Zwischen den Jahren

Aus der Nachträglichkeit heraus getextet: Meinen Leserinnen und Lesern wünsche ich, ein frohes Fest gehabt zu haben. Geraten Sie in den Rauhnächten nicht aus den Fugen. Aber wie es nun einmal ist und wie es Martin Heidegger in seiner Rede zur Selbstbehauptung der deutschen Universitäten 1933 formulierte, steht alles Große im Sturm.

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Wie man diesen beiden Photographien ebenfalls entnehmen kann. „Schwere See“, sangen Element of Crime und wie meine Geliebte, anspielungsreich in ihrer Art, diese Photos kommentierte. Unsere See ist immer die wilde, die schwer zu umsegelnden Meere.

Insbesondere inmitten des Seichten und der Ansprachenrhetorik der Politiker mag dieser Satz von der Größe und dem Sturm sich bewahrheiten. Ebenso ist jenes „Fürchtet Euch nicht“ ein schöner Satz – auch wenn er dem Volk von Politikern, Journalisten und Kommentatoren regelmäßig eingetrichtert wird, damit Ruhe im Karton ist. Ich gehöre jedoch zu denen, die diesen Satz nicht bloß weltlich, sondern vielmehr im strengen Sinne theologisch begreifen und solches nicht ins Gerede der Alltagspolitik umgemünzt wissen wollen. Wobei ich am Soteriologischen meine Zweifel hege. Auch der Gott mag uns nicht mehr retten.

Und um inmitten des Getümmels Klartext zu sprechen: Die Täter vom Breitscheidplatz in Berlin sind nicht das Böse – dies eben ist eine theologische Kategorie, die von Frau Merkel säkularisiert wurde -, sondern es sind Feinde; im Sinne Carl Schmitts könnte man auch, sofern man das Wort Terrorist nicht gebrauchen mag, von Partisanen sprechen. Ihre Ordnung gegen die andere Ordnung. Zu lesen wäre fürs nächste Jahr Schmitts Theorie des Partisanen. Gewiß wird 2017 nicht minder ereignisreich.

Die unseligen Ereignisse in Berlin bringt Stefan Winterbauer gut auf den Punkt:

„Die Politik findet jenseits der eingeübten Betroffenheitsrituale offenbar keine Sprache, dem Terror zu begegnen. Und die meisten Medien greifen dies auf und verstärken den Effekt, statt diese Sprachlosigkeit anzuprangern. Viele Medien sind gegenüber der Politik derzeit im Echo-Modus und sind damit Teil einer großen Beschwichtigungsmaschine. Ist das noch Gelassenheit oder schon Gleichgültigkeit?
(…)
Während ein staatsbekannter „Gefährder“, der mit einem gefälschten Ausweis eingereist ist, sich in einem Netzwerk radikaler Islamisten herumtrieb, eigentlich abgeschoben werden sollte und dessen Telekommunikation schon mal überwacht wurde, mutmaßlich am vergangenen Montag einen Sattelschlepper in einen deutschen Weihnachtsmarkt steuerte und 12 Menschen tötete. Was soll man da machen? Weiter Glühwein trinken? Ganz gelassen?“

Insofern sind die Appelle, keine Angst zu haben oder weiterzumachen wie bisher, von einer grenzenlosen Naivität. Reflex aus Angst. (Zumal Ängste und auch Furcht sich kaum durch Appelle beseitigen lassen.) Wobei es im übrigen interessant ist, daß die, die nun mahnen, Ruhe sei die erste Bürgerpflicht, mit denen deckungsgleich sind, die bei der Wahl Trumps in wilder Angstkommunikation wie die aufgescheuchten Hühner im Stall flatterten und hyperventilierten als stünde uns der Leibhaftige vor der Tür. Aber auch das gehört zum medialen Geschäft der doppelten Standards.

Was wird das nächste, das neue Jahr bringen? Auf alle Fälle setze ich die Serie zu 70 Jahre Dialektik der Aufklärung fort; es wird sicherlich ebenfalls um das Ende der Berliner Volksbühne unter der Intendanz Frank Castorfs gehen; die nächste documenta steht an. Die Ausstellung „Geschlechterkampf“ in Frankfurt am Main reizt mich zum Reisen und Schauen.

 

Abwesenheitsnotiz (In Paris)

Einige Tage schlendern, flanieren, spazieren, schauen. Über die Boulevards und die Straßen. Lange Zeit war ich nicht mehr in Paris. Paris – die steinerne Stadt. Mauern und Grau, wenn man sich im Flugzeug der Metropole nähert oder vom Hügel des Pére Lachaise über die Stadt blickt. Wir suchten die Gräber von Balzac und Proust. Wir fanden sie. Regen in der Stadt. Ich liebe das Grau der Steine, das durch den Regen noch grauer wirkt.

Allerdings – es fehlt mir in Paris meine Geliebte. Wo ist meine FAZ? Nichts zu finden hier, um im Bistro zu lesen. Freilich fehlt mir auch meine andere Geliebte. Die weit ostwärts weilt. Der Mensch braucht viele Dinge, er findet sie an verschiedenen Orten. Hier ist es die Stadt, die ich immer noch mag. Auf alle Fälle sind die Menschen im Vergleich zu den 80er Jahren sehr viel freundlicher geworden. Zumindest die jungen Leute. Daß der Pariser herzlich ist, kannte ich bisher gar nicht. Noch im Jahre 2004 rangierte die Höflichkeit des Parisers gegenüber Gästen knapp hinter dem Bretonen, der, als er einem Gast den gußeisernen Fuß eines Tisches auf den menschlichen Fuß wuchtete, kein Wort des Bedauerns fanden, sondern, nachdem die Frau laut vor Schmerz schrie, zornig die Frau anstarrte. Andere Länder andere Sitten. Ich begegnete der Grobheit wehrmachtsmäßig in zackigem Bestellbefehlston. Bellend bestellen in deutscher Sprache und dabei mit dem Finger auf die Karte deutend, damit der Bedienstete auch weiß, was wir wollen. Inzwischen ist es anders. Freundliche Menschen in den Bars und Geschäften.

Heute morgen, in einem der Gänge in der Metrostation Arts et Métier grölt plötzlich einer Allahu akbar. Sein Schrei hallt durch die Gänge, aber man sieht den Rufer nicht, es kommt vom gegenüberliegenden Gleis. Ich drücke mich in Fluchtroute. Keine schöne Vorstellung. Wieder 2 % mehr für Le Pen. An der Place de la République, vorm Denkmal, am Sockel schwimmt das Blumenmeer und die Bilder der Opfer kleben am Stein. Aber auch Plakate zu aktuellem Protest mischen sich darunter. Das Bataclan liegt ganz in der Nähe am Boulevard Voltaire. Auf der anderen Seite türmen sich die Reste aus Blumen und Kerzen. Verwelktes Andenken. Aus manchem Fenster hängt traurig im Regen die Tricolore. Ich mag Paris im Grau.

Das Gute an Paris – es gibt hier keine Kolumnen von Sibylle Berg oder Georg Diez. Ebenso keinen Böhmermann, kein Facebook. Paris entrückt.

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Leipzig Messe – Nachlese

Am Stand des Compact Verlags in der Halle 5 schaute es aus, als patrouillieren am Tresen die Ordner der NPD-Schutzabteilung. Breite Stiernacken, einer mit einem Tattoo, das eine SS-Rune genausogut darstellen könnte wie einen Blitz, der sich am Hals in die Richtung des Kinns hochzüngelt. Sympathisch. Die Szenerie am Stand wirkt bedrohlich und das soll sie sein, genau in dieser Weise soll es herüberkommen: Wir sind da! Was ich dort sehe, gefällt mir nicht. Keine zwanzig Schritte weiter befinden sich die linken Buchstände und Kollektive. (Wer mag sich diese Anordnung ausgedacht haben?)

Verlagseigene oder gedungene Schlägertrupps gehören nicht auf eine Messe. Dennoch bin ich gegen ein Verbot solcher Stände. Wohl aber für ein Verbot von Schutzstaffeln. Die Sicherheit obliegt der Polizei. Dumm nur, wenn Staatsorgane – ein Begriff nebenbei, der für mich einen Tick nach Geschlechtsorganen klingt – in einem ihrem Wasserwerfer auf einer Demo ein Magazin dieses Verlags demonstrativ hinter das Panzerplexiglasfenster positionieren. Die Polizisten wurden zur Strafe versetzt. Vermutlich zum Bewachen von Asylunterkünften.

Wenn schon im Literaturbetrieb nicht viel passiert und Streit sich in Grenzen hält, dann wenigsten das: Stefanie Sargnagel ätzt gegen Ronja von Rönne:

Sargnagel

Hahaha. Gehen 2 Nullen durch die Wüste und treffen eine 8. Fragt die eine Null: „Warum trägt die denn ʼnen Gürtel?“ Poser beide gleichermaßen, Sargnagel ist die Rönne Hegemanns. Zwei Seiten derselben Medaille. Aber das gehört nun einmal mit zum Betrieb. Nach den Großschlachten der weißen alten aussterbenden Männer machen  nun die jungen weißen Frauen bitchy Catfights oder dissen einander. Und wenn wir schon beim Mageren sind, ich müßte noch irgend etwas zu Benjamin von Stuckrad-Barre schreiben. Allein, es gibt sein Buch nichts her als dumm Tüch wie man in der von Drogerist Barre geschätzten Stadt Hamburg so vor sich hin sagt. Stuckrad-Barre – das ist die hohle Geste mit Krawatte. Wer nicht zum Dandy taugt, sollte es lassen.

Beim Messeschlendern bin ich am liebsten in der Halle 3 an den Ständen der Kunsthochschulen. Schöne Drucke und Bilder, feine Grafiken und Photos der Absolventen lassen sich dort entdecken. Kaufenswert auch die Kunstpostkarten. Diesmal nahm ich gegen Spende ein paar von der Kunsthochschule Halle, Burg Giebichenstein. Wer es etwas ruhiger will, fernab des Messetrubels schaue dort. Viel Schönes gibt es zu betrachten, in Kunstbüchern läßt sich blättern. Für mich immer wieder der beste Ort auf der Messe.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAm 18.3. ging zudem das Online Magazin für Literatur namens tell an den Start und wurde in Leipzig vorgestellt. Ich schreibe das ein bißchen pro domo. Angestoßen durch die Debatte zur Lage der Literaturkritik im Perlentaucher im Sommer 2015 und durch die immer wieder in den Feuilletons aufflackernden Diskussionen zur Buchkritik. Und so zitierte die Gründerin und Initiatorin Sieglinde Geisel zur Auftaktsitzung im Juli 2015 in den Redaktionsräumen der Zeitschrift Merkur die Bremer Stadtmusikanten: „Etwas besseres als den Tod findest du überall.“ Denn all das Meta des Metas der Metakritik und das Verfallsschimpfen nützt nichts – es muß etwas getan werden. Ob das Projekt gelingt, wird sich zeigen. Doch wer nichts wagt, der gewinnt nichts und so lautet das Motto tells für diesen Anfang: „Woʼs not tut, Fährmann, läßt sich alles wagen.“ So heißt’s in Schillers Drama. Ergänzen möchte man gerne: „Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten, und neues Leben blüht aus den Ruinen.“

Nicht unbedingt stürzt die Bedeutung des Feuilletons, wohl aber ändert sich die Medienlandschaft, sie wird deutlich vielschichtiger. Darin spielen zunehmend auch Literaturblogger eine Rolle. Diese Buchmesse zeigte es, und leicht hektisch und mit einer gewissen Erregungsröte im Gesicht reagiert darauf mancher im klassischen Zeitungsfeuilleton, wie am Donnerstag in der Berliner Zeitung Sabine Vogel, die einen mäßig recherchierten Text zu Buchblogs schrieb. Argumentierte man in der Diktion Vogels so müßte man annehmen, die Redakteurin bloggte. Ijoma Mangold hingegen nahm auf einer Diskussion über das Verhältnis von Feuilleton und Literaturblog an, Blogs seien etwas, das der Vergangenheit angehöre. So recht ernst mochte er sie nicht nehmen. Immerhin ließ er sich aber herab, anzuerkennen, daß es sowas gibt. Irgendwo draußen, weitab von der Mangold-Welt. Der Versuch, zu bestimmen, was Blogs im Gegensatz zum Feuilleton leisten, erwies sich in der Debatte schwieriger als gedacht.

Als Schlußwort aus dem Publikum resümierte Jochen Kienbaum von „lustauflesen“ zu recht, die Szene der Literaturblogs sei derart plural verfaßt, daß es kaum möglich und auch nicht sinnvoll sei, im Sinne einer Definition Bestimmungen zu liefern: DEN Literaturblog gibt es nicht. Ich denke, wie bei allen Kollektivsingularen, daß sich darin Mannigfaltiges tummelt.

Ein umfassender Bericht zu dieser Veranstaltung unter dem Titel „Die Buchbeschleuniger“ findet sich auf der Homepage des Börsenblatts des Deutschen Buchhandels.

Unsinnig scheint es mir das, das eine gegen das andere auszuspielen oder in Konkurrenz zum klassischen Feuilleton zu treten. Die Stärke wie auch die Schwäche von Blogs: das ist ihre Subjektivität. Im Gegensatz zu dem großen Passagierschiff oder dem Tanker Zeitung sind Blogs Schnellboote, manchmal mit netten Bordkanonen bestückt, auf die man mal auf Möwen, dann wieder auf Wale zielt. (Bin heute, in Hamburg weilend, maritim gestimmt: Call me Ishmael: der Erzähler als Überlebender einer Teufelsfahrt mit Malstrom.) Die Kunst der kleinen Form. Etwas aufgreifen, pointieren, zuspitzen, über Bücher schreiben, die kein Feuilleton bespricht. Aber wird diese Möglichkeit, auch abseits zum Betrieb Liegendes aufzugreifen, von den Bücherbloggern hinreichend genutzt? Radikalisiert Euch! Radix matrix: Wurzelgeflecht bilden.

Eigentlich mag ich Buchmessen nicht. Aber das Flanieren an den Ständen vorbei gefällt mir. Keiner kennt mich, keiner will etwas von mir, keiner sieht mich. Keiner spricht.

 

 

 

 

„Kölner Botschaft“, Teil 2

Ich gehöre nicht zu den großen Blogverlinkern im Netz, ich gehöre nicht zu denen, die sogenannten Blogparaden veranstalten – ein Begriff, den ich idiotisch finde und der bei mir Aversionen auslöst wie sonst nur das Wort Polonaise. Gemeinschaftsstimmungen sind mir eher zuwider, und ich meide sie, wo es geht. Aus guten Gründen.

Im Falle der massiven Übergriffe auf Frauen in Köln möchte ich jedoch auf einen wichtigen Blogtext von von Jutta Pivecka aka Melusine Barby verweisen und verlinken: „Kölner Botschaft“ statt #ausnahmslos. Was sie formuliert und analysiert, deckt sich mit meiner Sicht. Weshalb ich also ebenfalls die „Kölner Botschaft“, aber keineswegs #ausnahmslos unterschreiben würde. (Wenn ich denn überhaupt Petitionen und Aufrufe unterzeichnete.) Aus welchen Gründen die „Kölner Botschaft“ die richtige Reaktion auf die Ereignisse in dieser Stadt ist, formuliert Jutta Pivecka auf ihrem Blog „Gleisbauarbeiten“ in klugen und abwägenden Worten: ohne ins linke Sabbeltrallala abzugleiten, ohne rechtspopulistische Slogans zu bemühen, ohne zu relativieren, ohne in den Aufregungsdiskurs zu verfallen. Nein, Köln war kein Sexterror und auch kein Zivilisationsbruch – solcher Aufsteigerungen bedarf es nicht. Aber Köln ist ebensowenig eine Nebensache, die mal eben so passiert. Diese Silvesternacht verweist auf grundsätzliche Probleme, die mit einem Mal, im Sinne eines Ereignisses, hervorbrachen.

Wer eine gute Flüchtlingspolitik machen will und ernsthaft eine sogenannte „Willkommenskultur“ – ein Begriff nebenbei, den ich ebenfalls für problematisch halte – schaffen möchte, wer mithin das Asylrecht ernst nimmt, darf im Falle von Straftaten nicht wegschauen. (Das gilt ohne Ausnahme, ausnahmslos also.) Wer dennoch wegschaut, schüttet Öl ins Feuer und schürt eine sowieso schon dramatische Gemengelage, in der alles mit allem unterschiedslos vermischt wird. Wichtig also auch, in den Analysen die Ebenen zu trennen und zu prüfen, was zusammengehört, was nicht, was Ursache sein könnte und was Wirkung. Weil Medien nicht immer korrekt berichten – ein Phänomen nebenbei, das wir nicht erst seit Köln ,Griechenland und der Ukraine kennen –,  haben wir noch lange keine Lügenpresse oder eine mediale Verschwörung. Weil auch Flüchtlinge Straftaten begehen, sind Flüchtlinge keine Kriminellen, sondern zunächst einmal Geflüchtete, die Schreckliches erlebten. Daß unter diesen Menschen auch solche  sind, die aus anderen Gründen nach Europa kommen, ändert nichts an dieser Tatsache.

Über Köln muß gesprochen werden. Wie geschrieben: statistisch gerechnet alle zehn Minuten ein Übergriff auf Frauen, innerhalb von 6 bis 8 Stunden auf engem Raum scheint mir keine Petitesse, die unter die Rubrik Herrenabend im Kuhdorf fällt – der ebenfalls schlimm genug ist, aber von einer anderen Qualität. Und ebenso ist es keine sehr beruhigende Vorstellung, wenn eine Polizei auf einem öffentlichen Platz einer 1000köpfigen Menge, aus der heraus über Stunden Straftaten verübt werden, nicht Herr wird. Mag sein, daß für die Straftäter aus Arabien und Nordafrika der Diebstahl im Vordergrund stand; das tut es für Taschendiebe in der U-Bahn auch. Aber die befummeln, beschimpfen und begrapschen keine Frauen und stecken Finger in Körperöffnungen, sondern die Beute in ihre Taschen und reiche das Geklaute unauffällig weiter. In Köln jedoch inszenierten sich, nach dem, was wir bisher wissen, provokante, sexistische Gruppen von Männern, die im Schutz einer aufgeheizten Menge agierten.

Starke und richtige Worte, wie ich finde, von Jutta Pivecka:

„Wer allerdings sexualisierte Gewalt, Sexismus und Rassismus auch für strukturelle Probleme (patriarchaler) Gesellschaften und Weltanschauungen hält – und nicht nur für individuelle Defekte – , muss sich durchaus Fragen zum sogenannten „soziokulturellen Hintergrund“ von Tätern stellen. Das, so würden die Initiatorinnen und Unterzeichnerinnen von #ausnahmslos antworten, bestritten sie in ihrem Text ausdrücklich nicht. Stimmt, einen Satz ist es ihnen durchaus wert. Jedoch hüten sie sich davor, auf den spezifischen soziokulturellen Hintergrund der Täter von Köln einzugehen. Das hat Gründe. Doch es wäre auch anders gegangen, wie die „Kölner Botschaft“ eindrucksvoll beweist, die nicht darauf verzichtet, die konkreten Hintergründe der Kölner Taten zu benennen und die im ersten Absatz eine offensive Position – die der Liebe zur eigenen Stadt –  vertritt, die es – gegen die Täter von Köln, die Pegida-Aktivisten, Nazi-Apologeten und Dschihadisten – zu verteidigen gilt.“ (Via „Gleisbauarbeiten“)

Am besten den ganzen Text lesen. Patriarchale Strukturen sind nicht nur als Twitter- oder Aktionismus-Slogan ausnahmslos in den Blick zu nehmen, sondern sie sind konkret und im Zusammenhang zu benennen. Dafür eben spielen auch der soziokulturelle Hintergrund und Biographien eine Rolle. Denn Menschen sind nicht vom Himmel gefallen und mal eben so da wie die liebe Sonne. Nachfragen müssen sich alle Religionen gefallen lassen. Ob Islam oder Buddhismus oder die katholische Kirche, sofern sie Kultur und Sozialisation bestimmen. Und auch ich als Mann sollte es tun, ohne gleich in Bußfertigkeitsübungen zu verfallen und in Selbstzerknirschungsritualen zu zergehen. Selbstreflexion kann niemandem schaden. Wer übrigens Köln sagt, sollte zugleich die Situation von geflüchteten Frauen in den Asylunterkünften in den Blick nehmen. Die scheint nämlich ebenfalls sehr schlimm zu sein. Müßte man mal recherchieren.

Und wie geschrieben: Vielleicht führen die Übergriffe in Köln dazu, daß allmählich ein Bewußtsein für Gewalt gegen Frauen einsetzt. Und zwar ohne die Kindergartenlogik des „Die-aber-auch“. Die Wahrheit ist nun einmal konkret.

Hinweis in eigener Sache – Blogdesign

Nichts ist im Leben sicher, schon gar nicht das Internet: seien es darin die personalen oder geschlechtlichen Identitäten oder Digitales, das sich auf Bildschirmen materialisiert. Alles auf der Flucht und flüchtig mithin. So auch das Blogdesgin, das WordPress hier und heute eigenmächtig verändert hat, ohne daß ich etwas dazutat. Interessantes Vorgehen. Mein Wunschdesign ist dies ganz sicher nicht, schon gar nicht dieses völlig idiotische und schlecht gemachte WordPress-Bild. Warten wir ab, was geschieht. Gegebenfalls muß ich hier später, wenn ich wieder Zeit habe, manuell nachbessern. Die kurzfristigen Eingriffe, um das alte schöne Bild von der Pont Neuf wiederherzustellen, die durch Christo und Jean-Claude 1985 verhüllt wurde – von mir natürlich selber aufgenommen – brachten keinen Erfolg.

On verra.

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Das Bild ist wieder das alte. Aber es fehlt immer noch die Menüleiste mit den Unterkategorien,  die mir wichtig ist und auf die ich nicht verzichten möchte. Wer, um es neu einzurichten, für mich einen feinen Basteltip hat, möge es kundtun.

Aufgeblasene Subjekte samt Vorblick auf Antonionis „Blow Up“ im c/o Berlin

In der Blogosphäre ist es in Ermangelung an Sachgehalt und Substanz beliebt, als Referenz und Ausweis die eigene Subjektivität ins Spiel zu bringen, anstatt sich einmal nur auf eine Sache selbst einzulassen und diese beredt werden zu lassen, sie also zum Sprechen und zum Klingen zu bringen – sei das nun ein Buch, ein Film oder ein Bild, was auch immer. Die vorgespielte Naivität nach dem Modus „Feuerzangenbowle“ („Da stelle mer uns mal janz dumm …“, so der Lehrer Bömmel) ist nicht der Ausweis des authentischen Zuganges und eines tiefen, offenen Bewußtseins, das um den richtigen poetischen Ausdruck beständig und ach so mühevoll ringt und ringt und ringt, sondern einfach nur Naivität, die ihre eigenen Mittel und den Kanon der Formen nicht beherrscht oder schlicht zu faul und zu feist ist, sich darauf einzulassen. Die gespielte Naivität fabuliert gerne von den eigenen Erfahrungen und den authentischen Wahrnehmungsweisen, die sich am Ende als doch recht austauschbar und als ebenso standardisiert erweisen.

Häufig läuft es auch in Blogs auf den Twitter-Sound hinaus: „Im Kino gewesen. Popcorn gegessen.“ Was Kafka noch in seiner Weise dem Tagebuch anvertraute, sei es um einen Moment des Tages abzubilden oder um Begebenheiten für irgendwann später als Notiz und Struktur festzuhalten – Passagen eben, die nicht für die Öffentlichkeit gedacht waren –, lesen wir heute zuhauf, und es zelebriert sich das Banale, das Langweilige spreizt sich und am schlimmsten: es geriert sich die Durchschnittlichkeit als exzeptionell. „Buch angefangen, nicht zurechtgekommen.“ Ich muß gestehen – so ganz und gar subjektiv –: es interessiert mich in den meisten Fällen nicht den Deut, wenn Menschen mit Texten und Bildern ringen, wenn sie Tentatives von sich seihen , wenn sie ihren Frühstücksquark oder ihren Tagesablauf beschreiben oder daß die Nachbarin in der Wohnung nebenan gerade gehustet habe, daß Frau Reschke aus dem dritten Stock verstorben sei, kundtun. Wer will’s lesen? Nun gut, Publikum ist vorhanden für diese „Stunde der wahren Empfindung“. Mir jedoch ist „die Stunde, da wir nichts voneinander wußten“ weitaus lieber. Am besten statt Stunden: die Monate oder Jahre. Egal wie – nur weit weg. Mich interessiert anderes: Wenn eine oder einer sein Schreiben auf eine Weise subjektiviert, das es mehr als der Ranz reiner Privatheit ist, wenn man fiktionalisiert, objektiviert und philosophisch oder ästhetisch etwas in eine Form bringt, wie wir diese causa bisher nicht fanden (solche Texte sind zu machen), mich interessiert, wenn sich die Grenzen zwischen Welt, Körper und Fiktion verwischen, wenn sich Bestandteile verschieben und verschiedene Bilder verdichten. Mich interessieren Erfahrungen, die nicht den Standards entsprechen und die in einer Sprache oder in Bildern sich niederschlagen, die es so bisher nicht gab. Morgen mehr zu solchen Verschiebungen und Verdichtungen in einer Besprechung zu Antonionis „Blow Up“ im c/o Berlin. Dies kann man gut in Anknüpfung an das hier lesen. [Allerdings können auch Bilder und Photographien massiv scheitern und gegen die Wand fahren.]

Haarflaum in der Abfickzone. Oder: Über die Schwierigkeiten von Prosa und Lyrik

Dies ist ein Text, den ich als eine Art Blogantwort bzw. als Kommentar bei der von mir hoch geschätzten Schriftstellerin Aléa Torik schrieb. Auf die Frage, wie eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller von ihrem Schreiben leben können. Ich möchte diesen Text, da ich mir viel Mühe machte, auch hier veröffentlichen. (Quatsch, ich habe den Text in einem Zuge heruntergeschrieben. Und es hat mich keine Mühe gekostet, sondern nur ein wenig Zeit und eine Flasche Bier.)

@ Aléa Torik
Ich weiß, es ist nur ein Nebenaspekt Deines Textes, in einer Deiner Kommentarantworten stehend, wesentlich ging es Dir um konkrete Aspekte der Literatur: „Je weniger die Sprache ein Buch trägt, umso mehr Handlung braucht es“. Ich hätte besser auf diesen Titel und das, was inhaltlich darunter befaßt ist, eingehen müssen, nahm aber eine andere Stelle in einer Deiner Kommentarantworten zum Anlaß: Dort beklagtest Du die unsichere materielle Existenz der Schriftstellerin, des Schriftsteller. Was den monetären Aspekt betrifft, so sehe ich dies etwas anders, und ich möchte Dir widersprechen. Einmal abgesehen, daß mir das Klagen der Schriftsteller über ihre prekäre Daseinsweise ungemein auf die Nerven geht und mich (und vermutlich viele andere ebenso) nicht die Bohne interessiert, scheint mir diese Kritik an der Sache vorbeizugehen. Ich will das an einigen Aspekten verdeutlichen. (Eigentlich hatte ich vor, diesen Text unter dem Begriff Prekariatsszenerien zu betiteln. Aber dies schien mir denn doch zu drastisch. „Prekär“ allerdings in verschiedenen Konnotationen gemeint.)

Erstens: Mit diesem Punkt meine ich weniger Dich als jenes sich selber überschätzende Schreiberprekariat, das sich – meist in Berlin lebend – einbildet, Dichterin oder Dichter zu sein, weil irgendwie aus der der Lamäng, aus der Assoziation zwei oder drei Zeilen geschrieben wurden, irgendwann einmal die Stimmung besonders lyrisch oder prosaisch ausfiel und fürs Zwischendurch ein Text gefertigt wurde, der dann irgendwo in den Weiten des Digitalen sich verbreitete oder es sogar auf ein Blatt Papier schaffte. Karen-Köhlerisierung der Literatur. Die wir beide gleichermaßen beklagen. All die selbsternannten Dichterinnen und Dichter, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller treiben sich in Berlin zuhauf herum. Aber ebenso anderswo. Selbstermächtigungsgesetz des Literatentums. Ich, der Dichter, ich, die Dichterin. Narziß und Echo begleiten neuerdings den Dichter als Geist-Gefährten. Apollon, Dionysos und der Zug der Mänaden haben ausgedient. Allenfalls als Literaturgroupies oder Salonleseboxenluder tauchen diese Mänaden auf. Die Bakchen des Kultursalons. Die Dichterlebensdichte in Kreuzberg, Friedrichshain, dem Prenzlauer Berg und neuerdings wohl auch Lichtenberg und Pankow ist ungemein hoch. Dagegen war Friedenau in den 60er Jahren dichterisch fast dünne besiedelt. (Herta Müller lebt dort heute noch.) Ich bekomme regelmäßig Wallungen der Aggression, wenn der Ranz des Beliebigen als Dichtung hochgepimpt wird. (In Blogs kann man das ja alles machen. Gut finde ich es dennoch nicht. Es hat etwas Schales, etwas Anmaßendes, etwas Abstoßendes. All dieses Schreiben. All diese Viel-zu-vielen.) Aus der Assoziation mache ich Euch allen solche 3-Sekunden-Texte im Zwei-Sekunden-Takt:

Nach der Nacht//Und aus der Muschi der Scheidenausfluß//im Beckensaum//Genäht, gewichtet, zu leicht befunden//Haarflaum in der Abfickzone//Sekrete Diskretion.

Ich meine, das ist doch wirklich ein geiler Titel für einen Gedichtband: „Haarflaum in der Abfickzone“. Ich, der Fan der Muschibehaarung. Wie geschrieben: ich kann hier den ganzen  Abend und den Morgen und den Nachmittag assoziieren und den Tag und darüber hinaus. Aber als Dichter würde ich es nicht wagen, mich selber zu bezeichnen oder von anderen mich benennen zu lassen. Was für eine Hybris! Und damit komme ich auf den Punkt: Es gibt zu viele von Euch Schriftstellern! Reduziert Euch! (Eine der schönen Ausnahmen war Dein Blog und es ist auch summacumlaudes Blog, stellenweise auch die Beobachtungen bei Kreuzbergsüdost, ebenso Katharsis. Feine Skizzen, aus denen mehr werden kann oder könnte. Natürlich, im großen Rahmen, ebenfalls viele der Texte von Alban Nikolai Herbst in seinem Blog, wenn nur das Jammern nicht wäre. Des Dichters liebstes Kind scheint die Klage zu sein. Ganz gleich, ob Marienbader oder Berliner Elegie. Andererseits, im guten Teil der Elegie geht das Klagen, Jammern und Zähneklappern durchaus, wenn das Material bearbeitet und nicht roh hinterlassen wurde, wenn dann der Bau trägt und die Kraft des Ausdrucks wirkt: „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,//Gab mir ein Gott, zu sagen, wie ich leide.“ Goethe, Torquato Tasso)

Daß Dichtung einmal Ausdruck von Leiderfahrung war, objektives Leiden, Leid objektivierend in der Textweise des Subjekts: dieser Umstand scheint mittlerweile vergessen. Die Begleiter des Dichters sind Narziß und Echo.

Die Städte sind voll von Lyrik und Prosa. Gut. Und für die Performances beim Poetry Slams mag das funktionieren, wenn in gewitzter Form Sprache dargeboten wird. Ob das freilich der Dichtung insgesamt zugute kommt? Dieser Faktor der Multiplizierung, dieses Zu-Viel der schnellen Form: Das ist der Grund, weshalb ich Lyrik und Prosa-Gedicht (in vielen Fällen) für die heruntergewichsteste Form der Dichtung halte. Hausfrauengeschreibe fürs Zwischendurch. Keine Kraft und keinen Atem für die lange Form des Romans oder eben einen komplexen komponierten Gedichtband aufbringend, wie Daniela Danz das gekonnt mit Pontus tat. Es müßte ein Gesetz erlassen werden: Wer nie einen Roman schrieb, wird mit dem Verbot belegt, Lyrik zu produzieren. Vielleicht sollte man das auch für die Essays einführen. Wer nie sich einem Schreib-, Denk- und Theorieprojekt für mindestens 2 Jahre hingab, darf keine Texte verfertigen. In hora mortis – es mag der Griffel in der Sterbe-Hand verfaulen. Die Journalismusversuche samt den Buchschreibereien der Kreuzberger Medienbohème betrifft dies ebenso.

Nein, mich stört weniger das Schreiben selbst, als Akt, als Tätigkeit, als Wille zur Gestaltung, sondern vielmehr das Prätentiöse. Lyrik und Prosa geraten inflationär. Nun kann man sagen: schön, daß es so viel Dichtung gibt. Ja, schön auch, daß es so viel Beliebiges gibt, dem es an diesem Willen zur Form gebricht. Dieses Phänomen scheint auch in der Photographie existent zu sein, weshalb ich immer weniger Lust verspüre, meine Photographien überhaupt noch herzuzeigen.

Punkt 2.
Du schreibst:

„es mag sein, dass wir in dem Maße, wie wir erkennen, dass man vom Schreiben nicht leben kann, auch erkennen müssen, dass es eben kein Beruf, sondern ein Hobby ist. Ich kann mir als Beruf nichts Schöneres vorstellen, aber als Hobby interessiert mich das Schreiben nicht. Wenn man nicht fürs Schreiben lebt, dann kommen dabei in der Regel Hobbytexte heraus (bei den großen fiktionalen Formen; bei Bloggern und Journalisten gelten da andere Gesetze). Ich will Texte von Berufsschriftstellern lesen, die sich mit ihrer gesamten Existenz für den Text verbürgen. Und solche Texte will ich auch schreiben. Wenn das nicht geht, dann muss ich mich anderweitig orientieren.“

Wohl wahr und richtig: Schreiben (und überhaupt das Machen von Kunst) ist kein Hobby, es ist Leidenschaft, wildes irres Tun und Treiben, ein Delirieren, ein Zwang, ein Muß und hohe Kunst der Komposition. Insofern trifft der Begriff des Tonsetzers, als der jener Adrian Leverkühn im „Doktor Faustus“ bezeichnet wird, den Umstand dieser Arbeit der Kunst sehr genau. Es ist ein Setzen, vorsichtiger Satz, kühner Satz, vorpreschender Satz, und es klingt die Arbeit des Schriftsetzers darin an. Guter alter Bleisatz, Detailarbeit, wenn nach den  passenden Lettern gefischt wird. Aber, und hier kommt die große Einschränkung, es bietet die Kunst eben keine Gewähr dafür, daß es Geld gibt. Schön wäre eine Gesellschaft, in der jeder nach seinen Bedürfnissen tätig sein könnte. (Insofern stellt die Bezahlungsfrage für Schriftsteller:innen, jenseits allen Egoismus oder auch des rein Pragmatischen, von irgend etwas leben zu müssen, zugleich die Systemfrage. Ich schreibe das in einer Klammer, obgleich diese Klammer Zentrales berührt: Wie wir nämlich leben wollen.)

Auch ich mag keine Hobby-Texte lesen, schreiben braucht Zeit; in den Blogs, die Literatur machen, lesen wir immer wieder, wohin und zu welcher Art von Text das Hobbyschreiben führt, wenn im Ton der Empfindsamkeit getrötet oder geflötet wird.

Die Schriftstellerin Ulla Hahn riet jungen Autorinnen und Autoren, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Ich halte das für einen guten Hinweis. Denn es ist doch so: Der Betrieb ist voll. Alle drängt es zu den Töpfen, zu den gut oder den weniger gut bezahlten Vorträgen, den Schreibstellen in den Feuilletonredaktion, denn vom Verkauf seiner Bücher kann (so vermute ich) kaum einer der Schriftsteller leben. Es bleibt also nur die eiserne Disziplin, um seine Leidenschaft, dieses ungeheure Begehren, neben der Erwerbarbeit zentral zu machen. Schreiben erledigt sich nicht nebenbei. Wer aber dieses ungeheure Wagnis eingeht, einen Roman zu komponieren, der benötigt eines der kostbarsten Dinge, die es auf dieser Welt gibt: Zeit. Das heißt vermutlich auch: ich muß mich von vielem, das ablenkt, freischaufeln. Freundinnen und Freunde reduzieren. Tätigkeiten einschränken. Eine Lösung für dieses Dilemma weiß ich nicht. Falsch wäre es auf alle Fälle, wenn eine der begabtesten Schriftstellerinnen ihr Schreiben aufgibt. Nebenwege gehen vielleicht? Wie machte es Franz Kafka, der zeitlebens seine Arbeit im verhaßten Büro verfluchte? Ihn rettete die Krankheit. Ihm schadeten die Frauen. Nein, nicht ganz. Sie waren der Anlaß zum Schreiben, der unendliche Fluchtreflex. Orpheus schlachtet Eurydike, und er beschreibt dieses leere hagere Gesicht, das er im September des Jahres 1912, bei Brod an einem Tisch sitzend, betrachtete, das Blasse, Magere. Er modelliert und skizziert aus diesem Gesicht heraus den größten Roman des 20. Jahrhunderts. (Aber auch dies ist nur eine Mutmaßung, kein Biographienpositivismus, sondern selber ein Stück dieses ungeheuren Textes Kafka, den der Blogbetreiber fortzuschreiben gewillt ist.) Durchstreichung eines Gesichtes, ein Text, der sich fragmentiert und selber auslöscht, denn das Wesen eines Textes ist es, wieder verschwinden und sich ins Nichts versetzen zu können. Die Illusion der textuellen Dauerpräsenz und Omnipotenz durchzustreichen. Ginge es nach Kafka, wäre sein Literaturnachlaß verbrannt worden. (Undenkbar, absolut undenkbar für einen heutigen Dichter.) Schreibglück fand Kafka erst kurz vor seinem Tode, zusammen mit Dora Diamant. Auch eine der vergessenen Frauen. Aufhören ist für die, die der Literatur etwas hinzugefügt haben, keine Option. Das sollten besser andere machen.

Weltweites Web mit Hick und Hack als Kommunikationsform

„Ich wollte sie zu einem Verständnis für die Angelegenheiten der deutschen Sprache erziehen, zu jener Höhe, auf der man das geschriebene Wort als die naturnotwendige Verkörperung des Gedankens und nicht bloß als die gesellschaftspflichtige Hülle der Meinung begreift. Ich wollte sie entjournalisieren.“

Dies schrieb Karl Kraus in seinem Text „Apokalypse“, weil die Zeitschrift „Die Fackel“ bereits zehn Jahren schon bestand.

Es gibt im Internet, in der schönen neuen, nein, nicht mehr ganz so neuen Welt der Blogs, die sprießen und wuchern wieʼs Schamhaar der Frauen noch herrlich in den 90er Jahren, weil das Schreiben demokratisch wurde und jeder, der eine Tastatur zu bedienen vermochte, seine niedrigen Ergüsse oder aber auch durchaus brauchbare Texte – sei es politisch gestanzt, lyrisch verpackt oder als Sonstwie-Text – in den Raum des Digitalen stellte, mit feiner und zugleich berechenbarer Regelmäßigkeit die Zerwürfnisse zwischen Blogs oder Bloggern und Kommentatoren und manchmal auch die zwischen realen Menschen. Häufig geht es bei solchen Disputen um die Politik: alte Bündnisse zerfallen, neue entstehen – nicht anders als in der Welt des Politischen, die in der Kategorie der Freund/Feind-Unterscheidung (C. Schmitt) arbeitet. Diese Unterscheidung kann man auf politische Theologie herunterbrechen, aber man muß es nicht. Es läßt sich diese Differenz ebenso in gut Hegelianischer Weise als (notwendiger) Kampfplatz fassen. (Für die Freund/Feind-Unterscheidung hat es insofern kaum eines Carl Schmitts bedurft.)

Auf dem Blog „Sprache und Gestalt“ schrieb sein Betreiber einen kleinen Text über „Das Aufmerksamkeitsproblem als ein Problem der Aufklärung“. Darin geht es um den Krawall und wilden Disput, der bei bestimmten Themen regelmäßig sich einstellt, samt dem bewußten Mißverstehen von Positionen und Sätzen. Stellt einer fest: die DDR sei ein Unrechtsstaat, so kommt mit schöner Regelmäßigkeit irgend eine fadenscheinige Widerlegung wie: Auch in der BRD geht es nicht mit rechten Dingen zu. Stimmt. Es wurde sogar in Knästen systematisch und unter Aufsicht des Rechtsstaates gefoltert, wenn man an die Isolationshaft der RAF-Gefangenen denkt. Aber es ist ein absurdes Spiel, das eine gegen das andere auszuspielen. Genausogut könnte man dann sagen: das Grauen des faschistischen Deutschlands ist zu vernachlässigen: Denn das war lediglich eine Reaktion auf Stalin. Entsetzliche Relativierungen. Und so geht der Streit in den Foren diverser Polit-Online-Magazine und in den Blogs ins Unermeßliche und ad infinitum weiter. Mal um des Kaisers Bart, mal um seine neuen Kleider, mal um durchaus berechtigte Fragen im Detail.

Doch häufig haben alle diese politischen Diskussionen mit einer emphatisch verstandenen politischen Öffentlichkeit, die informiert ist und Kenntnisse besitzt, nicht mehr viel zu schaffen. Fast ließe sich die These aufstellen, daß die Subjekte, je ohnmächtiger sie in den realen politischen Zusammenhängen und in den praktischen Entscheidungen bereits sind, dann umso mehr in anderen Rahmungen – gleichsam virtuell – rebellisch werden und den gestauten Druck abdampfen. [Kompensationsleistung der Demokratie. Demokratischer Raum zum Sprechen ist zugleich einer, der Handlungen unterbindet.] Die meinungsgesättigten Foren diverser Online-Magazine oder Blogs sind der ideale Ort, um Dispute, die sich teils zu Glaubensfragen transformierten, auf Stellvertreterebene auszutragen,  weil die Verhältnisse wie erstarrt und versteinert erscheinen. So rückt eine Rebellion oder gar ein Aufstand in der Realität schlicht und einfach in weite Ferne. Diese Apathie ragt bis in die innerlinken Diskussionszusammenhänge hinein: von der Frage, wie mit Flüchtlingen umgegangen wird, über Genderbloggerei und Critical Whiteness. (Nachzulesen etwa hier oder in anderer Variante auch an dieser Stelle.)

Ich schrieb bei „Sprache und Gestalt“ einen kleinen, feschen Kommentar, den ich hier, leicht erweitert, im Rahmen der Mehrfachverwertung noch einmal posten möchte, damit so Kluges und doch im Grunde Banales nicht untergeht, und weil ich im Augenblick nicht zum Schreiben von Blogtexten und zum Lesen von Blogs komme, denn ich liege gemütlich mit einer Erkrankung der Atemwege im Bett und lese wahllos in Büchern, erweitere ich einen bereits geschriebenen Text.

Ich denke, diese Art von Krawall, wie er in politischen Blogs regelmäßig sich zuträgt, wird sich auch in literarischen Blogs und in solchen, die sich mit Kunst, Literatur, Musik, Architektur oder Ballett befassen, einstellen, sobald irgendwer auftaucht und ohne Sinn und Verstand wilde Thesen heraushaut, die gar nicht oder dünn belegt sind. Vermeiden läßt sich solcher Trollinger-Krawall wohl nur, indem die Blogbetreiber/innen die Kommentarfunktion abstellen. Aber damit ist das Wesen des Blogs zerstört, das prinzipiell auf einen Dialog angelegt ist – im idealen oder gar im idealtypischen Falle erfolgt dieser Dialog nämlich in aufklärerischer Absicht, als freundschaftliches, bildungsgesättigtes Gespräch, als espritgeladener Austausch unterschiedlicher Sphären, von Geist und Wissen getragen, wo sich Perspektiven erweitern, wo der eine etwas von der anderen lernen kann. Aber wie es mit den Idealtypen im Leben nun einmal bestellt ist – wir wissen dies nicht erst seit Max Weber: Es scheitert das Ideal der schönen Bildung, das Ideal des Geistes und das Gespräch der schönen Seelen (Göthen, W. Meister) regelmäßig an den konkreten Verhältnissen, weil sich das eine (Geist) und das andere (Ungeist) gegenüberstehen, ohne daß je die Vermittlungsleistungen samt Negation des Ungeists gedacht werden. Gute Blogs hingegen können Skizzen, Aphorismen oder Essays mit Gegenhall sein.

Nun kann man  unqualifiziertes Zeug und Trolle, die um des Krawalls willen streiten, ausschalten, indem man sie abschaltet, sprich: löscht oder ihnen – mir macht das manchmal Freude – mit böser Zunge auf der gleichen Ebene entgegenkommt: nämlich mit dem fetten Knüppel in der Hand, der bösen Polemik oder der bernhardschen Restlosbeschimpfungssuada, die da über den oder die Trollinger/in herabsaust. Ich denke, manche lechzen danach, ob ihres sehr begrenzten Horizontes abgewatscht und bestraft zu werden. Sie rütteln und schütteln geradezu den guten alten Ohrfeigenbaum.

Es mag viele Gründe geben, womit die völlig zerstörte Kommunikation im Internet zusammenhängt. Sicherlich auch damit, daß es zu jeder Banalität, die behauptet wird, einen noch Dümmeren gibt, der noch Banaleres dem hinzufügt. Wenige Blogs nur existieren, wo eine Diskussion solche Bahnen zieht, wie wir uns einen geistreichen Disput vorstellen, wo unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen, in denen es um die Sache selbst geht. [Sieht man einmal von den eher harmlosen, gefälligen, eher seicht-plaudernden Blogs ab, wo sich in gestimmter Befindlichkeit alle gegenseitig streicheln und keiner ein böses Wort sagen mag: Tust Du mir nicht weh, tu ich Dir auch nicht weh. Und es fließt soviel Honig, der um Bart und Mund geschmiert wird, daß weder die armen Bienen noch die Beuysche Honigpumpe je soviel dieses zuckerhaltigen Ausscheidungssekrets produzieren können.]

Dispute, die bis aufs Messer mit Verbrennungserscheinungen geführt wurden (Stichwort Autodafé und Inquisition gegen die, welche Häresie gegen die reine Kirchenlehre begingen) beherrschten die Welt vielfach und es gab sie es immer. Womöglich jedoch erzeugt das Internet selbst bzw. dessen Form der Kommunikation ein Problem, das zwar seit Äonen existiert, dessen Dimension jedoch aufgrund sich steigernder (Kommunikations-)Quantität eine neue Qualität annahm. Es sind dies Trivialitäten, leider, aber man kann sie nicht oft genug wiederholen. Jeder kann (anonym versteht sich) zu allem etwas behaupten und eine Meinung haben, ohne daß es durch Quellen und Belege gedeckt ist. Es hat am Ende keine Konsequenz, außer der, daß ein Streit ausbricht. Egal ob es sich nun um Quatschthesen zum Künstler oder Philosophen XY handelt oder darum, ob der Staat XY ein Unrechtsstaat sei. Es kommt sofort einer und schreit: „Ja, aber hier, ja, aber dort.“

In einer Arbeitsgruppe, in Seminaren, in einem Face-to-Face-Kontext ist der Bezirk besser abgesteckt und manche sind halbwegs vorbereitet. Zudem werden Dummthesen in der Regel durch die Leiterin eines Seminars als solche entlarvt bzw. ausgebremst, und wer der Meinung ist, Picasso könne nicht malen oder Adorno nicht schreiben, wird sich selten in ein Kunstgeschichtsseminar oder in ein Seminar über den guten alten Teddy setzen. In Blogs ist es anders. Dort kann sich jeder Zutritt verschaffen, und es wird das persönliche Meinen als Wahrheit der Sache genommen und eine Entgegnung: „Das ist aber aus den Gründen  X und Y nicht so!“ als persönliche Kränkung aufgefaßt. Wer läßt sich schon gerne das eigene Nichtbescheidwissen als Spiegel vor die Nase halten? Ich könnte an dieser Stelle wieder und wieder den halben Hegel aus der „Phänomenologie“ herunterbeten, weshalb das bloße subjektive Meinen eben kein Wissen und keine Wahrheit in einem emphatischen Sinne bedeutet, sondern allenfalls eine zu überwindende Vorstufe darstellt.

Womit wir beim nächsten Aspekt wären: der nicht mehr vorhanden Bildung und der mangelnden Bereitschaft, Neues zu lernen. (Sich dem Feuer des Geistes auszusetzen, könnte ich idealistisch verbrüht schreiben.)

In Polit-Blogs ist dieses Austragen von Disputen noch einmal etwas anders als in denen, die sich den privaten Befindlichkeiten, die sich als Literatur maskiert, widmen oder aber jenen Blogs, die versuchen mit halbwegs anspruchsvollem Schreiben Literatur, Film, bildender Kunst gerecht zu werden, gar selber ein Stück zur Literatur beizutragen, weil an den politischen Meinungen, die häufig eben keine Analysen sind, Lebenskonzepte und Weltanschauungen hängen. Ein gräßliches Wort zwar, aber in diesem Zusammenhang paßt es. Wer sich dem Staat X oder dem System Y mit Haut und mit Haaren verschreibt – ob das nun Antideutsche oder eingefleischte Antisemiten, DDR-Nostalgiker oder Maoisten, Trotzkisten oder sonst etwas sind –: Es kratzt an der eigenen Ideologie, wenn wir zeigen, daß die DDR auf Unrecht fußt, wenn wir zeigen, daß Israel mit den Palästinensern umgeht, wie man mit Menschen nicht umgehen soll, daß Palästinenser per se keine Heiligen sind und schon gar nicht die Jungfrau Maria der Revolution. Und wenn es bei solchen Diskussionen zu bunt wird, hilft eigentlich nur noch Polemik. Denn mit Schwachköpfen sich ernsthaft auseinandersetzen zu wollen, bedeutet eine äußerst kostbare Ressource zu verschwenden und vor die Säue zu werfen: die eigene Zeit nämlich. Insofern meide ich solche Dispute des Politischen. Es dauert nicht lange und es wird darin zu bunt.

Ebenso beim subjektiven Geschmacksurteil in Dingen der Kunst. Wer für die Lektürepräferenz  seine Befindlichkeit und ein vages Spüren angibt, mit dem läßt sich schwerlich ein Disput führen, der in der Sache sich gründet. Hier ist ein Streit schlicht sinnlos. Ebenso wie sich im Leben niemand ernsthaft darüber streiten oder gar zanken wird, ob er oder sie Quittenkonfitüre oder Innereien mögen. Wer meint, er sei Experte für Quittenkonfitüren und die schmecke nun einmal, dem sei es gegönnt. Wer sich gefühlsmäßig der Prosa Karen Köhlers oder den Bildern Henri Rousseaus verbunden fühlt, dem wird kaum einer dieses Gefühl absprechen können. Wenngleich sich rational und auf der Ebene kunstkritischer Lektüre sehr wohl Argumente für deren Mißlingen finden. So wie sich qualitative Differenzen zwischen Bloch und Adorno oder Hesse und Th. Mann benennen lassen. Den Punkt nämlich, wo ein Text etwas verfehlt oder aber einen Aspekt seiner Zeit gekonnt und in einer bisher nicht dagewesenen Weise pointiert, schillernd und zugleich einsichtig macht. Bloch trifft intuitiv einen bestimmten Nerv, aber er vermag es nicht, diesen mit Inhalt zu füllen. Es gibt gute Gründe, weshalb Adorno Bloch „den Märchenonkel“ nannte. (Was nicht bedeutet, daß sich die Texte Blochs nicht fruchtbar und in einer gekonnten Lektüre gegen ihren Verfasser wenden und weitertreiben ließen. Wobei „Geist der Utopie“ immer noch ein großartiges Buch und Ausdruck seiner Zeit bleibt.)

Das Problem liegt in solchen Zusammenhängen, wo Gesellschaftliches diskutiert wird, in der Entweder/Oder-Logik und in der einseitigen Parteinahme. Theorie jedoch ist der Wahrheit und keiner Partei verpflichtet. Mag die Wahrheit und insbesondere der Begriff derselben auch hinreichend komplex sein. Sie kommt zumindest nicht aus der Pistole geschossen hervor, wie dies bei der Meinung der Fall ist.

„Die Aufgabe der Religion, die Menschheit zu trösten, die zum Galgen geht, die Aufgabe der Politik, sie lebensüberdrüssig zu machen, die Aufgabe der Humanität, ihr die Galgenfrist abzukürzen und gleich die Henkersmahlzeit zu vergiften.“
Karl Kraus, Apokalypse (Offener Brief an das Publikum)

Ein Sturm, der vom Paradies her weht

Was ich von Jahresrückblicken halte, die aus privater Gestimmtheit öffentlich in der Welt des Internets geschrieben werden, läßt sich in wenigen Worten zu Papier bringen: Gar nichts. Die schönen und angenehmen Dinge, die sich Haut an Haut mit Menschen zutragen, spielen sich nicht in der Welt der Blogs und der Texte ab. Insofern gehören sie nicht in einen Blogtext – sofern der Referenzrahmen nicht das Poetisieren ist, wo mit den doppelten Böden und mit den Fallstricken, den Schleiern und den Segeln gespielt wird.  „Voile“, so bezeichnet der französische Begriffe beide Substantive gleichermaßen. Das aber sind Praktiken des Textes. Mehr nicht. Verwiesen sei nur auf dieses wahre Wort. Denn auch diese Spiele sind manchmal unangemessen und überflüssig.

Mich aber interessieren die Theorien, die diese Welt in ihrer Struktur lesbar machen und im selben Zuge auch wieder verrätseln. Dennoch besitzen Rückblicke einen ganz eigenen Reiz, sofern sie sich mit einer Bedeutung aufladen, die das bloß Private oder Privative sprengen. Das gilt für die Literatur, das gilt für literarisch-philosophische Schreiben. Den intensivsten und schonungslosesten Rückblick – freilich nicht auf ein vergangenes Jahr, sondern auf Vergangenes überhaupt, das ins Äon ragt – tätigte wohl jene Figur, die Walter Benjamin in seinem letzten zu Lebzeiten geschriebenen Text „Über den Begriff der Geschichte“ nannte:

 „Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“

Metaphysik, Theologie und Materialismus durchdringen sich in diesem grandiosen und pointieren Text-Bild Benjamins und zeichnen die Konturen einer Welt wie sie ist und wie sie wurde sowie einer ganz anderen Welt, ohne die Details freilich auszupinseln. Utopie – bilderlos, so könnte man schreiben. Aber nicht, wie bei A. Schlegel konzipiert, als reine unschuldige Utopie eines Märchens, befreit von jeglicher Geschichtsphilosophie. Benjamin setzt sich in seinem Verfahren von einer Geschichtsschreibung ab, die rein historisierend und bloß überliefernd verfährt und im Titel eben diesen Namen trägt: Historismus, der eine Begebenheit der Geschichte additiv an die andere reiht. Der Historismus „hat keine theoretische Armatur“ schrieb Benjamin in der XVII. geschichtsphilosophischen These, die für sein Verfahren eines dialektischen Materialismus sowie seiner Theorie einer „Dialektik im Stillstand“ zentral ist. Das „Kontinuum der Geschichte“ aufzusprengen.

Zugleich kritisiert Benjamin – zumindest implizit, jedoch ohne ihn beim Namen zu nennen – das Heideggerschen Seinsgeschehen, welches Geschichte als Geschichtlichkeit ontologisch aus der Welt aussiedelt. Heideggers in „Sein und Zeit“ ausformulierte Quasi-Transzendentalphilosophie einer übergeordneten Geschichtlichkeit im Seinsbezug ursprünglicher Vorgänglichkeit verfehlt die materialistische Perspektive: Daß nämlich Geschichte immer (auch) konkret ist und sich in den ökonomischen Faktoren spiegelt und zugleich darin als Geschichte sich ereignet und einer Welt die Strukturen und Dispositive vermittelt. Für Benjamin ist in diesem Zusammenhang die Kategorie der Ware zentral, die er in seinen Texten zu Paris als Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts konstellativ zur Darstellung bringt: sei es über die Dichtung, Baudelaires, über die Pariser Passagen, über Schaufenster, Lumpensammler, Sammler und Flaneure, die Architektur Haussmanns, die Eisenkonstruktionen, die Prostitution. Alles dies wird ihm zum Material einer historisch-materialistischen und zugleich dialektischen Geschichtsschreibung, die sich – über Zitate zunächst – konstituiert und in ein Bild bringt. Dieses in den Details Aufblitzende einer Vergangenheit vermittelt sich bei Benjamin wesentlich über Texte. Über die Einsichten in das Leben der Großstadt und in die diese Großstadt beschreibende oder von ihr borgende Poesie Baudelaires weist Benjamin auf das warenförmige Verhältnis einer Gesellschaft, die ihre Werte monetär vermittelt und dabei verdeckend und verschleiernd nicht müde wird, von den wahren Werten zu schwadronieren.

Aus der Vergangenheit erzeugt sich das Bild unserer Gegenwart.

„…, der Historiker ist der rückwärts gekehrte Prophet. Er kehrt der eigenen Zeit den Rücken; sein Seherblick entzündet sich an den ins Vergangene verdämmernden Gipfeln der früheren Ereignisse. Dieser Seherblick ist es, welchem die Zeit deutlicher gegenwärtig ist als den Zeitgenossen, die mit ihr Schritt ‚halten‘.“ So schreibt es Benjamin in einem seiner nichtpublizierten Fragmente zu „Über den Begriff der Geschichte“.

In diesem Jahr will ich mich verstärkt den Texten Walter Benjamins widmen, mit Nebenwegen, mit Umwegen, hin zur Photographie, ins Passagenwerk hinein und über eine Theorie des dialektischen Bildes, was sowohl für das Medium Text wie auch Photographie bedeutsam ist. Insbesondere seine Fragment gebliebenen geschichtsphilosophischen Thesen möchte ich nachzeichnen: Den Ort, wo Metaphysik, Theologie und Materialismus erkenntniskritisch sich verbünden. Vor 75 Jahren brachte sich Walter Benjamin, auf der Flucht über die Pyrenäen, am 26. September 1940 in Portbou um sein Leben. Das ist 75 Jahre her.

1975, also vor 40 Jahren, erschien der erste Band von Peter Weissʼ „Die Ästhetik des Widerstands“. Auch dies sollte mit Texten und einer Würdigung bedacht werden.

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Wenn ich auf die Literatur des Jahres 2014 zurückblicke, so sind es diese drei Bücher, die ich bedingungslos empfehlen möchte: Großartiges Erzählen von Thomas Hettche mit „Pfaueninsel“ sowie das wunderbare, grandiose, sprachgewaltige Debüt von Lutz Seiler mit „Kruso“. (Eine intensivere Besprechung als diese Skizze werde ich noch schreiben.) Wer freilich Freude an Experiment und Feldforschung hat und seinen phänomenologischen Blick schulen möchte, der oder dem seien „Die Autonauten auf der Kosmobahn“ von Julio Cortázar empfohlen. Eines der phantasievollsten und witzigsten Bücher des Jahres 2014. (In einer zweiten Besprechung zudem hier nachzulesen.)

Abschließend will ich es nicht versäumen, meinen Leserinnen und Lesern ein gutes neues Jahr zu wünschen. Und in der Hoffnung darauf, hier im Blog weiterhin qualifizierte und in der Sache weiterbringende Kommentare und Diskussionen lesen zu können. Einige Ausnahmen gab es leider – wie immer. Diese werden von mir  weiterhin mit unsachlicher Bosheit gestraft, auf daß sich durch dieses Verfahren die Spreu vom Weizen, die Trolle von der geübten Schreiberin, dem geübten Schreiber trennen, so daß solche Gestalten sich hier nicht mehr herverirren mögen. Und bitte bitte: Erzählt mir  auch dieses Jahr nicht, daß Benjamin und Weiss nicht schreiben können, daß X nicht malen kann oder daß meine Texte zu lang sind. Ums nochmal klarzumachen: Ich betreibe keinen Aphorismen-Blog und auch keinen für Gefühlsdinge. Diese gehören in den Bereich der Face-to-Face-Kommunikation. In diesem Sinne: Die besten Wünsche für alle die Leserinnen und Leser, die ich schätze und als Kommentatoren und auch als Opposition und Gegentext mag. (Ein Aquino-Disput steht ja noch aus!)

„Die Deutschen und ‚ihre‘ Juden“: Betroffenheitskult und der darin schlummernde Antisemitismus

Leider erst heute stieß ich auf einen  ganz hervorragenden Text zum Thema der Deutschen und „ihrer“ Juden. Er findet sich in dem Blog von summacumlaude, den ich sowieso ans Herz lege, und ich möchte nicht versäumen, diesen Beitrag hier zu verlinken und zum Lesen zu empfehlen. Insbesondere das dümmliche Abwatschen von Philipp Jenninger 1988 samt Rücktritt, als er im Bundestag vom Faszinosum des Nationalsozialismus sprach, offenbarte das reflexhaft Zuschnappende, das ohne jede Reflexion bleibt, weil es die Inhalte von Sätzen nicht zu (er)fassen vermag. Denn es ging ja nicht darum, das Handeln der Täter und der Mitläufer zu entschuldigen, sondern vielmehr das zu zeigen, was war. Ungeschminkt. Der Nationalsozialismus mit all seinen Konsequenzen war für viele ein Faszinosum (Stichwort Heidegger, Benn, Riefenstahl undsoweiter undsofort)

Der Protest gegen diese Rede zeigte den Entlastungswunsch durch übereifrige Kritik und durch ein gehöriges Maß an Selbstverleugnung. Hier steht er: der bessere Deutsche. In den Seminaren der späten 80er erlebte ich diese Haltung, sich selber fast zur Jüdin zu machen und betroffen Partei zu nehmen, insbesondere von übereifrigen jungen Germanistik- und Philosophiestudentinnen, die sich ansonsten aber einem Holocaustopfer oder den Tätern nicht auf einen Kilometer genähert hatten, und diese Haltung der Entlastungsaffirmation ohne jegliches Handeln mündete in eine vollständig unkritische Israelbejahung, wie es dann am Ende dieses Ganges aus Angst vorm Erstarken Deutschlands nach der Einheit die Antideutschen fabrizierten. Es gibt jedoch Dinge, die lassen sich nicht entschulden. Daß das Verhältnis der Deutschen zu Israel ein besonderes ist, steht wohl außer Frage.

Aber das kann nicht bedeuten, unkritisch Partei zu nehmen – zumal Judentum und die Politik Israels zwei doch sehr verschiedene Paar Schuhe sind. Ebensowenig liefert die Kritik an der Politik Israels aber den Freifahrtschein für das große PLO-Tuchtragen und Palästinenser-Hurra oder Al-Fatah-Kindergarten-Gespiele, wie ein anderer Teil der Linken unkritisch und eindimensional den Kampf der Palästinenser feiert. Ein weites Feld.

Wer sich mit Israel, dem Judentum und der Shoah angemessen auseinandersetzen möchte, der sollte sich vielleicht mit den wirklich letzten Überlebenden des Holocaust treffen oder irgend etwas für sie tun, indem dieser Schrecken nicht der Vergessenheit anheimfällt. Klezmer-Hören oder Judentum simulieren sind da nicht ausreichend, und das wird von den meisten Israelis eher belächelt oder mit einem gewissen Kopfschütteln bzw. mit Unwillen aufgenommen. Durch sinnentleerte Rituale und Kranzgedenkabwurfstellen sowie die hochoffiziell langweiligen offiziellen Gedenkreden gelingt diese kritische Auseinandersetzung mit unserer Geschichte und dem industriemäßig durchgeführten Massenmord nicht. Tod als Verwaltungsakt und doch auf einer furchtbaren Ideologie beruhend.

Um es klarzustellen. Ich selber bin wohl relativ unverdächtig gegen Israel und Judentum Partei zu nehmen. Vor rund einer Woche telefonierte ich mit der Bloggerin tikerscherk, die mich dankenswerter Weise auf den ansonsten interessanten Blog von „sunflower“ aufmerksam machte, wo ein Text erschien, der mir nicht sehr behagte. Dort kommentierte ich dann entsprechend. Wer meine Position dazu lesen möchte, kann  im entsprechenden Blogartikel nachschauen.

Summacumlaude zeigt Aspekte dieses völlig unangemessenen Philosemitismus, des sich gerne reinwaschenden Deutschen. Der erste deutsche Antideutsche dürfte wohl Axel Cäsar Springer mit seiner Pro Israel-Haltung gewesen sein. Er sah Mosche Dajan wahrscheinlich eher als zweiten General Rommel. Diese Haltung unkritischer Israelbejahung reicht bis in linke Kreise, die das Judentum als persönliche Entlastung nehmen, ohne sich tiefer mit der Materie zu befassen. Auschwitz als Metapher oder Begriff für jenen Zivilisationsbruch und das blanke Entsetzen ist nichts, womit Gesinnungskitsch der Betroffenheit getrieben werden sollte. Dafür ist die Angelegenheit schlicht zu ernst und dafür ist der Antisemitismus in Europa immer noch eine viel zu große Gefahr. Stichwort Frankreich. Aber wer ihn suchen will, findet ihn auch in der BRD. Oder in Ungarn. Mit Kranzabwurf und Klezmerton ist nicht viel getan.