Kurvenstar

Die für den letzten Samstag geplante Fahrt in den Osten des Ostens wurde zu einer Fahrt in den Westen des Ostens, weil ich bei meinen Vorbereitungen des Ausfluges befand, daß es nicht gut ist, in der ersten frühmorgendlichen Angriffswelle direkt in die aufgehende Sonne hineinzureiten, denn die Sonne steht momentan tief und sie blendet. Auf der abendlichen Rückkehr ereignete sich dann diese Blendung zum zweiten Mal. Ich sehe nichts und das ist beim Autofahren anstrengend. Ist das auf der Autobahn ein Igel, ein Apfel, der Teil eines Reifens, eines Unfallopfers, eines Kopfes? Bremste da jemand vor mir? „I see the light.“  Solcher Unbill muß nicht sein. Bei jedem Angriff der Sioux auf das Fort reiten die Sioux aus der Sonne heraus gegen das Fort, während die Soldaten der Kavallerie in den Laufgängen der Fortbrüstung in die Sonne blicken. So lernte ich es zumindest im sogenannten Western von Hollywood, der unser Bild von den Ureinwohnern prägte. Ob diese tatsächlich auf Pferden angriffen? Ich weiß es nicht. Also fuhr ich am Samstagmorgen westlich, über die Autobahn, Berliner Ring, auf die A 2, dann via Umgehungsstraßen an der Stadt Brandenburg vorbei, schöne Nebellandschaften in den Senken und an den Gewässern, über die Dörfer, über die Landstraße, die Elbe querend nach Stendal, was mich daran erinnert, daß ich demnächst mit der Lektüre Flauberts anfangen muß, um im Dezember einen Essay zu seinem Geburtstag schreiben zu können.

Nach dem Besuch in Stendal ging es in das Jerichower Land – und auch in das Dorf Jerichow. Was mich wiederum daran erinnert, mir den Debütroman von Jan Brandt „Gegen die Welt“ zu besorgen, zu lesen und vielleicht, insofern er bedeutsam ist, hier im Blog zu besprechen.

Die Photo-Serie „Ausgesucht öde Orte“ findet über das Städtchen Stendal mithin ihre Fortsetzung, wobei die Ödigkeit in Frankfurt/Oder größer ausfällt als die in Stendal. Was mich wiederum daran erinnert, daß sich am 21.11. der 200ste Todestag Heinrich von Kleists nähert. Auch dazu muß ein Text geschrieben werden. Die Öde Stendals will gesucht sein. In den Nebenstraßen findet man sie noch. Und es sprach mich beim Photographieren eines verfallenen Hauses eine Frau an: „Ausgerechnet das häßlichste Haus dieser Stadt müssen sie photographieren!“

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In den meisten Städten, in die ich einen Tagesausflug unternehme, mache ich es so, daß ich einfach drauflos spaziere, ich bereite mich nicht vor, ich weiß nicht, wo es hingeht, es kann also geschehen, daß ich das beste möglicherweise verpasse. Demnächst zeige ich – vielleicht – einige Photos aus Stendal, wenngleich ich mit der Ausbeute nicht recht zufrieden bin.

Am Sonntag ging es ins c/o Berlin, um die dort stattfindende Ausstellung „Unheimlich vertraut. Bilder vom Terror“ anzusehen. Weiterhin gab es dort Photographien der Kriegsreporterin und Photo-Journalistin Anja Niedringhaus. Der Titel der Ausstellung lautet „At war“. Ich habe selten bessere Photographien gesehen. Nein, das ist nicht ganz richtig: es ist das beste an Photos, was ich seit Jahren betrachten durfte. Robert Capa, Donald Mc Cullin oder Philip Jones Griffiths schossen eindringliche Bilder von den Kriegen dieser Welt. Was Niedringhaus machte, kann man kaum in Worte fassen. Die Photos bilden nicht nur den Schrecken des Krieges ab und dokumentieren ihn, sondern sie schlagen durch eine Art der Komposition und durch die Bildsprache sowie das Formbewußtsein vor den Kopf. Ich bin immer noch wie im Rausch von diesen Photos, und bereue es heute fast ein wenig, 1987 nicht ein Angebot angenommen zu haben, nach Israel zu gehen, um dort Photos zu machen. Ich wäre kurz vor der ersten Intifada in Israel eingetroffen. Ich wäre heute berühmt oder tot. Nach dem Besuch der Ausstellung tat ich etwas, das ich sonst eigentlich nicht mache: ich kaufte mir das Plakat der Niedringhaus-Ausstellung. In der Regel hänge ich mir keine Photographien fremder Photographen in die Wohnung, weil ich an den Wänden meine eigenen Bilder rahme. Hier aber tätigte ich eine Ausnahme.

(Photographie von Anja Niedringhaus)

Ich schreibe über beide Ausstellungen demnächst. Nach dem Besuch im c/o Berlin flanierte ich durch Mitte und begab mich dann als Zielpunkt auf den Alexanderplatz. Der Photograph Harald Hauswald photographierte und photographiert häufig auf dem Alexanderplatz, beobachtete und verharrte dort, bis er das passende Motiv fand, wartete, bis die Anordnung der Menschen und die Konstellation stimmten. Es bilden sich im Vorbeigehen und im Stehenbleiben der Menschen Strukturen und Formen. Der Alexanderplatz eignet sich ganz hervorragend zum Photographieren von Menschen. Still setzt man sich an eine bestimmte Stelle und beobachtet. Es findet auf dem Alexanderplatz momentan ein Event namens „Oktoberfest“ statt. Ich werde dazu vielleicht eine Bildserie zeigen. Allerdings verspürte ich wenig Lust, dort so lange und bis in den Abend zu verweilen: wenn der Alkoholpegel steigt, so daß sich dann vermittels des Suffs von Menschen die richtig guten Photographien fertigen lassen.

Bevor ich meinen Heimweg antrat, blickte ich von der Empore unten am Fuße des Fernsehturms in den Sonnenuntergang der deutschen Herbstsonne – es soll mir keiner nachsagen, daß ich nicht ebenso einen Blick für das Schöne habe. Die intensiven Rötungen des Himmels entstehen durch die Aschepartikel in der Luft, in denen das Licht die Brüche erzeugt, welche sich als Rötungen niederschlagen. Partikelgestöber, wie es in Celans „Engführung“ heißt. Alles übrige war Meinung.

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Weiter ging es, nach Sonnenuntergang, in die Richtung zu meinem Auto, die Karl-Liebknecht-Straße herunter, dann rechts am Uferweg an der Spree entlang auf die Burgstraße und kurz bei Walther König in die Auslage geschaut. Wer gute Kunstbücher und Bücher zur Ästhetik möchte, wer gerne stöbert, der schaut mit Freude in dieser Buchhandlung vorbei. Natürlich nicht am Sonntag, sondern dann, wenn das Geschäft geöffnet ist. Den Hackeschen Markt sowie die Höfe ließ ich für heute rechter Hand liegen, obwohl sich insbesondere dort von Zeit zu Zeit Straßenszenen zutragen, die es lohnen, festgehalten zu werden. Unter den Gleisbögen der Bahn durch die Kleine Präsidentenstraße ging es am ehemaligen „Kurvenstar“ vorbei, wo ich einmal mit einer Frau einkehrte, die diesem Bar-Namen alle Ehre machte. Eine tolle, wunderbare Frau – noch heute: interessant, witzig, geistreich, lebendig und lebhaft und leider schwierig, kompliziert sowie durch und durch chaotisch. Ich hätte sie seinerzeit gerne geheiratet, aber dazu hätte ich ihr wohl einen Antrag machen müssen. Nein, ich heirate nicht. Zumindest nicht heute.

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Über den Monbijouplatz hielt ich auf die Oranienburger Straße zu. Eine interessante, verfallene Straße war dies. Einstmals. Es standen früher die Huren dort, der Straßenstrich spielte sich hier ab. Aber das ist alles ausradiert, sieht nun anders aus.

Denn es stört das Gewerbe der Sexarbeiterinnen den geordneten, verordneten Konsum von Cocktails, Drinks, Latte macchiato, und es nimmt sich die Nahrung beim Blick auf die Haut, auf grelle Jacken und auf Hotpants lange nicht so gut auf. Die Straße wurde glattgebügelt und nichts davon ist mehr zu sehen, wie es hier früher einmal aussah. Ich gehe am Fenster meines Zahnarztes vorbei, der dort schon lange nicht mehr praktiziert, weil das Gebäude grundsaniert wurde.

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Der abgebildetet Mercedes SL gehört mir zu meinem sehr großen Bedauern nicht. Der Reisebus zum Glück ebensowenig. Nicht daß jemand auf die Idee käme,  ich sei Busfahrer und auf dem Wege zu meinem Reisebus. And I’m not the passenger.

Daily Diary (9), Hamburg und der Papst kommt

Wir waren wieder einmal früh auf den Beinen. Und raus ging es in Eile nach Hamburg. Wir kommen, wenn man uns ruft, denn wir sind die Profis, und die anderen sind es nicht, deshalb werden wir von außerhalb gerufen und nicht die anderen, die diesmal eben die in Hamburg waren. Wir traten ein, durch die Tür, in der Hand unsere Koffer, unsere Arbeitswerkzeuge. Schade, es hätte nur die schwarze Sonnenbrille gefehlt, die jeder auf der Nase trüge. Wortkarg, den Hamburgern gleich, aber in unserer Berliner Arroganz überheblicher. „Denn sie wissen nicht, was sie tun“, witzelte Henning, leise, aber hörbar; die Hamburger goutierten das nur mit diesem eisigen, regenbösen Blick. Karen prustete kurz Luft durch die Nase.

Zurück nach Berlin ging es in den Dienstwagen der Fahrbereitschaft. Wir waren froh, daß wir die stickige Schwüle dieser Stadt verließen. In die Richtung der A 24 fahrend, endlich heraus, ewig sich reihender roter Backstein. „Eine Backsteinwüste“, so spotteten wir. „Na ja, der Krieg!“ „Ach, der Krieg. Scheiß was drauf.“ Horner Kreisel. Mal wieder Sommerdom, Aufstellschilder. „Hamburg: das ist viermal im Jahr Kirmes, Schiffsparade und Hafenfeuerwerke“, so dozierte Henning. „Wann kommt eigentlich wieder die Queen Mary 2?“ Wir biegen auf die Autobahn. „Die erste Autobahn, die hat doch der Führer gebaut.“ „Der Führer war ein Hamburger?“ „Quatsch!“

Endlich ging es wieder ins luftige Berlin. Wenn man auf der Autobahn ist, fühlt man sich Berlin bereits näher. „Ach, Schleswig-Holstein, dieses ewig-satte Grün und dieser düstere Wald ohne Ende, tiefstes Germanien.“ „Na ja, Schleswig-Holstein, das ist verspielt, verschnörkelt wie ein Sartre-Text; Brandenburg, das ist karg, reduziert, das ist wie Beckett: avancierte Kühle, Birth of the cool.“ „Hamburg hat aber auch schöne Seiten!“ „Ja, natürlich. Es soll da einen Blog-Betreiber geben. Der hat diesmal einen sehr guten Text geschrieben zu diesem Salms, den Justav „mit der Hupe“ Seibt in der Süddeutschen verfaßt hat.“ „Ach, Du liest in Blogs, hast Du auch einen?“ „Nein, natürlich nicht.“ Karen schaut nach mir. Ihr hätte ich es schon gerne gesagt. Denn Karen sieht passabel aus. Warum sollte sie nicht wissen, was für kluge Dinge ich privat betreibe? „Süddeutsche? Neeeeh, dann doch lieber die FAZ.“ „Liberal-aal-aal, lieber Aal“ „Wieso, bist du ein Fischkopf?“ „Nein, aber Hamburg hat eben doch schöne Seiten.“ „Die FAZ ist doch konservativ und nicht liberal.“ „Ja, das weiß ich selber. Die Soße ist trotzdem dieselbe. FAZ ist trotzdem besser. Um Klassen.“ „Aber Hamburg hat keine Stadtautobahn, wie Berlin.“ „Nein, aber hier, lies mal dieses Seibt-Zeug.“ „Nee, besser ist da schon der Artikel in der ‚Berliner Zeitung‘ von Elmar Kraushaar.“ „Der Papst kommt im September nach Berlin.“ „Und da gehst du hin? Ins Olympia-Stadion?“ „Na ja, nicht direkt. Eher so woanders. So dagegen.“ „Aber das kann dir doch egal sein. Du bist doch nicht einmal in der Kirche.“ „Eben. Deshalb ja.“

Die dunklen Wagen der gehobenen Mittelklasse passierten den in Stein stehenden Berliner Bären mit den aufrechten Tatzen und das Schild: Berlin. Abrupt von 190 km/h auf vorgeschriebene 60. Was für eine Schande, aber egal, denn da waren wir wieder: in der schönsten aller Städte, luftig, sinnlich, groß und wild, nach eines langen Tages Ritt.

 

 

Karneval

in Berlin: wozu es eine Bilderserie gibt: und zwar hier.

Es ist leicht, sich über etwas, das einem fremd ist oder nichts bedeutet, lustig zu machen und seinen Spaß zu treiben. Insbesondere beim Karneval in Berlin fällt solches Tun nicht sonderlich schwer. Ich finde keine Antwort auf die Frage, weshalb sich Menschen in Hasenkostüme zwängen oder sich bunte Perücken aufsetzen. Diese Art von Frohsinn ist mir fremd. Es lassen sich bei solchen Festen natürlich und mühelos Photographien machen, die einfach nur entlarven oder Menschen amüsiert vorführen. Doch dies liegt mir fern, auch deshalb, weil solches Vorgehen einfach zu haben ist. Und zu sagen „Das sind Spießer“, führt nicht weiter, zumal etwa 98 % der Menschen in der BRD Spießer abgeben und mehr oder weniger seltsamen Ritualen frönen. Im Grunde müßte man das, was einem fremd ist, mit dem Blick des Ethnologen betrachten und zur Darstellung bringen. Für das nächste Jahr haben eine Freundin und ich geplant, zur Allemanischen oder Baseler Fastnacht zu fahren.

Zu unterschiedlich nebenbei die Feierenden beim Berliner Karneval. Das, was sich Fröhlichkeit nennt, mag man in Ermangelung eines anderen so durchführen. Dennoch gehe ich aus diesem Treiben hinterher meist beklommen heraus. Nicht nur deshalb, weil es mir in Menschenmassen nicht behagt, was auch für politische Demonstrationen gilt. Aber wenn Steine fliegen, Knüppel schwingen, Menschen rennen und Wasserwerfer vor Freude sprühen, so fühle ich mich wohl, mitten drin und trotzdem niemandem zugehörig als meiner Kamera. Beim Karneval ist das im Grunde zwar nicht anders, doch es fehlt das Adrenalin. Wenn ich dann jedoch am Straßenrand zum Ende des Karnevalszuges Menschen sehe, welche die herabgeworfenen, liegengebliebenen Näschereien aus den Hecken auf den Mittelstreifen aufsammeln und dies nicht etwa deshalb, weil sie nichts abbekommen haben, sondern weil sie arm sind, so bleibt ein eigentümlicher Nachgeschmack. Und daß seit über zehn Jahren die Flaschensammler zunehmen, dafür können sich Leserin und Leser bei Gerhard Schröder, Wolfgang Clement, Walter Riester, Werner Müller, Renate Künast, Joschka Fischer, Jürgen Trittin bedanken.

Es gibt keine neutrale Dokumentation. Auch diese will es nicht sein. Wenngleich ich zuweilen ironisch bin, möchte ich darauf hinweisen, daß ich jene Photographien, welche ich in mehreren Teilen als Serien zum Karneval im Photoblog zeige, nicht belustigend meine. Andererseits sollen es, auch wenn die Bilder fröhliche Menschen zeigen, keine lustigen Photographien sein. Ich stifte in diesem Blog (und auch sonstwo) nicht zum Fasching oder zum Frohsinn an. Die Photographien dokumentieren. Es sind auf diesen Photographien Menschen zu sehen; das läßt sich auf einer solchen Veranstaltung nicht vermeiden: ein Karnevalsumzug ohne Personen wäre sicherlich seltsam – wenngleich nicht uninteressant. Da heute Weiberfastnacht ist, beginne ich an diesem Tage diesen Mehrteiler zum Karneval in Berlin. Der Karnevalsumzug fand bereits am Sonntag statt, also eine Woche vor den offiziellen Feierlichkeiten im Rheinland und an der Ruhr. Der Berliner ist in allen Dinge ein wenig schneller als der Rest des Landes.

Am Wochenende möchte ich mich dann doch wieder der Theorie zuwenden, und es geht weiter mit einem Text zu Derrida.

„It always rains in Wuppertal“ (3) – Nietzsches Januar

Zum dritten und letzten Male gebe ich in meinem Photoblog Bilder aus Wuppertal. Immer noch regnet es dort, und auch in Berlin regnet es. Oder schneit es hier vielmehr schon? Nein es geht beides zusammen und ineinander über. Die Unterschiede sind nicht leicht auszumachen, wenn ich aus dem Fenster sehe. Der heutige Tag wollte nicht hell werden, mit den brennenden Augen beobachte ich das Altbauhaus auf der anderen Seite der Straße. Ich schaue manchmal abends mit meinem Teleobjektiv in die andere Wohnung hinein, die gegenüber eine Etage tiefer liegt. Seit Tagen schon lebt da, wo früher Mann und Frau gemeinsam wohnten, nur noch der Mann. Selten verläßt er seine Wohnung. Einmal als er eilig aus der Tür trat und aus dem Haus ging, sah er kurz nach oben, zu mir. Ich tat als öffne ich das Fenster, um zu lüften. Und ich wischte mit unwilliger Geste über den Fensterholzschenkel, als ob ich da irgend etwas Unliebsames entfernte.

Die Eckkneipe unten öffnet bereits vormittags. Hier im Viertel trinken das mittelständische (Früh-)Rentner-Publikum und abends dann die Angestellten auf gepflegte Weise ihre Kaltgetränke. Ich war noch nie dort unten; bei denen, wie ich sagen müßte. Denen, das sind die anderen. Für mich sind alle die anderen. Einmal ermahnte mich der Wirt diese Kneipe, weil ich mein Auto quer über mehrere Parkplätze abstellte. So etwas erregt in einem Viertel mit großem Parkplatzmangel und viel Wettbewerb um dieselben natürlich eine gewisse Unruhe. Mein Widerstand gegen die Welt ist subversiv. Ich bin der Partisan im Gebälk des Alltags. „Da ich unverhältnismäßig hohe Steuern zahle“, entgegnete ich dem Wirt, „habe ich ein Recht auf mehrere Parkplätze. Das ist einfach so. Auch brauche ich das zum Entladen.“ Der die Straße gut beobachtende und auch verteidigende Wirt schien böse auf mich zu sein und ging unter dem Ausruf, daß dies ja wohl unglaublich und das allerletzte sei, in den Wirtssalon zurück. Ach, warum hätte ich ihm sagen sollen, daß ich gleich nach dem Entladen wieder fortführe. Ich bin kein Mann der großen Worte. Unsereiner nimmt seine Winchester, sattelt das Pferd und reitet wortlos weiter.

In meinem geliebten Paris photographierte ich vor Jahren nachts von meinem Hotelzimmer aus in die gegenüberliegende Wohnung. Dort stand eine alte Frau in ihrem Kostüm, wie es alte Frauen tragen, breitbeinig mit dem Rücken zu einem Sessel. Sie schaute und sie stand von der Haltung des Körpers her, als ob sie gerade in diesem Moment ihrem Mörder in die Augen schaute, und als fiele sie sogleich hinten über in den Sessel, als wäre dieses Bild, das ich schoß, die letzte ewige Sekunde in ihrem Leben und damit zugleich die letzte Sekunde vor ihrem Tode, die nur ich festgehalten habe. Womöglich war es so. Ich bin hernach zu Bett gegangen und am nächste Tag woanders hingereist. Mein schönes Hotel in einer der kleinen Nebenstraße des Boulevard St. Germains verlassend.

Ich bin vor wie nach und auch nach wie vor krank(-geschrieben). Wenn es an einem vorherigen Tag Besserung gab, zerstiebt die aufkeimende Hoffnung am nächsten, sobald sich die Verschlechterung wieder einfindet wie eine schlechte Gewohnheit. Der Winter ist kein Monat, um gesund zu werden. Es fehlt die Wärme. Aber zuweilen liebe ich sie: diese grauen Häuser und die trüben, schmutzigen Winterstraßen der Stadt, besonders in Mitte oder Kreuzberg, wenn es regnet. Ich muß wieder hinaus und Photographien fertigen.

Den Text zu Derrida verspreche ich und verzögere dieses Versprechen und damit auch den Text, verweise auf die Krankheit und die große Genesung, so wie Nietzsche die Krankheiten in zahlreichen Vorreden zu seinen Büchern (und nicht nur dort) nannte und auf die unterschiedlichen (teils metaphorischen) Felder von Krankheiten anspielt:

„… langsam von einer aus dem Felde heimgebrachten Krankheit genesend“ (Geburt d. Tragödie), „Ein Schritt weiter in der Genesung: und der freie Geist nähert sich wieder dem Leben … (Menschliches, Allzumenschliches), „– Aber lassen wir Herrn Nietzsche: was geht es uns an, daß Herr Nietzsche wieder gesund wurde.“ (Die fröhliche Wissenschaft)

Das reichte von der Krankheit des Platonismus bis in hin zu denen der Gegenwart, welche der Zeitdiagnostiker Nietzsche herausstellte. „Des einen Einsamkeit ist die Flucht des Kranken; des anderen Einsamkeit die Flucht vor den Kranken.“, so heißt es im Dritten Buch des „Zarathustra“. Und noch Nietzsches Zarathustra selbst – es kann nicht anders sein – geht und verkündet nach seiner schweren Krankheit, in der er reglos danieder lag, diesen einen, diesen abgründigsten Gedanken. Wie davon sprechen? Aber der „Zarathustra“ handelt natürlich nicht primär von Krankheit, sondern im Medium poetischen Sprechens wird dort eine Philosophie der Zeit und ein Konzept von Rhetorik vorgeführt, weshalb es nicht ganz verkehrt ist, diesen Text der Philosophie/Literatur als performativ zu bezeichnen.

Nietzsche war einer der ersten Philosophen, die eine Schreibmaschine benutzten.

Ach, solche Dinge fallen einem so nebenbei auf dem Krankenlager ein.

Leasing-Tage und Ledermänner

Die Kulturpolitik Hamburgs ist mittlerweile eine durch und durch heruntergekommene und verdorbene, so sagte ich mir beim Lesen des Feuilletons der „Berliner Zeitung“: „Leasingtage in Hamburg“ mußte ich in der Überschrift des kleinen Spaltenartikels gleich auf der ersten Seite des Feuilletons lesen, was meine Vorurteile und meine Sicht auf diese sowieso von Handel und Kommerz vollständig durchsetzte und dadurch naturgemäß  auch aufs äußerste bestimmte Stadt zutiefst bestätigte, die sich nicht einmal mehr anständige Theater, geschweige denn Museen leisten möchte, was sodann, wenn ich darüber nachdachte, einen weiteren Anfall des Zorns aufkommen ließ angesichts einer doch im großen und ganzen passablen Haushaltslage dieser Freien und Hansestadt, zumindest im Vergleich zu Berlin, das mit seinen vier Theatern und der Vielzahl an Museen, die Hamburg, auch was die Kosten und die Größe anbelangt, bei weitem übertreffen, sowieso auf einem ganz anderen Niveau wirtschaften muß, so sagte ich mir, daß diese an Verkommenheit und hanseatischer Kaufmannsverlogenheit nicht zu übertreffende Kulturpolitik Hamburgs im Grunde die Quintessenz jahre- und sogar jahrezehntelangen Sparens sowohl des SPD- als auch des CDU-Senats an den falschen Stellen ist, so dachte ich in der Abgeschiedenheit meines Ohrensessels, wodurch sich der sowieso schon geist- und kulturlose Zustand dieser Handelsstadt noch einmal um ein Erhebliches und in einer kaum zu übertreffenden Weise steigerte.

Glaubte man anfangs noch aus der Ferne Berlins und als es die schützende Mauer  gab, daß es bei dem infamen und komplett kulturlosen Ersten Bürgermeister Dohnanyi, der im Theater am liebsten seine Klassiker wiedererkennen möchte, dann bei dem Rechtsanwalt Voscherau und dem Beamten Runde ungeahnt schlimm war und beim Rechtsanwalt von Beust eigentlich gar nicht mehr auf die Spitze getrieben werden könne, so steigerte sich diese Sparversessenheit auch dort und dann erst recht unter dem Konkneipanten Ahlhaus, der nun eine sehr viel stärkere Sparwut, die an Zwanghaftigkeit grenzt, an den Tag legte, noch um ein erhebliches. Es ist gut, dachte ich beim Überfliegen dieser Headline in der „Berliner Zeitung“, in Berlin und nirgendwo anders zu leben, wo es in praktisch jedem Geschäft, im Grunde an jeder Straße möglich ist, die „Neue Zürcher Zeitung“ zu erstehen. Ja, in einer solchen Stadt, an solchen Geistesorten sagt es sich gerne: „Ich bin ein Berliner.“ Es werden allerdings  in dieser Stadt leichthin und vollkommen natürlich solche Bekenntnisse abgegeben, auch wenn diese Offenbarung hinterher für den einen oder anderen Gast eine fatale oder sogar letale Konsequenz nach sich zieht. Und es ist eben doch typisch, daß jene eigentlich ganz wunderbare Stadt an der Elbe, die durchaus ein eigenes Flair hat, in ihrem Herzen vom Geist des Kaufmanns regiert wird, so sagte ich mir. Warum solche Tage des Kommerzes aber den Weg ins Feuilleton fanden, erschloß sich mir beim Lesen der Überschrift nicht. Was gäbe es in Hamburg zu leasen? Vielleicht eines der großen deutschen Sprechtheater, um darin ein Musical aufzuführen. Oder einen Hafen für die Parade sämtlicher Kreuzfahrtschiffe dieser Welt.

Doch als ich die Überschrift genauer und den Artikel vollständig las, bemerkte ich, daß ich mich um einen Buchstaben verlesen hatte und es sich lediglich um die Lessingtage am Thalia-Theater zu Hamburg handelt. Natürlich, so fiel es mir ein, Lessing weilte eine Zeit lang in Hamburg, es heißt ja eine seiner Schriften zum Theater „Hamburger Dramaturgie“, es gibt in Hamburg sogar eine Lessingstraße und selbiger bedeutende Aufklärer, Dichter und wichtige Theoretiker des Theaters lieferte sich mit dem Hauptpastor Goeze einen veritablen Streit.

So kann das gehen, wenn man beim Lesen der morgendlichen Zeitung seinen Fehlleistungen aufsitzt und um diese herum einen Kokon spinnt.

Nun liegt in solchem Verlesen und Versprechen natürlich eine schöne Nähe zu Freud (sowieso) und zur Etym-Theorie von Arno Schmidt, die er in „Zettels Traum“ literarisch entfaltete. Ich mag im Grunde solche Fehlleistungen und diese um ein Winziges sich zutragenden Verschiebungen gerne. Als ich kürzlich vor einem Käsefachgeschäft stand, las ich an einer aufgestellten Tafel in Kreideschrift auf schwarzem Grund: „Ledermänner nur 1,99 €“. Das verwunderte mich zunächst, und ich liebe es, wenn ich mich selbst auf unwillkürliche Weise in Erstaunen und Entzücken versetzen kann. Auch Frauen vermögen es zuweilen, dieses Erstaunen und Entzücken in mir hervorzurufen; aus anderen Gründen jedoch. Das ist aber wieder ein ganz eigenes Thema, bei welchem sich weit ausholen und immens abschweifen ließe.

Beim zweiten Lesen der handbeschriebenen Tafel mußte ich meinen Blick jedoch korrigieren, und es handelte sich dann bloß noch um Leerdamer. Ja: die Sinnkohärenzen stellen sich schnell genug und von ganz alleine wieder her. Das ist manchmal schade. Denn gerade in den seltenen Momenten, wo diese Kohärenzen, diese Zusammenhänge des Alltäglichen augenblickshaft aufbrechen, beweist sich auf das schönste der Satz, daß die Welt einzig als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt sei. Diese wenigen Sekunden des Befremdens sind ganz wunderbare Sekunden, in denen das Subjekt schwebt, eine Art kontemplativer Schockzustand, der aus der Welt der gewöhnlichen Dinge herausragt.

(„Och, das hast du Dir doch ausgedacht, das mit den Ledermännern!?“ „Nein, wirklich nicht, das war so, ich habe manchmal einen schusseligen, verpeilten Blick. Einmal habe ich sogar meinen eigenen Vater in der U-Bahn nicht wiedererkannt, bis er sich mir zu erkennen gab und sagte, wer er sei.“)

Wenn man mit einer attraktiven und intelligenten Frau einen besonderen Abend verbringt, kann sich zuweilen eine solche wunderbare Transgression ergeben: und zwar in jenen Momenten der kurz nur sich ereignenden Daseinsverzückung bricht es hervor; emaniert, müßte man – fast – schreiben. Es sind diese Minuten der unendliche Augenblick, welcher bis zum äußersten gespannt ist, es knistert und zerreißt darin etwas. Ein solcher Kairos läßt sich niemals willkürlich herbeiführen. Er geschieht. Momente, die sich in einer Bar nach einem Seminar in Berlin-Dahlem an einem Sommerabend mit jener dunkelhaarigen Frau ereignen, die sich in Hamburg-Ottensen, in Berlin-Kreuzberg abspielen. Jene blonde Frau, deren Körper ich photographierte. Überall eigentlich trägt sich das zu. Solche Momente müssen verdichtet werden, was wohl die Arbeit des Lyrikers ausmacht, und dann – hinterher – mit den Augen Becketts gesehen und dargestellt werden.

Nächste Woche geht es weiter mit dem zweiten Teil der Derrida-Lektüren.

Und wenn Sie mir, geliebte Leserinnen und Leser, auch noch verraten, welchen großen, großartigen Schriftsteller ich im ersten Absatz, zugegeben nicht gekonnt, aber einen Versuch war es trotzdem wert, nachahmte, dann seien Sie sich meines Wohlwollens sicher.

Clärchens Ballhaus

Am Wochenende gibt es einen kurzen Nachruf auf die am 2.11. verstorbene Photographin Sibylle Bergemann. Gewissermaßen als eine Hommage, auch wenn dies vermessen klingt, weil sich meine Bilder kaum mit den ihren messen lassen, zeige ich eine kleiner Serie mit dem Titel „Clärchens Ballhaus“.