Hamburg und eine Nebenbemerkung zur Gentrifizierung

Dieses Wochenende muß der Blog geschlossen bleiben, denn es geht zu einer lange erwarteten Party nach Hamburg. Beim Aufenthalt in jener Stadt werden zudem Photographien vom Hafen, am besten südlich der Elbe und auf der Veddel, gemacht und demnächst hier gezeigt – vielleicht auch von anderen Orten. Einige Photographien von Hamburg gibt es schon einmal hier zu sehen.

Vor einige Zeit hielt ich mich bereits in Hamburg auf; und dort verabredete sich mit mir abends eine Frau in einem Restaurant namens „Bullerei“. Solche Lokalitäten sind nun Inbegriff dessen, was sich Gentrifzierung eines Viertels – hier: des Schanzenviertels – nennt. Hochpreisniveau, welches weiteres Hochpreisiges nach sich zieht. Das Hochpreisniveau als solches ist nicht das Problem, wenn es bei einem oder zwei Restaurants bliebe, was aber naturgemäß ein widersinniger Wunsch ist, welcher aus dem Heile-Welt-Denken heraus geboren wurde.

Sicherlich: qualitativ hochwertiges, gut zubereitetes Essen kostet nun einmal etwas mehr Geld. Wobei dieses Restaurant eher den Charakter eines überlaufenen Speisesaales besitzt, nur leider nicht so gemütlich und angenehm wie etwa „Chartier“ in Paris. (Eigentlich aber ein Quatschvergleich, weil das zwei ganz verschiedene Räumlichkeiten und Gebäude sind. Das „Chartier“ entspringt der Welt der Pariser Passagen, die „Bullerei“ zehrt von der Backstein-Werksarchitektur.) Man geht in die „Bullerei“, weil alle dahingehen. Reflexionslosigkeit im Ausgehen. Der Wein ist allerdings sehr gut dort, aber der Ort besitzt keinen Stil, keine Aura und keine Atmosphäre. Ich wußte nicht, ob ich nun lachen oder weinen sollte, als der Barmann beim Einschenken eines Glases Riesling und als er mit mir sprach, mitten im Akt des Vollzuges sich bei mir dafür entschuldigte, daß er mich beim Sprechen nicht angeschaut habe.

Eigentlich wollte ich diese Kritik an der Gentrifizierung im Hinblick auf ihre idiotische Moralität, mithin die darin enthaltene moralische Komponente des Das-tut-man-aber-nicht, kritisieren. Alles soll nur schön bleiben, wie es ist und böse Restaurants nicht das Viertel kaputt machen. Die schöne Welt der Bürgerstöchter und -söhne darf keinen Schaden leiden. Kapitalismus wird kritisiert, weil er so böse Sachen macht. Ja, woher mag das wohl kommen? Solche naive Kritik verkennt aber die Lage. Denn der Kapitalismus kann nur so sein, wie er ist, er „handelt“ seinem Wesen gemäß, und es verhält sich ganz stringent und folgerichtig, daß ein Restaurant wie die „Bullerei“ eben dort eröffnet, wo es aufgemacht hat. Die Menschen werden, sobald das sogenannte „soziale“ der Marktwirtschaft abnippelt, mit einem Male ganz bekümmert. Ohne dabei aber in ihrer Sorge oder ihrem Ärger das Wesen zu treffen, nämlich in eine Kritik an den Systemstrukturen überzugehen, bleibt solche Moralisierung hilflos und arbeitet nur darin mit, daß das, was ist, so bleibt wie es ist. Als ob man kapitalistisches Wirtschaften mit Reformen und winzigen Änderungen an den Stellschrauben bessern könne. Aber ich habe im Grunde gar keine Lust dazu, dieses Thema heute auszuwalzen. Richtig ist allerdings, daß es kritisiert und bekämpft werden muß, wenn ganze Viertel umkippen. Doch ohne ein Maß an Theorie, welche Einblick in die Strukturen von Kapitalismus nimmt, ist gelingende, d.h. treffende Kritik aber nicht möglich. Aber auch das ist im Grunde keine ganz neue Erkenntnis. Was nicht geht: sich irgendwo in Neukölln oder Kreuzberg seine Kuschelecken zu bewahren, damit es dort nur schön flauschig bleibt. Es gibt keine Freiräume. Kein Ort, nirgends. Und gegen die Insistenz eines Systems helfen auch kein Yoga oder asiatische Versenkungskünste.

Und ansonsten aber gilt, etwas sprunghaft gedacht: Es ist wieder mal ein Rock’n’Roll-Freitag:

Kontaktwunden

„Bei Kontaktwunden wurde der Lauf der Waffe direkt an den Körper gehalten … Der äußere Rand der Eintrittswunde ist durch den heißen Rauch angesengt und vom Ruß geschwärzt. Der Ruß ist so in die versengte Haut eingebrannt, dass man ihn weder durch Waschen noch durch heftiges Schrubben von der Wunde entfernen kann.“
Vincent J.M. DiMaio M.D., Gunshot Wounds: Practical Aspects of Firearms, Ballistics and Forensic Technique

Kapitalismus läßt sich einerseits in die Analyse und in den Blick der Theorie nehmen, indem seine Begriffe gleichsam auf den Begriff gebracht werden, und er stellt sich zugleich – gewissermaßen phänomenologisch – über seine verschiedenen Ausprägungen dar, etwa wenn man sich die Kriminalität ansieht, welche eine Gesellschaft produziert: Indem man auf Verbrechen, Gewalt und Strafe schaut sowie darauf, wie eine Gesellschaft mit diesen Phänomenen umgeht und welche Auswirkungen das wiederum auf eine Gesellschaft zeitigt. So geraten auch die Produktionsweisen von Wirtschaft in den Fokus.

Als Stichwort für das destruktive Moment der Produktionsbedingungen sei hier Mexiko genannt, welches kurz davor steht, zum failed state zu geraten bzw. bereits ein solcher ist. Aber es lassen sich auch andere westliche Länder nennen. (Zudem stellt sich natürlich die Frage, was man als Kriminalität definiert: der Tod von Menschen, die die EU-Außengrenzen passieren, läßt sich sehr wohl auch in juristischen Begriffen als Mord bezeichnen. Die Tötung und Verfolgung von Sinti und Roma in Ungarn oder Italien bspw., welche vermittels staatlicher Billigung geschieht, wäre durchaus juristisch zu ahnden.)

In bezug auf diese Aspekte ist der Krimi oder der Detektivroman immer auch ein Stück Gesellschaftsgeschichte: nimmt man nun Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes“, welcher einen Blick in die Epoche des Viktorianischen Zeitalters wirft und zugleich das Ideal einer analytischen Verfahrensweise hochhält über Raymond Chandlers Detektivgeschichten, die in einer abgebrühten zynischen Großstadtwelt spielen, welche bloß noch für sich agierende Individuen kennt, bis hin zu den surrealen, gesellschaftskritischen Krimis von Léo Malet. Die Frage Brechts, was nun das größere Verbrechen sei: eine Bank zu gründen oder sie einfach nur zu überfallen, bleibt immer im Raume stehen und mithin virulent.

Im Krimi sedimentiert sich Gesellschaft samt deren Kritik – egal ob das mit oder ohne Intention des Autors geschieht. David Simons Reportage-Roman „Homicide“ (1991) sowie die sich daran anschließend Fernsehserie „The Wire“ rücken der US-Amerikanischen Gesellschaft auf den Leib. David Simon ist Journalist, Polizeireporter und Drehbuchautor. Er recherchierte im Morddezernat der Stadt Baltimore, wo jährlich etwa 250 bis 300 Morde geschehen. Anhand dieser Stadt im Bundesstaat Maryland wird der Verfall von Gesellschaft dargestellt.

Das Buch ist mehr im Stil der literarischen Reportagen gehalten, die Serie fiktionaler; ihr werden stilbildende Eigenschaften für die Fernsehserienlandschaft nachgesagt. Sieht man einmal von dem affirmativen Moment ab, das dem Fernsehen grundsätzlich innewohnt, solange es als Medium nicht die Produktionsart von Bildern und damit verbunden die Strukturierung des Blickes ändert, so ist an diesem Urteil einiges dran, insofern ich das nach den ersten acht Folgen der Serie beurteilen kann. Wesentlich ist hier, daß es in „The Wire“ kein gut oder böse mehr gibt. Die Polizeiermittlungen sind reiner Selbstzweck und auch die Gangster, die Drogendealer werden als Menschen geschildert – das Schwarz/Weiß- bzw. Gut/Böse-Schema fällt komplexer aus. Die Dealer werden ebenso sachlich gezeichnet wie die Polizisten. Die Dealer gehen ihrem Geschäft im Grunde nicht anders nach als der bankgründende Kapitalist. Es wird eine vollständig verlotterte Gesellschaft gezeigt.

Ich lasse mich insofern beim Lesen von „Homicide“ und beim Betrachten der Serie überraschen. Wobei ich vorab schon sagen muß: „The Wire“ ist zwar spannend, ich freue mich auf die nächste Folge, während ich auf meinem Krankenlager liege, aber sie ist auch nicht überwältigend. An „Twin Peaks“ reicht im Sinne des Ästhetischen und der Konstruktionsleistung so schnell nichts heran. Aber nichts desto trotz bleibt „The Wire“ eine gutgemachte Serie, und wir wollen doch mal schauen, ob ich hier iom Blog etwas über Buch und Serie schreiben werde, isnofern beide etwas zum Schreiben hergeben.

Ja, und Kontaktwunden können vielfältig ausfallen. Man sollte sich zumindest vor den Schußwaffen in acht nehmen, da lassen sich beim vorisichtigen Umgang mit denselben oder gar bei ihrer Vermeidung jene Wunden gut umgehen.

Nachschlagender Nachtrag zur Occupy-Veranstaltung in Berlin

Ich habe es erst nach einer Woche endlich geschafft, die Photos zu sichten, deshalb gibt es diese Bilder samt einem Bericht verspätet.

Auf dem Platz vor dem Neptunbrunnen saßen oder tummelten diverse Menschen – Alte und Junge, ganz normal Gekleidete und die Verwegenen, sogar das BüSo beteiligte sich, was kein gutes Omen abgibt. Bei der DKP, nicht anders als früher, wehte im Wind ein rotes Fahnenmeer. Das kommt davon, daß jeder DKP-Teilnehmer in seinen Händen je zwei Fahnen – ich hätte beinahe geschrieben Winkelement – halten muß. Der Höhepunkt war wohl eine Gruppe junger Möchtegern- oder Halbhippies, die auf dem Boden sitzend zum Gitarrenspiel „Über den Wolken“ sangen. Was sollen wir sagen?: Dies ist der Beginn einer machtvollen und kräftigen, weltweiten Revolution: We shall not be moved, shall overcome, and overrun at least. Von deutschem Boden darf nie wieder ein Lied ausgehen. Wenn es im Oberstübchen bereits hapert und klemmt, wenn zentrale Elemente des Hirns zerfressen oder zersungen sind, dann weiß ich eigentlich nicht, wie es in der Theorie, in der Reflexion, mithin beim Begreifen von Gesellschaft und ihrem Zustand noch laufen soll. Dem folgte also deutscher Gesang. Ich war schon kurz vor dem Reißausnehmen, denn solch eine Gesangs-Scheiße muß ich mir nicht antun. Wo man singt Friedenslieder, da laß Dich nicht nieder, denn nur Derangierte singen solches immer wieder. In meinen schlimmsten friedensökologisch-hippiebewegten Schulzeiten – nicht ich selber, aber vermittelt über Schulfrauen in lila Latzhosen und ähnlichem, denen man sich ja doch nicht entziehen konnte, wenn die Zahl der Flachlegungen oder Halbflachlegungen als ordentlicher Oberschüler halbwegs stimmen sollte – sangen wir nicht solchen Grottenschrott. Es muß ja nicht immer das ewiggleiche Slime-Gedröhns, Holger Burner oder „Ton Steine Scherben“ sein.

Ich wollte ursprünglich die Bilder zur Occupy Berlin-Veranstaltung hier in diesen Text einbauen, aber ich habe nicht viel Zeit heute, es ist mir zu mühsam, danken tut es einem sowieso keiner, also gibt es die Photos auf Proteus Image zu sehen.

Zum Auftakt des Protestes preschte eine Gruppe, die sich autonom und anticapitalista gab, mit einem Transparent vor den Beginn des Zuges, drängte sich auf die Spandauer Straße vor einen armseligen Veranstalterlautsprecherwagen, dessen Boxenton nicht einmal zwanzig Meter weit reichte. „Wer hat euch denn zur Avantgarde gemacht?“, pflaumte eine herankommende Fahradfrau herum. Na ja, was soll man darauf antworten? Zur Avantgarde wird man nicht gemacht – entweder man ist es oder man ist es nicht. So zumindest ging das seinerzeit in der Kunst und in der Politik ab. Aber Avantgarde war die Anticapitalista-Gruppe mitnichten. So lief der Zug mit den üblichen Rufen nach Befreiung und Widerstand und keinem ruhigen Hinterland und „Ackermann – Kofferraum“ auf die Karl-Liebknecht-Straße und auf die „Unter den Linden“ los. Diesen Ackermannslogan wiederum fand ich, weil ich ein pädagogischer Volksfreund des Kofferraums als moralische Lehranstalt bin, ganz witzig. Aber man darf solches natürlich nicht überstrapazieren. Andererseits: der Mensch lebt nicht von Metaphern allein. Aber wer will am Ende schon die Verantwortung übernehmen? Sie etwa? Und sind solch Dinge nicht vielmehr verboten? Fragen über Fragen, die Leserin und Leser bitte nicht mir stellen mögen, denn ich trinke gerade einen wunderbaren …, ach, was soll ich Güter nennen? Und so früh am Abend schon Alkohol? Aber ja! Die Bayern haben Alpenglühen und bei uns im Osten heißt das Vorglühen (vor Party).

Ich blieb vorne beim Zug, weil ich, in die Polizeifunkgeräte gesprochen, hörte: „Da vorne ist eine Gruppe, die Streß macht.“ Ah, dachte ich, herrlich, obwohl ich beim Anblick der Gruppe die Einschätzung des Führers von Zug A2 nicht ganz teilte. Kleine Verstärkung der Einsatzkräfte erfolgte, aber nicht allzu viele rückten hinzu, keine Behelmten waren dabei und keine Hundestafel. Schade. Vielleicht gibt es trotzdem gute Bilder? War es am Ende doch richtig, den Helm mitzunehmen? Die Gruppe sah aber nicht nach wirklicher Randale aus, meine begehrlichen Blicke konnten da nichts sehen. Bei einem zweiten, kürzeren Transparent mit der Aufschrift „Hello Occupy Wallstreet. Yes: Enough ist enough is enough. Hello # Globalchange“ entdeckte ich später sogar eine attraktive Frau dabei. Kurzer Blickkontakt, aber als Photograph gehört man nun einmal zu den Counterschweinen, da läßt sich nichts machen und drehen. Pig oder Mensch. Aber ich bin doch nur der Photograph!

Der Block sang zuweilen Arbeiterlieder wie „Roter Wedding“ oder „Der heimliche Aufmarsch“ eigentlich liebenswert und ich mußte vor mich hinlächeln.

„Zivischweine, Schüsse in die Beine!“ Hm, das Gehen neben einem echten schwarzen Block kann Ärger mit sich bringen, kürzlich war ich auf einen Zug der Bereitschaftspolizei angewiesen. Auch Schläge, Stöße, Schubse gegen das süße Nikon-Baby sind nicht selten – ich kann es verstehen, die wissen ja nicht, wer ich bin und kennen diesen tollen Blog nicht.
Lobe ich mich hier eigentlich zu viel und machte etwas zu starke Selbstdarstellung?
Nöh, nöh, geht schon.
Na, denn is ja man jut.

Weiter ging es am Reichstag vorbei. Und in der Heinrich-von-Gagern-Straße schwenkte der bunte voranschreitende Block mit einem Male nach rechts ab – über die große weite und wie ich beim Laufen registrierte, sehr weiten Wiese und stracks auf den Reichstag zugerannt, um dann die Absperrgitter vor der Bannmeile zaghaft wegzuschieben und sich von den Bereitschaftspolizisten des Zuges A2, die vom Mitlaufen mindestens genauso erschöpft waren wie ich, zur Seite drängen zu lassen. Auch ein paar Hanseln der Polizei des Bundestages standen da. Wäre zum Reichstag ein richtiger schwarzer Block mitgelaufen, sähe das Gebäude heute anders aus. Aber es marschierte dann sicherlich eine andere Polizeibegleitung mit. Ich zumindest habe nach diesem Sprint gesehen, daß ich trainieren muß. Einen 1. Mai in Berlin halte ich so nicht durch. Beim laufintensiven Squat Tempelhof und bei den Anti-Nazi-Demos war meine Form besser.

Da es an den Gittern vor dem Reichstag keinen Willen zum Durchkommen gab, wurde sich vor dem Objekt sitzend niedergelassen. Als einige Blockierer Zelte aufbauten, näherte sich jedoch eine Beweissicherungs- und Festnahmegruppe, um das Treiben zu beenden. Also mußte es ohne Zelte gehen. Bei den Occupy-Wall-Street-Protesten in New York sind Megaphone von der Stadtverwaltung verboten worden, damit die Bank- und Börsenmenschen nicht durch zu viel Lautstärke gestört werden und ihren üblichen Geschäften nachgehen können. Diese Megaphonabsenz kopierte die Bewegung in Berlin, und so machte einer die Durchsage ohne technische Verstärkung und die anderen wiederholten das dann im Chor wortwörtlich. „Heute wollen wir unseren Protest zeigen!“ „Heute wollen wir unseren Protest zeigen!“, so die anderen. Und so ging das immer weiter, nach dem einen Redner kam der nächste und dann kam eine Rednerin und dann wieder eine und dann ein neuer Redner. Und dazu sprach fortwährend der Protestierendenchor die gerade gehörten Worte nach. Die schlimmste Regietheaterinszenierung des 108. Castorf-Epigonen, der ein Jelinekstück gibt, konnte nicht enervierender und schlimmer ausfallen als diese unendliche Repitation des zuvor bereits Gesagten. Allein aus ästhetischen Gründen scheint es mir geboten, das Verbot von Megaphonen in New York wieder aufzuheben. Der Chor, einst Mittel der Aufklärung, regredierte hier zur Maschine des Schwafelns.

Eine solch traurige Bewegung sah ich selten. „Über den Wolken“ und Chorgespreche. Sophokles hätte zwei Becher Schierlingssaft getrunken, um diesen Darbietungen zu entgehen. Andererseits möchte ich von einer Veranstaltung nicht auf die Gesamtheit schließen. Interessant mögen sicherlich die Prozesse sein, welche sich entwickeln, wenn unterschiedliche Menschen Protest anmelden. Andererseits ist dies bei der Divergenz der Interessen ein schwieriges Unterfangen. Pessimismus des Denkens bleibt.

Insofern ist der Hinweis auf das Shoppengehen kein schlechter. Machen Sie sich einen schönen Abend, es könnte Ihr letzter sein, so meine Empfehlung.

Ich selber sitze gerne an den abgefuckten Orten vor den Ruinen und sehe euch beim Untergang zu. Und wenn ich meine Nikon dabeihabe, dann halte ich das für später fest.

Ach ja: wer meint, es seien nur die bösen Märkte und die bösen, bösen Banken und der böse, böse, böse Ackermann et al., der irrt. Den freien Markt zu verbieten, mit allem und mit jedem Geschäfte zu machen, ihn gesetzlich zu regulieren, ist in etwa so, wie einem Glatzköpfigen zu verbieten, keine Haare zu haben und ihn zum Lockendrehen zu vergattern.

Armut schändet nicht

„‚Armut schändet nicht.‘ Ganz wohl. Doch sie schänden den Armen. Sie tun‘s und sie trösten ihn mit dem Sprüchlein. Es ist von denen, die man einst konnte gelten lassen, deren Verfallstag nun längst gekommen. Nicht anders wie jenes brutale ‚Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen‘. Als es Arbeit gab, die ihren Mann näherte, gab es auch Armut, die ihn nicht schändete, wenn sie aus Mißwachs und anderem Geschick ihn traf. Wohl aber schändet dies Darben, in das Millionen hineingeboren, Hunderttausende verstrickt werden, die verarmen. Schmutz und Elend wachsen wie Mauern als Werk von unsichtbaren Händen um sie hoch. Und wie der einzelne viel ertragen kann für sich, gerechte Scham aber fühlt, wenn sein Weib es ihn tragen sieht und selber duldet, so darf der einzelne viel dulden, solang er allein, und alles, solang er‘s verbirgt. Aber nie darf einer seinen Frieden mit Armut schließen, wenn sie wie ein riesiger Schatten über sein Volk und sein Haus fällt. Dann soll er seine Sinne wachhalten für jede Demütigung, die ihnen zuteil wird und so lange sie in Zucht nehmen, bis sein Leiden nicht mehr die abschüssige Straße des Grams, sondern den aufsteigenden Pfad der Revolte gebahnt hat. Aber hier ist nichts zu hoffen, solange jedes furchtbarste, jedes dunkelste Schicksal täglich, ja stündlich diskutiert durch die Presse, in allen Scheinursachen und Scheinfolgen dargelegt, niemandem zur Erkenntnis der dunklen Gewalten verhilft, denen sein Leben hörig geworden ist.“

So schrieb Walter Benjamin in seinem Aphorismus „Kaiserpanorama“, das in 14 Gängen eine „Reise durch die Inflation“ tut. Dieses Panorama findet sich in dem Buch „Einbahnstraße“. Es sind viele dieser Texte aktuell, als kämen sie aus dem Hier und Jetzt und nicht aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts herübergeweht. Mißstände, Unrecht, Ausbeutung, die der Objektivität entspringen, ins Subjekt hineinzuverlagern, um individuelle Schulddiskurse zu forcieren, ist noch heute eine der beliebten Methoden. Dies fängt bei all den Beichtzwängen und Schuldinternalisierungen an, manifestiert sich in Schwachsinnssätzen wie „Jeder ist seines Glückes Schmied“ und geht hin bis zu diesem Umweltschutzblödsinn mit Mülltrennung und Pseudoökologie als Ersatzreligion. Heute fahren wir mal Fahrrad und sanieren Häuser energetisch. Wie stand es auf einem Plakat bei der Demonstration gegen Mieterhöhungen am 3. September in Berlin?: Zu einer Karikatur von Renate Künast stand da: „Arme ökologisch korrekt entsorgen“. Genau so ist es, und diese Haltung nehmen implizit große Teile der Grünen ein. Schlimmer als diese Haltung aber ist die Trägheit des Denkens, welche sich darin spiegelt. Sobald irgend etwas zur Religion gerät, ist es von übel.

Für die, welche in Berlin demnächst zur Wahl gehen: Vergessen Sie nicht, daß für diese unhaltbaren Zustände auch Sozialdemokraten mitverantwortlich sind. Aber wer wählt schon SPD, eine Partei, die seit 1914 nicht mehr zu wählen ist? Ein Begriff wie Sozialpartnerschaft sagt im Grunde alles und spricht Bände über das dahinter stehende Prinzip und wie in der SPD Gesellschaft gedacht wird. Was gilt es anders zu machen? Weiß ich nicht. Wie sagte es der mittlerweile bzw. teils schwer erträgliche Hans Magnus Enzensberger einmal: „Ich bin doch nicht der Lappen, mit dem man die Welt putzt!“ Hellsichtig und richtig gedacht. Das Grandhotel Abgrund ist schließlich kein Ratschlaggebe- und Helfe-Etablissement.

Benjamin reflektiert in diesen Aphorismen manches noch in einer idealistischen Färbung des Denkens, aber im ästhetischen Ausdruck manifestiert sich dennoch die materialistische Sicht auf die Subtilitäten; jener Blick für das Detail, an dem, nach messianischem Denken, am Ende genauso die Weltgeschichte hängt und in welchem sie sich manifestiert. Dieses Verhältnis motiviert zum mikrologischen Blick – sei es in der Philosophie als auch in der Photographie. Andererseits kann nach Benjamins, Kracauers und Adornos Texten, die, wie die „Minima Moralia“ oder „Die Angestellten“, ihre Sicht in das Detail versenken, nicht auf die gleiche Art, nach dem Motto des „Noch einmal so“ verfahren werden. Andererseits: weshalb sollten sich nicht Beschreibungen wie die fertigen lassen, was einem bei einer Begegnung mit einer modernen automatischen Glasschiebetür in einem Bahnhof widerfährt und auf welche Weise öffentliche Plätze mit Kameras ausgeleuchtet werden? Es geht schon, und insbesondere in der Schrift ergeben sich mannigfaltige Möglichkeiten.

Die Salzburger Festspiele, die nicht nicht gehaltene Rede Jean Zieglers und das Pfaffenpack

Nein, ich fuhr nicht nach Salzburg zu den Festspielen, und ich werde dorthin nicht reisen, weil mein Urlaub und meine Zeit Begrenzungen unterliegen. Insofern kann es bei „Aisthesis“ keine Theaterkritik geben, keinen Bericht vom ersten, zweiten oder dritten Abend liefere ich, kein „morgen Salzburg“, sondern ich weise, falls nicht bereits bekannt, lediglich darauf hin, daß Jean Ziegler, der die Eröffnungsrede zu den Salzburger Festspielen halten sollte, im April unter dem fadenscheinigen Vorwand ausgeladen wurde, einen Menschenrechtspreis von Gaddafi angenommen zu haben bzw. Gaddafi nahezustehen. Nun, aus diesem Grunde sollten dann zahlreiche Politiker und Führungskader aus den Reihen unserer freiesten und sozialsten Marktwirtschaft, die es je gab, von der Eröffnung der Bayreuther Festspiele ausgeladen werden. Gleiches gilt für die Eröffnung in der Regenstadt Salzburg. Es sollen dort in den feinen, gut bezogenen Sesseln einige sitzen, die bereits in Gaddafis Zelt weilten.

Zieglers Rede, die gestern in verschiedenen Tageszeitungen zu lesen war, bringt manches auf den Punkt:

„Das Geld für intravenöse therapeutische Sondernahrung – die ein Kleinkind, wenn es nicht zu sehr beschädigt ist, in zwölf Tagen zum Leben zurück bringt – fehlt. Das Welternährungsprogramm, das die Soforthilfe leisten sollte, verlangte am 1. Juli für diesen Monat einen Sonderbeitrag seiner Mitgliedstaaten von 180 Millionen Euros. Nur 62 Millionen kamen herein. Das normale WPF (World-Food-Programm) Budget lag 2008 bei 6 Milliarden Dollars. 2011 sind es noch 2,8 Milliarden. Warum? Weil die reichen Geberländer – insbesondere die EU-Staaten, die USA, Kanada, Australien – viele Tausend Milliarden Euros und Dollars ihren einheimischen Bankhalunken bezahlen mussten: zur Wiederbelegung des Interbanken-Kredits, zur Rettung der Spekulations-Banditen. Für die humanitäre Soforthilfe (und die reguläre Entwicklungshilfe) blieb und bleibt praktisch kein Geld.

Wegen des Zusammenbruchs der Finanzmärkte sind die Hedge-Fonds und andere Groß-Spekulanten auf die Agrarrohstoffbörsen (Chicago Commodity Stock Exchange, u. a.) umgestiegen. Mit Termingeschäften, Futures usw., treiben sie die Grundnahrungsmittelpreise in astronomische Höhen. Die Tonne Getreide kostet heute auf dem Weltmarkt 270 Euros. Im Jahr zuvor war es genau die Hälfte. Reis ist um 110 Prozent gestiegen. Mais um 63 Prozent.

(…)

Kapital ist immer und überall und zu allen Zeiten stärker als Kunst. „Unsterbliche gigantische Personen“ nennt Noam Chomsky die Konzerne. Vergangenes Jahr – laut Weltbankstatistik – haben die 500 größten Privatkonzerne, alle Sektoren zusammen genommen, 52,8 Prozent des Weltbrutto-Sozialproduktes, also aller in einem Jahr auf der Welt produzierten Reichtümer – kontrolliert. Die total entfesselte, sozial völlig unkontrollierte Profitmaximierung ist ihre Strategie. Es ist gleichgültig, welcher Mensch an der Spitze des Konzerns steht. Es geht nicht um seine Emotionen, sein Wissen, seine Gefühle. Es geht um die strukturelle Gewalt des Kapitals. Produziert es dieses nicht, wird er aus der Vorstands-Etage verjagt.“

Ich fürchte allerdings, die Menschen, welche im Festspielsaal zu Salzburg in den Sesseln mit dem feinen roten Theaterpolster sitzen und mit nickendem Kopf oder mit starrem Blick zuhören würden, wenn Ziegler diese Rede hielte, wissen diese Fakten längst und lachen darüber, weil sie genauso an der intravenösen therapeutischen Sondernahrung verdienen wie am Hunger und am Tod. Nein, es ist ihnen das Leben dieser Menschen nicht gleichgültig. Es bedeutet ihnen viel. Manche geben zwar den ausgebufften Zyniker, aber in ihrem Herzen meinen sie es nicht so. Die Besitzenden unterliegen lediglich den Systemzwängen, so wird ihre Schutzbehauptung lauten, denn wir sind eben keine Individuen, die dort sitzen, sondern jene „Charaktermasken“. Mit traurigem Schulterzucken werden sie entgegnen, daß sie nicht anders können, und sie werden vom Segen des Marktes – des freien – erzählen, der am Ende jeden erreicht; auch in Europa vor über hundert Jahren … und wenn man heute nach Indien schaut. Jaaaah, wenn der Senator erzählt … Ich will diese Dinge nicht weiter analysieren.

Was Ziegler über die Dürren und die erodierten Böden schreibt, ist weitgehend bekannt. Soziologisch unterfüttert und auch für den Nicht-Wissenschaftler anschaulich dargestellt etwa in Harald Welzers Buch „Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“. Welzer liefert in diesem Buch eine kurze und bündige Analyse zu dem, was ist, was kommen kann, und er führt die sozialen und psychologischen Mechanismen vor, die unserem Verdrängen und den Rationalisierungen zugrunde liegen.

Die Landeshauptfrau Gabi Burgstaller von der SPÖ hätte Ziegler durchaus einladen können, denn seine Rede ist ehrlich, aber nicht gefährlich. Es sitzen im Parkett und im ersten Rang kunstsinnige und politisch wohlgeschulte Männer. Allenfalls blickten – vielleicht – die anwesenden Knechte der Herren Sponsoren verärgert drein, wenn man sie direkt und namentlich angesprochen hätte mit dem Vermerk auf ihre Funktion. Einen Skandal ergäbe diese Rede nicht.

Nun komme ich allerdings auf einen Punkt der Ansprache, da schüttele ich unwillig das Haupt, und das gut Gemeinte modelt sich zum schlecht Gemachten um. Reimen wir es mal ein wenig: Moralischer Sinn reicht nicht hin; zumindest nicht in den ästhetischen Angelegenheiten:

„Gegen das eherne Gesetz der Kapitalakkumulation sind selbst Beethoven und Hofmannsthal machtlos. ‚L’art pour l’art‘ hat Théophile Gautier Mitte des 19. Jahrhunderts geschrieben. Die These von der autonomen, von jeder sozialen Realität losgelösten Kunst, schützt die Mächtigen vor ihren Emotionen und dem eventuell drohenden Sinneswandel.“

Das ist in bezug auf die Kapitalakkumulation und den Künstler wohl wahr. Nun gibt es aber ein Lied, das aufs Jahr genau 140 Lenze zählt, und darin heißt es nicht „Uns von dem Elend zu erlösen, können nur die Künstler tun“, sondern ein wenig anders geht der Text.

Und da stehen wir wieder, inmitten der alten Debatten um das Engagement: weshalb gerade die autonome Kunst sich nicht engagiere, Partei ergreife? Weil sie sich nur für ihre eigene Sache engagiert. Sowieso: aufgrund ihres Doppelcharakters: fait social und autonom zugleich kann von der Abkoppelung aus den sozialen Zusammenhängen im avancierten Kunstwerk, das auf der Höhe der Zeit ist (oder war), keine Rede sein. Und so läßt es sich in der Variation eines Satzes des Nörgler schreiben: Der Bürger begreift seine eigenen Kunst nicht mehr. Der avancierteste Stand des ästhetischen Materials entspricht dem fortgeschrittendsten Stand der Produktivkräfte. Hölderlin schlägt dem Bürger ins Gesicht, ohne daß er diesen Schlag bemerkt.

Zum Glück geht es aber noch weiter in den Ausführungen Zieglers und die Last liegt zum guten Ende hin nicht bei der Kunst:

„Die Hoffnung liegt im Kampf der Völker der südlichen Hemisphäre, von Ägypten und Syrien bis Bolivien, und im geduldigen, mühsamen Aufbau der Radikal-Opposition in den westlichen Herrschaftsländern. Kurz: in der aktiven, unermüdlichen, solidarischen, demokratischen Organisation der revolutionären Gegengewalt. Es gibt ein Leben vor dem Tod. Der Tag wird kommen, wo Menschen in Frieden, Gerechtigkeit, Vernunft und Freiheit, befreit von der Angst vor materieller Not, zusammenleben werden.

Mutter Courage von Bertolt Brecht erklärt diese Hoffnung ihren Kindern: ‚Es kommt der Tag, da wird sich wenden / Das Blatt für uns, er ist nicht fern. / Da werden wir, das Volk, beenden / Den großen Krieg der großen Herrn. / Die Händler, mit all ihren Bütteln / Und ihrem Kriegs- und Totentanz / Sie wird auf ewig von sich schütteln / Die neue Welt des g’meinen Manns. / Es wird der Tag, doch wann er wird, / Hängt ab von mein und deinem Tun. / Drum wer mit uns noch nicht marschiert, / Der mach’ sich auf die Socken nun.‘ Ich danke Ihnen.“

Freilich ist Kunst keine Handlungsanweisung, und Liedermacherlieder können allenfalls eine soziale Funktion besitzen: daß sie Mut machen oder Erbauung und die (bitter nötige) Kampfkraft liefern, so wie die Stücke Ernst Buschs. (Andererseits: Ob ein Bewußtsein, das solches benötigt, nicht vielmehr eines ist, welches zu überwinden sei?) Auf der ästhetischen Ebene laufen diese Texte an der Sache vorbei. So auch Brechts Lied der Mutter Courage.

Bestes Regietheater in der Art von Castorf, Fritsch oder feingliedrig-böse wie Marthaler wirkt da Wunder. Sie betreiben in ihrer despektierlichen und laupolitisch-lustlosen Art (wie bei Castorf) etwas, das den Bürger reizt und ärgert, selbst gestanden „linke“ Feuilletonisten wie Fritz J. Raddatz bekommen bei Marthaler Pickel, Ärger und Ausschlag.

Vielleicht setzt Nicolas Stemanns „Faust I + II“ in Salzburg wenigstens ein Feuerzeichen. Épater la bourgeoisie funktioniert nur, wenn man dem Bürger seine eigene Kunst immer wieder neu um die Ohren und in die Fresse haut. Castorf machte dies meisterhaft, etwa in seiner grandiosen Inszenierung von „Frau am Meer“ (Ibsens „Die Frau vom Meer“) an der Volksbühne im Jahre 1993: ein läppischer Heiratsantrag des Hauslehrers Arnholm an Bolettte von vier oder fünf Worten, der eine halbe Stunde sich in die Länge zieht. Das mach mal einer nach. Die Zuschauer rannten aus der Vorstellung oder pöbelten; es gab (erboste) Dialoge zwischen Arnholm und dem Publikum.

Laßt uns kaputtmachen!

Womöglich hätte diese Eröffnungsrede doch ein Künstler oder eine Künstlerin halten sollen, obwohl es auch da Fälle gibt, die … Nun, schweigen wir. Hier stellte ich mir die ansonsten wenig geschätzte Elfriede Jelinek vor. Ihre Rede geriete zumindest als Faustschlag in diese Gesichter.

Statt Ziegler hielt dann Joachim Gauck die Eröffnungsrede. Wir können uns bei diesen Worten sicher sein, daß es über wohldosierte Harmlosigkeiten nicht hinausgekommen ist.

Und da ist mir am Ende der Text eines Zieglers doch lieber als das Geseiere dieses DDR-Profiteurs Gauck, der im Jargon der Eigentlichkeit faselt.

Pfaffenpack.

„Und dann gibt es Salzburg! Und diese Festspiele! Hier gibt es Menschen, die Fantasie, Energie und Geld aufbringen, um ins Bewusstsein zu bringen, was uns auf die Spur des Überlebens zurückruft. Wir haben verschiedene Namen für diesen Vorgang, wenn Menschen das Grau ihrer Niederungen verlassen, sich neue Sichtweisen zumuten, neue Haltungen zu eigen machen, neu daran glauben, wichtig und wertvoll zu sein.

(…)

Und dann begibt sich die Freiheit aus den geschützten Innenräumen der Sehnsucht hinaus ins Freie, und auf der Straße findet das erwachte Denken dann die richtigen Worte für eine richtige Bewegung: ‚Wir sind das Volk!‘

Soweit der Blick und die Denkrichtung, die ich Ihnen mitgebracht habe als einer, der von ‚weither‘ kommt. Ich weiß seit diesen Jahrzehnten viel vom Aufwecken von Auge, Ohr und Verstand. Und ganz nebenher habe ich gelernt: Glaube niemandem, der dir sagt, es gebe kein richtiges Leben im falschen.“

Als Sponsoren der Salzburger Festspiele treten auf: Nestle, Audi, Credite Suisse, Siemens, Uniqa.

Arbeit muß sich wieder lohnen: Silvana Koch-Mehrin (Dr. a.D.)

Das wahre Gesicht des Liberalismus. Er funktioniert auf die immergleiche Weise.

Mit dem Außer-Dienst-sein hatte Frau Koch-Mehrin bereits im Europaparlament gute Erfahrung, was die Arbeit und die Anwesenheit betrifft.

Ja, die liberalen Werte, von denen allüberall die Rede ist, die man uns beständig in unsere Ohren wispert und träufelt. Leistungsbereitschaft und der Mut zum Individuum, gar zur individuellen, selbstverantwortlichen Veränderung: Ich-AG, Leiharbeit, Lohndumping, das ist die FDP. Aber nein, ich vergaß – diese Dinge bewirkten erst die SPD und die Grünen. Enrichissez-vous! Allerdings geschieht diese Bereicherung  in der Regel nicht durch die, welche Lohnarbeit leisten.

„Auf der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft erscheint der Lohn des Arbeiters als Preis der Arbeit, ein bestimmtes Quantum Geld, das für ein bestimmtes Quantum Arbeit gezahlt wird. Man spricht hier vom Wert der Arbeit und nennt seinen Geldausdruck ihren notwendigen oder natürlichen Preis. Man spricht andrerseits von Marktpreisen der Arbeit, d.h. über oder unter ihrem notwendigen Preis oszillierenden Preisen.

Aber was ist der Wert einer Ware? Gegenständliche Form der in ihrer Produktion verausgabten gesellschaftlichen Arbeit. Und wodurch messen wir die Größe ihres Werts? Durch die Größe der in ihr enthaltnen Arbeit. Wodurch wäre also der Wert z.B. eines zwölfstündigen Arbeitstags bestimmt? Durch die in einem Arbeitstag von 12 Stunden enthaltnen 12 Arbeitsstunden, was eine abgeschmackte Tautologie ist.

(…)

Was dem Geldbesitzer auf dem Warenmarkt direkt gegenübertritt, ist in der Tat nicht die Arbeit, sondern der Arbeiter. Was letztrer verkauft, ist seine Arbeitskraft. Sobald seine Arbeit wirklich beginnt, hat sie bereits aufgehört, ihm zu gehören, kann also nicht mehr von ihm verkauft werden. Die Arbeit ist die Substanz und das immanente Maß der Werte, aber sie selbst hat keinen Wert.

Im Ausdruck: ‚Wert der Arbeit‘ ist der Wertbegriff nicht nur völlig ausgelöscht, sondern in sein Gegenteil verkehrt. Es ist ein imaginärer Ausdruck, wie etwa Wert der Erde. Diese imaginären Ausdrücke entspringen jedoch aus den Produktionsverhältnissen selbst. Sie sind Kategorien für Erscheinungsformen wesentlicher Verhältnisse. Daß in der Erscheinung die Dinge sich oft verkehrt darstellen, ist ziemlich in allen Wissenschaften bekannt, außer in der politischen Ökonomie.“ (Karl Marx, Das Kapital, in: MEW 23, S. 557-559)

Essen, Innenstadt – Vom Subjekt – „Minima Moralia“

Einmal mehr gibt es hier einige weitere Photographien aus Essen zu sehen.

Das Photographieren, die Photographie sind mit dem Subjekt verknüpft, mit dem Auge, dem subjektiven Blick, der auswählt, komponiert, anordnet, sich für oder gegen das eine oder andere Bild entscheidet, das dann gezeigt oder nicht gezeigt wird. Dies sind Trivialitäten. Mag das photographische Dokument noch so sehr an das Objekt, an den Gegenstand gekoppelt sein, so ist es dennoch durch das Subjekt hindurch.

„Trotzdem bleibt so viel Falsches bei Betrachtungen, die vom Subjekt ausgehen, wie das Leben Schein ward. Denn weil in der gegenwärtigen Phase der geschichtlichen Bewegung deren überwältigende Objektivität einzig erst in der Auflösung des Subjekts besteht, ohne daß ein neues schon aus ihr entsprungen wäre, stützt die individuelle Erfahrung notwendig sich auf das alte Subjekt, das historisch verurteilte, das für sich noch ist, aber nicht mehr an sich. Es meint seiner Autonomie noch sicher zu sein, aber die Nichtigkeit, die das Konzentrationslager den Subjekten demonstrierte, ereilt bereits die Form von Subjektivität selber. Der subjektiven Betrachtung, sei sie auch kritisch gegen sich geschärft, haftet ein Sentimentales und Anachronistisches an: etwas von der Klage über den Weltlauf, die nicht um seiner Güte willen zu verwerfen wäre, sondern weil das klagende Subjekt sich in seinem Sosein zu verhärten droht und damit wiederum das Gesetz des Weltlaufs zu erfüllen. Die Treue zum eigenen Stand von Bewußtsein und Erfahrung ist allemal in Versuchung, zur Treulosigkeit zu mißraten, indem sie die Einsicht verleugnet, welche übers Individuum hinausgreift und dessen Substanz selber beim Namen ruft.“ (Theoder W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, GS 4, S. 14)

Die „Minima Moralia“ sind von dieser Subjektivität getragen und schreiben sich vom Modus des Individuellen her, wohl wissend, daß solche Individualität im Grunde nicht mehr zur Disposition steht. Sich der Scheinhaftigkeit dieser dem bürgerlichen Denken entsprungenen Kategorie des Individuums innezuwerden, ohne dabei aber an der eigenen Abschaffung, umfassend und betriebsmäßig organisiert wird, mitzuwirken, mag die Kunst dieses Textes und überhaupt die Kunst der Selbsterhaltung sein, ohne dabei in die Regression zu geraten, so wie Adorno dies in jenem Aphorismus „Regressionen“ beschreibt.

„Seit ich denken kann, bin ich glücklich gewesen mit dem Lied: ‚Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal‘: von den zwei Hasen, die sich am Gras gütlich taten, vom Jäger niedergeschossen wurden, und als sie sich besonnen hatten, daß sie noch am Leben waren, von dannen liefen. Aber spät erst habe ich die Lehre darin verstanden: Vernunft kann es nur in Verzweiflung und Überschwang aushalten; es bedarf des Absurden, um dem objektiven Wahnsinn nicht zu erliegen. Man sollte es den beiden Hasen gleichtun; wenn der Schuß fällt, närrisch für tot hinfallen, sich sammeln und besinnen, und wenn man noch Atem hat, von dannen laufen. Die Kraft zur Angst und die zum Glück sind das gleiche, das schrankenlose, bis zur Selbstpreisgabe gesteigerte Aufgeschlossensein für Erfahrung, in der der Erliegende sich wiederfindet. Was wäre Glück, das sich nicht mäße an der unmeßbaren Trauer dessen was ist? Denn verstört ist der Weltlauf. Wer ihm vorsichtig sich anpaßt, macht eben damit sich zum Teilhaber des Wahnsinns, während erst der Exzentrische standhielte und dem Aberwitz Einhalt geböte. Nur er dürfte auf den Schein des Unheils, die ‚Unwirklichkeit der Verzweiflung‘, sich besinnen und dessen innewerden, nicht bloß daß er noch lebt, sondern daß noch Leben ist. Die List der ohnmächtigen Hasen erlöst mit ihnen selbst den Jäger, dem sie seine Schuld stibitzt.(S. 227-228)

Dieser letzte Satz Adornos trägt sicherlich viel von der Philosophie Benjamins und damit auch einen guten Teil Theologie in sich. Erlösung wäre erst dann vollständig durch die des radikal Bösen gegeben.

Adorno operiert in den „Minima Moralia“ ex negativo, zeigt, was nicht geht, was unter den Bedingungen spätkapitalistischer Produktion unmöglich geworden ist: Die Heirat (Nr. 10 u. 11), Konventionen (Nr. 16), der Umgang mit den Dingen (Nr. 18), ein emphatisch gedachtes Subjekt/Individuum (Nr. 97), Liebe (Nr. 110). Im Grunde bürgerliche Verhaltensweisen, Attribute des Bürgers: was vom Bürger einmal gedacht war, um seine Lage zu festigen, wurde inzwischen abgeschafft, weil es sowohl dem Stand des Bewußtseins als auch den Produktionsverhältnissen lange schon nicht mehr entspricht und hinterherhinkt. Und des emphatisch gedachten Bürgers bedarf es schon lange nicht mehr. Oder wie es in anderem Zusammenhang vom Nörgler einmal formuliert wurde: Der Bürger kennt seine eigene Philosophie nicht mehr. Sein Ort ist mittlerweile die Halbbildung, die nicht die halbe Bildung, sondern das Gegenteil derselben ist, um einen weiteren Satz vom Nörgler zu zitieren.

Gleichwohl ist jene Kritik Adornos nicht im konservativen Sinne eines Arnold Gehlen oder Neil Postman zu lesen. Daß wir uns zu Tode amüsieren, zu Tode konsumieren hängt eben mit gesellschaftlichen Mechanismen zusammen, beruht auf ökonomischen Bedingungen und einer bestimmten Weise der Produktion, weshalb Adorno aus guten Grunde den Begriff der Kulturindustrie gebraucht. Es ist diese Derangierung des Geistes nicht naturgegeben oder vom Himmel gefallene Schlechtigkeit, dem man das Bewußtsein des kunstsinnig Mitgekommenen entgegensetzen könnte. Auch mit einem sozialdemokratischen Slogan wie „Bildung für alle“ ist es als Abhilfemaßnahme und Tröpfelchen nicht getan. Es sind Produktions- und Warenverhältnisse keine anthropologischen Konstanten – naturwüchsig und unaufhebbar.

Solange es Bettler gibt, schrieb Walter Benjamin, solange gibt es den Mythos.

Nucleus

Angesichts dessen, was in Japan gerade geschieht, ist es fast absurd, heute einen Text über Derrida zu schreiben und hier zu veröffentlichen. Andererseits schuldet sich dieser Reflex, Theorie deshalb aussetzen zu wollen, der bloßen medialen Darstellung. Denn was beständig an den Außengrenzen der EU, was im Mittelmeer oder in Afrika und an anderen Orten geschieht, daß im Zeichen dieses ach so glor- und siegreichen Kapitalismus schlicht Menschen sterben, weil man sie der basalsten Dinge beraubt, damit wir an unserem gedeckten Tisch gut leben, müßte eine Gesellschaft jeden Tag schaudern lassen, und es stellte sich im Hinblick darauf die Frage, wie Theorie und Praxis überhaupt noch betrieben werden können. Was eigentlich übrigbliebe, wäre Verstummen. Nicht einmal mehr Wut vermag zu einer Waffe zu werden. Den Menschen die Systemanalyse um den Kopf hauen. Aber da ist nichts, was erreicht werden könnte. Was aber bleibt, stiftet Möbel Richter oder die Witzigkeit Mario Barths.

„Die intimsten Reaktionen der Menschen sind ihnen selbst gegenüber so vollkommen verdinglicht, daß die Idee des ihnen Eigentümlichen nur in äußerster Abstraktheit noch fortbesteht: personality bedeutet ihnen kaum mehr etwas anderes als blendend weiße Zähne und Freiheit von Achselschweiß und Emotionen. Das ist der Triumph der Reklame in der Kulturindustrie, die zwangshafte Mimesis der Konsumenten an die zugleich durchschauten Kulturwaren.“ (Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, aus: Kulturindustrie. Aufklärung als Massenbetrug. GS 3, S. 191)

Jetzt, demnächst, heute Abend, morgen oder übermorgen werden Frau Merkel und ihr Ehemann Jürgen R. Großmann uns mit treuem Gesicht versichern, daß so etwas wie in Japan hier nicht geschehen kann, weil deutsche Atomkraftwerke ja usw. usf.

Die Grünen werden – demnächst in Ihrem Fernsehsender – Ernährungstipps bereitstellen und Ihnen mitteilen, welche Milch und von wo produziert man trinken kann, anstatt die Systemfrage zu stellen. Die gleichen Reflexe, die sich bei dieser Partei bereits während der Katastrophe von Tschernobyl abspielten. In ihrem Herzen wollen sie den Kapitalismus lieben, aber man ließ sie bisher nicht. Na ja: duck and cover.

„Im Grunde genommen bleibt nichts, worauf man sich verlassen könnte. Es bleibt uns nichts als die theoretische Gewalt.“ (Jean Baudrillard, Der symbolische Tausch und der Tod, S. 14)

Ökologische Kommunikation und Alarmismus

Ich halte nicht viel von politischer Betroffenheit ohne Reflexion oder von solchen Welttagen, wie etwa heute, dem Tag des Ozeans. Es gibt derer so viele, daß die Aspekte zerfaselt werden. Weltkindertag, Weltbuchtag, Weltnichtrauchertag, Welttag der Stille, Weltsackkratztag. Doch da mir gerade ein ganz bestimmtes Buch in die Hände geraten ist, von dem Leserin und Leser sogleich erfahren werden, zunächst assoziativ einige Sätze zum Ozean, aus dem, so die Meinung eines antiken Philosophen, alles Leben kommt. Nun aber sprudelt da heraus unser täglich Energie in Potenz.

Ich möchte in diesem Rahmen gar nicht so sehr moralisieren oder im Detail anklagen, da die Angelegenheit über den individuellen Kontext eines Konzerns wie BP hinausreicht und ein grundsätzliches Problem der Art und Weise unserer Ökonomie umfaßt. Wo kapitalistisch gewirtschaftet wird, da fallen nun einmal monetäre oder soziale Späne. Menschenmüll, Tiermüll, Meeresmüll, Strandmüll. Es möge da keiner klagen. (Diese promethischen Überhebungen kann man in bezug auf das Verhältnis zur Natur bei Günther Anders oder Hans Jonas nachlesen, wenngleich letzterer sich in Ethik verzettelt.) Doch halte ich es im Hinblick auf die gesellschaftlichen Bezüge und Möglichkeiten von Darstellung sowie Repräsentation – über was nämlich wie kommuniziert wird – für sehr interessant und bezeichnend, daß jenes austretende Öl im Golf von Mexiko, was man mit Fug und Recht als die schwerwiegendste Umweltkatastrophe seit Tschernobyl bezeichnen kann, kaum eine Reaktion und keinerlei Protest hervorruft. Ein Tiefsee-Bohrloch, aus dem seit über einem Monat Öl austritt. Es gibt die übliche Bilder von verklebten Vögeln, toten Fischen, um ihre wirtschaftliche Existenz gebrachte Menschen. (Andererseits ließen sich die Bilder von Verzweifelten und ökonomisch Deprivierten aus Afrika, Asien, Südamerika zu jedem Tag, zu jeder Sekunde kommunizieren. Wie sagte es Karl Valentin: Schön, daß in die Zeitung immer genau das hineinpaßt, was sich in der Welt ereignet.) Solches (Bild-)Material hätte vor zwanzig Jahren eine Kampagne ausgelöst. Für das Entsetzen reichte in jener guten alten Zeit ein Öltanker, der zerbrach, oder ein notabgeschaltetes Atomkraftwerk aus. Als Shell die „Brent Spar“ versenkte, wurde zu einem massiven Tankboykott an Shellstationen aufgerufen. (Den Sinn einer solchen Aktion, die damals breite Resonanz fand, kann man lange diskutieren, da das Grundsätzliche, sprich gesellschaftlich Allgemeine, ausgeblendet wurde zugunsten des unmittelbaren Effekts.) Zumindest jedoch wurde in einer bestimmten gesellschaftlichen Phase der BRD ökologisch kommuniziert. Es hat sich heute die Kommunikation verschoben. Lassen wir nun aber den Soziologen Niklas Luhmann sprechen:

„Als Zwischenergebnis halten wir fest, so verwirrend es klingen mag: Die Gesellschaft kann sich ökologisch nur selbst gefährden. Damit ist nicht nur gemeint, daß sie selbst die Umwelt so verändert, daß dies für die Fortsetzung gesellschaftlicher Reproduktion auf heutigem evolutionärem Niveau Folgen hat. Entscheidend ist vor allem, daß die Gesellschaft Kommunikation nur durch Kommunikation gefährden kann, (Herv. Bersarin)wenn man von dem immer noch unwahrscheinlichen Fall einer radikalen Auslöschung menschlichen Lebens einmal absieht. Auch Zusammenhänge zwischen ihren eigenen Operationen und Umweltveränderungen als Problem für weitere Operationen müssen irgendwie und irgendwo thematisiert werden, und sei es nur anhand der Folgen, um im Kontext der gesellschaftlichen Kommunikation Resonanz zu finden. Damit wird es zur Schlüsselfrage, wie denn die Verarbeitung der Gesellschaft für Umweltinformationen strukturiert ist.“ (Hinweis: Mit Umwelt ist hier und bei Luhmann überhaupt nicht die bloß ökologische, sondern eine systemtheoretische, kybernetisch konnotierte System/Umwelt-Differenz gemeint.)

Niklas Luhmann, Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 68

Von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Helene Hegemann und Michel Foucault

Paßt diese Kopplung? Nein, sie paßt nicht, auch wenn Frau Hegemann und ihre Gefolgschaft das gerne so hätten. Es handelt sich auch nicht um eine Koppelung, die verbindet, sondern bloß um eine Aufzählung: erst Hegemann und dann, in einem anderen Zusammenhang, Foucault. In der „Zeit“ dieser Woche schrieb Helene Hegemann auf der ersten Seite des Feuilletons einen Beitrag, um ihren Kritikern zu antworten. Es handelt sich bei diesem offenen Brief um die üblichen Worthülsen und Sprachblähungen; Blafasel, wie es der Nörgler einmal an anderer Stelle nannte – ein Wort das ich hiermit in meinen Wortschatz aufnehmen möchte. Aber schlimmer noch als dieser hingerotzte Text Hegemanns ist, daß sie nicht begriffen hat, worum es einem Teil der Kritiker geht: daß sie selber – ganz existenzialphilosophisch – sich zu dem machte, als was sie dann von einem Teil der Kritik auch wahrgenommen wurde. Man hat sie beim Wort genommen. Zudem: Nicht ihre Kritiker, sondern Hegemann selber spreizte sich auf der medialen Bühne. Zuhälter war der Ullstein Verlag. Erst die Beine breit machen und sich dann hinterher wundern: das läuft nicht. Beischlafdiebstahl unter verkehrten Vorzeichen. Daß Hegemann am Schluß des Beitrags ihren prominenten und unprominenten Freunden dankt, so etwa Sophie Rois, Dirk von Lowtzow und Christoph Schlingensief, zeigt wieder einmal auf das beste das Inzestuöse des Kulturbetriebs und spricht eher gegen die Freunde, ja läßt diese gar in einem ungünstigen Lichte dastehen. Andererseits: die Frau ist noch jung, lassen wir es also gut sein, und schließlich hat ein jeder das Recht, sich zu verteidigen. Wer gibt hinterher schon gerne zu und sagt: „Gut, ok, die Sache ist scheiße gelaufen, ich habe Fehler gemacht und ich habe mich geirrt.“? Keiner. Und als Produkt des organisierten Kulturbetriebs muß man schließlich irgend etwas sagen, und sei es auch nichtssagend, um im Boot bleiben zu dürfen. Schöner Satz auch im Kommentarteil des Hegemanntextes vom Schreiber „Aus-gerochet Helene…“: „…kannst Dich bei Papi bedanken.“ Punktgenauer Treffer. Jetzt aber zu Foucault und mitten drin in der analytischen Sitzung einen Schnitt gemacht, so wie es auch Lacan in seiner psychoanalytischen Praxis hielt, damit sich auf dem therapeutischen Weg des Fragmentierens ein kritisches Subjekt konstituiere: Thomas Assheuer schrieb im Feuilleton der „Zeit“ Nr 18 eine Rezension zu Foucaults letzter gehaltener Vorlesung, die nun bei Suhrkamp  publiziert wird unter dem Titel „Der Mut zur Wahrheit. Die Regierung des Selbst und der anderen II; Vorlesungen am Collège de France 1983/84“. Assheuer schreibt: „Foucaults Übertreibungen sind akademische Evergreens, und der Siegeszug der ‚Lebenswissenschaften“ macht ihren Refrain noch einmal auf andere Weise aktuell.“ Assheuer bezieht sich hier auf den mittleren Foucault der 70er Jahre aus dem Feld der Machttheorie, Kulminationspunkte sind hier sicher Foucaults „Überwachen und Strafen“ sowie „Die Ordnung des Diskurses“. So schreib Assheuer:

„Die hellen Spiegel der Freiheit verbergen die dunkle Realität der Macht, sie verbergen die Logik von Kontrolle und Disziplinierung, von Abrichtung und ‚Menschenführung‘. Sogar die Sprache verstand Foucault als Technologie der Macht.“

Als Übertreibungen würde ich die Theorie Foucaults nun nicht gerade bezeichnen, wenngleich es damals zum flotten Sound der 80er mit Nachwehen in die 90er Jahre hinein gehörte, diese Dinge zu popularisieren. Und ich sehe sie immer noch vor mir: Jene StudentInnengruppe samt ihrer scheinhaften Praxis, die damals – man glaubt es nicht, doch es war so – die Gefängnisse öffnen und damit die Gefangenen freilassen wollte. Und dieses Bild will nicht aus meinem Kopf: Jene Frau, die da auf dem Boden hockte und Schilder, Transparente oder sonst etwas malte. Ein gar köstlicher Spaß, diesen jungen Menschen aus de Basisbastelgruppe zusehen zu dürfen. Auch in der Pop-Kultur ist Foucault sicherlich als herabgesunkenes Bildungsgut lange schon angekommen, um es etwas provokant zu formulieren. (Ich verweise hier noch einmal auf den sehr treffenden Text von Jens Balzer aus der „Berliner Zeitung“.) Prominentes Beispiel hierfür ist sicherlich die Band „Tocotronic“, die das dann in teils gekonnten Texten vorführt. Ich will hier aber nicht zu sehr über jene verblendete Praxis spotten, die den blinden Aktionismus sozusagen zur Existenzverzierung gebrauchte, denn Foucault sah sich, genauso wie Sartre, mit dem er trotz erbitterter theoretischer Gegnerschaft Seite an Seite demonstrierte, auf die Praxis hin angelegt und verstand seine Theorie auch als Praxis: Die eingreifende Praxis des Intellektuellen, die in Frankreich eine sehr viel stärker ausgeprägte Tradition hat als in Deutschland. Im ganzen ist dieser Artikel von Assheuer lesenswert. Insbesondere die Aspekte der versteckten Macht aus der schönen neuen Welt des Liberalismus möchte ich zitieren: Es läßt sich das besser gar nicht selber formulieren: Also treibt‘s mich zum Zitat, denn warum selber schreiben, wenn andere es für einen machen können?: Assheuer schreibt:

„Nicht minder einflussreich ist seine (Foucaults) Kritik an der liberalen Gesellschaft. Das vielzitierte Schlagwort heißt ‚Gouvernementalität“, und dahinter steckt die Behauptung, der Liberalismus sei eine Herrschaftstechnik, die der Bürger gar nicht bemerkt, weil sie ihn nicht von außen, sondern von innen diszipliniert. Während die ‚alte‘ Regierungsmacht dem Einzelnen Befehle erteilt, regiert die liberale, mit der Wirtschaft fusionierte Staatsmacht durch sanfte mentale Nötigung. Sie bringt den Bürger dazu, sich selbst zu regieren, und zwar durch die Exerziten der Selbstbefragung: ‚Bin ich erfolgreich? Bin ich effizient? Bin ich Deutschland?‘ Kurzum, Liberalismus ist staatliches ‚Gouvernement‘ durch die ‚Mentalität‘ des Bürgers, damit dieser genau das will, was er soll. (Für solche Sätze liebe ich Thomas Assheuer.) Kein Wunder, dass für eine wachsende Zahl von Soziologen Foucault und nicht Luhmann das analytische Besteck bereitstellt, um jene neoliberale Revolution zu begreifen, die hierzulande Gerhard Schröder unter subalterner Mitwirkung der Grünen angezettelt hat (vgl. den Band von Klaus Dörre, Stephan Lessenich (den hätte ich beinahe nur mit einem ‚s‘ geschrieben, guter Name für einen Akademiker; doch es gilt: keine Witze über Namen, Einschub Bersarin,) Hartmut Rosa: Soziologie, Kapitalismus, Kritik, Suhrkamp Verlag).“

(Ok: Buch wird gekauft, ich habe verstanden Herr Assheuer, danke für den Lektüretip.)

Gut, mag man da (zu recht) entgegnen: diese Kritik Foucaults, wie sie Assheuer darstellt, ist nicht ganz neu. Früher nannten wir das Ideologiekritik, Gesellschaftskritik, und solche wurde ausgiebig von der frühen Kritischen Theorie betrieben; insbesondere im Zusammenspiel von Marxscher Theorie und Psychoanalyse, wo aufgezeigt wird, wie unter den bis heute herrschenden Bedingungen das Falsche der Gesellschaft als naturwüchsig internalisiert wird. Von Foucault selber stammt ja der Satz, daß er sich manchen Umweg hätte ersparen können, wenn er um einiges früher die „Dialektik der Aufklärung“ rezipiert hätte. Und auch der späte Adorno trieb diese Kritik dann weiter zu einer komplexen Ästhetik und einer negativ-dialektischen Philosophie, für die allerdings der Begriff einer Gesellschaftskritik zu kurz greift. Trotzdem: die Sätze Assheuers treffen es, läßt man einmal den Satz gegen Luhmann beiseite. Sicherlich liegen Lumanns Qualitäten nicht darin, eine Soziologie als Kritik der Gesellschaft zu formulieren. Aber wenn man die Texte Luhmanns ein wenig dreht und seiner Theorie eine andere Richtung gibt, nur um ein Winziges umjustierend, kann da Brauchbares herauskommen. Abschließend muß ich gestehen, den späten Foucault nicht ausreichend genug rezipiert zu haben, so daß ich nur eine vorläufige Einschätzung geben kann. Insbesondere dieses Thema einer „Ästhetik der Existenz“ halte ich zwar für wichtig, doch spielt darin zugleich ein heikles Motiv hinein: fließend ist die Grenze zu einer Philosophie als Kompensation der gesellschaftlichen Defizite, um die Widersprüche innerhalb der Gesellschaft nicht aushalten zu müssen. „Ästhetik der Existenz“: nahe, sehr nahe ist das gebaut an einer Philosophie für Manager, um diese fit zu machen für den nächsten Tag und für all die kommenden Tage. Und Wilhelm Schmid, der über den späten Foucault und die „Ästhetik der Existenz“ seine Dissertation schrieb, ging dann genau in die Philosophische Lebensberatung. Daß Philosophie vermittelt auf die Praxis zu wirken habe: dem sei unwidersprochen, wenngleich man dabei den Auftakt von Adornos „Negativer Dialektik“ gegenwärtig haben sollte. Aber es muß diese Praxis eine solche sein, die im Denken erschüttert, anstatt dem, was ist, wie es ist, das Wort zu reden. Wie gesagt: dicht ist die Verbindung hier zu einer Philosophie geknüpft, die die Reparaturleistungen für eine defekte Gesellschaft erbringen muß. Andererseits steht Foucault mit dieser Rückbesinnung auf das Selbst sowie der Perspektive, das Leben zum Kunstwerk zu machen, in der Tradition einer individualistischen Ethik, die nicht nur eine Linie zur Antike zeichnet, sondern auch an das Denken Nietzsches (und vermittelt auch an den Text des späten Adornos) anknüpft. Eine Weggabelung eröffnet sich hier freilich auch zu Peter Sloterdijk, der in seinem Buch „Du mußt dein Leben ändern“ eben auch auf Foucault sich bezieht. Denn diese Arbeit am Selbst, so Sloterdijk, geschieht durch verschärftes Training (des Athleten) und durch Übungen. Auch der Foucaultsche Begriff des Wahrsprechens (Parrhesia) ist problematisch. Ehrlich gesprochen liegt mir hier Derridas fundamentale Kritik und die heillose Aporie des Derridaschen (aber auch des Adornoschen) Textes näher als der späte Ton Foucaults, welcher am Ende womöglich doch wieder auf einen Punkt absoluter Selbstpräsenz und Selbstermächtigung hinaus will. Da ist es wie mit Winnetou: Zum Ende hin, auf dem Sterbebett, werden sie doch noch zu guten Christen.