Heidegger-Debatte

Freundlicherweise hat die „Berliner Zeitung“ in einem Artikel von Dirk Pilz auf meinen Blog verlinkt. Und zwar geht es in diesem Beitrag in einer umsichtigen und die Themenfelder differenzierenden Betrachtung um Heideggers Antisemitismus sowie um das Verhältnis von Vita und Text. Diese Debatte wird hier im Blog auf alle Fälle weiter verfolgt werden, und sobald die „Schwarzen Hefte“ in den entsprechenden Bänden der Gesamtausgabe im Klostermann Verlag erschienen und damit der Öffentlichkeit zugänglich sind, werde ich darüber weiter schreiben. 

Nebenbei bemerkt: Sehr gut gefiel mir diese Formulierung von Dirk Pilz: „auf eher boulevardesken Plattformen wie Spiegel online“: So ist es!

Da der Betreiber dieses Blogs nicht nur um Theorie, sondern auch um den Service bemüht ist, sei auf die beiden Artikel zu Heidegger noch einmal verlinkt, damit Leserin und Leser die entsprechenden Texte schneller finden. Und zwar auf diesen Beitrag, wo ich einen Überblick über diese Debatte gebe und wo sich im Kommentarteil eine sehr interessante Diskussion findet, und dann hier, wo ich auf den polemischen Beitrag von Georg Diez auf der eher boulevardesken Plattformen wie Spiegel online Bezug nehme. Leider geht in diesen Kommentaren  einiges aus den Fugen, denn wenn die Produktionsweise der Agrarindustrie mit der industriellen, verwaltungsmäßig organisierten Tötung von Millionen Menschen in eins gesetzt wird, fällt es dem Blogbetreiber am Ende  schwer, nicht polemisch zu werden. Da müssen dann doch Roß und Reiter mal genannt werden.

Insbesondere möchte ich mich aber bei dem klugen und kenntnisreichen Kommentator Victor bedanken, der in dieser Diskussion ganz entscheidende Hinweise und vor allem auch Literaturangaben lieferte. Solche Kompetenz ist auf diesem Blog immer willkommen.

Demnächst folgt hier ein kurzer Text zum Geschichtsbegriff bei Heidegger.

Ein Diez, ein Kracht, ein Heidegger

Der Kritiker mit der Kritikerbrille, Georg Diez, denn ohne eine Faschings-Kritikerbrille ist man kein Kritiker, schreibt auf SpOn über Heidegger. Kann das gutgehen? Nein, kann es nicht. Bereits in der „Zeit“ fiel Diez durch Unkenntnis, Laxheit und Gefasel auf: Literatur als Befindlichkeitsübung für Subjektive. Vollends disqualifizierte Diez sich, indem er Christian Krachts Roman „Imperium“ als von einer rassistischen Weltsicht durchdrungen bezeichnete und Kracht selber als Türsteher rechter Gedanken brandmarkte. Kracht schrieb in den 90ern „Faserland“, mit Georg Dietz befinden wir uns im Faselland. Kracht mag balancieren und spielen, er probiert aus, geht an Grenzen, und er verhält sich als Literat im Sinne der Gesinnungswächter politisch nicht eindeutig. Die Aufgabe von Literatur ist es nicht, politisch Stellung zu beziehen, sondern sich ihrem Gegenstand zu widmen: Der Realität und ihren Tücken oder einer unerhörten Begebenheit nachzulauschen, die Welt, die in eine spielerische oder sehr ernst Anordnung gebracht wird, in die Schrift zu bringen, oder aber es macht in einem Text, wie in „Die Marquise von O…..“, eine oder einer Bekanntschaft mit sich selbst.

Nun also greift Diez die Heidegger-Debatte auf, darin insbesondere Heideggers Antisemitismus. Daß man es bei manchen Menschen im Privaten mit Rotz und Dreck, mit nicht sehr angenehmen, mit einfachen und primitiven oder unehrlichen Menschen zu tun hat, entdeckt mancher zu spät erst. Heidegger war – das ist die harmlose Variante – nicht bloß konservativ, sondern deutsch-nationalistisch, und er war vermutlich, wie auch der frühe Thomas Mann, antisemitisch eingestellt. Auf viele Studenten und auch Studentinnen wirkte Heidegger anziehend in seinem Gestus, in seiner Philosophie, die das trocken Akademische des Neukantianismus weit hinter sich ließ; Heidegger faszinierte in seiner Art des Vortrags. Alles in allem: Unkonventionell, wenn er in Skifahrerkleidung statt im Anzug den Hörsaal betrat. Wahrscheinlich wäre Diez in den 20er Jahren Heideggervorlesungsteilnehmer, weil es modisch schmückt, unkonventionell zu sein. Statt Adidas-Jacke Skianzug.

Nun macht Diez einmal wieder auf aufgeregt – im Sinne des „Aufregungsjournalismus“. Diez geht es nicht um eine Position, sondern um eine Form des gesinnungshaften Posens. (Nein, nicht die Stadt in Polen.) Ja, dümmlicher Polemik, wie wir sie bei Diez finden, kann man sich nur mit Polemik näheren.  Diez schreibt:

„So wurde schon 2009 Emmanuel Fayes Buch ‚Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie‘ abgetan. Nichts Neues, hieß es auch damals: philosophisch mangelhaft, oberflächlich und damit implizit auch irgendwie undeutsch sei das, was der Franzose Faye da über diesen so ‚einflussreichen‘ Denker schreibt.“

Diez macht es wie immer in seinem Schreiben: er lenkt das Denken in eine bestimmte Richtung: „undeutsch“ und das soll wohl nach sich ziehen, daß alle, die Heideggers Text nach wie vor für wichtig halten, deutsche Nationalisten sind. Wer bitte schrieb von „undeutsch“, wenn es um eine Kritik an Fayes‘ Buch geht? Es ist lediglich alles das, was Fayes schrieb, nicht ganz neu. Diese Debatte gab es bereits in den 80er Jahren mit Farías und Habermas als Kritiker Heideggers. Ganz zu recht. Und es gibt immer noch einen konservativen Heideggerianismus, der diese Bezüge und Verstrickungen Heideggers leugnet oder herunterspielt. Daran soll kein Zweifel gelassen werden.

Daß ein Text und ein Schriftstellerleben, ein Werk und eine Existenz zwei Paar Schuhe sind, der Text sich von seinem Schöpfer ablöst und ein Eigenleben führt – mag der Text noch so sehr durchdrungen vom Leben sein –, geht nicht in den Kopf von Diez hinein; unermüdlich bezieht er in schlechter Unmittelbarkeit das eine auf das andere, und so unterlaufen Diez dann eben solche Fehllektüren wie bei Kracht. Da kann man einmal wieder sehen, was geschieht, wenn die Einfalt des unmittelbaren Lesesubjektes die Sätze eins zu eins übernimmt. Diez hielte vermutlich Kafka für einen folternden Sadisten, wenn er seine „Strafkolonie“ gelesen hätte. Und umgekehrt bezieht er die Biographie Heideggers auf den Text und liest diesen einzig unter dieser Optik. Daß unter einem solchen eingeengten Blick Verkürzungen des Textes und Fehllektüren hinter der Kritikerbrille nicht ausbleiben können, liegt nahe.

Es schreibt Diez:

„Wenn man nun wieder über die hässlichen Seiten seines Lebens redet, sollte man deshalb endlich auch wieder über die hässlichen Seiten seines Denkens reden, über das Raunende, Sektenhafte, Vernunft- und Menschenfeindliche, über die Sprachklumpen, den so dumpfen wie verführerischen, weil so einfach wie schwer verständlichen Technologie-Ekel, seinen Hölderlin-Kult auch und überhaupt die immer noch herumgeisternde Art von geistesaristokratischer Arschlochmentalität.“

Vermutlich sind Diez auch Hölderlin, auch Kleist und Schiller verdächtig, weil sie im Faschismus gerne zitiert wurden. Dem Grund für Heideggers Kritik am Subjekt und am Begriff der Technik kommt Diez nicht ein Stück nahe. Er insinuiert und überträgt im Modus der Unterstellung unidirektional ein Leben auf einen Text. Daß die Sprache Heideggers womöglich auch einem anderen Moment noch als dem Blut-und-Bodenhaften geschuldet sein könnte, darauf kann Diez hinter seiner Kritikerbrille nicht kommen. Sie ist beides: sehr der Scholle verbunden und zugleich einen anderen Raum öffnend.

Ja, man kann und man muß Heidegger kritisieren. Und zwar anhand seiner Texte. Adorno tat das in verschiedenen Aufsätzen sehr ausführlich, indem er Heidegger beim Wort nahm. Doch es bleibt, unabhängig von Heideggers Verstrickungen in den Faschismus, eine Faszination des Textes, der sich selbst Theoretiker wie Herbert Marcuse, der sicherlich der Parteinahme für den Faschismus unverdächtig ist, nicht entziehen konnten. Diesem Text der Philosophie, der die Frage nach dem Sinn von Sein stellte, diesem Faszinosum Heidegger gilt es nachzugehen und dort, im Text selber weiterzufragen. Es sind gerade die Ambivalenzen, die das Denken antreiben und in andere Richtungen bringen können.

Was ist es, was viele Denker, insbesondere solche aus Frankreich, an Heideggers Text in den Bann zog, und was war das für ein Ton, den Heidegger traf? Das Denken der Metaphysik, die Struktur einer Struktur freizulegen und die abendländische Oppositionsbildung samt ihrem Dualismus auf eine philosophische, phänomenologische Weise zu hinterfragen und ihre verdeckten Voraussetzungen in den Blick zu bringen: daß wir in einer Struktur gefangen sind, die uns bis ins Detail, bis in die Lebensregung hinein konditioniert. Heidegger stellte die Frage nach dem Fundament und dem, was darunter liegt. Anders als Adorno und Horkheimer freilich, die in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ ebenfalls das abendländische Subjekt und seine Philosophie in die Kritik bringen, denkt Heidegger zum einen nicht mehr in den Termini der Aufklärung, die für ihn der zu überwindenden Metaphysik und der Technik einer universellen Machbarkeit angehören, und er scheidet zudem jeglichen Begriff von konkreter Geschichte aus seinem Denken aus. Die geschichtliche Konstellation und überhaupt jegliches Geschehen, das sich innerhalb der Geschichte zuträgt, bleibt ihm bloßer Abdruck einer irgendwie übergeordneten Geschichtlichkeit und kann nur als darauf Bezogenes gedacht werden. Zwar ist es nicht falsch, den Historismus über Bord zu werfen – das tut auch Walter Benjamin in seinem Text „Über den Begriff der Geschichte“ –, aber Heidegger vermag es nicht mehr, Geschichte noch in einem irgendwie materialistischen Sinne zu fassen. Doch die Methode Heideggers, den Grund des abendländischen Denkens freizulegen und zugleich den Blick auf ein anderes Denken hin zu öffnen, das bleibt auch diesseits und jenseits von Heideggers Faschismus eine Aufgabe der Philosophie. Philosophen wie Jacques Derrida haben sich an dieser Methode immer orientiert.

„und vor allem gilt es zu verstehen, wie sich Heideggers Denken so tief in 20. Jahrhundert bohren konnte, bis weit hinein in die Postmoderne, und was das genau bedeutet.“ Da allerdings hat Dietz Recht. Er selbst kommt in seinem Lamento aber dieser Frage denkbar unnah. Wieder einmal bewahrheitet sich, was seit der Gründung der „Bild am Montag“ gilt: Der „Spiegel“ besitzt kein Feuilleton. Bloße Polemik, Parteinahme und Politikposing werden dem Text Heideggers nicht gerecht. Ebenso wenig wie sich die Texte Benns oder Jüngers auf den Faschismus reduzieren lassen. Von den Filmen Leni Riefenstahls ganz zu schweigen: Die gesamte Pop-Kultur des Westens bis hin zur Sportreportage bedienten sich bei ihr. Und auch der Totalitäts-Pathos der Band „Laibach“ wäre ohne die Bildsprache von Riefenstahl nicht denkbar. All diese Werke haben etwas Verstörendes, sie deuten auf einen Geist der Zeit, auf ein Denk- und Gesellschaftssystem, aber es steckt zugleich ein Faszinosum in diesem Werken. Der Ästhetisierung der Politik kann man, wie im Falle Riefenstahls, mit Benjamin gesprochen, die Politisierung der Ästhetik entgegensetzen – nur geht diese für die Ästhetik meist schlecht aus, während es die Ästhetisierung der Politik (eben als Werbung und Marketing) leicht hat. Nur selten und in ihren besten Werken, wie bei dem Filmen Eisensteins, kommen bei dieser Politisierung der Ästhetik wunderbare Werke heraus, die die Grenzen des Films erweitern. Anders herum können Werke rassistischen Inhalts wie etwa David Wark Griffith „The Birth of a Nation“ trotzdem ästhetisch bedeutungsvoll sein und aufs weitere eine Wirkung ausüben.

Es gibt Texte, die von Menschen geschrieben wurden, die wir für moralisch nicht integer halten. Dumm und unidirektional ist es, den Text auf seine Urheber zu reduzieren oder die politische Gesinnung eines Textes abzufragen. Einen Text kann man nur anhand seiner Struktur, seines Gemachtseins, seiner darin enthalten These oder seines Gehaltes – mithin als Text selbst – kritisieren. Kein Text, kein Werk fällt vom Himmel. Aber jeder Text, jedes Werk führt ein Eigenleben. Es positivistisch auf seinen Schöpfer zu reduzieren, ist der Schulfall von Banauserie und Ausdruck des Amusischen. Das Leben eines Menschen unterliegt ebenso vielfältigen, jedoch ganz anderen Kriterien als ein Text.

In hoc signo vinces, Sieg Heil, Sieg Heidegger? Heideggers Antisemitismus

Es ist nicht neu, daß der deutsche Philosoph Martin Heidegger eine Zeit lang gemeinsame Sache mit den deutschen Faschisten machte, mit ihnen paktierte und glaubte, den Führer führen zu können – seine Freiburger Rektoratsrede, in der er die Machtergreifung des Nationalsozialismus feierte, legt davon Zeugnis ab; ebenso bescheinigte er in seiner „Einführung in die Metaphysik“ von 1935 dem Nationalsozialismus „innere Wahrheit und Größe“; seine Briefe unterschrieb Heidegger bis 1936 mit „Heil Hitler“. In seinem Gutachten über die Arbeit des Philosophen Richard Hönigswald, der Jude war, schrieb Heidegger:

„Sehr geehrter Herr Einhauser, ich entspreche gerne Ihrem Wunsche und gebe Ihnen im Folgenden mein Urteil. (1) Hönigswald kommt aus der Schule des Neukantianismus, der eine Philosophie vertreten hat, die dem Liberalismus auf den Leib zugeschnitten ist. Das Wesen des Menschen wurde da aufgelöst in ein freischwebendes Bewusstsein überhaupt und dieses schließlich verdünnt zu einer allgemein logischen Weltvernunft. Auf diesem Wege wurde unter scheinbar streng wissenschaftlicher philosophischer Begründung der Blick abgelenkt vom Menschen in seiner geschichtlichen Verwurzelung und in seiner volkhaften Überlieferung seiner Herkunft aus Blut und Boden. Damit zusammen ging die bewusste Zurückdrängung jeden metaphysischen Fragens, und der Mensch galt nur noch als Diener einer indifferenten, allgemeinen Weltkultur. Aus dieser Grundeinstellung sind die Schriften Hönigwalds erwachsen. (2) Es kommt aber noch hinzu, dass nun gerade Hönigswald die Gedanken des Neukantianismus mit einem besonders gefährlichen Scharfsinn und einer leerlaufenden Dialektik verficht. Die Gefahr besteht vor allem darin, dass dieses Treiben den Eindruck höchster Sachlichkeit und strenger Wissenschaftlichkeit erweckt und bereits viele junge Menschen getäuscht und irregeführt hat. (3) Ich muss auch heute noch die Berufung dieses Mannes an die Universität München als einen Skandal bezeichnen, der nur darin seine Erklärung findet, dass das katholische System solcher Leute, die scheinbar weltanschaulich indifferent sind, mit Vorliebe bevorzugt, weil sie gegenüber den eigenen Bestrebungen ungefährlich und in der bekannten Weise ‚objektiv-liberal’ sind. Zur Beantwortung weiterer Fragen stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung. Mit ausgezeichneter Hochschätzung! Heil Hitler! Ihr ergebener Heidegger.“ (zitiert nach Wikipedia)

Daß Philosophie immer auch – leider – aus Grabenkämpfen besteht, anstatt daß ein Text immanent gelesen wird, ist nun nicht neu. Der völkisch-opportunistische Ton womöglich auch nicht.

Es ist zudem nicht neu, daß Heidegger nach 1945 keine großen Worte des Bedauerns fand, geschweige denn irgendwie zur Kritik des Faschismus fähig war. Wie viele andere, die ins System eingebunden waren und tätig mitwirkten, auch. Erst in der Spiegel-Ausgabe vom 31. Mai 1976, in jenem legendären Interview von 1966, das auf Heideggers ausdrücklichen Wunsch erst nach seinem Tode veröffentlicht werden durfte, äußerte Heidegger sich umfassender in der Öffentlichkeit. Die ex post-facto-Deutungen Heideggers mag jeder selber beurteilen.

Als der Dichter Paul Celan, dessen Familie im Vernichtungslager mit deutscher Gründlichkeit und völkisch-vollständig umgebracht wurde, Heidegger am 25. Juli 1967 in Todtnauberg besuchte, wartete er vergebens auf irgend ein Wort des Bedauerns oder der Einsicht, und so schrieb er in Todtnauberg in Heideggers Schwarzwaldhütte: „Ins Hüttenbuch, mit dem Blick auf den Brunnenstern, mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen. Am 25. Juli 1967 Paul Celan“. Ein weiteres Zeugnis dieses Besuches existiert in Celans Gedicht „Todtnauberg“.

Nun werden im nächsten Jahr in den letzten Bänden der Heidegger-Gesamtausgabe im Klostermann Verlag die „Schwarzen Hefte“ herausgegeben, darin sich, wenn man die Vorabberichte liest, Äußerungen finden, die antisemitischen bzw. rassistischen Inhalts sein sollen. Vieles ist nicht bekannt, nur weniges drang von diesen Texten bisher nach außen. Heidegger sperrte sie bis lange nach seinem Tode. Da diese Bände bisher noch nicht vorliegen, bleibt zunächst der genaue Inhalt dieser Aufzeichnungen Mutmaßung. Vorab berichteten bereits die FAZ und nun gibt es in der „Zeit“ vom 27. Dezember zwei umfassende Seiten, auf denen sich der Redakteur Thomas Assheuer, der Philosoph Peter Trawny, der diese Schwarzen Hefte in der Heidegger-Gesamtausgabe editiert, sowie der französische Heidegger-Kritiker Emmanuel Faye äußern. Faye erregte zuletzt 2005 in Frankreich mit seinem Buch „Heidegger, l’introduction du nazisme dans la philosophie : autour des séminaires inédits de 1933-1935“ Aufsehen. (In der BRD erschienen 2009: „Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie“ bei Matthes & Seitz). Darin knüpft er unter anderem an die Ende der 80er Jahre von Víctor Farías ausgelöste Debatte an, in der Farías Heidegger bescheinigte, daß der Nationalsozialismus bereits in der Philosophie Heideggers selbst angelegt sei.

Auf die Blut-und-Boden-Ideologie Heideggers wies schon Adorno in seiner „Philosophischen Terminologie“ hin, wo er unter anderem aus Heideggers Aufsatz „Warum bleiben wir in der Provinz?“ zitierte und Heidegger beim Wort nahm. Ebenso gibt es in Adornos „Negativer Dialektik“ eine umfassende Kritik der Heideggerschen Philosophie.

Nun jedoch scheint der Ton in der Debatte um einiges schärfer zu werden, und es polarisieren sich zwei Seiten heraus. Die Anhänger einer reinen Lehre Heideggers und seine Kritiker: Nicht mehr nur Heideggers (anfängliches) Engagement für das NS-System steht im Raum, sondern ein dezidierter Antisemitismus. Über dessen Inhalt und wie dieser Antisemitismus sich äußert, werden wir sicherlich erst dann sprechen können, wenn diese Texte innerhalb der Gesamtausgabe vorliegen. Was aber bedeutet das für die Philosophie Heideggers insgesamt und insbesondere in Frankreich?

Denn anders als in Deutschland gibt es in Frankreich eine ausgeprägte Heidegger-Rezeption, die man als links wird bezeichnen können – eine Art von Systemkritik mit Heidegger und über Heidegger hinaus. So z. B. in der subjektzentrierten Philosophie Jean-Paul Sartres, die im Hinblick auf eine emphatisch verstandene Subjektivität als Existenz- und Daseinsform wesentliche Impulse aus dem Heideggerschen Denken (nicht nur von „Sein und Zeit“, das Sartre auf Deutsch las) bezog. Heidegger erwiderte die Position Sartres und der französischen Existenzphilosophie überhaupt in seinem „Brief über den Humanismus“, darin sich auch die eigentümliche Wendung findet: „Die Sprache ist das Haus des Seins. In ihrer Behausung wohnt der Mensch. Die Denkenden und Dichtenden sind die Wächter dieser Behausung.“

Daß die Sprache selbst sowie ihre Diskursstrukturierung im Zeichen von Heidegger und Strukturalismus fortan in poststrukturalistischen Positionen mündete, die das Subjekt insgesamt in Frage stellte, erwies sich spätestens in den 80er Jahren auch an deutschen Universitäten als der letzte Schrei. Mit Michel Foucault, dem Psychoanalytiker Jacques Lacan, Gilles Deleuze oder ganz wesentlich Jacques Derrida (um nur einige wenige zu nennen) trat eine Philosophie hervor, die sich explizit auf Heidegger bezog und wichtige Impulse ihres Denkens von ihm her erhielt. Diese vier eint, bei aller Unterschiedlichkeit im Text, eine Position, die sich von der klassischen Subjekt- und Bewußtseinsphilosophie (auch der eines Sartre) sowie von einem Platonismus als duales System abkehrte – auch darin Heidegger ähnlich, der den einfachen Subjekt/Objekt-Dualismus als eine Weise des bloß vorstellenden Denkens brandmarkte. Fixpunkt dieses poststrukturalistischen Denkens ist es, eine Position auszumachen, die sich im Kontext von Nietzsche und Heidegger nicht mehr im Dualismus Leib/Seele, Subjekt/Objekt festmacht, sondern den Punkt in den Blick zu nehmen, der als eine Art blinder Fleck die Oppositionen abendländischer Metaphysik strukturiert. Autoren wie Nietzsche und Heidegger, die zunächst von einer eher konservativ-völkischen  Denkweise vereinnahmt wurden, gelangten plötzlich in ein Umfeld, das politisch eher links sich verorten läßt.

Allen Philosophien, auch der Sartres, ist eine postmetaphysische Position inklusive Descartes-Kritik gemeinsam. Und in unterschiedlicher Weise werden sie, so wie Heidegger die Destruktion bzw. Aufdeckung der abendländischen Metaphysik betrieb, etwas unter den herkömmlichen Strukturierungen Verborgenes freilegen. Überspitzt könnte man hier von einer linken, jedoch nicht (oder nur wenig) von Marx geprägten Kapitalismuskritik sprechen, die über die Achse Hegel, Nietzsche, Saussure, Freud, Husserl, Heidegger verläuft. (Louis Althusser, der ebenfalls ins Umfeld poststrukturalistischer Philosophie gehört, bildet hier eine Ausnahme.) Systemstrukturen werden weniger über die Kritik der Politischen Ökonomie, sondern vielmehr über die Konstituierung und Konditionierung des Subjekts sowie seiner Diskurse, in die es eingebettet ist, analysiert.

Ausführlich widmet sich Michel Foucault dieser „Ordnung der Diskurse“ sowie dem Aufkommen des Subjektbegriffes in der abendländischen Philosophie. Weniger geht es ihm jedoch dabei um ein Zurück-zu-den-Griechen bzw. zu den Vorsokratikern oder um die Rehabilitierung eines ontologische Ursprünglichen im Sinne eines vorgängigen Seinsverständnisses, sondern die Daseinsanalyse transformiert sich zu einer Art Diskursanalyse, in der die Bedingungen der Möglichkeit von Subjekt sowie Macht, Wissen und Wahrheit in den Blick genommen werden. Wieweit dabei die Foucaultsche Humanismuskritik bzw. die der Humanwissenschaften mit der von Heidegger korrespondiert, stellt eine nicht ganz leicht zu beantwortende Frage dar. Über Heidegger selbst hat Foucault niemals etwas geschrieben. Er äußerte sich jedoch in einem seiner letzten Interviews so:

„Mein ganzes philosophisches Werden war durch die Lektüre Heideggers bestimmt. Aber ich erkannte, dass Nietzsche über ihn hinausgegangen ist. Ich kenne Heidegger nicht genügend, ich kenne Sein und Zeit praktisch nicht, und auch die jüngst herausgebrachten Sachen. Meine Kenntnis von Nietzsche ist klar besser als die von Heidegger; dennoch sind dies zwei Grunderfahrungen, die ich gemacht habe.“ („Le retour de la morale“, Interview in: Les Nouvelles littéraires, Nr. 2937/1984)

Im Text Derridas, der sicherlich ebenso wie Foucault und andere Denkerinnen und Denker des Poststrukturalismus der Faschismuskompatibilität relativ unverdächtig sein dürfte, wandelt sich das, was bei Heidegger Destruktion der Metaphysik heißt, zur Dekonstruktion. Hinter jedem Text bzw. hinter kulturellen Ausprägungen und Hierarchisierungen steckt ein Mechanismus der Strukturierung. Oppositionen und Hierarchien sind zunächst einmal nichts Naturgegebenes, sondern gesellschaftlich Gemachtes. Die zunächst vorgegebenen Sinneinheiten beruhen auf einer Art blindem Fleck, der erst eine bestimmte Sicht möglich macht und den Sinn produziert.

All diesen Positionen des sogenannten Poststrukturalismus gemeinsam ist der Einfluß Heideggers. Tangiert dies damit auch die Philosophie Derridas und Foucaults? Sicherlich nur am Rande, denn weniger ist es der Inhalt von Heideggers Philosophie als einer des Seins, der die Texte Foucaults, Derridas und anderer beeinflußte, sondern vielmehr die Methode Heideggers, verborgene Schichten im Diskurs der Philosophie freizulegen. Darin Nietzsches Genealogie und Freuds Psychoanalyse nicht unähnlich.

Die Biographie Heideggers und sein Text sind zunächst zweierlei, es ist nicht ganz leicht, das eine im anderen auszumachen. Auch der mit Biographie durchsetzte Text bleibt ein Text, der für sich steht und sich von seinem „Urheber“ ablöst. Wenn Heidegger selbst völkisch-nationalistisch dachte, muß es sein Text deshalb ebenso sein? Dennoch bleibt in bezug auf Heideggers Texte jene Frage: Wieweit lassen sich darin antisemitische, rassistische, völkische Elemente ausmachen bzw. dekonstruktiv herauslesen – gleichsam als blinder Fleck des Heidegger-Textes? Die Analyse von Farías zumindest, erschien mir nicht hinreichend überzeugend, die Philosophie Heideggers insgesamt zu diskreditieren. Sie freilich so ganz und gar ohne den Blut-und-Boden-Hintergrund sowie das völkische Element zu lesen, fällt mir ebenfalls schwer. Von seinem Kunstwerkaufsatz angefangen, in dem er die erdschweren Bauernschuhe in jenem van Gogh-Bild betrachtete, über das Geraune Heideggers in seinen späteren Schriften nach der Kehre hin zu einer Philosophie des Seins ohne Daseinsanalyse – selbst wenn man dieses Schreiben nach der Kehre als eine Art von rhetorischem Mittel zum Zweck, als eine Form des dichterischen Denkens in Umkreisungen und Annäherungen liest.

Die ontisch-ontologische Differenz, daß Seinendes fälschlich als Sein gelesen wird sowie der Begriff der Geschichtlichkeit kommen bei Heidegger einerseits ganz gut ohne die konkrete Geschichte aus: Geschichtlichkeit verdünnt sich bei ihm zu einem Abstraktum, das sich auf die Welt der Griechen reduziert: Welt ohne Welt und dennoch schreibt Heidegger über Begriffe wie Angst, Furcht, Tod sowie unseren Umgang mit den Dingen und sogar mit der Zeit. Dennoch: die konkrete Geschichte wäre Heidegger sicherlich nur die ontische Verunreinigung des Seins durch Seiendes. Und trotzdem schleicht sich dieses Seiende als völkisches Gewese unaufhörlich als zweite Stimme ins Heideggersche Seinsgeschick ein. Das ontologisch Erste als Ursprung kann einerseits bei Heidegger in einer Art dekonstruktiven Gegen-Lektüre als Spaltung – eben als Ur-Sprung – gelesen werden, ebenso aber im Sinne eines Erdhaft-Völkischen: eminent faschistisch, boden- und schwarzwaldschollenbehaftet, sturmfest und erdverwachsen. Dennoch enthält die Philosophie Heideggers einen Kern, der nicht einfach aufs Völkische, auf den Faschismus der Nationalsozialisten sich zurechtstutzen läßt. Im Text von Heidegger existiert, nein wirkt ein eigentümliches Changieren.

Das Versenken in die Sache – diesseits ästhetischer Kontemplation

Subjekt und Objekt, Denken und Sein: diese Spaltung bleibt in mannigfaltiger Weise grundlegend und gibt das Movens aller Philosophie ab. Philosophie in ihren verschiedenen Ausprägungen dreht sich insgesamt um diesen Spalt, diese Kluft, jene paradoxale Struktur, die als mise en abyme fungiert und damit zugleich den Abgrund spiegelt, sobald sich das Subjekt absolut setzt.

Diese Differenz trägt sich immer im Denken selbst und – damit verbunden – in der Sprache aus, und sie ist doch zugleich eine objektive: sei das nun auf dem Wege der (Erkenntnis-)Theorie oder in den verschiedenen Künsten – oder anders gesagt: in den „Sprachen der Kunst“. Innerhalb der Philosophie manifestiert sich diese Bewegung des Denkens, des Begriffes als Dialektik, was leicht dazu verführt, Dialektik im Sinne einer Methode zu handhaben, mit der sich der Sache, den Dingen, dem Objekt oder dem Seienden in seiner mannigfaltigen Weise genähert wird. Zugleich aber bleibt als unauflöslicher Rest jenes Objekt. Die Anordnung, die Konstellation beider auszumachen, ist lediglich in einer zweiten Reflexion möglich. Diese Dialektik von Wissen und Wahrheit als Arbeit des Begriffs eröffnet Hegel in seiner „Phänomenologie des Geistes“, und es taucht dort ein Weise von Erfahrung auf, die sich nicht am Überschwang der Subjektivität orientiert, sondern sein Maß an der Sache hat:

„Diese dialektische Bewegung, welche das Bewußtsein an ihm selbst, sowohl an seinem Wissen als an seinem Gegenstande ausübt, insofern ihm der neue wahre Gegenstand daraus entspringt, ist eigentlich dasjenige, was Erfahrung genannt wird.“ (Hegel, Phänomenologie des Geistes, S. 78, Fft/M 1986)

Adorno greift diese Figur auf, aber im Zeichen einer Veränderung von Gesellschaft, welche nicht mehr die frühkapitalistische Hegels ist, strukturieren sich das Verhältnis anders als in der Hegelschen Dialektik. Denn aus dem Kelche dieses Geisterreiches schäumt dem „absoluten Geist“ nicht mehr seine Unendlichkeit. Der Topos, sich in die Sache zu versenken, welcher im Text Adornos zuweilen auftaucht, ist zunächst etwas, das aus der Husserlschen Phänomenologie herkommt: „Zu den Sachen selbst!“ so lautete deren „Slogan“. Adorno greift das auf, bringt diese Möglichkeit des Philosophierens jedoch in eine ganz andere Wendung, die weder im Fahrwasser der Hermeneutik (als Verstehen von Kunstwerken) noch in das der Phänomenologie als bloßer Metatheorie der Erkenntnis treibt. Und aufgrund dieser Überschreitung stellte Adornos Philosophie nicht nur eine Erkenntnistheorie bereit, sondern bedeutet zugleich Erkenntniskritik, die sich mit der Kritik von Gesellschaft verbindet. Formen des Wissen hängen zugleich (aber eben nicht ausschließlich) am Machtpool, um es ein wenig grobschlächtig zu formulieren. Eine Möglichkeit, wie in dieser Weise Philosophie zu betreiben sei, (auch angesichts einer aporetischen Situation der Philosophie im Zeichen instrumenteller Vernunft) entfaltet Adorno in seiner Einleitung zur „Negativen Dialektik“. Es entsteht durch dieses Sich-der-Sache-überlassen ein Modell von Denken, für das Adorno jene Wendung von der Freiheit zum Objekt prägte.

Diese Freiheit zum Objekt nun konkret auf die Ästhetik bzw. die Literatur bezogen, bedeutet, nicht so zu lesen als sei das Buch lediglich für mich selber geschrieben worden und als müsse es mit meinem Erfahrungsraum auf Teufel-komm-heraus korrespondieren. Hölderlins „Hyperion“ hat mit den Lebensbedingungen eines Menschen der Gegenwart (in der Regel) nicht sehr viel zu tun – zumindest nicht auf den ersten Blick und beim ersten Lesen. Das Konzept von Liebe, welches Hyperion zu Diotima hegt, verfiele heute der Lächerlichkeit, ist unmittelbar und ohne eine Form von Wissen heute kaum verständlich zu machen. Aber insbesondere diese dunklen, sperrigen, schwarzen oder wie Benjamin es in seinem Kafka-Essay schreibt: die wolkigen Stellen nötigen zur Philosophie, eben um die Sache, um deren Gehalt zu erfahren und in der ästhetischen Kritik zu entfalten. Dieses Sich-versenken hat nun aber weniger mit einer Art von Meditation oder von Einfühlung zu tun, sondern vielmehr geht es darum, sich diesem Fremden oder sogar Unheimlichen eines Kunstwerkes auszusetzen. Dies mochte sich zu Adornos Zeiten einfach gestalten, weil der Schock angesichts des Neuen als Movens von Kunst in jener Zeit der Klassischen Moderne noch nicht eingemeindet wurde und zum leerlaufenden Prinzip verkam.

Gleichzeitig aber bleibt in solchem Denken, das sich auf das Objekt zubewegt, die subjektive Regung nicht draußen. Sie ist in Text Adornos eben nicht der unvermittelte und statische Gegenpol zur Objektivität. Gerade die verstörenden Momente, die Irritationen, die Idiosynkrasien geben sehr viel mehr Aufschluß über das Allgemeine als die vermeintlich objektive Aussage. Kein Objekt ohne Subjekt und in dieser Bezüglichkeit muß zugleich die Kraft des eigenen Denkens aufgebracht werden. Es ist eine Polung von Subjektivität und Objektivität, die sich im Grunde nur als Text wird entfalten können und sich als Text erst zeigen läßt. Programmatisch schreibt Adorno in der „Negativen Dialektik“:

„Bewußtlos gleichsam müßte Bewußtsein sich versenken in die Phänomene, zu denen es Stellung bezieht. Damit freilich veränderte Dialektik sich qualitativ. Systematische Einstimmigkeit zerfiele. Das Phänomen bliebe nicht länger, was es bei Hegel trotz aller Gegenerklärungen doch bleibt, Exempel seines Begriffs. Dem Gedanken bürdet das mehr an Arbeit und Anstrengung auf, als was Hegel so nennt, weil bei ihm der Gedanke immer nur das aus seinen Gegenständen herausholt, was an sich schon Gedanke ist. Er befriedigt sich, trotz des Programms der Entäußerung, in sich selbst, schnurrt ab, so oft er auch das Gegenteil fordert. Entäußerte wirklich der Gedanke sich an die Sache, gälte er dieser, nicht ihrer Kategorie, so begänne das Objekt unter dem verweilenden Blick des Gedankens selber zu reden.“ (Adorno, ND, S. 38)

„Die philosophische Forderung, ins Detail sich zu versenken, die durch keine Philosophie von oben her, durch keine ihr infiltrierten Intentionen sich steuern läßt, war bereits die eine Seite Hegels. Nur verfing ihre Durchführung bei ihm sich tautologisch: seine Art Versenkung ins Detail fördert wie auf Verabredung jenen Geist zutage, der als Totales und Absolutes von Anbeginn gesetzt war. Dieser Tautologie opponierte die Absicht des Metaphysikers Benjamin, entwickelt in der Vorrede zum ‚Ursprung des deutschen Trauerspiels‘, die Induktion zu erretten.“ (Ebd. S. 298)

Geht die Phänomenologie in der Weise vor, wie von Adorno konstatiert, so besteht eben die Gefahr, jener Referenzrahmenbestätigung anheimzufallen. Das Denken ist dagegen nie ganz gefeit, und insofern kommt hier als Korrektiv eine an Nietzsche orientierte Philosophie der Perspektivität ins Spiel. Den Gegenstand aufzufächern und von einer Vielzahl seiner Seiten in den Blick zu bekommen, die Stile zu variieren, den Gegenstand durchzuspielen, in Anordnungen zu bringen, wird zur Aufgabe ästhetischer Kritik. Eine Form der Darstellung, die dies leistet ist der Essay, so wie Adorno oder Benjamin diese Weise des Schreibens an verschiedenen Kunstwerken entfalten. Im Detail führt Adorno solches Schreiben etwa in seiner Lektüre von Becketts Endspiel durch: „Versuch, das Endspiel zu verstehen“. Dabei werden einem Begriff von hermeneutischen Verstehen jedoch enge Grenzen gezogen:

„Das deutende Wort bleibt deshalb unvermeidlich hinter Beckett zurück, während doch seine Dramatik gerade vermöge ihrer Beschränkung auf abgesprengte Faktizität über diese hinauszuckt, durch ihr Rätselwesen auf Interpretation verweist. Fast könnte man es zum Kriterium einer fälligen Philosophie machen, ob sie dem gewachsen sich zeigt.“ (Adorno: Noten zur Literatur, S. 284)

Verstehen transformiert sich zum Versuch, zu einer kreisenden Bewegung, die sich nicht sicher sein kann. Was bleibt, ist die Interpretation bzw. der Blick auf das Formgesetz des ästhetischen Gebildes. Einerseits. Andererseits geht es Adorno im Akt der Kritik darum, sich dem Gebilde anzuschmiegen und eine Weise der Mimesis walten zu lassen, welche sich dem Kunstwerk angleicht. Im Akt des Lesens vollzieht sich der Text noch einmal, indem er wiederholt wird. Sache und Methode sind nicht voneinander zu trennen.

Wer den Gehalt eines Stückes wie „Endspiel“ begreifen will, muß sich seiner Struktur aussetzen, wenn ein Text mehr sein soll als bloß erbauliche Lektüre, welche um die eigenen Empfindungen sich dreht oder von Fragestellungen getragen wird, die von außen an das Buch angepappt werden. Es gibt nun Leserinnen und Leser, die lesen so wie sie Schrankwände, Schuhe oder Kleider kaufen: Paßt dieses Buch zu mir und meiner Welt, meiner Weiblichkeit samt dem Schreiben als Frau, als Mann, als So-und-so-Subjekt. Sicherlich: es kann jeder ein Buch fortlegen oder ein Kunstwerk nicht betrachten, solange sie/er sich über dieses Werk kein Urteil erlauben, das weiter reicht als das, freilich beliebige, Empfindungsurteil, mithin das subjektiv gefärbte Geschmacksurteil.

Allerdings: in dieser Sicht der Empfindungslektüre kommt ein Kunstwerk über die Funktion nicht hinaus, bloße Erbauung zu stiften. In dieser Wahrnehmungsweise manifestiert sich die herabgesunkene Kunstreligion einer spätmodernen Gesellschaft als Wellness und Entspannungsform oder als Folie für die eigenen Referenzen – einer Kunstreligion, welche als letztes Residuum ins Säkulare abgewandert ist. Kunst verzückt das Dasein, nicht anders als Gemälde die Deutsche Bank schmücken. Kunst aber, die aufs ganze geht, will mehr als das. Sie vertritt einen Wahrheits- und Erkenntnisanspruch, nicht anders als ein Satz der Mathematik oder der Physik auf Wahrheit aus ist – freilich mit anderen Mitteln.

Wer sich einem Kunstwerk aussetzt, sollte davon absehen, sich und seine Lebenswelt wiederfinden zu wollen. In jener seit einiger Zeit wieder in Mode gekommenen Rezeptionsästhetik ist es seit einigen Jahren Schick, daß ein Werk Räume der Erfahrung öffnet – im Grunde eine Säkularisierung jener Redewendung bei Heidegger in seinem Kunstwerkaufsatz, daß sich in der Kunst die Wahrheit ins Werk setzt.

„Im Werk ist, wenn hier eine Eröffnung des Seienden geschieht in das, was und wie es ist, ein Geschehen der Wahrheit am Werk. (…) So wäre denn das Wesen der Kunst dieses: das Sich-ins-Werk-Setzen der Wahrheit des Seienden. (M. Heidegger, Der Ursprung des Kunstwerkes, in: Holzwege, S. 21, Fft/M 1980)

Dieser Heideggerscher Begriff von Kunst und Wahrheit freilich ist – teils – ein entleerter, der im bloßen Seinsgestammel als formal gesetzte Unmittelbarkeit irgend eines Vorgängigen sich hypostasiert. Daß diese Wahrheit sich zugleich als eine gemachte und an ein gesellschaftliches Moment gebunden ist, unterschlägt Heideggers Text. In der ontisch-ontologischen Differenz rückt ihm Geschichtlichkeit derart in die Sphäre des Ontologischen, daß sie nicht mehr von dieser Welt zu sein scheint.

Vertreter einer solchen Ästhetik der Erfahrung, die von Adorno einerseits zwar herkommt, aber wesentliche Aspekte seiner Philosophie – nämlich die Momente von Wahrheitsgehalt und gesellschaftlichem Gehalt des Werkes – andererseits abschneidet, ist Martin Seel, der sich neuerdings den Tugenden und Lastern widmet. Diesen Bogen hin zur Ästhetik des Frankfurter Philosophen Martin Seel und zu Adornos Text „Der Essay als Form“ muß ich jedoch ein andermal schlagen.

Walter Benjamin – Vorarbeiten zum Trauerspielbuch

In einem Brief Benjamins aus dem Jahre 1920 an Gershom Scholem heißt es:

„Von dieser [der Habilitationsschrift] besteht bislang nur die Intention auf ein Thema; nämlich irgend eine Untersuchung, welche in den großen Problemkreis Wort und Begriff (Sprache und Logis) fällt, mir dem ich mich beschäftigen werde. Vorläufig suche ich angesichts der ungeheuren Schwierigkeiten nach Literatur, die wohl nur im Bereich scholastischer Schriften oder von Schriften über die Scholastik zu suchen ist. Wobei in der ersten mindestens das Latein eine harte Nuß ist. Ich bin Ihnen für jeden bibliographischen Fingerzeig, den Sie mir auf Grund dieser Angaben machen können, außerordentlich dankbar. Die Wiener Bibliotheksverhältnisse sind so schlecht, daß ich erstens kaum Bücher bekommen, zweitens kaum im Katalog welche finden kann. Haben Sie schon in dieser Hinsicht nachgedacht? Wenn wir darüber uns schreiben könnten; so wäre mir das unglaublich viel wert. Daß unter der Zahl der Abgründe dieses Problems der Grund der Logik zu suchen ist, darüber sind Sie vielleicht eines Sinnes mit mir.“ (GS I, S. 868 f.)

Scholem verwies Benjamin auf Heideggers Habilitationsschrift „Die Katgorien- und Bedeutungslehre des Duns Scotus“ (in: Heidegger Gesamtausgabe bei Klostermann, Band 1, Frühe Schriften). Benjamins Antwort mutet fast wie ein Text Thomas Bernhards an.

„Ich habe das Buch von Heidegger über Duns Scotus gelesen. Es ist unglaublich, daß sich mit so einer Arbeit, zu deren Abfassung nichts als großer Fleiß und Beherrschung des scholastischen Lateins erforderlich ist und die trotz aller philosophischen Aufmachung im Grunde nur ein Stück guter Übersetzerarbeit ist, jemand habilitieren kann. Die nichtswürdige Kriecherei des Autors vor Rickert und Husserl macht die Lektüre nicht angenehmer. Philosophisch ist die Sprachphilosophie von Duns Scotus in diesem Buch unbearbeitet geblieben und damit hinterläßt es keine kleine Aufgabe.“ (GS I, S. 869)

Dritter Platz

Heute möchte ich den dritten Platz im Heidegger-Look-Alike-Contest zeigen. Es handelt sich um eine Photographie zum Thema Heidegger.

Dritter wurde: Hanneswurst,

gekürt von der Sowjetischen Kommandantur Karlshorst. Leider gibt es, wie schon gesagt, kein Preisgeld, weil …, tja, darüber zu sprechen fällt schwer, ich mein Geld für mich behalten muß. Leider hat es auch niemand geschafft, eine Photographie und einen Text zu liefern. Doch immerhin: es gibt ein Photo, darüber freue ich mich natürlich.

Aber nun präsentieren wir die Photographie mit dem schönen Titel „Heidegger-Weg 14“:

X

Copyright: Hanneswurst, 2009

Zweiter Platz

„Die ekstatische Zeitlichkeit lichtet das Da ursprünglich.“
Martin Heidegger, Sein und Zeit, S. 351

Heute möchte ich den zweiten Preis im Heidegger-Look-alike-Wettbewerb verteilen. Einer der bekanntesten österreichischen Schriftsteller schickte mir einen Text zu Martin Heidegger. Ich fasse dies als eine ziemliche Ehre auf, und ich will diesen Beitrag meinen Blog-Leserinnen und -Lesern natürlich nicht vorenthalten. Zwar geht es bei diesem Text nicht darum, Heidegger möglichst ähnlich zu werden, und deshalb verfehlt der Text die Wettbewerbsbedingungen um ein Geringes. Es handelt sich jedoch um eine furiose Heidegger-Beschimpfung. Deshalb präsentiere ich sie an dieser Stelle:

„Tatsächlich erinnert mich Stifter immer wieder an Heidegger, an diesem lächerlichen nationalsozialistischen Pumphosenspießer. Hat Stifter die hohe Literatur auf unverschämte Weise total verkitscht, so hat Heidegger, der Schwarzwaldphilosoph Heidegger, die Philosophie verkitscht, Heidegger und Stifter haben jeder für sich, auf seine Weise, die Philosophie und die Literatur heillos verktischt. Heidegger, dem die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen nachgelaufen sind und den sie mit widerwärtigen und stupiden Doktorarbeiten überhäuft haben schon zu Lebzeiten, sehe ich immer aus seiner Schwarzwaldhausbank sitzen neben seiner Frau, die ihm in ihrem perversen Strickenthusiasmus ununterbrochen Winterstrümpfe strickt mit der von ihr selbst von den eigenen Heideggerschafen heruntergeschorenen Wolle. Heidegger kann ich nicht anders sehen, als auf der Hausbank seines Schwarzwaldhauses, neben sich seine Frau, die ihn zeitlebens total beherrscht und die ihm alle Strümpfe gestrickt und alle Hauben gehäkelt hat und die ihm das Brot gebacken und das Bettzeug gewebt und die ihm selbst seine Sandalen geschustert hat. Heidegger war ein Kitschkopf genauso wie Stifter, aber doch noch viel lächerlicher als Stifter, der ja tatsächlich eine tragische Erscheinung gewesen ist zum Unterschied von Heidegger, der immer nur komisch gewesen ist, ebenso kleinbürgerlich wie Stifter, ebenso verheerend größenwahnsinnig, ein Voralpenschwachdenker, wie ich glaube, gerade recht für den deutschen Philosophieeintopf. Den Heidegger haben alle mit Heißhunger ausgelöffelt jahrzehntelang, wie keinen anderen und sich den deutschen Germanisten- und Philosophenmagen damit vollgeschlagen. Heidegger hat ein gewöhnliches, kein Geistesgesicht, war durch und durch ein ungeistiger Mensch, bar jeder Phantasie, bar jeder Sensibilität, ein urdeutscher Philosophiewiederkäuer, eine unablässig trächtige Philosophiekuh, die auf der deutschen Philosophie geweidet und darauf ihre koketten Fladen fallen gelassen hat. Heute ist Heidegger noch immer nicht ganz durchschaut, die Heideggerkuh ist zwar abgemagert, die Heideggermilch wird aber noch immer gemolken. Heidegger in seiner verfilzten Pumphose vor dem verlogenen Blockhaus in Todtnauberg ist mir ja nurmehr noch als Entlarvungsfoto übriggeblieben, der Denkspießer mit der schwarzen Schwarzwaldhaube auf dem Kopf, in welchem ja doch nur immer wieder der deutsche Schwachsinn aufgekocht worden ist. Wenn wir alt sind, haben wir ja schon sehr viele mörderische Moden mitgemacht, alle diese mörderischen Kunstmoden und Philosophiemoden und Gebrauchsartikelmoden. Heidegger ist der Kleinbürger der deutschen Philosophie, der der deutschen Philosophie seine kitschige Schlafhaube aufgesetzt hat, die kitschige schwarze Schlafhaube, die Heidegger ja immer getragen hat, bei jeder Gelegenheit. Heidegger ist der Pantoffel- und Schlafhaubenphilosoph der Deutschen, nichts weiter.“

Ich danke Thomas Bernhard für seine Zuschrift, für diese ausführlichen Zeilen und belohne ihn mit dem zweiten Preis. Es wurden zwar die Kriterien nicht ganz erfüllt, doch für den zweiten Platz reicht‘s allemal.

Auch freue ich mich, daß Thomas Bernhard regelmäßig diesen Blog liest und am Wettbewerb teilgenommen hat.

„Aistheis zu lesen bietet naturgemäß in der größtmöglichen Intensität den höchsten Erkenntnisgewinn, und es ist ein Leben ohne diesen Blog eigentlich für einen Geistesmenschen überhaupt nicht mehr vorstellbar, sagte ich mir, nachdem ich auf dem beschwerlichen Weg zum Steinhof hinauf größere Mengen Prednisolon eingenommen hatte, um der Erkrankung entgegenzuwirken und wenigstens für den Abend schmerzfrei und unbeschwert diese Zeilen schreiben zu können.“
Thomas Bernhard

And the Winner is …

Im Heidegger-look-alike-contest müssen und wollen wir heute einen Gewinner präsentieren. Sowieso ist die Präsenz, das Anwesen, die Anwesenheit, die Parusie als reines Da im Rahmen einer über 2000 Jahre währenden abendländischen Metaphysik, die es zu verwinden gilt, das unverborgene Thema des Heideggerschen Denkens. 2000 Jahre als Fußnote zu Platon, nun ja … Und die Frage nach dem Sein geriet dabei in die Verschüttung. (Knisternd ist die Erregung, wie das Ergebnis ausfallen mag. Glühend, die Flamme des Sieges leuchtet empor.)

Insofern, aber auch aus einigen anderen Gründen ist Heideggers Denken dann auch wieder ernst zu nehmen; zumindest ist eine kritische Lektüre von „Sein und Zeit“, aber auch von seinen Texten zu Hölderlin nicht unangebracht. Und so sei am Rande erwähnt, daß Heidegger – sozusagen contre coeur, denn das: dieses eine wollte der Denker des Seins niemals abgeben: einen Ästhetiker – gerade und ausgerechnet im Reich der Ästhetik, der ästhetischen Theorie seine, wenngleich bescheidenen, Triumphe feiern konnte: Nein, gar nicht einmal als Deuter eines Bildes, ich denke da an die Van Goghschen Bauernschuhe (1), das er in seinen Kunstwerkaufsatz als Vehikel zu seiner Theorie umfunktionierte, sondern vielmehr im Reich der Literaturwissenschaft, insofern es um ihre theoretischen Fundierungen, um Zeitlichkeit im Hinblick auf Dichtung und Text überhaupt geht. Und – paradoxerweise – ist gerade Paul Celan eine „Antwort“ auf Heidegger; oder umgekehrt: es lassen sich manche der Gedichte Celans und insbesondere seine Büchnerpreisrede („Der Meridian“) gut mit Heidegger gegenlesen. Es herrscht zwischen beiden eine mehr als nur untergründige Strömung. 

Heidegger selber hätte sich ganz sicher gegen die Vereinnahmung durch Ästhetik gesperrt und sich dagegen verwehrt, ästhetische Theorie, die im Gebiet der Literaturwissenschaft wirkt, zu produzieren: ein Denken, das sich auf das Ganze, auf die einschneidende Frage des Seins („die Frage nach dem Sinn von Sein neu zu stellen“) zubewegt, für diesen Denker gibt die Literaturwissenschaft bzw. die Ästhetik allenfalls eine Wegmarke, keineswegs jedoch einen eigenständigen Bezirk, der Souveränität über solche Fragen erlangen könnte. Insofern dienen, zumindest in den Augen Heideggers, seine Aufsätze zu George, Novalis, Hölderlin, Trakl einem ganz anderen. Dem Gerücht, der Mensch spräche, stellt Heidegger eine erweiterte Dimension entgegen: „Die Sprache spricht“. Es schrammen freilich solche Sätze in ihrer nichtssagenden Allgemeinheit manchmal weniger als haarscharf am Jargon vorbei, und bei den Epigonen gerät‘s peinlich. Dennoch schließt sich in einen solchen Satz intuitiv eine Erkenntnis ein, welche dann in der französischen Philosophie des 20. Jhds fruchtbar gemacht und in den verschiedensten Richtungen von Strukturalismus, Poststrukturalismus und stellenweise auch der (luhmannschen) Systemtheorie entfaltet wurde. 

Doch fort von der Theorie, denn nun kürt die Sowjetische Kommandantur Berlin-Karlshorst den Gewinner des ausgeschriebenen Wettbewerbs: 

Es kann der Sieger kein anderer als Heidegger selbst sein, der mit diesen Sätzen eine gekonnte Parodie (seiner selbst) bietet. Es vermag in der Tat niemand, Heidegger zu überbieten. (Wobei „niemand“ kein Eigenname ist.) Lassen wir also diese Sprache sprechen: 

„Und die philosophische Arbeit verläuft nicht als abseitige Beschäftigung eines Sonderlings. Sie gehört mitten hinein in die Arbeit des Bauern. Wenn der Jungbauer den schweren Hörnerschlitten den Hang hinaufschleppt und ihn alsbald mit Buchenscheiten hochbeladen in gefährlicher Abfahrt seinem Hof zulenkt; wenn der Hirt langsam versonnenen Schrittes sein Vieh den Hang hinauftreibt; wenn der Bauer in seiner Stube die unzähligen Schindeln für sein Dach werkgerecht herrichtet, dann ist meine Arbeit von derselben Art. Darin wurzelt die unmittelbare Zugehörigkeit des Bauern. Der Städter meint, er ginge unter das Volk, sobald er sich mit einem Bauern zu einem langen Gespräch herabläßt. Wenn ich zur Zeit der Arbeitspause abends mit den Bauern auf der Ofenbank sitze oder am Tisch im Herrgottswinkel, dann reden wir meist gar nicht. Wir rauchen schweigend unsere Pfeifen [Vorsorglich, die Sorge ist ja auch eine wichtige Kategorie, weisen wir die Nachahmer und Epigonen darauf hin, daß in Gaststätten und Kneipen bundesweit ein einheitliches Rauchverbot gilt. Dieses wird bis auf weiteres auch in veränderter Lage und anderen Zeiten zunächst auch von der Sowjetischen Kommandantur rückhaltlos durchgesetzt. Der Genosse Bersarin schätzt es mittlerweile nicht mehr, wenn Jacketts, Lederjacken oder Frauen nach Rauch riechen.] Zwischendurch vielleicht fällt ein Wort, daß die Holzarbeit im Wald jetzt zu Ende geht, daß in der vorigen Nacht der Marder in den Hühnerstall einbrach, daß morgen vermutlich die eine Kuh kalben wird, daß den Öni-Bauer der Schlag getroffen (Hervorhebung durch Bersarin, er hält dies für die beste Stelle des Heidegger-Textes.), daß das Wetter bald umkehrt. Die innere Zugehörigkeit der eigenen Arbeit zum Schwarzwald und seinen Menschen kommt aus einer jahrhundertelangen durch nichts ersetzbaren alemanisch-schwäbischen Bodenständigkeit. Dagegen hat das bäuerliche Gedenken seine einfache, sichere und unnachahmliche Treue. Neulich kam dort oben eine alte Bäuerin zum Sterben. Sie schwatzte oft und gern mit mir und kramte alte Dorfgeschichten aus. Sie verwahrte in ihrer starken, bildhaften Sprache noch viele alte Worte und mancherlei Sprüche, die der heutigen Jugend schon unverständlich und so der lebendigen Sprache verlorengegangen sind. Solches Gedenken gilt unvergleichlich mehr als die geschickteste Reportage eines Weltblattes über meine angebliche Philosophie. (…) Neulich bekam ich den zweiten Ruf an die Universität Berlin. Bei einer solchen Gelegenheit ziehe ich mich aus der Stadt auf die Hütte zurück. Ich höre, was die Berge und die Wälder und die Bauernhöfe sagen. Ich komme dabei zu meinem alten Freund, einem fünfundsiebzigjährigen Bauern. Er hat von dem Berliner Ruf in der Zeitung gelesen. Was wird er sagen? Er schiebt langsam den sicheren Blick seiner klaren Augen in den meinen, hält den Mund straff geschlossen, legt mir seine treu-bedächtigeHand auf die Schulter und schüttelt kaum merklich den Kopf. Das will sagen: unerbittlich nein.“ (Aus „Warum bleiben wir in der Provinz“, Zitiert nach Th. W. Adorno, Philosophische Terminologie Bd. 1 S. 153 f. Es findet sich hier auch eine gelungenen Analyse dieser Sätze wieder.)

Daß Martin Heidegger nun aber als Gewinner des Wettstreits einen Beitrag auf meinem Blog veröffentlichte, ist nicht nur aus Sterblichkeitsgründen leider ausgeschlossen, sondern auch deshalb, weil die Bedingung der Text-Bild-Kombination nicht erfüllt wurde. Insofern kann ich mit Bedauern in der Text-Stimme nur sagen, daß es keinen direkten Sieger in diesem Streit gibt. Nächstens werde ich aber noch den Beitrag eines prominenten Schriftstellers zu Heidegger sowie eine Photographie veröffentlichen.

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(1) Erinnert sei in diesem Zusammenhang natürlich an die Gegenlektüre durch den Kunsthistoriker Meyer Schapiro in seinem Aufsatz „Das Stilleben als persönlicher Gegenstand“ (1968). Aber auch an Derridas Aufsatz „Restitutionen“ aus dem Band „Die Wahrheit in der Malerei“. Ja, man müßte alle diese Texte zusammenführen. Beginnend mit diesem grandiosen Auftakt des Textes von Derrida „– Und dennoch. Wer sagt – ich erinnere mich nicht mehr –, ‚es gibt keine Gespenster in den Bildern Van Goghs?‘ Nun, wir haben da sehr wohl eine Gespenstergeschichte. Aber wir sollten warten, bis wir mehr als zwei sind um anzufangen.“ Ein Auftakt, der keiner ist, denn zuvor stehen Zitate, um dieses Paar Schuhe mit Schuhbändern zu lesen und jene Cézannesche Wahrheit in der Malerei zu geben.

Martin Heidegger zum Geburtstag

Heute hat er Geburtstag: Martin Heidegger. Einer der umstrittensten, aber auch wirkungsmächtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, der, zu seiner Zeit unkonventionell, als Professor Ski fuhr und zum Osterfest Feuerräder die Schwarzwaldhänge hinunterrollen ließ. Sein Einfluß auf so unterschiedliche philosophische Strömungen wie die Existenzphilosophie Sartrescher Prägung, die Heidegger in seinem „Humansimus“-Brief in die Kritik stellte, bis hin zu verschiedenen poststrukturalistischen Positionen wie Foucault, Lacan oder Derrida ist immens.

Was sich an Heidegger ausnehmend gut zeigt: das Politik und Philosophie zwei getrennte Bereiche, zwei unterschiedlich ausdifferenzierte Systeme mit unterschiedlichen Wirkunsbereichen bleiben sollten. Welch ein Irrtum, den Führer führen zu wollen. Aber trotzdem: An „Sein und Zeit“, an seiner Hölderlin-Lektüre, am Kunstwerkaufsatz, an seiner Kritik der abendländischen Metaphysik (im Rahmen der Postmoderne-Essays und einer Vattimo-Lektüre werde ich darauf noch kommen), aber auch an seinen von Philologen streng gerügten Interpretationen zu Aristoteles und anderen Denkern, da führt kein Weg dran vorbei. Die drei großen Werke des frühen 20. Jahrhunderts: „Geschichte und Klassenbewußtsein“, der „Tractatus“, „Sein und Zeit“.

Was Heidegger am Ende in der Bundesrepublik rettete, denn seine Sache stand in den 60er Jahren eher schlecht, war die von ihm so heftig kritisierte, gegen das Griechische ausgespielte lateinisch-romanische Tradition: jene Französische Philosophie des 20. Jahrhunderts.

Und wieviel Verstrickung und Schweigen hinterher. Ein Schweigen, das Celan bei jenem legendären mit Hoffnungen verbundenen Treffen zutiefst verstörte.

 Todtnauberg

 Arnika, Augentrost, der
Trunk aus dem Brunnen mit dem
Sternwürfel drauf,

in der
Hütte,

die in das Buch
– wessen Namen nahms auf
vor dem meinen? –,

die in dies Buch
geschriebene Zeile von
einer Hoffnung, heute;

auf eines Denkenden
kommendes
Wort
im Herzen,

Waldwasen, uneingeebnet,

Orchis und Orchis, einzeln

Krudes, später im Fahren;

deutlich,

der uns fährt, der Mensch,

der‘s mit anhört,

die halb-beschrittenen Knüppel-
pfade im Hochmoor.

 Feuchtes,
viel.

 

SINK mir weg
aus der Armbeuge,

nimm den Einen
Pulsschlag mit,

verbirg dich darin,
draußen.

 

JETZT, da die Betschemel brennen,
eß ich das Buch
mit allen
Insignien.