, so Kelle. Erfrischende und gute Worte. Sätze, die die meisten in diesem Land denken, wenn ich mich umhöre. Die aber selten in Zeitungen stehen. Denn man will ja nichts Falsches schüren. In diesen Kontext paßte auch die Zwischenbemerkung einer Lehrerin, der man ihre Erschütterung ehrlich anmerkte: Daß sie im Kollegium Probleme benenne, die es in bestimmten Klassen gäbe, daß aber regelmäßig abgewiegelt werde und sie von eigenen Kollegen schon als AfD-Nazi beschimpft worden wäre. Solche Episoden kennt vermutlich jeder.

Auch zum Islam in Deutschland hat Kelle eine bedenkenswerte Position: Die These ist falsch, wenn manche behaupten, daß der Islam zu Deutschland gehöre. Vielmehr muß es die Frage sein, ob der Islam zu Deutschland gehören will. Und diese Frage können nur die Muslime selbst klären, niemand sonst. Eine nachgerade aufklärerische Position und eine in den Fragen des Islams tolerante, bekennende Katholikin zudem.

Und auch Don Alphonso erleben wir als besonnenen Gesprächspartner. Die Polemik in seinen Texten müssen wir unterm rhetorischen Aspekt sehen: Debatten zu beleben, zu provozieren und eine Position zuspitzen. Am Dissens arbeiten und Dissens aushalten, so Don Alphonso auf dem Podium, sei doch eigentlich das Geschäft des Kolumnisten und vor allem auch das Wesen einer Demokratie: eine Kultur des Streits zu etablieren und nicht des Gemaules und der Nazi- und Sexismusbezichtungen, wo keine Nazis und Sexisten sind. Symptomatisch zeigte sich dieses Abwägende und bei aller Polemik durchaus Sachliche bei einem Redebeitrag aus dem Publikum. Ein (Krankenhaus)Arzt berichtete von harten Übergriffen im Flüchtlingslager Berlin-Marienfelde, die er zu behandeln hatte, und zwar wiederholt. Frauen, die Opfer männlicher Gewalt waren, Mädchen, die schwere Schnittverletzungen im Genitalbereich aufwiesen, mutmaßlich auch von Flaschen, eine Polizei, die kaum Lust hatte, sich auf längere Zeit mit den Zuständen in diesem Lager zu befassen – Agambens Sentenz zum Lager als Nomos der Erde kommt einem in den Sinn. In den Zeitungen lese man von diesen Dingen nichts, so der Arzt. Ob’s stimmt, weiß ich nicht, man muß solche Berichte mit Vorsicht genießen, man muß sie prüfen. (Daß ein Matthias Meisner vom Tagesspiegel darüber nicht schreibt, verwundert allerdings weniger.)

Don Alphonso reagierte gelassen. Manchmal, so der Don, sei es sinnvoll, nicht jedes Ereignis in Zeitungen in extenso auszuwalzen, weil das eine Stimmung schüre, die für eine Demokratie, für eine Gesellschaft nicht vorteilhaft sei. Und genau an diesem Punkt merken wir den linken Don, den Profi-Journalisten, von denen man sich viele mehr wünscht, den Springer-Kritiker, jenes Denken, das reißerischen BILD-Journalismus verabscheut, aber keineswegs die Kraussche Polemik und den harten Ton scheut. Don Alphonso fürchtet sich nicht anzuecken. Und genau dieser Mut sollte Ethos eines guten Journalisten sein. So dicht bei der Wahrheit wie möglich, also wenig Bild- und B.Z.-Journalismus. Vor allem aber am guten Glauben zu kratzen, am Glauben all derer, die mit dem Heilsversprechen und dem Universalschlüssel auftreten. Ob das nun Marx, Freud, Adorno, Butler oder Feminismus ist. Aufklärung heißt Kritik. Das konnte man an diesem gelungenen, wenn auch ein wenig zu homogenen Abend gut sehen. Linke Gewißheiten in Frage zu stellen, ohne sogleich rechtsaußen auszurutschen.

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Fußnote: Daß Berlin niemals ein ausgeprägtes Bürgertum und überhaupt Bürgersinn entwickeln konnte, wie etwa Hamburg oder München, mit Bürgern, die etwas für ihre Stadt tun, mag in der Geschichte dieser Stadt liegen. Nach dem zweiten Weltkrieg zerrissen und die Industrie samt den Wohlhabenden flüchtete, und eigentlich flohen sie schon vor dem doch frühzeitig beendeten Endsieg – um nämlich den Bombardements zu entkommen und mit der Industrie gingen auch die Bürger. Sie kamen nicht wieder zurück. Bis heute. Und deshalb sieht diese Stadt genau so aus, wie sie aussieht, deshalb ist sie verwahrlost, deshalb gibt es Ecken, wo ich abends nicht gerne spaziere. Deshalb gibt es Orte wie den Görlitzer Park. Es fühlt sich keiner und niemand zuständig. Und es hat auch nicht den Anschein, daß sich dies ändert, schon gar nicht unter einem rot-rot-grünen Senat, für den die Polizei der innere Feind ist. Die Polizei hat lange schon resigniert, so der Don auf dem Podium: aus einschlägigen Polizeikreisen hört man nichts Gutes, es grollt.