„Ins Ungebundene gehet eine Sehnsucht …“ – Was aber bleibt, ist das Versiegen: Friedrich Hölderlin zum 170. Todestag

Es gibt – nach Heideggers Diktum – die Seinsvergessenheit, und es gibt die Todestagsvergessenheit, die Jahrestagevergessenheit, die Geburtstagsvergeßlichkeit und vieles mehr, was vergessen (oder verdrängt) werden kann. Für diese Posten des Vergessens und Verdrängens, für alle die Sendungen, die nicht und nie ankommen, mag eine andere Disziplin als die Ästhetik zuständig sein. Ich muß es zugeben: ich habe es verpatzt, verhauen, versemmelt und vergeigt: ich vergaß den 170. Todestag von Friedrich Hölderlin am 7.6.1843. Ich kam erst gestern durch den Blog „Notizen aus der Unterwelt“ darauf, weil dort jenes große Gedicht von Hölderlin, seine Hymne „Der Rhein“ dargeboten wurde.

Hölderlin bleibt der wohl wirkungsmächtigste der Deutschen Dichter – bis in die Gegenwart hinein. Dem Geist der Goethezeit war er verhaftet, und doch ragte er weit darüber hinaus. Die Philosophie Rousseaus und Fichtes prägten sein Denken, und anders als Kleist verzweifelte er nicht am Kantischen Dualismus zwischen Sinnlichem und Begrifflichem, Empirischem und Transzendentalen (nicht: dem Transzendenten. Nein, nein und nochmals nein!), Freiheit und Notwendigkeit, empirischem und intelligiblem Charakter – allesamt Begriffe, die seine Dichtung tragen werden. In seinen jungen Jahren zusammen mit Schelling und Hegel im Tübinger-Stift lernend, lebend, feiernd, Alkoholisches trinkend, pflanzten sie zum Jahrestag der Französischen Revolution einen Freiheitsbaum. So zumindest geht die Legende. Und wenn ich am Abend weiter meinen Riesling trinke und bei der zweiten Flasche angelangt bin, dann spinne ich im Akt der Über-Poetisierung diese Legenden gerne weiter. Denn – Pan-Ästhetizismus des Geistes – spätestens seit dem „Ältesten Systemprogramm des Deutschen Idealismus von 1797“ (dessen Verfasser freilich nach dem Stand der Forschung eher Hegel und nicht Hölderlin ist) müssen die Ideen ästhetisch werden und die Vernunft ästhetisch sich transformieren und auf diese Weise wirken, damit sie zur Entäußerung gelangen und wirksam werden:

„Ich bin nun überzeugt, daß der höchste Akt der Vernunft, der, indem sie alle Ideen umfaßt, ein ästhetischer Akt ist, und daß Wahrheit und Güte, nun in der Schönheit verschwistert sind – Der Philosoph muß eben so viel ästhetische Kraft besizen, als der Dichter. Die Menschen ohne ästhetischen Sinn sind unsere BuchstabenPhilosophen. Die Philosophie des Geistes ist eine ästhetische Philosophie.“

Daß diese Zeilen wesentlich wohl von Hegel stammen, trübt sie nicht, da Hölderlin, Hegel und Schelling in jenen Tübinger Jahren rege die Gedanken ihrer Zeit austauschten. Es kann diese Passage durchaus als Produkt und Anfangsprojekt gemeinsamen Denkens, Dichtens und Philosophierens  gelesen werden, wie es sich in einer Gemeinschaft von Philosophen (oder auch Philosophinnen) entwickelt. In diesem frühen Dokument nehmen einerseits die Mythologie der Vernunft sowie andererseits die Selbstverständigung jener Vernunft als Akt der Aufklärung und  im Sinne eines Anerkennungsverhältnisses des Anderen als umfassendes Projekt der Moderne ihren Ausgang. Dieses Konzept einer ästhetisch verstandenen (und damit auf die Sinnlichkeit abzielenden) Vernunft umfaßt die Perspektivierung hin auf eine freiheitlich-bürgerliche Gesellschaft, wie sie später in der Hegelschen Philosophie sich entfalten sollte und gleichzeitig auch in die Kritik genommen wurde. Doch dieser Gesellschaft des Bürgers als Anerkennungsverhältnis einer Vertragspartnerschaft stand Hölderlin mehr als skeptisch gegenüber. Und erst recht war ihm die Moral des Bourgeois fremd. Von den drei Bewohnern des Tübinger Stiftes kann man im Sinne der (aufgeschobenen und vermittelten) Tathandlung Hölderlin wohl als den revolutionärsten der drei Freunde bezeichnen. Die Lektüre des „Hyperion“ bereits zeigt dies. Und in seiner Dichtung, so überspitze ich ein wenig, kommt die Hegelsche Philosophie samt dem Denken des Absoluten wahrhaftig zu sich selbst.

Zugleich reicht das Programm einer ästhetisch-revolutionären Vernunft hin bis zu den deutschen Romantikern, wo es (teils zumindest) um eine Perspektive der (neuen) Mythologie geht: im Akt des Poetisierens erzeugt sich das Ästhetischwerden der Vernunft als eine Form von „absoluter Literatur“. Freilich: von dieser philosophischen Romantik Schlegels und Novalis‘ unterschied sich Hölderlins Text meilenweit, weil sich in ihm mit der Autonomie der Kunst immer auch eine Perspektivierung hin auf den rettenden Eingriff, auf ein historisches Kairos als Schicksal und Überwindung einer Geschichte verband, die dem Konzept freier Menschen entgegenstand. Freilich war dieser Aspekt des Politischen derart in der Dichtung eingewoben und verborgen, daß es fast ein Jahrhundert dauerte, bis in der Hölderlinlektüre von Georg Lukács diese geschichtsphilosophische Dimension Hölderlinscher Poetik freigelegt wurde. Noch in einem so kleinen Gedicht wie dem „Winkel zu Hardt“ zeigt sich die Verschlungenheit von ästhetischer Form als Rhythmus der Sprache und geschichtlichem Gehalt als eine Weise von Einmaligkeit eines besonderen Ereignisses und Wiederholung innerhalb der Geschichte:

Hinunter sinket der Wald,
Und Knospen ähnlich, hängen
Einwärts die Blätter, denen
Blüht unten auf ein Grund,
Nicht gar unmündig.

Da nämlich ist Ulrich
Gegangen; oft sinnt, über den Fußtritt,
Ein groß Schicksal
Bereit, an übrigem Orte.

Der Gehalt Hölderlinscher Lyrik ist vielfältig, seine Sprache eine solche, die in ihrem Takt das Griechische in die Mimesis nimmt. Fremd, verstörend, parataktisch, fast zerrüttet und in die harte Fügung gebracht die Syntax, und die Semantik vieldeutig bis rätselhaft-undeutbar. Und so kam Hölderlin ab Mitte des 19. Jahrhunderts als Dichter fast in die Vergessenheit, stand im Schatten der Heroen aus Weimar, allenfalls wurde er, wie Adorno es in seiner Hölderlininterpretation im Blick auf den halbgebildeten Bürger schrieb, als ein „stiller und feiner Nebenpoet mir rührender vita“ wahrgenommen. Die geschichtsphilosophische Tragweite seiner Dichtung wurde lange Zeit schlicht überlesen. Bereits zu der Zeit jener Weimarer Klassik formulierte es Goethe leicht abschätzig bis gönnerhaft als Empfehlung eines minimal-ästhetischen Dicht-Programmes an Hölderlin: „Ich habe ihm besonders geraten, kleine Gedichte zu machen und sich zu jedem einen menschlich interessanten Gegenstand zu wählen.“ Was für eine Fehleinschätzung!

Hölderlins Entdeckung als Dichter – diesseits von Klassik und Romantik – setzte spät erst ein; ähnlich wie bei Kleist, jenem so unterschiedlichen Zeitgenossen Hölderlins. Beide reagierten auf die großen Zäsuren um 1800 auf ihre Weise: den Einbruch einer neuen Ordnung mit einer kapitalistisch-rational organisierten Produktion, der Erstarrung der Französischen Revolution als Weltgeist zu Pferde. Kleist tat dies und transformierte den Hiatus poetisch, indem er der Gewalterfahrung und der Körperlichkeit, die mit dem gewalttätigen Exzeß konnotiert ist, einen Ausdruck in Drama und Erzählung gab; Hölderlin, indem er innerhalb seiner Dichtung auf andere Form von Kommunikation reflektierte, in der das Verhältnis von Subjekt und Objekt eine Bestimmung erführe, die jenseits des Bannes von Gewalt und Zurichtung wäre. Während Kleist den Schrecken in der ästhetischen Destruktion und Dekonstruktion sowie teils im nationalrevolutionären Pathos zu bannen versuchte (Küsse und Bisse, die sich, wie in der „Penthesilea“, eben reimen und reiben oder wie z.B. im „Prinz von Homburg“ oder in der „Hermannschlacht“ die Feinde Brandenburgs und insbesondere der Franzos in der Schlacht – morgen oder heute – in den Staub geworfen werden), vernahm man aus Hölderlins Dichtung die Morgenröte besserer, anderer Zeiten (wenngleich poetisch codiert) und teils noch den Ruf des gallischen Hahns. Aber dieses Pathos fürs Revolutionäre kleidete sich bei Hölderlin in das Gewand des Griechischen.

Zum Beginn des 20 Jahrhunderts setzte im Deutschen Reich eine Welle der nationalen Hölderlin-Begeisterung des Bildungsbürgertums ein. Ausgelöst wurde jene Euphorie durch die 1910 von Norbert von Hellingrath herausgegebene Ausgabe seiner Werke. Und so trug mancher Soldat 1914 Hölderlin im Tornister, um das Deutsche Wesen über den Rhein oder hin in die Weite des Ostens zu tragen. Stefan George griff die Lyrik Hölderlin auf und sah dessen Bedeutung für eine neue Form des poetischen Sprechens. Dieser Griff färbte naturgemäß auch auf den George-Kreis über, bis schließlich einer seiner Schüler, der George-Sekretär Max Kommerell mit der Schrift „Der Dichter als Führer in der deutschen Klassik“ (1928) hervortragt. Wenn Philosophen und Dichter den Führer führen wollen, geht es jedoch meist nicht gut aus, wie die Geschichte zeigt. Insgesamt prägend für die Hölderlin-Interpretation dieser Zeit des frühen 20. Jahrhunderts war die hermeneutische, textimmanente Lesart mit ihrem Bezug zum Nationalpathos, in der die Deutschen als die wahren Griechen sich erwiesen – eine Lesart, die am Ende und in folgerichtiger Konsequenz in den Faschismus driftete. Oder aber es ordnete Hölderlins sich als Dichter eines a-historischen Seins ein – wie dies etwa in Martin Heideggers Lektüre geschah.

Wieweit Hölderlin im Heideggerschen Duktus zur philosophischen Referenzrahmenbestätigung dient, mag eine andere Frage sein. In einigen Aspekt jedoch, insbesondere im Hinblick auf eine Autonomie des Ästhetischen, gälte es, den Text Heideggers beim Wort zu nehmen und zugleich über sich selbst hinauszubringen. Hölderlins Lyrik ist, so Heidegger in seinen „Erläuterungen zu Hölderlins Dichtung“ von der dichterischen Bestimmung getragen, das Wesen der Dichtung eigens zu dichten – mithin die Lyrik in eine selbstreferentielle und zugleich transzendentale Ausdrucksform zu bringen, indem die Bedingungen der Möglichkeit von Lyrik zugleich in der Lyrik selbst dargestellt werden. [In seiner reinsten Form geschieht diese Selbstreferenzialität am Ende des 19. Jahrhunderts dann in der Dichtung Mallarmés.] Diese „Erläuterungen“ Heideggers sind nicht uninteressant, wenn man sie von ihrem „Jargon der Eigentlichkeit“ befreit und wenn darin nicht ständig etwas in die Entscheidung oder in die (läppische hermeneutische) Frage gestellt würde. Zumindest legt Heidegger eine Weise des poetischen Sprechens bei Hölderlin frei, die ebenso und expressis verbis für die Dichtung des 20. Jahrhunderts wesentlich wurde, insbesondere im Angesicht einer Krisenhaftigkeit und inmitten der Katastrophenerfahrung, die in Auschwitz ihre Kulminationspunkt erfuhr. Dies klingt im Hinblick auf Heidegger zunächst paradox, aber zuweilen muß man Heidegger gegen Heidegger lesen.

In dieser zunächst unmittelbaren Sicht der Heideggerlektüre stellt jedoch das Fehlen des Politischen sowie der gesellschaftlichen, geschichtsphilosophischen Dimension einen entscheidenden Mangel dar, der Hölderlin dadurch im ganzen verfehlt.

Eine angemessene Sicht auf den Text Hölderlins muß sich zwischen den Polen von Geschichtsphilosophie und einer ästhetischen Kritik, die auf die besondere Sprache sowie die Form reflektiert, bewegen. Dieses Zusammenspiel von Geschichtsphilosophie und ästhetischer Autonomie in der lyrischen Form ließe sich etwa anhand des Hyperion-Aufsatzes von Georg Lukács aus dem Jahre 1934 und von Adornos Hölderlin-Deutung in seinem Essay „Parataxis“ von 1963 zeigen. Es webt im Text Hölderlins einerseits eine revolutionäre Umtriebigkeit, die diese Gesellschaft, so wie sie ist, nicht belassen will, und zugleich reflektiert seine Lyrik (auch qua ästhetischer Form) auf die geschichtsphilosophische Zurichtung von Subjekt und Natur gleichermaßen.

Hegel formulierte in seinen Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte hinsichtlich jenes einschneidenden Ereignisses des endenden 18. Jahrhunderts, das die Welt – nicht anders als 1755 das Erdbeben in Lissabon –, aus den Fugen brachte, nämlich die Französische Revolution: „Es war dies somit ein herrlicher Sonnenaufgang. Alle denkenden Wesen haben diese Epoche mitgefeiert. Eine erhabene Rührung hat in jener Zeit geherrscht, ein Enthusiasmus des Geistes hat die Welt durchschauert, als sei es zur wirklichen Versöhnung des Göttlichen mit der Welt nun erst gekommen.“

In dieser zentralen Passage schlägt sich bereits jene Philosophie des Als-ob und der Zweifel nieder, welcher dann in Hölderlins „Hyperion“ als Aporie der Revolution terminiert: „als sei es zur wirklichen Versöhnung … gekommen“! Es ist diese Perspektive einer freiheitlichen Gesellschaft von Freien mittlerweile in die sprachliche Form des Konjunktivs als Irrealis gerückt: das Mögliche wird nicht mehr mit Notwendigkeit wirklich, sondern harrt im bloßen Vertragsverhältnis des Bürgertums. Dieses Scheitern fangen die Dichtung und insbesondere die Hymnen Hölderlins in ihren Umschriften, Verrätselungen, und Metaphorisierungen ein. Die Französische Revolution und nicht die Seinsphilosophie als abstrakte a-historische Über-Kategorie bildet für Hölderlin einen Angelpunkt, der seinen Text teils verdeckt, teils offen strukturiert.

1802 kehrte Hölderlin vollkommen verstört und in der Erscheinung seiner Kleider heruntergekommen wie ein Bettler aus Bordeaux zurück. Was ihm dort diesen Schlag ins Denken versetzte und ihm schräg einfuhr, welches Ereignis oder Datum, ob es der Tod seiner tiefgeliebten Susette Gontard, (seiner Diotima) war, wissen wir nicht. Im Jahre 1807 kommt er in die pflegende und liebevolle Obhut des Schreiners Zimmer und verbringt die restlichen 36 Jahre seines Lebens in jenem Tübinger Turm, den Celan in seinem Gedicht „Tübingen Jänner“ als schwimmenden Hölderlinturm umschrieb. Fortan schrieb Hölderlin nur noch jene kleinen Sentenzen, Miniaturen, meist Variationen zu den Jahreszeiten, die er „mit Unterthänigkeit Scardanelli“ unterschrieb.

Der Winter
Wenn ungesehen und nun vorüber sind die Bilder
der Jahreszeit, so kommt des Winters Dauer,
das Feld ist leer, die Ansicht scheinet milder,
und Stürme wehn umher und Regenschauer.

Als wie ein Ruhetag, so ist des Jahres Ende,
wie einer Frage Ton, dass dieser sich vollende,
alsdann erscheint des Frühlings neues Werden,
so glänzet die Natur mit ihrer Pracht auf Erden.