Alban Nikolai Herbsts „Meere“

Neben den Buchpreiskandidaten der Shortlist gibt es aus der Welt des Buches auch Erfreuliches: Es kann gemeldet werden, daß Herbsts Roman „Meere“ nun in einer unzensierten Fassung vorliegt. Die Klage gegen das Buch wurde im Mai 2017 aufgehoben, wie der Pressenewsletter des Mare Verlages verkündet und es ist die unzensierte Originalauflage des Romans wieder zugänglich.

Es ist, nicht anders als bei Maxim Billers „Esra“, das Problem des autofiktionalen Schreibens: wenn sich eine Person im Buch wiedererkennt und sich in dieser Weise in Literatur nicht abgebildet sehen will, weil das Private und Intime überwiegt – oder zu überwiegen scheint. Was darf ein Schriftsteller? Eine problematische Sache sicherlich: Was wiegt mehr – das Persönlichkeitsrecht oder das Recht des Künstlers? Thomas Mann z.B. war nach den „Buddenbrooks“ bei manchem Lübecker Bürger nach dem Erscheinen dieses Romans kein gerne gelittener Gast mehr. Gleiches galt für Davos und den wundervollen Zauberberg der Lungenkranken. Und wir kennen diese Frage ebenfalls von Max Frischs „Montauk“ her, das wahrhaftige Schreiben, was dann in den 70er und 80er Jahren unter dem Stichwort der „Neuen Subjektivität“ lief. Doch auch dies ist für die Literatur nicht neu, schon in der Aufklärung des 18. Jahrhunderts war es Programm: Das wahrhaftige Schreiben vom Ich her.

Paradigmatisch für diese Zeit ist das Werk von Adam Bernds (1676-1748): „Eigene Lebens-Beschreibung“ aus dem Jahr 1738. In der Literaturgeschichte von Victor Zmegac heißt es:

„Die Autobiographie sollte seiner Rechtfertigung dienen; aus der Situation sozialer Demütigung des in die Außenseiterrolle Gedrängten resultiert jene schonungslose Offenheit der Enthüllung, die das Buch zum unvergleichlichen Dokument stempelte. Mit akribischer Besessenheit registrierte er seine psychischen und physischen Zustände, wobei er die Grenzen des Schicklichen sprengt – was auf die Zeitgenossen peinlich-befremdend wirkte.“

Herbsts Roman „Meere“ ist jedoch weitaus mehr und anders natürlich. Denn immerhin liegt auf den Autorenrücken die Geschichte der klassischen Moderne wie auch der Postmoderne, wo der Autor selbst, die Form des Schreibens und Erfindens zum Gegenstand der Literatur wird. Bei Alban Nikolai Herbst kann man dieses Phänomen wunderbar sich erlesen. Man mag diesen großartigen Roman „Meere“ als Fiktion nehmen, genauso aber als Autobiographie, als Bekenntnis des Künstlers als wilder wie leidenschaftlicher Hund oder eben als etwas dazwischen. Ich habe es als fiktive Prosa gelesen, als fiktive Künstlergeschichte, die vom Prozeß der Schöpfung und des Schaffens handelt. (Die Geburt eines Menschen ist ja ebenfalls eine Schöpfung, wie man an „Meere“ sieht  – Menschen und Werke, nicht nur Werke und Tage, im Prozeß der Geschichte. Unsere antike Moderne.)

Was dieser Roman jedoch auf alle Fälle sich erschreibt: Er handelt von der Existenz des Künstlers, von der Künstlerschaft als solcher, erhebt sie explizit zum Thema. „Held“ des Romans ist ein Maler namens Fichte. Schnell parallelisiert man mit Anselm Kiefer, was ganz richtig ist, denn dieser Maler Fichte schafft mit Leidenschaft an einem ganz ähnlichen Œuvre. Und ebenfalls ist in den Text der Kunst der Mythos eingewoben, nicht anders als in Kiefers Werk. Insofern ist Meere ein deutsches, aber auch ein italienisch-antikes Buch – man kann es mit Herbsts „Sizilianischer Reise“ parallellesen: das lohnt sich. Genauso aber steckt im Namen des Protagonisten jener Philosoph aus der Zeit des Deutschen Idealismus und der deutschen literarischen Romantik, nämlich Johann Gottlieb Fichte: das Ich, das sich setzt. Ein Ich aus dem alle Welt geschöpft wird, um es in einer Vergröberung zu skizzieren. Und genau dieser gigantische Bewußtseinsholismus wie auch der Holismus der Tathandlung, des Tatendrangs geradezu – das erleben wir ebenfalls beim Maler Fichte. Die Geburt des romantischen wie auch  romanisch-deutschen Ichs aus dem Geist der Sexualität und des Begehrens nach Kunst.

Ja, in diesem Roman geht es zur Sache, für schwächliche Menschen von deutschen Asten ist das ganz sicherlich nichts, und gerade Buben bekamen da rote Ohren, wenn sie sich schon vorm Betrachtern und Bewunderern der schönen Frauen fürchten und nach Papa Rektor rufen. Dennoch: Es lohnt sich dieses Buch um jede Zeile auch wenn dieser Roman vielleicht nicht die beste Einführung ins umfangreiche Werk von Alban Nikolai Herbst sein mag. (Oder vielleicht wegen seiner Drastik und Schonungslosigkeit doch gerade. Schonungslos vor allem dem Künstlersubjekt gegenüber. Fichte ist nämlich ein Arsch – eine mögliche Interpretation zumindest, aber es gibt auch andere, philosophischer gegründete.) „Meere“ zu lesen, lohnt sich gerade deshalb, denn wir finden hier ein wildes und ein großes Stück Literatur.

Herbst ist ein Schriftsteller, der im Literaturbetrieb leider kaum vorkommt, der im Feuilleton wenig besprochen wird. Das ist nicht nur bedauerlich, sondern im höchsten Grade ärgerlich. Mit Alban Nikolai Herbst haben wir nämlich einen jener Autoren, die zum besten gehört, was die Gegenwartsliteratur uns bietet. Und auch als Essayist ist dieser Mann streitbar und lesenswert und vor allem ein eleganter Stilist. Vielleicht führt die Aufhebung des Verbotes ja dazu, daß mehr Menschen das Werk von Herbst für sich entdecken. Es ist Literatur jenseits des modischen Schnicks und des Schnacks. Auch wenn Herbsts Prosa oft dicht am Geist der Zeit ist, den Puls der Zeit abhorcht – besonders in der ästhetischen, künstlerischen Konstruktion -, so ist diese Art des Schreibens eben kein Anbiedern an den Zeitgeist

Von der kulturfabrikalen Wissensproduktion, die man besser eine des Unwissens nennen sollte

Manche werfen meinen Texten vor, daß darin häufig das gleiche geschrieben stehe. Vielleicht stimmt das. Aber in anderer Weise als ursprünglich gemeint. Ich umkreise – manchmal in Konstellationen und in anderen Fällen ebenso unidirektional – bestimmte Themen. Im idealen Falle kaleidoskopartig. Den negativen Aspekten von Gesellschaft in ihrer umfassenden Struktur sind wenige nur bereit, in die Augen zu sehen. Es stört. Um es auf den Punkt zu sagen: eine grundsätzliche Kritik der kapitalistisch organisierten Gesellschaft, insbesondere ihrer Produktionsweise ist und bleibt das Ziel; eine Kritik der politischen Ökonomie, die auch auf der mikrologischen Ebene ihren Ort hat. Der liebe Gott wohnt im Detail. Ich betreibe dieses Verfahren als ästhetische Theorie. Diese Dekonstruktion des Realen mag man als Negativität auslegen. „Sieh doch nicht alles immer so düster!“ Ich bin mit meiner Kritik zum Glück nicht allein auf weiter Flur. In anderer Sprachweise und Ausdrucksform, von den Intentionen her und im Ton der Kritik jedoch durchaus ähnlich, wenngleich in Handeln, Tun und Machen deutlich positiver gestimmt als ich, schrieb Alban Nikolai Herbst in seinem „Arbeitsjournal des Mittwochs, dem 4.11. 2015“:

„Ich habe immer wieder mit einem Seelenwissen gearbeitet, von dem ich heute einsehen muß, daß es fast restlos verlorenging – und verlorengehen sollte und weitersoll, weil Bildung nicht im Interesse der Ökonomie liegt, die Folgsamkeit will. Gestern abend sprach ich kurz mit Pamela Rosenberg darüber. Negt und Kluge haben ganz zu Anfang der Achziger den Prozeß sehr deutlich beschrieben (in „Geschichte und Eigensinn“, unanfechtbar einem Jahrhundertwerk): als es der Industrie darum gehen mußte, die Arbeitenden auf die Höhe der Produktion zu bringen, kam es zu den berühmten Arbeitsbildungsvereinen, deren Programmen Rücksichtnahmen wie „soviel Konzentration kann niemand aufbringen“ und dergl. Restlos fremd waren, und den Arbeitern waren sie auch fremd. Die moderne Produktion kann Arbeitende aber nicht mehr brauchen, die auf der Höhe der Produktion sind, sondern sie sollen einfach, ohne Kenntnis der Zusammenhänge, tun. Also wird die Bildung, die Jahrzehnte vorher Voraussetzung war, zum Hindernis und – abgeschafft. So sieht es an den Unis heute auch aus; jedes studium generale steht der Produktion grob im Weg, und der Konsumtion. Insofern wundert es nicht, daß von den Hunderten Politikern, die zu dem Symposion [WAS MUSIK KANN. Ein Symposion mit Daniel Barenboim, Thomas Fritz, Melanie Fuhr-Waldmann, Stefan Koelsch, Martin Rohrmeier, Pamela Rosenberg, Robert Zatorre, u.a. Moderation: Jürgen von Rutenberg und ANH.] eingeladen wurden (als Zuhörer, nicht als Vortragende; Barenboim hat expressis verbis, erzählte mir Reisch, parteipolitische Wahlvorträge ausgeschlossen) so gut wie niemand zugesagt hat. Und ich fürchte, daß die gemeinsame Initiative des Musikkindergartens und der Barenboim-Said-Akademie eben deshalb ins Leere laufen wird, weil Bildung letztlich der (kapitalistischen) Ökonomie ein Dorn im Auge ist. Es soll vielmehr jede Wurzel gekappt werden, die Menschen noch identisch macht; sie müssen austauschbar werden, um universell einsetzbar zu sein: humane Passepartouts. So sehen unterdessen auch die Lehrpläne der Universitäten aus, zu einem studium generale hat niemand mehr eine Chance, der und dem an einem guten Abschluß gelegen ist. Wenn man sich dazu vor Augen führt, daß unterdessen sogar akademische Germanistenkongresse auf Englisch durchgeführt werden, wird einem schlagartig klar, wogegen die Stoßrichtung zielt.

Es ist schon anderwärts bemerkt und formuliert worden, nicht nur von mir: Zugearbeitet – durch seine Desavouierung der Begriffe Treue, Ehre, Boden, Blut – hat diesem Prozeß der Hitlerfaschismus; selbst der tief seiner Scholle verbundene Bauer macht sich verdächtig. Losgelöst werden wir darüber hinaus von unserer Sprache; Einheitssprache ist das Ziel; um es anders zu sagen: Sprache als – darum eben austauschbar – Äquivalenzform. Steht schließlich jemand vor einem Bild Cézannes kann er gar nicht mehr wissen, was er sieht, um von mittelalterlicher Malerei ganz zu schweigen. Nicht anders geht derzeit der „Islamische Staat“ vor, auch er zerstört Herkünfte, will den Leuten den kulturellen Boden wegziehen, um sie widerstandslos zu machen und schließlich zu assimilieren. IS und Kapitalismus sind die beiden Seiten derselben Münze.

Musik kann sie uns wegwerfen lassen. Deshalb das fundamentalislamische Verbot der Musik, das sich im Koran nirgends findet; deshalb die kapitalistische Pop-Profanierung, nämlich Banalisierung der Musik mit ihrem Akzent auf dem Rhythmus: Herzschlag-Manipulation. Ich bin schon im Kindergarten meines Sohnes, der in Barenboims Musikkindergarten, weil es den damals noch nicht gab, noch nicht gehen konnte, erfolglos dagegen angelaufen.

Wenn meine Arbeit also immer wieder Bildungsvoraussetzungen hat, die unterdessen viele Leser:inn:en nicht mehr nachvollziehen können, dann nicht, weil ich „elitär“ gesonnen wäre, sondern weil es darum gehen muß, eine solche Bildung zu bewahren, und zwar aus humanistischen Gründen. Als mir in Klagenfurt 1983 ausgerechnet Gert Ueding, ein Universitätsprofessor, „Bildungsballast“ vorwarf, war der unheilvolle Prozeß längst abzusehen, in den die Kultur geraten war. Allein der Begriff bezeugt Ungeheures: Bildungsballast. Es läßt sich deutlicher nicht sagen.“

Eine großartige Kolumne! Ich teile selten fremde Blogtexte und kopiere sie bei mir in den Blog hinein. Hier aber copypaste ich gerne. Und verweise zudem auf Alban Nikolai Herbsts im August erschienenen Roman „Traumschiff“, den ich zum Lesen empfehle. Eine Besprechung folgt hier im Blog. Leider hat mir Insa Wilke in ihrer Rezension in der „Süddeutschen“ meinen schönen Bezug zu Cees Nootebooms Erzählung „Eine folgende Geschichte“ vorweggenommen und damit dann auch verbaut: ich wollte der erste sein, der das nennt, aber die Zuspätgekommenen wie auch die schreibend Zaudernden bestrafen die Frauen. Was das Thema Sterben und das Recht auf Tod anbelangt, gab es gestern in der FAZ dazu einen Artikel des Philosophen Thomas Sören Hoffmann. Aus gegebenem Anlaß, aktuell zur heutigen Debatte im Bundestag über Hospiz- und Palliativversorgung. Zudem wird morgen über vier verschiedene „Gesetzentwürfe zur Regelung der Sterbebegleitung“ abgestimmt. In diesem Sinne aktualisiert der Roman in literarischer Form einen Aspekt, den man mit Fug und Recht als den zentralen und wesentlichen menschlicher Daseinsweise bezeichnen kann: den Tod, das Sterben. Ja, in dieser Reihenfolge, nicht anders herum.)

Gegen den Begriff der Identität freilich, wie ihn ANH nennt, sträube ich mich, wenn es im Denken auf das Andere dessen, was sowieso der Fall ist, zugehen soll. Es wäre vielmehr, mit Adorno gesprochen, eine Position des Nichtidentischen einzunehmen. Die freilich wiederum, dialektischer Kniff, Identität voraussetzt und in einer neuen und durchaus produktiven Weise freisetzt. Dennoch stimme ich im Gesamt des Textes mit Herbst überein. Einen Gegenweg, einen Gegenton vermag man vermutlich nur in einer Taktik der kleinen Schritte und in bestimmten Selbstpraktiken zu erzeugen. Sich nicht dumm machen zu lassen. Selbst der Begriff „subversiv“, den man für diese Formen des Widerstands einst gebrauchte, womöglich gar als eine Art „Ästhetik des Widerstands“ in den 80er Jahren als Kritische Theorie anschickte, (pop)ästhetisch sich zu transformieren, ist derweise angefressen und vernutzt, daß er inzwischen als wenig geeignet sich erweist, weil man sonst womöglich noch mit Ulf Poschardt in einem Boot sitzt. [Was keinem ernsthaft denkenden Menschen widerfahren möchte.]

Der Begriff „Bildungsballast“, von einem Professor geäußert, liefert in der Tat Aufschluß über das, was seit Jahrzehnten geschieht. Herbst stellt die Mechanismen, die dahinter stecken pointiert heraus. Wer es vertiefend in Theorie und Kritik lesen möchte, der lese dazu die einschlägigen Autoren wie Adorno und Herbert Marcuse, der leider sehr in Vergessenheit geriet.

Auch das macht Herbst übrigens richtig: Namen zu nennen und die Dinge nicht immer nur im Anonymen zu lassen und grundsätzlich zu lamentieren, denn schlecht finden es ja alle, aber beim Nennen der Namen tun sich die meisten schwer bis schwerfällig. Mögen diese Namen auch Charaktermasken und bloße Stellvertreter einer Sache sein, so sind sie dennoch Funktionsträger, die den Betrieb am Laufen halten.

„Nur, was sie nicht erst zu verstehen brauchen, gilt ihnen für verständlich; nur das in Wahrheit Entfremdete, das vom Kommerz geprägte Wort berührt sie als vertraut. Weniges trägt so sehr zur Demoralisierung der Intellektuellen bei. Wer ihr entgehen will, muß jeden Rat, man solle auf Mitteilung achten, als Verrat am Mitgeteilten durchschauen.“ (Th. W. Adorno, Minima Moralia)

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Über die Lust der Dinge und den abzuschaffenden Realismus in der Literatur: Kein Lachen klingt vom Mond her

Res extensa. Diesen Nicht-Satz, der die bestimmte Form oder auch die Existenzweise einer Sache nennt, sollten wir mit einem Fragezeichen versehen. Zu schreiben also besser: „Res extensa?“, weil die ausgedehnte Sache bereits so etwas wie eine erkenntnistheoretisch motivierte Spaltung voraussetzt. Es wären ebenso andere Positionen, andere Blicke und damit auch andere Begriffe denkbar. In dieser Weise zu denken, bedeutet, eine Vorentscheidung zu treffen. Kürzlich schrieb ich vom Verschwinden der Dinge in der Photographie, wie sie zu tilgen wären in einem Schwarzraum. Bilderauslöschung ist schwieriger zu bewerkstelligen als eine solche des bzw. innerhalb eines Textes, denn die Fiktion des Textes und die Phantasie von Leser und Autor können alles evozieren oder aber zum Verschwinden bringen: grandiose Auslöschungsszenen wie bei Thomas Bernhard: im Frosthof, im Kalkwerk, in Rom, in Wolfsegg. Aber ebenso bei Jean Paul, wenn in der Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab die Illusionen ausradiert werden: das im Anschluß an  jenen letzten unserer Tage etwas noch sei. Oder in den Schimpfsentenzen Rolf Dieter Brinkmanns, die Welt destruieren und im Gedicht, westwärts und in den Wörtersüden hinein, ein Gebiet eigenen Maßes hervorbringen, indem der szenische Augenblick filmisch fast fiktionalisiert wird. Standbilder, Filmstils auf einem Wäschedraht im Januar. Eine Dingwelt im Glück des Daseins, einfach so, für den Moment, darin getaucht, als Ereignis, wie ich in wenigen Stunden in Leipzig, wie ein Spaziergang an einem der Kanäle oder im Dämmer der Stadt.

Man muß also die Dinge zugleich unter der Optik des Glückes sehen: Das Glück der Dinge, überhaupt da zu sein, beschrieben zu werden und gleichzeitig etwas von diesen Dingen zu empfangen: nicht über der Sache zu schweben, sondern in ihr aufzugehen oder zum Erliegen zu kommen: jenes Moment zu finden, in dem die Intention des Subjekts aussetzt und nichts mehr in der Verfügung steht. Das Unwillkürliche, der andere Blick, der einen Begriff wie Subjekt durchstreicht oder ihn als Resultat lediglich einer ganz bestimmten, geschichtlich festzumachenden Denkform ausweist.

In Marcel Prousts letztem Teil der „Recherche“, der „wiedergefundenen Zeit“, heißt es:

„Die Größe der wahren Kunst im Gegenteil, derjenigen, die Monsieur de Norpois als Dilettantenspielerei bezeichnet hätte, lag darin beschlossen, jene Wirklichkeit, von der wir so weit entfernt leben, wiederzufinden, wieder zu erfassen und uns bekanntzugeben, die Wirklichkeit, von der wir uns immer mehr entfernen, je mehr die konventionelle Kenntnis, die wir an ihre Stelle setzten, an Dichte und Undurchdringlichkeit gewinnt, jene Wirklichkeit, deren wahre Kenntnis wir vielleicht bis zu unserem Tode versäumen und die doch ganz einfach unser Leben ist. Das wahre Leben, das endlich entdeckte und aufgehellte, das einzige infolgedessen von uns wahrhaft gelebte Leben, ist die Literatur: jenes Leben das in gewissem Sinne bei allen Menschen so gut wie bei dem Künstler in jedem Augenblick wohnt. Sie sehen es nicht, weil sie es nicht dem Licht auszusetzen versuchen, infolgedessen aber ist ihre Vergangenheit von unzähligen Photonegativen angefüllt, die ganz ungenutzt bleiben, da ihr Verstand sie nicht ‚entwickelt‘ hat. (…) Durch die Kunst nur vermögen wir aus uns herauszutreten und ebenso uns bewußt zu werden, wie ein anderer das Universum sieht, das für ihn nicht das gleiche ist wie für uns, und dessen Landschaften uns sonst ebenso unbekannt geblieben wären wie die, die es möglicherweise auf dem Monde gibt.“

Letzter Satz deckt sich – zumindest von der Konnotation her – fast mit jener Briefnotiz Franz Kafkas, die er am 9. November 1903 an seinen Freund Oskar Pollak schrieb. Aber hier geht es nicht einfach um Lebensformen und Lebensweise, wie man in einer zunächst unmittelbaren und naiven Lektüre mutmaßen könnte, sondern um Akte des Poetisierens. Solche Sicht, solche Sätze Prousts zur Kunst dürften ebenso in einer Kritik an der Prosa des hochgehypten Karl Ove Knausgårds eine Rolle spielen. Es ist nicht der Realismus, der eine Geschichte und das Leben macht, sondern es sind die Fiktionen und die Phantasien, die vielgeschmähte Ordnung des Imaginären – sofern dieses denn eine Ordnung darstellt.

Schlimmer noch als der Kitsch und die Kargheit des Jargons im Schreiben ist der Wunsch nach Wahrhaftigkeit oder Ehrlichkeit. Literatur ist per se nicht ehrlich, sondern sie personifiziert die Lüge und die Lust an der Lüge, Lust an der unendlichen Fiktion und der Hyperphantasie, indem ein Text überbordet. Wenn schon Realismus, dann, wie es Alban Nikolai Herbst nennt, einen kybernetischen Realismus, der die Frage nach der Grenze stellt, sie nicht nur abstrakt formuliert, sondern sie insbesondere als Erzählen im Text selber manifest werden läßt, Latenzen auflöst und scheinbar Manifestes latent werden läßt: Wo fängt Fiktion an, wo hört Realität auf? Ein Spiel, ein Trick. Es mischen sich Bezüge und Ebenen, wie es  in Herbsts Anderswelt-Trilogie und für die kürzere Form in seinen großartigen Roman „Eine sizilianische Reise“ geschieht: eine Welt des Mythos, des weiblichen Venus- und Diana-Kultes, die als Untergrund unserer Denk- und Wahrnehmungszivilisation weben.
 
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„Eine sizilische Reise“ und ein Satz, bei dem ich in die Spaltung der Cephalopodin blickte: Das machte meinen Tag

So übersetze ich diese englische Wendung „You just made my day“ recht freizügig. Ich liebe die Freizügigkeiten an jenen Tagen wie diesen, die man die zwischen den Jahren nennt. Das klingt ruhig und nach Frieden. „Zwischen den Jahren“ erweckt den Eindruck von Besinnlichkeit – als sei die Zeit stillgestellt. Wenn etwas stillsteht, dann ist es der reinen, der kontemplativen Betrachtung geöffnet und dann schlägt das Herz des Melancholikers, dessen, der in der Stille die Confessiones des Herzens ablegt und in die Dinge lauscht sowie die Confessiones als Text zu lesen versteht, höher. Ich liege im Bett. Ich lese, zuweilen schweifen die Gedanken ab. Es dann schweigt der Text, die Gedanken gehen dahin, daß ich dieses Zimmer vielleicht mit Styropor oder mit Kork verschalen müßte, damit die Geräusche der Welt um einiges gedämpfter an mich dringen. Ich lese Alban Nikolai Herbsts „Eine sizilische Reise“, und wie es bei dieser Lektüre hinein auch in die Welt des Krimis, des Mythos, der Fiktionen und der Realitäten, des Spiels zwischen einem Traum und einer realen Welt geht, so geschieht im Kopf des Lesers ein eigentümliches Umswitchen: Es wechselt der Blick durch den Text hindurch die Richtung, läßt sich von ihm affizieren, womöglich gar infizieren, so daß die Aspekte verschwimmen – eine sanfte Schwäche, die sich breitmacht in den Beinen oder kündigt sich hier bereits der Virus an? – und es steckt dieses Flirren der südlichen Sonne Siziliens durchaus auch den Kopf des Lesers an, wenngleich es draußen in Berlin deutlich kälter sein mag als unter der Sonne des Mittelmeers: „Heimkehr nach Tipasa“ oder die „Hochzeit des Lichts“ erwarte ich an diesem Bett-Ort, inmitten dieser grauen Stadt nun gerade nicht. So trägt mich der Text fort, und dann lese ich jenen Satz in jener Szene, als der Protagonist mit dem Holländer zusammen in einer Speisewirtschaft in Syrakus (Siracusa, sizilianisch, und darin schwingt der Begriff der Causa mit) einkehrt. Der Satz, der meinen Tag versüßte, ging so: „daß die weißen Unterseitenflossen von Polypen wie auseinandergefältete Schamlippen aussehen.“ Mein Blick gleitet ins Buch hinein und will sehen, was da ist.

Und während ich diese Sätze in den Computer schreibe, eilt sie unten auf dem gegenüberliegenden Gehweg vorbei: jene junge Frau mit den blonden langen Haaren, sie schaut auf das Display ihres Smartphones. Magischer Realismus und die geniale Koinzidenz. Da ist sie: die coincidentia oppositorum aufs weltliche Niveau bugsiert – Nikolaus Kardinal von Kues hätte es sich nicht träumen lassen: während ich liege und dann sitze und der Gedanke sich in der Erotik windet. Unbekleidetes Fleisch. Und im Blick nach innen, dem, was wir manchmal (und wenn es sich bloß anschauend verhält) Theorie oder auch die philosophische Introspektion nennen, entsteht – fast phänomenologisch gefaßt – das Strömen der Bilder, die Bilder, die wir dann wiederum in der Reflexion nehmen und einer Analyse zugänglich machen: „Vergessen wir nicht – die Psychoanalyse!“ Sie ist eine Textwissenschaft, die sich den Assoziationen öffnet und sie liest. Phänomenologische Wesensschau und Nachmittag des Melancholikers im Grandhotel Abgrund. Schon lange ist die schöne blonde Frau meinem Blick entschwunden. Lange Haare, lange Beine. Ein wenig schaute sie aus wie die hübsche Alice Ahlers.

Die Frau, die ich liebe, ist weit weg. In einem anderen Land. Na ja, ich übertreibe: es ist nur ein anderes Bundesland. Es wären drei Stunden Autofahrt, um einander zu sehen. Ich nehme mir vom Teller ein Stück Marzipan aus der Manufaktur Cemilzade. Abends werde ich einen Weißen Cuveé aus dem Kloster Pforta trinken. Das besiegt die Viren. So sagt man.

Ach, wie sich aus einem einzigen Satz heraus die Funken der Phantasie entzünden können.

[Aufgeschrieben habe ich das in Berlin im Dezember 2013, 16:15 Uhr]