Abwesenheitsnotiz – 13. August 1961

Tonspur zum Sonntag – 13. August 1961: so wollte ich ursprünglich diesen Beitrag samt dieses Videos nennen, aber am Ende erschien es mir doch zu zynisch, denn die Opfer an der Grenze sind real; es war dies kein Ulk und kein Karneval. Lustig ist dieses Stückchen dennoch und der Text dazu nicht einmal völlig falsch. Die ganze Absurdität ist im Grunde großartig. Zugleich müßte dieses Video mit einem die Satire erklärenden Kommentar versehen werden, weil ansonsten die Empörung der sogenannten rechtschaffenen Menschen einsetzt. Aber nach einer Litanei von Erläuterungen ist es eben keine Satire mehr. Ja, empört Euch. Doch an der richtigen Stelle. Über die sogenannte Mauer, über die Opfer im Todesstreifen empörtet Ihr Euch seit Jahrzehnten, regtet Euch auf. Das fiel leicht.  Wer jedoch vom Kapitalismus nicht reden will, der soll auch bei den Mauertoten und bei denen, die im Stasiknast gebrochen wurden oder einfach verreckten, die Klappe halten. Am Samstag soll in Berlin eine oder fünf oder was was ich wie lange Minuten geschwiegen werden. Als ob nicht genug geschwiegen wird über ganz andere Dinge. Es sind diese Rituale so verlogen, daß einer kotzen möchte.

Wir danken im Rahmen dieses 13. August  insbesondere den Grenzschützern von Frontex, welche den Zugang nach Europa regeln und die inzwischen viel gelernt haben,  ihr Handwerk auf eine sehr viel subtilere Weise betreiben als die Postengänger und deren Befehlshaber. Wir danken ihnen für ihren unermüdlichen, natürlich auf der Basis des Rechts abgesicherten Einsatz. So muß man es nämlich machen, liebe untergegangene DDR, ohne viel Aufsehen und ohne große Worte, unter der Beibehaltung der Illusion, daß hier die Medien frei über alles berichten können. Sandmann, lieber Sandmann. Daß diese Medien es natürlich nicht tun und ein absaufendes oder von der Marine aufgebrachtes Boot im Mittelmeer mit mehreren Toten kaum eine Spaltennachricht wert ist: da muß man schon sagen: Gute Leistung. Die Grenztruppen der DDR waren gegen Euch Lappen. Über Euch aber berichtet keiner. Ihr tötet still und leise, durch Unterlassen zum Beispiel, alles zu unserem Segen. Doch auch Ihr seid nur Büttel, Vollzugsorgane, das klingt so abstrakt und unsinnlich wie Geschlechtsorgane; und trotzdem seid Ihr Fleisch von ihrem Fleisch. Ihr tut das für unsere gut gedeckten Tische.

Aber wie sprach schon Karl Valentin: Wie gut, daß in der Zeitung immer genau das drinnen steht, was in der Welt geschieht, kein Jota mehr, keines weniger.

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Ansonsten kündige ich an, daß ich zwei Wochen im Urlaub bin. Einmal wieder geht es durch Deutschland, unsere Heimat; diesmal reise ich in das schöne Elsaß, und sicherlich bringe ich mir von dort viel Wein mit, insofern nicht die Gitarre und die Koffer jener Frau, mit der ich zusammen reise, den ganzen Stauraum einnehmen.

Der Blog ist natürlich in diesen zwei Wochen geschlossen. Die Kommentarfunktion hier und bei Proteus Image abgeschaltet. Ich bin Offline, lese nicht im Internet, lese keine Blogs. Es kann zwar hier im Blog kommentiert werden, aber der Kommentar wird nicht gesendet, sondern erst nach meiner Rückkehr freigeschaltet. Neue Texte (oder ggf. Antworten auf Kommentare) schreibe ich , wenn ich von meiner Reise zurück bin in der bei Aisthesis gewohnten Qualität.

Gehaben Sie  sich wohl, liebe Leserinnen und Leser, machen Sie sich eine schöne Zeit und ansonsten viel Spaß, wo auch immer Sie sich befinden.

 

15 Jahre Kulturzeit

Heute gilt es – artig und bildungsbürgerlich beflissen, wie dieser Blog ist – ein Jubiläum zu feiern, und zwar gibt es beim Fernsehsender 3sat seit 15 Jahren „Kulturzeit“. Ob man Kultur (im Sinne des Feuilletons) im Fernsehen präsentieren kann? Die Frage ist klar mit „nein“ zu beantworten. Dennoch bietet die Sendung einen guten Überblick, regt an, zeigt, was wo stattfindet, greift zuweilen auch politische Debatten auf, führt Interviews, so am Freitag mit Fritz J. Raddatz über seine Tagebücher, die schon auf der „To buy“-Liste stehen.

Daß ein solches Projekt, daß Feuilleton im Fernsehen nicht in die notwendige Tiefe geht, ist geschenkt. Doch zahlreiche Sendungen sah ich mit Gewinn. Und am liebsten schaue ich mir „Kulturzeit“ an, wenn die äußerst attraktive und – ja, ich muß es in diesem Zusammenhang sagen – sehr erotische Andrea Meier moderiert.

So: und weiterhin gibt es auf „Proteus Image“ neue Photographien, und zwar von Leipzig.

Da wir uns bereits im Rahmen der Kultur befinden, zeige ich zudem ein kleines Zeitdokument. Verwandtenbesuch von West- nach Ostberlin:

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18. März 1990

20 Jahre keine DDR, Teil 15

Ach ja, ach ja, dieses Datum vergaß ich einzutragen. Nun muß ich es nachtragen. Denn da wählten diese Menschen dort die Freiheit. Ahh – ja, ach ja. Sozusagen die Märzgefallenen.

Gute Satire auch dort zu lesen.

Ansonsten geben wir die Tonspur zum Sonntag:

Der letzte Tag der DDR: Leipzig, 9. Oktober

20 Jahre keine DDR (8)

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„Die Dekoration ist ein Denkmal. Es stellt in hundertfacher Vergrößerung einen Mann dar, der Geschichte gemacht hat. Die Versteinerung einer Hoffnung. Sein Name ist auswechselbar. Die Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Das Denkmal liegt am Boden, geschleift drei Jahre nach dem Staatsbegräbnis des Gehaßten und Verehrten von seinen Nachfolgern in der Macht. Der Stein ist bewohnt. In den geräumigen Nasen- und Ohrlöchern, Haut- und Uniformfalten des zertrümmerten Standbilds haust die ärmere Bevölkerung der Metropole. Auf den Sturz des Denkmals folgt nach einer angemessenen Zeit der Aufstand. Mein Drama, wenn es noch stattfinden würde, fände in der Zeit des Aufstands statt. Der Aufstand beginnt als Spaziergang. Gegen die Verkehrsordnung während der Arbeitszeit. Die Straße gehört den Fußgängern. Hier und da wird ein Auto umgeworfen. Angsttraum eines Messerwerfers: Langsame Fahrt durch eine Einbahnstraße auf einen unwiderruflichen Parkplatz zu, der von bewaffneten Fußgängern umstellt ist. Polizisten, wenn sie im Weg stehn, werden an den Straßenrand gespült. Wenn der Zug sich dem Regierungsviertel nähert, kommt er an einem Polizeikordon zum Stehen. Gruppen bilden sich, aus denen Redner aufsteigen. Auf dem Balkon eines Regierungsgebäudes erscheint ein Mann mit schlecht sitzendem Frack und beginnt ebenfalls zu reden. Wenn ihn der erste Stein trifft, zieht auch er sich hinter die Flügeltür aus Panzerglas zurück. Aus dem Ruf nach mehr Freiheit wird der Schrei nach dem Sturz der Regierung. Man beginnt die Polizisten zu entwaffnen, stürmt zwei drei Gebäude, ein Gefängnis eine Polizeistation ein Büro der Geheimpolizei, hängt ein Dutzend Handlanger der Macht an den Füßen auf, die Regierung setzt Truppen ein, Panzer. Mein Platz, wenn mein Drama noch stattfinden würde, wäre auf beiden Seiten der Front, zwischen den Fronten, darüber. Ich stehe im Schweißgeruch der Menge und werfe Steine auf Polizisten Soldaten Panzer Panzerglas. Ich blicke durch die Flügeltür aus Panzerglas auf die andrängende Menge und rieche meinen Angstschweiß. Ich schüttle, von Brechreiz gewürgt, meine Faust gegen mich, der hinter dem Panzerglas steht. Ich sehe, geschüttelt von Furcht und Verachtung, in der andrängenden Menge mich, Schaum vor meinem Mund, meine Faust gegen mich schütteln. Ich hänge mein uniformiertes Fleisch an den Füßen auf. Ich bin der Soldat im Panzerturm, mein Kopf ist leer unter dem Helm, der erstickte Schrei unter den Ketten. Ich bin die Schreibmaschine. Ich knüpfe die Schlinge, wenn die Rädelsführer aufgehängt werden, ziehe den Schemel weg, breche mein Genick. Ich bin mein Gefangener. Ich füttere mit meinen Daten die Computer. Meine Rollen sind Speichel und Spucknapf Messer und Wunde Zahn und Gurgel Hals und Strick. Ich bin die Datenbank. Blutend in der Menge. Aufatmend hinter der Flügeltür. Wortschleim absondernd in meiner schalldichten Sprechblase über der Schlacht. Mein Drama hat nicht stattgefunden. Das Textbuch ist verlorengegangen. Die Schauspieler haben ihre Gesichter an den Nagel in der Garderobe gehängt. In seinem Kasten verfault der Souffleur. Die ausgestopften Pestleichen im Zuschauerraum bewegen keine Hand. Ich gehe nach Hause und schlage die Zeit tot, einig / Mit meinem ungeteilten Selbst.

(…)

Bildschirme schwarz. Blut aus dem Kühlschrank. Drei nackte Frauen: Marx Lenin Mao. Sprechen gleichzeitig jeder in seiner Sprache den Text ES GILT ALLE VERHÄLTNISSE UMZUWERFEN, IN DENEN DER MENSCH . . . Hamletdarsteller legt Kostüm und Maske an.“

 Heiner Müller, Die Hamletmaschine

„Ostzeit“ – No Country for Old Men

Über die Ausstellung „Ostzeit.
Geschichten aus einem vergangenen Land“

 Viel ist zur DDR gesagt, geschrieben und gezeigt worden, auch im Gebiet des Ästhetischen. Zahlreiche Ausstellungen, Dokumentationen, Photographien gab es bereits zu sehen, und auch dieser Blog hat seine Photo-Serie „20 Jahre keine DDR“ laufen, die in unregelmäßigen Abständen fortgesetzt wird. Im Jahr des Mauerfalls und im darauf folgenden der Vereinigung beider Staaten ist ziemlich sicher damit zu rechnen, daß auch die ästhetischen Auseinandersetzungen mit der DDR zunehmen werden, was ja zu erhoffen ist. Zu wünschen wäre zudem eine umfassende Ausstellung zur DDR. Vor zehn Jahren in Weimar wurde diese Chance bezüglich der Bildenden Kunst leider kläglich und kleinlich verspielt.

Nun gibt es im „Haus der Kulturen“ in Berlin – leider nur noch bis zum 13.9.2009 – eine kleine, aber nichtsdestotrotz gelungene Photographie-Ausstellung von vier DDR-Photographen (und einem Westphotographen) über deren Ansichten zu einem mittlerweile untergegangenes Land zu sehen. Es handelt sich bei den Bildern in dieser Ausstellung wesentlich um Alltagsphotographien und Dokumente aus den 70er und 80er Jahren der DDR. Dinge, Szenen, ein Ambiente, das es heute und dieser Art nicht mehr gibt. So kann man im „Haus der Kulturen“ die Photos von Sibylle Bergemann, Harald Hauswald, Ute Mahler, Werner Mahler und Maurice Weiss (Westdeutschland) sehen, die sich mit ganz unterschiedlichen Themenkomplexen beschäftigen.

Im wesentlichen sind diese Photographien Dokumente und Impressionen über ein verschwundenes, abgewickeltes Land; sie handeln von einer Zeit, die so nicht mehr existiert. Dies macht sicherlich für den unbefangenen Betrachter einen fast pervers ethnologischen Reiz aus, aber auch der DDR-Kundige, welcher einmal in diesem Land lebte, wird diesen Bildern sicher einiges abgewinnen können oder zumindest leise raunen: „Ja, so war es in der Tat.“

Doch sind diese Photographien weit mehr und zugleich auch sehr viel weniger als ein Zeitdokument. Denn sie liefern eine rein subjektive Sicht auf verschiedene Aspekte, unter denen man ein Land und seine Lebenswelten betrachten kann. Insofern ist diese Ausstellung nicht repräsentativ für eine umfassende Sicht auf die DDR, auf ihren Alltag, ihre Menschen, weil sie zu wenig Bildmaterial ausbreitet, zu wenige Photographen sprechen läßt, als daß es (soziologisch oder photographieästhetisch) umfassend sein könnte. Man muß diese Ausstellung deshalb als eine subjektive Auswahl annehmen, die einzelne Aspekte ausbelichtet; eben – wie es der Ausstellungstitel bereits sagt – als „Geschichten“ betrachten, die nie das Ganze, sondern die Aspekte, Ausschnitte, willkürlichen Eindrücke und Teile zeigen und damit eben dem Subjektiven verhaftet sind. Es bleibt also der Fragmentcharakter hervorzuheben, was jedoch im Falle dieses Sujets wiederum ganz gut paßt.

Was aber kann man im „Haus der Kulturen“ sehen? Unterschiedliches wird da in reiner Schwarz/weiß-Photographie ausgestellt. Da sind zunächst Harald Hauswalds Bilder vom DDR-Alltag: Männer, die in der U-Bahn zur Arbeit fahren, eine Kneipenszene, die obligatorische Warteschlange darf nicht fehlen, verfallene Geschäfte, posierende Kinder beim Brunnen der Völkerfreundschaft am Alexanderplatz. Kurze Szenen, aus einem Alltag herausgegriffen. Meist sind sie dem richtigen, gelungenen Moment geschuldet, in dem genau zum richtigen Zeitpunkt der Auslöser betätigt wurde, wodurch genau diese Geste, genau dieser eine Moment, dieser besondere Blick festgehalten wurde. Man wird sich solche Genauigkeit beim Sehen heute im Zeitalter des Digitalen kaum noch richtig vorstellen können, wie das einmal gewesen sein mochte: den geglückten Augenblick abzupassen, ihn im voraus zu erahnen und dann einzufangen, festzuhalten, was gar nicht festzuhalten ist; dieses Gespür zu haben und untrüglich, zielgenau zwei drei Bilder zu machen, denn Orwo-Film war teuer und rar. (Den Photographen im Westen ging es nicht anders, wenn sie auf eigene Rechnung arbeiteten. Ilford und Kodak waren zwar nicht rar, doch auch nicht billig. Ach, gute alte Zeit des Analogen, gute alte F3.) Heute ist es bequemer, weil man einfach nur mit dem Finger auf den Auslöser hält und der Motor-Drive die Photos herausschießt, während die Kamera fleißig auf der cf-Karte speichert. Eines der geschossenen Bilder wird dann schon passen. Ich erwähne dies lediglich und spreche es etwas sentimental beiseite, um den Lesern und den Leserinnen sozusagen ein Bild davon zu machen, was für eine hohe Kunst es ist, diesen richtigen Moment zu erwischen, so wie es Hauswalds, aber auch die anderen Photographen dieser Ausstellung taten. Wer darüber etwas lernen möchte, der schaue sich neben den Klassikern der Augenblicksphotographie (Cartier-Bresson, Doisneau) die Bilder Hauswalds an. (Und wer etwas über den geglückten Augenblick gepaart mit der exakten Komposition erfahren möchte, der sehe auf die Photographien von Werner Mahler.)

Eindrucksvollstes Bild dieser Alltagsszenen von Hauswald ist sicherlich, in grobem Korn gehalten, exakt auskomponiert, in der Schräge, die Vorbeifahrt der drei Volvo-Staatslimousinen, abgedunkelt; während im Hintergrund auf einer Art Tafel der Parolenschriftzug über einer Mauer oder aber einer Wand steht und schwebt: „ES LEBE DER MARXISMUS – LENINISMUS !“ Trauriger kann eine Botschaft eigentlich nicht sein. Natürlich, die kontrastarme Schwarz/weiß-Ästhetik, das trübe Grau-in-Grau des Straßenzuges – einzig die drei Limousinen stechen in ihrem Schwarz hervor – trägt einiges dazu bei, die Tristesse des real existierenden Sozialismus noch einmal hervorzuheben. Den armseligen alten Mann, der mit der einen Hand tief im Papierkorb sucht, während er in der andern eine Vistram-Einkaufstasche hält, hätte man allerdings eher in der BRD als in der DDR vermutet. Auch dieses Bild spricht für sich.

Weiterhin gibt es von Hauswald eine Serie, die „Am Rande der Republik“ heißt. Photographien von Freunden, Bekannten, Oppositionellen, Punks, Umweltaktivisten, eine Abschiedsparty nach einem genehmigten Ausreiseantrag, eine Dichterlesung mit Heiner Müller und Sascha „Arschloch“ Anderson sind da zu sehen. Hier überwiegt in der Tat das Dokumentarische, das eine oppositionelle Lebensweise im Bild festhält.

Dokumentarisch und dabei zugleich doch von einem ganz eigenen ästhetischen Wert und ästhetischer Wirkung sind die Photographien von Werner Mahler, so mit der Serie „Berka“, einem Dorf in Thüringen, dessen Bewohner und deren Leben Mahler ab 1977 ein Jahr lang als Diplomarbeit dokumentierte. Herausgekommen sind wunderbare Momente eines dörflichen Alltags, die Arbeit, das Leben, die Feiern, exakt eingefangen mit einer ganz eigenen Ästhetik und einem speziellen Ausdruck, der von Zuneigung zum Gegenstand und zugleich von der notwendigen Distanz zeugt, um so etwas zu schaffen. „Berka“ ist eine durch und durch geglückte und auskomponierte Serie, wie man es selten sieht.

Auch hier zeigt sich einmal wieder, daß die gelungene dokumentierende und gleichzeitig ästhetisch bedeutsame Photographie Zeit braucht, um überhaupt erst mit den Verhältnissen, mit den Menschen und den Situationen vertraut zu werden, so daß diese Menschen es irgendwann zulassen, wenn sie in ihrem Alltag, in ihrem Leben photographiert, also festgehalten und fixiert werden. Man sieht den Photographien an, daß da jemand in einer geschlossenen Gemeinschaft Bilder fertigte und dabei doch nicht störte oder ungebührlich in die Personen eindrang. Ungeheure Photographien mit einer eindringlichen Wirkung sind da bei Werner Mahler entstanden, die berühren, so möchte man fast schon etwas kitschelnd sagen.

In bestimmtem Sinne auch Arbeiterphotographie, wenngleich doch nicht ganz dem Bitterfelder Weg folgend, ist Werner Mahlers Serie „Bergbau“, die er 1975 photographierte, drei Jahre bevor die Steinkohlegrube „Martin“ bei Zwickau, in der die Photos entstanden, geschlossen wurde. Hin zur Jugendkultur bzw. zur Hooligan-Szene, die es in der DDR offiziell nicht gab, gehen seine Photographien der Fans vom 1 FC Union aus dem Jahre 1980 („Der Verein“). Auch sei seine Dokumentation des Abiturjahrganges einer Oberschule aus Oranienburg (bei Berlin) von 1978 erwähnt. Über dreißig Jahre sowie eine Wende mit Systemwechsel liegen zwischen den ersten Portraits 1977/78 und 2009. Entstanden sind Bilder von Menschen jeweils im Abstand zwischen 5 und 7 Jahren, die, mit den wechselnden Möbeln im Hintergrund, für sich selber sprechen und Zeit mitsamt ihren Veränderungen sichtbar werden lassen.

Ähnliche Interieur-Aufnahmen, allerdings statisch, ohne Menschen und nicht dem Wandel der Zeit ausgesetzt, was in diesem Zusammenhang des Veränderlichen sicherlich interessant gewesen wäre, hat Sibylle Bergemann gefertigt, als sie die Photo-Serie „P2“ fertigte. Photographien aus den verschieden, im Stile der Zeit eingerichteten Wohnzimmern jenes Plattenbautyps P2, der Anfang der 60er Jahre in der DDR gebaut wurde. Besondere Erwähnung und Betrachtung sollten auch die Photographien Bergemanns aus „Clärchens Ballhaus“ sowie der Errichtung des Marx/Engels-Denkmals auf dem Marx-Engels-Forum finden. (Diese Photos sind auch im gerade erschienen „Zeit Geschichte“-Heft zu Marx abgebildet.)

In ganz anderer Weise hat Ute Mahler den Alltag der DDR dokumentiert: So in ihrer Photostrecke „1 Mai, internationaler Kampftag der Arbeiterklasse“, wo sie beim obligaten Aufmarsch der Arbeiter, die zugleich als Beherrschte und Herrschende in einem fungieren, direkt unter der Tribüne der Obrigkeit stand und in die Gesichter der Defilierenden hineinphotographierte: die Kampfgruppen, die Mitglieder der Sportorganisation Dynamo, die Betriebsgruppen ins Bild brachte. Doch gibt es auch einen Blick auf die Tribünen, auf Egon Krenz und Margot Honecker.

Explizit politisch ist diese Photographie nicht, und sie will es auch nicht sein. Gerade dadurch aber, vermittels dieser gewissermaßen sich ins Neutrale setzenden Perspektive des teilnahmslosen Beobachters erhalten jene Photographien, zumindest im Rückblick, etwas Politisches. Interessant wäre es zu wissen, ob sie damals veröffentlicht werden durften oder die Zensur nicht passierten.

Zudem ist im Rahmen des Alltäglichen der DDR das fast schon soziologisch zu nennende Photographie-Projekt „Zusammen leben“ von Ute Mahler zu nennen, wo verschiedene Konstellationen des Miteinander von Menschen bzw. Lebewesen (es ist auch ein Hund mit dabei) abgebildet werden. Auch hier werden die Gesichter und Umgebungen eines Alltags ausgeleuchtet und in die Szene gesetzt: mal mit heiteren, dann wieder mit vollständig trostlos wirkenden Menschen, manche sind sie entrückt, wie die Familie Glatzeder, am Küchentisch sitzend, kurz vor der Ausreise in den Westen. Oder jene ältere Frau im Bikini mit dem Hund. Zumindest dieser Hund schaut sehr aufmerksam, fast kritisch, wie Boxer zu blicken pflegen, in die Kamera hinein. Anderen sieht man ihr Glück an, so wie jene junge, sehr schöne blonde Frau, die den zurückgestreckten Kopf eines jungen Mannes in Lederjacke berührt, oder das Brautpaar, das glückselig strahlt, während die Wände des Schlafzimmers mit Westprodukten gepflastert sind: ein Persil-Karton, eine Mon Chéri-Packung, Nimm 2-Folie, eine Underberg-Verpackung und vieles mehr. Soziologisch sind diese Kamera-Blicke bzw. solche Photographien, weil sie Menschen in ihren sehr verschiedenen DDR-Lebenswelten in unterschiedlichen Kontexten zeigt.

Am Rande der Ausstellung werden auch Dokumente der DDR-Modephotographie aus einschlägigen Zeitschriften wie der „Sibylle“ gezeigt. Gut eröffnet sich hier ein ganz eigenes Bild der Frau im Hinblick auf Mode und Selbstbewußtsein, das der Westen so eher nicht kennt, und schnell sieht man auch, daß eine gute Modestrecke keineswegs in Paris oder New York geschossen werden muß. Insbesondere die Photos Sibylle Bergemanns und Ute Mahlers, deren Modephotos auch in der Ausstellung zu sehen sind, zeigen dies gut. Gerade daß es nicht immer so glatt und ohne Schnörkel abgeht wie etwa in der „Vogue“, macht den Reiz dieser Illustriertenansichten aus. Aber das Thema Mode und die DDR im Spiegel der Photographie ist wohl noch einmal ein gesondertes Thema für eine ganz eigene Art von Ästhetik. Hierzu findet gegenwärtig (auch nur noch bis zum 13.9.09) eine Ausstellung im Kunstgewerbemuseum in Berlin statt.

Und natürlich werden auch die letzten Züge der DDR durch Maurice Weiss dokumentiert, der gleich nach dem 9.11.1989 über die Grenze ging und als freier Photograph Photos von jenen wilden, überschwenglichen Tagen schoß, die bei manchem dann Jahre später einen gehörigen Kater hinterließen. Der ästhetische Wert dieser Photographien ist zwar eher gering anzusetzen, doch als Dokument für die letzten Tage eines alt gewordenen Landes taugen sie allemal.

Zu sehen gibt es hier also vieles und ganz Disparates, welches dem Betrachter ausgebreitet wird. Abschließend muß man als Kritik an der Konzeption dieser Ausstellung allerdings sagen, daß der Ausstellungsraum nicht optimal gewählt ist. Der Lichteinfall durch das Frontfenster ist extrem störend und erzeugt ärgerliche Reflexionen auf den Bildern. Auch ist die Klanginstallation „Hausklang“, dieser immer wieder ertönende Gong, der mich an den Flughafen von Palma de Mallorca und den Beginn einer Durchsage erinnert (jene monotone Frauenstimme: „ocho, ocho, neuve, siete“), ist nervend; mir ist nicht ganz klar, was das beim Betrachten der Bilder soll. Man mag das als Mäkelei auffassen, doch mir kommen durch diese Koinzidenzen die guten Photos etwas achtlos präsentiert vor. Was für diese ansonsten gelungene Ausstellung sehr schade ist.

Auch daß man im Katalog rein gar nichts über die Umstände und Hintergründe der Bilder erfährt: ob es Verbote gab (bei Hauswald wohl naheliegend, bei Ute und Werner Mahler nicht so ganz klar) und wo die Photographien veröffentlicht wurden bzw. zu sehen waren: darüber hätte man sich schon Informationen gewünscht. Stattdessen gibt es Texte von Ingo Schulze und auch einen von Alexander Osang, der bereits in der Berliner Zeitung erschienen ist, die eigentlich nichts mit der Ausstellung zu tun haben. Man hätte genauso aus Plenzdorfs „Die neuen Leidendes jungen W.“ zitieren können, es hätte denselben Effekt gehabt. Mir erscheint dieses Vorgehen der Redaktion, als sie den Katalog konzipierte, etwas beliebig, doch ist es wahrscheinlich eher den schlechten Arbeitsbedingungen als dem Unwillen der Redaktion geschuldet, wie ich vermute. Wegen der Texte (vom Nachwort Wolfgang Kils einmal abgesehen) lohnt sich dieser Katalog insofern leider nicht. Dafür aber sollte man sich unbedingt diese gelungene Ausstellung im „Haus der Kulturen“ ansehen.

 „Ostzeit. Geschichten aus einem vergangenen Land“, im Haus der Kulturen, Berlin, vom 14.8 bis 13.9.2009, Katalog bei Hatje Cantz für 39,80 EUR.

Zwanzig Jahre keine DDR (Teil 3) – Schwedt

Und als ich am Ende der Welt ankam, freute ich mich. Nach Polen hin waren es nur noch ein paar Kilometer. So erlag ich der Versuchung des Übertritts, den unbewachten Schlagbaum passierend, denn Ethnologen sind von Natur aus sehr neugierig.  Über die Oder hinüber ging es nach Polen.

Polnische Männer, die  grenznah wohnen,  haben die für ausländische Besucher eigenartig anmutende Angewohnheit, sowohl an sonnigen als auch an regnerischen Tagen ihre Frauen nicht etwa zur Hausarbeit anzuhalten,  wie es allgemein üblich ist, sondern sie, vielleicht als Belohnung für gutes Betragen?, mitten in die Landschaft im Wald an den Straßenrand zu stellen, damit sie es angenehm haben, ein wenig in der Natur sind und die gute polnische Waldesluft atmen können. Da stehen diese Frauen dann, oder sie sitzen manchmal auch auf Klappstühlen. Ich freue mich, denn sie winken mir so fröhlich zu und machen Zeichen, wenn ich die Landstraße entlangfahre. Später geht es dann wieder zurück nach Schwedt. Schön ist es nicht nur auf der Welt, sondern auch wieder in Deutschland zu sein. Das wußte damals bereits die sehr gute Band FSK: 

„Und dann fällt dir wieder ein, als du immer nur gedacht hast:
wie schön die Welt in den Augen von Marlies ist
und wie schön doch das Leben in Deutschland ist.
Und ausgerechnet dich hat das Leben aus der Bahn geworfen.
Immer wieder das Privatleben.
Das dumme dumme Ding, das man Privatleben nennt,
oh, wenn man es doch abschaffen könnte …“

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 Und da wir nicht nur auf Kaperfahrt, sondern zugleich auch noch mutig nach Polen unterwegs gewesen sind, so möchten wir natürlich auch von dort Photographien zeigen. Und deshalb erweitern wir unsere DDR-Photoserie nun referenzrahmenmäßig ganz einfach und gehen allzeit bereit, immer bereit über die DDR hinaus, so daß es nun auch anderswo „Ausgesucht öde Orte gibt“, (frei nach dem Reclam Buch „Öde Orte“ mit Texten zu Städten). Daß dies als Auftakt ausgerechnet Polen trifft, ist sicherlich gemein und tut mir leid: ich hätte die Serie eigentlich auch lieber mit Kreuzberg und Friedrichshain oder Stuttgart eröffnet. Doch sorgen Sie sich nicht zu sehr: die kommen schon noch dran.

Aber nun Vorhang auf: