Bedingungslose Kapitulation? Oder: Vom Mut der Ukraine

Es ist ein seltsames Ding, wenn der ZDF-Prominente und -Fernsehunterhalter Richard David Precht und mit ihm viele andere meinen: „Natürlich hat die Ukraine ein Recht auf Selbstverteidigung, aber auch die Pflicht zur Klugheit einzusehen, wann man sich ergeben muss“. Angefangen damit, daß es keine „Pflicht zur Klugheit“ gibt – wie sollte diese Pflicht aussehen und wie ist sie vor allem begründet? was ist mit Klugheit gemeint? – ist dies ein Satz aus dem Bullshitbingo. Ein Philosoph würde das im übrigen wissen und nicht solche Phrase schreiben, die lediglich dem Bedürfnis der Rhetorik dient, weil sie klug klingen. Es kann unter bestimmten Umständen richtig sein, in einem Krieg zu kapitulieren und es kann unter anderen Umständen ganz und gar unklug, nachgerade dumm sein – man blicke auf die Briten im Zweiten Weltkrieg: gäbe es da ob des deutschen Bombenterrors auf Städte wie Coventry eine Pflicht zur Klugheit gegen einen blutigen Dikator aufzugeben? Sicher nicht. Churchill hielt eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede – so wie auch Selenskyj und wie man sie sich vorgestern von einem deutschen Kanzler gewünscht hätte. Dieser ging nach Selenskyjs Rede vor dem Deutschen Bundestag ganz einfach zur Tagesordnung über. Peinlich und abstoßend. Der Precht-Satz klingt zwar zunächst, intuitiv genommen, in den Ohren mancher einleuchtend: denn wer will kein Leid vermeiden? Er ist es aber nicht, wenn man genauer auf die Begriffe schaut und wenn wir darauf sehen, was da eigentlich wie gesagt wird und wir uns nicht von der Aussage als solcher, also vom bloßen Inhalt täuschen läßt – dazu noch auf dem heimischen Sofa.

Um nämlich solche „Pflicht zur Kugheit“ einfordern zu können, müssen wir zunächst klären und uns fragen, was Klugheit ist und warum überhaupt eine „Pflicht zur Kugheit“ besteht – da werden bereits zwei sehr voraussetzungsreiche Begriffe in eine Korrespondenz gebracht. Klugheit (als phronesis oder prudentia) ist eine Sache der Abwägungen, sie ist an konkrete Umstände, an ein hohes Maß an Kenntnis und Wissen und an den Einzelfall gebunden, bei dem man eine Vielzahl an relevanten Faktoren und Aspekten wiederum kennen muß, um überhaupt entscheiden zu können und um dann auch sagen zu können: Es war eine kluge Entscheidung. Und es hängt von der jeweiligen Person ab: was für den einen klug sein kann, ist für den anderen dumm. Klugheit hat also etwas mit Individuen zu tun. Für einen erfahrenen Photographen kann es klug sein, sich im richtigen Augenblick ins Getrümmel zu werfen, um genau dieses eine Bild zu schießen. Für einen unkundigen Laienknipser kann das tödlich enden. Hinzu kommt die Unterscheidung von Einzelpersonen, Gruppen, Gemeinschaften und gar einer Gesellschaft. Es kann für einen Einzelnen klug sein X nicht zu tun, aber für eine Gruppe kann es sehr wohl klug sein, genau dieses X zu tun. Und bei Gesellschaften, die ein Verbund ganz verschiedener Menschen sind, die zudem durch einen Staat, ein Gemeinswesen zusammengehalten werden, sieht Klugheit noch einmal anders aus. Und im Sinne von Prechts Beispiel der durch Rußland angegriffenen Ukraine: Bei solchen empirischen Abwägungen kann man den Satz im Blick auf die Klugheit genauso in die andere Richtung drehen: Ist es für ein Gemeinswesen, das einmal in Freiheit und unabhängig lebte, gut so zu leben wie in dem totalitären Staat Rußland, wo eine Person herrscht, die eine Mischung aus Stalin, Zar und Angriffskrieg-Hitler darstellt? Ist es klug, unter einer Besatzungsmacht zu leben? Wäre solche Kapitulation im Hinblick auf Begriffe wie Freiheit und Gerechtigkeit wirklich klug – auch in Aussicht auf weitere Konflikte? Mit Bürgermeistern, die von einer Besatzungsmacht eingesetzt werden? Mit Folter, mit Verschleppung in Lager oder Ermordung, wenn Menschen protestieren? Ist das klug?

Schon hier stoßen wir auf die ersten Schwierigkeiten beim Begriff „Klugheit“ – er ist nämlich auf bestimmte Fälle bezogen: was für den einen klug sein kann, ist für den anderen dumm und falsch. Was für einen einzelnen klug sein kann, nämlich vorm Krieg zu fliehen (wenn er z.B. gar nicht fähig ist, eine Waffe zu bedienen), ist für ein Gemeinwesen ganz und gar nicht klug und insofern hat auch ein solches Gemeinwesen wie etwa die Bundesrepublik ein Recht, seine Bürger zu Dienstpflichten heranzuziehen – sei es mit der Waffe, sofern darin ausgebildet, sei es im Versorungs- und Lazarettbereich. Ist es also klug, gegen ein gewalttätiges Land, das andere überfällt, beizugeben? Ist es klug, daß fremde Menschen dies anderen Menschen, die gerade im russischen Bombenhagel stecken, vom Fernsehsessel aus anraten? Klugheit ist anscheinend ein Begriff, der in vielerlei Hinsicht ausgelegt werden kann und schon aus diesem Grunde für eine solche Situation ganz und gar unpassend ist. Dies sollte und muß Precht wissen, selbst als Unterhaltungskünstler beim ZDF. Vor allem aber, wenn es denn eine „Pflicht zur Klugheit“ geben sollte müßte Herr Precht zunächst mal erläutern, woraus sich dieser Pflichtbegriff herleiten soll. Pflichten, die sich aus bloß Empirischem oder Kontingentem herleiten, sind nämlich beliebig und besitzen damit eher den Status einer Empfehlung, der man folgen, die man aber auch vernachlässigen kann.

So kann es genauso eine „Pflicht“ zum Standhalten geben, um ein demokratisches Gemeinwesen zu wahren, wie es klug und aus strategischen wie taktischen Erwägungen wichtig sein kann, Putin nicht einen Milimeter zu weichen. Anderes Beispiel: Vielleicht wäre es für die Wachposten in Washington im Januar 2021, als nach Trumps Aufruf zur Rebellion seine Anhänger das Kapitol stürmten, klug gewesen, stiften zu gehen angesichts der Übermacht eines Mobs. Dem stand aber eine höhere Pflicht entgegen: nämlich die, ein demokratisches Gemeinwesen gegen den Pöbel zu verteidigen. Und ja: dafür braucht es zuweilen auch Helden und Menschen, die sogar mit ihrem Leben dafür einstehen, die nicht feige sind, die nicht weichen – unsere ganze Mythologie ist nebenbei voll von solchen Heldengestalten und auch in der Pop-Kultur beten wir solcher Supermänner und Spider Man und Wonderwoman an. Filme zeigen uns Heldinnen wie Arya Stark, John Snow und einen Mann wie Marshal Will Kane in „Zwölf Uhr mittags“ oder Julia Roberts in der Rolle der Anwältin Erin Brockovich. Man kann Heldenmut nicht einfordern: Es gibt keine Pflicht zur Klugheit, ein Held zu sein. Und nein: Opfer sind nicht als Selbstzweck zu glorifizieren – einfach um des Opfers willen. Aber sie sind manchmal – so auch in Kriegen – leider nötig, um das eigene Land, die eigene Freiheit und die der Menschen, die man lieb hat, zu schützen. Um nämlich ein Gemeinwesen vor Despoten und vor Aggressoren zu bewahren. Und solange die Menschen in der Ukraine Widerstand leisetn wollen, solange müssen wir sie unterstützen. Die Freiheit Europas wird in der Ukraine verteidigt. Und diese Ukraine ist, anders als der Hindukusch, mitten und im Herzen Europas. Es ist Lemberg, es ist Odessa, es ist Czernowitz, die Stadt Paul Celans und Rose Ausländers, die Stadt von Herrn Zwilling und Frau Zuckermann.

Seltsames Ding auch in den Niederungen der Praxis: Ich habe damals und bisher von keinem der „Friedensfreunde“ und bei kaum einem in der sogenannten Friedensbewegung je als Forderung gehört, daß die Iraker 2003 ihre Waffen hätten wegschmeißen sollen und kapitulieren sollten, um unsägliches Leid zu vermeiden. Ich habe beim Sichten der Zeitumstände im Blick auf den Vietnamkrieg nirgends gehört, daß die Studenten in den westlichen Universitäten den Vietkong zum Niederlegen der Waffen aufforderten, ob der Übermacht der US-Armee. Ganz im Gegenteil fanden Vietnamkongresse statt und man sammelte Geld, um Waffen für den Vietkong zu bekommen. Sehr zu recht! Sie riefen nicht „Nieder mit den Waffen!“, sondern „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh!“ Ähnliches auch beim Kampf in Nicaragua in den 1980er Jahren. Da tranken die Leute aus Solidarität diesen eher schrecklich schmeckenden Kaffee namens Sandino-Dröhnung und sie finanzierten Waffen für Rebellen. Ganz zu recht beides. Selbst wenn der Kaffee nicht schmeckte. Und auch im spanischen Bürgerkrieg hörte ich von linker Seite den Satz nicht die Debatten darum, daß man aufgeben müsse, sondern vielmehr erscholl da der Schlachtruf: „No pasarán!“ und nicht „Ihr müßt klein beigeben“. Zum Glück saßen in jenen 1930er Jahren nicht Jens Berger und Albrecht Müller von den Nachdenkseiten oder gar die Verschörungsclowns Pohlmann und Jebsen mit ihren Schmierhänden an den Schreibmaschinen. Und ich denke, diese Parole, aus Klugheit die Waffen abzugeben, wäre auch beim polnischen und tschechischen Widerstand, beim russischen Partisanenkrieg gegen den Überfall von Nazi-Deutschland auf Rußland und beim Kampf der Resistance gegen Nazi-Deutschland auf taube Ohren gestoßen – und das wäre noch die höfliche Variante. Was hier in Deutschland als Friedensbewegung herumrennt und sinnlose Parolen ruft, die sie besser in Moskau riefen, wenn diese Leute Mut hätten, oder in Kiew vor den Russen-Panzern auf Schilder schrieben, wurde von Ralf Füchs vor wenigen Tagen in einem Interview mit dem „Stern“ gut auf den Begriff gebracht:

„Der deutsche Nationalpazifismus zeigt hier seine egoistische Seite: die Verteidigung von Sicherheit und Freiheit will man mitsamt den damit verbundenen Kosten lieber anderen überlassen. Dieser Egoismus wird mit einer höheren Moral des Gewaltverzichts veredelt.“

Es gibt Situationen, wo die Gewalt eines Despoten und Menschenmörders wie Putin nicht mehr mit Worten, sondern mit allen Mitteln der Gegenwehr beantwortet werden muß. Den Krieg zu vermeiden? Er ist längst da. Putin hat den Krieg in die Mitte Europas getragen – bis vor unsere Haustür. Und ob dieser Krieg eskaliert oder nicht, liegt nicht daran, ob Länder wie Litauen, Estland, Lettland, Polen und Rumänien nun ihre Verteidigung organsisieren und ob die Ukraine mit unserer Hilfe, mit Panzerabwehr, Stinger-Raketen, Flugzeugen und Panzern, ihre Verteidigung gegen einen Mann organisiert, der die Zivilbevölkerung in Spezialeinsätzen ermordet, sondern es ist an Putin, diesen Krieg zu stoppen.

In Replik auf Prechts Vorschlag kommentierte Guillaume Paoli auf Facebook im Blick auf die Situation in Frankreich nach dem deutschen Überfall 1939 folgendes pointiert:

„Die Armee der Invasoren ist hoffnungslos überlegen, wir wollen Frieden, eine Fortsetzung des Konflikts würde der Bevölkerung nur unnötiges Leid bringen. Widerstand ist zwecklos bzw. nützt nur den Eigeninteressen der Angloamerikaner, besser ein halb besetztes Land als ein ganz besetztes. Das waren ganz genau die Argumente, die Pétain für die Kapitulation Frankreichs 1940 verwendete. Deswegen werde ich bei solchen Behauptungen hellhörig. Was, wie schon gesagt, nicht heißt, dass ich für Märtyrerkult und Heldenpathos werben würde -mich jedoch auf die gepredigte „Pflicht zur Kapitulation“ allergisch macht, zumal wenn diese von Menschen kommt, denen es ganz offensichtlich nur um den eigenen egoistischen Komfort geht. Und sich deswegen die Frage nicht stellen wollen, wie würde für Ukrainer das Leben unter russischer Besatzung aussehen.“ (Guillaume Paoli, auf Facebook; 14.3.2022)

Und das genau ist die Frage: Wie wohl mag ein Leben in der Ukraine unter russischer Besatzung aussehen? Seltsam auch, daß Menschen, die hier bequem in Deutschland auf Sofas sitzen, Menschen, die demonstrieren können und alle Freiheiten der Welt besitzen, die sie in Moskau niemals haben werden, solch gute Ratschläge für Menschen parat haben, die es sich nicht gefallen lassen wollen, wenn sie überfallen, bombardiert, umgebracht und ermordet werden. Vor allem wegen dieser verlogenen Doppelmoral ist solche Haltung verlogen: Hier in Frieden und Freiheit zu hocken und all die Freiheiten des Sofamaulens zu genießen, den tapferen Ukrainern aber, die sich gegen einen Angriffskrieg wehren und die ihre Heimat, ihr Land, ihr bisheriges Leben, das es so oder so nicht mehr geben wird, gegen einen Aggressor verteidigen, dieses Recht absprechen zu wollen. Putin macht vor, was auch in vielen anderen Ländern geschehen wird. Besser ihn jetzt stürzen und aus dem Weg bringen.

Und mein ceterum censo zum Schluß: Im übrigen bin ich der Meinung, daß es einen Untersuchungsausschuß im Blick auf die Regierungen Schröder und Merkel geben muß, wie die Bundesrepublik derart abhängig von Rußland werden konnte. So schrieb es kürzlich Alice Bota. Zu recht. Und wie von mir bereits geschrieben: Das größte Exportgut der Russen ist nicht Gas, sondern Korruption. Und im Falle der deutschen Abhängigkeit ist nun die Frage zu untersuchen, ob Schmiergelder geflossen sind, ob Leute abhängig gemacht wurden oder ob sie gar erpressbar waren. In der Diktion der Verschwörungsschwurbler müßte man nun schreiben: Merkel ist nicht abhängig von den USA gewesen, sondern vielmehr wurde sie mit ihrer (angeblichen) Kaderakte von dem ehemaligen KGB-Mann Putin erpreßt. Jenem Leningrader Hinterhofschläger, der inzwischen seine Methoden verfeinert hat. Aber solcher Logik eben sollten wir nicht folgen: Es ist die der Verschwörungsschwurbler.

Und auch auf diese Bilder hat der Mörder aus Moskau das Copyright:

Irpin, Roman Pilipey
Abschied am Bahnhof in Lwiw, Mykola Tys Imago images
Eine Frau und ihre Enkelin warten am polnischen Grenzübergang Medyka auf den Transfer zu einem Bahnhof. Louisa Gouliamaki AFPGetty Images

„Berliner Zeitung“ oder ein langer Brief zu einem kurzen Abschied von meinem lang währenden Abo

Im Jahr 1999 geriet ich nach Berlin, kannte die Stadt zuvor nur flüchtig: sie war erheblich im Umbruch, die letzten Zuckungen jener wilden Jahre nach der Wende waren noch zu beschauen, aber zugleich zeichnete sich ab, daß diese Stadt im Lauf der Zeit ein anderes Gesicht erhalten würde. Als ich nach Berlin zog, dachte ich lange, welche Tageszeitung zu lesen sei, um am Stadtgeschehen teilzunehmen und um zu wissen, was im Kiez und auch andernorts passiert: was geht am Theater, was in den Galerien und Museen? Gutes und kluges Feuilleton, das neben der Information auch Analyse bietet: Kunst samt Kritik. Es gab drei Zeitungen, die zur Auswahl standen: Die Berliner Morgenpost, der Tagesspiegel und die Berliner Zeitung. Ein Kollege, typischer Ostmensch, im guten Sinne, riet mir zur Berliner Zeitung, die sei die beste. Sicherlich auch ein Rat aus Ostpatriotismus heraus – nicht im Sinne von: die DDR war knorke, sondern: es gab dort Dinge, die zu bewahren und die weiterzubetreiben es sich lohnt. Und das stimmt allemal – nicht nur im Blick auf die Berliner Zeitung. So fiel am Ende meine Wahl auf jene alte und zugleich junge Zeitung. Obwohl altes DDR-Gewächs war sie inzwischen frisch und innovativ. Nice and fresh, wie man heute zu sagen pflegt. Gründlich überarbeitet und verbessert, Relauch wie man so schön sagt. Und der funktionierte.

Es gab eine Zeit und die währte lange, da habe ich die Berliner Zeitung gerne gelesen, freute mich morgens auf die Zeitung, die ich dann gegen Mittag bzw. am Abend mit Lust las. Das war schon so eine Art von Tradition und auch das handliche Format tat ein übriges dazu – Rheinisches Format, für jene, die den Begriff suchen. Aber vor allem waren es die Inhalte und die Art, wie Journalistinnen und Journalisten schrieben: eine gute, umfassende Berichterstattung über die Stadt, auch auf der Lokalebene. Und vor allem ein frisches, kluges, intelligentes, offenes und teils auch witziges Feuilleton. Es war eine Freude, die Zeitung zu lesen und es war vom Intellektuellen wie auch von den Informationen her bereichernd. Dagegen war die westliche Konkurrenz genau das, als was man sie spöttisch benannte: „Tante Tagesspiegel“: leicht saturiert, ganz nett, aber ein bißchen staubig auch. Und die „Morgenpost“ war eher eine Familienzeitung für den bürgerlichen Mittelstand – also auch nicht ganz meine Sache. Die Berliner Zeitung hingegen besaß etwas, das man mit dem Begriff „Geist“ zusammenfassen konnte. Sie traf einen Ton der Zeit, ohne sich am Zeitgeist anzubiedern. Mit ihr begleitete ich gerne jene wilden Zeiten, selbst dann noch als die Zeitungsbranche ab Mitte der 00er Jahre in eine heftige Krise geriet, als es krachte und die Zeitung an den Rendite-Raffke David Montgomery verscherbelt wurde. In dieser Zeit geschahen, zum Leidwesen der Redaktion, die ersten Einbrüche in der Qualität des Blattes. Aber es war am Ende auszuhalten – auch wenn die Zeitung leicht ausdünnte. Lediglich aus Protest gegen solche Einsparungen, aber nicht, weil ich mit der Redaktion unzufrieden war, kündigte ich 2008 mein Abonnement, um es aber nach einem Monat dann doch wieder aufzunehmen.

Und wie es so ist, erlebt ein Leser mit seiner Zeitung zusammen Höhen und Tiefen: Es gibt Artikel, da sagt man „genial, was für eine kluge und analytisch genaue Sichtweise“ – etwa wenn Dirk Pilz abwägend und gründlich über die Heidegger-Debatte und dessen Schwarze Hefte schrieb, und das ohne in die üblichen Dichotomien zu verfallen. Andererseits gibt es Texte da ärgere ich mich als Leser. Und genau so muß es auch sein. Da war der einstmals teils witzig-bissige Jens Balzer als Musikkritiker, leider geriet er immer mehr auf dem Weg nach Identitätspolitikshausen und die achtzehnte Beschreibung von Helene Fischers oder eines anderen ihm unliebsamen Popstars Bekleidung ist am Ende nur bedingt witzig und nudelt sich ab. Aber auch Balzer ließ sich verkraften – dafür gab es zur Freude Arno Widmann und Harald Jähner – und irgendwann ging dann auch Balzer – was freilich mit der Verschlechterung der Lage Mitte der 2010er Jahre zu tun hatte und weil die Redaktion in sogenannte Newsrooms umzog. Und leider ging eben auch Jähner; und Pilz, mit dem ich politisch in vielem nicht einer Meinung war, verstarb. Aber immer noch blieb ich der Zeitung treu. Zumal diese Zeitung unterschiedliche Sichtweisen unter einem Dach vereinen konnte. 2019 dann stieg das Unternehmerpaar Silke und Holger Friedrich in die Zeitung ein und übernahm. Sie kamen nicht vom Journalismus, aber dieser Umstand mußte nichts bedeuten, denn ein Verleger braucht nicht schreiben zu können, sondern er soll ein angeschlagenes Schiff steuern und auf guten Kurs bringen. Ich war nach der Misere der letzten Jahre zuversichtlich.

Doch leider fiel dieser Wechsel nicht so aus, wie ich es mir erhoffte: nicht die Stärkung des Lokalteils war Ziel, sondern er wurde geschwächt. Nach nunmehr bald 22 Jahren Abonnement dieses mir lieb gewordenen Blattes habe ich im Januar dieses Jahres mein Abonnement endgültig gekündigt und bin zum Tagesspiegel gewechselt. Und damit bin ich nicht unglücklich. Im Gegenteil: ich finde dort das, was ich inzwischen bei der Berliner Zeitung vermisse, und es ist auch keine Verlegenheitslösung, sondern die bessere Wahl. Warum der Wechsel?

Zum einen ist der Berlin-Teil derart ausgedünnt, daß es im Blick auf Lokales keinen Unterschied mehr macht, ob ich gar keine Zeitung lese oder ob ich die Berliner Zeitung lese. Kleines Beispiel: Mitte Januar gab es in Berlin mehrere Brände, die Feuerwehr war stark in Anspruch genommen. Einer der Brände fand genau in der Straße statt, wo ich wohne: eine schwerverletzte Person wurde aus dem Haus gebracht und auf dem Gehsteig behandelt. Die Sanitäter und der Notarzt machten eine halbe Stunde Herzdruckmassage, um sie dann mit Kanülen zu verkabeln. Leute lesen eine Lokal-Zeitung, weil sie das, was in ihrer Nähe geschieht, noch einmal und mit Hintergründen versehen lesen wollen: deswegen der Lokalteil. Warum brannte es? Was geschah? War die Feuerwehr am Rande ihrer Kapazität oder ging es gut? Die großen W-Fragen im Journalismus eben. Wo, wie, was, warum, wieviel, weshalb. Eigentlich etwas, das bereits der Volontär lernt und weiß. Wenn aber Lokalredaktionen kaputtgespart werden, um dann mit dem Geld eine Wochenendausgabe zu finanzieren, die eher einem Life-Style-Magazin für politisch Rechtschaffene gleicht, statt einer Zeitung für die ganze Stadt, dann brauche ich keine Lokalzeitung mehr. Und wenn die Themenpalette sich auf das beschränkt, was im inneren Berliner S-Bahn-Ring passiert, brauchen Bewohner, die dort nicht wohnen und die der identitätspolitische Zirkus in Kreuzberg-Friedrichshain und eine Buchhandlung wie She said oder irgendwelche Transidentitäten nur am Rande interessieren, sich diese Zeitung nicht mehr zu kaufen. Anders der Tagesspiegel, der ein breites Themenspektrum fährt – auch politisch.  

Zweitens halte ich jene sich leider vermehrt in der BLZ breitmachende Tendenz des Belehrjournalismus für verhängnisvoll – sozusagen die Nils-Minkmarisierung des Journalismus. Wenn Journalisten meinen, Haltungen verkaufen zu müssen und Erzieher ihres Volkes zu spielen, indem eine Redaktion bestimmte Themen (Gender-Transgender, Identitätspolitik, Rassismus als Dauerbrennerthema in schöner Lifestyle-Form aufgepimpt) nicht nur in einer Unwucht in die Zeitung bringt, sondern auch mit jenem Haltungsnotenton und dem wedelnden, erhobenen Zeigefinger versieht – Anfang Januar von Susanne Lenz der Hauptaufmacher des Feuilletons „Rassistisch oder zeitgemäß?“ und so zieht sich das von Lenz bis Hanno Hauenstein –, dann ist das zwar die Entscheidung der Zeitung. Und meine Entscheidung ist es dagegen, als Leser diese Art von Berichterstattung nicht zu goutieren. Nicht per se wegen dieser Themen, sondern wegen einer Debattenunwucht und einer Einseitigkeit in der Ausrichtung. Kaum vorstellbar, auch einmal einen Bericht zu lesen, weshalb es sinnvoll sein kann die englische Queen mit einer Weißen zu besetzen, weshalb es ein biologisches Geschlecht gibt und wir daran festhalten müssen, weshalb es sinnvoll ist, den Namen Mohrenstraße zu belassen. Vermutlich würden diese Texte eher noch von Götz Aly kommen. Im Falle der Mohrenstraße setzte dieser sich in der BLZ vehement für die Beibehaltung dieses Namens ein. Nur eben: Aly ist kein Journalist und nicht Mitglied der Redaktion, sondern externer Kolumnist – wie überhaupt, auch bei der ZEIT, interessante und kluge Perspektiven oftmals eher von Externen kommen und nicht von jenen in ihrem Sud brutzelnden Journalisten des täglichen Klein-klein. Aber vermutlich würde, wenn jemand, der fester Journalist ist und der solche Artikel schriebe, es bald mit einem Aufschrei auf Twitter zu tun bekommen, wie dies unlängst der Tagesspiegel-Autorin Fatina Keilani widerfuhr, die inzwischen dann auch nicht mehr beim Tagesspiegel arbeitet: „Sagste einen falschen Satz, kriegste einen vor den Latz“ hieß es mal in der antiautoritären Kindersendung Rappelkiste kritisch: ja, die Revolte frißt ihre Kinder. Und diesem neuen digitalen, identitären Mob – orchestriert teils von Leuten aus dem Medienmilieu – mögen sich immer weniger Journalisten aussetzen, schon gar nicht, wenn man keinen großen Namen hat, der einen schützt. Nur noch wenige, wie Jan Feddersen, Deniz Yücel oder der Kolumnist Aly, der gegenüber jeder Parteinahme für Kolonialismus unverdächtig ist, können es wagen, jemanden wie Kathleen Stock gegen einen transaggressiven Mob, der bis ins deutschuniversitäre Milieu vermeintlicher „kritischer“ Theorie reicht, zu verteidigen.

Nein, eine Zeitung soll nicht nur die Weltsicht des Lesers widerspiegeln, in diesem Falle eben meine, sondern ich möchte eine Zeitung lesen, die auf einem breiten Spektrum informiert und verschiedene Stimmen zu Wort kommen läßt. Und bei einer Tageszeitung, die für viele Leser dasein will, sollten viele Stimmen abgebildet werden. Und das kann auch bedeuten, daß jene Zeitung in einer Reportage oder einem Interview einen Querdenker, einen Neonazi, einen Linksextremisten, einen Veganer, einen Fleischliebhaber oder einen Transmenschen zu Wort kommen läßt.

In den Artikeln gehäuft eine bestimmte politische Tendenz zu bedienen und nicht zu berichten, sondern zu belehren, gehört zu den Gründen meiner Abo-Kündigung. Vom geschrumpften Lokalteil ganz zu schweigen. Daß eine Volontärin wie Maxi Beigang in ihren Texten in Dauerschleife eine Politagenda der trivialen Art fährt, stößt ebenfalls unangenehm auf. Man kann solche Art von Agendaschreibe vielleicht als Kinderjournalismus abtun: von jungen Menschen, die sich bei ihrer Peer-Group profilieren wollen. Doch das ist eben kein Journalismus mehr, sondern PR – und wer will als Journalist schon zu einer Margarete Stokowski herabsinken? Und das gilt auch – oder gerade – fürs Feuilleton. Solchen Haltungsjournalismus kann ich als Leser noch goutieren, wenn er Einzelfall ist. Das eben ist jene Vielfalt. Wenn aber diese Vielfalt zum Einheitsbrei und dann zur Einfalt wird, läuft bei einer Zeitung etwas falsch. Und wenn ich von der Schreibe und der politischen Haltung Autorinnen wie Antonia Groß und Maxi Beigang nicht mehr auseinanderhalten kann, dann sollte sich eine der beiden Damen überlegen, ob sie sich vielleicht einen anderen Markenkern zulege möchte. Man vermeidet solchen Brei, wenn man sich selbst einfach mal beim Schreiben zurücknimmt. Ich möchte nicht lesen, was 25jährige junge Frauen oder Männer so denken und was sie den Tag über bewegt. Ich kaufe keine Schülerzeitung, sondern eine Tageszeitung. Auch sehe ich nicht ganz ein, warum ich mich für das Tagebuch einer Jungjournalistin wie Beigang interessieren sollte – nicht einmal sofern dieser Text satirisch gemeint war. Dafür gibt es Blogs. Auch dies ist leider eine Tendenz, die ich verstärkt im Journalismus beobachte. Journalisten, die zunehmend um sich selbst kreisen und über sich, über ihre Kinder, über ihre Mütter, über ihren Tagesablauf berichten. Warum sollte das normale Leser interessieren?

Aber nicht einfach wegen solcher immer wieder ins Blatt gebrachter Themen ist diese Art von Journalismus verhängnisvoll – gerne kann man in guter Weise über Feminismus berichten oder über Rassismus, den es ja objektiv gibt –, sondern wenn ich als Leser bemerke, daß ich belehrt werden soll und mich eher in die Zeiten des Neuen Deutschlands der alten Art zurückgesetzt fühle, dann stellt sich Widerwille ein: ich will als Leser ernstgenommen werden und nicht das Objekt kinderpädagogischer Versuche sein. Wenn ich solche Tendenz verstärkt feststelle – das ist zumindest mein subjektiver Eindruck – dann ist es Zeit abzubrechen. Insbesondere wenn ich den Eindruck habe, daß sich eine Zeitung an eine bestimmte Zielgruppe und an einen bestimmten Zeitgeist andient.

Ich habe die Berliner Zeitung jahrelang geschätzt. Sie war Anfang der 2000er Jahre in meinen Augen die beste Tageszeitung, teils sogar der Bundesrepublik – zumindest in meinem kursorischen Sichtungsvergleich. Diese Zeit ist lange vorbei. Wenn ich bei einer Zeitung einen Großteil der Texte nur noch ärgerlich abbreche; wenn ich in einer Lokalzeitung keinen angemessenen Lokalteil mehr finde; wenn die Wochenendausgabe zu einem Hochglanzmagazin für Bobos wird, dann ist es Zeit, mit dem Lesen insgesamt und also auch mit dem Abonnement abzubrechen. Eine Tageszeitung lebt davon, daß der Leser sie morgens gerne liest. Sie lebt nicht davon, daß ich morgens beim Briefkasten jedesmal denke: „Gott, was erwartet mich jetzt wieder für ein Schmarrn?“ Daß ich eine Ausgabe gerne las, war leider bei der BLZ nur noch sehr bedingt der Fall. Mit dem Wechsel der Eigentümer hatte ich mir eine Qualitätssteigerung der gedruckten Zeitung versprochen. Die blieb jedoch weitgehend aus. Das ist schade, weil ich die BLZ lange Zeit gerne gelesen habe. Nun ist es vorbei und da führt kein Weg zurück.

„Tag der Freiheit!“? Eine Demo in Berlin samt einem Exkurs zu Verschwörungstheorien

Ich habe mir gestern den Spaß gemacht und das Internet abgegrast, um eine Demo zu dokumentieren – statt wie sonst direkt und mit der Kamera vor Ort zu sein. Das geht gut vom Schreibtisch aus, man bekommt keinen Sonnenbrand und man gerät nicht mit Leuten in Kontakt, mit denen man nichts zu tun haben will. Ich bin, obwohl ich solche Ereignisse photographierend in der Regel gerne begleite, zu der Demo der Coronaleugner am 1.8.2020 nicht hingegangen, weil mir das Risiko zu groß ist, von Menschen, die allesamt keine Masken tragen und die spuckend sprechen und rotzen, mich anstecken zu lassen. Wer sich einen Eindruck von der Qualität der Veranstaltung machen will und was ihn dort erwarten wird, der schaue sich dieses Ankündigungsvideo an:

Den Schlußpunkt einer Pandemie – mit bisher rund 680.000 Toten und vielen durch dieses Virus chronisch Kranken mit vermutlich irreparablen Folgeschäden  – kann man nicht per Ordre verkünden: „Das Ende der Pandemie – der Tag der Freiheit“ – und mit Pech wird in Deutschland eher das Gegenteil der Fall sein. On verra. Ob die Veranstalter wußten, daß das Motto der Demo der Titel eines Propagandafilms von Leni Riefenstahl ist: „Tag der Freiheit! – Unsere Wehrmacht“, sei dahingestellt. Würde man in jenen verschwörungstheoretischen Mustern denken, wie es ein großer Teil dieser Leute tut, müßte man dahinter wohl eine verborgene  Absicht vermuten. Geheime Codes des Deep-Nazi-State: ist nicht auch die 1 der erste Buchstabe des Alphabets: ein A, es steht für Adolf und die 8 ein H, es steht für Hitler? Da wurde doch sicherlich mit Bedacht dieses Datum gewählt. Der Führer allerdings in seiner Reichsflugscheibe tauchte an diesem Tag nicht auf, um Berlin zu befreien und zurückzuerobern. Keine Armee Wenck. Es verlief alles anders. Aber Scherz beiseite.

Nein, die Veranstalter und ihr Pressesprecher Stephan Bergmann werden Riefenstahl vermutlich nicht kennen – obwohl ich mir bei letzterem nicht sicher bin, wenn man auf seine Gesinnung schaut – dazu mehr weiter unten. Ansonsten freilich: Kulturelle oder gar wissenschaftliche Bildung unterstelle ich den Veranstaltern nicht, aber es gibt immerhin sowas wie Internet, wo der geneigte Veranstalter googlen kann, was es mit einem Slogan auf sich hat.

Nun schätze ich Leni Riefenstein zwar als Bildästhetin, Photographin und Filmemacherin, die wegweisend war, bis heute, und Stripped“ gehört bis heute zu meinen Lieblingsvideos von Rammstein. Weniger aber schätze ich sie als Nazi-Sau und -Akteurin. Und wer es 1935 noch nicht wußte oder meinte es nicht wissen zu wollen, der muß solches dennoch für die Vita sich zurechnen lassen. Einerseits möchten diese Leute als Erwachsene behandelt werden, und tut man es, reden sie sich andererseits auf faule Weise heraus, als ob man es mit einem unmündigen Kind zu tun hätte.

Und das gilt ähnlich auch für die heutige Demonstration. Wer bei sowas mitläuft, sollte sich dies gut überlegen, wenn er zwischen Reichskriegsflaggen und Südstaaten- und QAnon-Fahnen mitmarschiert, er mag auch solche Fahnen nicht billigen oder es ist ihm egal. Ein Veranstalter, der nicht dazu aufruft, solche Fahnen umgehend zu entfernen, weiß ebenfalls, mit wem er da marschiert oder er will es nicht anders und hält um der hohen Teilnehmerzahlen willen und um unterschiedliche und teils schlimme Kräfte zu bündeln, den Mund. Die Reihen fest geschlossen – passend insofern, als auch die NPD zur Teilnahme an dieser Veranstaltung aufrief. Und ebenfalls Leuten wie der Reichsbürger (und Ex-NPD-Mitglied) Rüdiger Hoffmann, der vor dem Reichstag eine Rede schwang. Nicht in Absprache mit den Organisatoren dieser „Tag der Freiheit“-Kundgebung, aber eben doch als Teil solcher Masse. Man kann den Leuten dies nicht eins-zu-eins zurechnen, aber selbst als ein Mensch, der Maßnahmen gegen die Ausbreitung von Corona skeptisch gegenübersteht, sollte sich gut überlegen, mit wem er sich da auf den Weg macht.

Transparente wie „Wer in der Coronakrise schläft, wird in der Diktatur aufwachen“, dazu eine Friedenstaube, kann man vielleicht als Naivität oder als Alarmismus besorgter Menschen werten – beides gab es bereits in den 1980er Demos der Friedensbewegung: Le German Angst. Angst ist nicht rational und leider helfen gegen sie oftmals keine logischen Argumente. Und es sind sicherlich nicht alle Teilnehmer dieser Demonstration Reichsbürger und Rechtsradikale – auf den von mir im Internet gesichteten Videos sind unterschiedliche Menschen zu sehen, ein Teil Esoteriker, teils Rechte, teils Leute, die man kaum einschätzen kann, teils aggressive Leute, wie man sie von Pegida kennt. Einige erscheinen wie eine Mischung aus Wutbürger und normaler Bürger, die irgendwie ihren Dampf ablassen wollen. Transparente mit Slogans wie „STRAFVERFOLGUNG FÜR DIE GURUS DER GEMEINGEFÄHRLICHEN SEKTE DER ZEUGENCORONAS“ zeigen den Stand des Bewußtseins einiger dieser Teilnehmer.

Insofern sollten aufgrund solcher Teilnehmer gerade solche, die sich ernsthaft um die Freiheitsrechte sorgen und mitmarschieren, sich überlegen, mit wem sie da teils gemeinsame Sache machen und daß da eine unheilvolle Melange entsteht. Wer ein DIN-A4-Blatt „WER JEDES RISIKO AUSSCHLIESSEN WILL HAT DAS LEBEN NICHT BEGRIFFEN Liebe Freiheit Toleranz“ mag ein Anliegen haben und besorgt sein und solche Leute kann man womöglich in Debatten auch noch erreichen, weil sie vielleicht halbwegs noch bei Sinnen sind.

Bei vielen jedoch, die das Wort „Grundgesetz“ vollmundig heraustönen, vermute ich stark, daß sie dieses niemals komplett und nicht einmal in Auszügen gelesen haben. Denn sonst würden sie solchen Schmarren wie Diktatur und Zwangsmaßnahmen nicht derart unreflektiert herauskrähen – ich empfehle solchen Leuten gerne das Standardwerk von Manfred G. Schmidt „Das politische System der Bundesrepublik Deutschland“, um zumindest die basale politische und gesellschaftliche Organisation dieses Gemeinwesens intellektuell zu erfassen und um überhaupt mitreden zu können: Demokratie bedeutet nämlich keineswegs, daß ich mir wie in einer Cafeteria aussuchen kann, was mir persönlich gut gefällt. Das Grundgesetz ist keine Privatbespaßung, und es ist auch keine Proklamation für einen unbezüglichen Begriff von Freiheit, frei zu allem und zu jedem zu sein und daß jeder tun und lassen kann, was er will, weil sonst ja die eigenen Menschenrechte eingeschränkt würden.

Individualistische Ungebundenheit, tun zu können, was man zu wollen meint, ist keine Freiheit und bloßer Schein von Individualismus zudem. Tatsächliche Freiheit findet sich nicht im Ungebundenen, um mit Hegels Theorie der Freiheit zu sprechen, sondern in der Vermittlung durch Institutionen – eben einem Rechtsstaat, der unter anderem in der Gewaltenteilung besteht und dem Individuum durch das Recht erst seine Freiheit ermöglicht, Individuum zu sein, und vielfach hat die Judikative für die Durchsetzung von Freiheitsrechten selbst in Corona-Zeiten gesorgt – bspw. die Genehmigung der Demos in Stuttgart seinerzeit. Auch ein Aspekt, den viele der Teilnehmer gerne unter den Tisch fallen lassen: dass sie auf den Rechtsstaat spucken, von dem sie ansonsten jeden Tag profitieren. Jene vermeintliche Ungebundenheit, die fälschlicherweise als Recht auf Freiheit verkannt wird, führt zur Vereinzelung des Individuums oder bringt, wie man an den Parolenrufen der Demonstranten sieht, einen verhängnisvollen Kollektivismus zum Vorschein, der sich frei dünkt, in Wahrheit aber der Ausdruck des schlechten Allgemeinen ist, das zu bekämpfen vorgegeben wird.

Im übrigen rate ich jenen, die sich aufs Grundgesetz berufen und es ostentativ in die Höhe halten, einmal kurz einen Blick dort hineinzuwerfen sich den Artikel 11 einmal gut durchzulesen. Als Serviceleistung stelle ich ihn hier ein:

„(1) Alle Deutschen genießen Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet.

(2) Dieses Recht darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes und nur für die Fälle eingeschränkt werden, in denen eine ausreichende Lebensgrundlage nicht vorhanden ist und der Allgemeinheit daraus besondere Lasten entstehen würden oder in denen es zur Abwehr einer drohenden Gefahr für den Bestand oder die freiheitliche demokratische Grundordnung des Bundes oder eines Landes, zur Bekämpfung von Seuchengefahr, Naturkatastrophen oder besonders schweren Unglücksfällen, zum Schutze der Jugend vor Verwahrlosung oder um strafbaren Handlungen vorzubeugen, erforderlich ist.“

Aber weiter zu den Organisatoren dieser Kundgebung. Pressesprecher von „Querdenken 711“ ist Stephan Bergmann, der seine medizinische und wissenschaftliche Expertise mit Büchern wie „Steinwesen im Medizinrad: Das Kartenset zur Arbeit mit der Kraft der Steine“ unter Beweis stellte. Auf der Werbeseite für sein Buch findet sich zudem dieser Hinweis: „Stephan Bergmann, Erfinder der Motherdrum, Entdecker des Motherdrum-Healings und Schöpfer des Heal-The-Earth-Dances samt Motherdrum & FatherSky – Festivals. Vater von vier Kindern und der Motherdrum-Community.“ Das mögen Dinge sein, über die man vielleicht noch lachen kann, dennoch möchte ich von solchen Leuten eigentlich keine Referate zu Covid-19 hören, so wie ich mir etwas Medizinisches über eine Wurzelresektion auch nicht von jemandem erzählen lassen möchte, der mit Heilsteinen würfelt. Aber das kann man noch als Spaß verbuchen. Wer jedoch solche Aussagen teilt, der muß sie sich zurechnen lassen.

 

(Bild entnommen dem „Tagesspiegel“, in jenem Artikel finden sich weitere Hinweise zu Bergmann.)

Und wer solche Menschen als Pressesprecher beschäftigt – also jemand, der für die Außendarstellung und die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist -, muß sich dies ebenfalls zurechnen lassen.

Das Problem auf dieser Kundgebung sind aber nicht primär jene Nazis dort, Rechtsextremisten teils, die vielen Aluhüte und einige Reichsbürger, die den Reichstag stürmen wollen – ob sie nun wenige sind oder nicht und inwiefern solch esoterischem Gewäsch irgendwelcher Friedenstrommler ein autoritärer Charakter unterlegt ist, bleibt dafür gleichgültig. Das Problem ist die ungeheure politische Naivität dieser Leute und die Chuzpe mit der Dummköpfe simulieren, sie seien Wissende. Wenn man sich die Rede des GEZ-Verweigerers Heiko Schrang anhört und dazu jene, die Beifall klatschen, dann kann man ermessen, was ich damit meine:

„Wir sind nicht getrennt, ich bin oben, wir sind unten, wir sind alle eins, und ihr wißt es, ihr spürt es im tiefsten Inneren. Und der Mainstream hat eins gemacht, er hat jahrzehntelang uns geteilt, er hat dem Lebenssinn von uns verkehrt.“

Zwischen Selbstüberschätzung, billiger Rhetorik und einer pauschalen und leerlaufenden Medienkritik, ist in solchen Reden keine Substanz zu finden: Es geht darum, den Jubel der Gleichgesinnten zu organisieren – egal mit was für haarsträubenden Thesen – und das ist das eigentliche Problem dieser Leute, die solchem Blödsinn zujubeln. Auch das muß man sich zurechnen lassen. Und ebenso müßte man die übrigen Reden dieser Veranstaltung  einmal auf ihre Inhalte und ihre rhetorische Struktur hin untersuchen. Es kommt freilich solcher Blödsinn, das muß man dazu sagen, nicht nur auf jenen Demos der Aluhüte zum Tragen, sondern zieht sich durchs gesamte politische Spektrum. Solche Vögel wie Heiko Schrang  allerdings sind dann schon ein Spezifikum, das man vermehrt auf dieser Art von Demonstration antrifft – auch wenn man sich einige der Reden auf Pegida- und AfD-Kundgebungen anhört.

Das vermeintlich kritische Bewußtsein gleicht dem des Paranoikers. Und auf ähnliche Weise arbeiten auch die Verschwörungstheorien. Sie funktionieren als ein sich selbst stützendes Zirkelschlußsystem: Man setzt eine Annahme X per se als wahr (DER Islam, DIE Medien, DIE Juden, DAS System, die im Geheimen etwas Übles bewirken und konstruiert ein Kollektivsingular) – sei es, weil man diese Annahme einfach dogmatisch postuliert oder weil man einzelne Beispiele sich herausgreift und von „einige“ auf „alle“ schließt (mereologischer oder auch induktiver Fehlschluß). Das, was dann per ordre und im dogmatischen Gestus als wahr gesetzt wurde, bestimmt im weiteren Verlauf alle übrigen Interpretationen der sozialen Wirklichkeit und bestimmt auch die Ausführungen sowie die Fakten, die dann genau unter diesem dogmatisch gesetzten Aspekt gedeutet und zurechtgebogen werden. Jedes Zeichen, jede Aussage, jede Meldung kann dann bequem sortiert und eingeordnet werden: „Merkel-Diktatur, Medienhuren etc., Islam oder Judenverschwörung oder gleich wahlweise beides: Slogans wie Ostküste und Rothschild fungieren als Erkennungsmarke oder zeigen eben eine verborgene Absicht dunkler Geheimmacht an. Und so läßt sich auf diese Weise bequem eine in sich konsistente Wirklichkeit konstruieren, das auf der Basis von „Wir hier mit der Wahrheit“ und „Die da mit der Lüge“ arbeitet. Schlichte Dichotomisierungen zeichnet solches Denken aus. Daß die Welt komplexer ist als ein binäres Schema, gerät aus dem Blick oder wird im eigenen Überzeugungsfuror eben unterschlagen.

Verschwörungstheorie funktioniert zudem als Confirmation Bias oder wie in dem alten Witz: Fährt ein Mann auf der A2  und hört im Radio Verkehrsfunk: „Achtung! Auf der A2 kommt ihnen ein Geisterfahrer entgegen!“ „Einer“, kreischt der Mann, „Hunderte!“. Markiert und gesehen wird einzig das, was ins eigene Raster paßt.

Verschwörungsdenken braucht aber noch etwas, um geglaubt zu werden: Es muß einen Ansatz von Wahrscheinlichkeit geben, damit man Gehör findet: Wenn einer behauptet, der Regen fiele in Wahrheit von unten nach oben, aber die Bundesregierung verschleiere uns das durch Trugbilder, wird dieser Mensch kaum Glauben finden. Wenn man aber Hinterzimmermächte ins Spiel bringt, auf Realem basierend, sieht die Sache schon anders aus: Lobbyisten gibt es zuhauf und wer „CIA“ und „Geheimoperationen“ als Begriffe googelt oder Tonkin-Zwischenfall wird schnell fündig. Ebenso wird man fündig bei unsauberen Verquickungen von Journalisten mit den Regierenden oder wenn man ihre Beziehungen zu einer transatlantischen Freundschaftsorganisation herausgreift, die es realiter gibt, man schaue auf Joachim Bittner, Claus Kleber oder Josef Joffe. Und wenn man um diese Sachverhalte weiterhin eine große Erzählung spinnt und jegliches Ereignis diesem singulären Umstand unterordnet und darauf justiert, dann erhält man eine Großerzählung und ein Narrativ, das für viele stimmig wirkt: etwa solche wie: der Konflikt mit dem Iran diene nur dazu, uns von anderen wahren Problemen abzulenken. Es muß in der Verschwörungstheorie ein Körnchen Wahrheit stecken, und darauf kann dann die Simplifizierung und die gesamte Rhetorik einer solchen Großthese gebaut werden. Die weiteren komplexen Mechanismen von Entscheidungsfindungen, kritischer Gegenöffentlichkeit oder geopolitischen Überlegungen unterschlägt man. Ebenso den Aspekt, daß es möglicherweise auch andere Interpretationen und Sichtweisen der Weltpolitik gegeben könnte als die eigene.

Ganz falsch freilich ist also all das eben nicht. Haha zu machen: dem CIA käme doch nie in den Sinn, einen gewählten Staatspräsidenten umzubringen oder aus dem Amt zu jagen, ist durch die Geschichte bereits hinreichend widerlegt. Dennoch sollte man in der Analyse solcher Zusammenhänge immer die geschichtlichen und gesellschaftlichen Komplexionen im Blick behalten und solche Umstände nicht zugunsten vereinfachter Sichtweisen im dualen System aufzulösen und dann monothematisch zu besetzen. Solche manichäische Sicht ist auch bei Corona-Leugnern anzutreffen. Freilich ist auch die Gegenseite in ihrem Furor oftmals nicht besser und fährt dogmatisch.

Wenn die Bezirksbürgermeisterin von Kreuzberg Monika Herrmann twittert „Wir haben es aber laufen lassen – was ich für einen großen Fehler halte.“, dann sollte sie dazu sagen, daß ebenso die Black Live Matters-Demo vom 6.6.2020 in Berlin ohne jegliche Abstandsregeln verlief und viele Menschen dort ebenfalls keine Masken trugen oder aber nur nachlässig. Doppelte Standards machen eine Kritik problematisch im Hinblick auf die eigene Glaubwürdigkeit.

Burks schrieb zur heutigen Demo auf Facebook:

„Wo sind die Sozialdemokraten Ebert, Noske und Zörgiebel, wenn man sie mal braucht?“

Mehr ist eigentlich zum heutigen Tag für Berlin nicht zu sagen, könnte man entgegen. Aber vielleicht will ein Freund des Rechtsstaates eben doch keinen Noske, denn anders als eine Vielzahl der Demonstranten es glauben, ist Deutschland eine Demokratie und eine Rechtsstaat: es schießen keine Soldaten in die Menge der Demonstranten wie in Peking, es knüppeln keine Omon-Truppen wie in Rußland ohne Grund plötzlich eine Demo nieder. Allerdings: das Behindern der Pressfreiheit bei der Rednertribüne der gestrigen Demo hätte zwingend einen Polizeieinsatz zur Folge haben müssen, sofern die Veranstalter der Demo nicht umgehend den Zugang der Presse zur Tribüne ermöglichten. Verdi twitterte:

#b0108 15:24 Die Pressefreiheit verkommt zur Farce. Vor Ort ist die Polizei nicht „in der Lage“ die Pressefreiheit für Pressebereich vor Bühne durchzusetzen. Sie verweist seit ca 1,5 Std. auf den Pressesprecher der vor Ort irgendwann kommt und das dann regeln soll.

Der Umgang der Demonstranten mit der Presse ist, wie auch das erste Video oben zeigt, nicht immer unentspannt gewesen. Ebenfalls ist in diesem Video vom rbb zu sehen, wie ein Mann im Wallewalle-Gewand und mit einer Trommel einen Kameramann des rbb anspuckt.

Das Demonstrationsrecht ist ein hohes Gut. Es gilt auch für Covidioten und solche, die aufs Tragen von Masken verzichten und es billigend und bewußt in Kauf nehmen andere Leute anzustecken und ggf schwere Krankheitsverläufe zu provozieren. Allerdings gibt es eben auch kein Grundrecht darauf, andere Menschen in Gefahr zu bringen. Und genauso gibt es auch das Recht auf Gegenprotest, um darauf aufmerksam zu machen. Zumal diese Leute brav ihre Masken trugen..

Stefan Liebich (Die Linke) twitterte heute:  „Ihr seid keine Querdenker. Ihr seid gefährliche Spinner!“

Zu einem großen Teil stimmt das leider, insbesondere was das ostentative Nichttragen von Masken betrifft. Nur hilft die Wut oder das Gepöbel der anderen, der sich besser dünkenden Seite, am Ende nicht wirklich, jene noch irgendwie erreichbaren Menschen, die da heute auf der Demo in Berlin mitliefen, zu erreichen. Ich fürchte aber, daß wir schon lange in einer Spirale der Wutkommunikation stecken, aus der es kaum noch einen Ausstieg gibt. Allerdings: Wer mit Reichsbürgern, Rechtsextremisten, der NPD, Compact zusammengeht, muß sich dies dann am Ende des Tages schon zurechnen lassen.

Hic Rhodus, hic saltus. Oder von welchen Romanen werden wir sprechen,

wenn wir in zehn oder zwanzig oder in dreißig Jahren über die Literatur der BRD uns unterhalten und uns an das Jahr 2014 oder den Beginn dieses Jahrhunderts erinnern? Werden Namen von Autoren aus dieser Zeit genannt, die herausragten, so wie wir von der Literatur der 60er, 70er, 80er Jahre des letzten Jahrhunderts sprachen? Wie von Bölls „Billard um halb zehn“ oder seinen Erzählungen, die den Krieg als unsere eigene Geschichte in den kalten protokollarischen Blick brachte, ebenso bei Alfred Andersch, der moralisch ausschmückender verfuhr, Johnsons „Jahrestage“ (ein Ereignis, von der Konstruktion her und im Bau der Geschichte), Arno Schmidts „Aus dem Leben eines Fauns“ (was für eine eigenwillige Sprache und Fluchtreflex in der Expression), Grass‘ „Blechtrommel“ (überbordend in seiner Form und Sprache und die Geschichte Deutschlands kongenial barock spiegelnd), Max Frisches Subjektverwischungen wie im „Gantenbein“ oder im „Stiller“ (Fragen übers Ich als Auftrag des Schreibens, in immer neuen Wendungen), Botho Strauß‘ „Paare Passanten“ (ach, diese Auswegs- und Belanglosigkeit bürgerlicher Subjektivität, die schon lange keine mehr ist), Peter Handkes Subjektivierungs- und Zertrümmerungsweisen samt Ding-Ontologie und den Versuchen, diesen einen Moment ins dichterische Wort zu bannen (auch als Pop-Literatur – damals zumindest), Thomas Bernhards Ironie des Scheiterns und Weitermachens in der Existenz als Geistesmensch, Martin Walsers „Ehen in Philippsburg“ (das Bürgerlich-Kleinbürgerliche als Maß der Existenz und als Wille zum Verharren in Bigotterie bis zur Explosion), Peter Weiss‘ „Die Ästhetik des Widerstand“ (eine Literatur als Revolte und Aufruhr gegen den Stein der Geschichte) und selbst Siegfried Lenz‘ „Deutschstunde“ wird in einer Weise bleiben, wie ich es mir von all den Hegemanns; Hermanns oder Kehlmanns nicht werde vorstellen können. Von der DDR-Literatur mit ihrem ganz anderen Weg des Schreibens mal ganz zu schweigen: so die großartige Brigitte Reimann oder Christoph Heins „Drachenblut“.

Werden wir uns an Größen wie Rothmann, Hettche, Torik, Schulze, Meyer, Herbst, Schalansky, die sich mittlerweile mehr aufs Machen von wunderbaren Büchern und herrlichen Buch-Inhalten verlegte, wie etwa diese großartige Natur-Reihe bei Matthes & Seitz, in dreißig Jahren noch erinnern? Wer schreibt unsere Literaturgeschichten dieses beginnenden Jahrhunderts? Wird darin Esther Kinskys eigentümlich daseinsverlorener Roman „Am Fluß“ enthalten sein? Schalansky luzid-klare und brutale Prosa vom „Hals der Giraffe“ als Post-DDR-traumatisches Schulszenario? Wir vergessen viel. Kann sich noch jemand an Christoph Ransmayrs ungeheuren Ovid- und Verwandlungsroman „Die letzte Welt“ erinnern? Was für ein Buch im Jahre 1988! (Namen sind Beispiele)

Wir haben im Gegenwärtigen viel zu viel Literatur. Das ist gut. Wir haben ebenfalls viel zu viel schlechte und belanglose Literatur. Die angestrebte Demokratisierung der Produktionsprozesse im Literaturbetrieb führte (teils) zum Mittelmaß. All die Stipendien und Preis, die Fördergelder, Stadtschreiberposten und staatlich vergebenen Mittel, all die Schreibschulen haben satt gemacht. Träge. [Literaturarbeiter in die Produktion, müßte die Parole lauten. Und zwar in die der Formung von Texten.] Dazu ein Markt, der konformes Schreiben fördert und fordert. Viele Verlage dienen sich dem an. Nicht nur das: sie sind dieser Markt. (Heute im Hörspiel zu Mitternacht aus der Reihe: Sachzwang und Struktur.)

Dennoch. Es gibt diese immer wieder gelungenen Texte. Nur sind sie sehr viel schwieriger auszumachen als noch in den 50er, 60er oder 70er Jahren, als es 40 oder 50 Schriftsteller gab – jeder Handke, jeder Johnson, jeder Walser, jeder Grass ein Ereignis – und als die Lage übersichtlicher war. (Und genau um diese Diversifikation geht es: Wie noch den Überblick wahren, sofern „Übersicht“ und „Überlick“ überhaupt noch die für die Situation angemessenen Begriff sind? Wie eine Epoche in Gedanken und in der Reflexion fassen?) Die Literaturkritik im Feuilleton ist dieser Flut von Büchern lange nicht mehr gewachsen – und kann dies aus dem genannten Grund auch gar nicht mehr sein. Eines aber muß man ihr vorhalten: Wenn wir bei den Buchkritiken darauf sehen, welche Verlage es sind, deren Autorinnen und Autoren besprochen werden, so scheint es mir, daß es sich immer wieder um dieselben Verlage handelt. Bücher aus kleinen Verlagen, Bücher aus Druckkostenzuschußverlagen oder solche, die im Rahmen von E-Book-Publishing veröffentlicht werden, fallen durchs Raster, kommen kaum vor – allenfalls ein Nischenverlag, der sich, wenn es gut läuft, mausert. Und sofern solche Autoren des Selfpublishing oder der kleinen Verlage nicht mit Literaturzeitschriften, literatursubversiven Fan-Zines oder Blogs verbunden sind und darin vorkommen, so fallen sie durch den Rost. Was bei manchen sicherlich nicht das falscheste ist.

Von der Nischenbraut Lyrik wollen wir in all diesen Rahmungen vornehm schweigen. Sie hat es noch viel schwieriger als die schöne Prosa.

Aber all das Jammern, Knirschen, Klagen nützt nichts. Genausogut könnte ich lamentieren, weshalb dieser Blog nicht in den Rang des Feuilletons aufgestiegen ist. Weil’s nicht gereicht hat mit Kraft, Charme, Beharrungsvermögen und auch einem Stück Ellenbogen dorthin zu gelangen. (Wobei: Charme besitze ich, davon legen die Frauen Zeugnis ab.) „Die große Weigerung“ könnte man diese Haltung des Verborgenen ebensogut mit jener Wendung aus Herbert Marcuses vor 50 Jahren erschienenem Buch „Der eindimensionale Mensch“ bezeichnen. Das Verweigern und Sperren klingt im Soundgarten und Diskurskorpus der Gegenwart gut und kann ein gewisses Maß an Subversion und Pop-Distinktion beanspruchen.

Doch bei all dem Lamento haben wir uns bisher nur aufs Nationale beschränkt und noch lange nicht die Literaturen der Welt berücksichtigt. Was ist mit Nigeria, Ägypten, Indonesien, das zumindest nächstes Jahr Gastland bei der Buchmesse Frankfurt sein wird? Wir können nicht alles lesen, aber wir, die wir in unseren Lektüren anderes wagen, lesen uns selektiv an den Rändern, im Zentrum und in konzentrischen Bewegungen an den Texten entlang. Von dem rumänischen Schriftsteller Mircea Cărtărescu bis hin zu dem guatemaltekischer Eduardo Halfon oder Teju Cole, der in Nigeria aufwuchs und dann in den USA lebte. Wie freilich all das Disparate der Gegenwart im Blick einer Literaturkritik und -ästhetik zu sichten ist, vermag im Moment wohl niemand gescheit auf den Punkt zu bringen. Aus dem einfachen Grunde, weil dazu Abstand erforderlich ist, der erst die nötige Reflexion antreibt. Das wußte keiner besser als Hegel, wenngleich nicht in den Bannungen und Zügen der Ästhetik, sondern vielmehr in seinen „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, wo er schrieb:

„Das was ist zu begreifen, ist die Aufgabe der Philosophie, denn das was ist, ist die Vernunft. Was das Individuum betrifft, so ist ohnehin jedes ein Sohn seiner Zeit, so ist auch die Philosophie ihre Zeit in Gedanken erfaßt. Es ist ebenso töricht zu wähnen, irgendeine Philosophie gehe über ihre gegenwärtige Welt hinaus, als, ein Individuum überspringe seine Zeit, springe über Rhodus hinaus. Geht seine Theorie in der Tat drüber hinaus, baut es sich eine Welt, wie sie sein soll, so existiert sie wohl, aber nur in seinem Meinen – einem weichen Elemente, dem sich alles Beliebige einbilden läßt.

Mit weniger Veränderung würde jene Redensart lauten:

Hier ist die Rose, hier tanze.

(…)

Um noch über das Belehren, wie die Welt sein soll, ein Wort zu sagen, so kommt dazu ohnehin die Philosophie immer zu spät. Als der Gedanke der Welt erscheint sie erst in der Zeit, nachdem die Wirklichkeit ihren Bildungsprozeß vollendet und sich fertig gemacht hat. Dies, was der Begriff lehrt, zeigt notwendig ebenso die Geschichte, daß erst in der Reife der Wirklichkeit das Ideale dem Realen gegenüber erscheint und jenes sich dieselbe Welt, in ihrer Substanz erfaßt, in Gestalt eines intellektuellen Reichs erbaut. Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“

Das freilich ist Poesie und Philosophie in einem, das ist des Denkens ganzer und tiefer Sinn, wie der Trommler und Dichter Heinrich Heine so wunderbar und die Marketenderin küssend, Hegel paraphrasierend, zu besingen wußte. Schöne Zeiten. Auch für die Ästhetik. Nietzsche, der Tänzer auf glattem Eise, schuf für diese Zeit der Vielheiten ganz eigene Bilder und Texte.  Es gibt keine Unübersichtlichkeiten, sondern nur den Mangel an Reflexion, der Wuchern und Verzweigung samt der damit einhergehenden Degression als neue Prosa der Welt nicht in die Textform einer sich verschreibenden Ästhetik zu transformieren vermag. Eine emphatisch verstandene Ästhetik schreibt sich immer wieder neu als Versuch und Fragment. Aus solchen Fragmentierungs- und Konsistenzgründen eben sind Blogs die neuen Medien der Zeit. Aufsatzsammlungen, die in einem bestimmten Schreibton ihre Sache umkreisen und im Kaleidoskop, als Versuchsanordnung und in Konstellation die Sache zumindest in eine erste Gestalt bringen. Akt und Potenz. Wie dann der Flug vonstatten geht, wird sich zeigen. Wozu dann wieder Bücher notwendig sein werden. Sei es in der Literatur oder der Philosophie.