Letzte Ausfahrt Leipzig – Clemens Meyers „Als wir träumten“

Clemens Meyer wird zuweilen der Ruf eines Machos angedichtet. Klar, der Meyer ist tätowiert, und im Knast soll er schon mal gesessen haben, so als Zwischenspiel, während er in Leipzig am Literaturinstitut das Schreiben studiert, einen Galoppergaul hat er in Scheibenholz laufen: Oh und uiii, so raunt es vielsagend aus der Manege! Und ’n Ossi aus Leipzig, aus Halle (Saale) is’ er, hat sich in der Wendezeit gehauen und Dinger gedreht. So sagt man. Und nun ein Roman, der im Milieu des Milieus „Aktie rot“ spielt. Schöne Klischees. Manche brauchen diese Zuschreibungen und Vorurteile, um gepflegt ihrer Verschnarchtheit zu huldigen.

Clemens Meyers Weg zur Literatur ist ungewöhnlich. Meyer wird momentan gehypte, aber das ist das Wesen des Marktes, die Marketingmaschine eines großen Verlages, die hinter ihm steht und die er dennoch verdient hat – und zwar aufgrund seiner herausragenden, sehr genauen Prosa.

Ja: da reißt einer im Überschwang die Bierflasche hoch, schwenkt sie voll Freude in der Luft herum, springt aus der Sitzreihe auf, als er 2008 für den Erzählungsband „Die Stadt, die Lichter“ den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt. Zu Recht. Mir ist dieser Gestus lieber, als das literatenschwere Stock-im-Arsch-Wein-in-sich-Hineingegieße mit dem Ich-bin-ja-so-dankbar-Gesicht oder dem Kindchenschreibschema-Gesicht des Deutschen Fräuleinwunders oder der Hegemannschen Haargardine. Meyer legt los, plaudert los, aber er zieht nicht diese Show all der Literaturhackfressen aus dem bekannten und dem unbekannten Segment ab. Ebensowenig wie er die Story eines Outsiders oder des Literaturprolls inszeniert. Meyer schreibt, und darauf kommt es ihm selber an: Auf die Schrift, auf den Text, auf eine Literatur, die – teils zumindest – sehr realistisch und unverblümt darstellt, was sich in bestimmten Zonen und Milieus, auf die die Literatur nicht so häufig den Blick richtet, zuträgt. Meyer ist belesen, es bedeutet für ihn Literatur Leidenschaft und nicht Habitus und Schnörkelphrase.

Aber mich interessieren die Biographien von Schriftstellern nur marginal – so auch bei Meyer. Kleists, Prousts, Kafkas oder Becketts Texte eröffnen eine Raum, einen Horizont, geben den Blick auf eine Struktur frei, verweisen auf eine grundsätzliche Konstitution von Subjekt – auf einen Erfahrungsraum hätte ich fast geschrieben, wenn dieser Begriff nicht so sehr abgelutscht und deshalb mit Ekel-Ranz behaftet wäre –, die ganz ohne das Biographische oder banale Körperfühligkeit sich realisiert und den Fokus auf eine Geschichte lenkt, die in dieser Weise so noch nie erzählt wurde. Eine unerhörte Begebenheit: davon handelt Literatur und sie handelt davon, wie diese unerhörte Begebenheit in eine angemessene Form gebracht wird, die auf der Höhe ihrer Zeit sich befindet. Es ist dabei ganz gleichgültig und ohne Bedeutung für die Prosa, ob einer nun Hartzi, Angestellter, Knasti, Jurist, Gabelstaplerfahrer, Körperklaus, Schinderhannes oder vielfühlige/r Innerlichkeitsbekenntnisapostel:in war.

Meyers erster Roman heißt „Als wir träumten“. Er handelte von der Zeit des Aufbruchs, der Gesetzlosigkeit inmitten einer sich neu konstituierenden Zone und des freien Spiels der Kräfte als die Mauer fiel. Dieses Spiel der Kräfte ist ganz wörtlich zu verstehen, denn es flogen zwischen den rivalisierenden Gruppen die Fäuste, und es lag in dieser „Prosa der Welt“ mancher Kopf zwischen Blutfluß und Doc Martens-Stiefel im Rinnstein. Prosaische Moderne eben, um ein Bild Hegels zu gebrauchen. Der Weltgeist trägt Stiefel, der Weltgeist mag aber kein Prada. Meyer versteckte sich nicht vor der Realität, sondern er stellte sich dieser Zeit literarisch und mit einer ungeheuren Sprachgewalt: Er brachte einen rechtsfreien Raum ins Bild der Literatur, stellte die Wohnviertel und Lebenswelten aus, die weniger ansehnlich sind, verwies auf die Plätze und Ereignisse, die nicht gut ins Bild der bürgerlich-gediegenen Literatur paßten. Die Wende: das ist kein Ponyhof, und blühende Landschaften zeigten sich an diesen Orten des östlichen Leipzigs in den Landschaften des Gesichts als Veilchen und blutig geschlagene Köpfe. Leipzig – ein Ort, an dem sich die Möglichkeiten, die es aber im Grunde von Beginn an nicht mehr gab, einen Platz schaffen wollten, und es herrschte der ungebremste Wille, wild, gefährlich und ohne die verhaßten Autoritäten zu leben, die seit dem Ende der DDR sowieso abgewirtschaftet waren oder ganz einfach der Lächerlichkeit verfielen. Wer als Staatsbürgerkundelehrererin die Gesetzmäßigkeiten des wissenschaftlichen Sozialismus als Verheißung pries und ein paar Monate später im Gesellschaftskundeunterricht nahtlos die Ideen einer sozialen Marktwirtschaft verkünden durfte, der hatte ausgespielt. Wer als Volkspolizist plötzlich und übergangslos auf der Seite der FdGO stand, wirkte eher lächerlich als überzeugend, vor allem, wenn er in einem abgerumpelten Polizeiwagen namens Trabi oder Wartburg daherfuhr, der nun mit einem Westblaulicht und Westanstrich versehen war.

Und so blieb viel Raum für all die Träume und vor allem für den Möglichkeitssinn einer Existenz, die nicht mehr ins Korsett der sozialistisch verordneten Lebensform paßte, die die Jungen und Mädels gerade den Bach heruntergehen sahen und die sich mit Macht dennoch ihren Teil vom Kuchen absäbeln wollten – sei es mit Gewalt. Denn es war niemand da, der die Kontrolle ausübte. Zuweilen ein wenig vom kleinen Glück träumend: „Mark fetzte die Tortenpackung auf und stellte die Torte in die Mitte. Sie war noch gefroren, und wir brachen große Stücke aus ihr raus und aßen sie wie Eis. Wir machten auch die Schokolade auf und neues Bier. Draußen wurde es dunkel, Fred zündete ein paar Kerzen an, und wir rückten zusammen und aßen und tranken und waren glücklich.“ So endet dieser Roman. Das Glück ist klein, eisgefrorene Resterampe, wo die abgeworfenen Brocken und vom großen Tisch heruntergefallen Krümel, die Kapitalismus abwirft, zusammengeklaubt, zusammengeraubt werden. Es hängt jenes kleine und gesuchte Glück an den Kumpels – ein wenig Wärme, wenn die Jungs die Bullen abgehängt haben.

Rico, Mark, Paul und Daniel, wie die Protagonisten von „Als wir träumten“ hießen, wachsen im Leipzig der Nachwendezeit auf: nach der Kindheit im Kontext des Sozialismus kommt nahtlos der Bruch und die Jugend zwischen Boxen und Bier, Fußball, Alk und Autoklau. „Grauzone morgens“, da hat sich, was die Farbgebung und den Zustand betrifft, im Grunde im Gang der Zeit nicht viel geändert. Wozu aufstehen, wenn man genauso gut im Bett liegenbleiben kann? Zumal wenn der Kopf wehtut vom Alk. „Leipziger Premium Pils“. Daß sie von Anfang an keine Chance haben, wenn VEB fortan „Vatis ehemaliger Betrieb“ hieß, war ihnen schnell klar. Die Verheißungen des Westens, die Produkte, die die Werbung anpries und die mit einem Male die Schaufenster der heruntergewirtschafteten Geschäfte mit ihren tristgrauen Fassaden schmückte, lassen sich nun einmal nur mit Geld erwerben, und wenn keines vorhanden ist, wollen all die schönen, schimmernden, scheinenden Produkte und Marken wie Nike, Reebok und Chanel auf eine andere Weise beschafft werden.

Der schöne Schein der Waren, die Féerie des Fetischs Ware jedoch ist nicht nur käuflich zu erwerben, und wem das Flanieren in der Welt der Passagen zu wenig ist, weil die Mittel fehlen, das Mögliche wirklich werden zu lassen, der nimmt sich das, was ihr oder ihm in der Welt der Werbung als Verheißung versprochen wurde. Ins Heute gewendet: die Jugendlichen, die bei den Riots in London mitwirkten, haben genau das getan, was die Werbung von ihnen verlangt hat. Daß der Appell der Werbung an die bloßen Instinkte von Menschen freilich derart in die dionysisch-bachantische Orgie und in den Taumel umschlägt, hätten sich die gewitzten Macher des Marketings nicht träumen lassen. Ein Griff in die Auslage genügt. Wozu zahlen, wenn man es auch umsonst haben kann? Andererseits kann es keine erfolgreichere Werbekampagne für Flachbildschirme geben als jene Bilder aus London, die im Jahre 2011 um die Welt gingen. You can get what you want, so sollte der Slogan dieser neuen Kampagne für Plasmaflachbildschirme lauten: it’s not a trick, it’s a Sony.

It’s not a trick, it’s a Zonie: Wer in der Platte wohnt und nicht schnell in den Westen wegmachen konnte, weil er dafür noch zu jung oder zu unbeweglich war, dem blieb nicht viel übrig, als sich eine eigene Welt zu suchen. Diese Traumlogik der Grenzlandschaft zwischen Lok- oder Chemie-Leipzig-Fußball, Schlägereien mit Skins, offenen Räumen und unbenutzten Gebäuden, die für alle offen standen, Crashkid-Dasein, Bierkisten aus der Brauerei in Reudnitz klauen, Liebe zu jenem hübschen Mädchen, das als Schimäre (und Geistbild fast) auftaucht, als Sternchen eben, verdichtet sich in Meyers Debüt zu einem grandiosen Panorama der Wendezeit im Osten, ohne Prosakitsch, ohne Metaphernketten und Aufgeladenes: nicht mehr „33 Augenblicke des Glücks“, kein akademischer Feminismus, dem es um die quotierte Besetzung an den literarturwissenschaftlichen Seminaren geht, um am Futtertrog ihren Platz zu bekommen, keine Meriten akademischer Ich-Findung und der Selbstbespreizung Hermannscher Befindlichkeiten, oder Grünbeinsches Griechentum und Sucht nach Philosophie (ich schätze Grünbein ausgesprochen: einer der wenigen Schriftsteller, der die Anspielung ins Griechische versteht und nicht als halbbildungsbürgerliche Phrase in die Lyrik oder die Prosa einbaut) sondern es richtet sich ein Blick auf die Wirklichkeit, wie wir es von nur wenigen Schriftstellern kennen. Darin besticht Meyers Prosadebüt „Als wir träumten“. Schonungslos und ungeschminkt:

„ Als wir Kinder waren (ist man mit 15 auch noch Kind? Vielleicht waren wir es nicht mehr, als wir das erste Mal vorm Richter standen, der meist eine Frau war, oder als sie uns das erste Mal nach Hause brachten und wir am nächsten Tag zur Schule gingen, oder auch nicht, und die Abdrücke der verfluchten 8 noch an den dünnen Handgelenken hatten), als wir liebe Kinder waren, war der Mittelpunkt des Viertels für uns der große ‚Volkseigene Betrieb Duroplastspielwaren und Stempelsortiment‘, aus dem uns ein ansonsten unbedeutender Klassenkamerad, über seine Stempelkissen herstellende Mutter, Stempel und kleine Autos besorgte, weshalb er von uns keine Dresche und manchmal ein paar Groschen bekam. Der große VEB ging 1991 Pleite, und das Gebäude wurde weggerissen und die Mutter des kleinen Stempel- und Modellautoherstellers wurde nach zwanzig Jahren arbeitslos und erhängte sich auf dem Außenklo, weshalb der unbedeutende Junge von uns auch weiterhin keine Dresche und manchmal ein paar Groschen bekam. Jetzt steht dort ein Aldi, und ich könnte mir dort billig Bier oder Sphaghetti kaufen.“

Solche Sätze sind großartig, weil sie ohne fuchtelnde Prätention und ohne Geklimpere das, was ist, auf den Punkt bringen. („als wir liebe Kinder waren …“, was für eine wunderbare Sentenz und Sprachfügung) Dazugehören oder nicht dazugehören. Wir und sie und Lakonie. Die Logik der Gewalt sowie der Wunsch nach Wärme steuern die Handlungen. Hose runter, Beine breit, ficken ist ʼne Kleinigkeit. Die Geschichte einer Jugend, die nicht euphemistisch und im schwachsinnigen Jargon Coming of age sich nennt, sondern die sachlich-brutal so ist wie sie ist. Clemens Meyer steht in der Tradition von Hubert Fichte und in der von Hark Bohms Film „Nordsee ist Mordsee“. Ich hoffe allerdings innig, daß die Verfilmung dieses Buches, die gerade ansteht, nicht in den Sozialkitsch abdriftet.

Und so habe ich es nun doch noch geschafft, eine kurze Besprechung dieses wunderbaren, klaren, drastischen Romans zu liefern, den ich 2006 in einem Zuge gelesen habe. Gerade wegen der ausgesprochen schlechten Besprechung in der „Zeit“ – wie ich meine, mich zu erinnern. Es ist dieser Besprechungstext, in den Samstagmorgen eines Septemberherbsttages hineingeschrieben, ein Vorausblick und steht ganz im Zeichen von „Im Stein“. Dessen Besprechung folgt im nächsten Teil. Montagmorgen. Oderso. Noch herrlich verweht und benommen von dieser wunderbaren, kühlen, ausufernden Prosa.

Clemens Meyers Erzählungsband, „Die Nacht, die Lichter“

So manchen Schriftsteller zieht es in seinen Romanen und Erzählungen immer wieder zu einem ganz bestimmten Milieu hin, und schwer nur kommt er davon weg in seinem mehr oder weniger langen Schriftstellerleben: Den einen drängt es zum gehobenen feinen Bürgertum oder in die Welt des Adels, andere zur Demimonde, dann wieder zieht es welche zu Großwildjägern und Abenteurern, oder es gibt Schriftstellerinnen, die es zu den untätigen, fragmentierten Melancholikern und den Endzwanzigern, Dreißigern treibt, die partout nicht erwachsen werden wollen. Und so muß man sich als Schriftsteller vorsehen, bei diesem mehr oder weniger freiwillig gewählten Milieu stehenzubleiben, ohne sich dabei literarisch weiterzuentwickeln.

Thomas Mann gelang es ganz gut, Stagnation zu vermeiden, ästhetisch Stimmiges abzuliefern und dabei gut, stilvoll und bedeutsam zu bleiben, Proust schrieb nur einen ganz großen (philosophischen) wundervollen Roman (sieht man einmal von „Jean Santeuil“ ab), da war es nicht weiter schwierig, nicht auf der Stelle zu treten, zumal ja in aller Komplexität nicht nur eine Epoche besichtigt wurde, ein Blick hinter die Vorhänge des Pariser Adels fiel sowie die „Existentiale“ Liebe und Eifersucht ausgeleuchtet wurden. Genug für ein Leben, so sollte man meinen. Henry Miller und Hemingway sind ein amerikanischer Fall für sich, der Oberfranke würde hier sagen „Paßt schoan“. Bei Judith Hermanns neuen Buch „Alice“ wird man sehen, ob sie es vermag, sich vom zuweilen enervierenden Judith-Hermann-Sound zu lösen, der zum ästhetischen Selbstgänger wurde.

Wie aber steht es um Clemens Meyer?, so sei hier einmal oberlehrerhaft in den Raum gefragt, jenen Schriftsteller des Jahrgangs 1977, den wir seit 2006 als einen „Durchstarter“ kennen. Mit „Als wir träumten“ ist ihm ein beeindruckendes sowie fulminantes Debüt gelungen, welches mit Fug und Recht „Roman“ genannt werden kann. Als Erstlingswerk eine Stecke von über 500 Seiten zu durchpflügen und dies dann auch noch vom Schreiben und vom Stil, von der Konstruktion und vom Stoff her gut hinzubekommen, ist eine Leistung. Der Roman hat ein Wendemilieu zum Thema, das wohl nicht dem entspricht, was der übliche Intellektuelle sich einmal vorstellte, als von den großen Wenderomanen oder gar dem großen Wenderoman die Rede war. Nun, auch Clemens Meyer hat den nicht geschrieben. Aber er hat ein ostdeutsches Milieu geschildert, das sonst nur in den „Sozial“-Reportagen von „Spiegel“- oder „Stern“-TV vorkommt, wenn es um deviante Jugendliche aus der Platte geht. Crime sells.

Doch Meyer ist mit „Als wir träumten“ mehr als ein Roman über deviante Jugendliche gelungen. Er erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, seiner Liebe, seiner Freunde, schildert die Hoffnungen und Träume einer Clique Jugendlicher im Nachwendeleipzig. Dies alles ist so erzählt, daß man gerne weiterliest. Ein Roman aus der Gosse zwar, der aber im Grunde die existentiellen Dinge der Jugend nennt. Er handelt von Größe, Liebe und Feigheit, von Brutalität und Perfidität, er ist pubertär aufgeladen, weil es die Welt derer ist, die aus der Pubertät entwachsen. Öfters einmal gibt es reichlich was auf die Fresse, daß es beim Lesen wehtut. Und man liest weiter wie im Rausch, legt das Buch, am Schluß angekommen, atemlos beiseite.

Nein, das Buch ist nur zu einem kleinen Teil eine Milieuschilderung; Meyer will in seinem Debütroman nichts und niemanden mit wohligem Gruseln vorführen, sondern er ist konzentriert bei der Sache, und gerade dadurch bringt der Roman es auf den Punkt: das, was da in jenen Wendejahren im Osten und mit „dem Osten“ geschehen ist, was viele in ihrer Nachbarschaft erlebt haben. Indem der Roman das Alltägliche einer bestimmten neu entstandenen Klasse beleuchtet, ohne dabei Partei zu beziehen, ist er im Grunde ein extrem politischer, obwohl Meyer „nur“ aus der Sicht und Position des Protagonisten Daniel heraus schreibt und beschreibt. Über die lange Distanz des Romans hat das gut funktioniert. Doch reicht das auch aus für die kurze Stecke der Erzählung?

 In Meyers zweitem Buch „Die Nacht, die Lichter“ sind es Erzählungen oder, wie es im Untertitel heißt, „Stories“, wir kennen dies ja schon von Ingo Schulze, wo es aber umgekehrt lief, daß ein ganzer Roman „Simple Storys“ hieß. Hier nun sind es tatsächlich Stories, man muß das unbedingt deutsch aussprechen, wie es ja auch in Deutsch geschrieben ist und so wie jemand (am besten norddeutsch intoniert) sagt: „Nun vertell man keine Schtories!“, wenn er jemandem zu verstehen geben will, daß da fabuliert oder ein wenig übertrieben wird. Bei Meyer allerdings wird nichts über- oder untertrieben. Erzählt werden Geschichten, also Stories mitten aus dem Leben, aus einem Alltag heraus, der manches Mal nur traurig und trist ist.  Doch erzählt wird dies ohne den Hang zur Melancholie oder zur Verklärung.

Wozu dient die Story?: Sie will, anders als etwa die (Thomas Mannsche) sprachgewaltige, ausladende Erzählung oder die Novelle, kurz pointieren, in wenigen knappen Sätzen skizzieren; schnelle Dialoge treiben die Handlung. Das ist die Tradition der amerikanischen short story, wie sie seit den 90er Jahren bei vielen Schriftstellern wieder in Deutschland angesagt war. Eine ganze Generation, so könnte man überspitzt sagen, fühlte sich plötzlich zur amerikanischen Tradition eines Raymond Carver hingezogen, schrieb Vorworte für die in Deutschland veröffentlichten Bücher Carvers. Das langatmige, weit ausholende und mäandernde Erzählen ist vorbei. Der Erzähler beeindruckt vielmehr mit Lakonik, und es herrscht Verknappung vor. Die Story fängt in ihrer Sprache den jeweiligen Geist der jeweiligen Zeit ein, aber sie bietet nicht, wie der Roman oder die klassische Erzählung, ein manchmal groß angelegtes Panorama, sondern arbeitet vielmehr als photographischer Schnappschuß. Ein paar Bilder, ein Blitz, eine Szenerie kurz aufleuchtend und dann die Nacht. So eben geht es auch in dem Band von Clemens Meyer zu, in der Tradition der short storys, jedoch mit einem deutschen Underdogsujet: kurz und knapp, einen Assoziationsraum eröffnend.

Es sind fast alles Geschichten von ganz unten oder aus dem „Milieu“, meist enden sie verhängnisvoll oder zumindest ohne große Hoffnung. Selten bricht in die Tristesse einer Hochhaussiedlung der Hauch des Anderen ein, kommt eine Ahnung auf, daß es auch ein Leben da draußen, außerhalb gibt, wenn etwa wie in „Warten auf Südamerika“ einer aus der alten Clique Karten von dort schreibt und es „geschafft“ zu haben scheint. Doch eigentlich bleibt alles wie es ist, der Einbruch des Besonderen ist kurz nur. Manchmal hält der Schluß auch eine völlig unerwartete Wendung bereit, so wie etwa in der Erzählung „Wagen 29“. Ansonsten ist es, wie es ist, es ist so, wie es dort zugeht, ganz positivistisch gesprochen. Manches Mal wünscht man sich, daß es gut ausgehen möge, so beim Lesen von „In den Gängen“. Wer einmal in einem jener Großsupermärkte als Aushilfe oder als Festangestellter gearbeitet hat, der findet die Charaktere, die Art von Menschen, die dort im Food- und Non-Food-Bereich arbeiten müssen oder wollen, und die Atmosphäre der Arbeit exakt getroffen wieder: diese Mischung aus Solidarität, Einsamkeit, Verzweiflung, kleinen Scherzen, die helfen, die Tätigkeit erträglich zu machen, gemischt mit einer schlecht bezahlten Arbeit. Doch gleitet Meyer nicht in den Sozialkitsch ab, schon gar nicht vertraut er auf irgend ein Potential, daß diese Menschen ändert und sie dazu bringt, ihre Lage durchschauen zu können. Vielmehr beißen sich die Charaktere an Hoffnungen fest, die hinterher nur bitter enttäuscht werden, so wie bei jenem Mann, der für seinen erkrankten Hund das Geld zur Operation auf der Pferdewettbahn gewinnen muß, weil er diesen Eingriff aus eigener Tasche kaum bezahlen kann. Zum Schluß gewinnt er das nötige Geld sogar, und zwar durch die Hilfe eines Kumpels, der Perdewetten einst als Profi betrieb. Doch Geld zu gewinnen und Geld zu behalten, sind zweierlei Dinge. Die Wendung ist überraschend und leider lakonisch-drastisch.

Clemens Meyer hat einen genauen Blick für die Charaktere und die Szenerien. Knappe Beschreibungen, daß man sich sogleich im Geschehen wiederfindet und weiß, was Sache ist. Teils bedient Meyer sich des Mittels der Elipse, doch weiß man gleichsam intuitiv sofort, worum es geht. Da muß nicht viel gesagt werden, so wie in der Erzählung, die dem Band ihren Titel gab. Das Eliptische baut den Spannungsbogen auf. Erzählerisch und technisch ist das gekonnt. Andererseits erwartet man dies auch von einem Erzähler, welcher das „Deutsche Literaturinstitut Leipzig“ besuchte.

Doch nie gerät die Schilderung der Underdogs zum Selbstzweck; es hat nicht dieses furchtbar Gekünstelte eines Bukowski, wo in jedem zweiten Satz das Wort „Ficken“ lauert, obwohl manches von Meyer dem Sujet nach genauso gut von Bukowski stammen könnte. Um das Heikle einer solchen Verwechselung weiß Meyer sicherlich. Eher schon steht das Erzählen in guter alter Tradition Hemingways als Vater eines bestimmten Typus von amerikanischer Short Story oder befindet sich in der Gesellschaft Carvers. Szenen, Alltäglichkeiten, die zu Momenten verdichteten Episoden des Lebens, das Déjà-vu, was einen bei mancher Story überkommt, enthalten oftmals ein allgemeingültiges Moment; auch wenn es nicht das Milieu ist, aus dem man selber(ohne eigenes Zutun und Verdienst) entstammt. Doch pointiert Meyer „existentielle“ Momente, die einem Intellektuellen genauso widerfahren können wie einem, der ohne jegliche Mittel einfach nur durchkommen will. Kurz präzise, schnörkel- und umstandlos wird hier geschrieben, so daß solche Momente, von denen man weiß, daß es sie einmal gab kurz nur aufscheinen, freilich in verfremdeten Zusammenhang. Doch rückt man einmal von der Perspektive des Underdogs ab und sieht auf das Generelle, so kommt einem einiges recht vertraut vor.

Und wenn man noch weiter im Namensregister stöbern will, so bietet sich bezüglich des Sujets womöglich der Vergleich mit dem phantastischen Denis Johnson an, etwa mit seinem Erzählungsband „Jesus Son“, wenngleich Meyers Duktus sehr viel ruhiger ist als der voranstampfende Johnson. Obwohl diese Verortung in einem Namensfeld eigentlich nie gut ist, denn Meyer ist Meyer, so wie Johnson nun einmal Johnson ist. Doch kann durch ein solches Verorten ein wenig der Raum und damit zugleich der Rahmen, in dem die Bewegungen stattfinden, gezeigt werden.

 „Als wir träumten“ setzt sich von dem Band mit Erzählungen insofern ab, weil in diesen „Stories“ das Mißgeschick und das Geschehen mittlerweile ganz und gar Bundesrepublik geworden bzw. ins Allgemeine gewendet ist. Nicht mehr viel ist geblieben von jener Wendezeit in Leipzig. Das, was in der Erzählung „Wagon 29“ passiert, kann sich überall ereignen und ist ein existentielles Moment. Was in dem Roman sehr speziell angelegt war, nämlich der Verfall einer Ordnung und ihre Okkupation durch eine Leerstelle sowie der Kampf aller gegen alle, damit jeder ein Quentlein vom neuen Glück abbekäme, und dadurch an einen historischen Ort gebunden war, transponiert Meyer nun. Diese Geschichten sind ortlos geworden, und sie könnten zugleich an jedem Ort in Deutschland spielen. Gut erzählt sind sie, und man bleibt nicht, wie so oft, wenn Erzählen zum artifiziellen Zweck halb-organisierter Selbstreferenzialität der Generation Diskurs geworden ist, mit der Frage zurück „Was soll das eigentlich alles?“ Dies allerdings ist in der heutigen Zeit schon recht viel, wenn da jemand begabt erzählen kann und auch etwas zu erzählen hat. Es bleibt am Ende nur übrig, Clemens Meyer für sein drittes Buch, das ja der Legende nach das schwerste sein soll, viel Erfolg und gutes Gelingen zu wünschen.

 Clemens Meyer, Die Nacht, die Lichter. Stories, Fischer Verlag, Frankfurt/M 2008, ISBN: 978-3-10-048601-1, 272 Seiten, 18,90 EUR