Die Tonspur zum Sonntag – Robert Walser: Le promeneur solitaire

Ein Essay, gelesen von W.G. Sebald aus „Logis in einem Landhaus“. Dazu ein ganz wunderbarer Bilderreigen, vor allem die Photographien zu den unterschiedlichen Altern von Walser sind aufschlußreich, samt Sebalds Kommentar dazu. (Besonderer Dank dafür geht an Mladen Gladić , durch den ich diese Trouvaille auftat.)

Ein großartiger und meisterhafter, hier auch noch gelesener Essay. (Hier passen diese Adjektive einmal, die ansonsten als Superlative des Bezeichnens eher die Sache entwerten und vertun und aufs Normale abziehen.) Ein Text, durchdrungen von Klugheit und von Beziehungsreichtum – genau in der Art, wie ich mir Lektüre und Interpretation vorstelle.

Und es sei diese Passage ergänzt, aus Robert Walsers Erzählung „Der Spaziergang“:

„Und wenn jemand mit Genießen und mit aller Lebenslust so lange warten wollte, bis die Welt endlich keine unglücklichen armen Menschen mehr aufweisen würde, so müßte er bis an das graue unausdenkbare Ende aller Tage und bis ins eisigkalte, öde Ende der Welt warten, und bis dahin dürften ihm die Lust und das Leben selber gründlich vergangen sein.“

Überhaupt ist Walsers Prosa voll von solchen Sätzen, Fundstücken, Spielereien. Und was für ein Anfang, mit dem Das Spazieren in „Der Spaziergang“:

„Ich teile mit, daß ich eines schönen Vormittags, ich weiß nicht mehr genau um wieviel Uhr, da mich die Lust einen Spaziergang zu machen, ankam, den Hut auf den Kopf setzte, das Schreib- und Geisteszimmer verließ, die Treppe herunterlief, um auf die Straße zu eilen.“

Ich wollte eigentlich heute im Hause bleiben, aber als ich das da von Sebald hörte und dann nochmal nach der kleinen Walser-Erzählung griff, dachte ich mir: Hinaus, hinaus! Wie sehr in diesem Walser-Satz ein intuitive Moment steckt und zugleich der unbedingte Wille, wie von einer Macht erfaßt, um in diese Welt hinein, oder genauer gesagt: hinaus zu gehen. Heute kann man solches kaum noch schreiben, allein deshalb, weil sich kaum einer beim Verlassen des Schreib- und Geisteszimmers einen Hut aufsetzt, sofern es solche Räume überhaupt noch gibt. Im Grunde funktioniert dieser Satz gerade durch dieses so unscheinbare Detail des Hutes. Es gibt Texte, die funktionieren wie Kokain oder wie Champagner: sie greifen ins Hirn, erzeugen Assoziationen, die ich dann ordnen und reihen muß, ich bin inspiriert, nichts hält einen mehr, man möchte schaffen und möchte hinaus. Die Eindrücke sammeln, am besten Denken und Schreiben in einem Zug. Dazu bräuchte der Flaneur entweder ein Diktiergerät oder aber ein sehr gutes Gedächtnis für das, was einem alles durch den Kopf ging – sowieso braucht der Flaneuer Gedächtnis, das wissen wir ja schon von Walter Benjamin und Kracauer. Oder eben einen Photoapparat. Wir sind von solcher Natur.

La Belle de France – in Trauer, zum Tod von France Gall

Es war die Musik meiner Eltern, in den frühen 60er Jahren, der kleine Bersarin war nicht einmal ein Jahr alt, Kennedy keine zwei Jahre tot, und auf den Mond sollte der Mensch erst vier Jahre später fliegen, drei Jahr also, bevor die Schwester des Kolumnisten geboren wurde, das Jahr 1965, langsam begannen Studenten aufmüpfig zu werden und gegen Regeln und Verbote zu protestieren, als France Gall beim Grand Prix Eurovision de la Chanson, wie dieser Contest damals noch hieß, mit  Poupée de cire, poupée de son antrat. Und gewann. Eine unbeschwerte Zeit, trotz aller politischen Beschwernisse. Eine Zeit erotischer Freizügigkeiten.

So wie Serge Gainsbourg, der jenen Song für France Gall schrieb, kann man heute nicht mehr singen. Es ergingen über die Sängerin und den Texter Kübel von Denunziationen. Weil nämlich jegliche Regung in einer biederen Moral erstickt wird. Waren die linken 68er damals noch für die Befreiung von Frau, Gesellschaft und Sexualität angetreten und standen ihnen die Konservativen damals als Feinde gegenüber, so haben sich heute die Register empfindlich verschoben. Die heutige kulturalistische Linke hat den Part der Konservativen übernommen, Ideologiekritik verkam unter der Hand zum Werkzeug von Inquisition. Die Grünen sind inzwischen eine Verbotspartei und beim Namen Heiko Maas fällt den wenigsten heute Gutes ein. Sänge heute eine Frau Poupée de cire, poupée de son in der naiven Weise, wie France Gall es tat, träte beim Spiegel die Hysterikerin Stokowski oder irgendeine andere sogenannten, selbsternannte Twitter-Feministin an, um in schrillem Ton Banales zu posten und die Standardspielmarke Sexismus einzusetzen. Die Lust am Mehrdeutigen ist dem zwanghaften Bekenntnis gewichen. Nicht mehr „Zeig mir, ob er steht!“, sondern wiedermal jenes unsägliche „Sag mir, wo du stehst!“

Oder aber es herrscht eine solche Ubiquität des Sexuellen, daß jeglicher Nebensinn und jegliches Subtile einfach nur verblaßt und verschimmert. Von Erotik keine Spur mehr, sondern angesichts derb gezeigter Titten und Ärschen in Videos und von Halbstarkposen der Hip-Hop-Macker bietet der Pop aufdringlich die Körper dar. Nein, früher war nicht alles besser. Aber manche Musik hatte mehr Kraft und Potential. Selbst dort, wo es bloß Unterhaltung war. Ein Hauch von Mode und ein Tick des Zeitgeists, an dessen Gewand sich aber immerhin noch die Idee von Schönheit und von Lust heftete, wie sie einst die Moderne, auch als Imago von Erotik, beschwor. Ein Moment von Freiheit blitzte in solchen Liedern wie von France Gall auf. Eine durchzechte Party, ein Engtanz und übrig blieben morgens ein paar schöne Luftballons. Oder zertanzte Schuhe oder ein neues Lebewesen, das da im Bauch sich bald regte und mit den Monaten langsam zu strampeln begann, weil’s die Pille noch nicht gab. Es wurde gelebt und nicht gelabert. Männer stellten sich tatsächlich manchmal noch ihrer Verantwortung anstatt ein Ticket für Holland zu besorgen oder sich einfach aus dem Staub zu machen. [Sicher – es gab auch das Gegenteil. Feige Männer existieren zu allen Zeiten.]

All jene freien und manchmal eben auch wieder verklemmten Momente jener 60er Jahre und der frühen 70er schossen mir durch den Kopf, als ich die CD mit Songs von France Gall vorhin hörte. Die Erzählungen meiner Eltern. Der kiffende Hippiefreund Klaus, der einmal seinen Joint in der Zigarettenschachtel vergaß. Muttern, die nichts ahnte, verschenkte die Packung mit den letzten drei oder vier Zigaretten darin an die Handwerker. Die werden statt Astra („Wer Häuser baut und seine Frau verhaut, der trinkt auch das, was Astra braut!“) mal einen anderen Spaß gehabt haben. (Gott hab ihn selig, den guten alten Klassismus.) Unsere Vormittage an der Elbe, die Schiffe, die Wellen. Manchmal denke ich, daß die Frauen zu dieser Zeit sehr viel emanzipierter waren als sie es heute sind. Aber das mag ein Trug sein oder eher für die DDR zutreffen. In der BRD sah es von der Gesetzeslage, seien es die Scheidungsgesetze oder die Möglichkeit der Frau vom Gesetz her einem Beruf nachzugehen, anders aus.

Aber das ist ein anderes Thema, beim Betrachten jenes Videos Laisse tomber les filles aus dem Jahr 1964, dem Geburtsjahr des Autors, fiel mir auf, wie frei und wie wild, aber auch wie unschuldig damals noch die Bilder von der Hand gingen. Anders als in den 50ern, die freilich beileibe nicht so verklemmt waren wie es schien und im Vergleich zum Heute, wo schon ein Wandgedicht sexuellen Argwohn erregt. Was diese Bilder zeigten: Ausgelassenheit und Bruch zugleich – am deutlichsten vielleicht fand sich dieses Spiel und dieses Vexierbild in Jean Luc Godards Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola aus dem Jahr 1966. Vielleicht sehr französisch, das ganze. Aber diesen Ton der Freiheit kriegt man auch mit, wenn man etwa die Briefe von Gudrun Ensslin an Bernward Vesper oder Ensslins Briefe von 1968 aus dem Knast an Andreas Bader liest. Eine seltsam bedrückende und doch zugleich freie Zeit. Etwas Neues brach sich Bahn. Auch wenn ich den Erzählungen meiner Eltern folge.

Feiern wir also jene unbeschwerte schöne Zeit und denken an die schönen Lieder und an jenes ausgelassene Frankreich von France Gall und Serge Gainsbourg. Adieu, France Gall! Sie starb heute, in Neuilly-sur-Seine an ihrer Krankheit namens Krebs.

Schauen wir also zur Erinnerung die Videos und hören diese schöne und so sehr französische Musik.

Die Tonspur zum Sonntag

Aus gegebenem Anlaß: Schöne Isabella aus Kastillien (Comedian Harmonists)

Dies aber darf man heute beim Gendergaga vermutlich nicht mehr singen und Stokowski kreischt. Wunderbare Musik! Wir müssen endlich Musik und Stimmung machen gegen die Prüderie der neuen Evangelikalen aus dem Hause Wizorek und Stokowski.

Höre die Geschichte von Frau Potifar
Die ungemein erfahren war
Hör‘ zu, hör‘ zu: Das war die Frau von Portifar
Die ungemein erfahren war
In allen Liebessachen
Der Gatte aber, au contraire
Der war schon alt und konn’t nicht mehr

Tirili tirila, die kleine Frau bewachen
Da pfiff sie auf die Stittsamkeit
Und machte sich ’nen Schlitz ins Kleid
Und fuhr hinab nach Theben
Um dort sich auszuleben
Denn Theben ist für Memphis
Das, was Lausanne für Genf ist

In der Bar zum Krokodil
Am Nil, am Nil, am Nil
Verkehrten ganz incognito
Der Joseph und der Pharao
Dort tanzt man nur dreiviertelnackt
I’m Rumba und Dreivierteltakt
Es trifft mit der Geliebten sich
Am Abend ganz Ägypten sich

Die Bratwurst zum Sonntag oder ein fairer Kompromiß für den Asta der Alice Salomon Schule

Ich denke, ich kann für die Wand als Kunstprojektion jene Lösung anbieten, die manche Partei befriedigt und kostengünstig ausfällt. Zufriedene Frauen, zufriedene Männer, denn die Grillwurscht eint Ost wie West, Thüringer und Berliner, Pfälzer und Sachsen, Mann, Frau, alles dazwischen und anderswo als im Po. Oder wie es in Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ heißt: „Kant will Wurst“. Statt ohne Avenidas machen wir es ohne Bratwurstzange.

„Ist das eine Stimmungsschwankung oder die alte Grunderkrankung?“ Rösingers „Joy of Ageing“ – Die Tonspur zum Sonntag

Bei solchem Lied fühle ich mich arg ertappt. Stimmt es doch einen Ton an, dem ich mich – wie vermutlich auch viele andere in meiner Kohorte der Babyboomer – nicht werde entziehen können. Aber weniger ist es der Ton, sondern vielmehr springt der Text ins Gemüt. Wie dem auch sei. Politisch kommen Christiane Rösinger und ich zwar nicht gut zusammen, weil ich im Protestdenken woanders stehe, eine Aversion gegen das Kreuzberger Biotop hege, doch zum Glück weit, sehr weit entfernt von diesen Gebieten lebe. So kommt man einander nicht ins Gehege. Aber fein und pointiert dichtet sie doch, die Rösinger, sie hat – in Ironie – den Blick für die Gesellschaft, so in ihrem Song Eigentumswohnung (wobei ich nur raten kann, früh Eigentum zu bilden, sofern man irgendwie kann, und schon haben wir die nächste Differenz in Sozialsachen). Rösinger hat den Blick für das Schöne im Schlechten, fürs Absurde im Verfahrenen.

Abgeklärt musiziert sie das Menetekel in ihrem Song Joy of Ageing, aufgespießt mit dem Hauch Zartheit, der spökenkiekerische Sinn für das, was danach kommt, wenn das Beste vorbei ist und der Szenenapplaus nicht einmal mehr nachhallt. Diese Aftershow singt sie zur Gitarre ruhig, sachlich und verschmitzt hinaus, greift mit Musik nach dem, was der süße Vogel Jugend uns an Gaben abwarf oder wie er böse uns traf und hackte, und dann: mit einem Mal der Schlag, der Schuß und die Stille davor. Konziliant betrachten wir: Nervous and Blue. Die Zeit geht so schnell dahin. Das bemerken wir erst, wenn Zeit sich dem Ende neigt. In diesem schönen Verhängnis, im Wissen um den unwiederbringlichen Verlust jener wunderbaren Jahre, die sich an Theorien und Menschen knüpften, Spinnennetze woben, liegt die Melancholie aller Erkenntnis.

In der Jugend sind wir. Sind einfach da. Dort oder woanders. Oder auf dem Sonnendeck. Wild im Trend, im Ton, gierig nach Körpern, oder wie wir Philosophierenden waren, trieb uns die Sucht nach den Texten. Und diese herrliche Langeweile. Jenen einen Abend, diesen einen kriminellen Abend! Dazu rauschen die Gitarren bei „Langeweile“ so im Schlag, im Gleiten durch Hamburger Nächte. Fischmarkt und Evas Zunge tief im Mund. Wir versuchten in der Theorie das Subjekt in allen möglichen Varianten und Ableitungen zu dekonstruieren. Mit Foucault, Derrida, Adorno, Deleuze und Lacan wollten wir es bannen und sperren und führten es doch mit jeder Handlung, mit jedem Satz und mit jeder Geste, die wir in jenen wilden jungen Nächten taten, von hinten her und durch die kalte Küche wieder ein. Immer wieder dieses Subjekt. Wir nannten es dann kühn in der herrschenden Begriffssprache unserer Zeit das „Subjekt des Begehrens“:

Wenn Rösinger in Joy of Ageing von unserer argen Vergänglichkeit berichtet, so ist es fast schon unser Ableben, das sie besingt, unser langsames Ableben versteht sich. Aber nicht bei allen ging es so langsam, daß wir uns beim Prozeß des Alterns zusehen dürfen, manche gingen früher, so wie das andere Urgestein der Lassie Singers, Almut Klotz. Musik bindet sich an Lebensszenen, illustriert sie für den schönen Augenblick und im Rückblick illuminiert sie die Erinnerungen gediegen im Feinschliff. Die Lassie Singers stehen für diese Jugend mit ihren Alben: Sei à gogo. Ich bin alles, was ich habe auf der Welt. Aber es war nie Egomanie, die uns Ewigtwens trieb. Immer ein Schuß Politik mit dabei. Heute wurde uns das zum Verhängnis. Beim Blick zurück. Das Subjekt ist immer noch da, wie jener Igel im Wettlauf mit dem Hasen und wir haben gelernt, uns mit Descartes zu vertragen. „Omnis determinatio est negatio“, immerhin diesen Satz noch trugen wir arg im Hinterkopf und bewahren ihn im Hinterhalt.

Insofern bleibt ob all der Vergänglichkeit und dem Traurigen, das daraus ästhetisch resultiert, für die gerade erschienene Platte Lieder ohne Leiden festzustellen, daß wir darauf manch schaurig- schönes melancholisches Lied finden. Kein Diskurspop, keine Schlagermusik wie die schreckliche Gruppe „Blumenfeld“ seinerzeit, aber auch kein Hau-drauf-Geschrammel mehr, dieser irre, wirre, laute, freche schöne Sound der Lassie Singers, damals, als uns zwar nicht die Welt, aber doch vieles vom Leben noch zu Füßen lag. Stadt Land Fluß. Hamburg, alte Schatzstadt, wo am Hafen, die Schiffe und die Fische schlafen. Skianzüge am Hans-Albers-Platz, und auch Sorgenbrecher. Ach süße Melancholie und süßer Zeit Jugend, oder wie schrieb es Öden von Horvath in seinem so traurigem Ton, und in die Schlußszene von Kasimir und Karoline baute er dieses alte Volkslied hinein:

Erna singt leise – und auch Kasimir singt allmählich mit:

Und blühen einmal die Rosen
Wird das Herz nicht mehr trüb
Denn die Rosenzeit ist ja
Die Zeit für die Lieb

Jedes Jahr kommt der Frühling
Ist der Winter vorbei
Nur der Mensch hat alleinig
Einen einzigen Mai.

In anderer Weise singt diese stille Melancholie auch Christiane Rösinger auf ihrer neuen Platte. Die Dinge ähneln sich furchtbar und sind doch ganz anders:

 

In der schönsten Jugendzeit
warst du voller Traurigkeit.
Loneliness, ein Leben lang,
da wird’s manchem Angst und Bang.
Dabei ist es doch offenbar,
daß es zwischendurch ganz lustig war.
Hast du das erstmal kapiert,
lebst du frei und ungeniert.

Gestern noch ein junger Falter
gehst du gramgebeugt durchs Alter
Das Ende naht, Later or soon,
ach für uns alte Babyboomer
Die Typen sagen „Wir stehn super da“;
die Frauen sagen „Wir sind unsichtbar‘
(…)
Alles Essig, alles Mist,
Wenn Du aus Schwermutforest bist

Wie wahr sie sind, diese geilen Zeilen.

Die Tonspur zum 3. Oktober

(Musik: Liederjan)

Die schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch –
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt –
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie Hunde erschießen läßt –
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt –
Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht –
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
Wir weben, wir weben!
(Heinrich Heine)

Zum 85. Geburtstag – 1000 Mann und ein Befehl

Nicht nur hat der Bundesrepublikanische Wahlkampf endlich begonnen, wenn man sich die Dauerberichterstattung von Bild am Montag (vulgo SpON) anschaut, könnte man dies zumindest annehmen, und man weiß eigentlich nicht, wer sich nun ähnlicher sieht – Trump und Clinton oder Clinton und Trump, Cholera und Pest oder Skylla und Charybdis –, sondern auch Freddy Quinn feiert an diesem Tag seinen 85. Geburtstag. AISTHESIS gratuliert herzlich, sofern man denn beim Blogbetreiber ein Herz ausmachen kann.

Nein, falsches Video (unser Wiener Jung):

Die Tonspur zum Sonntag – in Erinnerung an Rio Reiser

20. Todestag vom legendären Rio Reiser, gestern, und ein immer noch aktuelles Lied vom Sklavenhändler – allerdings wird es so sein, daß die letzte Schlacht, wie Ton Steine Scherben annahmen, weder „wir“ (wer immer sich hinter dem kollektiven Subjekt verbergen mag: die emanzipatorischen Kräfte?) noch sonst irgendeiner gewinnt.

 

 

Und mein immerwährendes Lieblingsstück darf hier im Raum der Befindlichkeiten natürlich nicht fehlen, Berlin bleibt eben Berlin:

Die Tonspur zum Sonntag – North by Northwest mit Wintersound

 
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Ich habe heute beim Spazieren die ersten Kastanienfrüchte fallen sehen. Im Regen. Es geht in den Herbst über. Ich träumte vor einigen Tagen, daß dies die letzte EM sei, die der Kontinent austrägt. Ich ziehe mich und mein kaltes Herz wieder in den Norden zurück. Tromsø. Da wo der Schnee fällt. In der Zeitlupe. Du und ich: Schneekönigin, nordisch, teutonisch, zackig. Es wird Winter, es wird der Winter dieses Jahr früh kommen, das bemerkte ich an den Kastanien, und ich genieße den Gedanken, bald meinen schwarzen Mantel aus Schurwolle zu tragen und den dunklen Schal aus Kashmir um den Hals mir zu schlingen. Pelzfutter. Wintersonne. Während die Hunde neben mir laufen. Während die Hunde neben uns laufen.