Phantasierte Orte. Oder: die beste Art des Reisens

Während alle unterwegs sind, variiere ich in fröhlichem Ton den Rilke-Pathos: Denn bleiben ist bestens, und die oft zitierte Frage der Punkkapelle The Clash beantworte ich, was das Reisen betrifft, in eine Richtung hin: I stay. Sommers läßt sich gut darüber schreiben, weshalb es angeraten ist, hierzubleiben. Reisen bildet? Ein Irrtum, wenn man übers Forum Romanum eilt, wo Menschen sich vor Säulen tummeln und als Sichtachsenversteller wirken, um dann weiter zum Trajansforum zu hetzen, wo sich ebenso die Menschen drängeln. Sie schauen, ohne zu begreifen. Es ist heiß, viel zu heiß, die Stimmung kippt ins Ungnädige, verschwitzte Körper kleben aneinander. Während Paris in den Grand Vacances ausgestorben daliegt und wie die Seine träge dahinfließt wie in Apollinaires schönem Gedicht vom Pont Mirabeau und die meisten Geschäfte geschlossen bleiben, weil die Franzosen an den kühlen Atlantik fahren, tummeln sich im Louvre die Menschen vor den Bildern. Ins Gemälde sich zu versenken oder es zumindest still zu betrachten, stellt ein aussichtsloses Unterfangen dar. (Jedoch funktionierte der Wunsch nach Für-sich-sein erstaunlich gut, als ich mich im April in Courbets „Der Ursprung der Welt“ hineinkontemplierte. Kaum Menschen vor dem Bild. Manchmal macht es das Leben Voyeuren wie mir leicht.)

Soviel steht fest: Reisen birgt Gefahren! Diebische Italiener, hinterlistige Händler. Sich in die Pariser Banlieu zu begeben, um zu schauen, wie andere Menschen leben, sollte nur ein Reisender tun, der Kenntnisse des Ortes besitzt. Und wer aufs Land will, steckt unweigerlich auf der Autobahn im Stau. Trefflicher als Pierre Bayard kann auch ich es nicht ausdrücken:

„Der menschliche Körper, den wilden Tieren, Unbilden des Wetters und Krankheiten schutzlos ausgeliefert, ist ganz offenkundig in keiner Weise dafür geschaffen, seine vertraute Umgebung zu verlassen und sich in ferne Gefilde zu begeben, weit weg von dem Ort, an den Gott ihn gestellt hat.“

9783888978449In seinem Buch „Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist“ beschreibt Bayard einen Typus, den er als seßhaften Reisenden bezeichnen – Armchair Traveller, die sich keinen Zentimeter fortbewegen. Allerdings täuscht der Titel des Buches. Wer ihn unbefangen liest, mag denken, es handele sich um ein Werk, das den Leser zum Hochstapeln anweist. „Noch nie nach Tokio geflogen? Wir sagen, wie man eloquent über Japan redet, ohne dort gewesen zu sein.“ Nein, das ist es nicht. Kein Buch für Dampfplauderer. Bayard reflektiert als Literaturwissenschaftlers und teils auch mit den Mitteln der Psychoanalyse die Kunst des Nichtreisens. Das macht er auf eine unterhaltsame Art, und insofern ist das Buch eine gute Ferienlektüre – egal ob im Strandkorb oder im heimischen Ohrensessel. Wie schreibt man über Orte, an denen man nie war?

„Die Frage ist also nicht, was uns das Wissen über fremde Orte bringt, die zu besuchen für jeden aufgeschlossenen Menschen nur ein Gewinn sein kann. Die Frage ist, ob man sie tatsächlich aufsuchen muss oder ob es nicht weiser wäre, für die Begegnung andere Formen als die des physischen Ortswechsels zu wählen.“

Denn insbesondere die Literatur ist ein Medium, in fremde Räume zu gelangen, ohne sich beim  Entdecken fortbewegen zu müssen. In der Literatur können wir imaginieren, wir lassen die Phantasie schweifen, und es tut sich dort eine Topologie ganz eigener Art auf: wir sind in unseren Gedanken am fremden Ort, reiten mit Karl May durch den Llano Estacado – ein öder Ort, aber das wissen wir noch nicht. Vielleicht sind wir sogar im Akt des Lesens dem Llano Estacado  näher, als wenn wir direkt dorthin reisten.

Was für den Leser gilt, kann ebenso für den Autor zutreffen. Er muß niemals an jenen Orten gewesen sein, von denen er schreibt. Die bekanntesten Beispiele, die Bayard nennt, sind der Westmann und Orientreisende Karl May sowie Immanuel Kant, der aus Königsberg nicht hinauskam und doch Berichte von fremden Ländern zu Papier brachte, die sich lasen, als wäre er dorthin gereist. Kant legte verblüffende Ortskenntnisse an den Tag. Kant reiste im Sessel, las Fremdes mit Phantasie und schrieb. Im Grunde eine sehr viel höhere Kunst, als irgendwo hinzugondeln, sich die Tower Bridge anzuschauen und über Eindrücke zu berichten. Denn das kann jeder. Aber nie in London gewesen zu sein und derart viel Lektüre aufzusaugen, um dann zu schreiben, als ginge man in dieser Stadt ein und aus, bedeutet eine hohe Gabe. Bayard nennt Kant den Inbegriff eines seßhaften Reisenden und widmet ihm dieses Buch. Kant als Schutzheiliger – nicht schlecht. Ob es den rationalen Aufklärer jedoch freute, ist eine andere Sache.

In einer Typologie dekliniert Bayard mit Witz verschiedene Arten dieses Reisens durch. Angefangen mit Marco Polo, der in Konstantinopel feststeckte, oder Rosie Ruiz, der Marathonläuferin von Boston, die die Strecke nicht zu Fuß, sondern zu Teilen mit dem öffentlichen Nahverkehr zurücklegte. Bayard findet verwegene Konstruktionen, weshalb solche Tricks ihren Reiz haben:

„Betrachtet man das Ganze aus historischer Sicht, scheint sie mir nicht im Geringsten gegen den Geist des Marathons verstoßen zu haben, der doch genau darin besteht, die wirksamsten Mittel zu finden, um sich in begrenzter Zeit von einem Punkt zum anderen zu bewegen.“

Ebenso schreibt Bayard über verschiedene Typen von Orten: Orte, die man bloß durcheilte, wie in Jules Vernes Roman „In 80 Tagen um die Welt“, wo aber gerade durch die Eile der intensive Blick auf das Wesentliche des Ortes geschärft wird. Solche Orte, an denen man nie war. Wie Marco Polo. Oder der US-Journalist Jayson Blair, der über die Familie eines US-Soldaten berichten sollte, der im Irak-Krieg vermißt wurde. Doch alles, was der Mann beschrieb, die Fahrt über die US 77 Richtung Süden nach Texas, die Tabakfelder hinter dem Haus der Familie, war erfunden. Jayson Blair verließ in Wahrheit niemals sein Appartement in Brooklyn. Schreiben aus der Distanz. Moralisch mag das verwerflich sein, so Bayard, aber philosophisch genommen wirft dieses Verhalten die Frage auf, was es bedeutet, „an einem Ort zu sein.“

„Wir alle haben es – Schriftsteller wohl noch stärker als andere – also mit komplexen Räumen und ihren unbestimmten Grenzen zu tun, die sich nur unvollständig mit den Räumen der realen Welt decken, welche wir im Laufe unserer Reisen in unserem inneren Land ununterbrochen verwandeln.“

Genauso aber existieren ferne Orte, an denen wir uns auszukennen glauben und an denen dennoch unsere Beobachtung uns trügt. Im schlimmsten Falle passiert das dem Ethnologen. Er sitzt einem Irrtum auf, weil er die These, die er unter Beweis stellen will, bereits im Vorfeld auf seinen Gegenstand projiziert und lediglich solche Tatsachen auswählt, die zur Theorie passen. Referenzrahmenbestätigungen wie die US-Ethnologin Margaret Mead sie tätigte, als sie in den 30er Jahren Samoa bereiste und dort ihre Studie zu „Jugend und Sexualität auf Samoa“ erarbeitete. Das gegenüber der prüden US-Moral freizügige Sexualleben, das Mead auf Samoa auszumachen meinte und ihre These des Einflusses von Kultur aufs Verhalten von Individuen, beruhte nicht auf ihren eigenen Beobachtungen, sondern sie erhielt ihre Daten durch Informanten. Diese erzählten Mead Geschichten, die sie durch ihre Einstellung womöglich suggestiv hervorkitzelte, anstatt der Sache selbst Raum zu gewähren. Eine Forschungsreise in ein „imaginäres Land“, das mehr mit den USA und ihrem prüden Sex zu schaffen hatte als mit den althergebrachten Regeln der Inselbewohner. Für Bayard ein Beweis über die „Verheerungen der teilnehmenden Beobachtung“.

Doch ganz so einfach ist es nicht. An solchen Stellen gleitet Bayard schlicht oberflächlich über seinen Gegenstand hinweg. Er liefert mit seinem Buch zwar eine feine, anekdotische Tour d’Horizon, doch fehlt es an der Maulwurfsarbeit. Es läßt sich mit den Geschichte und den imaginären Reisen fein parlieren, wir bekommen einen Eindruck, was es bedeutet, nicht am Ort zu sein. Insofern handelt es sich bei diesem Buch weniger um Exkursionen in ferne Welten, sondern qua Phantasie um Möglichkeiten der Selbstgewinnung:

„Denn nur wenn man Zugang zu sich selbst hat, kann man den andern mit auf die Reise nehmen und eine Begegnung der inneren Länder bewerkstelligen. Eine Begegnung in einem gemeinsamen inneren Land, in dem das eigene Unbewusste mit dem des anderen in Dialog tritt, um einen symbolischen Raum der Gemeinsamkeit zu erfinden, der beiden, wie in einer erfüllten Liebesbeziehung, den Versuch erlaubt, wieder zu sich selbst zu finden.“

Das klingt als Lebensform genommen nett, bleibt aber eine Plattitüde oder wie man heute sagt: eine Pathosformel. Du mußt der Fliege den Ausgang aus dem Fliegenglas zeigen und was der Ratschläge mehr sind. Die Reise-Szenen Bayards sind anregend, die Moral seiner Erzählung ist dröge. Und was schlimmer ist: voraussehbar. „Es gilt vor allen Dingen, auf sich selbst zu hören …“ Das freilich möchte man nicht jedem raten, und mancher Ratgeber wirkt besser, indem er zu gar nichts rät.

Über Bayard hinausgehend, bleibt festzuhalten, daß die Literatur eine ausgezeichnete Weise ist, ein Draußen als Inneres zu entwerfen und Inneres ins Draußen zu projizieren. In diesem Sinne sind die (literarischen) Phantasmen Formen des Reisens. Wir tun als ob, wir tun so, als ob wir dort wären. Der Konjunktiv ist eine Lebensform. Auf der Galerie – die Artisten ratlos. I would prefer not to.

Der Scheincharakter der Literatur vermittelt sich mit dem Schein des Lebens, wie jene Marathonläuferin ihn produzierte. Unser inneres Afrika rumort nahe, denn um ins Herz der Finsternis zu gelangen, bedarf es keiner Schiffsreise. Maupassants „Horla“ ist nicht draußen wie gemutmaßt, sondern schlägt im Inneren. Bereits Poe wußte das 40 Jahre vorher, als er die Erzählung „Das verräterische Herz“ schrieb. „Wahrhaftig! – reizbar – sehr, fürchterlich reizbar warn meine Nerven gewesen, und sind sie noch; doch warum meinen Sie ich sei verrückt? Das Leiden hat meine Sinne geschärft – und keineswegs zerrüttet oder abgestumpft.“ Is There Anybody Out There? Sehr französisch gedacht und wir, die das weiterentwickeln wollen, nehmen Foucaults Aufsatz „Das Denken des Draußen“ oder Maurice Blanchots „Der literarische Raum“ mit hinzu.

Bayard wirft zumindest Schlagschatten auf diese Möglichkeiten der Literatur, sich in der Lüge oder im Fabulieren aufzuführen. Wer diese Art von Reise im eigenen Zimmer vertiefen möchte, sei auf ein anderes Buch noch verwiesen. Detailreicher in die Literatur tauchend und als Physiognom von Räumen untersucht Bernd Stiegler dieses Phänomen in seinem Buch „Reisender Stillstand“. Es gibt viele gute Gründe, ganz einfach zu Hause zu bleiben.

Pierre Bayard, Wie man über Orte spricht, an denen man nicht gewesen ist, Kunstmann Verlag, 2013, 224 Seiten (Originalausgabe), in Lizenz jetzt beim Goldmann Verlag erhältlich für 8,99 EUR.

Schöne Fremde – Teju Coles Reisebericht „Jeder Tag gehört dem Dieb“

Cole_24772_MR1.indd„Hic sunt leones“ schwang sich als Schrift früher auf Landkarten, darunter die kunstvolle Radierung eines Löwen, um die weißen Flecken der Welt zu markieren. Eine solche terra incognita ist für die meisten Nigeria. Wer keinen Grund hat, dorthin zu fliegen, wird es nicht tun. Um so besser, daß es Teju Coles wunderbaren Bericht aus Lagos gibt: „Jeder Tag gehört dem Dieb“. Nun ist jedoch diese Reise, die Cole oder genauer gesagt der Ich-Erzähler unternimmt, keine gewöhnliche, sondern er begibt sich für einige Zeit in sein Geburtsland und in seine Heimat zurück. Inzwischen lebt Cole in den USA und wurde durch seinen Roman „Open City“  bekannt. „Jeder Tag gehört dem Dieb“ erschien zuerst 2007 in Nigeria und wurde erst 2015 ins Deutsche übersetzt. Es ist Coles erstes Buch.

Wer lange fort war, sieht die Welt, in der er aufwuchs und wo Teile der Familien immer noch leben, mit anderen Augen: Fremder zwar, aber in irgend einer Weise dazugehörig – zumindest zu einem geringen Teil, weil die Kultur einer Region, die Mentalität einer Stadt sich nie ganz herauswachsen – mag man auch Jahrzehnte auswärts gelebt haben. Ebenso daß der Erzähler die Sprache spricht und insbesondere seine Hautfarbe, wenngleich etwas heller als die anderer Schwarzer, tragen dazu bei, daß er nicht sofort als Fremder wahrgenommen wird. Auch das ein Thema, denn die meisten in der BRD lesen das Buch unter der Optik eines Weißen, mitten unter Weißen. Hier aber sind wir in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent und begleiten einen Erzähler dabei, wie er flink und geschmeidig, aber doch auf Leib und Leben achtend, durch Lagos sich bewegt. Eine Stadt mit „non-linearem Wesen“, wuchernd, chaotisch strukturiert. Ein Behemoth, so nennt Cole sie.

Cole bzw. der Erzähler blickt auf diese Stadt, weil er sie als Teil seines Lebens ergründen oder zumindest doch erfahren will, und mit seinen Augen sehen wir, was er sieht, wie jener Erzähler betrachtet und registriert. Wie es ihm in der fremden Heimat ergeht. In diesem Sinne ist das Buch ein Flaneur-Roman. Daß es überhaupt ein Roman sein könnte, entnimmt man nicht dem Ton dieser Geschichten, die wie ein essayistischer Reisebericht gehalten sind, sondern einem Hinweis auf der Impressumsseite in Kleindruck – literarischer Trick und Spiel mit der Fiktion, Schutz, Haftungsausschluß, wie auch immer: „Jeder Tage gehört dem Dieb ist ein fiktionales Werk. Sämtliche Namen, Figuren, Schauplätze und Handlungen sind Erfindungen des Autors oder werden fiktiv verwendet.“ Den Text unterbrechen allerdings Photographien. Insofern suggeriert dies den schönen Effekt der Dokumentation. Wobei es schade ist, daß die Photos nicht auf schönerem Papier und größer gedruckt sind. Ich hätte mir parallel zu diesem Buch einen Bildband von Cole gewünscht, der die Sicht des Photographierenden intensiviert, das was sich nicht in Sprache übersetzen läßt. Gerade in den Photos erfahre ich neben den Beschreibungen zentrale Aspekte wie Straßen, Kleidung und den Rhythmus des Lebens.

Die „Ekstase der Ankunft“, die der Erzähler empfindet – die meisten kennen sie, wenn wir reisen. Der Geruch des Südens, nach Meer oder fremder Landschaft auf einem Flughafen. Aber die Ernüchterung kommt schnell: „innerhalb von fünfundvierzig Minuten bin ich mit drei eindeutigen Fällen von behördlicher Korruption konfrontiert.“ Daheim sein und doch ein Fremder, denn der Blick auf Menschen und Leben ist nach den Jahren in den USA ein anderer. Cole schildert die Grundprobleme Nigerias, die sich in Lagos wie unter einem Brennglas bündeln. Da wirkt zunächst noch das Vergangene nach, das nach Faulkner, den Cole zitiert, nicht tot ist, es ist nicht einmal vergangen: Kolonialismus und Sklavenhandel:

„Einst war New Orleans der größte Umschlagplatz für menschliche Fracht in die Neue Welt. 1850 gab es fünfundzwanzig Sklavenmärkte in der Stadt. Das ist nur deshalb ein Geheimnis, weil niemand etwas davon wissen will. (…) dieser Teil der Geschichte ist heute buchstäblich versunken und war es schon lange vor der letzten großen Flut – er wurde versenkt in Trinkgelagen, Jazz und Mardi Gras. High times, die beste Medizin gegen Geschichte.“

Aber es ist schlicht zu simpel, allein den Kolonialismus für alle Übel verantwortlich zu machen, zumal Nigeria seit 1960 von Großbritannien unabhängig ist. Reich ist Nigeria zwar durch Ölvorkommen, aber das erwirtschaftete Geld wandert in die Kassen von Konzernen und in die Taschen von Kleptokraten.

Da ist vor allem die Korruption und die Neben-Ökonomie, die dem Erzähler an allen Ecken und Enden der Stadt begegnet. Sie fängt schon bei den Reisevorbereitungen im Konsulat in New York an, wo Bearbeitungsgebühren erhoben werden, die niemals für den Staat bestimmt sind. Und in Lagos sind es die Polizisten und die Soldaten, die sich ihr Zubrot verdient, in dem sie vermeintliche Übertretungen ahnden. Oder Händler, die betrügen und Straßenbanden, die rauben. Denn die Löhne reichen zum Leben nicht aus. Auch die Bevölkerung sowie deren Einstellung tragen ihren Teil an der Misere des Landes:

„dass niemand irgendetwas im Griff hat und niemand für irgendetwas verantwortlich ist. Das Leben in Nigeria, insbesondere in Lagos, erfordert unablässige Wachsamkeit.“

„Früher war die Regierung das Problem, doch wer heute in Lagos vor die Tür tritt, begegnet der Tyrannei in Gestalt seiner Mitbürger, deren Ethik durch jahrelanges Leid und ein Leben am Rande der Verzweiflung erodiert worden ist.“

Ein weiteres Problem ist die Magie und der Aberglaube: „Nichts hat natürliche Ursachen. Der Glaube an Magie und an die Kräfte des Bösen ist weit verbreitet. Und als wäre dieser Animismus nicht genug, breiten sich neuerdings die evangelikalen Christen im Lande aus, vor allem im Süden.“ Nicht daß ein alter Mann starb, weil er krank war, sondern weil er das Opfer schwarzer Magie wurde. Fanatische Religionen als Geißel. Evangelikale Kirchen sind „eines der größten Wirtschaftsunternehmen Nigerias geworden, an jeder Straßenecke schießen neue Ableger und Gemeinden wie Pilze aus dem Boden. Diese Christen sind militant und predigen eine durchschlagkräftige Mischung aus Furcht vor der Hölle und Liebe zum finanziellen Erfolg.“

Cole beobachtet jedoch nicht aus der Perspektive einseitig-absurder Critical Whiteness, deren Critical, meist „Jenseits von Afrika“, eher an selbstgefälliges Moralisieren erinnert, sondern er schreibt unter doppelter Optik: der Perspektive des Schwarzen, der einmal in diesem Land geboren war und in seine Heimat zurückkehrt, aber inzwischen mit dem Blick des Westlers, von seiner anderen Heimat her, auf Nigeria schaut und Mängel wahrnimmt, die nur bedingt mit der Herrschaft der Weißen zusammenhängen. Das Verhältnis von Sein und Bewußtsein zeigt sich auch hier. Koloniale Strukturen sowie christliche Religion und eine bestimmte Mentalität samt autochthonem Aberglaube bilden eine unheilvolle Melange. Cole nimmt sie wahr und benennt sie in pointierten Sätzen, ohne die Menschen zu denunzieren. Gerade dieser perspektivische Blick macht das Buch für Europäer interessant und lesenswert. Wir schauen mit Coles Augen, die ja durchaus auch die unsren sind. Wir sehen, wie er mit Entsetzen den Verfall beschreibt. Aber wir spüren ebenso, durch Coles Sprache, wie faszinierend und anregend diese Stadt Lagos sein kann. Ohne diese Fremde sogleich sozialromantisch als schöne Fremde zu verklären. Es mischt diese Prosa differenziert, und es läßt sich der Beobachter trotz so viel Trostlosem doch nie entmutigen:

„Und dennoch. Dieser Ort übt eine elementare Anziehungskraft auf mich aus. Seine Faszinationskraft ist unendlich. Die Leute reden ununterbrochen, angetrieben von einem Realitätsempfinden, das mir fremd ist. Sie haben wunderbare Lösungen für unangenehme Probleme parat; ich erkenne darin eine Vornehmheit des Geistes, wie sie selten ist auf diesem Planeten. Doch ich sehe auch viel Leid.“

„Während dieser ziellosen Spaziergänge komme ich wirklich in der Stadt an. Die Tage vergehen. Und gegen eine Erwartung schwelge ich nicht in meiner Kindheit. Ich suche meine alte Schule nicht auf, ich forsche nicht nach alten Freunden.“

Am Ende aber steigt der Reisende von Malaria oder einer anderen Krankheit geschüttelt in den Flieger, der ihn zurück in die USA bringt. Was bleibt von Lagos? Die Kunst des Flanierens? Nein, das Buch erschöpft sich nicht in purem Ästhetizismus, der verklärt, oder in zweckfreiem Schlendern. Es mischt genau richtig die Temperamente und Töne.

„Keine zwei Straßen verlaufen parallel. Wenn ich meinen Orientierungssinn verliere, wird mir mulmig zumute. Die fehlende Kenntnis meines Standorts setzt mich Gefahren aus, und immer besteht das Risiko, mit Feindseligkeit konfrontiert zu werden. Andererseits muß ich meine Sicherheiten aufgeben, damit ich die Stadt in ihrer reinen Erscheinung erleben und mich treiben lassen kann, ohne zu wissen, was mich hinter der nächsten Straßenecke erwartet.“

„Jeder Tag gehört dem Dieb“ endet mit einer wunderbaren Flanier- und Wahrnehmungsszene, die noch einmal ein ganz anderes Lagos einfängt: Das der Toten, das der Ruhe, das von Menschen, die Menschen sind. Man mag diese Würde, die Cole zu sehen vermeint, als Sozialkitsch abtun. Aber es zeigt doch, wie intensiv man eine Stadt in ihrer Vielschichtigkeit wahrnehmen kann. Für alle Reisenden, die ihren Blick schulen möchten und die lernen wollen, wie man aufschreibt und Eindrücke notiert, ist dieses Buch eine feine und unprätentiöse Anleitung zum Betrachten der Fremde. Und für die, die mehr über ein fernes Land wissen möchten, ein guter Einstieg.

Teju Cole: Jeder Tag gehört dem Dieb, Hanser Verlag Berlin, 176 S., 18,90 EUR

Pariser Ansichten (1)

Photographien aus Paris, geschossen und locker in Reihe eingestreut. Nicht als Tagebuch oder als Dokument gedacht, das ich zeigte, an einem bestimmten Ort, in einer bestimmten Straße, in einem bestimmten Quartier gewesen zu sein, sondern als Blick auf eine Stadt, während ich mehr oder auch manchmal weniger wachen Auges durch die Straßen spaziere. Es mischen sich Gesamt und Details. Flüchtigkeit und den Zufall bannend. Immer wieder, seit Jahren schon, überlegte ich, ob ich die Bilder selbst mit einem Datum markieren, also im Bild mittels Kameratechnik ein Datum einfügen sollte. Dann sah ich es bei Daido Moriymas s/w-Photographien in der Pariser Ausstellung. Die Idee ist nicht schlecht, aber ich möchte im Grunde keine Konkretion irgendeines Datums als Maß der Zeit. Oder mit Daten spielen wie On Kawaras Konzeptkunst und diese Daten mit der Imagination und dem Tagesaktuellen jeweils vor Ort verschränken. Nein. Dem Fluß der Zeit einen Fluß an Bildern entgegensetzen. Starres, das doch fließt und sich nie sistiert. In den Bruchteil der Sekunde gefroren und doch beweglich, taktil, mobil. Wie die Kamera selbst. Lediglich einige wenige Ereignisse will ich datiert wissen und genau dieses Datum als ein solches Bild festhalten –als unnachahmliches, einmaliges unwiederholbares Dies-da. Bei meinen Spaziergängen durch Städte und Landschaften spielen die Daten keine Rolle – manchmal wie beim Le Bataclan oder am Place de la République ergeben sich die Hinweise auf bestimmte Ereignisse von selber. Eigentlich ist es sogar überflüssig, im Titel den Namen der Stadt zu nennen. Ansichten, durchnumeriert, das genügte.

 

Ornamental sterben – Lissabon 2013

“So youʼre lying in your underwear
Oh, in someone elseʼs bed”
(Courtney Love)

Die Welt der Plakate – Lissabon

„Ich war stets anspruchslos, wenn es die Wahl der Anlässe galt, um zu Erlebnisse zu gelangen, und ich verschmähte jene starken Reizmittel, die die schwachen Seelen brauchten, um eine trügerische Wirkung mit Schaden zu erkaufen. Kurzum, die vielen Bibliotheken und Museen, an denen ich im Leben vorbeigekommen bin, hatten sich über meine Aufdringlichkeit nicht zu beklagen. Dagegen zog mich von jeher das Leben der Straße an, und den Geräuschen des Tages zu lauschen, als wären es die Akkorde der Ewigkeit, das war eine Beschäftigung, bei der Genußsucht und Lernbegier auf ihre Kosten kamen. Und wahrlich, wem der dreimal gefährliche Idealismus eingeboren ist, die Schönheit an ihrem Widerspiel sich zu bestätigen, den kann ein Plakat zur Andacht stimmen!“
(Karl Kraus, Die Welt der Plakate)

 In dieser Weise ging es mir in Lissabon. Ich besuchte nicht ein einziges Museum. Aber halt, das stimmt nicht ganz: Ich habe mir in der „Fundação Arpad Szenes-vieira Da Silva“ die Bilder jener Malerin angesehen. Ansonsten aber konzentrierte ich mich auf die Stadt. Auf Mauern und manchmal auch auf die dort spazierenden Menschen. Der Gang der Bewohner scheint mir, aber vielleicht trügt das bloß, wesentlich ruhiger und gemächlicher als in anderen Großstädten. Lissabon ist auf eine eigentümliche Weise entspannt. Höflich-distanziert, was ich sehr schätze. Keine falsche und überschwengliche Nähe. [Eine sehr gute Freundin behauptet steif und fest, ich könne keine Menschen photographieren, fände keinen Zugang zu ihnen, entlockte ihren Gesichtern nichts. Ich werde darüber nachdenken. Sie sagt oft wahre Dinge. Aber hier und in diesem Falle?]

Urbane Räume (10) – Lissabon, Ende April 2013

Damit niemand sage und behaupte, Lissabon habe nur tote Fische zu bieten, zeige ich wahllos aus meiner Sammlung von ca. 5200 Lissabon-Bildern einige Impressionen, die es hier bisher noch nicht zu sehen gab. Angeregt durch den Lissabon-Urlaub der Blogbetreiberin von Irisnebel – Bildersturm. Manche läßt die Wärme abstumpfen, andere lädt drückende Hitze zum Träumen und Imaginieren ein, zum Poetisieren von Welt, indem sich das Sinnen und Sinnieren an den Details aufhängt und sie ausschmückt: Armchair Traveling oder die Schmuckordnung der Dinge. Der Sommer ist für mich leider viel zu heiß, um eine Reise zu tun. Das machen lediglich Familien, weil sie auf die Ferien gehalten sind. Ich reise lieber im Frühjahr oder besser noch im Herbst in die Städte – Oktober und November sind ganz und gar vorzügliche Monate – und aktiviere bei einem solchen Wetter, inmitten der legendären Hundstage, das Vermögen der Phantasie, das sich an diesen Photographen entzündete, und es macht sich der Flaneur im Imaginären auf den Weg.
 

Knappes Vorspiel auf ein lesenswertes Buch zu Wien, das dann aber doch nicht genannt, sondern auf Umwegen erst herbeiassoziiert wird, samt einem Satz Photographien der Stadt

„Noch kein Schriftsteller hat die Wirklichkeit
so beschrieben wie sie wirklich ist
das ist das Fürchterliche“
(Thomas Bernhard, Heldenplatz)

Wer mit einer leicht schrägen oder aber doch historisch agierenden Phantasie begabt ist, kann, wenn er im 21. Jahrhundert in Wien weilt, in den Straßen dieser Stadt immer noch jene Juden sehen, die mit Zahnbürsten und mit anderen Putzutensilien die Gassen und Plätze vom Schmutz zu reinigen hatten. Der Anschluß Österreichs ans Reich im März 1938 geschah im Fahnenmeer und unter Jubel der Österreicher, die sich nun wieder in ihrer Ostmark als vollwertige Deutsche fühlen durften. Die Mär vom unschuldigen Österreicher hält sich dennoch hartnäckig und bis heute. Thomas Bernhard hat in seiner ihm eigenen Drastik zum Österreichischen Nationalsozialismus und Faschismus eigentlich alles geschrieben, was zu schreiben ist. Zumindest das, was man auf den Punkt des äußersten Hasses und der aufs äußerste gesteigerten Wut zentrieren kann. (Literarisch gibt es aus Wien und von dieser Zeit – naturgemäß – sehr viel mehr zu berichten. Vom geniale Gerhard Roth einmal angefangen.) Nichts davon, was Bernhard schrieb, ist, wenn man es beim Wort nimmt, übertrieben, überzogen, übersteigert. Lesen Sie „Heldenplatz“. Gleich zum Auftakt heißt es in diesem Theaterstück:

„Kann schon sein daß Sie sich ein paarmal im Jahr
In dieser Stadt wohlfühlen
wenn Sie über den Kohlmarkt gehen
oder über den Graben
oder die Singerstraße hinunter in der Frühlingsluft“

Ja, Wien trügt Sinne und es umschmeichelt den Blick: beim Flanieren, beim Schauen, beim Shoppen, wenn ich durch die Stadt hetze um vom Radetzkyplatz zur Mariahilfer Straße zu gelangen, beim Photographieren: wie leicht fällt man da auf vielfache Weise herein, betätigt den Auslöser und hinterher, zu Hause wenn ich die Bilder auf die Festplatten überspiele, sichte, sortiere und lösche oder mit einer Bewertung markiere, dann erst bemerke ich, daß es nur eine belanglose Photographie ist, wie es sie tausendfach gibt, Geknipstes bloß: Als ich die Wiener Pestsäule ablichtete, sah ich etwas oder meinte in meiner Phantasie etwas zu sehen, das sich dann aber, als ich auslöste, im Ausdruck des Bildes, beim Komponieren und als ich den Bildausschnitt festlegte, objektiv nicht realisierte. Manche Bilder bleiben im Kopf und können sich nicht manifestieren. Latenztage wie diese. Dies sind die schlechten Tage eines Photographen. Meist machen die Menschen den Fehler, zu viel in eine Photographie packen zu wollen, und sie achten bei öffentlichen Plätzen oder Straßenszenen nicht darauf, wie und in welchem Verhältnis die Menschen angeordnet sind und sich gerade in diesem Moment positionieren und wie ihre symmetrische Konstellation und eine Art von imaginärer Linienführung genau in diesem Augenblick ausfällt: Funktioniert es oder läuft die Anordnung schief? Um auf Plätzen Menschen zu photographieren, muß ein Photograph viel Zeit mitbringen und von einer unauffälligen Stelle aus beobachten, schauen und sehen, bis es paßt. „Des Vetters Eckfenster“. Der Platz vor dem Stephansdom ist ein solcher Ort, wo ein Photograph sich gut herumdrücken und positionieren kann, der Graben in gewissem Sinne ebenfalls. Und natürlich der Heldenplatz, der Volksgarten. Wien besitzt viele solcher Ort und Plätze. Allein der Klang der Namen weckt den Wunsch, wieder in Wien zu sein und dorthin zu reisen: der Stadtpark, mein geliebter ruhiger III. Gemeindebezirk und etwas schlampert der Weg über den Donaukanal und dann hinunter zum Praterstern und in die Leopoldstadt.

Flanieren also, mit der Kamera. Im wunderbaren Wien. Ich liebe es, wenn ich spaziere, beobachte, mich beim Schauen treiben lasse, ohne ein Ziel führt mich das Gehen an diesen oder an einen ganz anderen Ort. Die Bauwerke und die Menschen in ihrem Alltagesbetrieb mir anzuschauen. Da ist ein Ton, der klingt auch über dem Pflaster. Nicht zu sehr mit dem Blick in den Gebäuden oder den Menschen sich verlieren und dabei vor die Straßenbahn laufen. Den Ring demnächst vorsichtiger queren und nicht wie das Auge der Kamera blicken, was zu photographieren wäre! Ding unter Dingen. Reiner Apparat, der registriert. Ich gehe zu oft bei roter Ampel. Manchmal schlendere ich tief in der Nacht. Ich betrachte mir die erleuchteten Fenster. Aber darunter, unter diesem Pflaster, da liegt nicht nur und bloß der Strand, sondern es rumort vielmehr in der Erde. Teils blutige Geschichte. Das aber hören wenige Menschen. Die Ringstraße feiert 150jähriges Jubiläum. Hans Makarts eigentümlicher Malstil, der die Interieurs prägte. Ist das nicht doch zu üppig dekoriert und überladen? Ja. Ornament und Verbrechen. Doch es paßte zu jener Gründerzeit, als das Großbürgertum zu repräsentieren begann. Da stehen die prunkvollen Gebäude in ihrem klassizistischen oder verschnörkeltem Stil: Bankhäuser, die einstmals Wohnpaläste der Wohlhabenden waren – wie etwa das Palais Ephrussi am Schottentor, beim Universitätsring, Ecke Schottengasse, nicht weit entfernt von der Berggasse 19. Eine für mich magische Adresse, an die es mich immer wieder zieht. Jenes Haus in der Berggasse, im neunten Wiener Gemeindebezirk mit seinen Exponaten. Dem roten Sofa und Fetischobjekten aus einer anderen Welt und Zeit. Rückblicke können vielfältig ausfallen. Sie haben jedoch immer mit der Gegenwärtigkeit und also auch mit der Gegenwart, dem Hier und Jetzt und dem heute zu tun.

„Wer je einen schrecklich flehentlichen Brief geschrieben hat, um ihn dann doch zu zerreißen und zu verwerfen, weiß noch am ehesten, was hier unter ‚heute‘ gemeint ist. Und kennt nicht jeder diese beinahe unleserlichen Zettel: ‚Kommen Sie, wenn überhaupt, wenn Sie können, wollen, wenn ich Sie darum bitten darf! Um fünf Uhr im Café Landmann!‘ Oder diese Telegramme: ‚bitte ruf mich sofort an stop noch heute.‘ Oder: ‚heute nicht möglich.‘

Denn Heute ist ein Wort, das nur Selbstmörder verwenden dürften, für alle anderen hat es schlechterdings keinen Sinn, ‚heute‘ ist bloß die Bezeichnung eines beliebigen Tages für sie, eben für heute, ihnen ist klar, daß sie wieder nur acht Stunden zu arbeiten haben oder sich freinehmen, ein paar Wege machen werden, etwas einkaufen müssen, eine Morgen- und eine Abendzeitung lesen, einen Kaffee trinken, etwas vergessen haben, verabredet sind, jemanden anrufen müssen, ein Tag also, an dem etwas zu geschehen hat oder besser doch nicht zu viel geschieht.“
(Ingeborg Bachmann, Malina)

Haben Städte und Orte eine Aura? Ja, manche ganz gewiß; in Wien steckt etwas. Das spukt. Mein Hang zum Überbordenlassen der Phantasie. Zwischen Phantastischem und Phantasma. All diese Stadtbilder, die sich einbrennen und die in ihrer Weise danach begehren, in eine Ordnung des Texte, des Blickes, des Bildes versetzt zu werden. Mein Hang zum Fetisch. Und sei es bloß der Knauf einer Haustür oder ein Plakatfetzen an einer Häuserwand, der lose und müde herabhängt und manchmal im Wind sich bewegt. Oder ich betrachte mir ein offenes Fenster, hinter dem ein weißer Vorhang weht. Ich stelle mir vor, daß dort gerade ein Verbrechen geschieht. Oder ein Mann schläft hinter der Wand mit einer Frau, inmitten der Sommerhitze, und es kleben auf diese wundersame wilde Weise des Sommers diese beiden Körper aneinander, Hände, die über das erhitzte und schwitzige Fleisch gleiten. Wäschestücke, die fallen. Auch Fetischobjekte. Der Vorhang weht und gleitet hin und her und ein Stück weit schiebt sich der Stoff nach draußen. Aber es geschieht ansonsten nichts. Es zeigt sich an diesem Fenster kein Mensch. Dem Neurotiker mag es durch die Allmacht der Gedanken gegeben sein, Dinge zu bewegen. Zumindest in der Phantasie. Manchmal schaue ich mir diese Dinge an. Verharre in dem dunklen Aufgang eines Treppenhauses, betrachte das Holz der Stiegen.

In der Ungargasse, da wo Malina sowie Ivan idealiter und Ingeborg Bachmann realiter wohnten. Ich sehe dort die Gespenster. Ich lese in den Steinen, lese die Namen auf den Klingelschildern. Ich will geradezu erschrecken, dieses Schock heraufbeschwören durch Rituale und möchte auf einer der Messingtafeln oder unter dem Plastik lesen: „Malina“. In Frankfurt/Main ging es mir so, als ich 1990 mit einer Freundin den Kettenhofweg hinunterspazierte. Wir dachten uns als junge Adorno-Leser: Mal gucken wie der Meisterdenker gewohnt hat! Bei Nummer 123 verharrten wir, schauten, sahen auch auf das Klingelschild und da stand immer noch dieser Name: ADORNO. Wir waren zunächst wie vor den Kopf geschlagen. Aber natürlich, fiel es uns beiden dann ein, seine Frau Gretel Adorno lebte ja zu diesem Zeitpunkt noch! Fast zwanzig Jahre nach ihrem Selbstmordversuch. Im Rollstuhl harrend. So springen die Assoziationen. Die Ungargasse ist eigentlich eine völlig unbedeutende und zudem wenig belebte Straße, sie ist nicht besonders aufregend, nicht besonders schön, wenig interessante Lokalitäten, höchstens das Café Malipop. Die Straßenbahn der Linie O fährt von Zeit zu Zeit durch die Gasse und bringt die Menschen nach Wien-Mitte oder bis zum Praterstern oder aber in die andere Richtung nach dem Belvedere zum schönen Park. Dort, wo man vom Oberen Belvedere auf Wien und den Stephansdom blickt.

„Wenn man die Welt vom III. Bezirk aus sieht, einen so beschränkten Blickwinkel hat, ist man natürlich geneigt, die Ungargasse herauszustreichen, über sie etwas herauszufinden, sie zu loben und ihr eine gewisse Bedeutung zu verleihen.“
(I. Bachmann, Malina)

 

 

Erster Ratschlag für Wien – das Café Prückel

Nie sollte man bei zu viel Hitze, das heißt also in den Monaten Juni, Juli oder im August reisen – es sei denn, es ginge nach Grönland oder Island. Oder ins ferne Tromsø.

Ich sitze am frühen Abend im herrlichen Café Prückel, schräg gegenüber vom Stadtpark, an der Ringstraße. Zu heiß, um irgend etwas zu schreiben oder um zu Geistreichem fähig zu sein. Kant und Hegel konnten nur in Königsberg und Berlin wirken, Lichtenberg schrieb und spottete in Göttingen, denke ich mir. In Neapel und Rom ist im Sommer das konzentrierte Denken, das auf den Punkt geht und zugleich verschlungen die Bezüge setzt, nicht möglich. Das Denken der Philosophie ist an ein bestimmtes Klima gebunden. Andererseits jedoch entstammt die Philosophie des Abendlandes einer mehr als heißen Region. Glutkern des Denkens: Griechenland, Mittelmeerort, wenn in der Hitze des Mittags, in der höchsten Stunde, wenn der Schatten des Wanderers am kürzesten fällt, die Flöte des Pan schallt und der Schrecken dem Wanderer, dem Schatten und all den Wesen ins Mark schießt. Abgrundgeschehen, das Nietzsche düster ahnte. Die Weisheit des Silen und die halkyonischen Tage in einem. Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Philosphie und den (geographischen) Räumen? So sinieriere ich.

Und es spielt mit einem Male, wie jeden Dienstag ab 19 Uhr eine Frau am Klavier. Es ist angenehme Salonmusik. Kitsch manchmal, Schlager, Chansons, jene Melodie aus „Frühstück bei Tiffany“, Operette, Oper abwechselnd. Ein bunter Reigen an Stücken wird geboten. Das Prückel ist ein Café, dessen Interieur im Stil der 50er Jahre gehalten ist. Sehr angenehm, sehr dezent und große Räume – eine Anordnung, die ich schätze. Für Raucher existiert ein eigens eingerichteter Bereich. Eine vorzügliche Atmosphäre, um zu lesen, zu schreiben, zu beobachten und zur Musik für einfach so die Gedanken in alle Richtungenn treiben und laufen zu lassen. Genau richtig, bei jener unerträglichen Hitze, die träge macht und in der sich die Wirkung des Grünen Veltliners unmerklich, aber im Abschluß klar wahrnehmbar steigert. Gegen Kälte kann man sich mittels Kleidung schützen. Gegen Hitze hilft nichts außer das Eis, keine Haut, die sich noch abstreifen ließe. Marsyas jedoch möchte, so denke ich mir, keiner gerne sein. Wir benötigen die Hülle und die Schicht zum Schutz. (Taktilität, Walter Benjamin.) Andererseits ist das Blödsinn. Die Antike bleibt unzugänglich, taugt allenfalls noch zur Satire und zum Scherzen. Ansonsten ist dieser Seinsbereich verschlossen und bleibt leere Bildungshuberei – allenfalls gut für ein Zitat, das dann der erlesen Belesene als eingestreutes Bröcklein wohlfeil aufnimmt. Ein vom Autor nett verstecktes Osterei, und es freuen sich alle – Autor wie Leser -, wenn das liebe Ei schließlich entdeckt wird. Bereits bei Joyce mißlingt dieser Rekurs, und was bei Thomas Mann noch leidlich funktionierte, wirkt in der wiederholten Wiederholung langweilig oder bloß abgeschmackt. Bildungshuberei derer, denen die Bildung abhanden kam, denke ich mir. Wir haben die Texte von Aristoteles, die der Vorsokratiker. Mehr nicht. Diese Botschaft bringt euch der Götterbote Herpes, um einen Witz der Lyrikerin Monika Rinck aufzugreifen. Die Moden wechseln. Ich bin ein Mensch der Herbstmonate. Oktober, November. September, sofern nicht zu warm. Ich bin ein Mensch der Kälte.  Wer aber besitzt heute dieses philologische Gespür? Die Antike ist nahe am Wahn und am Wahnsinn gebaut. Das von Hölderlin imaginierte Griechentum führte in den Irrsinn: erwies sich als Unort. Wo sind die Freunde? Bellarmin. Tot und toter oder in den Turm gesperrt, die Gesellschaft der Türmer. Nach Bordeaux – keiner weiß, was dort geschah – ging die Reise ins Andere hin. Oder hinab.

Die Luft im Café ist stickig. Nichts regt sich, kein Hauch. Schweißtreibend selbst das Saufen. Lediglich wenn der bewegliche Ventilator in meine Richtung schwenkt, weht ein laues Lüftchen herüber. Das Café Prückel könnte ebenso einer Inszenierung von Christoph Marthaler entstammen, man wird vermuten dürfen, daß die Bühnenbildnerin Anna Viebrock solche Räume vor Augen hatte, sich vielleicht sogar an diesem Ort inspirierte. Das Burgtheater ist nicht weit entfernt, ebenfalls am Ring gelegen, zwanzig Minuten Fußweg höchstens. Doch egal – müßige Spekulation.

Es gibt bei den Menschen einen bestimmten Caféhaustypus, der sitzt lange, es kommt wie unendlich vor, so sitzt der Mensch da, verharrt, und er hält sich an seinem einen Getränk fest. (Ich kann das nicht, ich bin nicht derart diszipliniert, sondern beim Trinken haltlos.) So auch hier im Prückel sitzt mir ein Mann gegenüber, durch den großen Raum gemessen wohl zehn Meter entfernt. Zunächst schrieb er etwas in sein schwarzes Notizbuch, nun schaut er vor sich hin und durch den Raum. Er beobachtet. Nicht anders als ich. Dann trägt er wieder seine Aufzeichnungen in das Heftchen ein. (Ich muß einen Scherz über die „schwarzen Hefte“ machen, geht es durch meinen Kopf. Die Antike als Seinsbereich – da ist es wieder. Der neue Heidegger schreibt ins Moleskine. Ontologie ist immer Ideologie. „Es führt kein Weg zurück“, wie ein Roman von Thomas Wolfe heißt. Er spielt in Berlin in den 30er Jahren. Ich habe drei Stück dieser Moleskine zu Hause in Berlin. Vollgeschrieben. Meine schwarzen Hefte mit den eindringenden Notizen. Penetrationen des Textes. Ich werden sie irgendwann fortwerfen, denn ich kann meine eigene Handschrift schlecht lesen. Das Entziffern des eigenen Textes ist mir zu mühselig.)

An mir vorbei schlendert eine Frau mit ihrem dunklen Pudel. Hüfthoch das Tier, den Kopf in der Nähe ihres Kleides wiegend. Da wo sie nach Frau und in der Hitze verschwitzt riecht. Ich imaginiere ihr Geschlecht und überlege kurz, ob sie meine Gedanken erraten mag. Die Frau bewegt sich an mir vorbei. Der Pudel hingegen – er schreitet. Hoheitsvoll fast. Mehr noch und eitler als sein Frauchen, den Körper beherrschend, durch den wunderbaren Raum gleitend. Meine Augen richten sich auf ihr Gesicht, dann wieder in ihre Hüftregion. Eine mitteljunge Frau in den 40ern, typisch wienerisch im Habitus und in der Art, sich zu kleiden. Mit einerseits markantem, einem sogar leicht harten, aber doch schönen und mit einem besonderen Gesicht. Nicht unelegant. Gelassen oder gelangweilt jedoch verschmähen Pudel und Frau meinen Blick.

Ich bin ein Bewohner Wiens. Oder Wien mit und ohne Wiener als Ortschaft, samt einer Leser:innen:preisfrage

„Zwei Richtungen geistiger Unkultur: die Wehrlosigkeit vor dem Stoff und die Wehrlosigkeit vor der Form. Die eine erlebt in der Kunst nur das Stoffliche. Sie ist deutscher Herkunft. Die andere erlebt schon im Stofflichen das Künstlerische. Sie ist romanischer Herkunft. Der einen ist die Kunst ein Instrument; der anderen ist das Leben ein Ornament.“ (Karl Kraus, Heine und die Folgen)

Diese zwei grundsätzlichen Bestimmungen greifen noch heute. Wir könnten es sowohl in der Literatur wie auch in der Kritik derselben gut beobachten. Morgen reise ich für fünf Tage in jene Stadt, in der Karl Kraus scharfzüngig schrieb, wirkte und über die Dummheiten nicht nur spottete, sondern sie sezierte und vorführte. Ich werde auf dieses feine Zitat bei Gelegenheit demnächst zurückkommen.

Eine jede Stadt, in die wir reisen und in der wir vorher niemals waren, ist zunächst einmal ein für uns fiktiver und ein imaginierter Ort: Denn wir machen uns vorab, bevor wir überhaupt angekommen sind, bereits unsere Bilder von dieser Stadt – im Grunde ein Nicht-Ort, der seinen Ort einzig im Imaginären besitzt. Und nicht nur das, nicht nur die Eigenproduktion, die Phantasien oder Phantasmen, wenn wir an den Klang des Städtenamens oder an  den von bestimmten Straßen und Plätzen  unsere Verheißungen binden. Wir hören und hegen diese oder jene Meinung, übernehmen bestimmte Klischees und kulturelle Codes, wiederholen sie, pflegen, dekonstruieren oder widerlegen sie in unserem Denken. Alles ist und alles bleibt immer vorläufig. Aber selbst die ersten Sinneseindrücke – wenn wir eine uns zunächst fremde Stadt betreten, wenn wir den Bahnhof verlassen, wie damals in Roma Termini oder in Paris am Gare du Nord, wenn wir vom Flughafen mit der Taxe in die Stadt uns kutschieren lassen wie in Varna und Lissabon oder eben, wie in Wien mit der bequemen CAT-Bahn einreisen, die in Wien-Mitte hält – lassen sich revidieren oder werden in den Erinnerungen umgebogen zu anderem, sofern sie lange genug zurückliegen, polen sich anders als die ursprüngliche Wahrnehmung dieses ersten Mals. Auge und Geist divergieren, weichen voneinander ab.

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Ich werde, wie Thomas Bernhard, Peter Altenberg, Karl Kraus, Leo Perutz, Hugo von Hofmannsthal, Alfred Polgar oder Anton Kuh in einem dieser Cafés granteln und die mich umgebende Welt sowie das servierte Gebäck betrachten, die Kunst des Menschenbezichtigens verfeinern. Thomas Bernhard nannte in „Wittgensteins Neffe“ – oder war es doch „Der Untergeher“? – die in einem Café ideale Sitzposition, wo man zwar sehr gut betrachten, bewerten, beurteilen und bezichtigen kann, ohne aber selber weiter groß aufzufallen. (Dem Photographen ist dieser Standpunkt nicht ganz fremd, dem Voyeur ebensowenig – eine der interessantesten und vernachlässigten (literarischen) Figuren nebenbei, dem ein eigener Blogeintrag zu widmen wäre.) Andererseits ist dieses Kaffeehausliteraturgeschwärme ein Schmarrn, und wir wärmen die zum einhundertsten Mal gehörten dummen und mittlerweile langweiligen, abgestorbenen Klischees der Kaffeehausliteraten immer wieder auf.

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Das Wien des Fin de Siècle, die Hauptstadt eines ganz bestimmten Geisteslebens, eben das, was wir die Wiener Moderne nennen, ist abgestorben und längst Vergangenes. Wenn eine Gestalt des Lebens alt geworden, malt die Philosophie oder in diesem Falle der morbide Essayist sein Grau-in-Grau. Wer über das Zeitphänomen nachdenkt und sich in die Epoche imaginiert, sollte zudem die spezifische Konstellation mitbedenken, unter der einzig ein solches Leben wie seinerzeit in Wien sich entfalten konnte: das des großen Habsburgerreiches mit seinen Beziehungen  und Verbindungen  nach Spanien – man denke nur an das am Wiener Hof gepflegte, strenge spanische Hofzeremoniell  oder die herrliche Hofreitschule –, die k.u.k.-Monarchie eben mit all ihren Widersprüchen und ihrer irren, schlamperten Ordnung (kurz Kakanien, wie es in Musils „Mann ohne Eigenschaften“ hieß, am Abend vor dem Ersten Weltkrieg.)

Nur in einem solchen Vielvölkerstaat mit den unterschiedlichsten Einflüssen und Prägungen konnte eine solche Moderne sich entfalten. Das Rumpfösterreich nach 1918 war dann bloß noch der Schatten seiner selbst. Der sowieso in Wien grassierende mehr oder minder latente, manchmal jedoch ebenso handgreiflich zutage tretende Antisemitismus wurde nun zu einem wüsten und manifesten Antisemitismus, und der Austrofaschismus war in diesem Staat bereits angelegt. Thomas Bernhards Schimpfen auf ein durch und durch und immer wieder und aufs heftigste faschistisches Österreich beruht auf einer Grundlage. Hellsichtig wie keiner und mit böser Zunge warnte und schrieb Karl Kraus seinerzeit gegen diese Verhältnisse an: gegen schwachbrüstige Journalisten, gegen das schablonenhafte Denken und den Sprachschluder, gegen all die Unterkomplexitäten und gegen das Verhängnis. Doch ohne Aussicht auf den Erfolg oder auf die Besserung.

„Der wahre Weltuntergang ist die Vernichtung des Geistes, der andere hängt von dem gleichgiltigen Versuch ab, ob nach Vernichtung des Geistes noch eine Welt bestehen kann.“ (Karl Kraus)

Da hier im Blog, wie ich der Länderstatistik entnehmen darf, einige Menschen aus der Ostmark, nein, das ist politisch falsch formuliert: aus Österreich mitlesen, so freute ich mich über einige schöne oder auch schreckliche Wien-Tips abseits der Reiseführer und über Hinweise, wo es lohnt, sich hinzubegeben oder gar gepflegt abzustürzen: entlegene oder ausgewählt öde Orte. Wer was weiß, möge es in den Kommentarteil eintragen und wenn er oder sie es still mir mitteilen möchten, gerne auch mit einer E-Mail. Die Adresse findet sich oben in der Rubrik Über mich selbst/Ich ist ein anderer.

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Als Valie, die Naschhafte, aber zugleich Beißwütige, im Dunkel des Pensionszimmers das Harte, Pulsierende, Fleischliche, salzig bis faulig Schmeckende erst zart über ihre Lippen streichend und dann tiefer in ihrem Mund spürte und als ihre Zähne fest und fester und dann bitter zuschlugen und sie beim Nachdem ein Stück von Haut, Fleisch und Faser unter ihrer Zunge speichelte, da wußte sie in ihrer Unschuld: „Das muß ein Stück vom Pimmel sein.“ [Das dachte sich ebenfalls jener Man eater aus Rothenburg, der den Körper seines inzwischen geschlachteten und dann herzhaft zubereiteten Liebespartners genüßlich verspeiste. Blut ist ein besonderer Saft. Blut ist ein langgedehnter Vokal und ein Four-letter-word.) Während durch das Fenster der Pension von ferne und nachtwärts verweht von Grinzing herüber der Chor der Verliebten jene Filmschmonze vom Stück des Himmels sang: Wien und der Wein, Wien und der Wein. Das alles, die Musik, der Geruch dieser Frau, ihr schales Geschlecht, die schwitzige Haut, das überhitzte Zimmer, die Töne und Stimmen, das drehte sich in seinem Kopf, Einfluß des Alkohols und der Tablette oder die Macht von Liebe. Selbigem Wienerischen Wein oder dem von der Wachau werde auch ich zusprechen. Grünen Veltliner trinkend, in der Nähe meiner Unterkunft, nicht weit vom geträumten Ungargassenland entfernt, im Dritten Bezirk liegt das Restaurant „Wild“ mit herrlichen, köstlich zubereiteten Speisen. Als er jedoch morgens in seinem Bett aus tiefem Rausch und erschöpft erwachte, lag er in einer blutigen Lache und die Laken und die Decke so rot, während er an seinem Gemächt nichts mehr spürte, nichts als diese klaffende Wunde, eine Spalte fast, oder aber weniger als dies, doch es fehlt etwas. [Weshalb lieben die jüdischen Frauen beschnittene Männer? Weil sie nichts anfassen, was nicht um mindestens 20 Prozent reduziert ist.] Die Kastrationsangst des Mannes steigerte sich seit dem Wien des ausklingenden 19. Jahrhundert ins Unermeßliche und von der Philosophie im Boudoire bis zur Berggasse 19 sind es nur wenige Schritte. [Wer in Wien weilte oder wohnt, weiß, daß dies bereits auf der Ebene eines ganz unmittelbar Faktischen stimmt. Ohne Freudianer oder Freund von Lacan sein zu müssen. Ursprung der Welt. Ein Text.]