Donald McCullin

Ich möchte eine Ausstellung ankündigen und jeden nach Berlin ins c/o Berlin respektive in das ehemalige Postfuhramt in der Oranienburger Straße einladen, nein geradezu hineintreiben und sei der Weg noch so weit, damit diese Bilder gesehen werden. Unüblich ist es allerdings, eine Ausstellung zu bewerben, die vom Rezensenten noch gar nicht besucht wurde: jedoch: es gibt die Bilder eines großen Photographen des 20. Jahrhunderts zu sehen, und zwar die von Donald McCullin. Grund genug also, eine Vorschau zu schreiben, Grund genug, sich dieses Ereignis nicht entgehen zu lassen.

Wenn wir die Legende oder auch diese Wahrheit einmal fortlassen, in seiner Nikon steckte eine Kugel, so bleibt, daß McCullin nicht nur einer der Kriegsphotographen neben Robert Capa ist, die das Maß für Bildästhetik in Zeiten des Krieges setzten, sondern daß ihm genauso der Blick ins Gesicht des Kapitalismus zu Friedenszeiten glückte: jenes Antlitz jenseits der Konsum-, Pop- und Glückswelten. Seine Bilder aus dem England der 70er Jahr sind eine brutale Sozialreportage: man glaubt sich in einem Roman von Charles Dickens. Eine Mutter mit Kinderwagen in einer grauen Landschaft, vor Fabrikschloten. Menschen in einem Strip-Lokal, die einer Frau auf den Arsch schauen. Obdachlose, Szenen aus den Arbeiterbezirken in Bradford. Schnell können solche Bilder zum Sozialkitsch geraten: eitle Selbstreferenz des Sozialen oder schlechter Agitpropschrott (es gibt auch guten Agitpropschrott). Oder aber es dient der Blick in die Verwerfungen als wohliger Grusel wie dies etwa bei den radikalen Photographien Miron Zownirs geschieht: das Groteske als Selbstzweck. Bei McCullin hingegen funktioniert die Bildästhetik trotz der Unmittelbarkeit und der Drastik: es sind nur einige wenige Zutaten, die das Bild wirken lassen: ein richtiger Blickwinkel, der passende Augenblick in dem genau dieser eine Gesichtsausdruck eingefangen wurde, das richtige Licht und die Nacharbeit im Labor. Mehr braucht es nicht.

Bei den Kriegseinsätzen bleibt da sicherlich weniger Zeit, um über Komposition und Bildaufbau nachzudenken. Aber das braucht ein guter Photograph nicht, denn er hat so etwas im Blut; weiß, instinktiv sozusagen, wann der Auslöser gedruckt werden will. Und McCullin ist einer von denen, die‘s können. Manche Kriegsphotographie wirkt wie inszeniert, als hätte McCullin das Szenario angeordnet und gestellt: so etwa jenes Bild aus dem Vietnamkrieg, auf dem die Sanitäter einen sterbenden Marine versorgen, versuchen, ihn ins „Leben“ zurückzuholen oder, eines der bekannteren Bilder von McCullin, jene vorstürmendenen mit Schildern, Helmen, Sturmgewehren und Tränengas bewaffneten britischen Polizisten in Londonderry während des Nordirlandkonflikts, ganz rechts im Bild jene erschrockene Frau im Türrahmen, den Mund zum Schrei geöffnet. Ästhetik des Krieges. Diese Bilder sind mehr als bloßes journalistisches Beiwerk für die Tageszeitung, und es ist dies nicht der Blick durchs Schlüsselloch, sondern der in die Realität und in das Grauen, das als (photographischer) Ausschnitt gezeigt wird.

Schrecken und Grausiges gibt es auf diesen Photos viel zu sehen. So hat Mc Cullin fast alle Kriegsschauplätze bereist – von Vietnam über Zypern bis zu den Falkland-Inseln – kam jedoch, anders als sein Kollege Capa, unbeschadet dort wieder heraus. Wie einer diese Reise ins Herz der Finsternis am Ende durchsteht, vermag wohl keiner zu sagen, der nicht selber dabeigewesen ist und als Kriegsphotograph arbeitete. Einzig die in eine Photographie gebannten Resultate, die aus der Katastrophe herausgebracht wurden, lassen sich betrachten und beurteilen: Die „Ästhetik des Schreckens“, wie ein Buchtitel von Karl Heinz Bohrer heißt. Also mein Rat: hingehen ins Postfuhramt zu Berlin.