„Über Jazz“ und der Blick auf einen rassistischen Begriff

Es sei eine Passage aus dem 1936 geschriebenen Jazz-Aufsatz von Adorno zitiert, um die in diesem Text getätigten Ausführungen Adornos über Schwarze (bei Adorno „Neger“ genannt) zu erhellen. Nein, dieser Begriff ist heute nicht mehr zu gebrauchen, weil er rassistisch und abwertend ist. Zu den Zeiten Adornos jedoch war seine Verwendung eine andere, der Begriff war (leider) in dieser Zeit gebräuchlich (doch glücklicherweise kannte Adorno die bescheuert-verdinglichte Abbreviatur PoC noch nicht). Gleichzeitig sieht Adorno in seinem Jazz-Aufsatz bereits den Kolonialismus, der sowohl der Sicht auf Schwarze als auch einer bestimmten Variante des Jazz selber innewohnt. Ich zitiere diese Textstelle insofern, weil der/die Kommentator:in seasick sailor unten in einem Beitrag  zu recht schrieb, daß Adorno den Begriff „Neger“ nicht abwertend-rassistisch verwendete, sondern in einem gesellschaftskritischen Zusammenhang gebraucht. Diese unten von mir zitierte Passage von Adorno mag den Kontext erhellen.

Jazz sei eine authentische Musik, elementar und unverstellt. Aber diese Annahme erweist sich bei genauer Betrachtung eben als Sozialkitsch, an den auch heute noch gerne und in scheinhafter Unmittelbarkeit angedockt wird. Das vermeintlich Andere ist nicht nur die Projektion des Eigenen, sondern es prägt sich durch den kolonialen Blick, und es wird vor allem durch universalisierende Mechanismen einer Kulturindustrie zugerichtet, deren Ziel es ist, Subjekte zu Konsumenten: und das heißt: zu Kunden zu machen. Selbst da noch, wo in der Sicht auf eine bestimmte Form von Jazz die (vermeintliche) gute Absicht von Befreiung vorherrschen mag. Und aus gutem Grunde heißt es im Zusammenhang mit dem Denken Adornos und Horkheimers nicht etwa „Moralische Theorie“, sondern Kritische Theorie der Gesellschaft. Wesentlich bleibt einem Denken, das nicht nur nach wechselnden Normen und Moden wirkt, die Kritik von Verhältnissen, es legt ein solches Denken die Strukturen frei. Auch innerhalb der Ästhetik.

„Der Glaube an den Jazz als eine Elementarkraft, an der etwa die angeblich dekadente europäische Musik sich regenerieren könnte, ist eine bloße Ideologie. Wieweit der Jazz überhaupt mit genuiner Negermusik zu tun hat, ist überaus fraglich; daß er vielfach von Negern praktiziert wird und daß das Publikum den Markenartikel Neger-Jazz verlangt, beweist über ihn wenig, selbst wenn die folkloristische Forschung die afrikanische Herkunft vieler seiner Praktiken bestätigen sollte. Heutzutage jedenfalls sind alle Formelemente des Jazz durch die kapitalistische Forderung nach seiner Tauschbarkeit völlig abstrakt vorgeformt. Selbst die vielberufenen Improvisationen, jene hot-Stellen und breaks, haben bloß ornamentale, nie konstruktive und formsetzende Bedeutung. Nicht bloß ist ihnen stereotyp ihre Stelle, bis auf die Taktzahl, zugewiesen; nicht bloß ihre Länge und harmonische Struktur als die einer Dominanzwirkung genau vorbestimmt. Sogar ihre melodische Gestalt und ihre simultanen Kombinationsmöglichkeiten lassen auf ganz wenige Grundformen: der Umschreibung der Kadenz, des harmonisch figurativen Kontrapunkts sich zurückführen. Der Jazz verhält sich zu den Negern ähnlich wie die Salonmusik der Stehgeiger, die er so stählern meint überwunden zu haben, zu den Zigeunern. Nach Bartóks Nachweis wird diese den Zigeunern von der Stadt aus geliefert; städtisch ist wie der Konsum so auch die Herstellung des Jazz, und die Haut der Neger so gut wie das Silber der Saxophone ein koloristischer Effekt. Keineswegs hält mit den blanken Musikwaren die siegreiche Vitalität ihren Einzug; der europäisch-amerikanische Amüsierbetrieb hat die Triumphatoren nachträglich als Lakaien und Reklamefiguren sich gedungen, und ihr Triumph ist bloß die verwirrende Parodie auf den kolonialen Imperialismus. Soweit bei den Anfängen des Jazz, beim Ragtime vielleicht, von Negerelementen die Rede sein kann, dürfte es weniger um archaisch-primitive Äußerungen als um die Musik von Sklaven sich handeln; selbst in der autochthonen Musik von Innerafrika scheint die Synkope bei durchgehaltener Zählzeit durchaus nur der niederen Schicht zugehörig. Psychologisch mag die Struktur des Ur-Jazz am ehesten an die des Vor-sich-hin-Singens der Dienstmädchen gemahnen. Die Society hat ihre Vitalmusik, wofern sie sie nicht von Anfang an nach Maß herstellen ließ, nicht von Wilden, sondern von domestizierten Leibeigenen bezogen.“
(Theoder W. Adorno, Über Jazz, in: Gesammelte Schriften Band 17)

Ich kann die musiktheoretischen Ausführungen Adornos nicht angemessen beurteilen, weil ich nicht von der Musik her komme, aber der letzte Satz dieser Passage pointiert doch sehr, was es mit einer vermeintlich unmittelbaren Musik, die am Ende aber dem ethnologischen Flair nur dient, auf sich hat. Ähnliches ließe sich wohl, aufs Hier und Jetzt bezogen, auch von jenem Buddhismusgerede, das den Managern oder auch den Arbeitsbienen zur Funktionssteigerung dient, oder von der Dalai-Lama-Trunkenheit behaupten. Das Ach-so-Andere erweist sich bei genauem Blick als das Allzu-Eigene.

Wenn mittelalte Frauen sich die Haare blondieren – Cat Power in Berlin in Concert

Schöner Titel, fein reißerisch. Manchmal aber zutreffend. Eine ausnehmend lustig-treffende Konzertkritik hat – wieder einmal – Jens Balzer in der „Berliner Zeitung“ geschrieben. Weil ich nun die Popmusik nicht sehr schätze, deshalb kaum bis selten zu Konzerten gehe und insofern auch keine Konzertbesprechungen mache und weil ich lange nicht so lustig und pointiert schreiben bzw. beobachten kann, denn die Welt der Konzerte samt verschwitzter, mir Übelkeit verursachender Menschenmassen, ist dem Bewohner des Grandhotel Abgrund nur fremd, gebe ich die entsprechenden Zeilen zum Konzert von Cat Powers einfach nur wieder. Im Grunde hätten diese Passagen jedoch aufgrund ihrer Dreistigkeit andererseits auch wieder von mir sein können und nicht von Jens Balzer.

„Auch sieht Chan Marshall auf den ersten Blick ziemlich zerrüttet aus. Trotz der dräuenden Hitze im Huxley’s hat sie sich mit einer zu steifen sowie fraglos zu warmen Lederjacke bekleidet. Und seit ihr Lebensgefährte Giovanni Ribisi sich von ihr wegen des blonden Models Agyness Deyne getrennt hat, blondiert sich auch Chan Marshall die Haare. Allerdings sieht sie damit nicht wie Agyness Deyne aus, sondern vielmehr wie Bärbel Schäfer.

Die Art und Weise, in der sie sich über die Bühne bewegt – sie stakst mit leicht vorgebeugtem Oberkörper herum und lässt die Oberarme wie kaputte Scheibenwischer auf und ab zucken –, erinnert hingegen an Joe Cocker. Zwischen den 16 Songs ihres sachgerecht öden und zerrütteten Auftritts nippt sie an einem Becher, aus dem ein Teebeutel hängt, was auf ihren weiterhin gelingenden Alkoholentzug verweist.

Nach einer Weile fragt man sich freilich schon, ob nicht einmal ein Roadie den Beutel entfernen könnte. Wenn man Tee zu lange ziehen lässt, wird er ja bitter.“

So ist es. Darauf erst einmal eine Flasche Riesling! Was mich daran erinnert, die Rubrik „Der Blogtrinker“ wiederzubeleben. Schlechte Musik bzw. mißratene Konzerte – und das verstehen die Poptröten häufig nicht, die Balzers Stil als herablassend kritisieren – werden mit einer entsprechenden Kritik geahndet.

„Der fliegende Holländer“ – Dem bürgerlichen Interieur entspringen der Wahnsinn und die Gespenster

Das Vorspiel und im weiteren Zug die gesamte Oper erfolgen als ein Akt der Literarisierung und der Bild-Imagination. Romantik erweist sich als (bürgerliches) Phantasma. Zumindest in einem Teil dieses Vorgangs, der sich als romantische Oper bezeichnet. Es entwickelt sich in dieser Darbietung ein seltsames Spiel zwischen saturierter Bürgerlichkeit und dem Mythos. Bilder in Bildern, so stellt sich der „Fliegende Holländer“ in  Philipp Stölzls zweiter Operninszenierung  in der Staatsoper Berlin dar. Das Vorspiel schmettert kraftvoll dahin, und die junge Frau Senta kommt mit dem Kronleuchter in der Hand in einen Raum hineingeschlichen, der eine Mischung aus großbürgerlichem Salon und einer viktorianisch anmutenden Bibliothek darstellt. Sie steigt ins Regal hinein und nimmt eines der Bücher heraus. Heimlich und hingestreckt in einer großbürgerlichen Wohnzimmerbibliothek des 19 Jahrhunderts, wie sie sich in tausenden Haushalten derer, die vermögend sind, befindet, liegt die junge Frau, räkelt sich halb lasziv und blättert lustvoll in dem Buch – inmitten der Bibliothek liest sie im Halbdunkel verstohlen, kriecht unter den Tisch, drückt sich an den Sessel, und im Hintergrund hängt ein überdimensioniertes Gemälde von Meer, Felsen und Klippen: seewärts. Aus dem Buch, aus der Phantasie der Senta steigt sozusagen die Geschichte vom ewigen Seefahrer, von Erlösung und Tod samt einem Jenseits von bürgerlicher Ehe auf.

Stölzl eröffnet den „Fliegenden  Holländer nicht als klassisches Seestück mit Schiff und Matrosen, sondern es durchdringen sich in seiner Inszenierung die bürgerliche Welt des 19. Jahrhundert und der Mythos vom verfluchten Seemann samt die rauer See. Nachdem das Vorspiel endet, schiebt sich das düster-romantische Bild in dem Salon beiseite und zum Vorschein kommen die gestrandeten Seefahrer, denen der Wind nicht hold war, und die plötzlich dem Holländer begegnen, während der Steuermann nicht die Wacht hielt – jenem von Satan zum ewigen Umhertreiben verfluchten Seefahrer, der sich zu viel anmaßte und zur Strafe nur alle sieben Jahre an Land darf, um sein Erlösungsglück zu versuchen, ein Mädchen zu freien, das ihm treu bis in den Tod ist, denn das schönste am Wesen des Weibes sei – bekanntlich – die Treue. Sterben darf der Seemann nur, wenn er diese Frau, die bereit ist, sich bis zur Selbstauslöschung hinzugeben, findet.

Senta liest diese Geschichte vom unerlösten Seemann, imaginiert, und da ist dieser Holländer: Kraftvoll und doch bedürftig. Er steigt in die Welt des bürgerlichen Salons hinein, und beziehungsreich zerschlägt er im Gesang den in der Bibliothek plazierten Globus. Aber es ist nicht der Holländer, der diese Welt in Trümmer legt, sondern die Phantasie Sentas destruiert den Habitus der bürgerlichen Ordnung.

Sie träumt sich fort, entzieht sich ihrer bürgerlichen Welt, teils als verwöhnte Göre, wenn ihre Amme sie im zweiten Aufzug zur Arbeit zwingen will, teils als eine, die ahnt, welches Schicksal für sie als Frau vorbereitet ist. Es besteht der Chor der Frauen nicht mehr aus Spinnerinnen, sondern als Dienstmädchen ausstaffiert treten die Frauen auf. Mit Staubwedeln soll das bürgerliche Interieur, soll die gute Stube gereinigt werden. Doch alles Imaginieren Sentas nützt nichts, denn es kehrt nach langer Fahrt der Vater mit einem Bräutigam zurück, der sich die Tochter für Schätze und Geld erbat. Aber wer da in die bürgerliche Stube eintritt, ist keinesfalls der schmissige, erlösungsbedürftige Holländer, ein verwegener Geselle, ein kraftvoller Mann in Seemannsmontur aus düsterem Öltuch (gesungen von Michael Volle), sondern ein Halbtoter, ein schon im Leben erstarrter Leichnam, der bürgerlichen Welt entsprungen, in einem feinen Regenmantel wird Senta als Mann aufgezwungen. Diese Aufspaltung der Figuren und der Szene, die Stölzl in seiner Inszenierung vornimmt, ist dem bürgerlichen Charakter dieser „romantischen Oper“ angemessen: einmal im Vordergrund des großbürgerlichen Salons der untote Bürger als Ehemann in spe, dazu eine halbohnmächtige Senta, schreckensbleich, und im Hintergrund, dort wo sich das Gemälde zur Seite schob, der kraftvolle mythische, verwegene Holländer, der wiederum in einem Salon steht, der dem ersten Salon zum Verwechseln ähnelt, und eine Senta, die ganz Mädchen in ihren Träumen und ihrer wild-verwegenen, ausbrechenden Phantasien ist. Zweimal Senta, zweimal Holländer, zweimal der Salon, so geht die Formel. Doch am Ende addiert sich in dieser Welt des 19. Jahrhunderts, die über den Tauschwert funktioniert – Schätze gegen Braut, Braut gegen Erlösung vom ewigen Umhertreiben, Erlösung gegen Leben – nichts. Es bleibt der Tod. Senta, ihrer Bilder und ihrer Phantasien beraubt, nimmt sich im bürgerlichen Salon das Leben, und zwar in der Weise, daß sie sich selbst tötet. In einer ihrer letzten Phantasien fallen die untoten Seemänner des Holländers über die bürgerliche Hochzeitsgesellschaft her und strecken alles nieder, was lebt: und ein Schiff mit acht Segeln und fünfzig Kanonen an Bord – nur daß es sich bei der kleinen Senta nicht um ein Spülmädchen handelt. Aber Frau bleibt Frau – über die Klassengrenzen hinweg.

Vielfach zitiert die in ihrem Konzept gelungene Inszenierung die Epoche des 19. Jahrhunderts an: sei es, wenn im Hintergrundbild des Seestücks mit Matrosen und Holländer das Gemälde von C. D. Friedrich „Gestrandete Hoffnung“ hängt, ein Seestück im Seestück sozusagen, sei es über das düster-romantische Naturbild im Salon, den Globus, die Folianten, die schweren Möbel, im Habitus von Vater und der Hochzeitsgesellschaft. Und immer wieder verweist Stölzl auf das Moment des Mythos als Erzählung und Inszenierung innerhalb des bürgerlichen Interieurs.

Es ist das ziellos irrende Schiff samt dem unerlösten, verfluchten Seemann, die die Phantasie beflügeln. Als Geschichte und Mythos älter als die bürgerliche Welt. Daß es sich hierbei um einen Mythos von der Erlösung eines Mannes durch das Weib handelt, den Männer ausformulierten, bildet neben den Aspekten des Phantasmas einen zweiten Problemkreis Solche Mythen der Erlösung des Mannes durch die Frau strukturieren eine bestimmte Weise des Denkens, so auch im Bild vom Fliegenden Holländer. Verwunderlich an diesem Erlösungsmotiv, das (nicht nur) Wagner entfaltet, bleibt der Stellenwert, den die Frau in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhundert besitzt. Nach der Erlösung verfällt die Frau in der Regel dem Tod und wenn nicht das, so verschwindet sie, falls nicht in einer Wand oder einer Kammer, dann doch in der Unsichtbarkeit des bürgerlichen Oikos. Die weibliche Leiche. Aber ich liebe sie: diese weiblichen Leichen – Orpheus betreibt Thanatosforschung, wie ich an dieser Stelle schrieb.

Philipp Stölzl lieferte, was die Bildsprache der Oper betrifft, eine in sich stimmige, großartige Inszenierung – großartig deshalb, weil er Wagner über sich selbst aufklärt und auf den Punkt bringt. Wagner, der reinrasselige Romantiker; die romantische Oper und die romantische Erlösung bilden in ihrer Durchdringung die bürgerliche Farce. Wunderbar auskomponiert und als Szene angeordnet, als die untoten Matrosen über die widerliche, besoffen grölende Hochzeitsgesellschaft herfallen, aus dem Gemälde heraus in den Salon springen, die Bürger und Halbbürger ins Gemälde hineinziehen und: metzeln. Was aber als letzte Gewalttat und als Szene zurückbleibt, ist die tote Senta, aus der das Blut austritt.

Sollen Frauen dirigieren?

Oder Männer über Frauen erigieren? Fragen über Fragen.

Machen Sie einfach mit bei unserem heiteren Aisthesisquiz, betrachten Sie Chor und Dirigentin, und wenn es morgen heißt: Mit Bersarin bei Wagner in der Oper, so können Sie gerne dabeisein. Klingt fast wie die Marx-Brothers, ist aber ernst gemeint. Das hier präsentierte virtuelle Fundstück eher weniger.

Es gibt Momente, die kann selbst ein Regisseur wie Christoph Marthaler nicht besser in Szene setzen. Juchhu Tralala.

Ornament und Versprechen. Teilzeit- und Freizeiterotiker – plüschophil

Am 29.1. gab es im Lido ein Konzert der besten deutschsprachigen Band, nämlich von Tocotronic. Ich konnte leider aus verschiedenen Gründen nicht auf dieser Veranstaltung weilen. Wie der dort anwesende Jens Balzer berichtete, war es ein ausgesprochen gelungenes Konzert. 20 Jahre Tocotronic: dies gilt es zu feiern, denn  jedes Album ergab eine (angenehme) Überraschung, immer ein Stück weiter ging es auf dem Weg.

Schaum und Stoff
Werden zerbrechen
Was Körperpanzer
Falsch versprechen
Europas Mauern
Werden fallen
An die Anemonen
Und Korallen
Wiederholte
Differenzen
Für Asyle
Ohne Grenzen
Wir haben
Weiche Ziele
Süßliche Exile
Ornamente
Und Verbrechen:
Schaum und Stoff
Werden uns rächen
Stahl und Eisen
Werden kippen
Staub zersplittert
Marmorklippen
Wir haben
Weiche Ziele
Wir sind
Plüschophile



Wir haben
Leichte Waffen
Um Gespinste
Zu erschaffen
Mit den Pilzen
Und den Sporen
Spione
In den Rohren
Wir ordnen
Neue Zonen
Wo die Soft Boys
Wohnen

Neue Zonen

Dieses Stück ist nicht nur Musik, es ist Lyrik, und zwar gelungene. Diese Lyrik zieht Begriffe derart auseinander, daß sich aus diesen Wörtern dann ein ganz anderen Zusammenhang erzeugt. Schaum und Stoff. Und es entstehen Assonanzen, Verbindungen, Synthesen, die ein Anderes eröffnen, ohne es auszumalen, und es ist dieses Andere zugleich die Welt der Sporen und Pilze, der Anemonen und Korallen. Kalt, unbestimmt, anders. Digital ist besser, so heißt ihr erstes Album, und daraus gibt es jetze Freiburg – ein Stück das auch in einer weniger angerockten Version sogar noch gut ist:

X

X

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Und das war genau unser Leben: neben der Philosophie, der Kunst, der Photographie: damals, egal ob nach Bahrenfeld, nach Neukölln, nach Westend im Bus. Es gab diese jene solchen Tage – vollgesogen mit der Melancholie einer Nacht, die irgendwann dann zuende ging. Halb fünf Uhr morgens und die Dämmerung des Tages bricht an. Es ist dies eines der schönsten Lieder, wenn man noch jung ist. Ach, ich wäre gerne auf dem Konzert gewesen.

„Halt mich fest, ich glaub‘, ich brauch das jetzt. Kauf mir ein Bier, ich trinke es dann bei mir!“
X

 

Ratio et oratio: „Verschwör Dich gegen Dich …“ – Tocotronics neue (Sc)Hallplatte „Wie wir leben wollen“

Und dieses Prinzip der Sich-gegen-sich-selbst-Verschwörung, so meine ich, um auf die reine Subjektivität des Meinens und Dafürhaltens sich zu kaprizieren [ein immer wieder beliebtes Procedere], ist nicht die schlechteste Weise der Auseinandersetzung und der Diskurserzeugung. Denken entsteht erst in der Alienation, in der Negation (manchmal auch der doppelten) und nicht im om-om der Innenruhe. Die reine Identität als das Sich-selbst-gleich-sein des Subjekts mit sich selbst bleibt reine Leere. „Von zwei Dingen zu sagen, sie seien identisch, ist Unsinn, und von Einem zu sagen, es sei identisch mit sich selbst, sagt gar nichts.“ (Wittgenstein, Tractatus 5.5303) Was ist das Ich? Läßt es sich überhaupt als Objekt unter Objekten behandeln? „Fragen der Philosophie“, um hier einen Musiktitel der Band F.S.K. zu zitieren. Nach Schopenhauers Willensmetaphysik geht die Erkenntnis des Selbst, das sich eben nicht als bloßes Objekt unter Objekten fassen kann, lediglich über den Leib – Individuum ist das Subjekt einzig durch seine besondere Beziehung auf den Leib. Allerdings pausiert in Schopenhauers Konzept des sich selbst anschauenden Willens der vorstellende Verstand zugunsten eines kontemplativen Zusammenfließens von Subjekt und Objekt . Die kalte Ratio setzt aus, schaltet sich ab.

„Des Schlosses Wände waren gebildet vom treibenden Schnee und Fenster und Türen von den schneidenden Winden, da waren über hundert Säle, alle wie der Schnee sie zusammentrieb, der größte erstreckte sich mehrere Meilen lang, alle beleuchtet von dem starken Nordlicht, und sie waren leer, eisig, kalt und glänzend. […] leer, groß und kalt war es in den Sälen der Schneekönigin. Die Nordlichter flammten so deutlich, daß man zählen konnte, wann sie am höchsten und wann sie am niedrigsten standen. Mitten in diesem leeren unendlichen Schneesaale war ein zugefrorener See, der war in tausend Stücke gesprungen, aber jedes Stück glich dem andern so, daß es ein ganzes Kunstwerk war; und mitten auf dem See saß die Schneekönigin, wenn sie zu Hause war, und dann sagte sie, daß sie im Spiegel des Verstandes sitze, und daß dieser der einzige und der beste in der Welt sei.
Der kleine Kay war ganz blau vor Kälte, ja fast schwarz, aber er merkte es nicht, denn sie hatte ihm das Frösteln weggeküßt, …“
Hans Christian Andersen, Die Schneekönigin

Ratio et oratio: Insofern man eine Hierarchie der Künste aufstellen möchte, ist es nach Schopenhauer die Musik, welche auf der Skala ganz oben steht; sie ist metaphernloses Ausdrucksmedium und in der Konstruktion durchgebildet in einem: „Sie steht ganz abgesondert von allen anderen. Wir erkennen in ihr nicht die Nachbildung, Wiederholung irgendeiner Idee der Wesen und der Welt …“ Sie wirkt und webt „als eine ganz allgemeine Sprache, deren Deutlichkeit sogar die der anschaulichen Welt selbst übertrifft; …“ (Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Drittes Buch)

Gestern erschien die neue Tocotronic-Platte. Das mag im trüben, kalten Januar, jenem Monat der Schneekönigin samt ihres eisigen Spiegels des Verstandes, der ein jedes Ding und jede Regung in einer Weise der Kälte und der Klarheit widerspiegelt, einen Bruchteil von Wärme erzeugen. Es handelt sich dabei freilich um die Wärme der Reflexion. „Wie wir leben wollen“ ist ein programmatischer Titel und die Sprache der Platte mannigfaltig philosophisch angereichert:

„Man sagt
Die Revolution
Werde zuletzt den Tod
Abschaffen
Abschaffen
Abschaffen“

Das nomadische Denken trägt diese Platte: die Aporie des endlichen Subjekts, aber auch die Unendlichkeit einer Utopie, welche bereits die Romantik in den unendliche Text brachte, freilich dort im frühen 19. Jhd. nicht mit dem Pathos des Revolutionären als Modus angereichert. Tocotronic spielt diese Zeilen musikalisch in einer Weise, die man sphärisch nennen kann; sanft-symphonisch entfaltend, nicht hart gerockt mit Gitarrenriffs, die klare Kante und unverzerrt sind, wie auf den früheren Platten. Mir fiel bei dieser Passage sofort „Ton Steine Scherben“ ein, und ich überlegte mir, wie diese Band diesen Text instrumentiert hätte. Wahrscheinlich härter, fordernder; nicht wie ein (indirektes) Zitat von Adorno, sondern es käme bei „Ton Steine Scherben“ eher ein Politrock-Sound in Brechtscher Direktheit heraus, (der – in die Klammer gesprochen – ja nicht nur zu verachten ist). Sanft spielen „Ton Steine Scherben“ nur dort, wo auch der Text zunächst auf Samtpfötchen daherkommt: „Ich hab geträumt, der Winter wär vorbei,/du warst hier und wir war’n frei/ und die Morgensonne schien.“

Plattenkritiken merkten diese Text/Ton-Schere insbesondere bei dieser neuen Tocotronic-Platte an: die Melodie konterkariert das Geschriebene, das Gesungene. Wo die Musik gefällig, fast einlullend strömt, da tritt der Text lakonisch oder hart-sachlich auf, konstatierend wie eine Sentenz von Foucault oder Adorno, die ubiquitäre Verdinglichung umschreibend, von der die Subjekte nicht einmal mehr etwas bemerken, weil sie, in den Kreativbranchen arbeitend, work-hard-play-hard-marktoptimiert und als Subjekte der Kreativarbeitswelt hinreichend konditioniert sind. Wo die Platte ihren kritischen Befund anbringt, da trifft sie die Situation recht genau. Da wo sie, in Deleuzeianischer Manier die Vereinigung von Wespe und Orchidee feiert oder die Utopie des Disparaten preist, dort gerät es heikel. Das funktioniert (als Text) nur bedingt. Wobei andererseits jene 99 Thesen „Wie wir leben wollen“ jegliche Bestimmung zugleich wieder durchstreichen, denn diese Thesen instrumentieren die Disparität des Paritätischen. Diese Thesen arbeiten ähnlich wie die Begegnung von Nähmaschine und Regenschirm auf dem Operationstisch. Individuum est ineffabile läßt sich als Konsequenz festhalten. Zum großen Fest eines nichtdialektisch konzipierten Nichtidentitären und zum Pathos, wie im Rhizom-Text von Deleuze/Guattari, transformiert es sich nicht mehr. Kritik, Denken sowie die Ästhetik in ihrer musikalisch-textuellen Ausprägung bleiben als Weise von Widerstand gegen Welt übrig. Diese Kritik tritt im neuen Album anders auf als bisher, und das hat wesentlich mit der Musik selbst zu tun.

Sehr viel Hall steckt in diesem Album; der trockenen, harte Gitarrensound, den Rick McPhil spielt, wurde weitgehend herausgefiltert und wattig überlagert, so heißt es. „Entkörperlichte Musik und körperliche Texte“ kommentierte Dirk von Lowtzow dieses Verfahren in einem Interview in der Berliner Zeitung.

Zugegeben eher intuitiv gedacht, scheint mir dies neue Platte nach einem ersten Hören – unter anderem – eine (gelungene) Aufsteigerung von „Let there be rock“ zu sein, rockig entfaltete Motive der späten 90er wandeln sich zur wuchtigen Soundcloud postabgeklärter Twilight-Jünglinge und -Mädchen, deren Ambitionen durchaus auch philosophisch zu nennen sind. Zugleich entwickelt diese Musik das, was bereits auf „Schall und Wahn“ im Vordergrund stand, weiter. Texte, Text-Körper eben, in einer kaum noch hart-gitarrenrock auftretenden Musik eingeschrieben, laden sich zunehmend mit gesellschaftskritischer Bedeutung auf, und die Paarung von Musik und Text erinnert, wie in dem Stück „Vulgäre Verse“ teils sogar ans Chanson oder an das, was sich heute statt Liedermacher singer-songwriter nennt.

Diese Systemkritik bei Tocotronic gab es zwar von Beginn an in ihrer Musik, aber als Kritik an Verhältnissen und Subjektdiskursen wird sie nun subtiler, metaphernreicher, musikalisch seichter oder besser: verschlungener, aber eben auch: textlich böser. Wenngleich ich nicht jede sprachliche Wendung teile und man mit böser Zunge ebenso behaupten kann, daß hier Gesellschaftskritik und Philosophie gleichermaßen in den Text hineingepreßt werden, entwickelt sich die Musik dieser Ausnahmeband immer weiter und weiter; aus dem sowieso Guten wird ein immer Besseres. Und ich drehe das Musikabspielgerät laut auf, stülpe mir die Kopfhörer über den Ohren, lasse mich inmitten des Eispalastes in dieser Wolke von Musik treiben.

„Vulgäre Verse
Aus dem
Vulgären Leben
Um Kopf und Kragen
Muss ich mich reden
In Vulgären Versen
Aus dem
Vulgären Leben“

Eine feine, mehrbödige Referenz, die eben nicht bloß lamentiert, sondern das Unvereinbare zusammenstellt. Die Synthesis des Unverbundenen, ohne in den Formen der Einheit zu arbeiten. Mit Witz, Ironie und doppeltem Boden gepaart.

Tocotronic ist eine der besten deutschsprachigen Bands.

In a Fever of Excitement

Und wieder hat die katholische Kirche zugeschlagen. Aber ausnahmsweise in einer guten Weise, denn es gab für mich – über einen ihrer Mittelsmänner, doch keine Angst: ich bin nicht mit dem Bischof von Berlin oder irgend einem Erzbischof befreundet oder bekannt – eine Kiste guten italienischen Rotwein, der sich perfekt zum Speisen eignet und den ich dann zum Essen bei J. mitbrachte. Eine Flasche hatte ich schon vorgekostet und mochte ihr gerade diesen Wein nicht vorenthalten. Im Autoradio lief „Papillon“ von den „Editors“, Musik gleich mal laut aufgedreht und in der schmalen Passage zwischen den ewigkeitswährenden Baustellenzäunchen auf der Invalidenstraße schnitt ich den Radfahrer massiv. Werberarsch auf Rennrad. Nun fahren sie also auch neumodisch Rennrad. Das bin ich seit den 80ern fünfzehn Jahre lang gefahren, als Rennräder lediglich Eddy Merckx (ganz früh, ganz früh) und Dietrich Thurau vorbehalten waren. Zahlt die Branche so schlecht, daß es zum Auto nicht mehr hinreicht? Trauriges Kapital. Oder ist es nur eine neue Mode?

Mit einer der feinen Flaschen aus dieser katholischen Holzkiste sowie einem Grauburgunder – aus dem Supermarkt: Schande, Schande; doch das Zeug schmeckte sogar leidlich – mit den Flaschen in der Tasche trat ich also bei J. ein. Den Grauburgunder gab es, um beim Kochen schon einmal zu testen, so wie Biolek das immer betreibt Wenn ich gute Laune habe, kann ich Alfred Biolek imitieren: Daas issst abeeerr ein seheeeerr guterr Wein: Ahaaaaaa! (Alles mit gerolltem r gesprochen.) Meist habe ich jedoch keine gute Laune. Aber die Negativität des Daseins legt sich im Prenzlauer Berg. Ich dachte bisher, ich koche passabel, aber das stimmt nicht. J. kocht sehr viel besser, und aus dem Handgelenk heraus, kreativ und frei. So auch diesmal: vorweg gab es eine Suppe mit weißen Bohnen samt Fleischeinlage, darin sich auch Ingwer befand, was ich liebe. Und als Hauptgang servierte sie schwäbische Maultaschen in Brühe mit einem Kartoffelsalat – natürlich ohne Mayonnaise. Nach dem Glas Weißwein schenkte ich zum Essen den Rotwein ein, der köstlich mundete, für einen Rotwein außergewöhnlich leicht und samtig, aber doch gehaltvoll: Barbera d‘Asti Jahrgang 2005, genau die richtige Reife.

Das Essen war schnell vertilgt, es schmeckte hervorragend. „Von allen meinen Exfreunden hast Du je eine ihrer schlechten Eigenschaft abbekommen“, so bemerkte J, während sie den Abwasch tat. „Und die Summe aller dieser schlechten Eigenschaften Deiner Exfreunde bin dann ich?“ Sie schwieg, während sie weiter das Geschirr abwusch, alldieweil ich auf ihrem MacBook schrieb und im Internet dies und auch das recherchierte. „Das Buch der König“, lachte ich, „Orpheus und Euriydike. Das ist der Gang der Welt, der frühe Marx hielt noch nichts von der Arbeitsteilung. Da war einer morgens Fischer, mittags Tischler, nachmittags Kritiker und abends Wischer: Abwaschabwischer, wie er das in der ‚Deutschen Ideologie‘, gleich zum Beginn über Feuerbach schrieb. Der spätere Marx lernte dann aber die Arbeitsteilung sehr wohl zu schätzen und sah ihre Notwendigkeit.“ „Und deshalb mache ich den Abwasch und Du hilfst mir nicht?“ Nun schwieg ich und gab mich beschäftigt, trank in schnellen Zügen den Rotwein; Flasche leer, Text gut, ich bin der Thomas Brasch Westberlins, der mit einem Male am Prenzlauer Berg gelandet war. I‘m the passenger. Nahe der Castingallee. Ein Prenzlauer Berg, wo es sich in den Nebenstraßen noch wohnen und leben läßt. Dann bot ich aber, durch den Alkohol sanft geworden, meine Hilfe an. „Nee, wir müssen gleich losgehen, laß mich noch eine Zigarette rauchen und mich umziehen!“ Ein kurzer Blicke in den Spiegel, schwarze Lederjacke, weiße Hose, hellblaues Hemd: und los geht‘s.

Vorauseilend erwartete ich mir nichts Gutes oder zumindest nichts Besonderes im Bassy Club, denn mit Soul und RnB kann ich im Grunde nicht viel anfangen, ich hätte lieber etwas, das in die Richtung Johnny Cash geht, ich bin an jenen faulen, trägen Tagen ein Gewohnheitshörer, ich war in genau dieser „Es ist wieder mal Rock‘n‘Roll-Freitag“- Stimmung (Die Mimmis, ich gab diese Tonspur kürzlich hier im Blog), habe mich nie mit Soul beschäftigt (und will immer Seoul schreiben, dabei ist mir Südkorea völlig egal). In den jungen Punkzeiten gab es einen Punk-Bekannten, der solche Soul-Sachen hörte und neben dem Punk als ein ausgesprochener Soul-Experte galt, solch ein Wissender war ich nicht, aber über die nette Geste des Club-Betreibers, auf der Gästeliste zu stehen, freuten wir uns, und darauf mochten wir nicht verzichten. Schlimmer als mit Alexander Scheer kann es eigentlich nicht werden, dachten wir uns, ohne jede Erwartung, und so summte ich auf dem Weg durch die Schwedter Straße im Kopf einige Melodien aus dem Film „Blues Brothers“, fand das aber nicht ganz passend und schwenkte auf Stücke des Filmes „Jackie Brown“ um, damit ich wenigstens Rudimente des Soul aktivierte: Diese wunderbare Szene zum Beginn, wie Jackie Brown starr auf dem Rollband des Flughafens steht und im Hintergrund die Wand mit den Mosaiksteinen samt ihren Farben vorbeizieht. Eine der ganz großen, eindringlichen Anfangssequenzen im Film. Wie Jackie Brown da still steht, diese eindringliche Musik läuft und die gedämpften Farben ziehen vorbei. Gelingt der Auftakt, so wird meist auch das, was dann folgt, gut. Dies ist nicht nur bei der Musik, in der Literatur oder bei Filmen so, sondern bei allen Dingen, die sich in der Zeit abspielen.

Auf der Gästeliste werde ich zunächst nicht gefunden, ach ja, ich kenne mein Pech, warten, dann stehe ich aber doch drauf. Gleich hinter dem Eingang lauert Alexander Scheer mit ein paar Kumpels, die er mitbrachte. Es war eine Falle, ich dachte es mir gleich. Ich schob J. hinter mich, damit ich eine freie Bahn hatte, denn wir Jungs von der 101 Airborn Division „Screaming Eagles“ gehen keinem Streit aus dem Weg. Am Ende ging es für Scheer so aus wie das Boxen für Micaela Schäfer. Ein Dichter namens John Moses Browning tat sein übriges.

Erst mal in den Rauchersalon hineingegangen, mit dem Taschentuch das Blut von den Händen und der schwarzen Lederjacke gewischt, und da im Raum spielte ein junger Mann auf der Baßgitarre, schlug und strich über die Seiten, erzeugte einen Sound, den ich mag, und damit fing der Abend gut an. Wir hielten uns wieder an das bewährte Bier. Ich schaute auf die hellbraunen Stiefel einer Frau. Warum tragen so viele Frauen hellbraune Stiefel? „Die Menschen sehen alle gleich aus, irgendwie individuell“, wie R. Grebe sang. Das trifft auf viele Menschen zu. Ihre blonde Freundin hatte eine extravagante, aber dabei nicht aufdringliche Zwanziger-Jahre-Lockenfrisur, sehr pfiffig, das machte die hellbraunen häßlichen Stiefel der Freundin wieder wett. Wir sprachen, schauten, tranken etwas Bier, bis es in den Konzertsaal ging, weil sich die Menge dorthin bewegte und es tuschelte: „Die Bänd fängt gleich an, die Band fängt gleich an zu spielen!“

Und da standen sie auf der Bühne: The Excitements. Es heißt dann auch ein Album von James Brown immerhin so: Excitement. Doch ich will gar nicht vorgeben, als hätte ich vom Soul oder RnB irgendwelche Ahnung: hab ich nicht. Ich schreibe trotzdem, um diesem wunderbaren Abend, den ich mit einer sehr besonderen Frau im Bassy Club verbrachte, einen Tribut zu zollen. Und ich muß mich korrigieren: es gibt Bands, wo mehr als vier Musiker auf der Bühne stehen dürfen. Hier verhielt es sich so. Zunächst spielten bloß die Musiker, dann trat jene grazile Sängerin mit dieser kraftvollen Stimme und ihrem starken Ausdruck auf. Anfangs dachte ich, solche Musik sei nicht tanzbar und es gäbe da für mich keinerlei Möglichkeiten sich zu bewegen, aber während ich zuhörte und einige Photos machte, wurde ich eines Besseren belehrt. The Excitements sind eine ganz wunderbare Band. Der Name spricht für sich: aufgeregt, angeregt, begeistert. Und da läuft ein Sound, der treibt nach vorne. Es ist ein Abend voll von guter Musik, kein Stück, das langweilt. Und genau so muß ein Konzertabend sein, genau so habe ich mir das vorgestellt, und es war keiner im Publikum, der sich langweilte oder das nicht hören möchte.

Es hätte auch Photographien geben sollen. Aber da mein Rechner ein verdammter Haufen Schrott ist und beim Hochfahren nicht ordnungsgemäß das macht, was er tun soll, weil die Datei crcisk.sys streikt, kann ich die Bilder erst morgen oder übermorgen zeigen: dann separat.

Jetzt denken einige: Bersarin schreibt eine Gefälligkeitsbesprechung, weil er eingeladen wurde und auf der Gästeliste stand. Nein, sowas mache ich nicht – wenn es mir im Bassy Club beim Konzert nicht gefallen hätte, schwiege ich.

Hernach haben wir noch ein wenig miteinander getanzt und Bier getrunken. Wieder habe ich es geschafft, nicht zu rauchen. Eine Spanierin Ende zwanzig gab mir ihre E-Mail-Adresse, ich erzählte von meinem Blog.

Etwas früher als letztes Mal gingen wir durch die kalte Nacht nach Hause. Wiede die Schwedter Straße herunter. Linkerhand am Ende der Choriner Straße leuchtet und glänzt ein wunderbarer Nachhimmel, in dem sich die Lichter der Großstadt brachen, schwarzgewaschenes Orange und tiefe Nachtwolken. Ach, bin ich froh, in Berlin zu sein. Es gibt keinen besseren Ort auf dieser Welt. Ich falle müde, trunken und glücklich um vier ins fremde, gemachte Bett, „Spiritus longus, penis brevis“ (Nörgler). Ich bin der Thomas Brasch des Prenzlauer Bergs. Und nun sagen die Braven im Chor: Aber die Braschsöhne sind doch alle am Alkohol verreckt! Stimmt, ich erinnere mich dunkel.

No Go Area

Lost in music. Das ist eine feine Sache, das mag in den wenigen geglückten Augenblicken des Lebens passieren, und wenn man in den Bassy Club in Berlin taumelt, dann kann man womöglich etwas erleben. Schade, daß ich nicht mehr rauche, denn es gibt dort einen richtig guten, großen Rauchersalon. Aber da die anderen rauchen, ging ich, um nicht allzu allein und dumm dazustehen, mit hinein in jenen Raum, und so kommt, wie nach dem Madeleinegenuß samt Tee, unwillkürlich das Gefühl vergangener Zeiten wieder auf, die Lunge atmet tiefer, der Rauch der Vergangenheit strömt, „Erinnere Dich!“ ruft es, und das Denken und das Früher kommen zu sich selber. Fumo punitur qui fumum vendidit. The young ones, aber natürlich nur in der Punk-Version. Und wie mit Derrida alles in Rauch aufging und Feuer und Asche wurde. Die Frage der Frau. Die Frage des Stils, ich habe meinen Regenschirm vergessen. Ihre roten Gauloises, meine Luky Strike ohne Filter. Von wem war diese Punk-Version von „The young ones“ nochmal? Ich weiß es gar nicht mehr. Egal, ich höre jetzt nicht die alten Platten durch, um das herauszukriegen, und wahrscheinlich kommt das Stück auch gar nicht auf einer Platte vor, sondern lagert auf irgend einer Ferrochrome-Kassette.

In so einer Lokalität wie dem Bassy Club trinkt man besser Bier als Wein, weil die Trinkende, der Trinkende niemals genau wissen können, was in den Flaschen genau sich befindet. Wir hatten zwar vorher bereits zusammen mit Besuch zum Essen einen Riesling, einen Grauburgunder und einen Primitivo getrunken, dazu gab es als Nachtisch einen wunderbaren Marillenlikör von feinster Qualität und anschließend als Verdauungstrunk einen sehr guten Obstbrand, der als weich und samtig sich erwies. Aber so recht warm werde ich mit den höherprozentigen Sachen nicht, mein Getränk bleibt der Wein. Nun wirkt es sich freilich nicht zum Vorteil aus, wenn auf Wein Bier folgt, aber Bier paßt in solchen Zusammenhängen gut, und wir sind beide trinkfest, wenngleich wir uns vornehmen, zuweilen am Wochenendabend mal weniger zu uns zu nehmen. Ach, wir machen das wie Nick und Nora Charles in „The thin man“: wie um alles in der Welt können zwei Menschen nur so stilvoll miteinander trinken? Ich habe mir immer eine Frau gewünscht, die beim dritten Glas nicht aufhört, und wenn sie dieses mit mir trinkt, dann nicht herumlabert, sondern genauso kreativ, phantasievoll und witzig spricht wie vorher. Zuweilen meint es das Leben gut mit einem.

Aber ich wollte gar nicht so sehr über die vielen Vorzüge des Alkohols schreiben, sondern von einem Konzert um Bassy Club berichten.

Alexander Scheer spielte dort am Freitag zusammen mit einer Band. Ich werde bereits sehr skeptisch und reagiere ungnädig bis ungehalten, wenn auf der Bühne eine Band mit mehr als vier Musikern auftritt – ausgenommen es handelt sich um eine Brass-Band, eine Marching Band, eine Karnevalsband oder einen Spielmannszug; was weiß ich: bei Popmusik sind mehr als vier Musiker zu viel. Schon auf der Bühne tummelten sich also eine Anzahl von Menschen, die mein intuitives, auf unmittelbarer Wahrnehmung beruhendes Zählvermögen überstieg. Es heißt, daß die Menschen bei mehr als fünf oder sieben Dingen die Anzahl derselben nicht mehr unmittelbar auffassen, sondern zählen müssen. Auf dieser Bühne, an diesem Ort verhielt es sich in genau dieser Weise. Sie groovten und bewegten sich im Takt ihrer eigenen Musik, und diese Musik war schlecht, sehr schlecht sogar, irgend etwas zwischen deutschsprachigem Rock und Blues, Langsames mit Texten, die dem Schlager entsprungen waren, höre ich da auch Blumfeld heraus? Im Grunde aber spielte die Band und sang der Sänger Schmuserock und Wohlfühlmusik. Mag der dekonstruktive Kritiker nun entgegen: „Aber das ist ja Diskursrock!“, so sage ich: Nein, das ist Scheißrock, wer Herz auf Schmerz reimt, macht einen Fehler. Und wenn ein Konzertpublikum friedlich mit den Schultern wiegt, dann ist etwas faul im Staat, aber das ist es sowieso, und wenn es im Staats- und Politikwesen bereits faulig zugeht und die Verhältnisse angefressen sind, so will ich doch wenigstens am Abend gut unterhalten werden.

Ein Schauspieler, so mochte man rufen, und das ist Alexander Scheer nun auch: diesmal spielt er die Rolle des Sängers, der sich hin und her wiegt, sich ans Mikrophon klammernd, während er diese Schmelzscheiße haucht. Der Bassist rieb seinen Bass, strich über ihn und machte Posen, als riebe er seinen Schwanz. Die Sache wäre gut gewesen, wenn die Band irgendwann aufgehört hätte. Das tat sie aber nicht. Die Bands, welche besonders schlechte Musik erzeugen, hören nicht auf. Und sie führen zudem immer einen Chor von Claqueuren mit sich im Troß, der sie unaufhörlich ermuntert, doch weiter zu machen und noch eine Zugabe zu spielen. Wohlwollend tut die Band das dann.

Wir setzten uns ein wenig nach draußen, am Rande der Schönhauser, um uns abzureagieren, weil diese schreckliche Musik nun einmal durch den ganzen Klub drang und es kaum einen Platz gab, der Sicherheit und Schutz vor ihr bot. Auch mein Geschimpfe im Konzertsaal und der Ruf „Aufhören!“ – der Mut ihn auszustoßen war sicherlich ein wenig dem Wein geschuldet – zog keine Verhaltens- oder Musikstilspieländerung der Band nach sich. Während ich einsam im Gang wartete und J. auf der Toilette sich frisch machte und das tat, was Frauen dort eben so tun, fluchte ich im Gang also vor mich hin und ein Herr mit Cowboyhut hörte mein Fluchen und der Herr stimmte mir bei: „Wenn ich das vorher gewußt hätte, was die hier machen, hätte ich die niemals gebucht.“ Sehr wohl getan, denn solche Art von Musik paßt kaum in den Bassy Club.

Alexander Scheer sieht sympathisch aus, sicherlich werde ich ihn mir gerne weiterhin als Schauspieler ansehen, so wie in Castorfs Endlosstück „Berlin Alexanderplatz“, aber niemals mehr als Musiker anhören. Warum muß eigentlich jede Schauspielerin, jeder Schauspieler eine Band gründen und musizieren? Steht das in den Arbeitsverträgen? Wohin das Musikantentum der Schauspieler am Ende führt, kann man gut an Herbert Gönemeyer beobachten. Alexander Scheer: der Herbert Grönemeyer von Berlin-Mitte.

Diese wunderbaren, schaurig-schönen Lieder, diese Liebeslieder – Zum Tode Georg Kreislers

Auf einen Plattentitel wie „‚Nichtarische‘ Arien“ muß eine(r) erst mal kommen: Böser, bissiger, schwarzer Humor und zugleich Melancholie sowie Traurigkeit mischen sich in diesen Chansons. „Ich fühl mich nicht zu Hause“: Und das heißt auch: nicht zu Hause in Israel, so dichtete der Jude Georg Kreisler. In einem seiner letzten Interviews sagte er, daß es den Staat Israel um seinetwegen nicht geben müsse. Eine harte Aussage in der Tat. Kreisler ist ein aus Österreich vertriebener Österreicher, der mit dem Leben davonkam, den Massenmord im Exil der USA überlebte, der sich mit Musik durchschlug. Er kehrte Mitte der 50er Jahre sodann aus dem Exil nach Wien zurück, denn hier war er am Ende doch zu Hause: in Österreich. Aber ja: wie schön wäre Wien ohne Wiener und Österreich ohne das braune und schwarze verlogene Pack dort. Vielfach sind Kreislers Lieder durchsetzt von dieser Vergangenheit und der dumpfen Spießigkeit jener bleiernen Jahre, noch das Stück „Zwei alte Damen tanzen Tango“ deutet darauf. Und weil ihm diese Subtilitäten im Text lieb waren, so haßte er irgendwann sein wunderbares Stück „Tauben vergiften im Park“ und mochte es nicht mehr spielen. Georg Kreisler war ein Musiker mit Sprachwitz sowie ein Melancholiker. Seine Couplets unterhielten nicht bloß geistreich, ein Stück wie „Der Musikkritiker“ ist neben dem Moment des gekonnt Albernen ganz einfach nur virtuos zu nennen; und zuweilen transportiert es auch die Alltagswahrheit: „Und jedem Künstler ist es recht, spricht man vom anderen Künstler schlecht.“

Aber die Vergangenheit, das Trauma ließ Kreisler so recht nicht los, und noch viel weniger diese unsägliche Verlogenheit samt dem fröhlichen Weiterso nach jenen 12, für Österreich bloß sieben Jahren.

„Lassen Sie nur meine Tante, schau’n sie, da liegt sie am Strand
Sie hat im Leben noch nie ein solches Leben gehabt
Nu, warum soll sie nicht spielen im Sand?

Lassen Sie nur meine Tante, ich weiß ja, es sieht nicht schön aus
Dass sie die anderen Gäste mit Steinen bewirft
Aber ich nehm’ sie bestimmt gleich ins Haus

Sie hat a Nichte, die lebt in Australien
Und einen Neffen, das ist ein Pilot
Und einen Bruder in Nordrhein-Westfalien
Aber sie glaubt, die sind schon tot

Lassen Sie nur meine Tante, sie wird ihn nicht beißen, den Hund
Und außerdem glauben Sie mir, dass sie verrückt ist, die Frau
Nu, das hat einen tieferen Grund

Lassen Sie nur meine Tante, schau’n Sie wie friedlich sie ruht
Und wie sie lächelt. Im Schlaf glaubt sie noch
Ihr Leben wird eines Tages noch gut

Jetzt sind es fast zwanzig Jahre, da wurde sie plötzlich so krank
Natürlich weiß man warum, und sogar Sie würden’s versteh’n
Aber ich glaub’, die Geschicht ist zu lang

Sie hat a Tochter in Bohrbeck bei Essen
Und einen Sohn, irgendwo knapp daneben
Und eine Schwester in Marburg in Hessen
Aber sie glaubt, die sind am Leben

Lassen Sie nur meine Tante, ich nehm’ sie dann mit mir hinein
Im Grunde nenn’ ich sie nur meine Tante
Sie ist in Wirklichkeit gar ka Verwandte
Und könnte ebensogut ihre eigne Tante sein!“

Ich habe diese bitter-bösen, traurigen, galligen, zum Lachen reizenden Lieder von Kreisler geliebt, und ich werde sie wieder und wieder hören. Georg Kreisler gehörte zu Österreich wie sonst nur Thomas Bernhard.

Und diese unsterblichen Lieder, die vergessen wir ihm nie. Danke, Servus und Adieu, Georg Kreisler!

Musik des Monats – The Music of Chance

Ach was, viel weitreichender. Denn anzukündigen gilt es eines der Popmusikereignisse des Jahres: nämlich PJ Harveys Platte „Let England Shake“. Zuweilen klingt es in ein oder zwei Stücken kurz nach Sally Oldfield, und das ist nicht gut, weil damit bescheuerte Hippiezeiten in ihrer niedersten und derangiertesten Variante assoziiert sind, doch der Ton von PJ Harvey moduliert diese Assonanz sofort, der Anklang geht schnell in eine andere Richtung.

Viel gibt es auf diesem Blog nicht zur Musik, weil es mir an der Fähigkeit zur Objektivation und an Kenntnis gebricht. Wie gerne schriebe ich über Mahler, bei dessen Musik ich nur fassungslos bin. Aber es geht nicht, wovon man nicht schreiben kann, davon sollte man besser nicht schreiben. Von Zeit zu Zeit jedoch möchte ich meinen Leserinnen und Lesern dennoch eine Empfehlung geben: diese neue Platte von PJ Harvey gehört in jeden popmusikalisch ausgebildeten Haushalt. Sei es als Raubkopie oder gekauft: Let England Shake