Die singende-klingende Herrentorte: Dieter Dehm

Man hat mir heute in zweifacher Hinsicht meinen Tag versaut und verdorben. Zum einen scheint in Berlin die Sonne. Das ist nicht gut, denn ich wollte heute in den Oderbruch und dann in die Uckermark fahren, bin extra um halb sechs aufgestanden: dann sehe ich: es ist der Himmel himmelblau. Was will ich bei gutem Wetter photographieren? Häuser, die von Baumschatten übersät sind? Häuser, die im Schatten liegen und aufgrund von Hintergrundblendung nicht photographierbar sind, oder aber Gebäude und Landschaften, die grell von der Sonne bestrahlt werden? Alles dies läßt sich nicht gut abbilden. Besser zum Photographieren wirkt das schattenlose Licht eines bedeckten Tages. Die trostlose DDR ist richtig trostlos nur unter dem Kohlestaub und in den Verschattungen der Wolken. Und im nächsten katastrophischen Akt werde ich in der Zeitung von gestern, die ich heute erst las, an Dieter Dehm erinnert.

Gibt es einen neuen Aufschrei? Die Journalistin Elisabeth Niejahr beklagte in der „Zeit“ vom 20. Februar 2014, daß sie beim Parteitag von Die Linke an einen Kaffeestehtisch trat, wo auch besagter Dieter Dehm stand und sie dort mit dem Herrenwitz empfangen wurde: „Kennen Sie den Unterschied zwischen Onanieren und Geschlechtsverkehr?“, so fragte Dehm. Laut „Berliner Zeitung“ soll Frau Niejahr vorher angemerkt haben, daß der Parteitag „selbstbefriedigungsähnlich“ verlaufen sei. Nun kann man sich darüber streiten, ob solche Witze, wie der von Dehm erzählte, nun eher witzig zu nennen oder eher müde sind, ob es sich um einen entsetzlich sexistischen, einen dummen Schenkelklopferwitz oder um den Ausbund von Humor oder aber um die richtige polemische Antwort auf einen so fürdahin gesprochenen Journalistensatz handelt. Man kann auch fragen, ob solche journalistischen Einschübe Methode haben und ob da jemand auf dem Brüderle-Ticket schreibt. So heißt es bei Niejahr im Anschluß an diese Begebenheit:

„Eine normale Partei ist die Linke noch lange nicht. Dafür sind viele ihrer Leute einfach viel zu schräg.
(…)
Gysi, Kipping und die anderen irren sich, wenn sie denken, sie hätten den Scheinwerfertest bestanden. Mich jedenfalls überzeugen sie immer weniger, je besser ich sie kennenlerne. Deshalb habe ich beschlossen: Schreiben ohne Kopfschütteln, das geht bei dieser Partei noch nicht.“

Nicht daß mir die Linke im speziellen oder die Parteiendemokratie im besonderen am Herzen liegen. (Ich selber bin allerdings Mitglied von DIE PARTEI und wähle diese auch.) Manchmal jedoch geht auch Lesen ohne Kopfschütteln nicht und der Körper schüttelt sich konvulsivisch-zuckend vor Lachen, nicht wahr Frau Elisabeth Niejahr?

Gegen diesen Dehm-Humor nun sind Einsätze von Journalisten in Zentralafrika und dem Irak oder ein Interview mit Helmut Schmidt oder Helmut Kohl geradezu ein Nichts, und eine investigative Recherche bei den Hells Angels oder einen Monat zusammen mit Roberto Saviano bei der Kokainmafia bloßes Beiwerk. Ehrlich gesprochen: wer solche Dehm-Sätze nicht aushält und sich darüber mokiert, sollte vielleicht nicht von Parteitagen berichten, sondern in einer kleinen Lokalzeitung schreiben. Für Elisabeth Niejahr ist „Die Zeit“ womöglich vier Nummern zu groß. Aber auch bei den Kaninchenzüchtern gibt es leider Zoten und Schoten. Tja, ja, Kika-Kikaninchen, Tibbetibbetap.  Vielleicht existiert dort ein gemütlicher Arbeitsplatz, der von den Zumutungen der Welt einen Journalisten freihält.

Schlimmer als der Dehm-Witz jedoch ist und bleiben manche seiner Lieder bzw. Liedertexte, die dieser Mann schrieb. Darüber hätte Frau Niejahr sich ereifern können. Liedgut wie „Was woll’n wir trinken 7 Tage lang“, „Das weiche Wasser bricht den Stein“ sowie „Aufsteh’n“ sind nicht nur an – man verzeihe den Kalauer – Dämlichkeit nicht zu überbieten, sondern ihre Rezeption führt zu anhaltender Verstumpfung sowohl im Feld der Politik wie auch in dem des Ästhetischen. Es gibt moralische Unzulänglichkeiten, etwa wenn der eine den anderen bespitzelt, und dann gibt es das schlimmste der Verbrechen: die Musen zu beleidigen und Agitproplieder von so minderer Textqualität zu produzieren, ohne daß die Teilnehmer von Demonstrationszügen es bemerken. Über fünf Jahre, seit ich 1980 mit 15 Jahren bei meiner ersten Demo mitlief, mußte ich immer wieder von entfernt „Aufstehen“ oder „Was wollen wir trinken“ oder dieses beschissene weiche Wasser hören. Immer mit diesem Rudi-Carrell-Niederländischen Dialekt gesungen. Ab 1985 beschloß ich, mich anderen Dingen zu widmen, der Politik den Rücken zu kehren und nur noch als unbeteiligter neutraler Photograph an Demonstrationen teilzunehmen. Da, wo Silvesterknallelemente flogen, wo Barrikaden brannten, Steine geworfen wurden, waren zumindest die Lieder von „Bots“ nicht zu hören. Es war ein guter Ort.

Gegen diese Lieder ist ein Witz von Kaliber „Was ist der Unterschied zwischen Onanieren und Geschlechtsverkehr“ nicht nur eine Petitesse, sondern als Antwort auf dumme Sätze sogar lustig.

Irgendwie ist Dieter Dehm mir nun doch sympathisch. Trotz Stasi und trotz Liedertext, trotz SPD und alledem.

Der Friedensnobelpreis für 2013 …

geht an: ja: And the winner is: CHEMIEWAFFENKONTROLLEURE

„Der Schöpfer des Wortes Chemiewaffenkontrolleure verdient auch irgendeinen Preis (Günter Grass, der mit Texten für die Milchwerbung anfing, würde sagen, ein Lyriker habe das Wort erfunden), ebenso die Hersteller von Chemiewaffen, denn ohne die Hersteller gebe es keine Organisation  für das Verbot von Chemiewaffen. Wer sind eigentlich unsere Chemiewaffenkontrolleure? Die Wissenschaftler, die in weißen Geländewagen mit UN-Aufschrift im Kugelhagel durch die Gegend brausen? Wirklich?“ So schrieb ein Kommentator mit dem Namen Polemik  Christoph Hillmick in Zeit-Online.

Eigentlich und wenn die Feiglinge des Komitees aus Schweden, das vom Norwegischen Parlament bestimmt wird, sich denn trauten und wenn dieser Friedensnobelpreis nicht durch ideologische Vorentscheidung bestimmt wäre, müßte dieser Preis an Bradley Manning und Edward Snowden gehen. Aber es ist leichter, einen chinesischen Dissidenten oder Technokraten zu ehren, die in irgend einem Drittland eine Untersuchung durchführen. Vielleicht kürt das ehrenwerte Komitee im nächsten Jahr Frontex, weil sie durch ihre freundlichen Abschottungsmaßen Ruhe und Frieden in Europa sichern? Wer Henry Kissinger ehrte, dürfte auch bei Frontex kein Problem sehen.

Gnadenlos gehen die USA mit Kritikern um, nicht einen Deut anders als China oder der homophobe Diktator Putin. Und die USA scheuen sich nicht, auch solche einzulochen, die die Kriegsverbrechen dieses Landes dokumentieren und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Wenn, wie Anfang der 90er Jahren geschehen, von den Serben in einem Massaker 400 Menschen ermordet und verscharrt wurden, sprechen die USA von Völkermord. Wenn zur gleichen Zeit in Somalia die US-Army ein Dorf mit 500 oder 1000 Bewohnern ausradiert und die Menschen dort ermordete, so steht das nicht einmal in irgendeiner (bedeutenden) Zeitung.

Bradley Manning und Edward Snowden gehörte der Friedensnobelpreis zugesprochen. Niemand anderem sonst.

Aber es scheint mir zugleich eine gehörige Illusion, Hoffnung in eine Showveranstaltung zu setzen. Adornos Ausführungen zur Kulturindustrie sind aktuell. Nach wie vor.

Utopia calling: FAZ-Bloggerin im Sommerloch – „Bau auf, bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend bau auf!“

Der Aufbau Ost war erfolgreich, und Adorno wurde endlich widerlegt, denn es gibt nun doch ein richtiges Leben im falschen. Denn hinterm Horizont geht’s bekanntlich weiter. Zumindest in der Sicht der FAZ-Bloggerin Katrin Rönicke. Die Überschrift für diesen meinen Blogbeitrag könnte ebenfalls und mit Berechtigung lauten: „Auf dem Niveau der Schülerzeitung: Mit was für Schwachfugtexten wird man eigentlich FAZ-Bloggerin?“

Wenn Menschen, die keine drei Zeilen von Adorno gelesen haben bzw. über die einschlägigen Zitate von ihm nicht weiter hinauskamen, ihren Mangel an Textkenntnis für einfachso im Blog einer eher renommierten Zeitung heraushauen können, ohne daß sie der Bannstrahl eines fünfzehnjährigen Schreibverbotes trifft, wenn sie für solchen Blödsinn zudem im richtigen Leben inmitten des falschen fürstlich bezahlt werden, wenn solchen Schreiberinnen aufgrund solcher Textdebakel und Schreibflatulenz nicht einmal mehr die Schamesröte ins Gesicht steigt oder zumindest in einer Art unwillkürlichem Reflex in die Wangen getrieben wird, geschweige denn ein lebenslanges Berufsverbot bei der FAZ droht, dann frage ich mich selber manchmal, was ich eigentlich falsch mache. Sind meine Texte noch seichter, noch dümmlicher, noch nichtssagender? Oder liegt das Abgreifen von Schreibplätzen nur daran, daß man sich hinreichend vernetzt und in dem Arsch einen Platz noch fand, wo bereits fünf andere schon saßen? Man weiß es am Ende nicht.

Nun gibt es im Internet zwar viele, die sich über Adorno äußern und von seinen Texten so viel verstanden haben wie eine Kuh von der Metaphysik des Schlachthofes oder eine Barbiepuppe von Hegel, aber die tun das bloß in unwesentlichen Blogs und tingeln da halbherzig prosaisierend oder posierend herum. Wie auch der meine nicht weiter bedeutsam wirkt. Er rangiert auf einem Netzrang, der, in Zahlen quantifiziert, für den gewöhnlich zählenden und abzählenden Verstand eigentlich nicht mehr vorstellbar ist, weil alle Zahlen ab der Millionengrenze fürs menschliche Denken ein bloßes Abstraktum bilden.

Katrin Rönicke jedoch äußert sich in einem Medium, zu dem hin es durchaus mehr Leserinnen und Leser zieht. Leider. „Es gibt ein richtiges Leben im falschen“, so nennt sie affirmativ und optimistisch ihren Beitrag über Utopien in der FAZ-Blog-Rubrik „Wostkinder“. Vielleicht müssen Mütter mit Kindern sich aus Prinzip hoffnungsfroh und freudig geben – das ist in gewissem Sinne verständlich, schließlich wollen wir alle keine Blagen, die in einem Kellerloch mit Thomas Bernhard, Adorno, Beckett, Kafka und Throbbing Gristle, Laibach oder SPK als musikalischer Untermalung aufwachsen, ohne je das Licht der feindlichen Lebenswelt erblickt zu haben. Aber wenn’s um den Baby-Optimismus junger Mütter geht, dann sollte Rönicke besser eine Kolumne über Kate Middleton schreiben, statt über Adorno und Utopie. „Wie vermeide ich postnatale Depressionen und schwenke um zum optimistischen Frohsinn“ zum Beispiel. Oder „Ostmütter: Schlauer und froher als Westfrauen?“ Aber nein: Es muß der Versuch unternommen werden, in einem Banalszenario Adornos Satz vom richtigen Leben im falschen zu widerlegen, ohne einen Funken von Verstand und Lesesinn, in welchem Zusammenhang Adorno diesen Satz schrieb.

Nun ist allerdings und andererseits das Studium von Biologie, Chemie und Erziehungswissenschaften, wie es Rönicke absolvierte, nicht unbedingt dazu angetan, tieferen und vor allem ausdauernden Einblick in die Texte Adornos zu nehmen. Dieser Umstand ist nicht weiter schlimm, niemand kann alles können. Aber wer dann in einem Bereich über Dinge schreibt, wo ich nicht einmal mehr das Substantiv „Halbwissen“ anwenden würde, das bekanntlich das Gegenteil von Wissen bezeichnet, der sollte zurückhaltend formulieren. Das tut Rönicke aber nicht, sondern sie greift sich einen – leider zu Tode zitierten – Satz Adornos und bastelt anhand dieses Satzes Möglichkeiten gelingenden Lebens, um zu zeigen, wie man jenen Adorno-Satz aus den „Minima Moralia“ dann widerlegt. Denn es existiert in den Zwischenräumen gelebter Subkultur ja dieses wunderbar-richtige Leben. Rönicke hätte es sich in bezug auf diese Nischen freilich einfacher machen können. Es gab diese ja schon immer: Von den Wandervögeln (die einen wandern, die andren vögeln) bis hin zu den Beatniks. Ein bloßer Verweis auf die Drop-Outs der Hippie-Bewegung, auf die Landkommunen der 60er, 70er Jahre sowie auf die Innerlichkeitsapostel des Om-Om-Zens und der halbherzigen Selbsterkenntnis und überhaupt auf die gesamte Esoterik-Bewegung der 80er und 90er Jahre hätte doch ausgereicht: Alles Nischen, alles richtiges Leben im falschen, zumindest dann, wenn man der Diktion Rönickes folgt. Vielleicht noch mit einem Hinweis auf Fritjof Capra versehen, der bekanntlich ebenso die Modelle des richtigen Lebens entwarf: Du muß nur ganzheitlich sein, so der kategorische Imperativ des freilaufenden Schwachsinns.

Wie kann es angehen, daß jemand wie Katrin Rönicke, die von keinerlei Kenntnis getrübt ist, als Autorin einen Blog in einem Qualitätsmedium betreiben kann? Alle die gelehrsamen Einführungen zum Konzept von Utopie zum Beginn ihres Textes nützen da wenig, wenn am Ende gar nicht verstanden wird, worauf Adorno in jenem Satz seiner „Minima Moralia“ eigentlich abzielte.

Solche Prosa, wie Rönicke sie schreibt, nennen wir für gewöhnlich Gesinnungskitsch:

„Das richtige Leben im Falschen ist nicht pompös. Es verzichtet auf die Logik der Akkumulation. Es richtet sich stattdessen nach dem, was die Menschen, die es leben, wirklich brauchen. Was aber das Wichtigste ist: Es existiert. Adorno und sein „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ sind widerlegt. Zumindest in den kleinen utopischen Nischen unserer Gesellschaft. Die es – na klar! –auch im Westen gibt. Aber gerade im Osten, der kollektiv verlassen wird, altert und in dem man „für ‘nen Appel und ‘n Ei“ manches Grundstück bekommen kann, sind die Räume für die Träume vorhanden. Utopien funktionieren nicht gesamtgesellschaftlich, aber doch punktuell. Wir können das richtige Leben schon heute an manchen Orten leben – wir können es sogar selbst aufbauen. Mit unseren Händen und unserem Engagement, …“

„Bau auf, bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend bau auf!“, so singen wir nun mit der Verfasserin ganz wostig-wurstig-mostig getränkt, für eine besser Zukunft:

Es darf beim Lesen des Richtiges-Leben-im-falschen-Textes – natürlich kollektiv-utopistisch und im Raum akustisch verortet – gerne mitgeklatscht werden. Denn „Die Lerche singt frohe Lieder ins Tal/das Bächlein ermuntert uns all,/ und der Bauer bestellt/ wieder Acker und Feld,/ bald blüht es allüberall.“ Dank Katrin Rönicke nun auch wieder in der Ostzone: die blühenden Landschaften der Utopie. Katrin Rönicke – ein Kind von Kohl und Club-Cola. Was die deutsche Treuhand und Kohl nicht vermochten, das schafft der Utopismus von Frau Rönicke. „Unsere Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer, unsere Heimat sind auch all die Bäume im Wald.“ Und natürlich das für einen Ostapfel und ein Bioei erworbene beschauliche Häusle samt Grundstück. Vielleicht in der Sächsischen Schweiz oder in Thüringen. Mit so netten Nachbarn wie Skinheads Sächsische Schweiz (SSS) oder dem THS (nein, das ist keine Unterabteilung des THW), utopistisch-rockige Musikuntermalung samt raufröhlichen Oi-Rufen mit eingeschlossen.

Schön auch Rönickes Verweis auf das Kunsthaus Tacheles in Berlin. In dessen Treppenhaus roch es allerdings beständig nach Pisse, und es schaute dort derart vergammelt aus, daß der Dandy-Flaneuer aus dem Grandhotel Abgrund sich dort jedesmal mit Ekel hinbegab. Ein schöneres Bild, um die Qualität dieser Utopien zu zeigen und zu versinnlichen, läßt sich nicht mehr liefern: Das Kunsthaus Tacheles mit dem Pissetreppenhaus. Gott sei Dank wird es abgerissen.

Rönicke widerlegt Adorno nicht, sondern sie bestätigt vielmehr all seine Vorbehalte gegen die kulturindustriellen Positiv-Produktionen, zu denen auch Rönickes Text gehört, sowie gegen den kleinteiligen Privat-Funktionalismus, der sein Glück im Abgewandten sucht. Es gibt jedoch kein Draußen und keinen Fluchtpunkt: Weder im Innenraum des Reihenhauses, noch in der Provinz, noch im Altbaugrandhotelabgrund oder in den Pseudoerlebnisräumen der weiten, weiten hachsofreien Großstadt wie Berlin.

In Ungarn gab es den Gulaschkommunismus, dank Katrin Rönicke haben wir nun im real existierenden Kapitalismus den Sommerlochutopismus.

Doch das Gruseln kennt noch lange keine Grenzen und die Witzigkeit bekanntlich auch nicht, wenn man Martin Mittelmeiers Text zu Adornos Satz vom richtigen Leben im falschen liest. Wie Pseudoanalyse und Halblogik in die Kleingeisterei des mindergebildeten Besserwissers in der Verlagsbranche umschlagen, lese man hier. Wenn mir Zeit bleibt, muß auch der Komparatist Mittermeier abgewatscht werden.

Wer sich als Zeitungsinternetmedium eine solche Denk-Weise des Linksseichten, wie Rönicke es in ihrem Artikel fabrizierte, als Korrektiv fürs Konservative und Staatstragend-Bestanderhaltende ins Blogboot holt, der diskreditiert Linkssein vermutlich und insgesamt auf eine kluge sowie strategisch bewußte Weise, indem er linke Positionen als den dummen August im Zirkus der Meinungen vorführt. Schirrmacher und Konsorten wissen immer noch besser als jeder Gegenwartslinke, wie man dem Feind am wirkungsvollsten an den Kragen geht und dem Publikum als Komplett-Trottel vorführt. Und in diesem Schreib-Falle diskreditiert sich der Gegner sogar selbst: man braucht ihm nur im Medienimperium einen Platz zu sichern und ihn schreiben zu lassen. In diesem Sinne ist die FAZ allemal klüger als die Kopflosen im Springerkonzern.

Ach, es gibt übrigens noch einen zweiten treffenden Satz von Adorno aus den Minima Moralia: „Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.“ Gilt auch mit Kindern.

Und draußen, im Freien und Grünen, nur Kännchen …

_____

Dank geht an Julia Seeliger, daß sie diese Texthinweise auf Twitter in den Raum zwitscherte. Ansonsten wäre dieser Beitrag nicht zustande gekommen.

Auftakt zum Wahlkampf 2013 – DIE PARTEI

„Die endgültige Teilung Deutschlands – das ist unser Auftrag“, so lautet eine großartige, treffende und für die Zukunft hin in der Praxis einzulösende Sentenz von Chlodwig Poth, plaziert über der Homepage von DIE PARTEI. (Für die Jüngeren und JüngerInnen unter meinen Lesern nachgereicht: jenem 2004 verstorbenen genialen Satiriker und Zeichner bei der Titanic.) Gestern wurde die „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“ kurz: DIE PARTEI vom Bundeswahlleiter Roderich Egeler zur Bundestagwahl 2013 zugelassen. Als Mitglied von DIE PARTEI rufe ich zur aktiven Unterstützung von DIE PARTEI auf, weiterhin natürlich zur Wahl von DIE PARTEI am 22. September 2013. Es gibt keine Alternative: nutzen wir diese also, so mag das Motto lauten.

Sofern dem Bewohner vom Grandhotel Abgrund die Blog-Zeit bleibt, wird er von Zeit zu Zeit auf DIE PARTEI hinweisen, deren  Wahlkampf und Aktionen wohlwollend unterstützen. Er wird auch versprechen, demnächst die ausstehenden Mitgliedsbeiträge zu überweisen. Samt Zinsen.

Hier gebe ich zudem eine Videosequenz, wo sich DIE PARTEI in der Sendung „klipp und klar“ vom rbb anläßlich der Berlinwahl 2011 vorstellt.
 

150 Jahre SPD: Keine neue Zeit, wenn wir schreiten Seit an Seit …

An der Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes dennoch festzuhalten, bleibt ein zentraler Punkt kritischer Theorie und damit auch des kritischen Philosophierens, welches das Bestehende in seinem So-Sein, in seinem gesellschaftlichen Sein nicht bloß affirmiert oder als im Grunde unabänderlich darstellt: Zu sehen, daß alles gut ist, wie es ist, wenn man reförmchenhaft nur ein paar kleine Stellschräublein verändert, und wo ansonsten jegliche Kritik an Verhältnissen als Miesepetrigkeit abgetan wird: „Liefere doch erst mal Alternativen, anstatt immer zu meckern!“ So tönt’s hohl. Dieses Genöhle liegt argumentativ in etwa auf dem Niveau jenes Einwurfes: „Dann geh doch in die DDR!“ Das Klagen über das Klagen ist jedoch das, was eigentlich beklagenswert ist, weil jenes Klagen nur noch als tumber Beiß-Reflex von Sozialtechnokratinnen und -technokraten daherkommt, nicht jedoch als Reflexion auf Verhältnisse sich abspielt.

Bei Adorno bedeutete diese dialektische Drehung einer nicht-metaphysischen Metaphysik – die Metaphysik gerade in einer Zeit, in der sie als abgewirtschaftet galt, zu halten und als Stachel der Kritik fruchtbar zu machen – ein Moment von theoretischer Besinnung, ohne dabei starr in der Theorie zu verharren und sich häuslich dort einzurichten; ebenso verhält es sich in seinen Überlegungen zum Anfang der „Negativen Dialektik“ gegen das Primat von unmittelbarer und unvermittelter Praxis oder dem holpernden Drauflosdenken:

„Praxis, auf unabsehbare Zeit vertagt, ist nicht mehr die Einspruchsinstanz gegen selbstzufriedene Spekulation, sondern meist der Vorwand, unter dem Exekutiven den kritischen Gedanken als eitel abzuwürgen, dessen verändernde Praxis bedürfte. Nachdem Philosophie das Versprechen, sie sei eins mit der Wirklichkeit oder stünde unmittelbar vor deren Herstellung, brach, ist sie genötigt, sich selber rücksichtslos zu kritisieren. Was einst, gegenüber dem Schein der Sinne und jeglicher nach außen gewandten Erfahrung, als das schlechthin Unnaive sich fühlte, ist seinerseits, objektiv, so naiv geworden, wie Goethe schon vor hundertfünfzig Jahren die kümmerlichen Kandidaten empfand, die subjektiv an der Spekulation sich gütlich taten. Der introvertierte Gedankenarchitekt wohnt hinter dem Mond, den die extrovertierten Techniker beschlagnahmen.“ (Adorno, Negative Dialektik)

Adorno greift in dieser Passage genau jene Wendung aus Kants „Kritik der reinen Vernunft“ auf, daß allein der kritische Weg noch offen sei. Diese Kennzeichnung Kants gilt wohl in vielfache Weise. Zugleich handelt es sich implizit um eine Volte gegen Hegelsche Systemphilosophie: die Übereinstimmung von Begriff und Wirklichkeit schlug fehl. Mit Hegel freilich muß man immer noch festhalten: um so schlimmer für die Wirklichkeit.

Wieweit solche Kritik an Gesellschaft insbesondere über die Kritik der Begriffe und damit als Sprachkritik möglich ist, zeigt Marx‘ „Kritik des Gothaer Programms“. Es wird bei Marx eben nicht abstrakt negiert, was am Programm der SPD nicht gefällt oder mit subjektivem Befinden nicht übereinstimmt, sondern die sozialdemokratische Begrifflichkeit wird in dieser Schrift immanent ihrer eigenen Unzulänglichkeit überführt. Insofern diese Begrifflichkeit ihrem eigenen Begriffe nach als unwahr sich erweist, ist sie ebenso der Sache nach unwahr und damit: aufzuheben. Es werden die Begriffe daran bemessen, was sie unter sich befassen. Wie auch Karl Kraus ist Karl Marx ein (stilistisch versierter) Analytiker, der das, was sich in Sätzen auftut, der eigenen Unwahrheit überführt. Dieses Verfahren hat zum einen etwas mit jenem adaequatio-Satz in der Philosophie zu tun – im Sinne einer metaphysisch-theologisch geprägten Philosophie eines Ibn Sina läßt sich von dem Verhältnis ante rem, in re und post rem sprechen. Es nennt sich dieses Verfahren sichtend-analysierender Kritik zudem bestimmte Negation: dies sei allen jammernden Kritikerinnen und Kritikern des Klagens, die so sehr nach Alternative gieren, ins Stammbuch getextet. Es gibt nicht mehr die einfachen Lösungen, sondern es muß sich eine/r schon die Mühe machen, in dem Keller der Begriffe sich zu bewegen. Und nicht nur dort, sondern ebenso sollte im Unter- und Überbau dieser Begriffe gesichelt und geschnitten werden.

Allein: Den dialektischen Dreh, an einer Sache im Augenblick ihres Sturzes festzuhalten, können wir leider nicht auf die SPD übertragen, deren freier Fall nun seit Jahrzehnten anhält. Womöglich seit ihrer Gründung. Das kleinere Übel war im Grunde immer das Übel selbst. Allein der kritische Weg ist noch offen, und so ende ich mit  einem meiner Lieblingsstücke von F.S.K., das ich hier im Blog gelegentlich schon einmal präsentierte: Blue Yodel für Herbert Wehner:

„Und wer bei seinem Zahnarzt immer Stern und Spiegel liest, der weiß, wie teuer ist ein guter Rat!“

„Ich respektiere individuelle Diskriminierungserfahrungen und Gefühle anderer Teilnehmenden“: Die Partei, die Partie, die hat immer recht …

Schwachsinn Dein Name ist Weib? Nein, natürlich nicht, sondern es ist lediglich die Orga oder wie immer man das nennen mag, und zwar zu einer Konferenz der Piratinnen: „Frauen in der Piratenpartei / Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft“ „PiratinnenKon – eine Liquid-Konferenz“. Dazu gibt es eine herrliche Ankündigung samt Regelwerk: PiratinnenKon/Konferenzregeln. an dem gerne mitgebastelt werden darf. Das Wesen der Postmoderne ist die Bricolage. Zum Beispiel dies hier:

„Die Konferenzorga darf Personen von der Teilnahme ausschließen, die sich nicht an die Regeln halten. Mit dem Eintreten in die Konferenzräume erkläre ich mich einverstanden, der Aufforderung des Awarenessteams, ggf. zu gehen, unverzüglich Folge zu leisten.“

Oder auch:

„Mir ist bewusst, dass das Thema der Konferenz ‚Frauen in der Piratenpartei / Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft‘  ist, und bin hier, weil ich das wichtig finde. Das beachte ich bei meinen Wortbeiträgen. Ich weiß, dass Wortbeiträge, die diesem Thema entgegen arbeiten oder widersprechen (z.B. Maskulinismus, Männerrechtler) auf dieser Konferenz keinen Raum erhalten werden.“

Den Hinweis auf diese lustigen Konferenzregeln zum Karneval der Tiere oder auch auf die Farm der Tier entnehme ich dem Blog „Rebellen ohne Markt“ von Don Alphonso. Er kommentiert diese Regeln auf eine Weise, dem nichts hinzuzufügen ist. Eigentlich sollte sich der laufende Sprach- und Handlungsschwachsinn eines solchen Regelwerks von selbst entlarven. Aber das tut sich nicht mehr so einfach, weil die Beschädigung der Sprach- oder Denkregionen weit schon fortgeschritten ist. Eigentlich müßte angesichts solcher Parteisprache ein shitstorm vom Himmel und von der Erde her sich ergießen. Ein Verein, der solche Regeln erlassen muß: da möchte ich nicht einen Tag Mitglied sein.

Vielleicht ist das ganze aber auch nur ein Versuch, sich im Herbst 2013 mit Schmackes unter die 1 %-Marke zu biegen. Politisch korrekte Selbstverbiegung ist eine  Kunst – bei der SPD geriet es sogar zur hohen Staatskunst.

„Ich respektiere individuelle Diskriminierungserfahrungen und Gefühle anderer Teilnehmenden. Sollten sich andere durch mein Verhalten verletzt fühlen, akzeptiere ich ihre Wahrnehmung und diskutiere sie nicht. Bei Fragen oder Problemen dazu wende ich mich an das Awareness-Team.“

Nein, das stammt nicht aus der Titanic, das ist kein Text von unserem großen Vorsitzenden Martin Sonneborn (obwohl: weiß man’s?), sondern es ist ernst gemeint. Du, ich akzeptiere deine Wahrnehmung, du. Wer diskrimieniert wird, das bestimme ich. Anhand solcher Texte wie diesen läßt sich ablesen, was geschieht, wenn Dinge, die vor dreißig Jahren einmal richtig waren, nämlich jegliche Form von Diskriminierung zu bekämpfen, funktionalisiert und als Instrument von Herrschaft und Hoheit über Diskurse umgebastelt werden. Man kann das auch am Blog der Mädchenmannschaft ablesen, wo Gesellschaftskritik zum dummen Gewäsch und zum Jargon der SchwachsInnIgen verkommt. Die Piratinnen sind – so scheint’s – die Mädchenmannschaft der SDAJ.

„Das Awareness-Team ist dafür zuständig, darauf zu achten, dass niemand belästigt wird. Bitte sprecht uns an, wenn ihr oder eine andere Person unsere Unterstützung benötigt.“

Herrlich: das Awareness-Team. Wie haben wir uns dieses wehrhafte Action-Team vorzustellen? Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand im safer place bestimmt? Und das Awareness-Team gibt acht und wacht. Frau Oberin, bitte noch einen Saalschutz! Oder doch eher: Frau Nachbarin, euer Fläschchen?

Was ist links?

In der Berliner Zeitung gab es ein Interview mit Jutta Ditfurth:

Frage: Ist nicht auch in der Linken ein Kernproblem, dass es auf der einen Seite Machthunger gibt, auf der anderen eine grundsätzliche Ablehnung der herrschenden Verhältnisse?

J. Ditfurth: Naja, dass Oskar Lafontaine ein ‚Radikaler‘ sein soll, erheitert mich, wenn ich mich an seine autoritäre, systemkonforme Politik als SPD-Funktionär erinnere. War er nicht auch stolz darauf, das Asylrecht mit abgeschafft zu haben? Die Linkspartei ist heute nur eine kleine sozialdemokratische Partei. Wenn man sich ihre Geschichte seit 1990 anschaut, ist es traurig, dass sie ihre immensen Möglichkeiten nicht genutzt hat, die sich links in dieser Gesellschaft mit dem Anpassungsprozess der Grünen ergeben haben.

Lafontaine und die Westlinke werden aber von außen und von eigenen Genossen gerne als vorgestrige Fundis dargestellt.

Ein drolliger Vorwurf. Man muss sich doch nur anschauen, welchen Anpassungsprozess zur Zeit Sahra Wagenknecht hinlegt, die sich selbst mal als Kommunistin oder Marxistin sah. Jetzt plötzlich erklärt sie Leuten wie mir, in welchen wunderbaren kapitalistischen Verhältnissen wir in der Bundesrepublik bis zu den 90er-Jahren gelebt haben. Sie verklärt den Kapitalismus als soziale Marktwirtschaft und bezieht sich positiv auf Ludwig Erhard. Was da in der Linkspartei radikal genannt wird, stammt also aus ehemaligen Führungskreisen der SPD oder steckt gerade in ganz spezifischen Anpassungsprozessen an die herrschenden Verhältnisse.

Ich denken, diese Passagen bedürfen keines Kommentars, und falls Sahra Wagenknecht solche Formulierungen tätigte, zeigt sich doch immer wieder der schädliche Einfluß des Mannes auf die Frau – zumindest bestimmter Männer.

Einige Bemerkungen zu Israel, zum Iran und zum Grasstext

Zu einem Teil ist dieser kleine Text auch als Antwort an Hanneswurst geschrieben: Ich lasse die ästhetischen Kriterien in der Sicht auf den Grasstext einmal beiseite, obwohl dies sichtlich schwer fällt, denn warum nennt der Mann das, was er schreibt, Gedicht? Darauf wüßte ich gerne eine Antwort. Grass‘ Kokettieren mit den Figuren von Schweigen und Reden ist schlechterdings albern. Es gab genug Gelegenheiten, sich zu äußern. Und sollte Grass nicht stark genug im Diskurs des Politischen positioniert sein, um dem Vorwurf des Antisemitismus standhalten zu können? Ach, und dieses Hin- und Herschieben der Antisemitismusvorwürfe beider Seiten erscheint mir nur lächerlich und es geht mir zudem am Arsch vorbei. Vielleicht bin ich ein Antisemit oder ein Anti-Antisemit, aber dafür dann doch ein netter. Und ausgerechnet am Karfreitag schreibe ich einen solchen Text. Ob der Papst wohl die Juden in seinem Karfreitagsgebet in seine Fürbitte mit einschließen wird? Ach, der Mann am Kreuz. Dionysos gegen den Gekreuzigten fällt mir da mit Nietzsche ein, und ich denke daran, welche beiden Flaschen Rotwein ich heute Abend mir auftue. Tuet auf, damit euch aufgetan wird! Na, dann tue ich heute mal wieder den Korken auf(machen). Doch ich schweife in die Regionen des Weinbaus, dort wo ich im Grunde am liebsten verkehre.

_____________

Zunächst einmal: Wie die hauptamtlichen Medien mit Günter Grass‘ inhaltlichen Auslassungen umgehen, das kennen wir im Grunde nur aus der DDR: es ist der eine Sound des ND, um es ein wenig überspitzt zu formulieren. Der Oberton ist ein Herfallen über Grass. Damit hat man nun eine Grass-Debatte, eine Mediendebatte, eine Antisemitismus-Debatte und keine, der es um die Politik im Nahen und Mittleren Osten geht. Darin steckt sicherlich zum großen Teil auch eine Strategie der Entschärfung.

Es wäre also zu sprechen über die Waffenexporte von BRD-Unternehmen, nicht nur nach Israel. Diese Unternehmen liefern an jeden. Sie würden, wenn sie dürften, der Logik der Verwertung folgend, auch den Teufel beliefern. (Und wer von Waffenexporten spricht, sollte insgesamt vom Kapitalismus und seiner Logik nicht schweigen.)

Es wäre zu sprechen vom Umgang Israels mit den Palästinensern. Ein Staat Palästina, der aber bloß einen Flickenteppich darstellt und von Gnaden der Israelischen Armee existiert, ist kein eigenständiger Staat. Wer Palästinenserinnen und Palästinenser andauernder Schikane unterzieht, braucht sich nicht zu wundern, wenn jene dagegen Protest anmelden oder sich wehren. Auf diese Weise, wie Israel seine Siedlungspolitik betreibt, wird sich die Spirale der Gewalt nicht lösen. Die Israelis wollen Sicherheit und erhalten durch die Politik des Staates Israel das Gegenteil.

Zudem: Staaten mit Konflikten stehen sich als Konkurrenten gegenüber, zumindest in der Logik dieses Systems, in dem in dieser Welt mit Konflikten umgegangen wird. Wenn es ein autonomes Palästina gibt, werden diese Konflikte sich verschärfen. Einer davon wird der um den Rohstoff Wasser sein.

„den Verursacher der erkennbaren Gefahr“, so dichtet es Grass, was bedeutet, es gäbe in dieser Region nur einen einzigen Verursacher. Dies zeugt von unglaublicher Naivität. Allerdings muß mit Gegenwehr rechnen, wer sagt: „Ich treibe den Staat Israel ins Meer!“ Diese Aussagen zum zukünftigen Status Israels sind kein bloßes Maulheldentum. Sie können zwar strategisch motiviert sein, um am Verhandlungstisch einen besseren Platz zu erhalten, ebenso mögen sie auch ernst gemeint sein. Zuweilen auch beides. Daß aus Absichtsbekundungen Taten folgen können, scheint mir angesichts der Betrachtungen in die Geschichte hinein nicht vollständig abwegig zu sein.

Ahmadinedschad ist alles andere als ein bloßer Maulheld. Der Iran ist eine Regionalmacht, alles andere als die verfolgte Unschuld und sie versucht, sich in der Region des Nahen und Mittleren Ostens strategisch zu positionieren. Eigentümlich ist es allerdings, wenn Länder, die Atomwaffen besitzen und nicht bereit sind, diese zu reduzieren oder (geordnet) abzubauen (wie immer das gehen mag), anderen Ländern den Besitz derselben vorhalten. Diese Anklage besitzt insofern einen schalen Beigeschmack. (Aus der Perspektive instrumenteller Machtpolitik ist sie freilich stringent, und sich darüber zu wundern, ohne Systemfragen zu stellen und Weisen des zweckrationalen Denkens in die Kritik zu nehmen, zeugt wiederum von Naivität.)

Wenn ausgerechnet Ahmadinedschad sich um Palästinenser sorgt, scheint mir das ausgesprochen verlogen, diese dienen ihm als Verhandlungsmasse und innerhalb des Raumes Israel/Palästina/Arabien als strategische Ressource. Und daß er in seinen Atomanlagen bloß ein wenig Stromerzeugung betreibt, halte ich für ebenso fragwürdig. Wieweit hier wer die Wahrheit sagt, entzieht sich jedoch meiner Kenntnis.

(Daß Ahmadinedschad ein Folterknecht ist, steht dabei noch auf einem ganz anderen Blatt. Das Problem des Konfliktes Israel/Iran, Israel/Palästina: es hängt eine Vielzahl an politischen Konstellationen daran. Dies macht die Lage sehr unübersichtlich und einfache Antworten sehr schwierig. Ich gestehe, daß ich keine richtige weiß.)

Eine Kritik am Staat Israel sollte mit einer gewissen Vorsicht zu erfolgen haben, dies sei vorausgesetzt und diesen Aspekt betont auch Grass. Es bedeutet diese Vorsicht freilich nicht, daß der Staat Israel bzw. dessen Politik nicht kritisiert werden dürfe, auch dies sieht Grass richtig. (Ob es dazu aber dieser eigenwilligen Prosa bedurft hat?) Die Frage ist allerdings, in welcher Weise die Kritk da vorgeht. Ist Israel ein Kriegstreiber? Hier mit einem einfachen Ja oder Nein zu antworten, scheint mir zu einfach und verkennt die komplizierte Lage, in der Israel sich befindet. Zudem muß ich bekennen, daß ich mich mit der geopolitischen und strategischen Lage, mit den politischen Aspekten in dieser Region zu wenig auskenne, um adäquat urteilen zu können. Kritiker und Affirmierer sitzen allesamt weit weg im gemütlichen Deutschland.

Richtig ist es, ebenfalls Grass‘ inhaltliche Ausführungen zu betrachten und nicht nur auf den ästhetischen Aspekt zu schauen. Teils sind diese Ausführungen dürftig. Aber immerhin, das mag richtig sein: er legt einen Finger auf eine Wunde. Die Weise, in der er das betrieb, mißlang jedoch ums ganze. Und da er seinen Text nun einmal „Gedicht“ nannte (er hätte diesen Text ebenso anders bezeichnen können), habe ich ihn zunächst als solches wahr- und in die Kritik genommen. Dies – wie gesagt – entbindet nicht von einer Kritik an Israel, an den USA, an der BRD, am Iran, an einige anderen Regional- und Subregionalmächten. Und es zeigt sich auch hier: Einzig der kritische Weg bleibt offen.

So, und nun hoffe ich, über die paar freien Tage mich nicht damit zu beschäftigen, auf Antisemitismus- und Anti-Antisemitismus-Vorwürfe eingehen zu müssen. Im Grunde habe ich hier ein paar tentative Gedanken ausgeführt. Diesseits des ästhetischen Diskurses.

Günter Grass. Noch n’Gedicht? Oh, bitte nicht!

Was wird das hier, Herr Grass?: Der Musikantenstadl der Dichtung, die Ergüsse des ästhetischen Minderleisters, die Kapitulation vor der Form? Wer einen Text zu Israel schreiben möchte, wer Israel kritisieren will, der mag das tun. Aber er sollte es dann nicht Gedicht nennen, wenn es sich um keines handelt. Grass ist, wie Böll, Andersch, später dann Walser ein Schriftsteller Nachkriegsdeutschlands – manchmal (aber nicht immer) gilt jener Satz: No Country for Old Men. Die „Blechtrommel“ ist gut, aber vieles glänzt durch ästhetische Belanglosigkeit. Die langweiligste Literatur der Welt wurde in Deutschland nach dem Kriege verfaßt, sieht man von wenigen Ausnahmen wie Arno Schmidt einmal ab.

Und nun kommt Günter Grass zur Israeldebatte. Er nennt den Text „Gedicht“. Seine politischen Statements fielen mir deshalb auf, weil sie teils undifferenziert sind – dicht bei der Lichterkettenbetroffenheit gebaut. Gut gemeint, ist aber häufig das Gegenteil von gut gemacht. Wenn Schriftsteller politisch Stellung nehmen, sich engagieren, so geht das nicht immer so aus, wie man es sich zuweilen wünscht. Es entsteht oft ein hoher, ein hohler, ein phrasenhafter Ton. Ich gebe diesen Text von Grass im ganzen wieder. Wer es durchhält, das zu lesen, ist gut konstituiert. Ich stelle das hier hinein auch aus satirischen Gründen. Es ist im Grunde zum Lachen, wenn es nicht so traurig und bescheuert wäre. Aber trotz alledem: bitte wenigstens bis nach unten scrollen, weil ich da noch zwei Zeilen schreibe.
Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten –
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er missachtet wird;
das Verdikt ‚Antisemitismus‘ ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muss.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muss,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug –
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
dass eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

(Quelle: Süddeutsche Zeitung)

So etwas gehört mit zehn Jahren Besuch und Lernen an einer Schreibschule oder mit einem Kursus Kreatives Schreiben bestraft. Solche Texte zu lesen, erzeugt Grausen. Es ist ein dummer, totgebrauchter Begriff, aber hier trifft er: Fremdschämen.

Oh, wenn Du geschwiegen hättest: Wir hielten Dich zwar auch dann nicht für Weise, aber es täte wenigstens nicht so derart im Kopfe weh. Dieser Text ist die Kapitulation vor der Form, zeugt vom Mangel an Bewußtsein für dieselbe. Was kommt als nächstes? Eine Hommage an Wolfgang Borcherts Gedicht „Sagt nein“? Die freie Form zu benutzen, bedeutet nicht, sogleich jeden Einfall herunterzuschreiben, der gerade in den Sinn kommt.

Zugegeben: das politische Gedicht ist ein schwierig zu bewältigendes Gedicht. Das heißt aber nicht, es sei deshalb unmöglich, ein solches zu komponieren. Bereits durch ein winziges Verschweigen hindurch, durch die kleine Verschiebung läßt sich im Ausdruck und auch über die Form mehr vermitteln und in die Darstellung bringen als mit jenem Grassschen Holzhammer.

Allerdings ist der Vorwurf, das „Gedicht“ sei antisemitisch, genauso idiotisch wie das „Gedicht“ selbst. Der Text ist nicht antisemitisch, sondern schlecht gemacht. Manchmal ist schweigen besser als fabulieren.