Meine Quelle – Serielle Sequenzen: Texte als Nicht-Orte. Abwesend

Meine Quelle ist die Quelle des Seins. Die Quelle des Seins ist die Bestellung und das Bestellen als Geschick. Postschickung, sozusagen, bis direkt zur Haustür, von Amazon, per DHL, GLS, UPS oder TNT oder einem anderen Versandanbieter geliefert  (früher hätten wir gedacht, das wären Guerilla-Organisationen: Da brachte die Post, als Geschick und Schickung, noch die MPLA, die IRA, die RAF, die ETA, die RZ), die Quelle allen Lebens: der e-commerce, die Warensendung in der Logik des Konsums.

Was du auch machst
Mach es nicht selbst
Ob du versendest oder bestellst

Was du auch machst
Mach es nicht selbst

Auch wenn du dir darin gefällst,

Wer zuviel selber macht
Der macht sich krumm
(Ausgenommen
Selbstauslöschung)

Ob ihr verblendet oder erhellt

so singt es die Band Tocotronic. Schall und Wahn ist alles. The Sound and the Fury und auch das Licht im August kann wunderbar sein: Auf dem Dach von Fiat-Turin spielten einstmals in den guten alten Zeiten der 80er, als die Barrikaden noch brannten, die „Einstürzenden Neubauten“ ihren fragmentierten Sound der Industrie und der Gebrauchsgegenstände wie: Hammer, Elektro-Säge, Schlagbohrer, Stahlblech, Mülltonne, die sie zum Klingen brachten. Ich selber befand mich am 20.7.2013 auf dem Dach des ehemaligen Konzerns „Quelle“ in Nürnberg, wo im bescheidenen Rahmen von Nürnberg, sozusagen im Resterampenkapitalismus ganz im Zeichen der Burg und des Reichsparteitagsgeländes, eine kleine Kunstaktion stattfand. Im bereits geschlossenen Gebäude des abgewickelten Quelle-Konzerns, das für einige Stunden an zwei Tagen geöffnet wurde. Hiervon möchte ich meinen lieben Leserinnen und Lesern, meinen wohlgesonnenen Betrachterinnen und Betrachtern einige Sinneseindrücke in photographischer Form liefern – wie immer ehrlich und unverfälscht und in vollständiger Lebenskörperspürigkeit: denn die Quelle des Seins ist die Quelle allen Körper-Lebens und des sinnlichen Daseins. Der Mensch als Mensch. („Hier ist der Mensch noch Mensch“, rudimentär sozusagen.) Zumindest im Bestell-Kapitalismus, wo frei Haus geliefert wird, zumindest für einige.

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Die Quelle des Seins oder Sein als irgendwie statisch konzipiertes Fundament (unseres Lebens) – das gibt es nicht. Aber es gibt die Nicht-Orte, die Abwesenheit, die „Lost Places“, die Leere, die Destruktion, die Distribution des Zusammenhangs. Diese Nicht-Orte sind nicht utopisch oder positiv aufgeladen. Dennoch geschieht in ihnen etwas. Und es gibt Texte, die dies beschreiben, einzig Texte, singulär, abgekapselt, für sich, der Sache nachhängend, die Worte träumend, assoziierend, schreibend. Aufschreibsysteme. Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“ ist ein solcher Ort, Goyas „Desastres“ bilden einen Aufenthalt im Nicht-Ort. Jedes Kunstwerk ist in seiner Eigen-Logik ein Text, für sich, abweisend und doch clara et distincta perceptio: auch die Bilder, die als Strom vorüberziehen, bilden in ihrer Eigenlogik einen Text. Text kommt vom lateinischen textus bzw. textere, Verwandtschaft besteht zu téchne, was Kunst, Fertigkeit bzw. Handwerk bedeutet. Am Anfang war das Wort? Als Sprache? Hier stock ich schon. Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen. Ich muß es anders übersetzen. Geschrieben steht: Am Anfang war der Sinn: Aber ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft? Es sollte stehn: Am Anfang war die Kraft. Doch, auch indem ich dieses niederschreibe, schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe. Mir hilft der Geist! Auf einmal seh‘ ich Rat und schreibe getrost: Am Anfang war die Tat! Und gut im Sinne Hegels, wo kein Denken ohne Tun bleibt, denn das ist der Philosophie tieferer Sinn, so schlage die Trommel, denn Philosophie, Tat und Übersetzung sind doktrinär:

Schlage die Trommel und fürchte dich nicht,
Und küsse die Marketenderin!
Das ist die ganze Wissenschaft,
Das ist der Bücher tiefster Sinn.

Trommle die Leute aus dem Schlaf,
Trommle Reveille mit Jugendkraft,
Marschiere trommelnd immer voran,
Das ist die ganze Wissenschaft.

Das ist die Hegelsche Philosophie,
Das ist der Bücher tiefster Sinn!
Ich hab sie begriffen, weil ich gescheit,
Und weil ich ein guter Tambour bin.

Welch‘ wunderbare Ironie und  Doppelsinnigkeit in Heinrich Heines Gedicht. Dieser Doppelsinn und die Ironie: dies freilich gelingt im Leben und insbesondere im Text vielen nicht so recht und geht ihnen ab – jenen, die in ihrem Ressentiment und in ihrer beschaulichen Welt weder dem Schreiben, dem Lesen noch dem Leben gerecht zu werden vermögen. Es fehlt die entsprechende Melodie: Farben und Formen. Drüben auf dem Hügel möcht‘ ich sein!

[Let there be rock. Herrgottnochmal]

Uns gefällt diese Welt – Archive der Nacht

Peter sagt
Er sei total verliebt in diese Welt
Peter sagt
Er nimmt die Welt weil sie ihm gut gefällt
Tina sagt
Mach dir nen schönen Abend ganz allein
Tina sagt
Ein nettes Buch kann auch ganz unterhaltsam sein

Manchen gefällt die Welt
Und manchen bricht das Herz entzwei
Und wir sagen ja zur modernen Welt
(FSK, Moderne Welt)

Inmitten des falschen Lebens gibt es nun doch ein Refugium – zumindest für Kinder: The Pink World of Barbie.
 
 
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„You wanna go for a ride? / Sure, Ken! / Jump in! / I’m a Barbie girl in a Barbie world / Life in plastic, it’s fantastic / You can brush my hair, undress me everywhere!“

Wenigsten für die unschuldigen Mädchenherzen präsentiert und zeigt sich in Verlängerung bis zum 6. Oktober in Berlin am Alexanderplatz noch das richtige, das glitzernde, das bunte Leben in all seinen wunderbaren Facetten. Und nicht immer nur wird alles das, was ist, von den Nörglern und den Bewohnern des Grandhotel Abgrund so unerhört negativ-schwarz gepinselt und der Finger in die Wunden gelegt, sondern an diesem Ort präsentiert das Leben sich von seiner rosa Seite. Überhaupt: Wie kommen eigentlich die, die als Kritische Theoretiker alles besser wissen, dazu, dem echten Menschen, dem je eigentlichen Subjekt falsches Bewußtsein und falschen Blick zu unterstellen? Unerhörte Überheblichkeit! Es gibt doch lediglich unterschiedliche Perspektiven. Der eine ist so, die andere so. Der eine ist Maskulinist und die andere mag Barbies. Wer will da richten und sich überheben? Man muß die Menschen dort abholen, wo sie stehen, so spricht das demokratische Bewußtsein. Denn jeder Mensch ist bekanntlich immer ganz anders. Man muß durchaus die Welt durch diese Brille in rosa gemalt sehen, die Individuen in ihrer Vielfalt betrachten und im Frohsinn über das Dasein gleiten. Denn alles ist ein Schweben, ein Hauch, wie getupft. Das Leben ist schön. „Dasein ist Pflicht, und wär’s ein Augenblick.“ Das wußte schon Goethes Mephisto im zweiten Teil des „Faust“. Wir verschreiben uns mit diesen Photographien voll und ganz der vollumfänglichen Menschenliebe und dem Dasein. Und wie durfte ich heute in einer Kommentarspalte in affirmativer Absicht lesen: „Die meisten, ach so ungebildeten Menschen handeln in den allermeisten Fragen nicht marktwirtschaftlich.“ Aha, da möchte man gerne nachbohren, wie diese „allermeisten“ Situationen und Fragen beschaffen sind. In den allermeisten Fragen nicht marktwirtschaftlich! So bleut die Spieltheorie das Bewußtsein weich. Und die INSM handelt wahrscheinlich ebenfalls in den allermeisten Fällen nicht marktwirtschaftlich, sondern zum Wohle der Menschen.
 
 
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Wer aber rosa nicht mag, der oder die geht zum Bodrum-Imbiß und nimmt ein gutes Brathähnchen zu sich. Oder einen Fleischspieß. Und wer es herzhaft möchte, gerne auch eine Grillplatte. Wir müssen das gute Leben an den richtigen Orten und in den gemütlichen Stunden entdecken, denn es ist ja da. Wir müssen es nur sehen lernen, erkennen lernen, bis es wieder zu uns spricht. Das richtige Leben. In diesem Sinne, liebe Leserin, lieber Leser: Es gibt lediglich kein richtiges Hähnchen im falschen Imbiß.

Dresden Dolls

Es ist, so meine ich, zu Dresden alles geschrieben. Ich könnte allenfalls noch die Notizen eines alternden Flaneurs nachtragen, der durch diese Stadt schlendert. Ein wunderbar kalter Wind zumindest streift die Haut, wie ich es mag. Der Winter läßt frösteln, es weht kalt aus dem Osten von der Elbe her, es stürmte gar. Und nachts fahren Straßenbahnen. Alles modern hier.

Das Interessanteste an Dresden bleibt die im sogenannten real existierenden Sozialismus erbaute und leider nach der Wende aufmodernisierte Architektur sowie die Gläserne Manufaktur von Volkswagen, denn darin wird der VW Phaeton montiert – von Hand versteht sich. Die Böden der Werkshallen sind mit Parkett ausgelegt, in der Kantine gibt es die Original-VW-Currywurst. Was will man mehr?

Hätte ich Tellkamps „Der Turm“ gelesen, tätigte ich eine Lektüre oder parallelisierte oder schriebe etwas zu diesem Buch, von dem ich nicht weiß, ob ich es je lesen werde oder ob es mich nicht vielmehr kaltläßt. Loschwitz ist ein Stadtteil, der mich an Kunstgewerbe erinnert, vielleicht ist es dort aber im Sommer ganz schön. Ich kann es mir allerdings nicht vorstellen. Der Ort sieht aus, als könnte ein guter Serienregisseur (oder für die Quote: eine gute Regisseurin) in den Gassen und Häusern dieses Stadtteils die deutsche Variante von „Walking Dead“ drehen. Wer sich für die Brückenbaukunst interessiert, wird womöglich staunend vor dem „Blauen Wunder“ (Loschwitzer Brücke) stehen. Sie verbindet zwei Villenviertel miteinander, es handelt sich um eine der ersten freitragenden Hängebrücken, erbaut 1893. Vielfach wurde die Brücke aufgrund ihrer Form vom biederen Bürger gescholten: sie verschandele in ihrer Industrieoptik die Landschaft. Heute wird diese Brücke gefeiert, sie gilt als eines der Wahrzeichen von Dresden. Der Waldschlößchenbrücke wird es irgendwann ähnlich gehen.

Den ersten Teil einer Photoserie zu Dresden gibt es auf Proteus Image zum kontemplativen oder assoziativen Betrachten dargebracht.

Steckst den Finger in Arsch und drehst‘n …

Analfixierungen, Assoziationsketten, Anus, Arno, Elbflorenz: Welcher Marktingfritze dachte sich für diese Stadt die Wendung Elbflorenz aus? Florenz hat mit Dresden soviel zu tun wie Sizilien mit Grönland. Hier in Dresden ist es kalt, die Stadt eine karge Puppenstube. Barock ist wonanders besser aufgehoben. Die Frauen sind ostig, die Menschen sprechen einen unausstehlichen Singsang-Dialekt. Abends ist die Stadt ausgestorben. Wahrscheinlich schauen die Eingeborenen hier immer noch Ostfernsehen und warten auf die „Aktuelle Kamera“. Die Elbe in Dresden ist im Vergleich zu Hamburg ein Rinnsal. Zumindest zocken einen die Taxifahrer nicht ab. Und die Bedienung im Lokal war höflich. Ansonsten: Dresden ist eine öde und langweilige Stadt. Wer je in Rom oder Florenz war käme kaum auf die Idee, diese Stadt mit Dresden zu vergleichen. Diese Analogiebildung kann im Grunde nur jemand vorgenommen haben, der niemals Ostdeutschland verlassen hat oder aber ein Florentiner, der Florenz abgrundtief hassen muß. Vielleicht ein verstoßener Medici oder ein Nachkomme von Girolamo Savonarola. Ich hoffe, daß wenigstens die Kunst entschädigt. Ansonsten gehe ich ins militärhistorische Museum.

Wird die Ausstellung „Die Erschütterung der Sinne“, die gestern in einer Art Preview eröffnet wurde, mich milder stimmen? Der Titel klingt verheißungsvoll. Er paßt gut zu Dresden.

Berlin – Ecke Bundesplatz

Berlin – Ecke Bundesplatz: Das ist eine eher öde Angelegenheit, ein Ort, scheinbar ohne jeden Reiz, im südlichen Wilmersdorf gelegen, da wo der Bezirk ans schöne Friedenau grenzt. Ja, Friedenau – jener Literatenkiez der 60er, 70er Jahre, wo Hans Magnus Enzensberger, Max Frisch, Grass, Johnson, Nicolas Born, kurzzeitig auch Ingeborg Bachmann und andere lebten. Grass mußte – einstmals war’s – auf die Wohnung von Uwe Johnson in der Niedstraße acht geben – Grass wohnte in einer Art Stadteinzelhaus schräg gegenüber – und die Kommune 1 vertreiben, die sich dort in Johnsons Abwesenheit kollektiv und sozialistisch einquartierte, worüber der Menschen eher nicht so wohlgesonnene Johnson mehr als erbost war. Friedenau: da wo die legendäre Buchhandlung „Wolff‘s Bücherei“, in einem Altbau an der Bundesallee gelegen, einst ihren Ort hatte und der wunderbare Verlag „Friedenauer Presse“ gegründet wurde, dessen Bücher noch nach typographischen Gesichtspunkten gefertigt werden: ansprechende Cover, wunderschöne Bücher, die ich gerne in die Hand nehme. So ganz anders als der meiste Buchramsch, der als Standardware produziert wird. Man möchte jedes Buch aus diesem kleinen, feinen Verlag kaufen – allein wegen der Ausstattung. Einige Büche von Daniil Charms beispielsweise sind dort erschienen, wie der Verlag überhaupt eine Vorliebe für russische Literatur und Bücher auf Ab- und Umwegen hat. Aber ich schweife in andere Regionen, weg vom Bundesplatz: Das Schöne ist bekanntlich der Anfang des Schrecklichen und oder aber: des Banalen, des Einfache, des Abgelebten, des Alltäglichen. Und diese Welt des Alltags beginnt ein wenig weiter nördlich. Berlin – Ecke Bundesplatz, das ist dort, wo die Detmolder Straße und die Wexstraße die Bundesallee kreuzen. Da wo die kleinen Geschäfte immer häufiger den Betreiber wechseln, da wo Menschen  wohnen, die sich nichts anderes als den Blick auf die Stadtautobahn (südlich) und auf die vielbefahrene Detmolder leisten können, da wo südlich des Platzes die Stadtautobahn eine Trasse schlägt und die Ringbahn fährt. Ein Platz, der vom Autoverkehr eingefaßt ist. Häßlich, öde. Städtebaulich zerschnitten durch Straßen. Menschenleer, nichts lädt zum Verweilen ein, und aufgrund eines Tunnels für den Autoverkehr, der unter dem Bundesplatz entlangführte, wurde der Platz   in den 60er Jahren stadtplanerisch-autogerecht verkleinert, so daß er wie ein verstümmeltes Relikt ohne jeden Sinn und ohne jede Funktion daliegt.

In diesem unspektakulären Kiez ohne Glanz und Glamour begannen die beiden Dokumentarfilmer Detlef Gumm und Hans-Georg Ullrich 1986 ihre Serie „Berlin – Ecke Bundesplatz“, in der sie über Jahrzehnte Menschen portraitierten, die dort wohnen, leben, arbeiten und auch sterben. Diese Menschen werden in ihrer teils langweiligen, teils eigenwilligen Existenz weder vorgeführt, noch setzt diese Dokumentarserie auf den Effekt, sondern die Filme kommen still daher; sie zeigen, ohne zu kommentieren oder zu werten, lassen die Menschen selbst zu Wort kommen. Heute würde ein solches Filmprojekt von öffentlichen Geldern nicht mehr gefördert, weil es im sogenannten öffentlich-rechtlichen Rundfunk keine Quote bringt. Weshalb wählten die Regisseure gerade dieser Ort in Berlin, warum nichts Spektakuläres?: Schöneberg mit der schillernden Motzstraße, die Fasanenstraße oder rund um den Savignyplatz? Weil in der Nähe des Bundesplatzes sich das Büro der Dokumentarfilmer befand. So einfach wie genial sind die Dinge des Lebens manchmal.

Nein, im Grunde geschieht in diesem Film nicht viel und es ereignen sich dennoch kleine Welten: Unterschiedliche Menschen aus verschiedenen Berufen erzählen in dieser Dokumentation, die über 25 Jahre reicht, aus ihrem Leben: schildern ihre Träume und Wünsche, ihre Sorgen, Nöte und Begehren, manchmal auch bloß Belangloses. Sei das nun die Bäckerfamilie, die ihre Backstube irgendwann schließen mußte, der Schornsteinfeger, ein Rechtsanwalt, die 92-Jährige Hauswartsfrau, ein schwules Pärchen, eine Krankenschwester, Mitglieder des SEW, die da ihr Büro haben, ein Sozialhilfeempfänger, der sich ganz bewußt zu diesem Schritt entschlossen hat. Es sind die sogenannten Menschen von nebenan, aber auch außergewöhnliche oder feine Leute wie der Rechtsanwalt Ülo und Constanze Salm.

Wer einen Blick auf die Vorwendezeit des alten, teils skurrile und auch provinziellen West-Berlins, auf das Berlin der Wende und auf das selbst in diesem tief-verschlafenen Teil Wilmersdorfs sich wandelnde Berlin der Nachwendezeit werfen möchte, der ist mit dieser Dokumentation des Alltags gut bedient, um in geraffter Form die Veränderungen von Menschen und Orten zu registrieren. Fast schon handelt es sich bei diesem gigantischen Doku-Filmprojekt um eine Ethnologie des Alltags, ein (mosaikartiges) Soziogramm, das sich aus verschiedenen Perspektiven zusammensetzt, eine Studie ähnlich wie die DDR-Langzeitdokumentation „Die Kinder von Golzow“ der DEFA, die von 1961 an das Leben über die Schüler einer Schulklasse aus dem brandenburgischen Golzow im Oderbruch zeigte. (Es handelt sich bei den „Kindern von Golzow“ um die längste Dokumentation, die es in der Geschichte des Filmes überhaupt gab.)

Zur Berlinale 2013 werden nun vier neue Teile präsentiert, die das Projekt „Berlin – Ecke Bundesplatz“ abschließen sollen. Am Samstag war Premiere.

Ich zeige auf Proteus Image einige Eindrücke von einem Spaziergang am Samstag, vormittags, durch den Kiez, durch den Schnee, naß, in der Gegend um den Bundesplatz herum. Ein eigenwilliger Stadtteil ohne jeden Charme, aber gerade deshalb voll von Reiz. Dann wieder streift der Berliner Flaneur durch Nebenstraßen, die von heimeligen Altbauten gesäumt sind, wie etwa  das Wagnerviertel, schon zu Friedenau gehörend, und kurz hinter dem Kino „Cosima“ ein kleines Lädchen namens „Süsswarendealer“, in der historischen „Loeser & Wolff Cigarrenhandlung von 1906“ samt Originalinneneinrichtung, darin es Leckereine wie verschiedenen Schokoladen und für mich einen doppelten Espresso sowie ein Stück leckeren Kirschkuchen gibt. Eine schöne Bedienung, bei deren wunderbaren, leicht fülligen Hintern ich fast lüstern wurde, reichte mir den Espresso und samt Kuchen. Nach dieser Stärkung war ich bereit für die Tücken des südlichen Wilmersdorfs sowie den rieselnden Schnee.

Für meine Serie „Ausgesucht öde Orte“ ist die Gegend um den Bundesplatz herum sicherlich ein Gewinn. Der Betreiber dieses Blogs wird dort weiterhin flanieren und durch die Straßen streifen.

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3. Oktober 2012 – Erste Ladung

Auch dieses Jahr versäumt Ihr Serviceblog Aisthesis es nicht, den herrlichen dritten Oktober zu begehen. Im Sinne des Begriffes, naturgemäß: Als ästhetizistischer Flaneur. Ach, die guten alten Zeiten. „One way or another.“ (Blondie. Es kann kein Schäferhund schöner heißen.)

Als Feiertag und Datum wäre der 9. November womöglich angebrachter, aber da ist das Wetter zum Flanieren nicht mehr so freundlich und dem Spaziergänger gewogen.

Eine erste Serie von meinem heutigen Gang durch Berlin-Mitte gibt es auf Proteus Image

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Ansonsten bleibt zu sagen, als Tonspur zum Oktober: Wir wollen nur noch Girrrrls skateboarden sehen:

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Hamburg Veddel (2) – Und bitte keine Authentizität: never more, never more!

Ich empfand dieses Wort immer schon, seit den 80er Jahren, als ein Schimpfwort, als einen Begriff, der nichts auszeichnet, sondern der vielmehr auf die Kläglichkeit hinweist: und zwar meine ich den Begriff „authentisch“. Es ist dies sprachliche No-go-Area. Heute las ich in der „Zeit“ der letzten Woche – ich bin, wie mit so vielem im Leben und metaphysisch, sehr im Rückstand – in dem Interview/Gespräch mit René Pollesch und Harald Schmidt, daß es Pollesch ganz ähnlich ginge. Die schlimmste Beleidigung, die Pollesch kenne, sei „authentisch“. Früh bin ich mit Surrealismus, Sartre, Dada, Adorno, Hegel und der Klassischen Moderne in Berührung gekommen, und so ergab dieser Begriff keinen Sinn, er verweist auf ein Konstrukt, auf Schauspielerei, auf Ideologie, aber nicht auf irgend einen Wesenskern oder eine adäquate Form von Subjektivität. Ganz im Gegenteil, die Menschen, welche authentisch oder bei sich selbst sein wollten, kamen als alles mögliche herüber, nur waren sie nicht das, was sie gerne wären. Ich halte es hier mit Adornos Aphorismus aus den „Minima Moralia“: „Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen.“

Und es fällt mir auf, daß heute ein besonders schönes Datum ist, im Sinne des Kabbalistischen Spiels – Ziffern als Buchstaben. 12.9.12. So ganz authentisch gesagt. Ein Datum für den Einschnitt, so wie ich mit meinem japanischen Küchenmesser den Fisch für das Sushi schneide, was mich angesichts der einschnitthaften Daten darauf bringt, langsam mal meine Lektüre auf Derridas Ausführungen zum Datum zu lenken.

Veddel ist ein Hamburger Stadtteil, der südlich der Elbe liegt; nein, das ist falsch: es ist ein Stadtteil, den die Norder- und Süderelbe umfließt. Die Wohnlage ist, wie ich beim Durchfahren registrierte, so, daß ich dort photographieren möchte. Arbeiterquartiere. Schlicht, karg, viel Gewerbegebiet, die Architektur des roten Backsteins. Aber ist nicht ganz Hamburg im Grunde Veddel? Ja, Hamburg-Veddel eignet sich gut zur Photographie der ausgesucht öden Orte und die Bilder zeigen meine liebste Jahreszeit: den Winter. Wenn die Bäume keine Blätter mehr tragen, und wenn das Licht fahl schimmert, entstehen die interessantesten Photos. Aufpassen muß ich, während ich in solchen Zuständen des Lichtes photographiere nur, daß es nicht eine inszenierte Melancholie der Kitschwelt wird. Im Grunde möchte ich eine Landschaft, die kalt, tot und abgestorben daliegt. Vielleicht in der Weise, wie Edward Burtynsky seine (Städte-)Landschaften, die Brachen, welche der Preis unserer Technik sind, ablichtete: Anmutig und ästhetisch ansprechend und zugleich doch tödlich-vergiftete Orte. (Zu sehen gab es diese Photographien kürzlich übrigens im c/o Berlin.)

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Kassel – Hymne auf eine mittelwestdeutsche Stadt

Reisen als eine Art der Kunst betrachtet: Wenn einem nichts mehr bleibt, verklären sich die kläglichen Handlungen und die Lebensvollzüge in einem Akt der Ästhetik. Ich reise für ein Wochenende zur documenta. Der ICE fährt vom Berliner Hauptbahnhof bereits um 6 Uhr 30 ab. Ich unternehme diese Fahrt entgegen meiner geliebten und gehegten Gewohnheit nicht mit dem Auto. Nebel liegt über den Wiesen und Wäldern vor Berlin. Die Sonne durchbricht ihn. Ihr schlaftrunkener Blick, ihr sommerlanges blondes Haar. The boys and the girls. Wolfsburg, der Zug hält in Wolfsburg. Etwas Traurigeres kann es nicht geben. Die Imaginationen, die ein Ort hervorrufen kann, an den sich die Korrespondenzen knüpfen. „Du richtest Dich in einem grausigen Spukschloß ein!“, so sagte eine Freundin zu mir. Sie hat recht. Ich bin der Spezialist für Einrichtungsgegenstände, Abteilung Innendekor. Schlittschuhlaufen bei den Allerwiesen, verzaubert eingefroren, die Erlen- und Birkenwälder. Ich versuchte, es in die Vorstellung zu bringen. Das Naturschöne und das Subjekt. In Kassel wird es uns in der Karlsaue in Form von Kunstwerken begegnen. Das Naturschöne – vom Subjekt konstruiert, überformt, erzeugt. Und so schweifen die Erinnerungen ab.

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Wer aber meint, daß es im Zug – anders als beim Autofahren – ruhig und gemächlich zuginge, daß man sich während einer solchen Fahrt durch die Landschaft ungestört seinen Gedanken oder der FAZ hingeben könnte, der irrt. Es reicht ein einziger verblödeter, ewig quengelnder vierjähriger Junge mit einer furchtbaren Mutter aus, um sich auf gar nichts mehr konzentrieren zu können. Schreien, heulen, zetern, maulen, kichern, brabbeln – das ganze Repertoire eines Rotzblags, von der Mutter immer nur kurz eingeworfen: „Nun sei doch mal ruhig!“ Mit einer Stimme, einer Stimmlage, spandauerisch gehaucht, in der das Kind mitnichten still sein wird. Ich bin ein großer Anhänger von König Herodes I samt seiner Methodeneffizienz. Dann endlich, als es auch der Mutter reicht, wird energischer geschimpft. Und nun heult das Rotzblag erst richtig laut, ruft, daß es zu Papa wolle. Könnte man jetzt nicht einfach und ganz nonchalant dem Kind entgegnen: „Papa ist in Afghanistan für das Vaterland gefallen! Er kommt nicht mehr.“? Das Kind verfiele zumindest für Sekunden in eine Mucksmäuschenstille. Die Tricks der Phantasie und des Imaginären helfen jedoch wenig. Das Schreien des halslosen blonden Ungeheuers endet nicht: „Ich will zu Papaaaaa!“ Nach einer Weile stehe ich auf und setze mich um. Eine Frau, die eine Reihe hinter dem Kind tapfer harrt, lächelt mir zu, wir hatten beide den gleichen Gedanken, für Sekunden, und das legte sich als Lächeln auf unsere Lippen. Ich schaute in ihre Augen und auf ihren Mund, um zu sehen, ob da bei mir etwas funkte. Nichts.

Ich esse Himbeeren. Aber nicht so wie Gustav von Aschenbach in Viscontis „Der Tod in Venedig“ am Strand die legendäre Erdbeere verzehrt. Jedoch, auch ich trage eine beigefarbene Hose, allerdings eine Jeans von Levi’s, keinen hellen Anzug, und ein schwarzes Hemd von Joop. Nach drei Stunden Fahrt erreiche ich Kassel-Wilhelmshöhe.

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Werktätige hatten unter Anweisung Höhergestellter diesen Bahnhof weit von Kassels Zentrum entfernt gebaut, denn Kassel – das war vermutlich die Devise der modernen Sozialdemokratie-Technokraten – muß märchenhaft abseits liegen, unerreichbar für den gewöhnlichen Reisenden, der mit dieser Stadt nicht weiter behelligt werden soll, denn die Geheimnisse von Kassel ergründen sich nun einmal nicht im Vorbeifahren oder gar dem flüchtigen Blick des umsteigenden Reisenden, und um dieses Refugium namens Kassel zu bewahren und nicht den begierigen Blicken preiszugeben, errichteten die sozialdemokratisch wählenden Arbeiter einen Bahnhof – weit von der Stadt entfernt. Es ist für Kassel der Flaneur gefragt. Von Wilhelmshöhe schaukelt die Regionalbahn in die Stadt hinein.

Ja, Kassel ist eine Reise wert. Mehr als nur alle fünf Jahre. Ich steige aus dem Zug, sehe den Bahnhofsvorplatz, drehe mich um und da liegt der Hauptbahnhof in meinem Rücken. Jenes Gebäude mit dem aus der Zeit gefallenen Charme des Abgelebten. Vor mir bilden das „Spiel Casino Kassel“, die „Stern Apotheke“ samt der Fassade eines Hauses, auf dem als Hinweis oder als Werbung „Medicum“ mirakelt, eine Wand. Und in der Bahnhofshalle selber sieht es (fast) noch so aus, wie früher einmal die Bahnhofshallen waren, lediglich die zwei oder drei sich darin befindenden Geschäfte sind den heutigen Standards angepaßt. Es kann im Bahnhof sogar ein Café existieren und womöglich gedeihen, das nicht zu einer Kette gehört. Allerdings links daneben: Burger King. Und auch auf dem Weg zu meinem Hotel betrachte ich Gebäude, die mir in ihrer unprätentiösen Art und Bauweise gefallen. Ich bin sofort begeistert, und ich mag diese Stadt. Wer sich für die Architektur der 50er, 60er oder 70er Jahre interessiert, der ist in Kassel gut aufgehoben. Es prägen keine Fachwerkhäuser das Stadtbild, oder ein irgendwie kenntliches Zentrum hübscht als Angebot zur heimatlichen Identifikation die Funktionalität des angestellten Daseins auf. Nur wenig postmoderner Schnickschnack existiert. Lediglich die Passage am Königsplatz, welche den witzigen Namen „City Point Kassel“ trägt, zeigt die Anmutungen und baulichen Reize der Zweiten Moderne. Ansonsten gibt es eine Einkaufszeile namens „Obere Königsstaße“ mit den üblichen Geschäften, die sich in jeder Stadt befinden und einige Einkaufspassagen, die mir in die Jahre gekommen erscheinen. Die Menschen in Kassel agieren oder besser reagieren allesamt ausgesprochen träge und behäbig. Einkäufe und Bestellungen in Restaurants gestalten sich sehr mühsam und langwierig. Der Kasseler ist schnell überfordert, aber dabei doch freundlich. Der Bibelsatz aus dem Prediger Salomo wird in Kassel von den Eingeborenen ausgesprochen wörtlich genommen: Alles hat seine Zeit.

Wer abseits der üblichen Geschäfts-, Handels- und Verkehrswelt den Zauber von Kassel erfahren will, der muß ein wenig  schlendern und vom Weg abkommen. Dort erschöpft sich der Blick in der Fülle, verliert sich im Detail – eine Welt, die in sich ruht, von der keiner etwas will, die niemand mag, die einfach nur da ist, unabänderlich, unveränderlich. Für Kassel lohnt sich nicht einmal die monetäre Investition ins sagenhafte Betongold, um der klassischen Moderne sowie der aufs Funktionale reduzierten Bauweise zu entkommen. Hier ein postmodernes Erkerchen, da eine Glasfassade. Nichts dergleichen. Kassel ist eine metaphysische Stadt. Verlassene Orte, wie ich sie liebe. Was Turin für Giorgio de Chirico, das ist Kassel für mich, und so bringe ich – freilich mit leichten kunstgeschichtlichen Abwandlungen – in Kassel die Pittura metafisica als Photographien ins Bild. Ja, diese Stadt ist eine Lebenseinstellung. Und vor der Kunst(betrachtung) sowie der ästhetischen Kritik kommt die Umgebung, kommt die Phänomenologie des Urbanen. Leserinnen und Leser mögen voll Gier auf meinen Bericht zur documenta drängen, aber wie heißt es bereits bei Max Horkheimer: „Wer von Kassel nicht reden will, der möge auch von der documenta schweige!“ Im Laufe der Woche wird es dann aber eine erste Sichtung und Kritik dieser Großkunstschau geben. Zuerst jedoch muß ich die Ergebnisse eines Flaneurs in Kassel präsentieren. Es folgt morgen ein zweiter und letzter Teil. Die Bilder stehen in der Reihenfolge, in der sie aufgenommen wurden. Ich hätte die Anordnung ändern können. Aber ich denke, daß jenes Gelb der Zitrone zum Anfang und das Gelb des documenta-Aufstellschildes am Schluß der Serie eine dennoch lesbare Korrespondenz ergibt, auch ohne das eine Bild an das andere zu koppel, indem ich sie nebeneinander setzte. Es verhält sich bei diesen Photographien mit dem Zusammenhang der Verweisungen nicht anders als bei der documenta, wo zahlreiche Linien und Bezüge sich kreuzen und bestimmte Themen anspielen – um hier eine erste kleine Geste in die Richtung  jener Großausstellung hin zu unternehmen.

Warschau, Plac Zamkowy – „All die schönen Pferde …“

Um nicht ganz aus dem Rhythmus mit den Bildern von Warschau zu kommen, zeige ich auf Proteus Image eine kleine Serie von Photographien. Sie sind rund um den Platz Zamkowy entstanden, der sich in  jener nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebauten und nach alten Stichen und Gemälden rekonstruierten Altstadt befindet. Warschau entfaltet insbesondere im nachhinein, beim melancholischen Sinnieren und Rückblicken, während ich die Photographien bearbeite und betrachte, einen eigenartigen Reiz – obwohl Warschau alles andere als perfekt, rund oder schön sich präsentiert. Es ist dies der Reiz des Unfertigen und des nicht ganz Perfekten, und zugleich will die Stadt sich aufhübschen, sie möchte Metropole sein. Nein, Warschau schaut nicht aus wie Paris, Rom, Wien oder Prag, es ist nicht kuschelig-gemütlich, renaissancig oder mit antikem Ambiente versehen. Warschau ist ein Fragment aus Architekturen. Und gerade in den abseitigen Vierteln, die ich gerne auch noch zeige, fühle ich mich wie zu Hause und aufgehoben. So wie hier:

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Es können wahrscheinlich die wenigsten nachvollziehen, verstehen, glauben, aber ich liebe solche Orte und hätte dort sogar gerne für eine Zeit gewohnt. An diesen Plätzen ist nichts Unverstelltes und nichts an Lüge und Tünche. Sie sind wie sie sind. Sie sind einfach nur da und keiner fragt groß nach ihnen. Es mag dort, an diesen ausgewählt öden Orten keiner so recht verweilen, was den Aufenthalt angenehm gestaltet. Ich hingegen schon – ich bleibe da gerne. Es ist dies die Welt der Stücke Becketts und Heiner Müllers. Aber es könnte ebenso ein herübergewehter Fetzen aus einem jener wunderbaren Gedichte des Augenblicks von R. D. Brinkmann sein.

Und wenn ich meine Photographien ein wenig häufiger zeigte, so könnten daran auch Betrachterinnen und Betrachter Anteil nehmen.

Nordfrankreich, Belgien, Bretagne – Ausgewählt öde Orte

Der Blogger Genova schrieb in seinem Kommentar zu meinem Text „Philemon und Baucis …“ in bezug auf Nordfrankreich ein sehr wahres Wort: es handelt sich bei dieser Region um eine vollständig verkannte Landschaft, was schon wieder eine eigene Blogreihe wert wäre: „Verkannte Landschaften“, erster Teil der Serie: „Berlin-Steglitz“. Ich möchte dazu, also nicht zu Steglitz, sondern zu den Landschaften, einige erhellende Zeilen beitragen. In kenne diese Gebiet des nördlichen Frankreich zwar nur vom Durchfahren, um von Hier nach Da zu kommen, mithin handelt es sich um eine Landschaft des Transits, aber ich möchte irgendwann einmal in Nordfrankreich Urlaub machen, um Photographien zu fertigen. Nordfrankreich besitzt einen ganz eigenen Charme – dies bemerkte selbst der flüchtig dreinschauende Autofahrer oder der Zugreisende.

Tja, und dann erst Belgien. Das ist um Klassen besser. Belgien ist das Polen Frankreichs. Ich habe es geliebt, wenn ich in den 80ern im Nachtzug nach Paris durch das düstere Süd-Belgien fuhr. Kohlehalden, abgestorbene Ortschaften, die vermutlich auch bei Tage nicht anders ausschauen als bei Nacht, verfallene Industrie. Während alle im Zug schliefen, stand ich auf dem Gang, rauchte, denn das durfte man seinerzeit noch in den Zügen der Deutschen Bundesbahn, Nachfolgerin der Deutschen Reichsbahn, sah aus dem Fenster heraus in die wunderbare Nacht und ergötzte mich an jedem verfallenen Bahnhof, wo wir hielten. Gelbes, fahles Licht. Die Uhr zeigt 2, noch fünf Stunden bis Paris. Ich: alleine auf dem Gang und mein Blick in die Nacht. Ein Schluck aus der Weinflasche, ein Zug an der Zigarette und der Rauch kringelt aus dem offenen Fenster – für nichts.

2004 dann bin ich mit meiner damaligen Freundin, die eine verdammt schlechte Autokartenleserin ist, um das nur nebenbei zu erwähnen – und ich hoffe sie liest das hier mit – die also, um es zu wiederholen, eine miserable Autokartenleserin ist, auf die sich der Autofahrer nicht verlassen kann – bei der Autobahndirektion Düsseldorf-Eller kam es deshalb zu einen sehr heftigen Streit, der sich nur durch die mir innewohnende Wärme und die Deeskalationstaktik, welche ich von der Berliner Bereitschaftspolizei erlernt habe, geschlichtet werden konnte: 2004 also bin ich mit K. in die Bretagne gefahren, mit einem fünftägigen Zwischenstop in Paris, um ihr die Stadt zu zeigen, die sie mit ihren jungen 26 Jahren noch nicht kannte – ausgerechnet: jene Stadt, die ich liebe.

Da wir von Berlin bis Paris nicht in einer Tour durchfahren konnten, weil wir viel zu spät von dort aufgebrochen waren und zudem noch in Helmstedt einen familiären Halt einlegten, mußten wir uns in Belgien irgendein Quartier suchen. Als es dämmerte, fuhren wir – also konkret: ich, denn K. besitzt keinen Führerschein – von der belgischen Autobahn ab, in die nächstbeste belgische Stadt hinein. Gerne hätte ich die so schön beleuchtete belgische Autobahn, welche allerdings eine ziemliche Buckelpiste abgibt und an ein altes Automobil mit schlechter Federung einige Anforderungen stellt, auch nachts noch befahren, um in den Genuß einer Autobahnbeleuchtung zu kommen, die es in der BRD nicht gibt. Aber K. drängte mich zur Nachtruhe, also fuhr ich ab, denn die Lage war noch von Düsseldorf-Eller her ein wenig angespannt – Frauen können nicht vergessen und sind nachtragend. Ich bin es nicht so sehr, nur manchmal, nach zwei oder drei Jahren, fällt mir plötzlich etwas ein.

Es war dies ein eigenwilliger Ort, in den wir einfuhren: finstere Häuser aus grauem oder rußgeschwärztem Stein, meist windschief, unansehnlich, teils waren die Fenster mit Brettern vernagelt, teils hingen darin schmutzige, abgelebte Gardinen, die Fensterscheiben waren ungeputzt, von Staub bedeckt, auf den Gehsteigen konnten wir nicht eine Menschenseele entdecken, dabei dämmerte es erst. Wir fuhren weiter auf der einsamen Straße, die eine Hauptstraße war und wir schüttelten uns vor Entsetzen, noch nie hatten wir beide so etwas Trostloses, solche Verlorenheit und Traurigkeit gesehen, und da unsere Liebe noch frisch war, beanspruchten wir zudem eine Übernachtungsmöglichkeit, die unserer Liebe angemessen erschien. Nichts dergleichen war aber zu sehen.

Da K. den Führer Adolf Hitler imitieren konnte, was für eine Frau ungewöhnlich ist, gab sie mir Führerfahrbefehle, aus dem alten Nissan wurde ein VW-Kübelwagen der Heeresstabsgruppe Aufklärung West, und wir überlegten, weshalb die Deutschen seinerzeit 1940 bei der Ardennenoffensive derart effektiv und schnell vorrückten: Sie wollten so zügig wie irgend möglich aus Belgien herauskommen, so redeten wir uns ein.

Nachdem wir einige Zeit umherfuhren, entdeckten wir schließlich eine Herberge, aber das Wirtshaus im Spessart sah gegenüber diesem Etablissement aus, wie eine seriöse 4-Sterne-Unterkunft. Nirgends ein Mensch zu sehen. Hier werden wir am nächsten Tag als Hacksteak für die Gäste des übernächsten Tages zubereitet und anschließend serviert, sofern hier überhaupt irgendwelche fremden Menschen herkommen, sinnierten wir beide, und das harmlos aussehende Belgische Gulasch, das wir zum Abend essen würden, stammte von den Gästen, zu dem sie verarbeitet wurden und die vor uns hierher kamen, um zu nächtigen. Und in der Vortäuschung, ein stilles Nachtlager zu erhalten, fänden sie bloß ihre letzte Ruhe in unseren Mägen, um dann am nächsten Tag irgendwo in Paris ausfäkaltiert zu werden.

Über Funk eine gehörige Portion Artilleriebeschuß anfordernd sowie die Luftunterstützung einiger Junkers Ju 87, um diesen Ort in den entsprechenden Schutt und die passende Asche zu zerlegen, wendete ich auf der Stelle den VW Typ 82, und wir brausten mit durchdrehenden Reifen und die Geschwindigkeit übertretend davon. Diese Zweiter-Weltkrieg-Scherze sind natürlich in keiner Weise komisch, und wir beide bereuten das hinterher durchaus tief, aber wir hatten die Angewohnheit, zuweilen uns in einem makaberen Humor gegenseitig hochzusteigern. Wären wir durch Bastogne gereist, stiegen wir sicherlich aus dem Auto und imitierten beim Schlendern durch die Stadt die 101st Airborne Division – soviel zum Ausgleich. Ich liebe Frauen, mit denen ich zusammen unendlichen Unsinn machen kann, die albern oder verspielt sind. Treffen diese Eigenschaften bei einer Frau zu, so kann sie gerne auch über 40 Jahre sein. Aber ich schweife von meiner Reiseroute ab.

Denselben Weg, welchen wir gekommen waren, um ein stillen Nachtlager zu ergattern, ging es dann zurück in die Richtung der belgischen A 15. Und als wir den Ortsausgang passierten, sahen wir das Schild: Charleroi

Charleroi besitzt einen eigenwilligen Ruf; es gibt dort sogar, wie ich unlängst im Reiseteil der „Zeit“ las, eine geführte Tour durch diese Stadt, welche den Besuchern die unansehnlichsten und fürchterlichsten Orte zeigt. Das Fremdenverkehrsamt von Charleroi ist von dieser Art Stadtführung nicht sehr angetan, weil es um das Ansehen der Stadt fürchtet. Diese Tour würde mich aber schon interessieren, und ich bin mittlerweile der Meinung, daß Charleroi einen Aufenthalt wert ist. Da K. und ich aber zu dieser Zeit auf einem anderen Weg waren, blieb für diese eigenwillige Stadt kein Platz in unserem Herzen übrig. Zum Übernachten landeten wir dann in Mons im nächstbesten Hotel.

Mons ist das Gegenteil von Charleroi: gesellig, schön, universitär geprägt, überall laufen junge Menschen herum, was das Fahren mit dem Kübelwagen in den engen, mir unbekannten Straßen schwierig macht. Ich bin übermüdet und gereizt, fahre fast einen belgischen Fußgänger um: Das ist für Lumumba hätte ich mal rufen sollen. Egal. Endlich ein Hotel in Sicht, K. will noch weitersuchen, weil sie in keiner Hotelkette nächtigen mag, also fahren wir weiter durch die Nacht, aber ich kann irgendwann nicht mehr und muß aus dem Auto heraus. Ich bleibe mitten auf der Straße stehen und bocke. Die Laune ist beiderseits gereizt. Auch das mangelhafte Lesen von Autokarten und die Verletzungen angesichts meines Unverständnisses werden zum nächtlichen Thema. Ich glaube, drei Jahre später scheiterte unsere Beziehung daran, daß ich mir immer noch kein Navigationsgerät zulegte und Dinge erwartete, die ich nicht hätte erwarten dürfen.

Paris spare ich in meiner Beschreibung jener Reise aus, das Fahren mit dem Auto funktioniert in den Straßen von Paris erstaunlich gut, ein potentieller Parisautofahrer muß sich dort nur angewöhnen, an keine Regeln sich zu halten und in einer Weise zu fahren, wie es einem das Herz gebietet, und nachdem die Reisenden das Hotel erreicht haben, sollten sie auf das Auto besser verzichten, es in der Garage parken und die wunderbare Metro benutzen, welche Zazie niemals zu Gesicht bekam. K. widerte die Arroganz der Pariser Bevölkerung an, insbesondere die der Bediensteten, Untergebenen und der Kellner. Ich hingegen fand, daß es sich im Vergleich zu den 80er und 90er Jahren erheblich gebessert hat. So können sich große Altersunterschiede in der Liebe manchmal auswirken.

Im „La Coupole“ bediente die ältere Bedienung zuvorkommend unfreundlich, was sicherlich an meiner Wehrmachtsuniformen lag, während der jüngere Garçon durchaus kollaborierte, was leider nicht meiner Person, sondern vielmehr Ks tiefem Dekolleté geschuldet war. Bei diesem Anblick habe sogar ich es vergessen, daß ihre Künste des Autokartenlesen sehr sehr mäßig gut waren. Aber es kann bei einem Menschen nun einmal nicht alles ausgeprägt und groß sein, und Künste glänzen dafür gerne auch bei anderen Dingen.

Weiter ging die Reise dann von Paris in die Bretagne nach Ploudalmézeau. Wer meint, die Franzosen des nördlichen Frankreich seien sehr unfreundlich, der ist niemals in seinem Leben in der Bretagne gewesen. Die Einheimischen dort verhalten sich nicht nur gegenüber deutschen, englische, niederländischen Touristen abweisend, sondern sie zeigen sich ebenfalls zu ihren eigenen Landleuten harsch und geben unverhohlen kund, was sie von Fremden halten. Der Haß oder neutraler: das abweisende Wesen, welches eine raue Landschaft hervorrufen mag, ist den Bretonen als umfassende Negativität eingeboren – fast möchte ich meinen, es sei dies ein genetisches Dispositiv. Wer in die Bretagne fährt, der wird zum Naturalisten (nein, nicht zum Nudisten, zu kalt selbst im Sommer) oder zum Biologisten und sie oder er glauben niemals mehr an das Gute im Menschen, darüber belehrte uns bereits der erste Tag in einem bretonischen Restaurant. Dennoch: die Landschaft der Bretagne ist schön, das Meer tost an Fels und Strand wie es eben nur dort zu tosen hat, wo es sich unendlich entfalten kann. Der Reiseführer versprach eine sonnenreiche Region.

Darüber sowie über die Stadt Brest gibt es mehr zu berichten im zweiten Teil der Serien „Ausgewählt öde Orte – unsere Landung in der Bretagne“.