Unendliche Schönheit

„4. Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen . .. ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake.“ (Filippo Tommaso Marinetti)

(Die beiden Photographie von der Mille Miglia wurde dem Twitteraccount von Don Alphonso entnommen.)

Wenn bei den Futuristen aus dem Rausch des Neuen der alte Funken Schönheit aufblitzt. Der Gesang des Futuristen Marinetti, 1909 in seinem futuristischen Manifest propagiert, bleibt freilich in manchen Passagen problematisch, wenn wir diesen Text als politisches Pamphlet verstehen. Das wäre jener sattsam bekannte Fehler, die Kunst mit der Politik zu verwechseln oder gar sie im unmittelbaren Modus zu verkoppeln. Was im Umkehrschluß nicht heißt, die Kunst sei nicht politisch. Sie ist es. Aber in anderem Sinne als die Futuristen oder die Engagierten es sich ausmalen und träumen. Ebensowenig aber – und damit sind wir beim schönen Widerspruch – lassen sich diese und insbesondere die folgenden Passagen mit dem Einwurf entschärfen, es habe Marinetti dies gar nicht politisch und schon gar nicht wörtlich gemeint.

Ähnlich wie bei Bretons surrealistische Tathandlung  des Revolver-Ichs im zweiten surrealistenschen Manifest von 1930 ist zugleich auf dem Wortsinn zu beharrren, denn sonst wären diese Sätze keine Provokation und keine Revolte, sondern bereits ästhetisch enschärft als Pamphlet und Propaganda der Kunst: eines Souveränitätsanspruchs, der sich am Ende aufs Reich des schönen Scheins beschränkt:

„die einfachste surrealistische Handlung besteht darin, mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings soviel wie möglich in die Menge zu schießen. Wer nicht wenigstens einmal im Leben Lust gehabt hat, auf diese Weise mit dem derzeit bestehenden elenden Prinzip der Erniedrigung und Verdummung aufzuräumen, der gehört eindeutig selbst in diese Menge und hat den Wanst ständig in Schußhöhe.“

Breton meint es genau so, wie er es schreibt. Rennwagen und Schußwaffen. Was damals freilich als Rausch der Geschwindigkeit bzw. als antibourgeoiser Exzeß auftrat, das erscheint heute, im Rücklick als die gemächliche Bewegung der alten Zeit. Manchmal konnte man annehmen, einer steinalten klassischen Moderne, der grauen, alten Vorzeit entsprungen und dennoch gegenwärtig, nur daß niemand mehr in einer solchen naiven Unmittelbarkeit in dieser Form proklamierte – wobei, wenn ich an Jonathan Meese denke, ich mir andererseits nicht ganz sicher bin. Und obgleich man mit solchen Sätzen gewiß eine bestimmte Mainstream-Ästhetik sowie die politisch gestimmten Produzenten von Kunst wie auch die moralisch Hochnotrechtschaffenen, die bei jedem Negerwort bleich vor Angst erzittern, als käme der Gottseibeiuns demnächst um die Ecke geschwänzelt, erneut verschrecken kann und damit eine hochmoralisch aufgeladene Debatte losträte, in der wieder einmal der anschwellende Gesang der politisch Korrekten ins Ästhetische einfällt wie die Hunnen in Europa:

„9. Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt -, den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.

10. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und gegen jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht.

11. Wir werden die großen Menschenmengen besingen, die die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolutionen in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren; die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen; die Brücken, die wie gigantische Athleten Flüsse überspannen, die in der Sonne wie Messer aufblitzen; die abenteuersuchenden Dampfer, die den Horizont wittern; die breitbrüstigen Lokomotiven, die auf den Schienen wie riesige, mit Rohren gezäumte Stahlrosse einherstampfen, und den gleitenden Flug der Flugzeuge, deren Propeller wie eine Fahne im Winde knattert und Beifall zu klatschen scheint wie eine begeisterte Menge.“

Doch die Wildheit dieser Art von Moderne weist bereits implizit aufs Grauen auch wenn diese Deutung ex post factum geschieht. Und es klingen arg noch die Wehen Nietzsches an und werden im identifikatorischen Duktus nachgesprochen. Die Moderne ist ein Projekt, das sich aus Traditionen und wilden Träumen speiste.

Karl Ove Knausgård oder Berlinerisch ist Sächsisch mit niederdeutschem Einschlag. From Meißen with love

„Daher wird es dem Dichter so schwer, zugleich dichterisch zu seyn und vollkommen wahr und natürlich zu bleiben, da seine Einbildungskraft, um diesen Gipfel der Kunst zu erreichen, noch mitten im strengsten Gehorsam ihre Freiheit bewahren muß.“
(Wilhelm von Humboldt, Das achtzehnte Jahrhundert)

Auch im Hinblick auf die gegenwärtig und seit einger Zeit gärende Mode des autobiographischen Schreibens – sie ist allerdings, was die deutsche Literatur betrifft rund 250 Jahre alt –, scheinen mir diese Zeilen eindringlich. Benennen sie doch ein grundsätzliches Problem der Literatur. Immer wieder keimen diese Debatten um Begriffe wie Wahrhaftigkeit und in anderem Zusammenhang eben „Authentizität“ des Geschriebenen auf. Beschworen wird eine literarische Intensität, deren Maß im Aufrichtigen liegt, deren Lackmustest die Echtheit ist. Man könnte, wenn wir uns in der Literatur des 18. Jahrhunderts bewegen, in dieser Frage nach wahrhaftiger Intensität und Empfindsamkeit fürs Ich auf Goethes „Werther“ sich kaprizieren und jene Bücher, Autoren und vor allem jene Begebnisse nennen, die Goethe zu diesem Roman inspirierten. Der „Werther“ stellt innerhalb dieser Epoche des Sturm und Drang einen Fixpunkt für die radikale Subjektivität des Ichs, fürs Empfindsame dar.

Doch im Sinne der dichterischen Einbildungskraft – eben dichterisch und das heißt erfindend zu sein, zu fiktionalisieren – ist das Konzept der Authentizität in der Form des biograpischen Schreibens fragwürdig. Die Frage, wieviel Goethe im Werther steckt, führt auf ein Nebengleis; Goethe wußte dies, und er verstand es in diesem Sinne seinen Stoff zu formen und in eine Anordnung zu bringen, der das krude Authentische oder gar das Autobiographische überstieg: Jene Knausgårdisierung der Dichtung, deren euphorische Aufspreizungen wir dieser Tage im Literaturbetrieb der BRD wieder einmal  „erleben“. Denn inzwischen ist der sechste Band der Knausgårdschen Lebensbeichte aus allen Lagen übersetzt und erschienen. Und wie um die Menschen zu quälen, natürlich nicht mit 250 Seiten, die man an ein oder zwei Tagen vertilgt, sondern rund 1200 Seiten. Josef Breitenbach sagte einmal in einem Interview, er benötige nicht die autobiografischen Motivation, sondern er habe schließlich Phantasie.

Literatur, so meine ich, hat nicht authentisch zu sein, sondern sie ist ästhetisch stimmig. Das zeigt sich an Goethes „Werther“, der zudem im Sinne gesellschaftlicher Relevanz von Literatur verschiedene Motive seiner Epoche aufnimmt: Liebe und Empfindsamkeit – auch im Sinne des erstarkten Pietismus –, die Kultur des Weinens,  das empfindende, denkende Subjekt als emphatisches Sujet der Literatur sowie der Briefroman als dessen Ausdrucksmedium. Bürgerliches Leben verbindet sich darin mit Seelischem und dem Innenleben. So setzt sich das Bürgertum avant la lettre bereits als objektlose Innerlichkeit. Die Literatur erschreibt, sie antizipiert diesen Prozeß in ihrer Phantasie. Und zugleich setzt sich Goethe von den Unmittelbarkeiten ab und poetisiert eine Geschichte, hebt sie aus dem Maß des Gewöhnlichen heraus. In diesem Sinne ist gelungene Literatur die „Verklärung“ und nicht nur die „Erklärung des Gewöhnlichen“. Wobei wir uns bei diesen Fragen zur Poetik zugleich auf der Ebene der Widerspiegelung von Wirklichkeit in Sprache bewegen. Wie  darüber sprechen? Thomas Melle hat es mit seinem Buch „Die Welt im Rücken“ in seiner eigenen und wie ich finde in mißlungener Weise versucht. Im Sinne einer poetischen Digression schreiten wir dazu von der Knausgårdschen Gegenwart um einige Jahrhunderte zurück.

Man könnte es auch in dieser Variante formulieren: Im 18. Jahrhundert bildeten sich die grundlegenden Kategorien und Muster unserer Literatur aus, die bis in die Gegenwart weitgehend ihre Gültigkeit bewahrt haben. Sei es ein breiteres, an Literatur interessiertes Publikum, das es vordem nicht gab, insbesondere Frauen, die lasen, waren eine Zielgruppe. Es vollzog sich sozusagen der „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ auf dem Gebiet ästhetischer Rezeption, wie auch auf der Seite der Produktion: Literatur etablierte sich als eine autonome Veranstaltung, entwand sich dem Zwang, bloß zur Belehrung oder zur moralischen Besserung zu dienen. Zudem bildete sich als Instanz der Schriftsteller heraus, der von den Produkten seiner Arbeit zu leben trachtet und sein Auskommen finden kann – Klopstock und Jean Paul wären hier zu nennen, allerdings handelt es sich um Spezialfälle, denn den meisten Autoren war es kaum möglich, vom Verkauf ihrer Romane zu leben. Zudem waren sie nun statt von einem Mäzen – wie noch Klopstock – vom freien Markt abhängig. Das war für viele Autoren nicht immer von Vorteil. So suchte man sich als Autor also zugleich eine Erwerbsarbeit.

Was den literarischen und sprachlichen Ausdruck betrifft, so müssen wir uns das 18. Jahrhundert in den deutschen Fürstentümern und Königreichen als eine sprachlich zersplitterte Welt vorstellen. Es wurden alle möglichen Dialekte und Mundarten gesprochen und geschrieben. Um im Sinne der beginnenden Aufklärung, die den Barock ablöste, eine Art lingua franca im Verkehr der unterschiedlichen Stände und insbesondere der Gebildeten und der Wissenschaftler auszubilden, setzte man sich mit den Problemen der Sprachnorm auseinander. So kam zugleich die Frage nach dem reinsten Deutsch auf, das als Bezugsgröße für eine vereinheitlichte Sprache dienen könnte. Hier war, man staune, das Obersächsisch-Meißnerische Deutsch als reinste Sprachform ausschlaggebend, was sicherlich auch an Leipzig lag, das ein Zentrum der Buchkultur bildete. Berlinerisch übrigens, so sagen einige Sprachforscher, sei Sächsisch mit niederdeutschem Einschlag. (Weitere Details zu dieser unvermuteten Verwandtschaft finden sich in der „Berliner Zeitung„.) Noch Jean Paul übrigens beschäftigte um 1817 diese Frage nach Sprachnormen, etwa in seiner Schrift „Über die deutschen Doppelwörter“, und er plädierte fürs Abschaffen des Fugenlautes – „Hesperus oder 45 Hundposttage“ statt der Hundsposttage, heißt sein zweiter großer Roman. So poetisierte Jean Paul in einer ihm eigenen Art, oft in Opposition zur Adelungschen oder Campeschen Sprachnormierung.

Was hat das aber mit dem Authentischen zu tun? Es hängt dies insofern damit zusammen, als sich – nicht nur zu jener Epoche des 18. Jahrhunderts – fragen läßt, in welcher Weise erzählt und poetisiert wird. Und überhaupt: Wovon erzählt wird. Was ist das Sujet der Prosa? Zurück zu Knausgård:

„Die Autobiographie sollte seiner Rechtfertigung dienen; aus der Situation sozialer Demütigung des in die Außenseiterrolle Gedrängten resultiert jene schonungslose Offenheit der Enthüllung, die das Buch zum unvergleichlichen Dokument stempelte. Mit akribischer Besessenheit registrierte er seine psychischen und physischen Zustände, wobei er die Grenzen des Schicklichen sprengt – was auf die Zeitgenossen peinlich-befremdend wirkte.“

So heißt es über das Buch jener Zeit. Es könnte von Knausgård sein, es könnten diese Sätze über viele Autoren in dieser Weise geschrieben worden sein. Doch diese Zeilen handeln keineswegs von Karl OveKnausgård, sondern sie beziehen sich auf ein Buch von Adam Bernds: mit dem Titel Eigene Lebens-Beschreibung. Es erschien im Jahre 1738, Bernds lebte von 1676-1748, er entstammte kleinbürgerlichen Verhältnissen, arbeitete sich durch Bildung daraus empor und mußte sich, nachdem er in Leipzig sein Amt als Kanzleiredner wegen Aufruhr gegen die Orthodoxie verlor, als freier Schriftsteller durchschlagen. Obsessiv registrierte Bernds Inneres und Äußeres, forschte und hörte in sich hinein, betrieb das, was man später in Ablösung von der Wolffschen Psychologiae rationalis als Erfahrungsseelenkunde bezeichnete und was literarisch ausgeformt, sozusagen von der dichterischen Einbildungskraft durchdrungen, dann in Karl Philipp Moritz‘ Anton Reiser mündete. (Das obige Zitat fand ich in der „Geschichte der deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart“.)

Inzwischen haben sich die Register und die Kategorien der Literaturästhetik verschoben. Zu fragen ist nicht mehr, ob ein Text authentisch sei und auch die Erfahrungseelenkunde sowie Aufrichtigkeit sind nicht mehr primär ästhetisches Maß, sondern entscheindend ist, ob ein Text gut und stimmig erzählt ist – was freilich einen Essay für sich beanspruchen würde, um die Felder des guten und stimmigen Textes auszuleuchten.

Dieser Blog-Text hätte ebenso die Überschrift tragen können, wie man Karl Ove Knausgårds neues Buch bespricht, ohne es gelesen zu haben. Im Feuilleton kann man solches Spiel (zu recht) nicht veranstalten. In Blogs ist sowas aber möglich: die gepflegte Digression, um vom Hölzchen aufs Stöckchen zu gelangen,  in diesem Sinne ein Robert Walserscher Spaziergang mit mannigfaltigen Entdeckungen und Findlingen am Wegesrand.

Aber nun ein kleiner Bilderreigen. From Meißen with love. Die Photos von der schönen Querulantin, ehm, der schönen Spaziergängerin sowie dem leicht mopsig aussehenden älteren Herren,  zumindest auf den Photographien, zeige ich hier – naturgemäß – nicht.

 

100 Jahre Duchamps „Fountaine“ – eine Revolution der besonderen Art oder die kopernikanische Wende der Ästhetik

Die Kunst der (klassischen) Moderne ist inzwischen in die Jahre gekommen, und nichts klingt in der quirligen Gegenwart verächtlicher, als einem Kunstwerk zu bescheinigen, es sei ein Fall fürs Museum. So erging es Duchamps Ready Made, dem legendären Urinoir. Und auch dem einst innovativen Dadaismus wie dem nicht minder stürmischem Surrealismus wurde dieses Attest des Staubigen inzwischen ausgestellt. Sowieso ist zu fragen, ob die Kunst nicht immer schon einen Fall fürs Museum abgab – deren Vorläufer der Salon war –, seit sie sich vom Kult emanzipierte.

Aber trotz dieser Tendenz, Dinge der Kunst im Museum einzuhegen, bleibt die kunsttheoretische Frage nach dem besonderen Gehalt, der in Duchamps Fountaine steckt – gleichsam ein Gründungsdokument der ästhetischen Moderne im frühen 20. Jahrhundert und zudem jenes zentrale Objekt, das im Gebiet der Kunsttheorie die Fragen ästhetischer Reflexion auf die Kunst in eine andere Richtung bog. Mit jenem Jahr 1917 verbinden wir in vielfacher Hinsicht Einschnitte in der Geschichte. Marcel Duchamps Ready Made Fountaine tätigte einen der folgenreichsten Brüche. Anders als das Fahrrad-Rad von 1913, das noch kein echtes Ready Made ist, weil hier Duchamp noch montierte. (Als erstes echtes Ready Made kann allerdings sein Flaschentrockener aus dem Jahr 1914 durchgehen. Nur entfaltete er aufgrund des Skandals qua Institution nicht dieselbe Wirkung. Es zeigt sich auch in diesem Falle, daß es mehrere Faktoren sind, die einen historischen Bruch begünstigen.)

Mit der Fountaine emanzipierte sich die Kunst zum ersten Mal von der herkömmlichen Logik der Repräsentation bzw. der Mimesis von Wirklichkeit. Denn Abbildung und Abgebildetes fallen im Ready Made in eins. Dieses Verfahren wurde zum Ausgangspunkt für die in den 60er Jahren sich entwickelnde Pop-Art, die ausgehend von Duchamp im Verfahren der Reproduktion den Konsumcharakter der Kunst unterstrich, sowie der Konzept-Kunst auf der Ebene theoretischer Reflexion über den Modus der Bildlichkeit, des Zeichens, des Bezeichneten, des Dinges und des Wortes. Joseph Kosuths One and Three Chairs dürfte ein selbsterklärendes Sinnbild für diese (Reflexions-)Bewegung und ihre Nähe zur Sprachphilosophie sein. Aber auch ein Surrealismus in der Weise von René Magritte tat seinen Beitrag und setzte den „Betrug“ der Kunst qua Bildtitel in Szene: Der Verrat der Bilder (La trahison des images) aus dem Jahre 1929, darauf wir eine Pfeife und einen Text sehen können: „Ceci n’est pas une pipe.“ Kluge Variationen von Duchamps zweitem echten Ready Made. (In der Kritik lese man dazu Foucaults sprachphilosophischen Essay bzw. seine Diskursanalyse zur Ästhetik: Dies ist keine Pfeife, erschienen im Hanser Verlag.)

Mit diesen Bewegungen einer Öffnung der Kunst, die bei Duchamp ihren Ausgang nahmen, war klar, daß das Kunstwerk nicht bloß eine Welt repräsentiert, die wir genauso mit unseren Augen uns ansehen können: wenn wir das Farbspiel und das Schimmern der Natur oder einer Lebensszene in impressionistischer Manier betrachten, wenn wir die Welt mit Turners oder Ernst Ludwig Kirchners Augen sehen, wenn wir dem Weib zwischen die Schenkel blicken und mit Courbet des Ursprungs der Welt ansichtig werden.

Kunst löst sich spätestens mit Marcel Duchamp aus Platons Höhle, sie befreit sich vom schönen Schein. Einerseits. Nicht mehr wirkt sie im Wettkampf zwischen Zeuxis und Parrhasius, fast wie beim Kuckuck und beim Esel, wer wohl am realistischsten male, so daß bei den Trauben im Bild die Vögel anfliegen und picken. Sondern das Werk präsentiert spätestens in der ästhetischen Moderne des späten 19. und dann speziell des 20.  Jahrhunderts eine Welt ganz eigener Art. Eine Welt für sich. Das Kunstwerk ist diese Welt. So wie die Romane des hochmodernen Jean Pauls nicht bloß eine Welt erzählen und uns abbilden, uns Leser, wie für das 18. Jahrhundert üblich, moralisch bessern oder unterhalten wollen. Denn täten diese Jean Paulschen Romane lediglich das, wären es schlecht geschriebene Bücher, die technisch unbeholfen an der Story, also der erzählten Geschichte, scheitern und sich auf Nebengleisen, in Digressionen und in feuerwerkenden Zündungen und „Ideengewimmel“ verlieren. Die Hauptsache aus den Augen verlierend.

Diese Umpolung in der Kunst qua Dinglichkeit freilich ändert andererseits den Begriff des Scheins als Modus von Kunst – doch bleibt mit Hegel festzuhalten, daß dem Schein eine wesentliche Funktion im Prozeß des Wissens und ebenso in der Kunst selbst zukommt. Das Wesen muß erscheinen und noch bei Goethe schimmert im Abglanz das Ganze oder wie es im ersten Monolog nach Fausts Erwachen im zweiten Teil des Dramas heißt: „Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.“ Das Werk wird mit dem Ready Made auf seinen Dingcharakter zurückgeworfen und die Materialität des Objekts gelangt zum Ausgang für Reflexion. Nicht mehr bloß im Sinne Nietzsches in der Geburt der Tragödie wird der Schein des Scheins zentral, sondern im Namen des Scheins erfolgt nicht mehr die Potenzierung des Scheins, sondern die Moderne attackiert diese zentrale Kategorie der Kunst. Denn als Kunstwerk bleibt das Urinoir dennoch der Schein eines bloß dinghaften Urinoirs; es ist also nicht mehr dieses Urinoir in seiner Funktion und als Vorhanden- bzw. Zuhandenheit. Damit destruiert dieses Werk den Begriff des Scheins nicht, sondern erweitert ihn. Zudem ändert sich mit dem Scheinhaften des herkömmlichen Bildes und der Plastik ebenso der kontemplative Umgang mit dem Kunstwerk. Den Apollo von Belvedere betrachten wir als Inbild klassischer Kunst völlig anders als ein Objekt wie das Urinoir. Nach diesem simplen „Trick“ Duchamps konnte prinzipiell jedes beliebige Objekt zum Gegenstand der Kunst werden. Das ist die eigentliche Pointe dieses einmaligen Streiches in der Kunstwelt. Auf den Tag genau vor 100 Jahren im fernen New York.

Duchamps Fountaine sollte dort am 9. April 1917 bei der Society of Independent Artists ausgestellt werden. Das Prinzip dieser Gesellschaft war es, daß dort einmal im Jahr Werke ohne Vorauswahl, ohne Jury oder besondere Empfehlung präsentiert werden durften – also ein offener Ort für alle Arten von Kunst, ohne den Eingriff von Kuratoren oder Preisrichtern. Duchamps Fountaine, die ganz ordentlich unter dem Namen R. Mutt als Kunstwerk sogar signiert war, löste dort – relativ erwartbar – einen veritablen Kunstskandal aus. Das Urinoir hatte alle Eigenschaften eines Kunstwerkes. Und zugleich besaß es nichts von dem, was ein (klassisches) Kunstwerk haben mußte: Es war zwar mit einem Namen versehen und wiederholte damit den Gestus des künstlerischen Schöpfers, aber der Name war ein Pseudonym bzw. ein Fake. Ein Künstler dieses Namens existierte nicht. Es war das Urinoir zwar eine Skulptur, aber diese Plastik unterscheid sich in nichts von einem realen Urinoir – bis auf den Umstand, daß dieses Objekt nicht in der für Urinoirs üblichen Perspektive gezeigt wurde, sondern dadurch, daß der Gegenstand anders im Raum positioniert wurde. Wodurch die besondere Formung und Rundung des Gegenstands sich herauskristalisierte.

Am Ende entschieden die Künstler der Gesellschaft, dieses seltsame Objekt nicht zu zeigen, was wiederum einen neuen Skandal provozierte: Für die Kunst war diese Haltung der Anfang ihres Endes und führte zu einer Aporie. Zeigt man ein solches Werk nicht, von dem nie genau feststeht, ob es ein bloßes Ding oder eben doch ein Kunstwerk ist, dann „erwies sich die Rede von der künstlerischen Freiheit als Phrase; oder das Urinoir wurde gezeigt, dann widerlegt es alle herkömmlichen Wertungskriterien, auch die der künstlerischen Moderne.“ (So Peter Bürger in seinem instruktiven Essay Duchamp 1987, in: Das Altern der Moderne.) Wie es die Verantwortlichen auch drehen und wenden mögen: mit diesem möglichen-unmöglichen Objekt gelangt die Kunst an eine Grenze, die ihr bisher und in dieser Art niemals zuvor aufgezeigt wurde. Duchamp spielt mit dieser Limitierung (bzw. mit der daraus folgenden Entgrenzung der Kunst) lustvoll. Das Original dieses Urinoirs ist übrigens verschollen, und es existiert von diesem Objekt lediglich die (oben gezeigte) Photographie von Alfred Stieglitz.

Aber wie solche Objekte eben konstituiert sind: Im Sinne von Marcel Duchamp läßt sich ein beliebiges neues Urinoir besorgen, das dann das alte ersetzt, solange es im Aussehen dem ursprünglichen Gegenstand nur annähernd ähnelt. (Gilt solche von Duchamp intendierte Substitution auch für Beuys Fettecke, die von einer Putzkraft beschädigt wurde? Auch hier zeigt sich, daß es nicht ganz so einfach ist, in der musealen Situation das Original durch eine Kopie zu ersetzen. Duchamps Kunst gibt unendlich viel Arbeit zum Denken.)

Bei dem Namen Marcel Duchamp fällt mir der Film Thomas Crown ist nicht zu fassen ein. Noch in seinen späteren Interviews zum Urinoir tat er jegliche Interpretation oder eine ästhetische Einordnung dieses einmaligen Falles als unwesentlich ab. Changieren und lavieren, Maskerade und ein (Nicht?)Künstler als Proteus. Nie ist man sich bei diesem (Künstler-)Duchamp sicher, ob er es ernst meint oder ob es eine – freilich geniale – Persiflage auf den Betrieb der Kunst ist oder aber die nötige Erweiterung der Kunst inmitten der Krise der Moderne, die sich mit dem Futurismus, dem Kubismus, mit dem Schwarzen Quadrat von Malewitsch abzeichnete. Die klassische Moderne zuspitzend.

Und mit dieser Pointierung ist die Frage auf dem Tisch, weshalb die einen Kunstwerke im Museum ausgestellt und andere Werke niemals als Kunst wahrgenommen werden. Duchamp schlägt den Kunstbetrieb mit seinen eigenen Mitteln und auch seine Kritik an den im Louvre ausgestellten Werken dürfte bekannt sein – von jenem Spaß mit der Gioconda angefangen. Oder aber er spitzt im konventionellen Werk selbst die Kunstform zu: Kubismus und Futurismus brachte er mit seinem Gemälde Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2 auf den Begriff. Duchamp tat alles ins Bild, was ein Bild, das modern sein will, braucht: Die Tendenz seiner Zeit erfassend. Doch auch jener Akt löste 1912 in Paris und 1913 in New York in der Armory Schau ein Entsetzen aus. Als maßgebliches und ästhetisch gelungenes Bild wurde es zunächst nicht in den Kanon der Kunst aufgenommen. Was erst einige Jahre zeitversetzt geschah. Aber im Falle des Marcel Duchamp gibt es bis in die Spätmoderne hinein diese Debatten. Er prägte die philosophische Ästhetik. Im Hinblick auf Duchamps Fountaine und die Brillo-Boxes von Warhol schreibt Arthur C. Danto:

„Man kann nicht feststellen, ob etwas Kunst ist, wenn man es bloß betrachtet, denn Kunst hat kein bestimmtes vorgeschriebenes Aussehen. Was schließlich hieß, daß die Bedeutung von Kunst nicht anhand von Beispielen zu vermitteln ist. Natürlich besteht nach wie vor ein Unterschied zwischen Kunst und Nicht-Kunst, zwischen Kunstwerken und den ‚bloß realen Dingen‘, wie ich sie gerne nenne. Warhol lehrt uns aber, daß sich der Unterschied nicht durch einfaches Betrachten ausfindig machen läßt. Das Auge, das als ästhetisches Organ so hoch im Kurs gestanden hatte, als man den Unterschied zwischen Kunst und nicht-Kunst noch für sichtbar hielt, war philosophisch vollkommen nutzlos, als sich diese Differenz statt dessen als unsichtbar erwies.“

Duchamp sagt in einem seiner Selbstkommentare (zitiert nach Peter Bürger):

„Seit Courbet hat man geglaubt, daß die Malerei sich an die Netzhaut wendet. Das war der allgemeine Irrtum. Der Schauer der Netzhaut! Früher hatte die Malerei andere Aufgaben: sie konnte religiös, philosophisch, moralisch sein.“

Marcel Duchamps Fountaine ist genau solch ein Werk, das die Reflexion nicht nur auf das Dinghafte des Kunstwerkes selbst lenkt und die Frage nach der Konstitution von Kunst stellt, sondern insbesondere hier bewahrheitet sich Adornos Diktum zum Anfang seiner Ästhetischen Theorie: Zur Selbstverständlichkeit wurde, daß nichts mehr in der Kunst selbstverständlich ist. Adornos Ästhetik steht an der Grenze zu jener Spätmoderne, die dann in Deutschland 15 Jahre nach dem Erscheinen seiner Ästhetischen Theorie unter dem Terminus „Postmoderne“ ins Schema gepreßt wurde. Peter Bürgers lesenswerter Aufsatz Duchamp 1987 wurde von solchen Fragen der Postmoderne angetrieben. Duchamps Werk zeugt für diese erweiterte Moderne avant la lettre und brachte damit für die moderne Ästhetik im Betrachten von Kunst und in der Reflexion auf ihre Werke eine Wende.

Rückzug ins bildsamste Material oder Hegels Worte

Schöner und poetischer kann man in der philosophischen Ästhetik des noch jungen 19. Jahrhunderts das Wesen der Poesie nicht zum Ausdruck bringen, als dies Hegel in seiner Vorlesung über Ästhetik tat. Vor allem aber erkannte Hegel die besondere Rolle der Poesie im Kanon der Künste. Aufstrebend, der Philosophie nahe, wenn nicht verwandt. Schön geschrieben – ob nun von Hegel selbst oder doch eher von seinem Schüler Hotho in jener 1835 veröffentlichten „Vorlesung über Ästhetik“:

„Denn das Wort, dies bildsamste Material, das dem Geiste unmittelbar angehört und das allerfähigste ist, die Interessen und Bewegungen desselben in ihrer inneren Lebendigkeit zu fassen, muß, wie es in den übrigen Künsten mit Stein, Farbe, Ton geschieht, auch vorzüglich zu dem Ausdrucke angewendet werden, welchem es sich am meisten gemäß erweist. Nach dieser Seite wird es die Hauptaufgabe der Poesie, die Mächte des geistigen Lebens, und was überhaupt in der menschlichen Leidenschaft und Empfindung auf und nieder wogt oder vor der Betrachtung ruhig vorüberzieht, das alles umfassende Reich menschlicher Vorstellung, Taten, Handlungen, Schicksale, das Getriebe dieser Welt und die göttliche Weltregierung zum Bewußtsein zu bringen. So ist sie die allgemeinste und ausgebreiteteste Lehrerin des Menschengeschlechts gewesen und ist es noch. Denn Lehren und Lernen ist Wissen und Erfahren dessen, was ist. Sterne, Tiere, Pflanzen wissen und erfahren ihr Gesetz nicht; der Mensch aber existiert erst dem Gesetze seines Daseins gemäß, wenn er weiß, was er selbst und was um ihn her ist; er muß die Mächte kennen, die ihn treiben und lenken, und solch ein Wissen ist es, welches die Poesie in ihrer ersten substantiellen Form gibt.“

Die Kraft des Selbstbewußtseins, die in der Kunst wirkt und zugleich das Subjekt übersteigt, und zwar hin auf das Gattungswesen Mensch. Nichts Menschliches, was der Kunst fremd ist. Goethe dichtete es, und Hegel nahm diesen Aspekt mit Leidenschaft auf, formulierte Goethes Zeile aus „Die Geheimnisse“ als Philosophie der Kunst aus: „Humanus heißt der Heilige, der Weise, …“ Hegel war wohl einer der letzten, die diesen ekstatischen Bezug zu Subjekt und Menschheit so freimütig evozieren konnten. Und doch hat sich – selbst unter dem Akut des Negativen, unter dem Neigungswinkel falschen Lebens – die Arbeit und Aufgabe der Kunst um keinen Deut geändert. Kunst konstruiert eine Welt für sich, die zugleich eine Welt für uns ist, weil es unsere Welt ist, die in der Arbeit der Konstruktion oder wie Hegel es nennt, in der Phantasie des Dichters gebaut wird. Sei es auch eine Welt aus Asche. Und immer wieder komme ich auf dieses Zitat des Filmkritikers André Bazin zurück, der den Hegelianismus pur ins Bild bzw. in den Text-Vorspann des Films montierte:

Das Kino schafft für unseren Blick eine Welt, die auf unser Begehren zugeschnitten ist. ‚Die Verachtung‘ ist die Geschichte dieser Welt.“

Zugleich aber wird ein Anti-Hegelianismus daraus, wenn wir anders übersetzen und die Lesart des Satzes ändern. Denn dieses Spiegelstadium reiner Immanenz versucht Hegels Ästhetik gerade zu konterkarieren:

„Der Film unterschiebt unserer Vorstellung eine Welt, die mit unseren Wünschen übereinstimmt. ‚Die Verachtung‘ ist die Geschichte dieser Welt.“

Hegels Philosophie unterbricht den bloßen Selbstbezug. Er hatte jedoch etwas fürs Erzählen, Konstruieren und Ausschmücken über. Kunst entwirft eine Welt, die die unsere ist. Und nichts anderes macht in seiner Erzählweise auch der Film. Was sich in jenem oben genannten Zitat zeigt oder zumindest andeutet, wenn Hegel die Arbeit der Poesie beschreibt. Insofern wäre es interessant, was Hegel heute über den Film gedacht und geschrieben hätte. Anderes vermutlich als Adorno, der der Filmkunst skeptisch gegenüberstand. Hegel hätte seine Freude an dieser Kunst, weil sie eine Weise ist, uns Welt zu vergegenwärtigen und sie unserem Begehren gemäß zu gestalten und gleichzeitig die Immanenz zu brechen, indem uns das Kunstmedium Exemplarisches veranschaulicht. Eben der Aspekt, den Adorno vehement kritisierte. Vermutlich sogar zu recht.

Karl und Rosa, Eis und Eden

„Niemand zeugt für den Zeugen“ (Paul Celan)

Es gibt ein Gedicht von Paul Celan, das trägt den Titel „Eis, Eden“ (1963), es stammt aus dem Gedichtband „Die Niemandsrose“. Dieser Titel paßte ebensogut zu jener Lyrik, die mit dem Satz beginnt „Du liegst im großen Gelausche“ – Celan ließ in seiner späten Dichtung konsequent die Überschriften weg. Dieses Gedicht hat – man wird das vermutlich nur über Umwege und über die Kombination der Textelemente feststellen – die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg zum Thema. Das Gedicht ist undatiert, obwohl es in seinem Kern an ein Datum gebunden ist. Es wurde 1971 postum in dem Band „Schneepart“ publiziert, und es geht so:

DU LIEGST im großen Gelausche,
umbuscht, umflockt.

Geh zur Spree, geh zur Havel,
geh zu den Fleischerhaken,
zu den roten Äppelstaken
aus Schweden –

Es kommt der Tisch mit den Gaben,
er biegt um ein Eden –

Der Mann ward zum Sieb, die Frau
mußte schwimmen, die Sau,
für sich, für keinen, für jeden –

Der Landwehrkanal wird nicht rauschen.
Nichts
xx stockt.
(Paul Celan, im Gedichtband „Schneepart“)

Ich hatte bereits an dieser Stelle auf AISTHESIS über das Gedicht geschrieben. Ein paar Ergänzungen nur seien angemerkt, weil gestern der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zum 98. Mal sich jährt. Peter Szondi schrieb einen kleinen Aufsatz über jenes Gedicht. Der Text heißt „Eden“ und befindet sich in den Schriften Band 2. Bemerkenswert bzw. hart im Faktum ist der Umstand, daß Szondi im Oktober 1971 in den Halensee stieg und sich ums Leben brachte – eineinhalb Jahre, nachdem Paul Celan von der Pont Mirabeau in die Seine sprang und ertrank. Am 20. April, Ironie der Geschichte. Beide waren sie als Juden späte Opfer der NS-Vernichtung. Wasserszenen also, aber kein Undinenzauber und es hat die Deutsche Romantik sich ausgeträumt. Die Wunde Eichendorff, um einen Aufsatz Adornos abzuwandeln.

Szondi schildert in diesem Text eine Tour durch Berlin, Celans Besuch in Plötzensee, Beobachtungen Celans, seine Lektüre einer Dokumentation zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg; ein Weihnachtsmarkt, wo Celan einen schwedischen Adventskranz erblickte, aus rotgestrichenem Holz mit Äpfeln und Kerzen bestückt, ein Spaziergang, den Szondi mit Celan unternahm. Wege, die sie gemeinsam abschritten, eine Fahrt vorbei am Hotel Eden, direkt am Europa-Center, wo Rosa Luxemburg zu Tode gefoltert und Karl Liebknecht durchlöchert wurde wie ein Sieb. Die biographischen Umstände also, unter denen dieses Gedicht entstand. Sicherlich konnte Peter Szondi als Zeuge mehr als jeder andere dazu beitragen, das Gedicht zu deuten. Aber was trägt dieses Wissen zur Interpretation eines Gedichtes bei?

„Indessen macht die Kenntnis der Realien, der realen Erfahrungen, die aus Celans Aufenthalt in Berlin um Weihnachten 1967 in das Gedicht Du liegst … eingegangen sind, noch keine Interpretation des Gedichts aus. Vielmehr eröffnet sich solcher Kenntnis die entstehungsgeschichtliche Dimension, in welcher zwar fast jede Stelle des Gedichts auf ein bezeugtes Erlebnis zurückverweist, nicht minder aber der Weg von den realen Erlebnissen zum Gedicht sichtbar wird, ihre Verwandlung. In dem Spannungsfeld zwischen dem halb vom Zufall gefügten Allerlei der Berliner Tage Celans und der kunstvollen Konstellation, welche das Gedicht ist, erscheint dieses dem Leser, der Celan in jenen Tagen begleiten durfte. Darum kann seine Absicht nicht sein, das Gedicht auf die Daten und Fakten zurückzuführen, aus denen die vierzehn Verse zusammenschossen, wohl aber zu versuchen, die Vorgang dieser Kristallisation nachzuvollziehen.“ (Peter Szondi, Eden)

Wer Gedichtete deutet, muß auf einer anderen Ebene lesen, auf anderes rekurrieren als aufs factum brutum. Eine Absage an jeglichen literaturwissenschaftlichen Positivismus. Szondi thematisiert – gleichsam als negative Größe, als Leerstelle – genau dieses Biographische, das Autobiographische jeglicher Dichtung im Grunde, das bis heute Thema der Lektüren, eine Art Fetisch ist und die Konstruktion, die Fiktion, das lyrische Ich überwuchert und in einen handhabbaren Kontext gelebten Lebens einzuhegen versucht. Deutbar durch Daten, das lyrische Ich nur eine krude Funktion des empirischen Ichs. Aber solche Sicht beraubt am Ende einen Text – egal ob Prosa oder Poesie – ums beste. Gedichte sind keine Berichte. Insofern ist dieser knappe Essay von Szondi auch aus Gründen der Methode in den Literaturdeutung so ungeheuer bedeutsam. Szondis Methode ist eine dialektische. Denn er schaltet das Biographische eben nicht krude im Sinne einer immanenten Lektüre des Hermeneutikers aus und markiert es als irrelevante Größe, sondern er nimmt diese Bezüge als Zeugnisse ernst. Oder wie es bei Adorno in seiner „Ästhetischen Theorie“ heißt: ein Kunstwerk ist immer beides. Fait social und autonom.

„Inwiefern ist das Verständnis des Gedichts abhängig von der Kenntnis des biographisch-historischen Materials? Oder prinzipieller gefragt: Inwiefern ist das Gedicht durch ihm Äußerliches bedingt, und inwiefern wird solche Fremdbestimmung aufgehoben durch die eigenen Logik des Gedichts?“

Doch das Gedicht, so Szondi, läßt all diese (privaten) Beobachtungen Celans, die biographischen Prämissen und die Flanier-Szenen des Dichter-Beobachters hinter sich. Der Nachmittag eines Schriftstellers ist hier nicht das Thema des Gedichts, genausowenig das, was er an den Phänomenen beobachtet und ebensowenig das Betrachten selbst als kontemplativer Zustand des Dichtens, aus dem heraus wie durchs Wunder oder das Ingenium des genialen Künstlers das Gedicht sich ergießt. Das Gedicht erzeugt eine Wirklichkeit sui generis – wie überhaupt das gelungene Kunstwerk eine Welt eigener Art und Ordnung ins Werk setzt – eine „nicht auf subjektive Zufälligkeiten reduzierte Wirklichkeit“. (Der Bezug zu Hegels Ästhetik wie auch zu Heideggers Kunstwerk-Aufsatz, der darin von Hegel die Redewendung von der stiftenden Funktion des Kunstwerks borgte, liegen auf der Hand.) Es verknüpfen sich dabei in dem Gedicht die Motive: das Weihnachtsfest und der (politische) Mord, Fleischerhaken und rote Äppelstaken, der Tisch mit den Gaben und das Eden, und sie schließen sich zu einem gänzlich neuen Kontext zusammen. Doppeldeutig allemal. Einerseits das Hotel, andererseits ein Garten der Lüste und der Freude.

Es bleibt in diesem Gedicht insbesondere das Paradies- und auch das Erlöser-Motiv („für sich, für keinen für jeden“) festzuhalten und zu konstatieren, wie es bei Celan mit dem Tod kontaminiert wurde. Eine negative Geschichtsphilosophie, fern jeglicher Utopie. Was tun und was geschieht? Es zeigt sich im letzten Wort, in den letzten beiden Zeilen, im Enjambement, das den Satz und damit einen dialektischen Fluß auftrennt, die Umkehrung des Heraklit zugeschriebenen Bildes vom panta rhei in der Verneinung und als Anspruch und Abbruch:
Nichts
Stockt.
Der Engel der Geschichte, den Benjamin schilderte und den Heiner Müller als glücklosen ins Bild setzte, erstarrt. Nein, nicht einmal das. Er dröselt sich auf, bricht ab. Im großen Gelausche zu liegen, umbuscht, umflockt – ein eigentlich romantisches Bild: die eingedeckte Tote im Fluß. Eine Art Ophelia. Eigentlich geht es nur noch ums Minimale, um den letzten Rest: Ums Überleben. Doch selbst dieses Weiterleben ist nicht selbstverständlich.

Das Gedicht „Eis, Eden“ schließt mit diesen Zeilen:

Das Eis wird auferstehen,
eh sich die Stunde schließt.

In einem entfernten Sinne geben diese Zeilen sogar ein Stück weit Hoffnung. Die Erlösung noch des Unerlösbaren. Die Auferstehung des Eises.

Das auratische Kunstwerk – Man Ray zum 40. Todestag

Sterben sei ein echt surrealistischer Akt, verkündete André Breton in seinem zweiten Surrealistischen Manifest, und zwar indem man einfach mit einem Revolver in die Menge schießt. Der Schock, den solche Sätze auslösten, lag darin, daß Breton es ernst meinte. Nicht bloß als Kunst verkleidet, sondern real: Einmalig und unwiderruflich. In der Gegenwart, angesichts eines politischen Islams erhalten diese Proklamationen der Kunst ein anderes Gewicht. Insbesondere ein Jahr nach dem Massaker im Pariser Bataclan-Theater.

Vielleicht machen wir es eine Nummer harmloser und es ist ein echt surrealistischer Akt, einen Tag nach dem Todestag (und damit verspätet) eine kleine Würdigung zu schreiben. Sowieso sind all diese Kunstdinge angesichts ihrer Vernutzung und den sich überschlagenden Realitäten eine Sache des Museums, was bedeutet, daß sie Zeit haben und sich aufschieben. Die klassischen Avantgarden wurden das, was sie nie wollten: Inventar des Museums und ihre Werke wurden zu Sammlerobjekten. Sammler, die Geld besitzen, denn diese Objekte muß man sich zunächst leisten können. Andererseits ist wegen der Selbstreferenzialität all der Debatten der letzten Tage, vor allem die Selbstbezüglichkeitsdiskurse auf Facebook und andernorts in Kommentarspalten, die Kunst ein guter Ort, auszuschweifen.

objectdestroyedWas bleibt von Man Ray? Faszinierend sind seine Solarisationsbilder, seine Rayographien, weil sie die Photographie vom Abbildrealismus wegführen. Erotisch aufgeladen sind die Frauenportraits, oft in Close-up-Manier geschossen, und die zunächst neusachlich anmutenden Objektphotographien, die es nicht sind, weil sie das eine Objekt mit einem ganz anderen Gegenstand in Verbindung setzen – Baudelaires Korrespondenzen in seinem gleichnamigen Gedicht und Lautréamont Anordnung von Nähmaschine und Regenschirm auf dem Operationstisch ins Bild übertragen und konkretisiert – huldigen dem Ding-Fetischismus. Ontologisches Photographieren. Als besonders gelungenes Kunstwerk bei Man Ray möchte ich jedoch jenes „Indestructible Object“/„Object to Be Destroyed“ herausgreifen und betrachten. Das „Object to Be Destroyed“ spielt in seiner Präsenz, die zunächst nur für Man Ray selbst bestimmt war – erst später wurde dieses Objekt musealisiert und damit zum Gegenstand öffentlicher Ausstellung – mit verschiedenen Ebenen und reizt eine Vielzahl an biographischen und ästhetischen Bezügen aus: das Verrinnen der Zeit im Takt, Liebesverlust, der Blick eines toten Auges, der Blick eines Bildes. Und zudem ein blinder Blick. Augen, die nicht zurücksehen. Im dreidimensionalen Objekt manifestiert sich das zweidimensionale Bild.

Dieses Kunstwerk wurde (in einer rekonstruierten Variante) auf der Documenta 2012 präsentiert, und zwar passender Weise gegenüber den Photographien von Lee Miller. Sie und Man Ray waren Anfang der 30er Jahre ein Liebespaar. Vermittels dieser Korrespondenz gibt es eine unsichtbare Achse und (biographische) Linien, die zwischen den Kunstwerken wirken. Lee Millers Photographien, insbesondere 1945 nach der Befreiung Deutschlands, in München nackt in der Badewanne Hitlers sitzend, und Man Rays eigentümlicher Gegenstand, der ohne Kontextwissen schlicht unerklärlich oder zumindest rätselhaft bleibt.

Das „Original“ dieses Ready Mades schuf Man Ray 1923. Ein Metronom, an dem auf einem Taktstock die Photographie eines ausgeschnittenen Auges befestigt war. Ein „klassisches“ Ready-Made ist dieses Objekt jedoch nicht, denn der Alltagsgegenstand wird mit einem anderen Objekt besetzt, das zu diesem Ding in keinem unmittelbaren Verhältnis steht. Nicht anders als auf den Photographie Man Rays jener Nagel, der den Stil des Apfels ersetzt, oder die Walnuß neben dem Feuerzeug, auf dem der Name Man Ray eingraviert ist. Diese Idee, im Metronom Bewegung und Blick zu verbinden, erwies sich so genial wie einfach: das Tempo der Musik und der Blick; der Takt und das Auge, mithin Zeit und Raum, verdichten sich in einem flüchtigen Gebilde, das durchs Fortnehmen des Auges sogleich wieder umfunktioniert werden konnte. Ein Gegenstand, der Kunst und doch nicht Kunst ist – jene beharrliche Figur der Klassischen Moderne, ein Wiedergänger, bis hin zum Pop hin: die „Verklärung des Gewöhnlichen“ (Arthur C. Danto), indem ein Gegenstand als Gegenstand zum Kunstwerk sich transformiert, und zwar nicht auf dem Umweg, daß dieses Objekt gemalt oder photographiert wird, sondern rein in seiner Materialität.

Ein Metronom organisiert die Aufführung und das Spiel der Musik. Man Ray, so geht die Überlieferung, benutzte dieses Metronom beim Zeichnen wie es ein Pianist beim Klavierspielen verwendet. Weil aber ein Zeichner Zuschauer benötige, so erzählte Man Ray, um sich eine Legende zu stricken oder aber weil es der Wahrheit entsprach, heftete er ein Auge an jenen Taktstock. Etwa um 1932 zeichnete Man Ray dieses Objekt auf Papier und nannte es „Object of Destruction“, dazu gab es einen kleinen Text, gewissermaßen eine Anweisung:

„Cut out the eye from a photograph of one who has been loved but is seen no more. Attach the eye to the pendulum of a metronome and regulate the weight to suit the tempo desired. Keep going to the limit of endurance. With a hammer well-aimed, try to destroy the whole at a single blow.“

Jene legendäre Lee Miller, das Weib seiner Begierde, lernte Man Ray 1929 in Paris kennen. Sie trennten sich 1932 und Miller reiste von Paris wieder zurück nach New York. Lee Miller war keine jener klassischen Musen wie Kiki de Montparnasse, sondern sie ging ihren eigenen Weg, wollte nicht das Objekt eines Künstlers, sondern eine selbständige Künstlerin sein und als solche auch wahrgenommen werden. Bereits als sie Man Rays Photoschülerin war, bewies sie ihren eigenen ästhetischen Sinn und entwickelte einen spezifischen Stil.

Nun aber war die Frau weg – back in New York. Zunächst heftete Man Ray als Sehnsuchtsobjekt und im Wahn des Begehrens das Auge von Lee Miller an das Metronom-Objekt. Im Akt der Obsession oder auch kalt kalkuliert, wir wissen es nicht, zerstörte Man Ray dieses Ready Made anschließend mit einem Hammer, und er reduzierte und destruierte zugleich sein Model aus Fleisch und Blut, das mehr war als nur Model – Man Ray idealisierte und entwertete Lee Miller im gleichen Zug. Leidenschaft, Exzesse und Liebe, all die Verwerfungen aus Liebe, bewegten sich nun innerhalb der Kunst. Noch einige Zeit später trug Man Ray in der Tasche seines Jacketts ausgeschnittene Augen von Lee Miller. So geht die Legende. Eine Art von Sandmann-Symptom vielleicht. Nur daß die Kastration hier symbolisch und an der Frau stattfindet.

Aber ein Ready Made ist eben, anders als das auratische (Gemälde-)Kunstwerk, das an seine Einmaligkeit im Gemachtsein gebunden bleibt, unzerstörbar. Es läßt sich wieder herstellen, und Man Ray stellte also das Objekt wieder her, und zwar in unterschiedlichen Varianten. Es gibt von einem Ready Made unendlich viele Transformationen und Kopien – nicht anders als es beim Text der Fall ist. Und Man Ray nutzte diese Möglichkeit, mit dem Kunstobjekt zu spielen und es auf seine Weise zu vervielfältigen. Ready Mades sind reproduzierbar. Sie lassen sich immer wieder neu auf- oder nachbauen, und so geschah es auch mit jenem Metronom.

„Indestructible Object“/„Object to Be Destroyed“ bezeichnet nicht nur das Verhältnis von Zeit und Liebe, von Kunst und Leben, von Vergänglichkeit, Einmaligkeit der Liebe und unendlicher Liebe, es zeigt nicht nur das Spiel der Kunst und das der Liebe an und taktet, sondern innerhalb des Titels manifestiert sich die Unvergängliche von Kunst, das mit dem Vergehen zugleich kontaminiert ist, und ein Reigen philosophischer Fragen schließt sich daran an: Was an diesem Ding ist unzerstörbar und was geht den Weg alles Vergänglichen? Gewissermaßen eine Variante des Paradoxons vom Schiff des Thesseus: Behält ein Gegenstand seine Identität, wenn alle seine Teile, die Planken, Masten und Segel, ausgetauscht und durch neue Teile ersetzt wurden? Ist der Kölner Dom nach allen Restaurierungen noch der Kölner Dom? Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit oder in diesem Falle das Kunstwerk im Zeitalter seiner Substituierbarkeit bleibt am Ende im Blick der Interpretationen, der ästhetisierenden Blicke und Lektüren auratisch aufgeladen. Selbst dann, wenn die Einmaligkeit des Werkes im Zeitlauf der Kunst zerstört wurde. Insbesondere dieses geniale Objekt Man Rays zeigt uns die Ambivalenz des Werkes und weist darauf, daß Kunst nach wie vor mit der Aura besetzt ist, und zwar genau dann, wenn wir um ein Werk eine Geschichte, eine Erzählung spinnen können. Wir werden die Idealismus und wir werden Platon nicht los. Kunst und Mythos.

Die Ästhetik, die Kunst sowie deren Kritik lebt von den Interpretationen, von den Lektüren und Korrespondenzen, auch in jenem Sinne Baudelaires, wie es in seinem gleichnamigen Gedicht entfaltet wird:

„La Nature est un temple où de vivants piliers
Laissent parfais sortir de confuses paroles;
L‘homme y passe à travers des forêts de symboles
Qui l‘observent avec des regards familiers.

Die Natur ist ein Tempel, wo aus lebendigen Pfeilern zuweilen wirre Worte dringen; der Mensch geht dort durch Wälder von Symbolen, die mit vertrauten Blicken ihn beobachten“ (Übers. v. Friedhelm Kemp)

Dieses Verhältnis kann man ebenfalls mit dem Ausdruck Verdinglichung bezeichnen oder eben in einer geschickten Volte als Freiheit zum Objekt betrachten.

Der Bildungsroman – die Lesart Hegels – oder vom kommenden Fiktionalismus

Nicht von der Hand zu weisen ist, was Hegel in seinen Vorlesungen über Ästhetik zur Prosa des bürgerlichen Lebens schreibt, die sich in die Literatur bannt – Hegel spricht vom Romanhaften:

„Nun gilt es, ein Loch in diese Ordnung der Dinge hineinzustoßen, die Welt zu verändern, zu verbessern oder ihr zum Trotz sich wenigstens einen Himmel auf Erden herauszuschneiden: das Mädchen, wie es sein soll, sich zu suchen, es zu finden und es nun den schlimmen Verwandten oder sonstigen Mißverhältnissen abzugewinnen, abzuerobern und abzutrotzen. Diese Kämpfe nun aber sind in der modernen Welt nichts Weiteres als die Lehrjahre, die Erziehung des Individuums an der vorhandenen Wirklichkeit, und erhalten dadurch ihren wahren Sinn. Denn das Ende solcher Lehrjahre besteht darin, daß sich das Subjekt die Hörner abläuft, mit seinem Wünschen und Meinen sich in die bestehenden Verhältnisse und die Vernünftigkeit derselben hineinbildet, in die Verkettung der Welt eintritt und in ihr sich einen angemessenen Standpunkt erwirbt. Mag einer auch noch soviel sich mit der Welt herumgezankt haben, umhergeschoben worden sein, zuletzt bekommt er meistens doch sein Mädchen und irgendeine Stellung, heiratet und wird ein Philister so gut wie die anderen auch; die Frau steht der Haushaltung vor, Kinder bleiben nicht aus, das angebetete Weib, das erst die Einzige, ein Engel war, nimmt sich ungefähr ebenso aus wie alle anderen, das Amt gibt Arbeit und Verdrießlichkeiten, die Ehe Hauskreuz, und so ist der ganze Katzenjammer der übrigen da.“

Planvolles Produzieren, nach Muster, und heraus springt das Einerlei des Lebens, so wie wir ahnen,  das es sowieso kommen wird. (Wie anders da, auch in der Sprache, Jean Pauls Siebenkäs, den Thomas Bernhard in „Auslöschung“ als eines der wenigen Meisterwerke der Literatur bezeichnete.) Der Autor pinselt die Realität ab, meist ist es zudem noch die ureigene, was sich seinerzeit unter dem Titel Autobiographie verkaufte, wie wir es heute im Wiederholungsmodus dessen, was sowieso schon der Fall ist, vielfach auch in der Literatur erleben müssen – mag es auch launig erzählt sein,wie man etwa Stuckrad-Barres „Panikherz“  nachsagt. Das Ringen ums Ich und um den poetischen Ausdruck. Schlecht nur, wenn man diesem Kampf die Mühe zu sehr ansieht, die es bereitete, diese Prosa zu realisieren. Freilich sind die Widrigkeiten, die es zu überwinden gilt, heute stärker ausgeprägt als zu Hegels Zeiten, die Tücke des Objekts oder die des Ichs ist mit einkalkuliert. Von Karl Ove Knausgård bis Stephan Thome. In der Samstagsausgabe der „Literarischen Welt“ berichtet Richard Kämmmerlings über diese jammervolle Tendenz der radikalen Autobiographie.

In der Prosa der 70er Jahre fanden wir schon einmal – und das sehr viel ausgeprägter als in unserer heutigen, doch pluralen Literatur – diese Vorliebe fürs Private und den Realismus des Eigenlebens. Sie firmierte unter dem Titel der Neuen Subjektivität. In ihren gelungenen Varianten wie Max Frischs beklemmend-ehrlichem „Montauk“ oder Peter Handkes Exzessen von Gegenwart und wahrer Empfindung bis hin zu ihren schlechteren Varianten wie Karin Struck oder Svende Merians „Der Tod des Märchenprinzen“. Zu untersuchen wäre, weshalb in bestimmten Epochen und Zeiten diese Art des Schreibens vom Ich her so ausgeprägt auftritt. Marktförmig ist es allemal. Freilich kann man bockig dem entgegenhalten, der Autor schriebe immer von seinem Ich,  vom Ureigensten her. Richtig – nur ist es eine Frage der Konstruktion, in welcher ästhetischen Form sich diese Prozesse realisieren. Hier aber, bei Knausgård, aber auch bei nicht-autobiographischen Erzählern des Mittelmaßrealismus funktioniert im Text etwas nicht.

Ich gebe zu, ich las, als „Sommerhaus später“ 1997 erschien, das Buch zunächst mit Wohlwollen. Das ist ja das Vertrackte am identifikatorischen Lesen: man sieht sich in der Prosa immer mitgemeint. Aber das generiert zugleich Langeweile. Ebenso schnell kam ich dahinter, daß es sich bei dieser Prosa um einen kalkulierten Ton handelte. Technisch war das gut gearbeitet, keine Frage. Aber war es gut und vor allem gelungen als Werk und auch im Sinne einer Literaturästhetik? Was unterscheidet Handwerk und Kunstgewerbe, also das rein Poietische, von der Kunst, gar von der Dichtung, um auch noch diese Celansche Differenz aufzuziehen, die er in seiner Büchnerpreisrede zum Thema erhob? Und allemal stellt sich die Frage für die autobiographische Prosa. Max Frisch immerhin reflektierte auf dieses Prinzip der radikalen Ehrlichkeit, sein Leben durchsichtig zu bekommen. (Böse konnte man behaupten, je undurchsichtiger die sozialen Verhältnisse und je unabänderlicher die allgemeine Tendenz sich geriert, desto durchsichtiger die Prosa. Gälte zumindest für die BRD.)

Flaubert und Thomas Mann hingegen – aber das ist lange her – erwiesen sich als die Meister einer Sprache, die das Wörterbuch der Gemeinplätze ins Literarische hob und dem gewöhnlichen wie auch ungewöhnlichen Tun einen Platz in der Literatur verschaffte. Sie gestalteten eine Satire auf genau diese von Hegel beschriebene Welt des Gewöhnlichen. In Flauberts „L’éducation sentimentale“ (1869 erschienen) finden wir geradezu das Paradebeispiel eines solchen Anti-Bildungsromans, gleichsam das Gegenteil des „Wilhelm Meister“, dem es darauf ankommt, die Vielfalt seines Selbst ausbilden zu dürfen – was ihm zunächst in den Beruf des Schauspielers führt und zum Theater drängt. Bei Flaubert bleibt im Rückblick der Protagonisten als schaler Rest und absurder Höhepunkt einer Biographie der Bordellbesuch übrig:

„Sie überblickten ihr Leben. Sie hatten es beide verfehlt, der, der von der Liebe geträumt hatte, wie der, der von der Macht geträumt hatte.
(…)
Sie wurden gesehen, als sie das Haus verließen. Das gab eine Geschichte, die drei Jahre später noch nicht vergessen war.

Ausführlich erzählten sie einander davon, und jeder ergänzte die Erinnerungen des anderen; und als sie zu Ende waren, sagte Frédéric:

‚Das war doch das Beste, was wir gehabt haben!‘

‚Ja, vielleicht war das wirklich das Beste, was wir gehabt haben!‘ sagte Deslauriers.“

„Verlorene Illusionen“, so heißt ein Roman von Honoré de Balzac, der rund 25 Jahre vor Flauberts Schule der Empfindsamkeit erschien und einen Ausschnitt der menschlichen Komödie zum Gegenstand hat. Auch darin entdecken wir einen Teil von dieser Prosa des bürgerlichen Lebens. Über solche Illusionen als Prinzip Hoffnung oder als Simulation desselben in der Welt der Arbeitsteilung schreibt Flaubert in seinem „Wörterbuch der Gemeinplätze“:

„Illusion: Man gebärde sich, als habe man viele gehabt; man bedauere, sie verloren zu haben.“

Ein durchaus bekanntes Phänomen. Wir alle wissen davon. Vielleicht existiert um der Illusionslosigkeit und ob unseres wunschlosen Unglücks ein solcher Hang zum Realismus: sich auf das zu vereidigen, was ist: Sommerhausspätermenschen, Raketen angelnd im Gegenspiel. Ein beklemmender Positivismus des Mittelstands herrscht in der Literatur. Solche Hard-boiled-Fiktionäre wie Clemens Meyer oder Sven Heuchert mit seinem Erzähldebüt „Asche“ sind da die Ausnahme. Oder die großartige Daniela Danz, die in ihrem Prosadebüt  „Lange Fluchten“ stringend uns die heraufziehende Katastrophe erzählt. Die spielt sich im Privaten ab, meint aber viel mehr als diesen kleinen Bezirk. Danz gelingt solche Innenansicht. Von solcher komplex konstruierten Prosa müßte es mehr geben.

„… und die Welt ist eine kalte Welt“ – zum 60. Todestag von Bert Brecht

Ihr wollt ein Liebeslied? Es gibt kein Liebeslied. Nicht jetzt, nicht heute. Nein, wir brauchen nicht die schönen, alten Liebeslieder. Denke ich mir. Poetisiert Euch nicht, das ist Marketing für Buchverlage. Und glotzt nicht so romantisch. Aber die Kampflieder gehen ebensowenig: Vorwärts und nicht vergessen. Unbeweglichkeitsposen. Dem Morgenrot entgegen. Gute alte Zeit, „altes Linnen!“ (S. Beckett). „Dich behalte ich.“ Er nähert das Taschentuch seinem Gesicht, bedeckt sein Gesicht mit dem Taschentuch, läßt die Hände auf die Armlehnen sinken und bewegt sich nicht mehr. Obwohl das unmittelbar Politische schon lange ins Affirmative gekippt ist, bleibt ein Stück wie „Die Maßnahme“ insofern interessant, weil es die Verheerungen des Stalinismus wie auch die Möglichkeiten der Propaganda zeigt, wenn man es in der Inszenierung zuspitzt. Jener Klassenkampf, der einst bitter notwendig war. Nur näherte sich der Prolet im Gang des Kampfes der Sozialdemokratie an. Auch der Haß gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge und der verzerrte Zug gerinnt als das Gesicht des Feindes und die, die den Boden für Freundlichkeit bereiten wollten, konnten selbst nicht freundlich sein. Tücke der Geschichte. Vielleicht aber haben gegenüber dem unmittelbar Engagierten „Vorwärts -nieder“ solche Zeilen Bestand, die ins Grundsätzliche gehen, sozusagen historischer Ontologismus mit liquider Tendenz

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht ans Lehrgedicht. Wirken solche politischen Parabeln heute noch? Und vor allem: bestehen sie in ihrer Konstruktion? Der politische Brecht ist genau in den Passagen gut, wo er den historischen Materialismus nicht bloß vulgär nimmt – Adorno hielt ihm dieses Simplifizieren des Komplexen vor; insbesondere in seiner Kritik an Benjamins Baudelaire-Text warnte er davor, das Basis-Überbau-Phänomen unidirektional einfach zu fassen. Denn der Weltgeist ist ein Trickser. Das eben ist die „List der Vernunft“. Brecht ist dort gut und wirkt ästhetisch, wo er im epischen Theater unsere Rezeptionsweisen befragt, wo er unsere Auffassungen erschüttert und die Art, wie wir Welt wahrnehmen, bei den Hörnern packt: Als Schock. Was freilich nicht bloß auf die Seite der Wirkung zu buchen ist, sondern zunächst als ästhetische Konstruktion und als Arbeit am Material im Text selbst auszuloten ist.

Alle jene Theater-Inszenierungen, bis heute hin, die postmodernistisch die vierte Wand aufbrechen, – sei das als Publikumsbeschimpfung oder in anderen Varianten des Bezugs -sind insofern Ahnen von Brecht, als sie mit einer Verfremdung arbeiten, die den Zuschauer direkt anspricht. Insbesondere ist Frank Castorf Brechts großer Erbe. Er allerdings brach diese Wand manchmal bloß durch ganz simple, aber geniale Effekte: der Einsatz von Kartoffelsalat genügte, und eine Rutschbühne mit Gleitgel reichte aus, was Zurufe provozierte. Oder gedehntes Sprechen, daß es die Zuschauer veranlasste, in den Saal zu rufen, wann dieses Zeitgeschiebe endlich aufhöre. So in „Die Frau vom Meer“, in der Szene als Hauslehrer Arnholm der Bolette einen Heiratsantrag machte. Was in fünf Minuten gesagt und getan wäre, zog sich eine halbe Stunde.

Brecht scheitert an den Stellen, wie schon Schiller, wo das Theater ins Lehrstück kippt und als Anstalt zur moralischen Erziehung wertvolle Arbeit leisten soll. Historisch mag diese „Prosa des Lebens“ (Hegel) notwendig gewesen sein, und sie ist wieder und wieder nötig: Agitation und „Auf, auf, zum Kampf“. Zumal der Klassenfeind immer noch die Markierungen setzt. Nur das historische Subjekt ist den Dagebliebenen – nicht erst im Akt (post)strukturaler Subjekdekonstruktion und als Anti-Descartesismus – verloren gegangen. In der Romantik von Schubert kam dem Subjekt immerhin nur die Welt abhanden, was als Einstieg für Kritik seinerzeit gut taugte. Für das freilich, was wir den autonomen Kern des Kunstwerkes nennen, für das Gesetz seines Gemachtseins richtete dieses Engagement samt politischer Parole Schaden an. Das reicht bis heute, wo es zu sehr agitpropt. Doch Brecht schrieb auch solche Zeilen, die ironisch ins Mark treffen: für uns Großstadtbewohner, im harten Ich-Ton, und wie das Gewirr und die Annehmlichkeiten der Großstadt mit der Kühle der Modernen nachhallen. Birth of the cool:

Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern.
Meine Mutter trug mich in die Städte hinein
Als ich in ihrem Leib lag. Und die Kälte der Wälder
Wird in mir bis zu meinem Absterben sein.

In der Asphaltstadt bin ich daheim. Von allem Anfang
Versehen mit jedem Sterbsakrament:
Mit Zeitungen. Und Tabak. Und Branntwein.
Mißtrauisch und faul und zufrieden am End.

Solche Brecht-Texte funktionieren. Vor allem in ihrer gesungenen Version, also als Lied, weil Rhythmus, Klang und Ton die Lyrik zuspitzen. Auch solche zur Gattung der engagierten Poesie zu rechnenden Stücke wie die „Lied von der belebenden Wirkung des Geldes“ halten und bleiben. Noch im Lauf der Zeit, was aber bedeutet, daß sie ins Refugium des Klassikers rutschen, sich entschärfen zum behäbigen Vortragsabend mit Stimmung, wenn man den Gehalt nicht reaktualisiert. Brecht ist immer wieder neu zu singen – das ist die Herausforderung. Mann bleibt Mann oder von der belebenden Wirkung des Geldes:

Bei mir aber bleibt es dabei, die „Erinnerung an die Marie A“ gehört zu den schönen Gedichten, die das Phänomen „Zeit“ ins private Moment setzen und die Bedeutung von Natur mit dazu. Wie sich ein Augenblick an einen Fetzen Himmel zu knüpfen mag, eine Wolke, die im nächsten Moment schon schwindet, wie all die schönen Augenblicke. Vielleicht vor dem Schinkel-Casino am Jungfernsee, abends beim verbotenen Picknick auf der Wiese. Mit dem Blick durch die Pergola, hinüber auf die Heilandskirche am Port von Sacrow, wo im Jungerfensee die Sonne absinkt. [– auch interessant: Brecht und die Kirche]:

Dann in Kutten Schritten zwei
Trugen ’ne Monstranz vorbei.
Wurd die Kutte hochgerafft
Sah hervor ein Stiefelschaft.

Doch dem Kreuz dort auf dem Laken
Fehlen heute ein paar Haken
Da man mit den Zeiten lebt
Sind die Haken überklebt.

Brauchbar bleibt Brecht auch heute angesichts von Gaucklern und was derer mehr ist. Ich aber will wieder zurück ins Private und in den Reflexionspalast meines Grandhotel Abgrund: „Erinnerung an die Marie A“. Das Private ist politisch. (Manchmal. Eine Frau zu vergessen, käme mir nicht in den Sinn.)

Eine Kunst als Verweigerung: Pin-Up und Shoah – Boris Lurie im Jüdischen Museum (1)

Als Adolf Eichmann von einem israelischen Wächter Nabokovs „Lolita“ zur Lektüre erhielt, soll er nach zwei Tagen dieses Buch mit dem Satz zurückgegeben haben, es handele sich um ein krankes, schädliches Machwerk. Was als obszön gewertet wird, hängt von der Blickrichtung ab. Wer auf einer Bildfläche neben aufgehäuften Leichenbergen oder befreiten Häftlingen aus einem Konzentrationslager Pin-Ups collagiert sieht, wird womöglich angewidert seinen Blick abwenden, weil solche Zusammenstellung (scheinbar) geschmacklos ist. Frauen mit ihren Kurven und Rundungen, aus Porno-Magazinen geschnitten, und Photos von dürre Leichenkörpern, aus Illustrierten herausgetrennt. Eine Simultandarstellung, Ungleichzeitiges in der Gleichzeitigkeit – nicht anders als auf einem mittelalterlichen Tafelbild. Der Ort, wo sich diese Körper begegnen, ist die Fläche des Bildes. Das Tertium comparationis ist das nackte, rohe Fleisch, das sich dem Betrachter darbietet. Nur wurde dieses Fleisch bei Lurie durch die Geschichte gewalkt und entsprechend dekomponiert. Auseinander geschnitten und durch einen Akt der Verschiebung und Verdichtung auf der Fläche neu gefügt. Man könnte es Verdinglichung nennen. Oder aber die Objektivität des Fleisches, das in Zeitungen, Photographien, Bildern und Filmszenen um die Welt kreist. Das Tertium comparationis ist damit auch das Mediale, das uns dem Strom an Bildern aussetzt.

Das Jahr 1945 bedeutete einen Einschnitt für die Welt, nicht nur in den Fragen einer sich aufsteigernden (Kriegs-)Technik: ein Riß zog sich in der Geschichte, ein Bruch, so etwas wie eine Kluft sprang auf. Kultur jedoch tat in ihrer Betriebsamkeit so, als ließe sich weitermachen wie bisher: ein paar Jaspersche Bußübungen sollten genug sein, um dann fortzufahren. Philosophen wie Adorno registrierten nicht nur seismographisch diesen „Jargon der Eigentlichkeit“, der sich im negativen Ergriffensein niederschlug, sondern ebenfalls analysierten sie mit den Augen der Kritik, daß es sich bei solchen Restituierungen schlicht um eine Lüge oder zumindest um Verdrängung handelte. Die Kluft kittete sich nicht. Wie läßt sich nach 1945 in der Kunst weitermachen? Bilder nach Auschwitz? – so fragen auch heute noch Kunsthistoriker wie Didi-Huberman seinem Buch „Bilder trotz allem“ oder Peter Weibel in einem Vortrag am Jüdischen Museum, der den Titel trägt: „Der Holocaust und das Problem der visuellen Repräsentation“. Geht nach Auschwitz auch Porno oder genauer geschrieben: Porno mit Auschwitz als Kunst?

Boris Lurie wurde 1924 in Leningrad geboren, 1925 siedelte die Familie nach Riga, Luries Mutter, seine Schwester, die Großmutter sowie seine Jugendliebe wurden 1941 beim Massaker von Rumbula in Lettland umgebracht. Die Familie war jüdisch. Deutsche befahlen, Letten mordeten. Sie taten es gerne. Lurie überlebte die KZs Stutthof und Buchenwald sowie das Zwangsarbeiterlager Lena. Sein Vater überlebte ebenfalls. Beide wanderten 1946 in die USA aus.

16_07_27_LX_7_7149In diesem Sinne ist Luries Kunst eine Art bruit. Sie ist von der Vergangenheit getragen, aber ebenso von jenem American Way of Life mit seinen Hollywoodfilmchen und all den Beruhigungsspitzen, den Illustrierten, dem Konsum und vor allem den Massenmedien: das, was sich unter dem Phänomen Pop zusammenfassen läßt. Luries Kunst schreit, sie ist laut, sie ist wild. Manchmal sogar lustig – auf eine sarkastische Weise. Im Stil und der Art des Gestaltens knüpft Lurie an die klassischen Avantgarden an: Expressionismus, Neue Sachlichkeit, Varianten des analytischen Kubismus, wenn er Frauenkörper malerisch zergliedert, etwa in seiner Serie „Dismembered Women“, auch die Collagetechniken des synthetischen Kubismus setzt Lurie als Mittel der Fragmentierung und Dekomposition ein; wie Lurie überhaupt das Prinzip einer an Heartfield orientierten Photomontage nutzt. In einem der Frauengesichter bei den „Dismembered Women“ treten Gesichtszüge hervor, die an Georg Grozs erinnern: so in dem Bild „The Stripper“ (1955), Körperdeformationen spielen auf Fernand Léger an, aber genauso auf die ornamental verformten Frauenbilder Picassos aus seiner Phase der 30er Jahre. In diesem Sinne geben sich die Bilder Luries eklektizistisch; sie greifen Stile und Motive der Kunstgeschichte auf. Aber durch die Art, wie Lurie die Bilder komponiert, stellt sich ein neuer Zusammenhang ein. Lurie dekomponiert Kunstgeschichte.

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Genauso aber ist Luries Kunst in seiner „Methode“ des Collagierens eine Vorwegnahme der Pop Art. Nur als deren spiegelverkehrtes Bild: nicht der Glanz der Warenwelt, sondern das Häßliche, die Verweigerung, die Zerstückelungen zeigen sich in Luries Kunst. Lurie verweigerte sich mit der NO!art komplett dem Kunstbetrieb. So gründete er zusammen mit zwei Freunden die Gruppe March – sicherlich kein Zufall, daß in diesem Namen Schwitters Merz mitklang. In deren March Galerie fanden von 1958 bis 1961 Aktionen, Happenings und Ausstellungen statt, die man als eine Mischung zwischen Dada-Verweigerung, Surrealismus und einer Vorform von ästhetischem Punk begreifen kann. Es gab eine „Doom Show“, eine „Vulgar Show“, eine „Shit show“. Diese Verweigerung gegenüber dem Kunstmarkt ging soweit, daß Lurie es ablehnte, seine Arbeiten auf dem Kunstmarkt zu verkaufen. Sein Geld verdiente er durch Immobilien und Spekulationen an der Börse. „Kunst ist Kunst, Geld ist Geld, Aktien sind Aktien. Die Verschmelzung von Kunst und Geschäft ist Verrat.“ So heißt es bei Lurie. Hintergrund der NO!art ist jedoch ebenso die Erfahrung von Auschwitz und eine spezifische Form von Kunst, die sich Jew Art“ (nicht Jewisch) nennt. Der Judenstern, das Schild Davids taucht in Luries Bildern systematisch auf. Mal als mittel drastischer Provokation, als Referenz, aber auch als Zeichen von Herkunft, verfranst manchmal mit dem Phänomen Pop, das ebenfalls Identitätsbezeugungen leistet und Symbole ausbildet. Ikonen eben. Lurie nimmt sie beim Wort und bettet sie gleichzeitig in andere Kontexte.

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Ganz unmittelbar reagiert Lurie auf den durchaus auch affirmativen Zug der Pop Art in Warhols Kunst. Während Warhol 1964 seine Brillo-Boxen ausstellte und mit „Campbell’s Box“ weitere Produkte der Warenwelt des Supermarktes in den Rang der Kunst erhob, fertigte Lurie 1964 seine „Suitcases“, versehen mit Kitschsprüchen wie „I love you“, mit Slogans wie „Anti-Pop“ oder einem Hakenkreuz und jener Photographie der Kriegsreporterin Margaret Bourke-White vom befreiten KZ Buchenwald. Die „Immigrant’s NO!box“ stammt aus dem Jahr 1963. In seiner Collage „Salad“ (1962), die wie al Fresco gemalt scheint – wunderschön möchte man in dieser Anmutung fast ausrufen, wäre dieser Spruch vor einem solchen Bild nicht verfehlt –, sehen wir eine Ketchup-Flasche. Nebeneinander und Mixtur, im Zentrum des Bildes

16_07_27_LX_7_7134Neben dem NS-Dekor Hakenkreuz, das Lurie so plakativ zum Einsatz bringt, wie es sich für dieses Zeichen als angemessen erweist, ist bei ihm die Verbindung von NS-Vernichtungsmaschinerie und Pornographie augenfällig. Mochten in der „Love Series“ und bei den „Dismembered Women“ noch rein sexuelle Obsessionen eine Rolle spielen – so in dem wunderbaren Bild „Bound On Red Background“ (1962) – transformiert sich dieses Moment geschundenen Körpers im Prozeß des Malens. Die Frauenbilder wuchern auf den Collageflächen, vermehren sich, wie vormals der Körper sich ausstülpte und deformierte, gruppieren sich mit Photos von befreiten KZ-Häftlingen oder aber einem Leichenberg entsteigt ein Pin-Up-Girl. Im medialen Diskurs wirkt eins so gut wie das andere, nur die Chuzpe, beides zusammenzubringen, hatte bisher keine Zeitung. Lurie schneidet Frauenphotos aus den Illustrierten oder aus einschlägigen Magazinen. Ebenso die KZ-Bilder. Logik des Traumas, eine Freifläches des Unbewußten mag man es ebenfalls nennen. Wir schauen auf die Verdinglichung des Körpers. Luries Obsessionen. Aber pornographische Bilder sind immer beides: Dinghaft und aufgeladener Fetisch: individuell lustbesetzt, in ihnen manifestiert sich erotische Phantasie. Insofern gibt es in Luries Bildern ebenfalls eine Erotomanie, bei Lurie heißt es in einem Interview: „Wie konnte ich jemals alle Mädchen in einem einzigen Bild malen?“ Der empirische Charakter verflüchtigt sich zugunsten eines Intelligiblen. Zum Schock mochte es im Angesicht solcher Korrespondenzen damals gekommen sein.

Eine großartige Ausstellung, die im Jüdischen Museum noch bis zum 31.7. läuft. Reizvoll ist der Wechsel der Stile, ebenso aber diese Mischung aus reiner Abstraktion, Ausdruck, Erotik und Grauen. Die Ausstellung spiegelt Geschichtsphilosophie im Medium der bildenden Kunst. Wer in Berlin weilt, sollte sich das nicht entgehen lassen: nur noch drei Tage. Stundenlang kann man vor diesen Bildern hocken und immer neue Bezüge, Szenen und Verknüpfungen entdecken. Die Bilder sind gut gehängt, der schwarze Hintergrund in einem der Räume stärkt die absurde Leuchtkraft dieser Bilder und selbst eines der feinsten Bilder in s/w-Manier „Pin Up (Body)“ von 1963, ein Photo-Siebdruck mit Acryl, wirkt in der Weise, wie es dieser neuen Art des Portraitierens angemessen ist.

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Wer sich über Luries Bilder empört und sie für obszön oder anmaßend hält, der sollte sich allerdings fragen, ob nicht ebenfalls jene kulturindustriellen Produktionen, die sich in Serien wie Holocaust oder in einem Film wie Schindlers Liste manifestieren, genauso unangebracht und obszön sind, vielleicht sogar angesichts der leichte Konsumierbarkeit des Leidens und des gut handhabbaren und entlastenden Umgangs noch ein Stück weit abgebrühter als die Collagen Luries. Freilich berührt das nicht die Frage, wieweit überhaupt von der Shoah ein Bild existieren kann. Die rein faktischen Berge der Leichen zeigen nichts als Faktisches: Berge von Leichen als Produkt von Kultur. Was sich im Herzen des Vernichtungslagers zutrug: davon existieren nur wenige Bilder. Eher schon reichen da Anselm Kiefers Bleikammern und die Aschereste heran. Lurie fügt diesen Abstraktionen das seinige hinzu.

„Meine Sympathie ist mit der Maus, doch ich füttere die Katze“ (Boris Lurie, 2001)

Keine Kompromisse. Die Kunst des Boris Lurie, (hrsg. v. Jüdisches Museum), Kerber Verlag, im Museumsshop: 29, EUR, im Handel: 36,– EUR, 176 Seiten, 196 farbige und 10 s/w Abbildungen, ISBN 978-3-7356-0195-7

Who’s Afraid of Red, Yellow and Blue? Eine alte, alerte Dame oder ein Kreuzworträtselkunstmord

„Vor jedem Kunstgenuß stehe die Warnung: Das Publikum wird ersucht, die ausgestellten Gegenstände nur anzusehen, nicht zu begreifen.“
(Karl Kraus)

Fülle die freien Felder aus! Diese Aktion einer klugen Frau von 91 Jahren ist so das beste, was ich in letzter Zeit zu Theorie und Praxis spätmoderner Kunst gehört habe. Die Dame vermochte zu lesen, und sie nahm die Kunst in ihrem appellativen Charakter wahr. In diesem Sinne ist das Sich-Verhalten zur Kunst nicht nur Rezeption, sondern selbst ein Stückchen Fluxus, wenn nicht sogar Konzeptkunst samt Sprachphilosophie – Aktivität mithin: Eine Frau fängt in einem eher kleinen, unbedeutenden und daher vermutlich schlecht bewachten Museum an, ein Kunstwerk, das sich in Gestalt eines Kreuzworträtsels darbietet, zu komplettieren, weil der Künstler schrieb: „Insert words!“. So wurde ein doch recht starres Ding wie das Gemälde des Fluxus-Künstlers Arthur Köpcke in den Raum ästhetischer Kommunikation eingeholt. Traum jeden Künstlers und eigentlich auch jedes Museumspädagogen. Das ist der entscheidende Satz aus der „Süddeutschen Zeitung“, den jene Dame sagte:

„Wenn da kein Schild stehe, dass der Bitte des Künstlers nicht Folge zu leisten sei, man im Gegenteil unter keinen Umständen Folge leisten dürfe, so dürfe man sich nicht wundern, wenn im Besucher der Beschluss reife: Gut, mach ich.“

Eine Frau nimmt ein Museum wörtlich: Kunst ist Handlung, am Anfang war die Tat, Kunst hat Aufforderungscharakter und lädt zur Interaktion ein, soll die passiven Sinne aktiv machen: Werdet rebellisch! Unter diesem Konzept trat ein Teil der Klassischen Avantgarden an. So gelangte Kunst aus ihrem Käfig der Autonomie, hin zur Souveränität. Und die, die dafür plädieren, daß Kunst und Leben korrespondieren, stehen mit offenem Mund da und sind irritiert. Für meine Ästhetik der Verstiegenheit ein feines Fundstück.

Umstandslos akzeptieren wir die Trennung zwischen dem Museum als Ort des Gravitätischen, und der modernen Kunst samt dem Künstlersubjektgenie als Raum der Exaltiertheit, wie sie die inzwischen museumsreifen Dadaisten, Beuys oder Jonathan Meese betreiben. Weihestätte des Betrachtens wie des Kontemplativen konkurrieren mit dem Überborden der Phantasie als genialer Tathandlung – aus gutem Grunde nannte Alban Nikolai Herbst im Roman „Meere“ seinen exaltierten, lebensgierigen Künstler Fichte: das sich und Welt setzende Ich, auch in Ekstase: Grenzen reißen. Wildheit im Tun und inneres Afrika entkolonialisieren. Das Atelier als Heterotopie.

Sobald jedoch das aktionistische Moment ins Museum selbst, in die heiligen Hallen einzieht, ohne daß es sich um eine institutionalisierte Performance handelt, und wenn jemand die Regeln des Ortes bricht oder wie in diesem Falle unterläuft, indem eine alte, alerte Dame eine Aufschrift buchstäblich nimmt, kommen wir ins Nachdenken oder ins Lachen. So gerät auch dieses Schiff ins Schlingern und selbst das Museum wird zum heterotopischen Ort.

Für diese Entgrenzungen eignet sich insbesondere die Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg gut. Das ist ihre Stärke und ist zugleich ihre Schwäche. Gehlen kritisierte an der ungegenständlichen Kunst ihre Interpretationsbedürftigkeit. Aber auch Gegenständliches läßt viele ratlos. Wir können, wenn wir im System Kunst nicht gut institutionalisiert sind, Fettecken, Honigpumpen oder ein benutztes Bett nicht immer von einem Alltagsgegenstand unterscheiden. Das zerknüllte Taschentuch neben Tracy Emins Lotterbett könnte genausogut von einem Besucher stammen, der es absichtsvoll dazu drapierte, und ein Fleck auf dem Boden kann vom Künstler gewollt sein oder aber ein unliebsamer Abdruck. Eine Frage des Betrachtens und des Interpretationskonstruktes, das ich um einen Fleck oder ein Stück Papier aufbaue. Nicht immer leicht zu trennen. Daher die Inflation der immer gerne gebrachten Redewendung „Ist das Kunst oder kann das weg?“, die diese Hilflosigkeit angesichts moderner Kunst auf den Punkt bringt.

Anders verhält es sich bei jenen Werken, die wir den klassischen Epochen vor dem 20. Jahrhundert zurechnen. Bei Monets Seerosenbildern in der „Orangerie“ kämen nur wenige auf die Idee, den Lichteinfall noch ein wenig feiner zu tupfen oder sich zu irgend etwas aufgefordert zu fühlen, und nur Provokateuren fiele ein, der Gioconda einen Schnurbart zu malen. Insofern sind der Interaktion mit Kunstwerken am Ende doch enge Grenzen gesetzt. Sich jedoch einzubilden, ein klassisches Werk besser verstehen zu können als ein spätmodernes, weil es vermeintlich „realistischer“ scheint, ist Illusion. Die Komplexität eines Breughel, Cranach oder El Greco erschließt sich dem ungeübten Blick genausowenig wie eine Beuysche Fettecke. Kunst ist Arbeit. Aber eine lustvolle, die mit Kopf und Phantasie zu tun hat. In Nürnberg wurde beides eingesetzt.