#tddl2020, #Team Philipp Tingler. Otoo, Schubert, Krusche, Haider und die Carolin-Emckesierung der Bachmann-Eröffnungsreden

Das Bachmannlesen begann mit einer Eröffnungsrede vom Typus pastoralöde Predigt an die Gemeinde, abgehalten von Sharon Dodua Otoo. Ein Gerede, das an die evangelikale Rhetorik der Erbauung zur Wende vom Jahr 1899 auf 1900 erinnerte, als seinerzeit weiße Pastoren im Negergral den armen Schwarzen Moralpredigten vortrugen und sie damit zu Zucht, Reinheit und deutscher, grunddeutscher Ordnung anhielten – so sieht dann eben, weiße Brüder und alte, als Mann gelesene Männer!, die Rache für unseren Kolonialismus aus: Gewäsch, das zu uns als Gespensterrede heimkehrt, bei dem man mit Tränen der Rührung in den Augen verfolgen durfte, wie alle sich fest umarmen, und die antirassistische Gemeinde der Kulturschaffenden so: „Yeah wir sind gegen Rassismus!“ jubiliert, manche waren gar von Tränen gerührt, so las ich auf Twitter. Twitterstimmung wie auf einem evangelischen Kirchentag. Kostet auch nichts. I feel good. Ich nicht. Mich nervt solches Salbadern. Eine Moral- und Gardinenpredigt mit Regelwerk, die ästhetisch in etwa so ansprechend war wie Tante Prusselieses Monologe an Pipi Langstrumpf. Auch aus diesem Grunde beschwiegen die meisten Feuilletons diese Art von Gesinnungskitsch geflissentlich.

Mich interessiert nicht, ob schwarze Blumen malen – davon ab, daß Blumen nicht malen, allenfalls als Metapher, wofür die Blume wiederum als Bild und eben damit als Metapher steht. Mich interessieren böse Blumen, böse Buben, die die Blusen der Böhmin aus Lust zerreißen und die Böhmin, die mit der Axt dann nicht das gefrorene Meer, sondern den Niederstrecker niederstreckt und zerhackt oder daß sie sich in Wildheit, Schönheit und Lust vereinen oder sie mit luxe, calme et volupté sich ergibt, was auch immer, wenn es heiß hergeht – Sex als Text, Text als Sex, oder auch – nicht und wir hier eine Baiser-moi-Rache-Szenario haben – das alles als Literatur. L’invitation au voyage. Diese Rede aber war alles andere als eine Einladung. Höchstens eine ins Herz der gutmeinenden Finsternis. Mich interessiert all das, was in einer Rede zur Literatur, mithin in einem Modus der Ästhetik als Rede über Kunst, mit intellektueller Schärfe oder mit Saft und Kraft daherkommt und was vor allem als Analyse von Prosa überrascht. Das Thema ist nicht schlecht, die Umsetzung des Themas grauenhaft und betulich.

Mich interessiert nicht, ob Schwarze Blumen malen, sondern mich interessiert ihre Kunst, mich interessieren die Bilder, wenn Schwarze Blumen malten. Und diese Bilder bitte ohne belehrende Botschaften. Ich habe dies schon beim weißen Mittelstandsmilieu gehaßt, ich hasse dies also genauso bei dunkel- oder schwarzhäutigen Künstlern. Seid politisch wie James Baldwin, aber macht was Gutes draus! Die meisten der kulturschaffenden und literaturkritisierenden Zuhörer werden ebenso denken, daß diese Rede von Sharon Dodua Otoo öde und belanglos war. Sie sagen es nur nicht. Ich möchte nicht die Carolin-Emckesierung der Bachmann-Eröffnungsreden.

„Verwendet eine weiße deutsche Autorin rassistisches Vokabular in ihrer Kurzgeschichte, weil sie die Lesenden ausschließlich als weiß imaginiert?“

So schreibt Otoo. Davon dürfte kaum auszugehen sein, sofern es sich um Literatur handelt, und insofern Sharon Dodua Otoo auf Astrid Sozios Beitrag zum Bachmannlesen 2016 anspielt, wo auch Otoo las und zu unrecht einen Preis für eine schlechte Prosa erhielt, so ist diese rhetorisch-niederträchtige Frage eindeutig mit Nein zu beantworten. Jene alte, weiße Frau, die in Sozios wunderbarem Roman „Das einzige Paradies“ da in ihrem verbarrikadierten und lange schon leerstehenden Hotel in einer Kleinstadt mehr haust als lebt und darin sich plötzlich eine schwarze Flüchtlingsfrau einquartierte, sagt das Wort „Neger“, weil sie es nicht anders weiß, weil eine solche Person aus einer solchen Zeit kaum PoC oder N*wort (bei dem jeder Hörer natürlich den Neger mitdenkt) sagen würde. Und gerade in diesem Szenario ist dieser Roman eine explizite Kritik am Rassismus. Er muß dabei eben nur nicht mit dem Zeigefinger von Moral- und Belehrungskunst fuchteln. Das wissen diese Kritiker natürlich ganz genau: daß solche Begriffe wie der „Neger“ in diesem Falle ein ästhetisches Mittel sind – außer sie sind derart amusisch, daß ihnen noch der geringste Sinn für Rollenprosa abgeht. Doch hier geht es um die Diskursherrschaft über Sprache. Das ist das Problem, und wir sollten dieses Spiel gar nicht erst mitspielen, zumindest nicht in dieser Form. Nachlesen kann man all das in Astrid Sozios gelungenem Roman „Das einzige Paradies“. Es ist ein Dokument des Antirassismus, und zwar auf eine ästhetisch ansprechende Weise und nicht mit dem Dodua Otoo-Belehrungsfinger.

Der biedere Ekkehard Knörer schreibt in der taz:

„Auf Twitter fiel irgendwann auf, dass ganz anders als im Vorjahr bei Clemens Setz, in den Diskussionen der Jury kein einziges Mal auf den Eröffnungsvortrag von Sharon Dodua Otoo Bezug genommen wurde. Sie hatte darin als Schwarze Autorin über inklusive Sprache nachgedacht.“

Nein, es fiel nicht allgemein bei Twitter auf, sondern einer gewissen Blase um Stokowski und der Literatur“wisssenschaftler“-Sabbel-Bubble, und daß etwas nicht genannt wird, muß nicht unbedingt etwas mit dem Thema zu tun haben, sondern es kann genauso daran liegen, wie und in welcher Art ein Thema vorgetragen wurde, so daß man es aus lauter Scham verschweigt. Auch diese Möglichkeit ist gut denkbar und in diesem Falle auch wahrscheinlich.

Wie aber war das Bachmann-Lesen, wie war die Jury? Neu hinzu kamen Brigitte Schwens-Harrant, die in den Beiträgen, wo ich sie sah, nicht recht zu Wort kam und sich auch selten nur meldete, und Philipp Tingler, der auf Twitter und auch auf Facebook überwiegend negativ aufgenommen wurde. Doch was die Juroren betrifft, bin ich #TeamTingler. Der Mann brachte Schwung in eine Versammlung teils von Schnarchnasen – Klaus Kastberger mal ausgenommen und Michael Wiederstein auch, den ich mag, ich kann gar nicht so genau sagen, weshalb. Was all jene Tingler-Kritiker vergessen, die das Bachmannlesen und die salbungsvollen Worte eines Hubert Winkels oder das Musterschülerinnengerede einer Insa Wilke für Literaturkritik halten: mit Literaturkritik hat eine solche Veranstaltung in dieser Form in etwa soviel zu tun hat, wie „Deutschland sucht den Superstar“ mit Musikkritik.

Zwar ist das ganze nicht nur Show und es gab zuweilen Sternstunden in den Debatten, nämlich dann, wenn gestritten und dabei auch die Kriterien für Kritik in Anschlag gebracht wurden. Daß aber seit Anbeginn des Lesens genauso die Performance zählt, kann man gut nicht nur an den Lesungen einer Autorin wie Lydia Haider und damals auch Nora Gomringer sehen, deren Text ich 2015 ästhetisch wenig überzeugend fand: er lebte allein vom Vortrag, aber nicht vom Vorgetragenen, was einer der Kritiker auch anmerkte – ausgezeichnet wurde Gomringer dennoch. Und dieses kulturindustrielle Moment von Unterhaltung in Koppelung mit Kunst fand sich auch damals schon, als der selige MRR noch mit dabei war. Gerade dort: eine hyperbolische Sichtung von Literatur als privates Geschmacksurteil – nicht mal mehr im Kantischen Sinne.

Über all das kann und muß man debattieren, auch über das Moment der Unterhaltung in einer solchen Veranstaltung und deshalb eben mein Plädoyer für den immer chique gekleideten Philipp Tingler, der ja eben nicht nur provokativ war, sondern dabei gleichzeitig Kriterien ins Spiel brachte, die das Binnenästhetische eines Texte, seine Machart, seine Form in bezug zum Inhalt betonten. Und er tat das in konsequenter und hartnäckiger Weise. Ich nenne sowas eine Haltung. Und die gefiel mir allemal besser als das, was Wilke tat. Über allem thronend ein in die Himmel der Literaturpäpste entschlafender unvermeidlicher Hubert Winkels, wo er sich selbst gerne sähe, und der sich nur einmal nach allen Regeln der Kunst echauffierte, als Tingler in direkter Ansprache die Autorin Lydia Haider nach dem Sinn dieser Geschichte befragen wollte. Winkels so, in hoher Wut und Erregung: es ist doch nicht die Aufgabe, der Autorin, uns Kritikern ihre Geschichte zu erklären: das ist unsere Arbeit. Einerseits ja. Andererseits muß man Zwänge zuweilen brechen. Aber so recht antworten konnte Lydia Haider dann auch nicht. Implizit gab sie Winkels recht und reichte die Frage an die Kritiker weiter – was ihr gutes Recht ist. Und es ist ja in der Tat so, wie es Adorno bereits in seinem Kafka-Essay schrieb: Der Autor ist nicht gehalten sein eigenes Werk zu verstehen.

Dennoch ist Tingler ein erfrischender Gegenpart. Seine Einschätzung des Textes von Lisa Krusche etwa teile ich. Die Dystopie sowie eine postapokalyptische Computerspielwelt, in der sich die Protagonistin des Textes bewegt, ist ein spannendes Thema, doch der Text hat mich in seiner Konstruktion nicht überzeugt. Schon vom Anfang nicht, sprachlich nicht und auch nicht in der Art der Bilder. Krusche präsentierte ein spannendes Thema, aber in der Umsetzung hat, so war mein erster Eindruck, etwas nicht funktioniert. Sicherlich: die Sprache mußte so sein, wenn dann Begriffe wie „nice“ auftauchen: es sind da zwei junge Frauen, junge Menschen einer Generation, die mir in etwa so fremd sind, wie ich der Generation meiner Urgroßmutter, sofern die noch leben würde. Zur Ästhetik und Philosophie des Computerspiels gibt es ja inzwischen auch schon Schriften und Sammelbände – man denke an Daniel M. Feige. Den Textauszug werde ich wohl nochmal als Roman lesen, wenn er dann erschienen ist, um zu schauen, wieviel daran Masche mit Cyborg, Cyberspace und Lebewesenverwandlung ist oder wieweit diese Dystopie aus schrecklicher Zeit doch trägt. Auch das Zum-Tier-werden war ja eine Zeit lang Thema der Literatur, seinen Ausdruck in Theorie fand es in Deleuzes/Gutattaris „Kafka. Für eine kleine Literatur“.

Ebenso kritisch-analysierend verhielt Tingler sich bei Leonhard Hieronymi und bei der gelungenen Erzählung von Helga Schubert, die sie zum Auftakt des zweiten Tages las. Wer sich über Tingler mokiert und zu Insa Wilke schweigt, den nehme ich nicht ernst: zu häufig meldete sie sich, immer gleich zu Anfang, beflissen wie eine Musterschülerin zu Wort. Tingler brachte Pfiff und Pfeffer in die Sache, und was er zur Notwendigkeit der Fiktionalität sagte, bringt Literatur auf den Punkt bzw. nennt einen ihrer wesentlichen Aspekte – im Gegensatz eben zur Geschichtsschreibung oder zur Biographie, deren Wahrheitsmoment nicht primär in der Art des Erzählens liegt, sondern zunächst mal in der Korrektheit der Fakten – diese interessieren in der Literatur nicht. Wenn, wie in Martin Mosebachs „Das Blutbuchenfest“ zum Anfang der 1990er Jahre ein Handy auftaucht, dann ist das auf der Faktenebene zwar falsch, weil es damals keine Handys gab, aber in der Erzählung mag dieser Umstand gerade deshalb eine Funktion besitzen, die man in nichtfiktionalen Texten kritisieren würde. Es mag in der Dichtung immer ein Kern Wahrheit stecken, aber am Ende erhalten wir, noch bei der autobiographischsten Geschichte, eine erzählte Fiktion. Selbst da, wo man es wie Max Frisch in „Montauk“ tat, nämlich die reine Wahrheit eines einzigen Tages mit der Geliebten zu erzählen: sagen, was ist.

Und sonst zu den Lesungen? Bei Freudenthaler habe ich dann den Ton ausgemacht. Es gibt Texte, denke ich mir, zumindest ist dies beim ersten Eindruck so, beim weiteren Lesen mag es anders sein, da ist die Kritikerdiskussion spannender als die Prosa. Das ist ungerecht, ganz sicher, aber weder Ton noch Text haben mich überzeugt. Das katastrophische Thema klang zwar interessant, aber irgendetwas sprang mich bei diesem Text nicht an, war zu glatt im Erzählen. Vielleicht passiert es dann beim zweiten Lesen. Laura Freudenthalers Text müßte ich mir nochmal anhören. Aber bitte von jemand anderem vorgelesen.

Lydia Haiders Wut- und Haß-Text in der Tradition von Werner Schwab, Thomas Bernhard, aber auch mit einem eigenen dialektgefärbten Ton der Wutprosa gefiel mir gut. Auch durch den Furor der Sprache: Gewalt als Ausdruck, eine sympathische Gewalt. Und durch die Performance, von der ein Text lebte. Aber diese Ausdrucksqualität von Dichtung ist immer der Fall und im Grunde etwas Selbstverständliches. Texte haben neben ihrem Textcharakter auch eine inszenatorische Qualität: wir sind es gewohnt, still zu lesen, aber Prosa oder überhaupt Dichtung muß man sich immer als vorgetragene auch vorstellen. Evident wird dies bei der dramatischen Dichtung. Und oft ist es so, daß bei vermeintlich schwierigen Texten durch das Vorlesen sich eine Ebene öffnet, die der Leser oder die Leserin bisher nicht sahen.

Kastbergers Schlußwort vom eigenen Jubel, in dem dieser Haider-Text untergeht, war allerdings richtig. Die Schlußszene auf dem Sofa der Autorin, wo eine mitgebrachte Fangruppe in den Fernseher jubelte und trötete, war überflüssig und peinlich. Haß sollte konsequent sein.

Von der Geschichte her und der Art, wie sie erzählt wurde, gefiel mir Helga Schubert gut – wenn auch in einer eher konventionellen Weise, so daß ich mir vorab schon dachte, daß sich auf diese Prosa die meisten Zuhörer irgendwie werden einigen können. Klar, kann man sagen, Schubert vermag solch gekonntes Erzählen, denn sie ist eine gestandene Schriftstellerin. Aber: es war dies ein Text, der hatte etwas zu erzählen und er machte das in einer fesselnden Art: unaufdringlich und doch eine Spannung haltend, bei einem eher konventionellen Thema und in einer konventionellen Art des Erzählens: unaufgeregt, aber nicht langweilig im Ton. Eine vermutlich autobiographische Geschichte, wie es beim Erzählen der letzten fünf Jahre im Trend liegt.

Leonhard Hieronymi hätte vom Thema interessant sein können, auch in bezug auf die Frage eines literarischen Europas: eine Reise an den östlichen Rand Europas, nach Bukarest und dann nach Konstanza, die Spuren Ovids. Das beste an dieser Geschichte war noch, daß ich mich daran erinnerte, wieder Christoph Ransmayrs großartigen Ovid- und Verwandlungsroman „Die letzte Welt“ zu lesen und auf diesen Roman wies auch einer der Kritiker hin. Aber hier bei Hieronymi hat nicht nur die Art der Konstruktion, sondern auch die Pose den Text kaputt gemacht.

Hanna Herbsts Ironisierung vom Dasein einer Schriftstellerin im Autorenvideo, dargeboten als Song, kam zwar unaufgeregt und witzig-nett daher, hat aber das Problem, daß diese Ironisierung eben auch auf die Geschichte überfärbt: ist dieses Abschiednehmen von einem Vater nun ironisch gemeint, wie Kastberger mutmaßte, oder ernst oder spielt es mit beiden Registern? Das müßte man sich noch einmal genauer ansehen. Ich fand den Text stellenweise bewegend in der Art des Erinnerns und wie eine Krankheit einen Menschen versehren kann und wie eine Tochter auf die wunderschöne Zeit zurückblickt: das melancholische Erinnern hatte einen eigenen Wert und das brachte Herbst in eine gute Form. Allerdings und wie Kastberger zu recht anmerkte hat auch mich diese Yoda-Sprache nicht überzeugt.

Lydia Haider würde ich wohl den Publikumspreis gönnen, dachte ich mir bei ihrem Vortrag, das würde eh gut passen. Und den hat sie dann folgerichtig erhalten. Verdient, weil das Bachmann-Lesen auch von der Performance und vom Vortrag lebt. Daß am Ende alle auf Helga Schubert sich einigten, war eine erwartbare und freundliche, wenn auch für die Literatur eher konventionelle Entscheidung. Es war aber auch ein handwerklich und erzählerisch im ganzen guter Text, bei dem man auf den dann folgenden Roman gespannt sein kann.

Fürs nächste Lesen bleibt vor allem zu hoffen, daß wieder einmal ein Eröffnungsredner eingeladen wird, der etwas zur Kunst zu sagen hat und nicht zu identitärer Schreibarbeit. Schwarze oder weiße oder gelbe oder gute Prosa entsteht durchs Machen und nicht durchs Reden darüber und durchs Vorschriften-Machen.

 

Schnüffeln am Wörthersee. Über eine bedenkliche Tendenz im Umgang mit Literatur

Um den ästhetischen Unwillen abklingen zu lassen, habe ich mich mit dem Schreiben einige Tage zurückgehalten – zumal ich die Woche über Besuch erwartete und insofern kaum Zeit bliebe, auf Blog-Kommentare zu reagieren. Nun also, etwas über eine Woche nach den Klagenfurter Lesetagen im Wettstreit um den Bachmannpreis, ein Text hier auf AISTHESIS zu einem Vorfall, der zugleich symptomatisch ist für den Ton in bestimmten Kunstdebatten und für den „Geist“ einer seltsamen Zeit, wenn man denn überhaupt in dieser Angelegenheit von Geist sprechen mag: Ästhetische Gebilde werden nicht mehr primär als Kunstwerke gesehen, sondern man mißt sie mit moralischen Kriterien. Nicht mehr die Maßgaben der Kunst sind zentrales Kriterium, sondern das Kunswerk muß politischen, moralischen oder gesellschaftlichen Geboten gehorchen. Was war passiert? In einem der Texte, die Anfang Juli in Klagenfurt gelesen wurden, benutzte ein Autor das Wort „Zigeuner“. Worauf es reflexmäßig-erwartbare Twitter-Empörung gab. In einem anderen Lese-Text kam der Name Lumumba und eine afrikanische Perspektive vor. Wie auf Knopfdruck standen Cultural Approbiation-Vorwürfe im Raum: Böser weißer Mann, der eine schwarze Perspektive einnimmt. Die übliche Twitter-Erregung einerseits, übliche Aufrege-Spielchen in einer Zeit, in der alle alles sagen und unmittelbar kundtun können – ohne jeglichen Reizschutz oder intellektuellen Abstand.

Man kann sowas als Petitesse abtun, aber doch zeigt sich in solchen Äußerungen eine problematische Tendenz: nämlich Kunst auf Reizwörter und auf moralische oder politische Verwerfungen hin abzuklopfen. Das Absurde an solchen Aktionen ist, daß beide Autoren sich vermutlich als links verstehen, und sie würden ihre Texte gerade als Kritik einer rassistischen Perspektive beschreiben.

Kriterium für diese Äußerungen des Mißfallens war dabei nicht etwa der Text selbst in seiner Struktur, geschweige, daß literaturkritische Gründe genannt werden konnten, weshalb die Konstruktion nicht funktioniert und ein Begriff wie „Zigeuner“ nicht verwendet werden dürfe, sondern wie bereits bei Eugen Gomringers Avenida-Gedicht wurde außerästhetisch nach einer Hermeneutik des Verdachts ein subjektives Gefühl dogmatisch als verbindliches Richtmaß genommen. Der erhobene Zeigefinger „Das darfst du nicht!“ oder „ein ungutes Bauchgefühl“ werden zum Maßstab für literarische Referenz, was geschrieben werden darf und was nicht.

Man könnte denken, solches Labeln von Prosa sei kunstkritisch nicht weiter relevant oder sei eine Satire auf den Betrieb, irgendwas zwischen den Romanen von Tom Wolfe, Martin Walser, Philip Roth oder Eckart Henscheid. Denn jeder wisse im Grunde um die Funktion autonomer Kunst und damit auch um den Unterschied zwischen realem Sprechen und Rollensprechen, zwischen fiktiven Texten und Sachtexten, wie etwa einem Zeitungsartikel. Darin wäre das Wort „Neger“, etwa in einer Zeitung, in der Tat unpassend und vermeidbar, sofern es sich nicht um ein Zitat handelt oder eine bestimmte Denkhaltung veranschaulicht werden soll – denn auch da ist der Gebrauch des Wortes geboten: Bildlichkeit macht anschaulich. Aber leider ist diese Haltung im Feld der Literatur bitterer Ernst – sogar von Leuten vorgebracht, die sich im Wissenschaftsbetrieb an Universitäten bewegen. Die Tabuisierung von Sprache. (Dazu auch das Culturmag, Ausgabe Juni 2018 zum Thema Tabu.) Wissenschaftler, die nach Wörtern fahnden, die ein literarischer Text nicht enthalten darf. Eine seltsame Methode der Literaturbetrachtung scheint sich zu etablieren. Der Unterschied zwischen eigentlichem und uneigentlichen Sprechen wird eingezogen. Prosa und Poesie werde unmittelbar genommen oder als Handlungsanweisung gelesen. Begriffe wie Ironie, literarische Brechung, Figurenrede sind nicht mehr auf dem Schirm oder werden zugunsten außerliterarischer Kriterien lax beseite geschoben. Die Buchstäblichkeit eines literarischen Textes bekommt einen fatalen neuen Sinn.

Auch 2016 schon in Klagenfurt zu beobachten – damals bei Astrid Sozios inzwischen als Roman erschienener Prosa Das einzige Paradies. Ein genauer und gelungener Text. Darin kommt mehrmals, wohl 20 Mal das Wort „Neger“ vor. Es ist Rollenprosa, die Protagonistin Frieda Troost, eine alte Frau, die sich in einem längst geschlossenen Hotel verbunkert hat, darin eine schwarze Frau „eindringt“ und Schutz sucht, muß genau so sprechen, wie sie spricht: sie sagt „Neger“, weil das ihre Sprache ist, weil das ihren Schrecken ausdrückt, weil das Wort „Neger“ ihr Befremden zeigt, weil das drastisch im Wort zeigt, wie Frieda Troost denkt und tickt und diese „Neger“-Iteration kann man zugleich als ein Stilmittel sehen. Eine sprachpolizeiliche Regelung nach einem willkürlichen Kanon von zu vermeidenden Reizwörtern oder moralin Ungenehmem hätte Sozios Text ästhetisch verdorben. Daß Kunst auch ein Schlag vor den Kopf sein kann: dieses Bewußtsein geht den meisten inzwischen verloren, wenngleich von vielen dieser seltsamen Leser ansonsten immer noch der Kafka-Satz von dem Buch, das eine Axt sein müsse für das gefrorene Meer in uns, beschworen wird. Was gab es nach Sozios Lesung für einen Twitterkleinsturm! Absurd waren diese Reaktionen vor allem deshalb, weil dieser Text genau die Fremdheitserfahrungen und das Aus-der-Welt-Gefallensein zweier ganz unterschiedlicher Personen beschreibt und weil diese Prosa explizit den impliziten Rassismus zum Thema machte.

Bei Rollenprosa geht das in dieser Art und nicht anders, weil solche wie Frieda Troost weder die perfekt gegenderte Sprache noch das politisch korrekte Sprechen gelernt haben. Motiviert sind solche Aussagen durch den literarischen Text, durch den Plot und die Figurenzeichnung. Daß diese simplen Voraussetzungen ästhetisch nicht mehr gewußt werden, auch bei Wissenschaftlern nicht, ist bedenklich. Daß eine alte Frau wie Frieda Troost von PoCs spricht, dürfte kaum vorstellbar sein und wäre wohl lächerlich. Ein guter Lektor striche ihr mit schwungvoller Hand und Rotstift diesen Ausdruck aus dem Text heraus – zumal Literatur nicht für das politisch korrekte Sprechen zuständig ist und auch nicht als moralische Erziehungsanstalt für Bürgersöhne und -töchter fungiert. Der Bitterfelder Weg als normatives Maß fürs Schreiben ging bereits in der DDR in die Hose. Gleiches gilt für die Vorgaben eines – angeblich – diskriminierungsfreien Schreibens. Literatur läßt sich nicht regeln, und selbst dort, wo ein Roman rassistische Stereotypen verbreitet, wie etwa Jean Raspails Das Heerlager der Heiligen ist ein Text immer noch mehr und übersteigt die Intention des Autors. Literarische Texte sind autonome Gebilde, sie ragen in ihren Tiefenschichten und in ihrer Bedeutung weit über den unmittelbar gemeinten Sinn hinaus.

Eine Kulturwissenschaftlerin schrieb in dieser Causa:

„Leute, die heute noch Essays darüber schreiben, weshalb man dieses oder jenes diskriminierende Wort (in der Literatur) verwenden darf, drücken damit aus, dass sie solche Themen und Fragen nur unter ihresgleichen besprechen möchten. Das bedeutet, dass Menschen, die durch diskriminierende Sprache ausgegrenzt und verletzt werden, Zaungäste in dieser Diskussion sind.“

Davon ab, daß sich mir die Logik einer solchen Aussage nicht erschließt, da es in öffentlichen Debatten jedem freisteht, sich zu diesem Thema äußern zu dürfen, ist es kaum ersichtlich, was solche Vorschrift sachlich motiviert. Was geschrieben werden darf und was nicht, bestimmt kaum eine einzelne Stimme oder ein moralines Kollektiv – zumal wenn es in Fragen der Ästhetik sich blind verhält. Es wird von jener Schreiberin ohne jede Begründung dogmatisch eine Hypothese in den Raum geworfen, es wird, so interpretiere ich solche Sätze, für die Gemeinde moralischer Druck aufgebaut. Mit solchem Verfahren hält eine gefährliche Tendenz Einzug, daß dogmatisch und ohne jegliches Begründen festgelegt wird, worüber debattiert werden darf und worüber nicht. Anstatt Gründe anzugeben, weshalb es problematisch ist, solche Fragen zur Diskussion zu stellen, wird per ordre du mufti vorab Sagbares und Unsagbares festgelegt. Gleiches gilt für Begriffe in literarischen Texten: Per ordre wird postuliert, was sein darf und was nicht.

All das sei Erregungsfeuerwerk und morgen wieder vergessen, so könnte man entschärfen. Aber leider haben solche „Meinungen“ im Betrieb durchaus normative Konsequenzen: Daß nämlich bestimmte Texte in Redaktionen oder Lektoraten nur noch bedingt akzeptiert werden. Tina Uebel wies in ihrem Zeit-Text „Der große Verlust. Wie die politische Korrektheit meine Arbeit als freie Schriftstellerin einschränkt“detailliert und mit Beispielen aus der Praxis auf diese Problematik hin. Uebel pointiert dieses Absurde:

„Ich hatte eine Romanidee, inspiriert von drei Menschen, die ich bewundere, einem Kameruner König mit hinreißender Chuzpe, einem äthiopischen König, den ich im dortigen Knast besuchte, und einem innigen Freund und atemberaubenden Künstler aus Kamerun. Mein Romanheld wäre schwarz gewesen, da lass ich mal besser die Finger von und schreibe stattdessen nunmehr Bücher, die von der Interaktion weißer neunundvierzigjähriger Schriftstellerinnen mit weißen neunundvierzigjährigen Schriftstellerinnen handeln. Sicher ist sicher. Die anderen Geschichten werden unerzählt bleiben.“

Uebel spitzt hier zwar zu, und ob es diesen Roman nicht dennoch geben könnte, bleibt an dieser Stelle offen. Denn soweit ist es im deutschen Verlagswesen zum Glück noch nicht, daß sich Verleger vorschreiben lassen, was sie veröffentlichen. Dennoch ist solche Sentenz bezeichnend: Denn vor allem ist mit solchen Forderungen an Literatur noch lange kein Ende in Sicht und prinzipiell sind solche Textsäuberungen einer moralischen Reinlichkeitserziehung unabschließbar. Es lassen sich immer neue Forderungen erheben, was ein Text enthalten darf und was nicht. Sind es heute Begriffe wie „Neger“ oder „Zigeuner“ oder schwarze Perspektiven, die von Weißen geschrieben werden, so läßt sich der Reigen des angeblich Unsagbaren, weil angeblich Diskriminierenden beliebig erweitert: Vom Zwerg bis zum Krüppel. Absurd wäre es, wenn nur noch Behinderte über Behinderungen schreiben dürften. Thomas Hettches wunderbarer Roman Pfaueninsel wäre kaum in dieser Art entstanden, wenn nur Kleinwüchsige über Kleinwüchsige schreiben dürften. Und irgendwann mag dann auch die Hausfrau, die intakte Familie mit Mann, Frau, Kind oder der Handwerker aus dem Roman vertrieben werden, weil sie die „heternormative maskuline Matrix“ spiegeln und gesellschaftlich Approbiertes festigen. Vielleicht darf man es aber auch schreiben, muß vorher freilich zur gesellschaftlichen Güte seine Privilegien checken. Man kann hier die absurdesten Beispiele wählen, wir lachen noch darüber, aber inzwischen hat sich eine Haltung breitgemacht, die solches Abklopfen von Texten gleichsam systematisiert. Solche „Textexegese“ nach verdächtigen Passagen ist prinzipiell unabschließbar.

Dies sind keine Petitessen und diese Dinge geschehen nicht einfach so. Inzwischen entsteht ein übles soziales Klima des vorauseilenden Verdachts. Sicher kann niemand mehr sein. Es wird bezichtig und auf absurde Weise im Text nach vermeintlich Verdächtigem gesucht – etwa bei jenem Autor in Klagenfurt, dem dann ein Facebook-Kommentator zudem Homophobie in den Text hineinlas. Dann wird das Gesuchte auf den Autor projiziert und wenn er nicht explizit rassistisch schreibt, so wird das Unterbewußte bemüht, indem, nicht anders als in der klassischen Ideologiekritik, der Entlarver vom Standpunkt des richtigen Bewußtseins aus das Gegenüber als fehlbar markiert. An Universitäten ist dieses Suchen nach rassistischen Stereotypen oder anderweitigen mißliebigen Äußerungen bereits angekommen. Ob das die Debatte um das Gomringer-Gedicht ist, einem Blog wie  Münkler-Watch, wo ein Hochschullehrer anonym überwacht wird, oder Diskussionen um Gemälde in Museen, wie Dana Schutz‘ Gemälde Open Casket, das denunziert und auf die Verbotsliste sollte.

Auch im klassischen Feuilleton finden wir diese Art von unseriösem Entstellen eines Textes schon länger: 1999 Thomas Assheuers unsachlicher Angriff auf Sloterdijk, oder 2012 Georg Diez‘ Denunziation von Christian Krachts Imperium als rassistisch: Kracht als Gatekeeper für das Völkische. Diese Art des außerliterarischen Wertens von Prosa hat inzwischen einige Methode. Diese Liste ließe sich beliebig verlängern: auch im Diskurs des Politischen, wenn wir an die Anfeindungen und an die unsachliche Kritik denken, denen die Autoren des Sachbuches Mit Rechten reden ausgesetzt waren.

Dabei geht es in diesen Fragen nicht darum, Literatur gegen Kritik zu immunisieren. Ethische Fragen sind von der Literatur nicht per se ausgeschlossen. Jemandem Leid und Ausgrenzung zu ersparen, ist auf der subjektiven Ebene ein löbliches Anliegen. Nur: Literatur ist etwas anderes als Alltagspraktik, und literarisches Sprechen unterscheidet sich vom normalen Sprechen in wesentlichen Aspekten. Wer die Verstörungen nicht versteht, die die Literatur erzeugt, verfällt in die (häufig kleinbürgerliche) Haltung jener, die den Text an seinen Skandalisierungen und an Normübertretungen messen statt an seiner Sprache, seinem Gemachtsein, dem Stil, der ästhetischen Form mithin. Eine Haltung, wie sie im 19. und 20. Jahrhunderts üblich war, Kunst zunächst moralisch zu werten und bei entsprechendem Verstoß gegen geltende Konventionen zu skandalisieren. Und so gelangten Baudelaires Gedichte und Flauberts Madame Bovary auf den Index, weil sich darin Verwerfliches befand.

Freilich ist die ästhetische Autonomie ist kein Selbstzweck. Theoretiker wie Adorno wußten gut, daß sich im Kunstwerk immer beide Momente verschränken: das Werk ist fait social und autonom in einem, wie Adorno es in seiner Ästhetischen Theorie zeigt. Gesellschaftlich ist es aber gerade dadurch, indem es sich des unmittelbaren Engagement und des politischen Eingriff enthält – dazu mehr in einem möglichen zweiten Teil dieses Essays. Einen literarischen, also fiktiven Text jedoch unter der Maßgabe richtigen Sprachgebrauchs abzuklopfen, zeugt nicht vom Bewußtsein für den spezifischen Sinn der Literatur, sondern vielmehr dafür, daß Ebenen durcheinander rutschen oder wie Adorno es in anderem Zusammenhang, nämlich dem des identifikatorischen Lesens, nannte: jener „Schulfall von Banausie“. Aus persönlichen Befindlichkeiten oder moralischen Erwägungen lassen sich kaum ästhetische Kriterien ableiten – schon gar keine allgemein-verbindlichen. Der Beischlaf mit Kindern ist nicht nur verwerflich, sondern auch strafbar. Schreiben darüber, selbst in der verherrlichten Form innerhalb der Literatur bleibt aber aus guten Gründen straffrei und ist zudem per Gesetz von der Kunstfreiheit gedeckt. Ob einem Leser ein Roman wie Lolita moralisch oder vom Plot her gefällt, ist eine Sache der Präferenz. Es sagt dieses subjektive Gefallen jedoch nichts über die Qualität eines literarischen, fiktiven Textes aus.

Daß solche ästhetischen Selbstverständlichkeiten inzwischen nicht mehr selbstverständlich sind, deutet auf ein grundsätzliches Problem in der öffentlichen Rezeption von Kunst. Zunächst könnte man in einer eher unmittelbaren Lesart annehmen: Wo eine kulturalistisch-identitäre Linke politisch keine Siege einfährt und sich zu einer Minderheit qualifiziert, werden stattdessen Erfolge auf der Ebene des Symbolischen gefeiert. Der arme Neger in Afrika interessiert nur noch, als daß er Spielball für die Sprachspiele identitärer Diskurse im universitären Milieu ist, anstatt daß man nach den EU-Subventionen für die EU-Landwirte nachfragt, die das Billiggetreide exportieren, und zum Protest anspornt. Man kapriziert sich auf die symbolische Ebene, um vom Realen nicht reden zu müssen. Aber diese Anwürfe greifen andererseits viel zu kurz. Davon ab, daß sie als Argument nicht funktionieren: Von einer Sache schweigen, heißt nicht, sie zu goutieren. Das Problem in diesen Kontexten ist vielmehr, wenn Leser eindimensional auf Prosa sich fokussieren und sie moralisierend nach Reizworten abklopfen. Im Grunde nicht anders als jene Tugendwächter, die in Der Tod von Venedig schwule Verderbnis, in Anaïs Nins Tagebüchern Sexdreck und im Professor Unrat unzüchtige Disziplinlosigkeit wittern.

Wer sich solchen Texten und Ausdrücken nicht gewachsen zeigt, für den bleibt immer noch die Möglichkeit, Literatur als Religion zu nehmen und das heißt als beliebiges Glaubensbekenntnis zu setzen, in einer Zeit, wo – frei nach Bourdieu – die entsprechende Literatur den entsprechenden Lebensstil repräsentiert, oder einfach nur solche Bücher sich zu wählen, die ein Herz erwärmen, Prosa, die einem das spiegeln, was gesellschaftlich genehm ist. Man bringt sich dann zwar um die moralisch fragwürdigen Texte von Goethe, Jean Paul, Kleist, Büchner, Joyce, Kafka, Döblin, Jahnn, Malaparte, Breton, Baudelaire, Céline, de Sade oder Apollinaire, aber es muß nicht jeder alles lesen und für wen Literatur Herzensergetzung ist und Selbstbespiegeln, der kann das machen. Nur läßt sich daraus ästhetisch verbindlich nichts Normatives ableiten – davon ab, daß wir in der Kunst seit 250 Jahren die Regelpoetik verabschiedet haben. Das gilt auch für Negerwörter.

Wie man das auf der Ebene des subjektiven Befindens beurteilt, bleibt jedem selbst überlassen. Wer aber einen Autor öffentlich rügt, der sollte Gründe bringen. Ansonsten gerät dieses Unternehmen in heikles Fahrwasser und es grenzt solche Hermeneutik des Verdachts an Denunziation. Daß in einem Text ein rassistisch konnotierter Begriff vorkommt, spricht weder gegen den Text noch gegen den Autor, sondern sagt zunächst einmal etwas über die Befindlichkeiten des Lesers aus. Und damit sind wir mitten in der Rezeption und bei der Literatursoziologie, die sich über ein neues Klima verständigt und die zeigen kann, was im Verhältnis von Gesellschaft und Literatur sich verschoben hat. Die Freiheit der Kunst aber ist in einer demokratischen und liberalen Gesellschaft nicht verhandelbar. Weder von rechter noch von linker Seite.

Hashtag tddl – Notizen zu Klagenfurt

Ich bin dann pünktlich um halb drei zum Mittagsschlaf gegangen. Den Text von Anselm Neft unterbrechend, man kann das ja eh nachlesen, im Internet, und braucht es nicht im Fernsehen zu schauen. Und später als Buch – vielleicht. Zu viel Lebensdetail bei Neft. Bei Clemens Meyer oder Sven Heuchert paßt es, hier in der Lesung klemmt irgendwas – so zumindest mein Eindruck. Und ich bin zudem am Leben anderer, mir fremder Menschen erstmal nicht interessiert, außer es interessiert mich und da ist ein Detail oder eine Szenerie, die mich packt. Das ist natürlich kein Kriterium für die Qualität von Literatur, sondern nur ein vages Indiz. Aber die Geschichte mit dem Mann und dem Hund sprang nicht über. Was zunächst mal nichts über die Ästhetik und das Gemachtsein des Textes aussagt, zumal ich ja vorzeitig abbrach. (Auch interessant zu nehmen: wieso manche Texte sofort zünden, andere erst später beim stillen Lesen.)

Bei der Zahnarztgeschichte von Corinna T. Sievers gestern – oder war die Autorin Zahnärztin?, ich weiß das leider nicht mehr –, habe ich das TV-Gerät ausgeschaltet und mich wieder berufsmäßig Hegels Geistphilosophie zugewendet. Was vor allem an meiner Zahnarztphobie liegt und nicht unbedingt am Text. Ich möchte da doch den Text selbst hören, die Stimme und der Vortrag der Autorin hat mich in diesem Fall vom Text entfernt. Bei Ally Klein heute war ich angespannt interessiert. Ein zunächst rätselhafter Text eines irgendwie stolpernd-strauchelnden Ichs. Dunkel, staksend, seltsam, in einen interessanten Duktus auch von der Sprechsprache her vorgetragen, sich aufsteigernd und wieder abfallend in der Stimme. Aber nie kann ich ganz und konzentriert zuhören. Abgelenkt vor allem durch Twitter mit dem Hashtag #tddl, um mitzulesen und zugleich zuzuhören, was sich für mich als schwierig erweist, weil ich lieber konzentriert und fokussiert arbeite. Auch Kleins Videoportrait gefiel mir. Da die Autorin bisher nichts veröffentlicht hat, gab es, sozusagen metaphorisch eine Art unbeschriebenes Blatt. Die Autorin schwieg ganz einfach, man konnte in ihr – zugegeben sehr schönes ­ Gesicht sehen, Mimik und Regungen studieren. Und sagte kein einziges Wort. Eine interessante Idee. Witzig und originell ebenfalls Raphaela Edelbauers Video. Ich mag diese Art von Humor: „Hallo ich bin’s. Aber das kann eigentlich jeder von sich behaupten“ ist ein schöner Auftakt für eine Schriftstellerin. Mein Name sei Edelbauer. „Wenn ich Papst wäre, wären die Meßweine 2006er Brunesco Barolo und die Hostien Steaks“. So ist es, sage ich da als Gesinnungskatholik und Schlegelianer.

Vorgestern, da fand ich Raphaela Edelbauers Text verstörend gut, wie sich die Tiefe der Höhle mit der deutschen Geschichte eines Lagers in der NS-Zeit verband, wie da eine Höhlenforscherin in einer Sprache Bericht erstattete, die nicht unbedingt die Sprache von Höhlenforscherinnen ist. „Eine Nebenstelle des Konzentrationslagers Mauthausen wurde eingerichtet …“ Fast im Sinne eines Novalis- Motivs im Sinne auch des „Heinrich von Ofterdingen“ kann man wohl denken: Hinab geht der Weg:

„Den Pferden, die vor 200 Jahren unter Schinderei den Löschkalk aus dem Felsen zogen, mussten erst die Augen ausgestochen werden; ein sehendes Pferd wäre niemals freiwillig ins Schwarze hinabgestiegen. Zwanzig Jahre oder länger, d.h. ein ganzes Pferdeleben, mussten die Tiere unter diesen Bedingungen ausharren, um als Transporteur für die Mineralien zu dienen.“

Diese Verschränkung der Ebenen und die Art es zu erzählen, überzeugten mich beim ersten Hören. Es bleibt abzuwarten, was der Roman dann bringt und liefert oder ob das auch als Erzählung trägt, was ich ebenfalls passend fände, weil der Text von einer Geschlossenheit getragen wird. Wie auch in Edelbauers Video findet sich in dieser Prosa ein schönes Spiel mit den Ebenen und den Bezügen. Genaueres in einer Buchbesprechung.

Auch Martina Clavadetschers Text aus der Sterbeperspektive einer alten Frau im Pflegeheim sprach an – zumal alte Menschen nicht so häufig das Setting in Geschichten bilden. Nach dem Hinübergehen in diese andere Welt, vom Ort des Todes her ein Leben nacherzählen, scheint mir eine immer wieder interessante Idee. Anscheinend im Augenblick ein Thema, wenn ich an Robert Seethalers neuen Roman Das Feld denke. Aber auch in –  lange ist es her – Cees Nootebooms Die folgende Geschichte und Alban Nikolai Herbsts wunderbares Traumschiff behandeln dieses Sujet auf ihre Art. Die Idee, frei Heidegger übersteigend und radikal in Adorno terminierend, daß noch vom Ort des Todes her geschrieben und berichtet werden könnte, so wie Adorno es zum Schluß seines Endspiel-Essays schreibt als er Prousts Notizen auf dem Totenbett ansprach, die er noch in seine Recherche einfügen wollte, um den Tod Bergottes detailgenauer zu machen.

Ganz und gar entsetzlich, vorgestern, der Text von Joshua Groß Flexen in Miami, vom Titel vielleicht noch ganz lustig, man ahnt eine Mischung zwischen Bernhard, Goetz, Jelinek und Schwab. Doch war es nur eine leider schlecht aufgepimpte Pubertasten-Prosa: „…ihre Vagina nach dem Zuckerwasser von Dosenbirnen schmeckt…“ Wer, bitte, schreibt sowas? Wie kommt man mit solchen Sätzen nach Klagenfurt? Wieso, weshalb warum. Der Text wurde von den Juroren hoch gelobt – bis auf Gomringer und Keller. Ich habe bei solcher Jugendlichkeitsprosa den Verdacht, daß sich die Kritiker beim Jubeln selbst um ein Stück weit verjüngen wollen. Fehlt noch, daß Hubert Winkels Yolo gejauchzt hätte. Mag sein, daß ich dem Text unrecht tue, ich habe ihn mir nicht zuende angehört, aber ich habe in meinem Leben zu viel solcher Prosa gelesen. Mag aber sein, daß es am Ende oder in der Mitte oder an andere Stelle noch eine Wendung nimmt: sozusagen das Leben in der Simulation, nach der Metapolitik oder auch schon lange vor ihr, wenn wir an die Postmoderne uns erinnern, die Meta-Literatur, sozusagen eine Meta-Ficktion um diesen alten Literaturkalauer einmal wieder aufzuwärmen. Provozieren kann man heute, kleiner Tip fürs Jungvolk, eher damit, daß man ganz und gar konventionell schreibt und einen Stil von Thomas Mann pflegt oder Jean Paulsch mäandert: „Einen jener klassischen …“

Eine angenehme Überraschung bildete gestern Bov Bjerg. Von seinem Auerhaus war ich weniger angetan, vielleicht auch, weil ich den Jubel der Vielen über dieses Buch unangemessen fand, es hat mich das Buch zudem literarisch nicht überzeugt: eine nette Geschichte, aber mir fehlte darin das Salz in der Suppe, es hatte das etwas Durchschaubares. Und wenn ich die Absicht des Autors merke, mein Herz rühren zu wollen, bin ich verstimmt. Egal wie: das Videoportrait war schon einmal entwaffnend ehrlich und er bringt eine zentrale Einsicht zum Ausdruck, die auch mich bewegt und über die es nachzudenken lohnt: die Qual des Schreibens: „Es macht eigentlich gar keinen Spaß, das Schreiben, das Überarbeiten macht mir Spaß. Aber nur die eigenen Texte (…), anderer Leute Texte überarbeiten, macht mir auch keinen Spaß“, bemerkte er mit einem Lachen. Dieses Statement sprach an, und da traf Bjerk vor allem eine richtige Sache: wenn ich am Text feile, ihn ausbaue, Zeilen streiche, wenn ich komponiere dann geht es mir leicht von der Hand. Das Schreiben hingegen ist oft schwierig. Wie eine Text aus dem Inneren, aus dem Kopf heraustritt, aufs Papier – früher – und heute eben in die Tastatur getippt und dann sich auf dem Bildschirm auf einer weißen Fläche materialisierend. Immer der Gefahr der Ablenkung ausgesetzt. Beim Schreiben auf Twitter oder Facebook, zur FAZ oder zu irgendwelchen Blogs gleiten, um sich von der Konzentration abzulenken.

Auch die von ihm vorgetragene Geschichte fesselte. Sie hat wohl, zusammen mit Edelbauers Text, das Zeug zu einem Preis – zumindest nach dem, was ich bisher hörte. (Gucken wir mal beim Publikumspreis, wer da das Rennen macht und am besten seine Groupies mobilisieren kann) Bjergs Geschichte von einem Vater und seinem Sohn, die zusammen eine Ausfahrt auf die Schwäbische Alp machen, überzeugte in ihrer Erzähltechnik und in der Art, wie sie die Spannung steigerte. Zwar von Plot und Sprache her eher konventionell erzählt, sozusagen das Gegenstück des Ally-Klein-Textes, doch indem diese Geschichte in ihrer Klimax auf einen Kipppunkt zusteuerte, gewann sie Stärke. Da fuhr nicht nur einfach ein Vater mit seinem Sohn auf Ausflug, sondern im Hintergrund zeichnete sich eine Familien-Geschichte ab, die dramatische Elemente trug. Ein Vater, mit seinem Sohn auf der Flucht, das Handy in einer Dose versteckt – damit ihn niemand orten kann? Dieses Reisen, das womöglich ein Fliehen war, erinnerte mich an Daniela Danzʼ starken Roman Lange Fluchten. Eine spannende Dramatik die Bjerg da aufbaute.

Sehen wir weiter, was noch kommt. Heute werde ich nicht zuhören. Die Sonne scheint und auf dem Markt gibt es Himbeeren. Obwohl ich den Fernseher schon wieder an habe, nachdem ich schnell diesen Text in die Tasten schlug. Geben Sie Riesling, auf das notwendigste kann ich verzichten. Ihnen einen guten Lektüretag, heute.

Daß heute bei der Nolte-Lesung eine Frau in Ohnmacht fiel, da sage noch einer, daß Literatur keine Wirkung entfaltet.

tddl

Über den Text von Sascha Macht kann man streiten. Über das dumme Geschwätz dazu auf Twitter nicht. Entsetzliche Mediendemokratie der Mediokren. Wie absurd und lächerlich, wenn die Qualität von Hemden oder einzelne Sätze von Juroren bekrittelt werden. Noch der Unkritischste geriert sich einmal im Leben als Kritiker. Ohne je eine einzige Erzählung je nur versucht zu haben. Grauenhaftes Zeitalter.

Schon Schiller kannte Twitter: „Kerls, die in Ohnmacht fallen, wenn sie einen Buben gemacht haben, kritteln über die Taktik des Hannibals …“

Hier allerdings stimmt es:

https://twitter.com/lilablossbIau/status/748437281476907008

Tage wie diese, wie die der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

Die Namen der Bachmannlesepreiskandidaten setzen Feuilleton und Facebook geradezu in helle Aufregung. Sich überschlagende Debatten angesichts der Namen. Na ja, „Still ruht der See“ kann im Kulturbetrieb, der sich ständig selbst übertönt und überholt, ganz gut sein. Ich werde mir im Juli auf alle Fälle Stefanie Sargnagel im TV ansehen, weil das verspricht lustig zu werden. Am Ende ist der Performance-Charakter im Warenbetrieb, wo Literatur als Konsumgut gehandelt wird, im Rahmen kultureller Darbietungen ehrlicher und amüsanter als vom Lese- und Kritiker-Ehrgeiz getragene Vorleser- und Kritiker-Gesichter. I gfrei mi auf Stefanie Sargnagel und vor allem auf das, was sie vorliest. Die einzige Art, dem Betrieb zu begegnen, ist, ihn in der Weise angemessen ernst zu nehmen, wie er es verdient. Bereits ihr Videoportrait, in dem sie sich vorstellt, hat mir Freude gemacht.

 „Mein Name ist Stefanie Sargnagel. Meine Mutter fand mich 1986 in der Hofer-Filiale Bergsteiggasse zwischen den Aufbackbroten. Sie nahm mich mit nach Hause und zog mich mit viel Liebe auf.“

Für ihr untengenanntes Vorhaben werden ich und mein Arbeitsbüro Schwert und Schild Frau Sargnagel die entsprechenden Dossiers zukommen lassen.

Denn ich habe im Laufe meines Lebens umfangreiche Dossiers von vielen Schriftstellern angelegt – auch über die Auslandsösterreicher, die in Klagenfurt lesen.

Schreibt sich dieser Ort eigentlich mit oder ohne th? Ich vergesse es immer wieder. Dabei reiste ich als Kind oft nach Kärnten. Oder war es Tirol? Die Ostmark. Irgendwo nach Süden hin, nach Venedig war es nicht weit. Und nach Laibach, wo ich das schlimmmste Hot-Dog meines Lebens aß. Von da ab wollte ich einen Sozialismus, wo sich Marx und Oscar Wilde gleichermaßen begegnen konnten: Mehr Gebrauchswert für den Tauschwert, mußte die Devise sein. Parole: Geben Sie Luxus, auf das Notwendigste kann ich verzichten. Ich bin gespannt.