Wolfgang Niedecken zum 60. Geburtstag

Ja, das müssen Sie sich erst einmal langsam auf Ihrer Zunge zergehen lassen: diese Zeile! Sie halten die Überschrift womöglich für eine Satire, meinen gar, ich sei Opfer des Kältewinters, der Überarbeitung oder hätte mich irgendwie verschrieben, vertippt, verheddert, denn dieser Geburtstag als Thema ist – sicherlich – nicht ganz passend für den Blog hier. Aber nichts dergleichen. Der Leser mag es, jedoch und durchaus, als eine Überleitung zum nächsten Text zu R. D. Brinkmanns Lyrik lesen und begreifen. Brinkmann lebte schließlich auch in Köln – Köln, eine Stadt, in der ich mir durchaus vorstellen könnte zu wohnen. Zumindest für eine Weile. Berlin, Lübeck, Hamburg, Köln, Leipzig oder Duisburg, das ist so eine magische Achse. Und den Kölschen Dialekt mag ich auch ganz gerne hören, überhaupt haben es mir Rheinland und Ruhrgebiet sehr angetan.

Ich halte die Band BAP musikalisch zwar für eher unbedeutend, aber dieses Lied berührte damals auf eigentümliche Weise beim Blogbetreiber etwas.

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Und auch heute noch kann ich dabei ein wenig sentimental werden, weil es mich an jene Zeiten der 80er erinnert: Hausbesetzerszene, Anti-AKW-Bewegung, der Protest gegen den NATO-Doppelbeschluß, Anti-Reagen-Protest, die vielen Demos, zu zahlreichen Anlässen, das Palästinensertuch, das schwarze Halstuch, die Wildlederjacke, die Lederjacke, das gerissene, zerrissene Jackett, die schwarze Lederweste, auf der hinten in Deckweißfarbe „Teenagers from Mars“ stand, 1986 die Cowboystiefel, in die ich meine weiße Jeans steckte, und ein Freund sagte beim Trampen „So werden wir nie mitgenommen!“ Nach langem Warten hielt ein Auto an, der Freund murrte nur: „Du kannst Dich nach vorne setzten!“ und schob mich dahin. Der Fahrer war sehr, sehr erzählfreudig, und ich mußte das ausbaden. Ich kannte seine Familiengeschichte von vorne und wieder zurück und kam mir vor, als sei ich mit seiner Frau verheiratet und führte ein grausames Leben. Ich war aber nur der Beifahrer auf dem Beifahrersitz, der Freund, leicht lümmelnd auf dem Rücksitz, grinste verhalten.

Diese 80er Jahre stellte der Film „23“ gelungen und in eindringlichen Bildern dar. Und es paßte zu diesem Film sogar das ansonsten fürchterliche Stück „Sweet child in time“ von Deep Purple. Es gibt sicherlich Menschen, die mögen dieses Lied aus Gründen, die sich anderen Menschen entziehen. So ging es mir damals mit diesem Bap-Stück. Meinen Punk-Freunden habe ich das kurz verraten. Danach brach eine schwere Zeit für mich an: „Willst Du wirklich immer Hippie bleiben?“, sozusagen antizipierend das Lied der „Goldenen Zitronen“. Wir hatten viel Spaß damals. Wir waren die rote und die schwarze Front, und wußten zugleich, alle Zustände blieben so, wie sie sind. Daß es wenige Jahre später sehr viel schlimmer als ausgemalt kommen würde, dachten wir in unserem naiven Glauben nicht.

Und ich muß an dieser Stelle einen Mut zur Schwäche zeigen: ich las ja in meiner Jugend schließlich nicht nur Adorno, Hegel, Benjamin, Marx, Sartre und den halben Kanon der Literatur der klassischen Moderne; nein, nein, wir haben in der Jugend zuweilen sogar Schund gehört. Und ich zeige mich jetzt und hier von einer peinlichen Seite: mit schlechtem Musikgeschmack präsentiere ich mich über dieses BAP-Stück. Das ist für alle Seiten in gewissen Sinne sehr unangenehm, sowohl für Sie, weil Sie nun betreten zu Boden blicken und bei sich denken, über Monate und Jahre doch den falschen Blog gelesen zu haben, als auch für mich, der diese Dinge in einem perversen Beichtzwang eingesteht, aber irgendwann hätte ich es ja doch aussprechen müssen, und die Wahrheit kommt immer ans Licht, in der Version von Heidegger als Aletheia, im Sinne der Unverborgenheit.

Ja, dieses Stück mochte ich damals, trotz allem und ich weiß nicht wieso, ganz gerne. Klar, zu den Hippies riefen wir „Verdammt lang Haar“, aber ich machte das nur, um mich von dem eigenen Hippie in mir zu lösen. Irgend etwas berührte mich an dem Lied, obwohl es sowohl objektiv als auch subjektiv eher schlecht als gut ist. Ich weiß eigentlich nichts über Wolfgang Niedecken, lediglich dieses Jahr auf der Leipziger Buchmesse kam er mir am 3sat-Sendestand entgegen. Niedecken wirkte wie ein freundlicher Mensch, der in sich ruht. Ich habe wohl hundert Jahr lang kein Stück mehr von BAP gehört, einzig an „Kristallnacht“ erinnere ich mich, doch heute auf „Kulturzeit“ kam dann ein Bericht zu Niedeckens 60. Geburtstag. Da dachte ich bei mir: schreib doch mal was dazu! Das ist eine Herausforderung: einen Geburtstagstext für jemanden zu verfassen, mit dem Dich nichts verbindet. Über Kafka kannst Du schreiben, über Benn, Adorno, Bernhard, Beckett, aber nicht über Niedecken. Schreib doch – einmal nur, als Aufgabe des Abends – etwas über Dinge, die Dich nicht interessieren. Was ich hiermit pflichtgemäß getan und erledigt habe. Alles Gute zum 60. Geburtstag.

Ansonsten schaffen wir für den Rest des Abends einen musikalischen Ausklang der anderen Richtung. Nämlich zum einen noch eine weitere legendäre Kölsche Band mit dem bestem Cover eines Ramones-Stückes

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Und dann noch dies hier, was für sich selbst steht.

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