Quo vadis, Domine?

Nun ist er am 28. Februar wieder heim. Zumindest fast. Wenn ich aber recht nachdenke, ergeben sich im Anschluß an diesen Rückzug doch einige theologische Fragen und Überlegungen, die bedeutsam sind. Die theologischen Mucken, die treiben auch im Felde physisch-metaphysischer Dublizierung ihren Schabernack. Wenn ein Papst zurücktreten kann, darf dann ebenfalls die Taufe, die den Bund zwischen Mensch und Christus besiegelt, zurückgenommen werden, wenn jemandem mit der Kirche hadert und scheiden will, weil er nicht mehr mag, nicht mehr kann? Überhaupt stellt sich die Frage nach dem dezisionistischen Akt: Wieweit vermag der Entschluß des Subjekts, die Entscheidung, die freie Wahl als Vermögen des Subjekts sich über das Sakrament der Taufe zu erheben, oder eben auch: wieweit kann aus Freiheit ein Amt zurückgegeben werden, das mehr als nur ein weltliches Amt ist? Kirchenrechtlich scheint ein Rücktritt vom sogenannten Petrusamt kein Problem darzustellen. In der Denk-Dimension jedoch, die sich im Feld des Theologisch-spekulativen befindet, verhält es sich nicht ganz so einfach. Es gibt Positionen, die kein Subjekt aus freien Stücken je verlassen kann. Die Transsubstantiation zum Beispiel ist keine bloß erbauliche Metaphorisierung oder ein Spiel des Als-ob, das man sich nach Belieben drehen und verschieben kann, sondern reale Dingwandlung. (Ich schrieb hierüber auf Aisthesis verschiedentlich. Es handelt sich um eines der bedeutsamsten Themen. Was diese Frage betrifft, bin ich strenger Katholik, ohne katholisch zu sein.)

Dante Alighieri plazierte jenen Papst Coelestin V., der 1294 aus freien Stücken abdankte, in seiner „Göttlichen Komödie“ nahe den Pforten der Hölle:

So heißt es zu Beginn des III. Gesanges, als der Dichter in Begleitung Vergils das Tor der Hölle durchschreitet:

„‚Durch mich gelangt man zu der Stadt der Schmerzen,
Durch mich zu wandellosen Bitternissen,
Durch mich erreicht man die verlorenen Herzen.

Gerechtigkeit hat mich dem Nichts entrissen;
Mich schuf die Kraft, die sich durch alles breitet,
Die erste Liebe und das höchste Wissen.

Vor mir ward nichts Geschaffenes bereitet,
Nur ewiges Sein, so wie ich ewig bin:
Laßt jede Hoffnung, die ihr mich durchschreitet.‘

[…]

Nachdem erkannt ich hatte manch Gesicht,
Sah und erkannte ich den Schatten dessen,
Der feige tat den großen Amtsverzicht.

Da konnte ich sofort daran ermessen,
Daß hier die Menge jener Schlimmen steckt,
Von Gott und seinen Feinden gleich vergessen.“

X

Domine,_quo_vadis

„Venio Romam iterum crucifigi.“ So steht es in den Apokryphen. Theologisch ist das, was Papst Benedikt XVI. tat, lange nicht abgegolten. Manchmal bedauere ich es, nie in meinem Leben der Kirche in einem Amt angehört zu haben. Ich wäre sicherlich ein begnadeter (katholischer) Theologe. Wenn nur diese verflixte Superbia samt Acedia nicht wären. Alles hätte gut werden können. [Es ist dies übrigens, wie mir WordPress anzeigt, der 669. Beitrag, den ich fertigte. Was für eine Zahl! Wie gut, daß die letzte Ziffer umgedreht ist. Aber wie das deuten? Der Zahlenmagier Thomas Mann wäre verzückt.]

X

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Fronleichnam (2) – Und wir sind wieder Papst. Ab 22. September: You are not welcome!

Ich bin launisch, ich lasse mich treiben, und ich bin von den Momenten hin und her gerissen. Ich fange ein Projekt an und wenige Tage später verliere ich die Lust daran oder bemerke den Schwierigkeitsgrad und sehe, daß ich es derart wie begonnen, kaum werde fortführen können, ohne unterkomplex zu geraten. Es gibt Wesen, die bleiben in der Flatterigkeit des Kierkegaardschen Ästhetikers. Sie schaffen weder den Sprung noch den dialektischen Dreh der engagierten Wende. Sie verbleiben in der Reflexion und in den unendlichen Möglichkeiten. Mit tiefer Inbrunst könnte ich einen katholischen Geistlichen abgeben, der auf der Kanzel predigt. Genauso könnte es jedoch geschehen, daß ich mitten in der Predigt die Lust verliere, von der Kanzel steige und sage: „Ihr könnt mich am Arsch lecken. Ich gehe einen Schweinebraten mit leckerer Kruste essen und dazu trinke ich eine Flasche Spätburgunder! Weibsleute unter euch, welche weniger als dreißig Lenze zählen, dürfen mitkommen.“ „Gott, bist du Otto Mühl?“, fragt dann einer. „Sind sie dafür nicht zu alt?“ Ja, irgendwie schon.

Wie kann man das Abendmahl und die damit verquickten Komplexitäten adäquat darstellen? Es müßte im Grunde ein Rückgriff auf Aristoteles Kategorienschrift erfolgen und auf die Substanzbücher seiner Metaphysik. Gibt es gar Leserinnen oder Leser, die mir diese theologische Wende als Eskapismus auslegen? Gerät der Blog in falsches Fahrwasser? Nein, man kann bei diesen Dingen natürlich mit Ernst Bloch kontern, der das Christentum, etwa in seiner Schrift zu Thomas Münzer, verschiedentlich stark machte. Und es kann kaum schaden, das ein oder andere Mal systematische Philosophie zu betreiben und nicht beim Fragment und im Zerrissenen zu verharren.

Wesentlich betritt mit Berengar von Tours ein Aufklärer die Bühne der mittelalterlichen Philosophie. Denn mit der Überlieferung der Schriften des Aristoteles aus dem arabischen Raum ergab sich eine ganz neue Konstellation von Glaube und Wissen. Es mußte nicht mehr alles geglaubt werden, was gepredigt wurde. Hier soll nicht das Wissen eingeschränkt werden, um zum Glauben Platz zu bekommen, sondern es geht anders herum. Nur mit der Vernunft galt es die Wahrheit des christlichen Glaubens zu beweisen.

Aber damit sind wir freilich noch nicht bei der Substanz angelangt, die ich weiterhin aufspare.

Ansonsten: kommen Sie doch einfach am Donnerstag den 22. September nach Berlin, wenn es wieder einmal heißt: Wir sind Papst! Die Springerpresse, welche ihren Sitz in diesem dreckig-speckig, antiquiert anmutenden Hochhaus bei der Kochstraße hat, entblödet sich nicht, ein Jubelpapstplakat an der Fassade anzubringen. Ich hätte dort freilich lieber Döpfner und Diekmann hängen sehen.

Ich hoffe, daß viele Menschen in Berlin und an den Folgetagen in Erfurt und Freiburg gegen diesem Dreck protestieren.X

X

X

Ansonsten spielt heute Abend in Berlin als Ausgleich für den zu erduldenden Unbill die wunderbare Erika M. Anderson, kurz EMA. Tolle Frau, tolle Musikerin.

X