Berlin, 26.4.: Keine NPD-Demonstration in Kreuzberg

Für die Leserinnen und Leser ohne Berlin-Kenntnis sei soviel berichtet: Am Samstag versuchte die NPD, eine Demonstration durch Kreuzberg zu starten, und zwar bis zum ehemaligen Flüchtlingscamp am Oranienplatz. Diese Route wurde ihnen nicht genehmigt, stattdessen sollte es über den Moritzplatz in die Rudi-Dutschke-Straße gehen. Die Kundgebung der NPD begann am S-Bahnhof Jannowitzbrücke, es reisten rund 100 Faschisten an. Sie kamen etwa 100 Meter weit, weil sämtliche Zu- und Ausgänge nach Kreuzberg als auch nach Mitte hin von tausenden Menschen blockiert wurden. Ich habe von diesem Protest einige Photographien gemacht, die es auf Proteus Image zu sehen gibt.

Immer wieder hat die Polizei aus der Menge heraus einzelne Gegendemonstranten verhaftet. Ich zeige aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes diejenigen Photographien nicht, wo die Person zu identifizieren ist. Das bedeutet leider für mich, daß ich einige spektakuläre Bilder nicht präsentieren kann. Gesichter mache ich ansonsten auf meinen Photographien grundsätzlich nicht unkenntlich, weil das der Ansicht eines Bildes abträglich ist. Photographien von Menschen leben von dem Gesichtsausdruck und nicht von Querbalken oder kreisförmig unscharf gesetzten Gesichtern. Das gilt auch für Photographien auf Demos.

Für mich bleibt die Frage, ob ich am 1. Mai photographieren soll. Meine Kondition ist schlecht, ich habe kein Lauftraining absolviert und eigentlich habe ich keine Lust mehr, daß Böller neben mir einschlagen.

Wie sehr eine Dokumentar-Photographie am Ende vom Kontext und der Beschriftung lebt und eben nicht als Dokument für sich selber sprechen kann – keine Dokumentar-Photographie vermag dies, sie muß immer durch einen Text beglaubigt werden – zeigt jenes Bild:
 
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Darauf ist ein Mann zu sehen, der gestikuliert. Man könnte meinen, er schimpfte auf die Polizei oder auf die Nazis. Aber das ist nicht der Fall gewesen. Jener Mann gehört jedoch ebensowenig in den NPD-Kontext, sondern er offenbart vielmehr die Skurrilität des Lebens. Denn es fragt jener Mann die um ihn stehenden Polizisten, ob sie die Rufe der Demonstranten gerade eben gehört haben, dies könne die Polizei nicht einfach hinnehmen und es sei die Pflicht der Beamten, gegen solche despektierlichen Äußerungen vorzugehen und die Rufer sofort festzusetzen und ob so ein Verhalten hier und heute denn üblich sei, das könne nicht akzeptiert werden, schon gar nicht von der Staatsmacht, die Polizei habe sich gefälligst ein solch freches Verhalten nicht bieten zu lassen. Einsam schwieg der Polizist, die Sonne brannte unter dem Himmel Berlins auf Schwätzer und Weise, auf Gerechte, Selbstgerechte und Ungerechte gleichermaßen.

25 de Abril – Grândola, Vila Morena …

Es ist einerseits fein anzusehen, daß – anders als in der BRD – ein politischer Anlaß immerhin über 10.0000 Menschen mit unterschiedlichen politischen Ausrichtungen auf die Straße treiben kann. An einem Tag wie diesem, der in Portugal ein Feiertag ist. In dem Demonstrationszug gehen viele ältere Frauen und Männer mit – alle tragen Nelken im Knopfloch oder am Revers. Am Straßenrand stehen Menschen mit Nelken in der Hand, die nicht wie die idealtypischen Teilnehmer von Demonstrationen aussehen.

 
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Immer wieder wird von den Menschen jenes Lied gesungen, das den Auftakt zur Revolution gab: „Grândola, Vila Morena“, in dieser Nacht vom 24. auf den 25. April 1974, als sich Teile des Militärs gegen die Diktatur erhoben, als die Menschen auf den Straßen den Soldaten Nelken in die Gewehre steckten. Einige der Alten im Zug haben Tränen in den Augen oder sehen sehr bewegt drein, denn diese Frauen und Männer haben an einem großen Ereignis teilgenommen: sie beseitigten eine der am längsten währenden Diktaturen Europas. Es sind in diesem Demonstrationszug ebenfalls jungen Menschen versammelt – todo Lissabon sozusagen. Im Block der Jungen, die mit dem Revolutions-Tand der Alten nichts mehr zu tun haben wollen, ertönt Pop-Musik: von den Sex Pistols bis zu Johnny Cash.

Aber gleichzeitig ist eine solche Demonstration – wie auch der 1. Mai, den in der BRD der DGB veranstaltet – zum bloßen Ritual einer Selbstvergewisserung herabgesunken. Die Probleme wandelten sich.
 
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Die Diktatur ist eine andere, sie ist – weitgehend – unsichtbar geworden, außer für die, welche an den Straßenrändern und auch an anderen Positionen genauer hinschauen und für die, welche monetär nicht mehr ganz mitkommen. Aber auch zu deren Ablenkung ist durch Pop und Glotze gut gesorgt. Und der Sozialdemokratismus sowie die Grünen sind Teil dieses Problems und nicht die Lösung.

Wenn aus dem Alten, aus den Überlieferungen oder Legenden nicht der Funken für Neues geschlagen wird, verbleibt die Angelegenheit in der bloßen Traditionspflege, sie gerät unkritisch und dient allein noch der Selbstaffektion. Eine umfassend verstandene Tradition aber schließt Selbstbesinnung und die Aufgeschlossenheit für das Neue mit ein.

Immerhin: es gehen in Spanien, Griechenland und Portugal die Menschen auf die Straße.

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Editorische Nachbemerkung: Bei Frauen, die ich irgendwie sexy finde, läuft in meinem Bildbearbeitungsprogramm, das auf diesem kleinen, schwachen, schmal- oder flachbrüstigen Rechner installiert ist, ein grüner Balken durchs Bild. Denn dieses Programm, welches ich nach meiner Reise wieder deinstallieren werde, kann Gedanken ahnen und lesen.

Brandenburger Tor und Protest

Seit dem 24.10. hungerstreiken vor dem Brandenburger Tor einige der Flüchtlinge, die von Würzburg aus ihren Protestmarsch nach Berlin antraten, um gegen haarsträubende Lebensbedingungen in den Asylunterkünften und gegen das Asylrecht in der BRD zu protestieren. Zum Beispiel gegen den Zwang, bestimmte Regionen nicht verlassen zu dürfen – euphemistisch Residenzpflicht genannt.

Nachlesen über aktuelles Geschehen und informieren kann man sich hier.

Dieser Hungerstreik wird von verschiedenen Staatsstellen zwar geduldet, aber insgeheim hoffen die Regierenden auf das Wetter – auf Kälte, Regen, Schnee. Zelte und schützende Aufbauten sind grundsätzlich verboten und wurden von der Polizei sofort entfernt. Die Strategie der Polizei ist eindeutig: Tagsüber gibt die Polizei den netten Bullenonkel und macht den Grüßaugust. Nachts hingegen werden Isomatten, Schlafsäcke und andere wärmende Gegenstände gewaltsam entfernt. Der Umgang der Bullen wird, sobald die Dunkelheit einbricht und die Zuschauer sowie die Touristen fort sind, hart, es wird die strenge Linie gefahren. Schließlich gibt es zu dieser Zeit nur wenige Zeugen. Darüber braucht man sich nicht zu empören, weil es nicht anders zu erwarten ist.

Der für diesen Bereich zuständige Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke (und nun raten Sie, welcher Partei er angehört: Na?), zudem Leiter der Abteilung Gesundheit, Personal und Finanzen, schweigt, hält sich bedeckt, so wie eh und je die SPD sich bedeckt hielt. Inzwischen wurde gegen Dr. Christian Hanke und den Innensenator Frank Henkel von Privatpersonen Strafanzeige gestellt. Diese Aktion dürfte eher symbolischer Natur sein und im Sand verlaufen. Aber das ist egal, weil dadurch immerhin ein Medienecho, sei es auch noch so klein, geschaffen wird.

Eine Freundin, die am Brandenburger Tor nächtigte, schilderte mir die Situation, der die Menschen in der Kälte ausgesetzt sind, als entwürdigend und das Vorgehen der Polizei als unverhältnismäßig.

„Wir, die hungerstreikenden Flüchtlinge und die Aktivisten, haben friedlich demonstriert. Die Polizei entwendete mit Gewalt Schlafsäcke, Isomatten, Wolldecken und sogar Pappe! Es wurde uns von den Polizisten ständig ins Gesicht geleuchtet, wir wurden immer wieder fotografiert und gefilmt. Mehrere von uns wurden verhaftet und es gab Verletzte. Ich selbst war gen Morgen so stark unterkühlt, dass ich vor Schmerzen kaum noch gehen konnte. Meine Bewunderung und mein Respekt gilt den Flüchtlingen. Soviel Mut, soviel Zusammenhalt und soviel Liebenswürdigkeit. Schämt Euch, Ihr, die Ihr Menschen abscheulicher als Tiere behandelt !!! Und wir brüllen Euch weiter ins Gesicht: Kein Schlafsack ist illegal, denn schlafen woll’n wir überall !!!“

Sicherlich ist dieser Blog nicht wirkungsmächtig, aber es kann trotzdem nicht schaden, daß alle die, welche in Berlin leben, am Brandenburger Tor vorbeischauen und nützliche Dinge oder Geld mitbringen, um diese Aktion zu unterstützen. Vielleicht auch, sich dazuzusetzen, sofern Zeit und Kraft da ist. Schlafsäcke oder Isomatten brauchen in der Kälte nicht mitgebracht zu werden, weil sie vom Bullenpack weggestohlen werden. Wärmende Kleidung hingegen ist erlaubt. Zu bewundern sind vor allem die Menschen, welche sich nachts mit dazusetzen und ausharren. Weshalb gibt es eigentlich bei den Zeitungen keine Reporter, die sich nachts mal auf den Weg dahin machen, sich mit aufs Pflaster hocken und darüber schreiben? Die Seite drei einer Zeitung ist in der Regel für solche Reportagen vorgesehen.

Schlimm ist – nebenbei gesprochen – der Alltagsrassismus, der sich während solcher Anlässe zeigt. Was ich von Touristen, die dort standen, hörte, spottet jeder Beschreibung. Ich frage mich, wie man derart ohne jedes Herz und ohne jeden Verstand sein kann: Aber die Mechanismen, die das Bewußtsein zurichten, sind im Grunde ja bekannt. Identifikation mit dem Aggressor ist nur ein Stichwort dazu. Hätten diese Menschen, die da am Brandenburger Tor ausharren, hungern und Protest anmelden, für die Senkung der Kraftstoffpreise demonstriert – bei gleicher Hautfarbe und bei gleicher Situation –: es fiele das Echo im SpOn-Forum und vor Ort anders aus! Wer sich ein Bild von dieser Art von Diskussion machen will und mit welcher Unbarmherzigkeit bestimmte Menschen denken, der braucht nur in den Diskussionsthreat bei SpOn zu schauen.

Interessant – pars pro toto – auch solche Kommentare:

#191 28.10.2012 18:39 von stufenbarren

Das wird ja immer lächerlicher. Selbst schuld, sie sitzen freiwillig dort. Ich frage mich immer, wer solchen „verfolgten“ Leuten immer das große ABC des „wie forder ich erfolgreich mehr(vor allen Dingen Geld)-und mache das Land, welches mir armen verfolgten Menschen Asyl gewährt und Unterhalt zahlt am besten schlecht. Typischerweise berichtet der Spiegel natürlich nicht, daß die Polizisten bereits beschimpft und beworfen wurden. Würden sie sich das gegenüber Poilzisten in Ihren Heimatländern auch erlauben? Und wer bringt ihnen bei, daß man das ungestraft in Deutschland tun darf???

Würde der Spiegel mal MIT Forum über die Trauerfeier für den ermordeten Johnny K. berichten, daß ist m.E. weitaus wichtiger! Aber ach nee, der Täter war ja kein Deutscher den man für rechts erklären kann… also unwichtig. Beschämend!

Nomen est omen: das Deutsche Turnreck tönt: NPD oder ähnliches, so steht zu vermuten, in den SpOn-Foren, die dort als Meinungsmacher und Anheizer agiert – natürlich gedeckt durch die freie Meinungsäußerung und sich auf den gesunden Menschenverstand berufend, jener Verstand, der sich seinen Standortvorteil beharrlich sichern möchte.

Aber wie es der Blogger Che2001 – sinngemäß wiedergegeben – so schön formulierte, wenn gegen den Mißbrauch von Asylrechten geschrien wurde: Wir haben doch 1990 auch 17 Millionen Wirtschaftsflüchtlinge aufnehmen können.

Wer sich für die rhetorische Brillanz polizeilicher Einsatzleitung interessiert, die oder der mögen hier schauen:

Daily Diary (28) – 1. Mai in Berlin

Ich sage es gleich vorweg: Mir tun jetzt noch die Arme und die Beine weh, weil ich lief, mich den Tag über in schwüler Hitze bewegte, in Hinterhöfe rannt, über hohe Metallzäune kletterte, um den Polizeieinkesselungen zu entkommen, mir die Hand am tückischen Dornenstrauch verletzte und den Zeh verstauchte. Diese Kletterei über Zäune spielte sich im Gegensatz zu den anderen Menschen, die 20 bis 25 Jahre jünger als ich sind, mit 6 Kilogramm Ausrüstung ab. Gut, gut: das, was ich hier gerade machte, ist ein sehr egozentrischer Auftakt. Aber auch das Private ist bekanntlich politisch. Die Photographien von diesem Tag gibt es wie immer auf Proteus Image zu sehen.

Vor der Demonstranten ging eine Kundgebung gegen Mietsteigerungen durch das Viertel. In der Reichenberger Straße wurde die Straße von beiden Seiten mit Polizei dichtgemacht, so daß niemand mehr herauskonnte.

Die 18 Uhr-Demonstration begann 1 ½ Stunden verspätet am Lausitzer Platz, dort wo vor 25 Jahren die Bolle-Filiale abbrannte und der Druck im Kessel sich entlud. Und so lautete das Motto der diesjährigen 1. Mai-Demo auch: „Der Druck steigt!“ (Nein, Plünderungen sind nicht gut, aber sie zeigen an, wie es um eine Gesellschaft bestellt ist. Wie in London vor einem Jahr: die Menschen besorgen sich die High-Tech-Geräte, welche ihnen jeden Tag in der Werbung vorgeführt werden, auf ihre eigene Weise. Und daran sieht die Industrie doch sehr gut: Werbung funktioniert!)

Zum Auftakt hielt Jutta Dithfurt eine sehr gute Rede, die insbesondere diesen ganzen inszenierten Titanic-Schmonzes, der uns die letzte Zeit dargeboten wurde, in Korrelation mit den getöteten Flüchtlingen im Mittelmeer brachte. Zudem verwies sie darauf, daß in all diesen Filmen und Berichten über das Schiffsunglück kaum einer der ersoffenen Arbeiter aus den Maschinen- und Arbeitsräumen unter Deck vorkam. Sehr gut gefiel mir, daß sie insbesondere dazu riet, die Waffe der Kritik zu schärfen. Veränderungen von Gesellschaft gibt es nicht in einem Jenseits, durch den Guru, durch den Dalai Lama oder Zen-Gequatsche, sondern einzig immanent, hier im irdischen Leben.

Gegen 19:30 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. Aus Solidarität mir dem Glaserhandwerk, da es dem Mittelstand und dem Kleingewerbe wirtschaftlich nicht sonders gut geht, wurden zum Auftakt die Fenster einer Berliner Sparkasse entglast.

Beim Springer-Haus geriet die Veranstaltung aus den Fugen, die Menge wurde in Richtung Jüdisches Museum gedrängt. Davor standen auffällig wenig Polizeiketten. Und da es zum Leidwesen der Springerpresse und auch anderer Medien zur Beschädigung des Jüdischen Museums nicht kam, so mußte in der Berichterstattung wenigsten das Polizei-Wachhäuschen vor dem Museum herhalten: „hatten Demonstranten Steine auf ein Wachhäuschen vor dem Jüdischen Museum geworfen.“ So Morgenpost Online.

Taktik der Polizei war es, in kleinen Zügen inmitten der Menge zu stehen und ggf. von dort aus zu agieren. Hinzu kamen dann bei Bedarf die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit, die sich vereinzelt Menschen herausgriffen. Die Taktik bei dieser Art von Bad in der Menge besteht darin, daß die Polizei nicht mit Gegenständen beworfen werden kann, da solche Würfe womöglich auch die Demonstranten treffen könnten.

Ach ja und übrigens: Die Frau mit der Hamburg-Jacke auf einem der Bilder: das ist genau mein Typ von Frau. (Hier stehe ich und kann nicht anders.)

Nicht unterschlagen werden soll zum Schluß, daß wir der Deutschen Bank für das Sponsoring der Deutschen Polizei danken. Jetzt tragen sie sogar das Logo dieser Anstalt, wenngleich in Polizeigrün.

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Nachschlagender Nachtrag zur Occupy-Veranstaltung in Berlin

Ich habe es erst nach einer Woche endlich geschafft, die Photos zu sichten, deshalb gibt es diese Bilder samt einem Bericht verspätet.

Auf dem Platz vor dem Neptunbrunnen saßen oder tummelten diverse Menschen – Alte und Junge, ganz normal Gekleidete und die Verwegenen, sogar das BüSo beteiligte sich, was kein gutes Omen abgibt. Bei der DKP, nicht anders als früher, wehte im Wind ein rotes Fahnenmeer. Das kommt davon, daß jeder DKP-Teilnehmer in seinen Händen je zwei Fahnen – ich hätte beinahe geschrieben Winkelement – halten muß. Der Höhepunkt war wohl eine Gruppe junger Möchtegern- oder Halbhippies, die auf dem Boden sitzend zum Gitarrenspiel „Über den Wolken“ sangen. Was sollen wir sagen?: Dies ist der Beginn einer machtvollen und kräftigen, weltweiten Revolution: We shall not be moved, shall overcome, and overrun at least. Von deutschem Boden darf nie wieder ein Lied ausgehen. Wenn es im Oberstübchen bereits hapert und klemmt, wenn zentrale Elemente des Hirns zerfressen oder zersungen sind, dann weiß ich eigentlich nicht, wie es in der Theorie, in der Reflexion, mithin beim Begreifen von Gesellschaft und ihrem Zustand noch laufen soll. Dem folgte also deutscher Gesang. Ich war schon kurz vor dem Reißausnehmen, denn solch eine Gesangs-Scheiße muß ich mir nicht antun. Wo man singt Friedenslieder, da laß Dich nicht nieder, denn nur Derangierte singen solches immer wieder. In meinen schlimmsten friedensökologisch-hippiebewegten Schulzeiten – nicht ich selber, aber vermittelt über Schulfrauen in lila Latzhosen und ähnlichem, denen man sich ja doch nicht entziehen konnte, wenn die Zahl der Flachlegungen oder Halbflachlegungen als ordentlicher Oberschüler halbwegs stimmen sollte – sangen wir nicht solchen Grottenschrott. Es muß ja nicht immer das ewiggleiche Slime-Gedröhns, Holger Burner oder „Ton Steine Scherben“ sein.

Ich wollte ursprünglich die Bilder zur Occupy Berlin-Veranstaltung hier in diesen Text einbauen, aber ich habe nicht viel Zeit heute, es ist mir zu mühsam, danken tut es einem sowieso keiner, also gibt es die Photos auf Proteus Image zu sehen.

Zum Auftakt des Protestes preschte eine Gruppe, die sich autonom und anticapitalista gab, mit einem Transparent vor den Beginn des Zuges, drängte sich auf die Spandauer Straße vor einen armseligen Veranstalterlautsprecherwagen, dessen Boxenton nicht einmal zwanzig Meter weit reichte. „Wer hat euch denn zur Avantgarde gemacht?“, pflaumte eine herankommende Fahradfrau herum. Na ja, was soll man darauf antworten? Zur Avantgarde wird man nicht gemacht – entweder man ist es oder man ist es nicht. So zumindest ging das seinerzeit in der Kunst und in der Politik ab. Aber Avantgarde war die Anticapitalista-Gruppe mitnichten. So lief der Zug mit den üblichen Rufen nach Befreiung und Widerstand und keinem ruhigen Hinterland und „Ackermann – Kofferraum“ auf die Karl-Liebknecht-Straße und auf die „Unter den Linden“ los. Diesen Ackermannslogan wiederum fand ich, weil ich ein pädagogischer Volksfreund des Kofferraums als moralische Lehranstalt bin, ganz witzig. Aber man darf solches natürlich nicht überstrapazieren. Andererseits: der Mensch lebt nicht von Metaphern allein. Aber wer will am Ende schon die Verantwortung übernehmen? Sie etwa? Und sind solch Dinge nicht vielmehr verboten? Fragen über Fragen, die Leserin und Leser bitte nicht mir stellen mögen, denn ich trinke gerade einen wunderbaren …, ach, was soll ich Güter nennen? Und so früh am Abend schon Alkohol? Aber ja! Die Bayern haben Alpenglühen und bei uns im Osten heißt das Vorglühen (vor Party).

Ich blieb vorne beim Zug, weil ich, in die Polizeifunkgeräte gesprochen, hörte: „Da vorne ist eine Gruppe, die Streß macht.“ Ah, dachte ich, herrlich, obwohl ich beim Anblick der Gruppe die Einschätzung des Führers von Zug A2 nicht ganz teilte. Kleine Verstärkung der Einsatzkräfte erfolgte, aber nicht allzu viele rückten hinzu, keine Behelmten waren dabei und keine Hundestafel. Schade. Vielleicht gibt es trotzdem gute Bilder? War es am Ende doch richtig, den Helm mitzunehmen? Die Gruppe sah aber nicht nach wirklicher Randale aus, meine begehrlichen Blicke konnten da nichts sehen. Bei einem zweiten, kürzeren Transparent mit der Aufschrift „Hello Occupy Wallstreet. Yes: Enough ist enough is enough. Hello # Globalchange“ entdeckte ich später sogar eine attraktive Frau dabei. Kurzer Blickkontakt, aber als Photograph gehört man nun einmal zu den Counterschweinen, da läßt sich nichts machen und drehen. Pig oder Mensch. Aber ich bin doch nur der Photograph!

Der Block sang zuweilen Arbeiterlieder wie „Roter Wedding“ oder „Der heimliche Aufmarsch“ eigentlich liebenswert und ich mußte vor mich hinlächeln.

„Zivischweine, Schüsse in die Beine!“ Hm, das Gehen neben einem echten schwarzen Block kann Ärger mit sich bringen, kürzlich war ich auf einen Zug der Bereitschaftspolizei angewiesen. Auch Schläge, Stöße, Schubse gegen das süße Nikon-Baby sind nicht selten – ich kann es verstehen, die wissen ja nicht, wer ich bin und kennen diesen tollen Blog nicht.
Lobe ich mich hier eigentlich zu viel und machte etwas zu starke Selbstdarstellung?
Nöh, nöh, geht schon.
Na, denn is ja man jut.

Weiter ging es am Reichstag vorbei. Und in der Heinrich-von-Gagern-Straße schwenkte der bunte voranschreitende Block mit einem Male nach rechts ab – über die große weite und wie ich beim Laufen registrierte, sehr weiten Wiese und stracks auf den Reichstag zugerannt, um dann die Absperrgitter vor der Bannmeile zaghaft wegzuschieben und sich von den Bereitschaftspolizisten des Zuges A2, die vom Mitlaufen mindestens genauso erschöpft waren wie ich, zur Seite drängen zu lassen. Auch ein paar Hanseln der Polizei des Bundestages standen da. Wäre zum Reichstag ein richtiger schwarzer Block mitgelaufen, sähe das Gebäude heute anders aus. Aber es marschierte dann sicherlich eine andere Polizeibegleitung mit. Ich zumindest habe nach diesem Sprint gesehen, daß ich trainieren muß. Einen 1. Mai in Berlin halte ich so nicht durch. Beim laufintensiven Squat Tempelhof und bei den Anti-Nazi-Demos war meine Form besser.

Da es an den Gittern vor dem Reichstag keinen Willen zum Durchkommen gab, wurde sich vor dem Objekt sitzend niedergelassen. Als einige Blockierer Zelte aufbauten, näherte sich jedoch eine Beweissicherungs- und Festnahmegruppe, um das Treiben zu beenden. Also mußte es ohne Zelte gehen. Bei den Occupy-Wall-Street-Protesten in New York sind Megaphone von der Stadtverwaltung verboten worden, damit die Bank- und Börsenmenschen nicht durch zu viel Lautstärke gestört werden und ihren üblichen Geschäften nachgehen können. Diese Megaphonabsenz kopierte die Bewegung in Berlin, und so machte einer die Durchsage ohne technische Verstärkung und die anderen wiederholten das dann im Chor wortwörtlich. „Heute wollen wir unseren Protest zeigen!“ „Heute wollen wir unseren Protest zeigen!“, so die anderen. Und so ging das immer weiter, nach dem einen Redner kam der nächste und dann kam eine Rednerin und dann wieder eine und dann ein neuer Redner. Und dazu sprach fortwährend der Protestierendenchor die gerade gehörten Worte nach. Die schlimmste Regietheaterinszenierung des 108. Castorf-Epigonen, der ein Jelinekstück gibt, konnte nicht enervierender und schlimmer ausfallen als diese unendliche Repitation des zuvor bereits Gesagten. Allein aus ästhetischen Gründen scheint es mir geboten, das Verbot von Megaphonen in New York wieder aufzuheben. Der Chor, einst Mittel der Aufklärung, regredierte hier zur Maschine des Schwafelns.

Eine solch traurige Bewegung sah ich selten. „Über den Wolken“ und Chorgespreche. Sophokles hätte zwei Becher Schierlingssaft getrunken, um diesen Darbietungen zu entgehen. Andererseits möchte ich von einer Veranstaltung nicht auf die Gesamtheit schließen. Interessant mögen sicherlich die Prozesse sein, welche sich entwickeln, wenn unterschiedliche Menschen Protest anmelden. Andererseits ist dies bei der Divergenz der Interessen ein schwieriges Unterfangen. Pessimismus des Denkens bleibt.

Insofern ist der Hinweis auf das Shoppengehen kein schlechter. Machen Sie sich einen schönen Abend, es könnte Ihr letzter sein, so meine Empfehlung.

Ich selber sitze gerne an den abgefuckten Orten vor den Ruinen und sehe euch beim Untergang zu. Und wenn ich meine Nikon dabeihabe, dann halte ich das für später fest.

Ach ja: wer meint, es seien nur die bösen Märkte und die bösen, bösen Banken und der böse, böse, böse Ackermann et al., der irrt. Den freien Markt zu verbieten, mit allem und mit jedem Geschäfte zu machen, ihn gesetzlich zu regulieren, ist in etwa so, wie einem Glatzköpfigen zu verbieten, keine Haare zu haben und ihn zum Lockendrehen zu vergattern.

„Lieber Evas Genitale als Evangelikale“

Diesen Satz kann ich als Frauen liebender und sogar verehrender Mann sicherlich unterschreiben. Gestern fand in Berlin eine Demonstration gegen Abtreibung, der sogenannte „Marsch für das Leben“ statt. Eine grauslige Mischung verschiedener christlicher Fundamentalisten, die von der katholischen Kirche über Evangelikale bis zu den bibeltreuen Christen und anderen dubiosen Gestalten reichte. Es gab zugleich eine Gegenkundgebung. Ich habe ein paar Photographien gemacht, weil ich sowieso in die Friedrichstraße und zum Hackischen Markt mußte, um ein paar Dinge zu besorgen. Eine kleine Photoreportage gibt es auf „Proteus Image“ zu sehen.

Die schönste Mikrophondurchsage, die ich in meinem gesamten Demonstrationsleben, das seit 1980 währt, gehört habe, stammt von den militanten Christen: „Laßt euch auf unserer Veranstaltung nicht provozieren! Nehmt die Kinder und die Frauen in die Mitte, die Männer gehen außen.“ Was soll man da sagen: Göttlich und biblisch!

Ein Hinweis noch: es gibt Blogs, die pixeln Demonstranten oder machen die Gesichter durch Verwischen unkenntlich. Ich schreibe es als Wiederholung und stelle diesen Text dann leicht abgewandelt auch bei „About“ hinein, um Grundsätzliches zu meiner Photographie begreiflich zu machen. Man kann die Gesichter verwischen, aber man muß es nicht. Ich stelle mir vor, daß auf allen Photographien von Cartier-Bresson oder von Robert Capa die Gesichter unkenntlich wären. Dies sähe nicht so gut aus. Nun kommen die (berechtigten) Einwände wegen des Datenschutzes und des Rechtes am eigenen Bild. Dies ist juristisch heikel. Da ich gute Photographien fertigen will, nehme ich das kleinere Übel in Kauf. Ich vermeide es allerdings, Demonstranten bei Dingen zu zeigen, die zu einer Anzeige führen könnten. Außer das Bild ist so gut, daß man es zeigen muß. Sowieso: Die Staatsmacht dokumentiert die gesamte Kundgebung besser als ich. Jeder Zug der Polizei hat eine hochmontierte Videokamera dabei. Die Problematik beim Photographieren von Menschen sehe ich wohl.

Ach ja, der arme gestürzte Polizist! – das ist aus der Serie: Dumm gelaufen. (Im Rahmen der freiheitlich demokratischen Grundordnung, versteht sich!)

Anti-AKW-Demos in Berlin, Hamburg, Köln, München

Gestern noch dachte ich mir: „Geh da mal hin, kannst ja auch ein paar Photos machen, wird zwar langweilig, weil bei dem Gelaufe nichts los ist, allenfalls vor der CDU-Parteizentrale mag es zu einigen heiklen Situationen kommen, die mir gute Bilder bringen. Gut, es regnet heute in Berlin, aber auch dies ist kein Hindernis, denn es ist solcher Protest eine wichtige Angelegenheit. Andererseits wird eine bloße Demonstration nicht ausreichen. Ein paar weiterreichende Fragen, die das vorherrschende Bewußtsein der Grünen weit, sehr weit transzendieren, müßten gestellt werden. Na ja, der schwarze Block wird nach Kenntnislage auch mitlaufen, das wird dann wiederum und womöglich ein lustiger Protest.“

Dann jedoch liefen die Dinge anders und ich sah dieses Bild.

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(Copyright: Picture-Alliance / dpa)

Wie sich in strahlender Schönheit Fräulein Aljona Kirssanowa als „Miss Atom 2009“ vor den Kühltürmen des AKW Nowoworonesh positioniert (Angaben aus Berliner Zeitung v. 25.3.2011): Das hat schon was. Umdenken ist hier gefragt.

Wenn die Atomindustrie so exakt, so genau, so gelungen meinen Geschmack bei blonden Frauen trifft, kann diese Industrie so falsch doch nicht sein. Da muß ein Wahrheitskern schlummern. Niemals war ein Mensch durch Werbung derart leicht herumzubekommen wie ich. Da hilft dann auch der Auftritt von Frau Holofernes in Berlin nichts mehr. Dieses Lächeln, diese Grazie, dieser Anmut des Fräulein Aljona Kirssanowa. Das kenne ich sonst nur von einer einzigen Frau, die allerdings schwarzhaarig ist.

Mein Blick konnte von diesem Körper, insbesondere von diesem schönen Bauch nicht ablassen. Ob wir uns unendliche Gespräche über die Adorno-Rezeption in Russland geben könnten, kämen wir uns näher? Ob wir über Boris Groys‘ „Gesamtkunstwerk Stalin“ uns in die Erregung schaukeln mögen?

Edit: Und kurz nach dem Posten dieses Beitrages schellt das Telephon, und wer ist am Apparat und will den witzigsten und geistreichsten Schreiber Berlins daten? Fräulein Aljona Kirssanowa … Da sag einer was! Ich bin ein ziemlicher Glückspilz. Weil alle Russen bekanntlich Französisch sprechen, parliere ich in meinem Sonntagsfranzösisch. „Nach Moskau, nach Moskau!“, rufen wir uns zu.

Ansonsten: Heute 12 Uhr Potsdamer Platz in Berlin, 12 Uhr in Hamburg Moorweide, in Köln 14 Uhr Deutzer Werft und im eleganten  München um 14 Uhr Odeonsplatz. (Der Münchner und der Kölner mögen es gerne etwas später.)