Hegemann – die Zweite – und Klappe: Erste Szene: „Was du auch machst, sei bitte schlau, meide die Marke Eigenbau!“ (Tocotronic)

Von allen Frauen die liebsten,
warn mir die, welche piepsten.

x

Bitte, liebe Leserinnen, legen Sie mir meinen Vers nicht frauenfeindlich aus. Betrifft doch dieses von mir gedichtete Phänomen auch eine Figur aus der Hochliteratur, oldschool sozusagen, und zwar die Sängerin Josefine, welche die gewogene Lesererin aus Kafkas später Erzählung kennt. Und so würde ich darüber gerne schreiben wollen, aber es geht nun einmal nicht.

Ich winde mich, ich ziere mich, flüchte vom Schreibtisch an ganz andere Orte. Ach, ich weiß nicht, ob ich wirklich mag. I moag net. Mir zieht sich das Zwerchfell zusammen; diaphragmatische Konvulsionen stellen sich ein. Aber an anderer Stelle habe ich es versprochen, das gilt es zu halten, denn was du bist, bist du nur durch Verträge: Zumindest diesen zweiten Teil noch schreibe ich über jenes naseweise Kind sowie sein zartes Büchlein. Es ist wirklich zum Gotterbarmen, und ich habe mir diese Lektüre angetan. Ich zog sie bis zum Schluß durch; also die Lektüre, nicht die Hegemann. (Gott bewahre, ich steh auf blond.)

Ich weiß nicht, was Maxim Biller et al. geritten hat, solche Lobeshymne in der FAZ zu schreiben. Insbesondere über Ursula März von der „Zeit“ wundere ich mich. Bei Iris Radisch hingegen gar nicht, denn manche kommen zum Posten des Literaturkritikers wie die Jungfrau zum Kinde, wie Jesus zum Kreuz, wie Mohammed zum Jack Russell Terrier, wie Abraham zum Tranchiermesser. Für meine damalige Freundin und heutige Mitbewohnerin sowie für mich war das Auftreten von Frau Radisch im „Literarischen Quartett“ jedes Mal Anlaß, in schallendes Gelächter oder aber böse Häme auszubrechen. Zumindest war das mal eine andere Art von Erheiterung als der ewig vertrottelte, beständig angesüffelt wirkende Karasek. („Bersarin“, schallt da die gestrenge Stimme, „du sollst nicht in Nebensätzen ablenken, sondern in die Sache gehen, dich vertiefen! Versteife dich auf den Text!“ Was bleibt mir da noch weiter übrig, wenn so die vielfältigen Stimmen zu mir sprechen.)

Ja, womöglich kommt im Text „Axolotl Roadkill“ sogar die eine und die andere Einsicht zusammen: Da erwacht in dem mittelalten Rezensenten des Feuilletons die Erinnerung an das Verlorene: Daß diese Zeit der Jugend als die beste des Lebens erscheint: Wie das war, als man erwachsen wurde. Denn davon handelt das Buch wesentlich. Gelebtes Leben, hingerotzte Wörter, an jeder Ecke unerhörte Begebenheiten. EIn einziger Tag ein odysseeischer Kosomos. Es gehört das Buch zur Adoleszenz-Literatur, allerdings zu der der verfickten, verkotzten und natürlich voll abgefahrenen Sorte. Solches mag manchen in seinem Urteil gewogen machen. Da wagt eine einmal etwas. Zugleich ist das Buch der Versuch, einen Vater zu finden und den Ort der Herkunft zu ergründen, ein tastendes Suchen nach Unbekanntem.

Und es ist natürlich nicht jeder Satz des Buches schlecht geschrieben, nicht überall formuliert der Schreiber, wer immer es sein mag, pubertär. Manchmal schreibt er auch altklug. Das Buch melangiert unheilvoll, und diese ersten 204 Seiten wimmeln von Klischees, schiefen Bildern, Wortmüll und -ballast, die nicht Prinzip der Konstruktion sind, sondern sich vielmehr dem Mangel schulden, eine Geschichte kompositorisch bewältigen zu können. („Geh‘ doch nach Leipzig in die Schule!“, möchte man da rufen.) Insofern ist es eben, wie Maxim Biller fabuliert, kein Buch, vor dem sich jeder, der über dreißig ist, hüten müsse.

Da ist Marcel Reich-Ranicki recht zu geben, wenn er (in anderem Kontext, nicht in bezug auf Hegemann) sagt, daß es nicht reiche, sich in die Perspektive des Kindes zu versetzten, nur um einen Vorwand zu haben, naiv und unbeholfen schreiben zu dürfen. Nein, gerade der Kinder- oder Jugendblick ist der schwierigste, die wenigsten können das, hier eine differenzierte, genaue, ja besondere Sichtweise zu entwickeln. Meist dient er als Vorwand, schludrig zu formulieren und zu komponieren.

Ach ja und was all dieses Zusammenschustern und -klauen anbelangt, wofür der Begriff des Samplings herhalten muß, das wußte schon Max Frisch, etwa in seiner Erzählung Montauk: „Lebe im Zitat.“ (Gesamtausgabe Bd. VI, S. 685) Ein Text, der jener „Neuen Subjektivität“ der 70er Jahre geschuldet ist. Damals erstrebte ein Autor das Ziel, möglichst authentisch, ja wahrhaftig zu berichten, sei es aus der Arbeitswelt, der Welt der Frau oder der inneren Welt heraus: das zu sagen, was der Fall ist. Nachdem die Identitätslogik versagte, erscheint dies nicht mehr ohne weiteres möglich. Da muß zu Konstrukten und Steigerungen Zuflucht genommen werden. Die Art, wie das geschieht, gereicht jedoch dem Buch nicht zum besten, und deshalb stimmt dort einiges nicht.

Sprachmüll schreibend aufzuhäufen, um Sprachmüll als Sprachmüll zu entlarven, mag in aufklärerischer oder provokativer Absicht geschehen, wie zuweilen bei Jelinek. Es kann aber gut passieren, daß sich in diesem Verfahren Spiegelungen einstellen und bloß weiterer Sprachmüll produziert wird. Über Hegemanns „Axolotl Roadkill“ kann man mit Fug und Recht sagen: Plattitüden pflastern ihren Weg: „‚Ich gebe kein Geld mehr für Drogen aus, die Musik nicht zum Klingen bringen.‘“ Das sind irgendwo aufgeschnappte Sätze.

Da hilft auch das dem Buch vorangestellte Motto von Pro7 „We love to entertain you“ nicht mehr viel. Wenn man nichts zu sagen hat, redet man sich auf die Unterhaltung, das Zitat und das kulturindustrielle Wesen heraus, welches man – selbstredend – persifliert. Wenn das dissozierte Ich aber von einer Welle der Signifikanten zur anderen Signifikantenwelle gleitet und surft, Theoriekost und Kotz verrührt, dann bleibt nicht viel mehr übrig als bloßes Iterieren und Speien. Dabei hätte es zu einem gutes Buch über das Erwachsenwerden geraten können, trüge der Text nicht so dicke auf. Der Wunsch, ein Ich zu sein, und die Suche, vermittelt über die abwesende Mutter, die sich umbrachte, ist ja per se kein schlechtes Thema. Ein Plot ist da.

Aber der Text ist viel zu dicht dran, und so sieht er nichts. Woran sich einmal wieder zeigt: Unmittelbarkeit nix gut, wie schon Hegel wußte. Es war aber keine Lektorin, kein Lektor vorhanden, der die Sache hätte lenken können. Wenn ein Gescheiterter über sein Scheitern schreibt, ein Suchender über sein Suchen berichtet, dann sollte er dies aus der Perspektive desjenigen tun, der einen Abstand aus der Reflexion besitzt. Durch irgend einen Trick muß man eine Barriere erzeugen, erzählerisch eine andere Position konstruieren. Clemens Meyer meisterte dies in seinem großartigen Debüt von 2006 „Als wir träumten“. Selbst Judith Hermann mit „Sommerhaus später“ traf – zunächst einmal – gut den Ton. Daß sie in die medial inszenierte Spur des deutschen Froileinwunders hineingestellt wurde (oder sich hineinstellen ließ), spricht nicht gegen ihren Text. Den selten dämlichen Begriff des Fräuleinwunders haben nicht die Schriftstellerinnen geprägt, wenngleich sie ihm auch nicht oder nur zaghaft widersprachen. Was die Oberflächlichkeit und das Vorgestanzte der Sprache betrifft, so ist Judith Hermann gegen Hegemann aber ein Gold.

Es gibt so viele gute und lesenswerte Debüts. Dieses Buch von Hegemannn gehört definitiv nicht dazu. Es lohnt nicht einmal, sich darüber an einzelnen Textstellen lustig zu machen.

So, zum Schluß: Und wie sonst selten, stehen wir da: besoffen. Die Hose auf und keine Frage bleibt offen.

Und wer als junger Mensch gerne liest und ein Buch über junge Menschen lesen möchte, das mehr ist als eine Aneinanderreihung von Abgefucktheit, und wer auf der nächsten wilden Party ein wenig glänzen will, und zwar nicht durch ausgefallene Drogen oder merkwürdige Tiere (ja, liebe Leserin, lieber Leser, Sie ahnen, was kommt und was man nicht machen soll, weil uncool), der nennt natürlich keinesfalls den Namen Hegemann, denn um als wirklicher Kenner sich zu erweisen, wirkt dies eher schädlich, sondern sie oder er werden, wie nebenbei, den Namen Denton Welch in sich hineinnuscheln, wenn es um Literatur zur Adoleszenz geht. So zum Beispiel nuschele man das Buch „In Youth is Pleasure“.

Charlotte Hegemann – die Erste. Oder: Give a fuck to my popkulturelle Pastiche

Also gut, ich muß einmal wieder etwas zugeben, schweren Herzens, aber ich habe es getan; nein: nicht abgeschrieben, abgetrieben, abgerieben, sondern ich ging in die Kaufhalle und habe ein Buch erstanden, und zwar das von Charlotte Hegemann. Ja, dirty fuckin‘ fotzenkotz, 14 Euro suchmichmal packte ich im Thalia-Buchshop auf den mittelbraunen Hartholz-Tresen. Hylemorphismus, sagte ich mir, das Buch in der Hand langsam hin und her bewegend, das Buch, welches mich verwandeln und mich wieder zu einem jungen Menschen machen würde.

Nein, ich bin nicht zu meinem vertrauten Buchmenschen, zu meinen Lieblingsdealer gegangen, der gute Bücher, Ritalin und sonstwas für mich bereithält, burn out the hell, sondern zu einem gestylten, innerlich jedoch schäbigen Buchdiskaunter wo mich kein Mensch kennt, ein Mann in der Menge sozusagen, anonymisiert, der von den Waren geschluckt wird, gehüllt in meinen dunklen Mantel, das Gesicht etwas zur Erde geneigt. Hier kennt Dich keiner, sagte ich mir, hier bist du der Fremde. Am Ende der Verkaufstransaktion fand ich Thalia-Filialen gar nicht mehr so schlecht.

Nicht auszudenken jedoch, der Blick meines Buchdealers, wenn ich da gekauft und gesprochen hätte „Einmal Axolotl Roadkill, bitte!“ „Wir führen keine Splatter-Filme.“ „Nein, kein Film, den neuen Bestseller von Ullstein, den kennen sie doch, das ist überall im Gespräch, sogar die ‚Zeit‘ hat dem Plagiatsfall Hegemann zwei ganze Seiten gewidmet“ „Nein, kenne ich nicht.“ Konsequent, konsequent, dachte ich anerkennend.

Ach, ich könnte diese wunderbaren Verkaufsgespräche, die ich so sehr liebe, unendlich in die Länge ziehen und weiterführen bis zum Ausverkauf; es steckt in mir eben so eine richtige Krämer-Badoni-Seele. Doch möchte ich meine Leser nicht langweilen mit Dingen, die nicht dazugehören, sondern sogleich in die Sache selbst hineingehen.

Was soll ich sagen, was nur schreiben? Viel der Vorurteile, der Verurteilungen, der Lorbeeren sind vergeben worden, manches sprach einer aus. Was kann ein kleiner Blogger da noch hinzufügen? Die eintausendeinste Literaturkritik zu schreiben, erscheint mir langweilig; für eine literaturtheoretische Analyse, die Bezüge aufzeigt, dekonstruiert, dialektisch dechiffriert oder die Sinnhorizonte freilegt, ist meine Zeit zu knapp bemessen, der Raum nicht vorhanden und das Buch so wichtig nicht, als daß ich mich verschwendete.

Okay, sagte ich bei mir, zu ertragen ist die Angelegenheit nur, wenn du dich an dem Text entlangschreibst: du liest ein paar Seiten von Hegemann, bis es dir zu langweilig wird, dann schreibst du ein paar Zeilen, damit du vergessen kannst, was du gerade lasest. So ließe die Lektüre sich durchhalten. Aber ach, Sicherheit ist nirgends, und ich kann nicht einmal versprechen, daß ich diese Experiment wirklich durchstehe und nicht irgendwann abbreche. Baut also nicht auf mich, liebe Leser, gut kann es sein, daß ich mit Walter Benjamin weitermache, und es folgt ein Text zum dialektischen Bild und zur Ware. Da hacke ich die Hegemann dann ab, wenn es mir zu bunt wird mit dem Buch.

Ich mach das deshalb mal so, daß ich den Text lese, diesen oder jenen Aspekt aufgreife, stellenweise zitiere, mich über Passagen lustig mache oder auch lobe, wo Gelungenes steht; mich am Pubertären delektierend. Nichts schöner als die erste Periode. Und Sie, geliebte einzige Leserin, lieber Leser dürfen mir bei meiner Lesung zusehen, ja mir fast über die Schulter auf den antiken Schreibtisch schauen, wo die gerade benötigten Bücher und die kostbaren Schreibwerkzeuge liegen; diese Insignien meiner Macht.

Die Plagiatsdebatte lassen wir bei dieser Lektüre von Hegemanns Buch einmal beiseite: das eine ist mein Plagiat, das andere mein signifikantives Nicht-Ich, warum auch nicht? Sondern ich möchte mich mit dem Text beschäftigen. Ein kurzes Nachwort aber noch zu denen, die zur Erklärung beständig die guten mittelalterlichen Mönche im Munde führen: das waren Wesen ohne Namen, die schrieben und abschrieben, so wie heute unsere Kopiergeräte, die genausowenig Namen tragen, zumindest keine Eigennamen. Lediglich Warennamen führen die Maschinen. Dies im Unterschied zu Helene-Charlotte Hegemann, die sehr wohl und anders als die vielfach genannten mittelalterlichen Mönche, mit ihrem guten Namen spazieren geht.

Ein zweites noch zum Plagiat: Literatur ist keine Seminararbeit oder eine Dissertation, natürlich kann man in der Belletristik (auch ohne Nachweis) zitieren, anzitieren, herbeizitieren. Viele arbeiteten und arbeiten so. Den schalen Beigeschmack, welchen das medial aufgebrezelte Phänomen Hegemann jedoch hinterläßt, habe ich bereits an anderer Stelle kritisiert.

Ich schreibe das besser zuerst, bevor jemand schreit: Aber der Auftaktabsatz des Buches ist nicht so schlecht, wenn man einmal den letzten Satz dieses Absatzes ausnimmt. Der ist dann wieder schlecht. Und so bewegt sich die Lektüre über die ersten Seiten mit gemischten Gedanken hin und her. Klar, da ist das vielgenannte Sampling, das Anzitieren; vor allem gehört dieses Buch zu dem von mir am meisten verachteten gesellschaftlichen Phänomen namens „Pop“. Wenn ich wählen könnte zwischen dem Leben im Wilhelminischen Kaiserreich und dem Dasein in einer Popgesellschaft, dann möchte ich monarchisch leben.

Na ja, an Sätzen wie diesem (von mir erfunden) kann sich der Leser ein Bild machen, wie das Buch aufgebaut und strukturiert ist. Ich fremdele ja nicht einmal mit dieser Ironie und Lakonie. Ob‘s aber für ein Buch reicht? Stellenweise ist das Überteibungs- und Szenegerede lustig, oft jedoch nervt es gehörig.

„Ich bin wild aufgewachsen und ich will wild bleiben. Es ist drei Uhr nachts und mein kaputtgefeierter Körper sitzt zu Tode in seiner Opferrolle versunken in einem Taxi.“ (S. 23) Der Satz ist so schlecht nicht, weil er eine Geschichte in den Zusammenhang bringt, wenngleich ich die Marketingabteilung von Ullstein immerzu im Hinterkopf habe, die dabei mitwirkt. Aber: „Ich finde meine dissoziative Identitätsstörung interessanter als alles, was diese Stadt mir ununterbrochen ins Gesicht kotzt“ (S. 24) Der Slang ist zu dicke aufgetragen; Theorien nennen, Marken nennen, Bands nennen, Musikstile kennen. Und immer an den Leser denken. Schön wenn jemand seine Plattensammlung nach außen trägt: Musik ist, was den Geschmack und die Lebenskunst betrifft, ein einschneidendes und entscheidendes Distinktionsmerkmal zwischen Kack-Spack und Eingeweihtem, sozusagen das Hypokeimenon des popkulturellen Spaltungssubjektes.

„Aus Hackepeter wird Kacke später“ (Kurt Krömer)

In der Literatur kann, aber muß solches nicht immer der Fall sein. Daß alles mit allem verwurstet, alles mit allem in Verbindung gebracht werden kann, – modernes Prinzip nebenbei, man denke an den bekannten Satz von Lautréamont – daß Korrespondenzen (siehe hierzu etwa Baudelaires gleichnamiges Gedicht und natürlich Benjamin) erzeugt werden müssen, dies betont der Text ja gleich zum Anfang; mit Arnold Schwarzeneggers Werbespruch, seinerzeit für Energie, kann man da nur sagen „Mix it, baby!“:

‚Berlin is here to mix everything with everything, Alter!‘

‚Ist das von Dir?‘

‚Berlin is here to mix everything with everything, Alter? Ich bediene mich überall, wo ich Inspiration finde und beflügelt werde, Mifti. Filme, Musik, Bücher, Gemälde, Wurstlyrik, Fotos, Gespräche, Träume …‘

‚Straßenschilder, Wolken …‘

‚Licht und Schatten, genau, weil meine Arbeit und mein Diebstahl authentisch werden, sobald etwas meine Seele berührt. Es ist egal, woher ich die Dinge nehme, wichtig ist, wohin ich sie trage.‘

‚Es ist also nicht von dir?‘

‚Nein. Von so ‘nem Blogger‘ (S. 15)

Natürlich ist die Figurenrede nicht das Sprechen der Autorin, beides setzt der des Lesens Geübte nicht in eins und verwechselt das eine nicht mit dem anderen. Es deutet sich in dieser Passage zumindest ein Prinzip nicht nur von literarischer Konstruktion, sondern zugleich auch von Lebensart an, das die Protagonistin des Buches führt bzw. zwangsläufig führen muß. Diese Frau wird Beethovens späte Streichquartette nicht als Form des adäquaten Protests begreifen können; es reicht als Ausdrucksform lediglich zu L7 hin.

Nein, wir kommen bei diesem Buch am Pop nicht vorbei, eine Umgehungsstraße läßt sich nicht befahren, eine Umleitung existiert nicht. Und selbst so geschätzte Dichter wie Brinkmann partizipierten am Pop, wollten Pop in die Literatur tragen, von Rainald Goetz ganz zu schweigen, dem das Buch sicherlich einiges verdankt und dessen letzter Satz seines Buches „Rave“ in eben jenem Bekenntnis mündete: „Nein, wir hören nicht auf, so zu leben.“

Die Sowjetische Kommandantur Berlin-Karlshorst muß sich mit jenem monotonen „Yeah, Yeah, Yeah“ befassen, das die populäre Musik in Variationen darbringt, sie läßt den Pop an sich heran. Da haben wir uns jahrelang über Adorno gebeugt, gerudert mit den wachsverschlossenen Ohren im Steinbruch des Herren, während andere am Mast gefesselt dem Gesang lauschten. Und nun dieses. Aber es ist wie es ist: Am popkulturellen Wesen soll die ganze Welt genesen.

Ende der ersten Lektüre.

Vadderns Tochter, Helene Hegemann, sowie die postmoderne Moderne und das Plagiat

Ob das Buch der Tochter vom Dramaturgen und Professor für Dramaturgie Carl-Georg Hegemann gut ist, das weiß ich nicht, es steht hier nicht zur Debatte, es interessiert mich nicht sonderlich, weil die meisten Texte von 15- oder 17jährigen in der Regel ästhetisch mißlungen sind, geschuldet auch ihrer mangelnden Bildung und ihres noch völlig unzureichenden, kaum zusammenhängenden Wissens. Glücklicherweise schrieb dieses Buch jedoch die Marketingabteilung von Ullstein. Aufgrund ihrer signifikanten Dürftigkeit lasse ich meist die Finger von solchen Texten, denn die Lesezeit ist knapp, es kann und soll nicht alles gelesen werden. Ich halte mich mittlerweile lieber an die sogenannten Klassiker der Moderne und der Vormoderne, weil die literarische Gegenwart ausgesprochen öde ist. Rimbauds gibt‘s halt nicht im Sixpack und in der Auslage. Insofern ist es für die Kritik in diesem Blog auch egal, ob das Buch „Axolotl Roadkill“ gelungen oder ästhetisch gescheitert ist. Wer mit 16 schreibt, mag bereits einiges erlebt haben oder nicht. Gereift ist es nimmer. Ohne „Axolotl Roadkill“ gelesen zu haben, wette ich darauf, daß es ohne den Namen der jungen Frau nicht einmal auf dem Schreibtisch des Lektors gelandet wäre, selbst bis zum Papierkorb desselben dränge es nicht vor, weil eine freundliche Hilfskraft es vorzeitig aussortierte.

Doch von Zeit zu Zeit taucht solche Jugendliteratur immer einmal wieder auf: Ob Irina Denezkina, Alexa Henning von Lange (wer war das nochmal?) oder Nick McDonell, in Phasen preßt das hervor; die (eigentlich bekannten) Gründe nenne ich gleich. Die Feuilletons loben das Buch von Helene Hegemann sehr. Vielleicht ist etwas dran. Da verhält es sich wie mit den Büchern von Daniel Kehlmann: man nimmt es sich vor: die müßte man mal lesen. Und doch ereignet sich der unendliche Aufschub.

Ja, diese jungen wilden Jahre und die Literatur, die das aufschreibt: Natürlich gehören diese Feuchtgebiete, die Irrungen, Wirrungen und die Gelage zur lang anhaltenden, absichtsvoll hinausgezögerten Pubertät: Wer‘s in der Schulzeit nicht hatte und – verlängert – in die Studienzeit hinein, der ist womöglich arm dran, dem fehlt etwas: fette Partys, feuchte Pussy, fiese Drogen, ich habe das ja ausgiebig in meinem Erzählungsband „Dicke Geier hat der Eier“ verarbeitet.

Im Grunde handelt es sich bei solchen Büchern wie von Hegemann et al. jedoch um Literatur aus der Retorte, die bewußt für den Markt produziert wird, weshalb die Analogie zum Musikvideo nicht falsch ist: Bedürfniserzeugung, Bewußtseinsindustrie, Vorgefertigtes, Tütensuppenliteratur. Das vermeintlich Innovative ist das Allzubekannte. Die verschiedenen Medien inszenieren einen Strom der Kommunikation; Skandälchen und Provokation werden in diesen Strom eingespeist, der zunächst einige Zeit fließt; es gereicht zum (nicht nur finanziellen) Wohle aller, bis die Sache versiegt oder platzt. Die Namen verschwinden sodann in der Versenkung oder kommen irgendwo in einer Talkshow, im Feuilleton, am Theater unter.

Ja, es existieren Designer-Drogen, warum nicht auch designte Literatur? Mit Projekten wie „Crazy“ und dem deutschen Froileinwunder in der Literatur der 90er fing es an, daß die Marketingabteilungen der Verlage Planwirtschaft vorlegten. (Vielleicht auch schon früher, ich habe es vergessen. In den 80ern war die Kritik ja vom Erstlingswerk des 23jährigen Michael Chabon sehr begeistert.) Dieses In-Szene-Setzen läßt sich sodann beliebig steigern, Papa, Förderer oder der großen Ranschmeiße sei Dank. Auch der Hype und der Verriß gehören zu solchen inszenierten Projekten. Ich selber mache da ja bereits mit, weil ich darüber schreibe, mich darüber auslasse; Schweigen wäre im allgemeinen Gebrabbel und im weißen Rauschen der Medien besser. Besser weitermachen im Text mit Benjamin und Adorno, dem dialektischen Bild, der Phantasmagorie, einem neuen Aufsatz zur Postmoderne.

Es geht, wie gesagt, gar nicht so sehr darum, ob der Roman gut oder schlecht ist; es spielen ästhetische Kriterien in der Bewertung der Causa Hegemann zunächst eine untergeordnete Rolle. Auch das Thema Plagiat: das sei hingenommen, wenn es hier nur um ein zwei Sätze ginge. Natürlich gibt es nicht das Original, geschenkt und gewußt, es sind die Übergänge von „Original“ und Umschrift sehr fließend. Schlimm ist daran aber, und hier fasse ich die sehr guten Beobachtungen, die Hartmut zu diesem Thema auf „Kritik und Kunst“ unter dem Titel „Plagiat und Postmoderne“ anstellte, zusammen: daß es nämlich nicht angehen kann, sich einerseits (als Subjekt) medial derart zu spreizen, die geballte Ladung „Personality“ und Monetäres in Anspruch zu nehmen, und wenn einer es dann an der Person festmachen möchte, wird, wie etwa in dem grottenschlechten Artikel auf SpOn von Daniel Haas, die lange Nase gezeigt: Es ist ja alles nur ein textuelles Spiel, das gehört doch dazu. Was erregt ihr euch so sehr?

Obwohl Hartmut und ich einiges, was die Postmoderne betrifft, wohl unterschiedlich betrachten und bewerten, muß ich den Sätzen Hartmuts zustimmen, kann es selber gar nicht anders und besser formulieren, als er es in seinem Blog macht. Und weil mir diese Ausführungen zu einem Begriff vom Subjekt, das sehr wohl für Dinge verantwortlich ist, so gut gefallen, zitiere ich sie einfach mal. Diese Ausführungen Hartmuts treffen die Sache exakt: Wenn ich mich als geniale 17jährige hype und hypen lasse, da bin ich mit meinem guten Namen als Subjekt (selbstverständlich, comme il foucault, dissoziiert) präsent; wenn ich das nicht will, muß ich dieses Spiel abbrechen. Da zieht jedoch eine Frau die Wunderkindnummer durch – wenn auch sich kalkuliert sträubend, medial den Widerwillen bekundend, das gehört ja zum Geschäft – und macht hinterher, wenn die Dinge schlecht laufen, auf unschuldiges Kindchenschema-Gesicht: „Ach, böse, böse, das hätte ich nicht tun dürfen. Da war wohl eines meiner zahlreichen Ichs total gedankenlos und egoistisch. Upps.“

Nein, so geht es eben nicht, so läuft das nicht. Völlig richtig schreibt Hartmut auf „Kritik und Kunst“:

„Ob nun – ohne dass ich das ineins setzen will – Sascha Anderson jahrelang Stasi-Tätigkeit ausübte oder Helene Hegemann bloß ein bißchen abgekliert hat – es ist eigentlich immer das Gleiche: Schriftsteller, die sich zu Stars haben ausrufen lassen, die die sehr wohl personengebundenen Zuschreibungen der Szene, zusamt der materiellen Vorteile, die sich daraus meist ergeben, genossen haben, entdecken ausgemacht dann postmoderne Texttheorien, entdecken ausgemacht dann die Destruktion von Subjekt- und Wahrheits-Begriff, wenn sie beim Mogeln erwischt werden. Und da wirds dann ranzig. Denn man merkt die Absicht und ist verstimmt. Solange es gut fürs Geschaftl ist, werden die Gesetzlichkeiten – das ist jetzt auch und gerade juristisch zu verstehen! – der Bürgerlichen Gesellschaft stillschweigend abgenickt – Eigentum, Talk-Show-Auftritt, ICH bin der Autor…und wenn die Sach´ scheep gangen iss, wird das Hohelied Foucaults gesungen. Sorry, aber das ist mir, im Modus des Bürgerlichen betrachtet (das Künstlerische spielt jetzt mal keine Rolle!) zu verlogen, zu verkommen. Foucault hat, als Monsieur Delacampagne, bekanntlich einmal den Vorschlag unterbreitet, alle Autoren sollten ein Jahr lang ohne Namen veröffentlichen. Hätte Helene Hegemann ihre Anzitationen und Brechungen als Melissa Meiners oder gar anonym veröffentlicht – alles wäre in Ordnung gewesen.“

Genau so ist es. Wir fügen kein Jota hinzu.

„Das hier ist es: Postmodern schwatzen, identitätsphilosophisch abkassieren – das ist es, was mich so anwidert. leute, die daran glauben, dass es so etwas wie Wahrheit letztlich nicht gibt, dürften (was soll der Konjunktiv?) eigentlich keine Unterlasungserklärungen verschicken…“

Wie gesagt, ich teile Hartmuts Positionen zur Postmoderne nicht überall, aber das, was in der Causa Hegemann geschieht und dazu ein solcher Artikel wie der von Haas, das ist einfach nur eine bittere Lachnummer und Ärgernis in einem.

Man lese auf SpOn das hier:

„Wenn dann aber die Risiken eines solchen, nicht mehr selbstherrlich auf Individualität und Originalität pochenden Schreibens deutlich werden, dann fängt das Gezeter an. Es scheint für viele, auch für das Feuilleton, eine große Kränkung darin zu liegen, dass die für gut befundene literarische Provokation eine genuin postmoderne, das heißt aus Versatzstücken montierte ist.“

So, so; und es ertappt sich der Schreiber dieser Zeilen auf SpOn nicht beim heimlichen In-sich-Hinein-Prusten? Man fragt sich, welches Ich da gerade schreibt: das, was nicht alle an der Muschel hat oder das, welches gerade mit dem Versuch kämpft, den Poststrukturalismus adäquat zu verstehen und darin grandios scheitert? Man weiß es nicht, man wird es nicht erfahren, wo der Has im Pfeffer liegt. Und so geht das fröhlich weiter im Text. Da werden Foucault, der Tode des Autors, das sogenannte Intertextuelle verwurstelt und zerhackt, daß es weh tut.

Was mich an dieser Debatte und diesen trüben Theorie-Gestalten wie Haas so stört, das sind ihre zwei auf der Party angelesenen Zeilen Barthes und Foucault, weshalb ich hier noch einmal auf einen Text von Jens Balzer aus der „Berliner Zeitung“ verweisen möchte, den ich mir an anderer Stelle anläßlich von zehn Jahren „Tristesse Royale“ erlaubte zu zitieren:

„Auch lag auf dem Kaffeetisch in seinem Zimmer dekorativ ‚Die Ordnung der Dinge‘ drapiert. Nach dem Zustand des Buches zu urteilen, hatte Joachim darin noch keine einzige Zeile gelesen. Aber er wusste immerhin aus Gesprächen, dass es darin um eine ‚Absage an den alten Subjektbegriff‘ ging. Dessen intellektuelle Kritik schien ihm die passende Ergänzung zu seinen zuletzt gesammelten Schallplatten zu sein …“

Daß Foucault (und im Grunde auch Roland Barthes) für diese völlig falsch verstandene Dekonstruktion des Autors herhalten müssen, ist mehr als ärgerlich, weil durch solches Verschwurbeln und Verwursten ein interessanter Philosoph banalisiert und aufs Niveau von SpOn bzw. von Daniel Haas heruntergezogen wird. Warum läßt man nicht einen Redakteur schreiben, der dieses Gebiet der Literaturtheorie in einem Studium bearbeitet hat und dem ein paar wesentliche Unterscheidungen geläufig sind?

Und Allgemeingut sollte natürlich sowieso sein, daß dieser Begriff eines vielfältigen, gespaltenen, dekomponierten, fragmentierten Subjekts sowie der erweiterte Textbegriff ein wesentlicher Bestandteil der literarischen Moderne sind, welche seit über 100 Jahren in vielfachen Konstellationen durchgespielt wurden: Man denke an Bachmanns fragmentierte Subjekte im Todesarten-Zyklus, jene Frau, die in der Mauer verschwand, oder an Max Frischs ersten Satz aus dem Stiller, oder man erinnere den Titel „Mein Name sei Gantenbein“. Und auch in der frühen Moderne finden sich zahlreiche Texte: man lese Hofmannsthals Chandos-Brief, man gehe von Benn über Kafka zu Joyce und Proust zurück zu Rimbaud. Das ist doch alles nicht neu und nicht erst mit Foucault auf dem Markt: Wer hat‘s erfunden? Nein, nicht Ricola und die Schweizer, das reicht bis in die Romantik zurück. Hartmut hat das ja alles genannt.

Aber das eine ist Kompositionstechnik wie bei Joyce, Proust, Dos Passos, dem leicht überschätzten Burroughs oder Döblins „Alexanderplatz“ (Adorno mochte dieses Buch nicht, nebenbei gesprochen), das andere sind Personen, die (längere Passagen) fast wortwörtlich abschreiben. Das eine ist Referenz auf das, was ist und was uns als Wirklichkeit dargeboten wird (Herr Haas bezieht sein Salär ja nicht virtuell-textuell-aufgelöst, sondern hält es nach dem Gang zum EC-Automaten in den fröhlichen Händen, auch wenn man nicht weiß, wofür.) Das andere ist das Leben des Textes. Wenn Frau Hegemann also als die Frau mit der Maske und ohne Namen, vielleicht als Mme Foucault, auf der Bühne aufkreuzte, nicht einmal der Verlag wüßte, wer sie ist, die Sache stünde anders. Sie hat sich jedoch ganz bewußt als Frau Hegemann positioniert, da wird sie dann mit ihren 17 Jahren auch die Suppe auslöffeln und mit dem Namen des Autors oder dem „nom du père“ herhalten müssen.

Was schreibt „Kritik und Kunst“: „Sollte eine 16,17jährige von den Mechanismen des Markts überrollt worden sein: Geschenkt! Sollte es – Stichworte: Ullstein, Papi, Privilegien – hier aber Unklarheiten geben, dann immer gib ihr Kante! Da bin ich dann Schwein. Da möge der Name Helene Hegemann wieder und wieder mit dem Namen Forestier vergoogelt werden, bis die Suppe dick ist.“

Nun, Frau Hegemann tut mir einerseits leid. Denn bei all ihrer vermeintlichen Abgebrühtheit und Hipnes muß man sie im Grunde vor sich selber schützen, denn sie ist gerade einmal 17, demnächst 18 Jahre alt. Schade auch, wenn ein eigentlich in diesem Betrieb erfahrener Vater seiner Sorgfaltspflicht nicht nachkommt. Andererseits: Was soll‘s? und wohl bekommt‘s: Postmodernism can be so hard (boiled). Doch wer weiß schon was?: Vielleicht gehört genauso dieses Stück Plagiatsgeschichte als hübsche Inszenierung dazu; immerhin war Vaddern ja beim Theater tätig, da weiß er als geschulter Dramaturg sicherlich, worauf es wirkungsästhetisch ankommt. Lassen wir uns überraschen.

PS und als Nachtrag: Wer einmal schöne bestsellerreife Satzproduktionen aus der Klischee-Küche lesen möchte, den verweise ich umgehend auf „Kritik und Kunst“: Fast wie bei Raymond Queneaus Gedichtbuch, wo man sich selber aus Papier-Bauteilen ein beliebiges Gedicht machen kann, bietet Hartmut die wunderbarsten Phrasen der Beliebigkeit frei Haus zum Gebrauch. In der Tat: diese Sätze von Hegemann, die auf dem Blog „Gefühlskonserve“ zitiert werden, sind billige Ficki-Ficki-Kotzi-Kotzi-Prosa.

Wann kommt eigentlich das kalkuliert provokative Konzentrationslager-Sex-Buch: „Ich fickte den Karl Fucktor“? Ullstein übernehmen Sie.