Daily Diary (34) samt Ankündigung

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Ich betreibe in meinem Blog kaum Werbung, aber hinzuweisen sei im Rahmen der Berliner Fashion Week auf die Ausstellung der Illustratorin und Grafik-Designerin Juliane Pieper sowie auf die von ihr gestaltete Taschenkollektion bei dem Label alice-n-tosch – zu finden, zu sehen, zu schauen hier:

http://www.freistil-online.de/fashionweek-berlin-alice-n-tosch-featuring-juliane-pieper

Zudem stellt  Sandra Winschu ihre Kleiderkollektion vor.

„Einmal die 5 und dann die 52 bitte!“

Eigentlich wollten wir im guten alten abgestorbenen Westberlin ganz zünftig Schnitzel essen gehen. Der Westberliner ißt nun einmal gerne Schnitzel, so wie er auch Eisbein mit Sauerkraut, Schmorgurken oder Buletten vertilgt, und deshalb gibt es in Westberlin Schnitzelrestaurants. Das Lokal befindet sich in einer Seitenstraße vom Kudamm. Aber es hatte geschlossen. Wir standen vor der Tür und die war zu. Definitiv. Drinnen war es finster. Meine Begleiterin wirkte enttäuscht und die Enttäuschung kippte sodann ins Ungnädige um. Zudem hatte wir beide ziemlichen Hunger. Um sie etwas aufzumuntern, schlug ich vor, daß wir woanders hingehen könnten, und weil es ihr vorletzter Tag in Berlin sei, würde ich sie zum Essen einladen wollen, bevor sie für drei Wochen nach New York reiste. Gesagt getan und so überließen wir uns dem Zufall, schauten uns ein wenig um, warfen Blicke in die Seitenstraßen, ließen uns über den Kudamm treiben – ach ja, wie passend: vorgestern war Marlenes 20. Todestag. „Berlin, Dein Gesicht hat Sommersprossen“, wie eine andere Große einst sang. Und heute: 8. Mai. Gehen wir eben zum Italiener! Was gibt es hier am Kudamm Gutes, wo wir schon mal waren? Oder doch was anderes essen als immer nur Italienisch? Und da entdeckten wir in einer Seitenstraße einen chinesischen Schriftzug. Ach, Glutamt. Lieber doch der klassische Italiener, wo’s uns hintreibt. Aber nein, wir beschlossen, zunächst mal einen Blick auf die Speisekarte zu werfen. „Wir können doch wenigstens schauen und wenn es uns nicht gefällt, gehen wir eben weiter. Bis unsere Laune dann endgültig auf dem Tiefpunkt ist.“ „Dree Cheenesen met dem Kentrebeß“ fing sie an zu singen. Ich lachte mein bekanntes Sezuan-Rednecklachen. Wir beide können sehr rassistisch sein, wenn wir nur wollen, aber meist wollen wir nicht. Zumindest besitzen wir den gleichen bösen Humor. Außen hing eine Gastronomiekritik aus dem „Tagespiegel“, die sehr vielversprechend klang. Der Name „Hot Spot“ ist einerseits für einen Restaurantnamen blöde, andererseits für ein China-Restaurant auch wieder originell gewählt, zumal meine Begleiterin nicht nur scharf ist, sondern auch gerne scharf ißt.

Ich gehe mit der tollsten Frau der Welt durch die Stadt, und diese phantastische Frau ist ab morgen drei Wochen fort. Aber es gibt für diese Zeit schließlich den Riesling, der mir den nötigen Trost spendet; heute Abend jedoch kapriziere ich mich auf zwei Flaschen Grauburgunder – die müssen endlich mal ausgetrunken werden. Bin ich nun eher der Thomas Brasch oder der Charles Bukowski des Grandhotel Abgrund?

Nicht nur der Bericht im Tagesspiegel liest sich gut, sondern auch die Speisekarte sieht vielversprechend aus: es herrscht dort nicht das übliche Einerlei und Elend chinesischer Speisekarten, wenngleich sich die Karten ähneln, aber das tun die von Italienern ebenfalls. Aber was das beste ist: dieses Restaurant besitzt eine richtig gute und sehr umfassende Weinkarte. Zahlreiche Deutsche Weingüter sind da vertreten. Denn der Hausherr, Herr Wu, ist Weinfreak. Unser Urteil ist schnell gefällt: da gehen wir hinein. Gedacht, gesagt, getan: Die Tür geöffnet. Wir sitzen direkt neben dem Weinschrank. Oh je. Das kann verhängnisvoll sein. Die Bedienung ist sehr freundlich und zuvorkommend, und zwar auf eine angenehme, nicht servile Weise, sondern so wie ich es mir wünsche und wie es in der Gastronomie eigentlich selbstverständlich sein sollte. Nein, ich schreibe hier keine klassische Restaurantkritik, denn ich bin kein Restaurantkritiker. Ich berichte lediglich von einem ganz und gar wunderbaren Abend, an dem alles stimmte.

„Einmal die 52 bitte!“, um eine alte Bestellphrase für China-Restaurants aufzugreifen. „Und noch die Flasche Riesling vom Weingut Leitz!“ Vorab bestellten wir uns jeder eine Suppe. Sie aß eine sehr leckere und schmackhafte „Sauer-Scharf-Suppe“, die mir aber zu sehr gewürzt erschien, für J. aber genau richtig zubereitet war. „Der Herr badet gerne lau“ wie Herbert Wehner einst über Willy Brandt sagte. Ich hingegen aß, ziemlich sozialdemokratisch, eine Maissuppe mit mit Hühnerfleisch, Koriander und Reisessig. Dazu gab es besagte Flasche Riesling und als diese beim Hauptgang geleert war, bestellte ich noch eine Flasche Riesling Kabinett von der Mosel, weil sie so gerne einen Moselwein trinken wollte. Zu einem scharfen Essen wie ihrem gebratenen Tintenfisch mit Chili-Soße und Sichuan-Pfeffer paßt die leichte Süße des Kabinettweins ganz gut. Mir erschien der Riesling bei meinem weniger scharfen Gericht – gebratenes Entenfleisch mit Gemüse – etwas zu kraftlos und zu wenig in den Nuancen, aber er schmeckte durchaus. Die Würze des Essens entstand, wie versprochen, nicht durch Geschmacksverstärker, sondern vermittels der Gewürze: genau so wie es sein soll.

Warum gehen diese wunderbaren Abende, die eine Intensität in ihrem Dasein, im Beieinandersein, im Gespräch besitzen, so schnell vorbei? Doch will ich diese Dinge in meiner nachgelagerten Reflexion nicht in die Philosophie oder in Proustsche Dimensionen herüberziehen. Bekanntlich hat alles seine Zeit. Was bleibt, sind Photographien.

Wer das Restaurant ausprobieren mag: Es befindet sich in der Eisenzahnstraße 66 beim Adenauerplatz. Das Interieur ist nicht wirklich gemütlich, aber es gibt eben auch schlimmeres. Das Essen dort und die Weine gefielen uns beiden ausnehmend gut. Nein, dieses China-Restaurant spielt nicht in der Spitzenliga, aber es ist angenehm unprätentiös. Insofern: „Aisthesis“ rät zu.

Ende der Woche gibt es dann den zweiten Teil zur Ausstellungsbesprechung „State of the Art – Photography“.

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Daily Diary (28) – 1. Mai in Berlin

Ich sage es gleich vorweg: Mir tun jetzt noch die Arme und die Beine weh, weil ich lief, mich den Tag über in schwüler Hitze bewegte, in Hinterhöfe rannt, über hohe Metallzäune kletterte, um den Polizeieinkesselungen zu entkommen, mir die Hand am tückischen Dornenstrauch verletzte und den Zeh verstauchte. Diese Kletterei über Zäune spielte sich im Gegensatz zu den anderen Menschen, die 20 bis 25 Jahre jünger als ich sind, mit 6 Kilogramm Ausrüstung ab. Gut, gut: das, was ich hier gerade machte, ist ein sehr egozentrischer Auftakt. Aber auch das Private ist bekanntlich politisch. Die Photographien von diesem Tag gibt es wie immer auf Proteus Image zu sehen.

Vor der Demonstranten ging eine Kundgebung gegen Mietsteigerungen durch das Viertel. In der Reichenberger Straße wurde die Straße von beiden Seiten mit Polizei dichtgemacht, so daß niemand mehr herauskonnte.

Die 18 Uhr-Demonstration begann 1 ½ Stunden verspätet am Lausitzer Platz, dort wo vor 25 Jahren die Bolle-Filiale abbrannte und der Druck im Kessel sich entlud. Und so lautete das Motto der diesjährigen 1. Mai-Demo auch: „Der Druck steigt!“ (Nein, Plünderungen sind nicht gut, aber sie zeigen an, wie es um eine Gesellschaft bestellt ist. Wie in London vor einem Jahr: die Menschen besorgen sich die High-Tech-Geräte, welche ihnen jeden Tag in der Werbung vorgeführt werden, auf ihre eigene Weise. Und daran sieht die Industrie doch sehr gut: Werbung funktioniert!)

Zum Auftakt hielt Jutta Dithfurt eine sehr gute Rede, die insbesondere diesen ganzen inszenierten Titanic-Schmonzes, der uns die letzte Zeit dargeboten wurde, in Korrelation mit den getöteten Flüchtlingen im Mittelmeer brachte. Zudem verwies sie darauf, daß in all diesen Filmen und Berichten über das Schiffsunglück kaum einer der ersoffenen Arbeiter aus den Maschinen- und Arbeitsräumen unter Deck vorkam. Sehr gut gefiel mir, daß sie insbesondere dazu riet, die Waffe der Kritik zu schärfen. Veränderungen von Gesellschaft gibt es nicht in einem Jenseits, durch den Guru, durch den Dalai Lama oder Zen-Gequatsche, sondern einzig immanent, hier im irdischen Leben.

Gegen 19:30 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Aus Solidarität mir dem Glaserhandwerk, da es dem Mittelstand und dem Kleingewerbe wirtschaftlich nicht sonders gut geht, wurden zum Auftakt die Fenster einer Berliner Sparkasse entglast.

Beim Springer-Haus geriet die Veranstaltung aus den Fugen, die Menge wurde in Richtung Jüdisches Museum gedrängt. Davor standen auffällig wenig Polizeiketten. Und da es zum Leidwesen der Springerpresse und auch anderer Medien zur Beschädigung des Jüdischen Museums nicht kam, so mußte in der Berichterstattung wenigsten das Polizei-Wachhäuschen vor dem Museum herhalten: „hatten Demonstranten Steine auf ein Wachhäuschen vor dem Jüdischen Museum geworfen.“ So Morgenpost Online.

Taktik der Polizei war es, in kleinen Zügen inmitten der Menge zu stehen und ggf. von dort aus zu agieren. Hinzu kamen dann bei Bedarf die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit, die sich vereinzelt Menschen herausgriffen. Die Taktik bei dieser Art von Bad in der Menge besteht darin, daß die Polizei nicht mit Gegenständen beworfen werden kann, da solche Würfe womöglich auch die Demonstranten treffen könnten.

Ach ja und übrigens: Die Frau mit der Hamburg-Jacke auf einem der Bilder: das ist genau mein Typ von Frau. (Hier stehe ich und kann nicht anders.)

Nicht unterschlagen werden soll zum Schluß, daß wir der Deutschen Bank für das Sponsoring der Deutschen Polizei danken. Jetzt tragen sie sogar das Logo dieser Anstalt, wenngleich in Polizeigrün.

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Daily Diary (23) – 500. Blogbeitrag – die Fiktionen des Realen

„Siehst Du den Mond über Soho?“
„Nein!“
„Ich sehe ihn auch nicht!“

Die Fiktionen des Realen, welche uns in den vielfältigsten Weisen begegnen. Die Täuschungen, das postmoderne Simulacrum – als Slogan gebraucht –, daß das, was ist, nicht so ist, wie es scheint, die unendlichen Verweise, was man insbesondere durch Roland Barthes „Mythen des Alltags“ erfahren kann, es ist alles zeichenhaft aufgeladen, Zeichen verweisen auf andere Zeichen, egal wo: im Bordell, im Supermarkt, im Konzertsaal, ein Automobil, sogar im Automobil verweisen die Zeichen, eine Schockphotographie, im Raum der Straßenszenen. Reklame verweist auf Literatur, eine Ware verweist auf die nächste und auf die Warenwelt insgesamt, ein Frauenkörper auf ein Gedicht von Baudelaire. Hypertrophe Wahrnehmungen, die in den Bildern sich bannen. Alles korrespondiert mit einem anderen, und dies teils in einem wilden Rahmen der Assoziation, und zugleich muß der flanierende Ästhetiker acht geben, nicht in den Zustand des magischen Denkens zu verfallen, wo ein jedes Ding beseelt und aufgeladen ist, sondern die Verweise und das wilde Denken in die Analyse, in die Kälte des sezierenden Blickes zu überführen. Diese hypertrophen Wahrnehmungen in dialektische Bilder zu bringen, ist die Aufgabe der Photographie und der Ästhetik gleichermaßen. Diese Zeichenräume wollen durchstreift, erfahren und zugleich gedacht werden, was an die Theorie des Flaneurs in jenem Sinne, wie ihn Walter Benjamin konzipierte, erinnert. Und diese Räume werden, wie hier in diesem Blog sowie auf Proteus Image, abgebildet beziehungsweise in eine Darstellung transformiert. In ihrem Verfahren, diese Zeichenräume abzubilden, zu dokumentieren, wie immer man es nennen mag: sie ins Bild zu bringen, besitzt die Photographie gegenüber der Malerei einige Vorteile. Ich schreibe dies, ohne das eine Medium gegen ein anderes auszuspielen, sondern vielmehr motiviert hier die Technik zu solchen Differenzierungen.

Partikelstürme, die Tage über. Fluchtreflex shoppen. Der schöne Körper ist im beständigen Training zum Schlachtfeld der Disziplin geworden.

Auf Proteus Image zeige ich einige Photographien, welche an diesen Tag andocken. Ich hielte es für falsch, sie in diesen Text einzubauen, weil die Photographien den Fluß und die Brüche hemmen. Sie bauen nicht auf ein Kontinuum, sondern sie zeigen womöglich einen ganz anderen Tag.

Der einzige Zustand, in dem es sich leben und ertragen läßt, ist der des Ästhetikers, welcher sich in die Unendlichkeit der Betrachtungen und die Unendlichkeit der Begebenheiten versenkt, welcher in der Zeit untergeht und sich durch die Straßen treiben läßt, und zwar nicht mit einer Frau, sondern mit einem Photoapparat. Oder besser noch: mit einem Photoapparat samt einer Frau, die ebenfalls mit einem solchen Photoapparat ausgestattet ist, um zu flanieren, um die Dinge nicht auf einem Negativ mehr, sondern, ganz in der Spätmoderne angekommen, im Digitalen festzuhalten; Licht, das sich wandelt, transformiert und auf einen Sensor fällt. Es gibt kein Negativ mehr. Die Photographie im Zeitalter ihrer unendlichen Reproduzierbarkeit, denn es existiert kein Trägermaterial. Schuß und Gegenschuß. Überblendungen. Sich aneinander in der Kreativität und in den Augenblicken aufzusteigern – als jene Flaneure in den Straßen Berlins, während wir schlendern, Arm in Arm und manchmal geht der Griff zur Kamera. „Der Mann mit der Kamera“. Nicht in der Schrift oder in einer unendlichen schriftlichen Korrespondenz, sondern in den Akten der Wahrnehmung sowie der Aufmerksamkeit potenziert sich die Intensität des Lebens, sofern dieses Leben überhaupt noch zu leben vermag. So z. B. wenn wir nachts aus einer Bar herausfallen. Wir wollen immer so weiterleben, und wir werden niemals aufhören, so zu leben, wie dies R. Goetz schrieb. Das unendliche Sprechen an einem Abend im März, wie es die Romantik, in einer anderen Form freilich, ebenso kannte. Und zugleich geht dieses Immer-so-weiter – auf Dauer gestellt – nicht, denn es sind diese exzeptionellen Momente, welche als jene „Verzückungsspitzen des Daseins“ (Nietzsche) an der Einmaligkeit des Augenblickes haften. Dieser Satz von Rainald Goetz läßt sich nur im Konjunktiv II formulieren. Wir wollten immer so weiterleben … Zugleich ist dies die Form der Vergangenheit. Am Ende kommt alles auf die Form an.

Und ich höre auch nicht, wie das Herz schlägt und ich möchte es auch nicht wahrnehmen. Oder doch nur zeitweise will ich es hören. Die S-Bahn fährt im Untergrund. Ich nähme heute Abend gerne einen kleinen Umtrunk zu mir, weil dies mein 500. Beitrag in diesem Blog ist, doch haben J. und ich beim Vietnamesen und dann hinterher in einer Art Bar derart viel Grauburgunder getrunken, daß ich noch heute die Finger vom Wein lasse. Wir müssen vernünftiger leben. Ich entsteige dem Untergrund an der Oranienburger Straße wie einst Orpheus, aber noch ohne Eurydike im Arm, und gehe zu Fuß zum Rosa-Luxemburg-Platz, wo wir uns treffen. Jüdisches Leben hinter Polizeiabsperrungen und Pollern, Parken verboten, alles verboten. Ein Lieferwagen fährt langsam vorbei, ich denke mir, jetzt lösen sich die Schüsse eines MG und ein zweiter Wagen fährt mit Sprengstoff beladen und in irrsinnigem Tempo durch die Poller, ich schmeiße mich zur Erde, reiße die D 300 heraus, und halte auf den Auslöser, alles friedlich, es wird nichts mit dem Pressephoto des Jahres 2012, hundert Meter weiter ist Räumungsverkauf.

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„Die Materie, die der Urstoff aller Dinge ist, ist also an gewisse Gesetze gebunden, welchen sie frei überlassen nothwendig schöne Verbindungen hervorbringen muss. Sie hat keine Freiheit von diesem Plane der Vollkommenheit abzuweichen. Da sie also sich einer höchst weisen Absicht unterworfen befindet, so muss sie nothwendig in solche übereinstimmende Verhältnisse durch eine über sie herrschende erste Ursache versetzt worden sein, und es ist ein Gott eben deswegen, weil die Natur auch selbst im Chaos nicht anders als regelmässig und ordentlich verfahren kann. (I. Kant, Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels)

In der Neuen Schönhauser Straße geht eine Mutter mit ihrem Kind den Gehsteig entlang in Richtung Münzstraße, und das Kind singt „Alle Vögel sind schon da, alle Vögel alle“, ganz zart, ganze leise klingt diese Kinderstimme. Ein japanisches Restaurant, gemacht für die Touristen, alles dort ist gemacht für sie, aber im Winter sind es nicht viele, man kann sogar über die schöne Kastanienallee unbehelligt gehen. Ich mag zuweilen Mitte, ich mag den Prenzlauer Berg, ich mag diese Ecken von Berlin, welche früher einmal anders waren. Gleich werde ich am Rosa-Luxemburg-Platz ankommen. Noch fünf oder zehn Minuten, je nachdem und in welcher Weise mein photographischer Blick obsiegt, mich aufhält oder weil er langweilt, mich vorantreibt.

A une passante

Ein Lärm war um mich, der sich durch die Straße schob,
als eine Hochgewachsene an mir vorüberschritt,
die, Haltung wahrend, tief an einer Trauer litt
und mit der Hand den rauschend vollen Rocksaum hob.

Wie eine Statue hat sie Bein vor Bein gesetzt;
Ich aber mußte wild verzückt aus ihren Augen
die Sonne eines schwerverhangnen Himmels saugen:
die Süße, die verlockt; die Lust die mich zersetzt.

Ein Blitz, – dann ging die Schönheit in das Dunkel hin,
aus deren Blick ich grade neu geboren bin.
Soll ich dich in der Ewigkeit erst wiedersehen?

Im Irgendwo? Im Irgendwann? Vielleicht auch nie?
Wir wissen voneinander nicht, wohin wir gehen;
Du, die ich lieben könnte, ja – du wußtest wie!

Es sind dies Bilder, wie zum Abschied gemacht, dieser eine Augenblick, dieser eine versäumte Moment, in das Nichts hineingeschrieben, ein Sonett, gefertigt für den Augenblick jener 1/250 Sekunde, in einer Großstadt, in welcher die Menschen aneinander vorbeitreiben, dieser kurze Blick, welcher im Grunde ein Nichts ist und auf der Ebene narzißtischer Fiktionalisierung und Fixierung sich tätigt, und zugleich funktioniert dieses Gedicht wie eine Photographie, in der sich jenes punctum niederschlägt, welches Roland Barthes in seinem Buch „Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie“ darlegt, phänomenologisch entfaltet und dabei im Gang der Reflexion wieder durchstreicht. Zugleich entfaltet dieses Gedicht Baudelaires das Wesen der Großstadt, jene Menge an Menschen, wo in der Vergänglichkeit, in all den Konstellationen von Zufall und dem Wirbel kurz nur diese Ewigkeit aufscheint. Nicht anders als in T.S. Elliots „Waste Land“, der sich dabei am Schluß dieser Zeilen explizit im Zitat auf Baudelaire bezieht:

„Unreal City,
Under the brown fog of a winter dawn,
A crowed flowed over London Bridge, so many,
I had not thought death had undone so many.
Sighs, short and infrequent, were exhaled,
And each man fixed his eyes before his feet.
(…)
You! Hypocrite lecteur! – mon semblable, – mon frère!“
(T.S. Eliot, The Waste Land)

Nein, keine Brüderlichkeit, keine Schwesterlichkeiten und bitte auch keine Nähe. Und ich selber lege mich nun auf meine Couch, und es wird das Vorspiel zu „Tristan und Isolde“ gegeben. So gleite ich in die Nacht auf meiner Reise.

Daily Diary (20) – Pour des raisons de santé (2)

Eigentlich wollte ich am heutigen Tage bloß friedlich spazieren gehen, fernab jeder Theorie sowie der Praxis – ganz der Genesung zugetan, um über die Bewegung samt dem Aufenthalt in der Natur oder dem, was man für Natur hält, den Körper ein wenig wiederherzustellen. Zuerst funktionierte dieses Vorhaben ganz gut: nämlich ein Stück Weg ging ich bei Heckeshorn am Wannsee entlang. In meine Gedanken versunken. Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz? 190er oder 230er SL? Ein Alfa Romeo 2000 Spider wäre aber ebenso in Ordnung.

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Nach einer dreiviertel Stunde ereilte mich aber die Schwäche, ich spazierte zurück und fuhr mit dem Auto unentschlossen umher, geriet nach Potsdam-Babelsberg und sah ein Polizeiaufgebot am S-Bahnhof Babelsberg, nahe des Karl-Liebknecht-Stadions, wo der SV Babelsberg 03 residiert. Neugierig bin ich ja, obwohl mein Nikon-Baby nicht dabei ist, mit dem sich die Kampfeinsätze gut bewerkstelligen lassen. Aber schon während ich aus dem Auto stieg, bemerkte ich, daß hier und heute nichts an Photographien zu holen ist, denn diese ungeahnte Schwäche überfiel mich sogleich. „Nur ein wenig gucken. Das mag doch drin sein!“, so ich zu mir selber. Beim Schlendern aber stieß ich zu den Hooligans des Hansa Rostock: widerliche Typen. Dumm, national und asozial – so könnte man rufen.

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Ich photographierte und eine Sekunde später setzte es Drohungen und Rufe. Insbesondere das Rotzbürschchen rechts im Bilde, welches sich ein Taschentuch an seiner faschistischen Ostdeutschnase rieb, besaß ein großes Mundwerk und tat sich im Mich-Anschreien und Bedrohen hervor. Die Bereitschaftspolizei des Landes Brandenburg hielt ihn zurück, und so war es für beide Seiten gut. Ich entschloß mich zum Beidrehen, weil ich momentan nicht die Kondition zur adäquaten Gegenwehr und zum Laufen besitze. Und auch die Polizei schaute so drein, als ob sie auf mich gerade nicht gewartet hätte.

Tja, soll ich irgendwann einmal Fußballphotos von 3.-Liga-Spielen machen, wo die interessantesten Hooligans sich tummeln? Es könnte ein harter Einsatz werden. Ich denke darüber nach, sobald ich wieder gesund bin.