Lyrik in Kälte zu verwandeln – Ghostdancer

Dämmrung will die Flügel spreiten,
Schaurig rühren sich die Bäume,
Wolken zieh’n wie schwere Träume –
Was will dieses Grau’n bedeuten?

Hast ein Reh du lieb vor andern,
Laß es nicht alleine grasen,
Jäger zieh’n im Wald’ und blasen,
Stimmen hin und wider wandern.

 Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug’ und Munde,
Sinnt er Krieg im tück’schen Frieden.

 Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neu geboren.
Manches bleibt in Nacht verloren –
Hüte dich, bleib’ wach und munter!
(Joseph von Eichendorff, Zwielicht)

 Lyrik in Kälte zu verwandeln, den schönen Ton und Klang in die Hermetik zu bannen, das Stimmungsvoll-Gefällige, das Herzbewegende in den Stein zu schlagen. Frost und Bennsche Klinik auf den letzten Höhenmetern, während der aisthetisch Blutdruck schnellt: ein Seziermesser, ein Skalpell, und die Retraktoren begegnen sich auf dem Operationstisch. Kein Körper mehr, sondern Wunde und Öffnung, kein Hauch über den Wipfeln und Gipfeln: freilich ist das Ruhe, Totenlied, die Irrlichter im Moor, auf dem Weg zum Blocksberg, Wanderers Nachtlied, kein Frühling mit blauem Band und Herbstzeit nicht mehr gülden, sondern grau. Die Schönheit von Eichendorffs Lyrik, der bereits die Bedrohung innewohnt. Wie den Gemälden Blechens. Die Illusion der Unschuld. Ganz anders als die Bedrohungen, die Goethe wahrnahm, die einer ferneren Epoche entstammen. Die Sattelzeit vereinte Disparates. Die harte Differenz. Todesartenvielfalt. Das Schöne der deutschen Sprache ist das Kompositum, es lädt zur beliebigen Kombination ein: mal Dada, mal Scherz, mal schiefe Bedeutung. In der Ironie und im Spott zu wildern. Der Winterschnee geschwärzt vom Ruß. Nie mehr in Kreuzberg zwischen Kohlestaub und Hundescheiße wohnen. Eis – Eden. Von Friedrich Hölderlin zu Paul Celan mutet der Weg weit an. Aber das scheint bloß so, ist äußerlich. Enggeführt bleibt das, was Dichter stiften. Schneepart. Teilen ohne zu teilen und sich mitzuteilen oder zu partitionieren.  Das deutsche Gedicht.  Das ist auch Rolf Dieter Brinkmanns Popton. Hail! Hail! Rock’n Roll. Und mehrfach die Zeitenwenden geschrammt. Vom Verstummen nach Auschwitz, zum fliegenden Robert, dem Eskapisten. Die Gedichte des späten Benn waren häufig zu gemütlich. Der Tierkörper zieht schwer. Prosaton und Kältekammer: Die Ästhetik des Widerstands.  Unter dem Himmel von Paris. Scheiß drauf.

Der Blogbetreiber teilt seinen Leserinnen und Lesern mit, daß er seit Freitag 50 Lenze zählt. „Wer auf dem Kopf geht, der hat den Himmel als Abgrund unter sich.“ (Paul Celan, Der Meridian) Am 21. November erschoß sich Heinrich von Kleist gemeinsam mit Henriette Vogel, der er diese eine unvergleichliche Kugel schenkte und zueignete. Sie bat drum, er tat es. Ihm war auf dieser Welt nicht mehr zu helfen. Schade ist es um die Texte, die wir Geneigten und Freundlichen noch hätten lesen können. Aber da hatte er bereits Bekanntschaft mit sich selber gemacht. Am Wannsee. Beziehungsweise kurz davor.

Damit es hier niemanden überkommt, überfraut oder -mant, schalte ich die Kommentarfunktion ab. Ich verbrachte diesen Geburtstag, wie es sich geziemt. Angemessen. Mit feinen Geschenken. Ohne jene, deren wunderbare Sendung ich heute bei meiner Ankunft im Briefkasten fand. „Fade into you.“ [Ich möchte an Deinen Lippen hängen! An allen!] Portraits, die einen Zustand zeigen. Es waren zwei schöne Tage.

[Die photographierten Kunstwerke stammen von Katharina Sieverding]

 

 

 

Kraniche über Küstrin – Bildszenen

„Poserschuhe“, entgegnete der Verkäufer auf meine Frage beim Schuhregal in der Jack Wolfskin-Filiale, „aber keine anständigen Schuhe zum langen Wandern sind das.“ Das sind die Sätze, die nachklingen. Schüsse fallen im Hintergrund, weit entfernt noch, ein Knall, ein weiterer, mit einem Nachhall, in die Stille hinein, irgendwo in den Brandenburgischen Wäldern hallen sie dumpf, ein Aufknall, am Lauf der Spree, Jagdzeit. Fuchs, du hast die Gans gestohlen. Ich liebe das Wild, ich liebe die Jagd, das gehetzte Tier, die Meute der Hunde, der Drahthaarige spurtet, mit schlanken Läufen. Ich habe Hunger. Immer. Die Schuhe streifen durchs nasse Gras, frühmorgens. Die hohe, feuchte Wiese netzt zunächst das Material, dann zieht es von den Schuhbändern und dringt durch die Laschen in den Schuh ein. Ich bekomme nasse Füße. Von einer Wiese. „Poserschuhe“, denke ich mir, „keine Wanderschuhe.“ Wanderschuhe für Stadtmenschen, die glauben, daß sie in der Landschaft wandern. Aber in Wahrheit ist der Schuh ein Stadtschuh, der den Schein außerurbaner Wildheit vermitteln soll. Zumindest jedoch sieht er nicht wie diese klobigen, unförmigen, in grell-häßlichen Farben auftretenden Wanderschuhe aus. Das schien mir beim Kauf wichtig.

Es waren am Morgen die Kraniche in der Luft. Vielleicht auch jener, den die schöne blonde Frau mir mit auf den Weg wünschte. Ich bin zu alt für diese Flüge. Ich wäre gerne mitgegangen. In Deiner Hand die meine. Ich mag es, wenn im Hintergrund diese Schüsse der Jäger fallen. Sie erinnern mich an eine Treibjagd. Auf den Schultern ihrer Weste war Fell appliziert, modisch schick, wie Frauen sich gerne kleiden, denke ich mir. Unser erstes Treffen in einem Gourmetrestaurant. Gentrifizierungsschuppen, denke ich mir, ich schaue auf ihre fellbesetzte Weste, ich rieche ihr Parfum. Ich hätte gerne meinen Finger in ihrer Möse. Laß uns in die Vorstädte gehen. Der Geruch nach Herbst und Gedicht. In der Kühle des glimmenden Morgens, in den Spreewäldern, östliches Brandenburg, gelb und rot schimmern die Blätter. Mach die Bilder zu, im Kopf, Aktaion!

Die Leere aber, die Frage, was in der Welt diese Welt nun sei. Es bleibt die Frage, die Leere der Begriffe, die Fahrt im Auto über die Landstraße zur Morgensonne, nach meinem Spaziergang in einem der unscheinbaren Dörfer Brandenburgs, solche Ruhe. Eine Ortschaft, kurz vor Fürstenwalde. Das Dorf hinter mir lassend, geht die Fahrt hinein nach Fürstenwalde. Eine der vielen langweiligen Städte Brandenburgs: Ausgewählt öde Orte. Wenn ich mitten in der Stadt bin, befällt mich manchmal der unwillkürliche Reflex, eine Passantin zu befragen, wo es denn hier zum Zentrum ginge. In Eisenhüttenstadt passierte es mir vor zehn Jahren: Ich stand da, sah hinter Glas in einer Vitrine einen Lageplan, schaute auf das Straßenschild, um zu sehen, wo ich mich befand und wollte den Weg zur Innenstadt suchen. Als ich auf der Karte mich orientierte, mußte ich bemerken, daß dieser Platz, auf dem ich eine vergilbte Karte studierte, eben jene von mir gesuchte Innenstadt war. Die Trostlosigkeit hatte endlich ein Gesicht und einen Namen gefunden: Eisenhüttenstadt. Ich war einerseits amüsiert, andererseits verblüfft. Ich denke während meiner Fahrt durch Brandenburg an die Kraniche und an jene Frau mit den langen blonden Haaren.

Alsbald verließ ich, nachdem ich noch den jüdischen Friedhof aufsuchte, Fürstenwalde, in Richtung Polen hin, nach Kostrzyn nad Odrą. Wer in Küstrin meint, das alte Küstrin zu finden, sollte nicht nach Küstrin fahren. Die Festung, wo Friedrich II. nach seiner gescheiterten Flucht vorm gestrengen Vater oder vor dem Regime der Welt oder vor sonst etwas einsaß und aus dem Kerkerfenster der Hinrichtung seines Freundes Katte zuschauen mußte, steht nicht mehr. Eine immer wieder faszinierende Szene. Pathos, Tod, Freundschaft, Flucht, Ende. Alles vereint. Schön schauerlicher Königsvater. Es waren zwei Königskinder. Nein, nur eins. Nichts steht mehr dort. Küstrin, heute eine armselige Stadt. Die faschistische Wehrmacht bzw. deren Befehlshaber oder gar der Führer selbst, erklärte Küstrin zur Festung. Artilleriebeschuß und Fliegerangriffe, Trümmer, aus denen heute, an dem Ort, wo früher die alte Stadt mit seinen Kanonen am Ufer der Oder thronte, zwischen all dem überwuchernden Grün Mauerreste ragen. Und mit einem Mal sticht da aus dem Grün, dem Gestrüpp ein verbrannter Holzpfeiler heraus, von Vergangenheit zum Jetzt hin, und es rückt Stück um Stück die Rote Armee auf Berlin vor. Von der Wolokolamsker Chaussee bis zur Frankfurter Allee führte die Spur der Panzer, der Haubitzen, der Artillerie und all ihre Soldaten, die den Weg bahnten, Katjuscha-Batterien, Stalins Musik, der Muschik, der Infanterist, Schritt um Schritt, Schuß um Schuß.

Russenpanzer über das sumpfige Land: die Kämpfe um die Seelower Höhen waren in den letzten Zügen dieses Krieges für die Rote Armee schwer, blutig und verlustreich. Dennoch: siegte sie am Ende über das faschistische Deutschland. Den Russen ging es auch 20 und 30 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht viel besser als vorher, während in DDR und BRD der Wohlstand bereits blühte.

Und im Spiegel hinter mir, oderwärts, im Auto, im Abendlicht, wieder die Kraniche, die schwebten, flogen, in Formation. Die Sprache in Schrift werden wir nicht vergessen und in der Erinnerung bewahrt sich dieser Dialog, bleiben die Szenen, mischen sich mit dem Abgelebten. Abglanz. Als Gemahl der Schneekönigin. So betrachten wir die Spiegel. Medizinisch, klinisch, klar und kalt in den Strukturen. Während meine Finger die Haut der schönen Frau imaginieren. Im Wirtshaus zur Abendrast betrachte ich an einer Wand die Geweihe der erlegten Hirsche, das Bild eines Hirschs, opulent gemalt, an der Wand, Jagdszenen, die Hunde, das Bad, die Blicke, der Körper. Die Strafe ist meist grausam fürs kurze Schimmern der Haut. Ich löffele die Suppe, esse das Ragout, bezahle den mürrischen Kellner. Im Osten Brandenburgs, wieder die Fahrt aufnehmend, im grellen Gegenlicht, während die Sonne vor Berlin in den Westen treidelt, tiefer und tiefer, bis die Wälder der Landstraße das Gegenlicht mildern und den Glanz dieser Sonne am Ende verschlucken.

Von jener Reise habe ich einige Photographien gemacht. Sie fand am 4. Oktober statt.

Lichtenberg-Connection

„Denkt nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, einen Menschen zu entzweien mit seinem Vater, die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter, und des Menschen Feinde werden seine Hausgenossen sein.“ (Mt 10:34-36)

Mit Martin Seel läßt sich in diesem zunächst theologischen Kontext im Hinblick auf die Ästhetik bzw. die ästhetische Erfahrung von der „Kunst der Entzweiung“ sprechen. Allerdings halte ich diesen von Seel thematisierten Aspekt ästhetischer Erfahrung als Modus der Ästhetik für fragwürdig, da es auf die Hybris der Empfindungszustände als Maß für Kunstbetrachtung und -kritik hinausläuft. Das Resultat ästhetischer Erfahrung ist die Event-Kunst.

Ich könnte mir am Wochenende die Art Berlin Contemporary an verschiedenen Orten und insbesondere am Gleisdreieck ansehen. Sollte ich bei diesen Betrachtungen den „10 Dinge, die man auf der ABC nicht verpassen sollte“ folgen? – eine Empfehlungsabarbeitungsliste des Magazins „Monopol“: Zeitschriften, die uns in der neuen Unübersichtlichkeit, die eigentlich jedoch recht übersichtlich ist, die Orientierung erleichtern sollen. Für alle ist gesorgt, so beschrieb Adorno die Mechanismen und das wohltätige Kunstwirken der Kulturindustrie. Noch schlimmer als das Kunstgewäsch aber bleiben all die linkspolitischen Geschwätzigkeiten: vom Gentrifizierungsgejammere, den Gendertröten, über sinnleeres Schwadronieren von der Macht des heterosexuellen weißen Mannes, das sich paternalistisch in gestanzten Sprechblasen der braven, braven Bürgerkinder_innen als Mantra und Moralmonstranz aufspreizt. Das gute Gewissen geht geothert als Katalogware hausieren. Vielleicht gehe ich morgen jedoch einfach nur spazieren. Mit der Kamera. Durch eines der Viertel dieser Stadt.

Halbfahles Licht und ich schlendere über die Flächen. Die Brachen, die Ränder, die Zonen der Stadt. Lichtenberg. Verhängnis, Randgebiet, Zentrum in einem. Oder ist das noch Friedrichshain, da, wo ich gehe? Da, wo der Ostbahnhof steht? Egal. Ich zücke wie immer die Kamera. Heute wieder die leichte Olympus. Irgendwann kaufe ich mir die Leica M 9. Inzwischen gibt es sogar eine Leica M 9, die nur schwarz/weiß photographiert. Ich kehre demnächst zu meiner Nikon F3 zurück und werde wieder Filme entwickeln. Das ist vermutlich die einzige Art, angemessen zu photographieren. Diese auf die Bilder gekleisterte Filtersoße ist nicht meine Sache. Ich möchte Bilder und keine Effekte. Der schwarze Boss-Blouson, den ich statt meiner Englandjacke trage, ist viel zu luftundurchlässig, speichert die Hitze. Im Herbst und Winter dann wieder die schwarze Lederjacke, wie es sich für den Intellektuellen auf den Spuren Ernst Jüngers und Uwe Johnsons geziemt. Praktisch, wasserabweisend, elegant und gut.

Bei Lichtenberg muß  ich zunächst immer an den großen Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg  aus Göttingen denken, er schätzte Kant ungemein, schrieb böse und teilte aus, ätzte gegen den blödsinnigen Geist der Zeit wie etwas Lavaters absurde Studien zur Physiognomie, wo man das Wesen nicht aus dem Namen oder dem Begriff, sondern aus der Physiognomie heraus lesen konnte. So kann es gehen, wenn die Empirie die Oberhand gewinnt. Die krude Beobachtung ist sich für keinen Blödsinn zu schade und sei er noch so flach. Lichtenberg schrieb dagegen die  „Fragmente von Schwänzen “. Und dann denke ich bei Lichtenberg natürlich an die Magdalena – ich mag diese Gegend rund um dieses seltsame Hochhaus mit dem grauen Hof herum. Wir möchten Sie bitten mit zu kommen, zur Klärung eines Sachverhaltes… Ich bin der Mann mit der schwarzen Lederjacke, der über die Höfe schlendert und durch den Eingang geht, vor dem früher mancher Wartburg oder Volvo hielt.

Lichtenberg ist auch: „Neues Deutschland“-Gebäude, davor der Franz-Mehring-Platz samt einem Denkmal. Was früher zentral für die DDR-Presse und ihre restringierte Berichterstattung war, ist heute Vergessenheit. Immerhin hat die Rosa Luxemburg-Stiftung hier ihren Sitz. Ansonsten liegt das Gebäude an einer Durchgangsstraße, die die Spree mit der Karl-Marx-Allee verbindet. Wohngebiete mit Hochhäusern, und der merkwürdig verkommene Hinterhof, wenn man den Ostbahnhof nach Norden hin verläßt und auf das Galeria-Kaufhof-Gebäude sich zubewegt. Eine vergessene Zone, derer man sich demnächst sicherlich erinnern wird. Dann wieder Brachland, in die Wohnzonen gestreut, und das geht ineinander über, von den verwilderten Flächen, den Grasnarben, den weggeworfenen Dingen, die am Rande liegen, Papier, Kippen, Flaschen, Hemden, das Höschen einer Frau, Socken, eine Toilettenschüssel, Plakate, die unendlich überklebt wurden und von den Sandwegen geht es auf die asphaltierten Straßen zu, die Durchgänge zu den Häusern. Ein Radio spielt laut Musik, daß es über den gesamten Hinterhof des Hochhauses schalt. Aber es ist keine Menschenseele dort zu sehen. Samstag-Mittag. Blumenkästen. Geranien. Am Fensterbrett türmen sich Aufstellfiguren. Dann laufen drei Kinder wie aus dem Nichts den Plattenweg entlang. Durch den Torbogen und wieder fort. Der leere Platz.

Es singen „Die Sterne“ auf ihrer neuen Platte „Flucht in die Flucht“: „Bezahlbare Wohnungen in den gängigen Vierteln gesucht. Nach Renovierung werden die Preise kaum merklich steigen …“

Photographien eines vor einem Monat getätigten Spaziergangs durch Lichtenberg  gibt es auf Proteus Image zu sehen.

Skizzen der Melancholie, Skizzen der Liebe

„Der Mensch bekommt die Bedingung nie in seine Gewalt, ob er gleich im Bösen danach strebt; sie ist eine ihm nur geliehene, von ihm unabhängige; daher sich seine Persönlichkeit und Selbstheit nie zum vollkommenen Aktus erheben kann. Dies ist die allem endliche Leben anklebende Traurigkeit: und wenn auch in Gott eine wenigstens beziehungsweise unabhängige Bedingung ist, so ist in ihm selber ein Quell der Traurigkeit, die aber nie zur Wirklichkeit kommt, sondern nur zur ewigen Freude der Überwindung dient. Daher der Schleier der Schwermut, der über die ganze Natur ausgebreitet ist, die tiefe unzerstörliche Melancholie alles Lebens.“ (F.W.J. Schelling, Vom Wesen der menschlichen Freiheit)

Traurige Tropen. Fragmentierungen, die uns in den Wendungen und Windungen bleiben. Wir wollen vieles, doch es zerrinnt. Nur jenseits aller Intention geht es. In der ästhetischen Existenz gar? Literatur und Leben, Kunst und Leben jedoch sind zweierlei. Das Begehren der frühen Avantgarden – sei es das der Romantiker in Jena oder der Künstler des frühen 20. Jahrhunderts – bleibt ein Phantasma, wenngleich ein schönes. Das Leben ist zu beschädigt, als daß es Gedankenräume für eine Utopie geben könnte und sich Leben in der Kunst oder Kunst im Leben aufhöbe und die Herrschaft anträte. (Allenfalls als Meesesche Parodie reicht es.) Allerdings gibt es diese exzeptionellen Momente des Lebens, die Daseinsekstasen. Im Moment kommt mir der Kostüm- und Historien-Film „Die geliebten Schwestern“ von Dominik Graf in den Sinn. Ein Film über eine Ménage-à-trois zwischen der älteren und verheirateten Caroline von Beulwitz, Friedrich Schiller sowie der ledigen Charlotte von Lengefeld. Lebensmodelle?

Was diesen Film sicherlich interessant macht – ob er es auch gut umsetzt, bleibt zu sehen – ist die Epoche, in der er spielt: ein (Liebes-)Leben außerhalb der Konventionen, vor dem Hintergrund der Französischen Revolution, die ein vollkommen anderes Europa schuf, Sitten und Gebräuchen, Lebensmodellen und Partizipationsweisen am Politischen einen neuen Raum gab. Inmitten dieser Wirren ein Lebensentwurf dreier Menschen, der noch heute kaum zu kommunizieren ist. Und Liebe ist, das wissen wir spätestens seit jenem genialen Buch von Niklas Luhmann, eine Weise der Kommunikation, bleibt auf (gesellschaftlich approbierte) Kommunikationsformen, die die Intimität codieren, angewiesen. Nur in diesen Formen kann sie existieren. Die Liebe der Griechen war eine andere als die der Romantiker aus Jena. Ich bezweifle zwar, daß Grafs Film gelingen wird, hege den Verdacht: Deutscher Fernsehfilm. Doch ich will nicht vorschnell urteilen. Liebe ist ein wildes, ein schönes Elixier – auch für den Film. Die Dichter besangen sie.

Heute morgen erschien es auf meinem Bildschirm, zeigte es mir Avira an: „13 Millionen Gefahren in 30 Tagen entdeckt“. Mir will scheinen, daß es mehr sind.

White Wedding

So geht ein Lied von Billy Idol. Weiß ist für mich der Wedding, weil er für den Flaneuer eine Terra Incognita darstellt. Der weiße Fleck auf der Karte Berlins. Weshalb nicht auch mal der Wedding?

Roter Wedding und halbe Kaufkraft voraus im Gesundbrunnencenter. Wenn der Mehrwert real ist. Stahlgewitter und Staubgesplitter. Toter Wedding. Im Bauch des Wals: Jonas im Gesundbrunnencenter. Ich bin selten im Wedding. Eigentlich nie. Nur wenn ich nicht aufpasse und von Mitte her die Brunnenstraße in Gedanken zu weit entlangschlendere. Ich will das nicht bewerten. Schön daß dieser Stadtteil nicht gentrifiziert ist. Oder nur wenig. Wohnen möchte ich dort dennoch nicht, wie auch nicht in Kreuzberg rund ums Kottbusser Tor oder in Neukölln. In bevorzuge eine gewisse Gediegenheit. Die man sich jedoch leisten muß. Dessen sollte man sich bewußt sein. Es ist nichts selbstverständlich. Wenn ich die Wahl zwischen Kreuzberg und dem Prenzlauer Berg habe, ziehe ich den Prenzlauer Berg vor. Ich gebe das ganz ungeniert zu. Und es gibt in Berlin Stadtviertel wie den Rollbergkiez oder die Weserstraße, wo ein gewisser Wandel nicht unangenehm, sondern durchaus angemessen ist. Die Frage bleibt allerdings, wie das vonstatten geht und welche Interessen dahinter stecken: die der Bewohner dieses Viertels oder die der Immobilienbrache bzw. was synonym ist mit dem Berliner Senat ist.

Spaziergang durch den Wedding: Wenn wir mit etwas konfrontiert werden, das wir zum ersten Mal wahrnehmen, bilden wir in der Regel einen Interpretationsrahmen, in den wir dann alle unsere weiteren Wahrnehmungen einordnen und sie dadurch in gewissem Sinne gleichnamig und gleichförmig machen. Vieles fällt damit durch das Raster und Differenz und Differenzierungen des Blickes können dadurch womöglich ausbleiben. Früher fand ich es irgendwie witzig und spannend: das Heruntergerockte eines Viertels. Nur wohnen mochte ich auch damals schon nicht in diesen Gegenden. Heute interessieren sie mich nur noch als Objekte für die Photographie.

Da ich gestern etwas Gutes tat und einer Freundin zwei zentnerschwere Klötze in den Prenzlauer Berg brachte, die ihr Geburtstagsgeschenke sein werden, dachte ich mir: fahr doch zum Ausgleich ins Gesundbrunnencenter. Das ist ein guter Kontrast. Der Prenzlauer Berg rund um den Helmholtzplatz und Wedding rund um die Brunnen- und Badstraße. Oder Jülicher Straße. Die zwei Pakete hatte mir der Freund der Freundin mitgegeben, als wir in Bamberg weilten.

Über den Wedding und insbesondere das Gesundbrunnencenter schrieb Katja Dittrich lustig zu lesende Beobachtungen in ihrem Bericht Die Wahrheit über Gesundbrunnen.

Das Resultat dieses kurzen Spazierganges können sich geneigte Leserin, geneigter Leser hier auf „Proteus Image“ betrachten. Es sind flüchtige Eindrücke vom Wedding, nicht mit konzentriertem Blick aufgenommen. Die beiden Photos von den Graffitis stammen vom Mauerpark. Also nicht Wedding. Dies erwähne ich der dokumentarischen Ordnung halber.

Die Kraftlosigkeit der Rebellion. Irgend etwas muß hier dazwischen gekommen sein. Bitte ergänzen Sie das fehlende Wort bzw. die fehlenden Wörter, liebe Leserinnen. Oder schreiben Sie, was dazwischen kam. Aufgenommen wurde das Photo in Mitte.
 
 
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Daily Diary (104) – Transiträume und Transmission: Vorblick auf Heiner Müllers „Zement“

Sofaplaneten: Alter Schrott muß raus, neuer Schrott kommt rein. So geht das in Berlin.

[Das ist von der Länge des Textes her kürzer als ein Haiku und damit sicherlich ganz im Geschmack von Hannes Wurst. Weshalb viele Worte verlieren, wenn’s auch in der Verdichtung geht?]


 

„Der Feind ist eine objektive Macht, […]
und der echte Feind lässt sich nicht betrügen.“
(Carl Schmitt)

Als Vorblick auf das Heiner-Müller-Stück „Zement“, welches von den Anfängen der Russischen Revolution, ihren Schwierigkeiten, dem ihr bereits am Anfang innewohnenden Terror sowie dem Mythos der Arbeit und der Maschinen handelt: die Dialektik muß sich gegen sich selber wenden! In der Revolution, im bewaffneten Kampf sind die Kugeln knapp bemessen, und sie wollen gezielt gesetzt sein. „Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt. Wehe dem, der keinen Feind hat, denn sein Feind wird über ihn zu Gericht sitzen. Wehe dem, der keinen Feind hat, denn ich werde sein Feind sein am jüngsten Tag.“ (Carl Schmitt, Ex Captivitate Salus)

Hermeneutik der Macht.

Wie weit geht die Revolution: der Krieg ohne Schlacht, das Schlachten?: Und so fragt der Tschekist Tschibis in „Zement“, bevor er einen Genossen erschießen muß, der sich des Fehlverhaltens schuldig machte, im Grunde eine Nachlässigkeit, die verzeihlich wäre, doch im Krieg der Klassen gibt es nichts anscheinend Verzeihliches: „Haben Sie gesehen, was mit den Augen eines Menschen passiert, der erschossen wird?“ In Kafkas „Strafkolonie“ heißt es über jene Verurteilten, denen der Apparat zwölf Stunden lang mit der Egge das übertretene Gebot in den Leib graviert:

„Wie still wird dann aber der Mann um die sechste Stunde! Verstand geht dem Blödesten auf. Um die Augen beginnt es. Von hier aus verbreitet es sich. Ein Anblick, der einen verführen könnte, sich mit unter die Egge zu legen. Es geschieht ja weiter nichts, der Mann fängt bloß an, die Schrift zu entziffern, er spitzt den Mund, als horche er. Sie haben gesehen, es ist nicht leicht, die Schrift mit den Augen zu entziffern; unser Mann entziffert sie aber mit seinen Wunden. Es ist allerdings viel Arbeit; er braucht sechs Stunden zu ihrer Vollendung. Dann aber spießt ihn die Egge vollständig auf und wirft ihn in die Grube, wo er auf das Blutwasser und die Watte niederklatscht. Dann ist das Gericht zu Ende, und wir, ich und der Soldat, scharren ihn ein.“

Das Elende des Opfers, Erkenntnisgewinn im letzten, im erlöschenden Blick, Opfer um Opfer, Krieg um Krieg, Schlacht um Schlacht, Heiner Müller schreibt den Mythos der Griechen in die Gegenwart ein. Medea-Material, die Hydra des Herakles, die Befreiung des Prometheus, an den Felsen des Kaukasus geschlagen:

„Prometheus, der den Menschen den Blitz ausgeliefert, aber sie nicht gelehrt hatte, ihn gegen die Götter zu gebrauchen, weil er an den Mahlzeiten der Götter teilnahm, die mit den Menschen geteilt weniger reichlich ausgefallen wären, wurde wegen seiner Tat beziehungsweise wegen seiner Unterlassung im Auftrag der Götter von Hephaistos dem Schmied an den Kaukasus befestigt, wo ein hundsköpfiger Adler täglich von seiner immerwachsenden Leber aß. Der Adler, der ihn für eine teilweise eßbare, zu kleineren Bewegungen und, besonders wenn man von ihr aß, mißtönendem Gesang befähigte Gesteinspartie hielt, entleerte sich auch über ihn. Der Kot war seine Nahrung.“

(Heiner Müller, Befreiung des Prometheus, in „Zement“ als Prosa eingebettet. Mythos und Revolution verschlingen sich: Wiederkehr des Immergleichen. Die Haut des Marsyas. Es ist dies wohl einer der grausamsten Geschichten im Wettstreit der Kunst. Heiner Müller thematisiert diesen Aspekt nicht.)

Beides in einem: Revolutionär und Nutznießer beim Mahl der Götter. Poetisiert Heiner Müller die Revolution oder revoltiert er mit den Mitteln des Theaters gegen das starre Korsett der DDR-Nomenklatura? Die Klasse der Privilegierten, zu denen auch Heiner Müller gehörte? Mit dem Whisky-Glas in der Hand, im Transitbereich des Flughafens

MANCHMAL WENN ICH MEINE PRIVILEGIEN GENIESSE

Zum Beispiel im Flugzeug Whisky von Frankfurt nach (West)Berlin
Überfällt mich was die Idioten vom SPIEGEL meine
Wütende Liebe zu meinem Land nennen
Wild wie die Umarmung einer totgeglaubten
Herzkönigin am Jüngsten Tag

Und dazu diese rauschhaften, düsteren, ausmalenden Texte, ein paar wenige Substantive, die das Bild eröffnen, eine Szenerie wie eine Bildbeschreibung: starr und beweglich wie eine Photographie, Text, in den Moment gebannt. Sind Gedichte Dialog?:

GLÜCKLOSER ENGEL 2

Zwischen Stadt und Stadt
Nach der Mauer der Abgrund
Wind an den Schultern die fremde
Hand am einsamen Fleisch
Der Engel ich höre ihn noch
Aber er hat kein Gesicht mehr als
Deines das ich nicht kenne

Im Transitbereich der Flughäfen dieser Welt gedeiht das Gedicht und blüht die Phantasie. All die Nicht-Orte, in denen die Gedanken sprießen. Ich liebe diese Transiträume. Die Arbeit des Begriffes, die Arbeiten des Herakles: der Schuldzusammenhang, der sich unendlich fortschreibt. Benjamins Engel der Geschichte wirkt im Text von Heiner Müller fort. Mehrmals zitiert er ihn. Blick in den Osten. Die Nagelspuren der Geschichte. „Zement“ schriebt die Revolution als Notwendigkeit, als Farce und Arbeitslager: Das letzte Wort im Stück hat Tschibis: „Im Namen der Werktätigen fordern wir euch auf, eure Kräfte der Sowjetrepublik zur Verfügung zu stellen.“

Heute ist der 8. Mai – Tag der Befreiung vom Faschismus.

Unsichtbarkeiten – „Blindness and Insight“: Strukturen des Begehrens

„‚Vielleicht ist es gerade die Einfachheit der Sache,
die Ihnen den Blick trübt‘, meinte mein Freund“
(E.A. Poe, Der entwendete Brief)


 Nach eines langen Tages Ritt: Rückkehr ins Grandhotel Abgrund, unsichbar für meine Leserinnen und Leser: Heute, am 11.4., um es exakt zu datieren, ist der Weltunsichtbarkeitstag. Was es genau mit ihm für eine Bewandtnis hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Ist es der Tag der sehenden Blindheit, der Tag der Blendungen, der Tag der Verdrängungen, der Tag unseres Verschwindens im Orkus und im Har-Magedon, der Tag der Gespenster, der des Sich-Versteckens, wie es Kinder zuweilen spielen oder wenn sie sich die Augen zuhalten und nun glauben, selber nicht mehr gesehen zu werden, der Tag der verborgenen Strukturen, deren Aufdeckung die Aufgabe der Philosophie darstellt? Phänomenologisch gut möglich, wenn man sich in Maurice Merleau-Pontys Fragment gebliebenes Werk „Das Sichtbare und das Unsichtbare“ lesend hineinbegibt:

„Die Frage stellen: das unsichtbare Leben, die unsichtbare Gemeinschaft, der unsichtbare Andere, die unsichtbare Kultur.
Eine Phänomenologie der ‚anderen Welt‘ als Grenze einer Phänomenologie des Imaginären und des ‚Verborgenen‘ schreiben –“

 
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Überhaupt scheint der Blick, das Sehen eine nicht nur für die abendländische Rationalität wesentliche Weise des Wahrnehmens zu sein. All die Licht- und Optikmetaphern, die wir verwenden: Das reine Licht, das Vergrößern mit der Lupe, das Erleuchtete der Seele, das Lumen naturale als Licht der Aufklärung, der blinde Fleck als strukturierender Sehpunkt, der selber nicht gesehen werden kann, das Kaleidoskop als Modell von Erfahrung (so bei Adorno in der „Negativen Dialektik“), und das wohl bekannteste Gleichnis, das mit den Lichtmetaphern spielt, ist das von jener platonischen Höhle. Auch hier rangiert eine Ordnung des Unsichtbaren an höherer Stelle und der Schein scheint zu trügen und wirkt für die in der Unmittelbarkeit der Höhle gefesselten als Pseudos.

Licht, das überblendet. To see the white light: Noch im Angesicht des Todes scheint und dimmt das Licht in einem Zuge hin zu den erlöschenden Augen, so wie es in Kafkas Geschichte „Vor dem Gesetz“ erzählt, nein geschrieben wird: jener Einlaß begehrende Mann, jener im Warten harrende Höhlenbewohner aus dieser Welt:

„Schließlich wird sein Augenlicht schwach und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange.“

Oder die blinde Blumenverkäuferin in Charlie Chaplins „City Lights“, die vom Gehör aus sich orientiert und von dorther ihre Gedanken sowie ihre Gefühle ausrichtet. Sie kann den Vagabunden, der auf der Flucht vor der Polizei ist, weil er auf einer Arbeiterdemonstration durch unglücklichen Zufall eine rote Fahne schwenkte, und der mitten durch einen Wagen steigt und beim Verlassen des Fonds die Autotür beim Aussteigen hinter sich zuwirft, nur hören, aber nicht sehen, und so hält sie diesen Tramp, der ihr Blumen abkauft und ihr zudem ein fettes Trinkgeld überläßt – es ist das letzte Geld des Tramps – für einen reichen Mann: ihr Gesicht strahlt, wie eigentlich nur Gesichter im Stummfilm durch die Mimik erleuchtet sein können, während es sich bei dem Film doch um einen der ersten Tonfilme Chaplins handelt: Verzückung der Liebe, die auf dem Irrtum und der Verkennung beruht, und die doch der Wahrheit entspricht. Denn bekanntlich sieht man – so wird kolportiert – nur mit dem Herzen gut, jenem für die meisten unsichtbaren Organ, das lediglich der Chirurg zu Gesicht bekommt, wenn er den Thorax öffnet.

Aber der „annihilierendste Signifikant“, wie Jacques Lacan das Geld nennt, spielt am Ende dieser Verwechselungsszenerie keine Rolle. Dennoch bezieht diese Szene aus der unbewußten Täuschung ihre Komik: daß in der Ordnung der Figuren einer an die Stelle des anderen gesetzt wird. Liebe beruht auf dem Phantasma der Andersartigkeit, des Andersseins, Liebe ist die gelungene Täuschung, die nicht mit böser Absicht erfolgt, das Unsichtbare eines Begehrens in einem realen Leib, im Körper des oder der Anderen manifest werden läßt. In der Struktur jedoch überwiegen die Figuren der Latenz – wie bei jedem Phantasma. Die Erzählungen E.T.A. Hoffmanns aber auch die Detektivgeschichten E.A. Poes geben dafür zahlreiche Beispiele ab. Jener „entwendete Brief“; der unsichtbar und doch offensichtlich mitten auf dem Schreibtisch liegt, lieferte Anlaß zur Deutung. Es ist der Besitz des Briefes, nicht jedoch seine Verwendung, auf dem die Macht dieses Briefes beruht. Würde er verwendet, wäre es mit der Macht, die der Besitzer ausüben kann, zuende.

Unsichtbar aber sind auch all die Gespenster, die umgehen: das fängt mit Marx bekanntem Satz aus dem Kommunistischen Manifest an: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.“ Diesem „Märchen vom Gespenst des Kommunismus“ stellt Marx „ein Manifest der Partei selbst“ entgegen. Auch Kafka ging es in seiner Briefkorrespondenz mit Felice Bauer sowie später dann mit Milena Jesenská darum, dieser Gespenster Herr zu werden, sie zu bannen, zu besänftigen, sie zu beschwichtigen: „Briefe schreiben heißt sich vor den Gespenstern entblößen, worauf sie gierig warten. Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken …“ So formulierte es Kafka an Jesenská, Franz an Milena, diese wunderbaren geschriebenen Küsse verschwinden in der Ordnung des gespenstisch Unsichtbaren, es entleeren die Küsse sich auf ihrer Strecke, wie es nun einmal das Medium bedingt.

Unsichtbar auf eine mehrfache Weise sind ebenfalls all die „Sans Papiers“ in den westlichen Ländern, die in den Städten leben und auf irgendeine Weise ihr Auskommen finden müssen, die nicht aufgegriffen werden möchten, weil das ihr Ende bedeutet. Die meisten Menschen wollen sie nicht sehen und sie selber dürfen von der Ordnungsmacht nicht gesehen werden, weil ansonsten Abschiebe„gewahrsam“ (was für ein Euphemismus!), Ausweisung und Schlimmeres drohen.

Blendungsszenarien oder Verblendungszusammenhänge, in denen uns die Welt unsichtbar wird: Im „Kurier des Zaren“ wird Michael Strogoff mit einem glühenden Schwert geblendet. Er verfällt in die Finsternis, die Welt entgleitet dem Blick: doch nur vorübergehend, denn die Tränen, die er weinte, weil seine Mutter die Blendung mitansehen mußte, schützen vor der vollständigen Blendung. Blendung und Unsichtbarkeit lassen eine Linie hin bis zum Verblendungszusammenhang ziehen. Die Welt nähert sich in diesem Modus der der Lurche an; eine der schönsten Passagen aus der „Dialektik der Aufklärung“; die ja reich an poetischen Elementen ist, und die, wie jede Philosophie ebenso von einer Form der Rhetorik getragen wird (die „Strategie“ jedes Textes) lautet wie folgt:

„Die Eliminierung der Qualitäten, ihre Umrechnung in Funktionen überträgt sich von der Wissenschaft vermöge der rationalisierten Arbeitsweisen auf die Erfahrungswelt der Völker und ähnelt sie tendenziell wieder der der Lurche an. Die Regression der Massen heute ist die Unfähigkeit, mit eigenen Ohren Ungehörtes hören, Unergriffenes mit eigenen Händen tasten zu können, die neue Gestalt der Verblendung, die jede besiegte mythische ablöst. Durch die Vermittlung der totalen, alle Beziehungen und Regungen erfassenden Gesellschaft hindurch werden die Menschen zu eben dem wieder gemacht, wogegen sich das Entwicklungsgesetz der Gesellschaft, das Prinzip des Selbst gekehrt hatte: zu bloßen Gattungswesen, einander gleich durch Isolierung in der zwangshaft gelenkten Kollektivität. Die Ruderer [auf dem Schiff des Odysseus, als es an den Sirenen vorbeifährt, deren Gesang sie nicht lauschen dürfen, Hinweis Bersarin], die nicht zueinander sprechen können, sind einer wie der andere im gleichen Takte eingespannt wie der moderne Arbeiter in der Fabrik, im Kino und im Kollektiv. Die konkreten Arbeitsbedingungen in der Gesellschaft erzwingen den Konformismus und nicht die bewußten Beeinflussungen, welche zusätzlich die unterdrückten Menschen dumm machten und von der Wahrheit abzögen. Die Ohnmacht der Arbeiter ist nicht bloß eine Finte der Herrschenden, sondern die logische Konsequenz der Industriegesellschaft, in die das antike Fatum unter der Anstrengung, ihm zu entgehen, sich schließlich gewandelt hat.“ (Th.W. Adorno, Dialektik der Aufklärung)

Auch eine Weise der Unsichtbarkeit: das Wirken der Macht. Michel Foucault, der schrieb, daß ihm die „Dialektik der Aufklärung“ manchen Umweg erspart hätte, wenn er sie denn früher gelesen hätte, knüpft an diesem Punkt an und setzt die strukturierende Macht, deren Dispositive, in den Blick der Philosophie. Wer Augen zu sehen und lesen hat, kann dieser Macht gewahr werden. Die Machtverhältnisse durchziehen noch das Körperinnere. De Sade als Sergeant des Sex, wie Foucault an einer Stelle schrieb.

Die fünf Sinne. Davon wird der taktile Sinn, der Tastsinn eben, häufig verdrängt. Daß es Berührungen sind, Gesten, die nicht nur gesehen werden wollen, sondern die wir spüren, wenn sich die Hand auf die Haut legt. Alles andere bleibt Text.

Im Sinne der Dekonstruktion in den Literaturwissenschaften heißt eines der Hauptwerke Paul de Mans „Blindness and Insight“. Die Einsicht als Begriff, der dem Gesichtssinn entnommen wurde: zu erkennen und zu sehen, und dabei dennoch am Ende den untergründig webenden Strukturen aufzusitzen, die sich dem Blick und damit auch jeglichem Gesichtssinn entziehen. Dem Beobachter erster Ordnung läßt sich einer der zweiten und diesem einer der dritten beiseite stellen. Unendlicher Regreß, in dem das Denken an sich selber irre zu werden droht und dem Hegel eine umfassend gebildete Vernunft entgegenstellte, die die Paradoxie jener schlechten Unendlichkeit im Geist selber aufhob.

Als Odysseus nach langer Irrfahrt in heimatliche Gefilde auf die Insel Ithaka zurückkehrte und mit Athenes Hilfe dort die Gestalt eines Bettlers annahm, um an den Freiern, die Penlope bedrängten und belagerten,  Rache zu nehmen und sie zu töten, erkannte ihn bei seiner Heimkunft lediglich sein bereits dem Tode naher Hund Argos. Den Freiern der Penelope erging es schlecht, und erst auf dem Lager, wo Odysseus das Geheimnis offenbarte, daß neben seiner Gemahlin nur er wissen konnte, vereinigten sie sich in Liebe. Beschwerlich, wie es bei älteren Menschen üblich ist.

Nachdem Theseus den Minotauros tötete, fand der griechische Held aus dem dunklen Höhlenlabyrinth des Minotauros lediglich taktil mit Hilfe eines Fadens, welcher von Ariadne stammte. Höhlen besitzen die Eigenschaft, ohne Licht bzw. Feuer relativ dunkel zu sein. Bedauerlicherweise wurde jene helfende, liebende Frau namens Ariadne auf der Fahrt des Theseus von Kreta zurück in seine Heimat Athen auf der Insel Naxos zurückgelassen, so wie manche Männer ihre Frauen auf einer Autobahnraststätte unwillkürlich vergessen und weiterfahren, während die Frau noch im Gaststätten- oder Toiletteninnenraum der Verrichtungen harrt: On the road again.

In den Dionysos-Dithyramben schrieb Nietzsche von der Marter jener Liebe der Ariadne, die in ihrer Qual erst hassen mußte, um lieben zu können und bis jener Gott des Rausches und des Taumels, der Verzückung und des heiligen Weines, dem sie von Anbeginn versprochen war, sich aus seiner Unsichtbarkeit heraus zu erkennen gibt: Brot und Wein. Christus gegen Dionysos, North by Northwest.

„Eine Phänomenologie der ‚anderen Welt‘ als Grenze einer Phänomenologie des Imaginären und des ‚Verborgenen‘ schreiben –“ Dazu gehört auch: Das Begehren, das Phantasma und die Wildheit einer Liebe in einen Text zu bringen, deren Grund ganz und gar im Verborgenen und im Unsichtbaren liegt. Aletheia als dialektische und phänomenologische Analyse. Den Strom der Lethe zu brechen und im Akt potenzierten Begehrens zugleich daraus zu trinken. Mémoire involontaire.

Daily Diary (98) – „Die künstlichen Paradiese“: Ghostdancer

„das, was ankommt oder auch nicht ankommen kann …“ (J. Derrida, Falschgeld, Zeit geben I)

Jede Sendung und jedes Geschick, ob im Rahmen der Brief- bzw. der Tele-Kommunikation oder aber in sonst einer Variante der Übertragung und der Medien (wozu auch die Telepathie, die Kommunikation der Empfindungen, und zwar als Emphase, wenn zwei Menschen gemeinsamen denken, sowie das Raunen der Geisterseher gehören), besitzt die Fähigkeit, ihren Empfänger zu verfehlen. Weil jene Sendung nicht zugestellt wird, weil sie irgendwo verloren geht, weil sie liegen bleibt und von einem Kanal in einen ganz anderen geleitet wird. Aber auch, weil etwas mit Bedacht ganz offensichtlich deponiert wird, um sich den Blicken gerade dadurch zu entziehen. Dies ist – im Sinne jener Poeschen Detektivgeschichte – die Theorie des entwendeten Briefes, wie sie Lacan als Facteur der Wahrheit und Derrida in je unterschiedlicher Weise lesen. Ein Brief kann sehr wohl niemals ankommen oder absolut unlesbar bleiben, so Derrida. Dagegen hilft keine hermeneutische oder dechiffrierende detektivische Erkenntnis.

Ist es in der Lesart Lacans das Spiegelverhältnis, das sich in der Lektüre spiegelnd erneuert und als eines der (verdrehten) kommunikativen Anerkennung sodann in Szene setzt? Unübersehbar zumindest bleibt der Geist Hegels: Die Lösung des entwendeten Briefes ist, laut Lacan, mit Leichtigkeit und am hellichten Tage zu lesen „und zwar nach der Formel der intersubjektiven Kommunikation, mit der wir Sie schon seit langem vertraut gemacht haben: Ihr zufolge, sagen wir, empfängt der Sender seine Botschaft vom Empfänger in umgekehrter Form wieder. Somit will ‚entwendeter‘, eben ‚unzustellbarer Brief‘ besagen, ein Brief (eine Letter) erreiche immer seinen (ihren) Bestimmungsort.“ (J. Lacan, Das Seminar über E. A. Poes „Der entwendete Brief“, in: Schriften I)

In der Abgeschiedenheit und im Pathos des Subjektphilosophen, der die Wahl und die Freiheit halluzinierte, sind es immer diese Kastanienwurzeln, die wir, in einem Park auf einer Bank sitzend, anblicken. Egal ob im Jardin du Luxemburg, mitten in Paris, zwischen den Statuen und den Bäumen, die schlank und französisch in Reihe stehen, oder im Park von Bouville. Charles Baudelaires „Die künstlichen Paradiese“ beginnen mit jenem treffenden, zutreffenden Satz:

„Der gesunde Menschenverstand sagt uns, daß die Dinge dieser Erde kein rechtes Dasein haben, und daß die wahre Wirklichkeit nur in den Träumen liegt. Um das natürliche – wie das künstliche – Glück zu verdauen, muß man zuvor den Mut haben, es hinunterzuschlucken; und diejenigen, welche das Glück vielleicht verdient hätte, sind eben jene, denen die Glückseligkeit, so wie die Sterblichen sie verstehen, stets einen Brechreiz verursacht hat.“

Auch die Dichtung ist eines dieser künstlichen Paradiese – Baudelaires Blumen des Bösen zeigen es als Wucht des Rausches in Sprache und Bild  auf das Paris des 19. Jahrhunderts, eingefroren wie eine Photographie. Ebenfalls zählt die Philosophie zu den künstlichen Paradiesen – zumindest dort, wo sie im Geiste der Romantik symphilosophisch wird. Die Töne zu entgrenzen, ohne sie in eins zu bekommen. Die Briefe und all diese Schriften auf 140 Zeichen gebracht und in ein Smartphone getippt. Die Droge wirkt aber nur noch bedingt als eine Entgrenzung. Kerouacs kulturindustriell-funktional fabrizierter Roman Unterwegs, der den Surrealismus als Warenwert imitiert, zeigt dies, und bereits aus diesem Werk heraus läßt sich der US-Reaktionär und Redneck lesen, zu dem Kerouac dann später auch wurde. Die künstlichen Paradiese und die inszenierte Unmittelbarkeit liegen, wie auch die Lust, nahe zur Welt der Waren und sind käuflich. Mise en abyme.

 
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Texte und Gewebe, und dahinter. Die Schleier. Die Auslegung des Buches, die Lektüre der Schrift

Eine Kunstkritik im Sinne der literarischen, der deutschen Romantik? Zumindest heute ein Tag ohne Heideggers Verstrickungen. Text und Lektüre als Dekonstruktion und als Wirken des Werkes – freilich nicht im Sinne einer Rezeptionsästhetik.

Daß ausgerechnet ein Philosoph und Theologe mit dem Namen Friedrich Schleiermacher als Begründer der modernen Hermeneutik genannt wird, erscheint sinn- und geistreich: der Name ist ein Zeichen. Aber ich werde sicherlich nicht der erste gewesen sein, der dieses Spiel mit dem Namen, zwischen Hermeneutik und Dekonstruktion treidelnd, entdeckte. Für manche mag im Hinblick auf die Lektüre von Texten bzw. von Kunst jener Satz aus Goethes Faust Richtigkeit beanspruchen: „Gefühl ist alles; Name ist Schall und Rauch.“ Wenn man freilich Gefühl mit phronesis paart und ein Gespür für die Strukturierung, das Spielen und Schimmern des Textes aufbringt, mag der Satz Goethes sogar stimmen. Andererseits läßt sich – manchmal auch im Sinne der Onomatopoesie – das Wesen ebenso aus dem Namen lesen. Es verweist der Eigenname auf den Wiederspruch bzw. die Aporie: daß es im Feld der Auslegung kein Ende des Textes gibt, daß sich die Schichten des Texten überlagern, überdecken, einander zudecken in den verschiedenen Weisen der Lektüre. Daß jegliche Lektüre die Schleier nicht nur produziert, sondern fortwebt und als Geflecht und Spiel und Spur der Schleier diese potenziert. Stéphane Mallarmé Würfelwurf. „Toute Pensée emet un Coup de Dés“

Dieser Umstand der Schichtungen und der Umschriften bedeutet nicht, daß – ganz im Sinne des Diskurses der Hermeneutik – jegliche Auslegung vorläufig und tentativen Charakters sei, wenngleich die Wahrheit der Hermeneutik ebenso wenig abstrakt zu negieren sei, wodurch wir ins Schema der Oppositionsbildungen verfielen, sondern jegliche Auslegung ist Teil eines umfangreichen Textes. Vergleichbar vielleicht mit dem Talmud oder einem unendlichen Kommentar. Samt der Kritik. Aber solche Kritik des Kunstwerkes ist im Sinne von Walter Benjamin konzipiert; überspitzt formuliert, schreibt Benjamin die romantische These der Schlegelschen Romantik fort, daß das Kunstwerk durch die Kritik nicht nur ergänzt, sondern in der Bewegung der kritisch-sichtenden Annäherung sogar erst „eigentlich“ zu einem Kunstwerk würde – zu fragen bleibt dabei freilich, ob dies eine (asymptotische) Annäherung an ein Ideal bleibt, oder ob bereits die Bewegung des Asymtotischen das Werk selber bedeutet. Die Kritik selber ist ein Kunstwerk, zumindest dann, wenn sie sich ans Werk schmiegt, sich ihm hingibt, sich ihm über-läßt.

Walter Benjamin schreibt in seinem Text über Goethes „Wahlverwandtschaften“:

„Die Kritik sucht den Wahrheitsgehalt eines Kunstwerks, der Kommentar seinen Sachgehalt. Das Verhältnis der beiden bestimmt jenes Grundgesetz des Schrifttums, demzufolge der Wahrheitsgehalt eines Werkes, je bedeutender es ist, desto unscheinbarer und inniger seinem Sachgehalt gebunden ist.“

Insbesondere im Hinblick auf das (fundierte) ästhetische Urteil, das nicht bloß im Gefällig-Gefühlten „Find-ick-jut“ des Kunstschlürfens sich erschöpft, ist dieser Text Benjamins bedeutsam. Aus diesem Grunde auch wählte Benjamin das Eingangszitat zu seinem  Text klug: „Wer blind wählt, dem schlägt Opferdampf in die Augen.“ (Klopstock) Allerdings weist diese Eröffnung in seiner Geste bereits in mehrere Richtungen, denn auch die Liebe scheint manchmal ein seltsames Spiel, wie schon der deutsche Schlager wußte. Sie geht von einem zum anderen. Die Frage der Wahl bleibt kompliziert. Eine absolute Theorie, eine absolute Begründung gibt es nicht. Wie es keinen absoluten Text gibt. Aber es gibt Texte. Viel, ineinander geknäult. Verschlungen, als Gift und als Heilmittel träufeln sie in die Augen. Im Zwischenraum der weißen Flächen.

„Ein Text ist nur dann ein Text, wenn er dem ersten Blick, dem ersten, der daher kommt, das Gesetz seiner Zusammensetzung und die Regel seines Spiels verbirgt. Ein Text bleibt im übrigen stets unwahrnehmbar. Nicht, daß das Gesetz und die Regel Unterschlupf fänden im Unzugänglichen eines Geheimnisses – sie geben sich schlechthin niemals preis: der Gegenwart, einem solchen, das man in strengem Sinne eine Wahrnehmung nennen könnte.

In der Gefahr, stets und wesensmäßig, derart endgültig verlorenzugehen. Wer wird je um ein solches Verschwinden wissen?

Die Verschleierung der Textur kann durchaus Jahrhunderte erfordern, ihr Gewebe (toile) freizulegen. Gewebe umhüllendes Gewebe. Jahrhunderte, das Gewebe freizulegen. Es also einem Organismus gleich wiederherstellend. Endlos sein eigenes Weben (tissu) registrierend hinter der schneidenden Spur, Dezision einer jeden Lektüre. Der Anatomie oder Physiologie einer Kritik immer eine Überraschung vorbehaltend, die glaubte, Herr des Spiels zu sein, alle Fäden davon zugleich zu überwachen, sich so dem Trug hingebend, den Text erblicken zu wollen, ohne daran zu rühren, ohne an den ‚Gegenstand‘ Hand zu anzulegen, …“ (Jacques Derrida, Platons Pharmazie)

Der oder die erste, die daherkommt. Die erste, die den Text erblickt, ihn anblickt und damit in eine Form des Lebens bringt. Und es bleibt als Risiko der Lektüre immer: das Verschwinden, das Nichts. Als Spiel einer differánce. Ursprünglich, einschneidend, aber ohne Zentrum. Ich imaginiere den Rauch der Zigaretten. Es gibt keinen Herrn des Spiels und keine Frau des Spiels. Nō -Theater. Der Text verbirgt sein Antlitz. Darin liegt seine Stärke. Jeder Text ist unendlich mehr als seine Schöpferin oder sein Schöpfer. Die Utopie der Erkenntnis wäre das Intentionslose, das dennoch nicht gleichgültig bleibt und im Belieben steht, in einer Anordnung von Epitaphen und Texten aufzutun.

„Ein Würfelwurf niemals wäre er auch geworfen unter ewigen Sternzeichen aus der Tiefe eines Scheiterns niemals auslöschen wird den Zufall“ (St. Mallarmé)