Leasing-Tage und Ledermänner

Die Kulturpolitik Hamburgs ist mittlerweile eine durch und durch heruntergekommene und verdorbene, so sagte ich mir beim Lesen des Feuilletons der „Berliner Zeitung“: „Leasingtage in Hamburg“ mußte ich in der Überschrift des kleinen Spaltenartikels gleich auf der ersten Seite des Feuilletons lesen, was meine Vorurteile und meine Sicht auf diese sowieso von Handel und Kommerz vollständig durchsetzte und dadurch naturgemäß  auch aufs äußerste bestimmte Stadt zutiefst bestätigte, die sich nicht einmal mehr anständige Theater, geschweige denn Museen leisten möchte, was sodann, wenn ich darüber nachdachte, einen weiteren Anfall des Zorns aufkommen ließ angesichts einer doch im großen und ganzen passablen Haushaltslage dieser Freien und Hansestadt, zumindest im Vergleich zu Berlin, das mit seinen vier Theatern und der Vielzahl an Museen, die Hamburg, auch was die Kosten und die Größe anbelangt, bei weitem übertreffen, sowieso auf einem ganz anderen Niveau wirtschaften muß, so sagte ich mir, daß diese an Verkommenheit und hanseatischer Kaufmannsverlogenheit nicht zu übertreffende Kulturpolitik Hamburgs im Grunde die Quintessenz jahre- und sogar jahrezehntelangen Sparens sowohl des SPD- als auch des CDU-Senats an den falschen Stellen ist, so dachte ich in der Abgeschiedenheit meines Ohrensessels, wodurch sich der sowieso schon geist- und kulturlose Zustand dieser Handelsstadt noch einmal um ein Erhebliches und in einer kaum zu übertreffenden Weise steigerte.

Glaubte man anfangs noch aus der Ferne Berlins und als es die schützende Mauer  gab, daß es bei dem infamen und komplett kulturlosen Ersten Bürgermeister Dohnanyi, der im Theater am liebsten seine Klassiker wiedererkennen möchte, dann bei dem Rechtsanwalt Voscherau und dem Beamten Runde ungeahnt schlimm war und beim Rechtsanwalt von Beust eigentlich gar nicht mehr auf die Spitze getrieben werden könne, so steigerte sich diese Sparversessenheit auch dort und dann erst recht unter dem Konkneipanten Ahlhaus, der nun eine sehr viel stärkere Sparwut, die an Zwanghaftigkeit grenzt, an den Tag legte, noch um ein erhebliches. Es ist gut, dachte ich beim Überfliegen dieser Headline in der „Berliner Zeitung“, in Berlin und nirgendwo anders zu leben, wo es in praktisch jedem Geschäft, im Grunde an jeder Straße möglich ist, die „Neue Zürcher Zeitung“ zu erstehen. Ja, in einer solchen Stadt, an solchen Geistesorten sagt es sich gerne: „Ich bin ein Berliner.“ Es werden allerdings  in dieser Stadt leichthin und vollkommen natürlich solche Bekenntnisse abgegeben, auch wenn diese Offenbarung hinterher für den einen oder anderen Gast eine fatale oder sogar letale Konsequenz nach sich zieht. Und es ist eben doch typisch, daß jene eigentlich ganz wunderbare Stadt an der Elbe, die durchaus ein eigenes Flair hat, in ihrem Herzen vom Geist des Kaufmanns regiert wird, so sagte ich mir. Warum solche Tage des Kommerzes aber den Weg ins Feuilleton fanden, erschloß sich mir beim Lesen der Überschrift nicht. Was gäbe es in Hamburg zu leasen? Vielleicht eines der großen deutschen Sprechtheater, um darin ein Musical aufzuführen. Oder einen Hafen für die Parade sämtlicher Kreuzfahrtschiffe dieser Welt.

Doch als ich die Überschrift genauer und den Artikel vollständig las, bemerkte ich, daß ich mich um einen Buchstaben verlesen hatte und es sich lediglich um die Lessingtage am Thalia-Theater zu Hamburg handelt. Natürlich, so fiel es mir ein, Lessing weilte eine Zeit lang in Hamburg, es heißt ja eine seiner Schriften zum Theater „Hamburger Dramaturgie“, es gibt in Hamburg sogar eine Lessingstraße und selbiger bedeutende Aufklärer, Dichter und wichtige Theoretiker des Theaters lieferte sich mit dem Hauptpastor Goeze einen veritablen Streit.

So kann das gehen, wenn man beim Lesen der morgendlichen Zeitung seinen Fehlleistungen aufsitzt und um diese herum einen Kokon spinnt.

Nun liegt in solchem Verlesen und Versprechen natürlich eine schöne Nähe zu Freud (sowieso) und zur Etym-Theorie von Arno Schmidt, die er in „Zettels Traum“ literarisch entfaltete. Ich mag im Grunde solche Fehlleistungen und diese um ein Winziges sich zutragenden Verschiebungen gerne. Als ich kürzlich vor einem Käsefachgeschäft stand, las ich an einer aufgestellten Tafel in Kreideschrift auf schwarzem Grund: „Ledermänner nur 1,99 €“. Das verwunderte mich zunächst, und ich liebe es, wenn ich mich selbst auf unwillkürliche Weise in Erstaunen und Entzücken versetzen kann. Auch Frauen vermögen es zuweilen, dieses Erstaunen und Entzücken in mir hervorzurufen; aus anderen Gründen jedoch. Das ist aber wieder ein ganz eigenes Thema, bei welchem sich weit ausholen und immens abschweifen ließe.

Beim zweiten Lesen der handbeschriebenen Tafel mußte ich meinen Blick jedoch korrigieren, und es handelte sich dann bloß noch um Leerdamer. Ja: die Sinnkohärenzen stellen sich schnell genug und von ganz alleine wieder her. Das ist manchmal schade. Denn gerade in den seltenen Momenten, wo diese Kohärenzen, diese Zusammenhänge des Alltäglichen augenblickshaft aufbrechen, beweist sich auf das schönste der Satz, daß die Welt einzig als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt sei. Diese wenigen Sekunden des Befremdens sind ganz wunderbare Sekunden, in denen das Subjekt schwebt, eine Art kontemplativer Schockzustand, der aus der Welt der gewöhnlichen Dinge herausragt.

(„Och, das hast du Dir doch ausgedacht, das mit den Ledermännern!?“ „Nein, wirklich nicht, das war so, ich habe manchmal einen schusseligen, verpeilten Blick. Einmal habe ich sogar meinen eigenen Vater in der U-Bahn nicht wiedererkannt, bis er sich mir zu erkennen gab und sagte, wer er sei.“)

Wenn man mit einer attraktiven und intelligenten Frau einen besonderen Abend verbringt, kann sich zuweilen eine solche wunderbare Transgression ergeben: und zwar in jenen Momenten der kurz nur sich ereignenden Daseinsverzückung bricht es hervor; emaniert, müßte man – fast – schreiben. Es sind diese Minuten der unendliche Augenblick, welcher bis zum äußersten gespannt ist, es knistert und zerreißt darin etwas. Ein solcher Kairos läßt sich niemals willkürlich herbeiführen. Er geschieht. Momente, die sich in einer Bar nach einem Seminar in Berlin-Dahlem an einem Sommerabend mit jener dunkelhaarigen Frau ereignen, die sich in Hamburg-Ottensen, in Berlin-Kreuzberg abspielen. Jene blonde Frau, deren Körper ich photographierte. Überall eigentlich trägt sich das zu. Solche Momente müssen verdichtet werden, was wohl die Arbeit des Lyrikers ausmacht, und dann – hinterher – mit den Augen Becketts gesehen und dargestellt werden.

Nächste Woche geht es weiter mit dem zweiten Teil der Derrida-Lektüren.

Und wenn Sie mir, geliebte Leserinnen und Leser, auch noch verraten, welchen großen, großartigen Schriftsteller ich im ersten Absatz, zugegeben nicht gekonnt, aber einen Versuch war es trotzdem wert, nachahmte, dann seien Sie sich meines Wohlwollens sicher.

Hamburg

Schönes Lied, blödes Videobild. Trotzdem hören:

„Kamener Kreuz,
links vorbei,
im Radio läuft HR 3
Frankenhöhe, Schnitzelalarm
Superplus und dann nichts wie rauf
nach Hamburg

du altes Hamburg
unsre Schatzstadt

Alle wollen dich
und du weißt das
und du genießt das
und dir gefällt das
und du brauchst das
Du sexy Hamburg“