Zum christlich-jüdischen Abendland. Sowie ein kurzer Blick auf den Briefwechsel zwischen Adorno und Gershom Scholem

Es gibt von zwei Seiten ausgehend eine mehr als problematische Anlehnung ans Judentum: Einmal von der islamophoben Front her, jener Achse der Guten, die beständig von den ewigen christlich-jüdischen und westlichen Werten salbadert, um damit das andere Element auszusondern, während deren Vorfahren nicht müde wurden, eben jene Juden samt ihrer Lebensweise, ihrer Kultur und Religion auszurotten. Auf der anderen Seite findet sich eine eigentümliche Form des politischen, ästhetischen oder philosophisch motivierten Philosemitismus, der eher von der politischen Linken kommt. Sozusagen das Bedürfnis, eine Schuld abzutragen, die die Vorfahren dieser Menschen auf sich luden. Nun grinst der Ostjude in den Karikaturen nicht mehr breit, feist und widerlich mit Hakennase und großen Ohren, wie in der faschistischen Propaganda, sondern es lächelt in der Imago der Rabbiner sanft und fein.

Während das Judentum, das sich für die erste Position wesentlich im Staat Israel manifestiert, für deren Propaganda lediglich als beliebige Spielmarke fungiert – meist mit vollständiger Unkenntnis jüdischen Lebens und deren Lebenswirklichkeiten behaftet –, dient das Judentum insbesondere der zweiten Partei als eine Projektionsfläche eigener Sehnsüchte und Regungen. Das und insbesondere die Haltung des „Nie wieder!“ ist mir einerseits nicht unsympathisch, führt aber in dieser unidirektionalen Sicht zu Problemen und Ausgrenzungen anderer Art. Sofern diese Haltung zugleich nicht kritisch sich reflektiert, wird sie problematisch und vereinnahmend. Der Nicht-Jude ist nun einmal kein Jude – da kann er anstellen, was er will. Im Juden manifestiert sich in dieser Sicht das Andere.

Dieses Anders-Sein erwirkt aber wiederum Zuschreiben und Fixierungen: gleichsam ein ontologisch-anthropologisches Paradigma. Zwischen diesen Positionen changierend: Der Staat Israel. Da gerät dann innerhalb dieser mehr als komplexen Dimensionen manches durcheinander, und die Kritik an den Repressionen des Staates Israel gegen Araber/Palästinenser wird allzu flugs und leichtfertig als Antisemitismus gedeutet. Derart werden die Kategorien und Begrifflichkeiten verwechselt und Differenzen innerhalb eines komplexen Feldes unterschiedslos gemacht. Antisemitisch ist eine Kritik an Israel dann, wenn das, was Israel mit den Palästinensern macht, als intrinsische Eigenschaften der Juden gedeutet wird. Aber was Israel politisch veranstaltet, ist nicht typisch jüdisch, sondern es handelt sich um Machtausübung eines Staates. Leider ist jener Antisemitismus nicht nur in der BRD wirksam und virulent.

Zum deutsch-jüdischen Dialog in den 60er Jahren in der BRD schrieb Adorno in seinem Briefwechsel mit Gershom Scholem am 22. Juni 1965 von Frankfurt am Main nach Jerusalem:

 „Schon wenn man ein Wort wie jüdisch-deutsches Gespräch hört nach dem Geschehenen, kann es einem übel werden, und es ist die einfache Wahrheit, daß es ein solches Gespräch nie gegeben hat, und daß die sogenannten größten Deutschen wie Kant und Goethe Dinge geschrieben haben, die sich nun doch ausnehmen wie die Scheite, welche das alte Weiblein zum Scheiterhaufen des Hus herbeischleppte. Es ist von einer wahrhaft abgründigen Ironie, daß die Teilnahme am Judentum qua Judentum, und nicht etwa an einzelnen jüdischen Figuren, erst jetzt in Deutschland sich stärker ausprägte, nachdem es dort keine Juden mehr gibt.“ (Th. W. Adorno/Gershom Scholem: Briefwechsel 1939 – 1969)

 Dieser Briefwechsel zwischen Adorno und dem Judaisten Gershom Scholem (geboren als Gerhard Scholem), der 1923 aus Deutschland nach Palästina übersiedelte, um dort als Jude leben und lehren zu können, bietet interessante Einblicke in eine besondere Form des „deutsch“-jüdischen Dialogs, der von Frankfurt und Jerusalem her geführt wurde. Adornos Philosophie läßt sich nur bedingt auf das Judentum zurückführen – anders als die Philosophie Walter Benjamins. Motive jüdischen Denkens wird man bei Adorno nur über Umwege eruieren können. Allenfalls über den Begriff des Messianischen, wie er ihn etwa am Ende seiner „Minima Moralia“ verwendet und wie er in einigen Motiven in den „Meditationen zur Metaphysik“ anklingt. Diese unterschiedlichen Perspektiven, die dennoch nahe beieinander liegen, insbesondere über den Begriff der Negativen Dialektik und des Nichtidentischen bei Adorno und den Erforschungen jüdischer Mystik sowie der Kabbala bei Scholem, geben ein Bild zweier kritischer Intellektueller. Untergründige Folie ihres Schreibens bleibt das faschistische Deutschland sowie eine restaurative BRD. Ebenso aber die Fragen der Philosophie. Scholem wie auch Adorno tauschen sich über ihre philosophischen bzw.. judaistischen Projekte aus; zudem liefert dieser Briefwechsel Zeugnis von den Bemühungen, eine erste Ausgabe der Schriften Walter Benjamins in der BRD erscheinen zu lassen. Ohne die Anstrengungen Adornos und Horkheimers sowie die Arbeit von Scholem wäre die Philosophie Walter Benjamins in der BRD in Vergessenheit geraten oder zumindest doch wesentlich später erst „entdeckt“ worden. Soviel als knapper Abstecher zum deutsch-jüdischen „Dialog“.

Literaturkritik oder der Eigensinn von Kunst (2). Against Interpretation?

„In dem Maße aber, in dem die philosophischen und die literarischen Werke, Kunstwerke überhaupt, für den Markt hergestellt und durch ihn vermittelt werden, ähneln sich diese Kulturgüter jener Art Information an: als Waren werden sie im Prinzip allgemein zugänglich. Sie bleiben nicht länger Bestandteile der Repräsentation kirchlicher wie höfischer Öffentlichkeit; genau das ist mit dem Verlust ihrer Aura, mit der Profanierung ihres einst sakramentalen Charakters gemeint. Die Privatleute, denen das Werk als Ware zugänglich wird, profanieren es, indem sie autonom, auf dem Wege der rationellen Verständigung untereinander, seinen Sinn suchen, bereden und damit aussprechen müssen, was eben in der Unausgesprochenheit solange autoritative Kraft hatte entfalten können.“(J. Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit)

Kritik und Kunst sind Schlüsselbegriffe der Moderne – aufeinander verwiesen, und das eine nicht ohne das andere zu haben, nachdem sich die Kunst von ihrer Zweckgebundenheit, vom Sakralen sowie vom Handwerklichen löste; von dem Punkt an als sie nicht mehr nur im Dienste von Fürsten und Kirche stand und in diesem Rahmen mehr oder minder deutungslos ins Korsett gezwängt repräsentierte, sondern Autonomie ausbildete. Wobei andererseits auch diese Autonomie in einem Kontext steht und damit im bürgerlichen Paradigma wiederum als zweckgebunden sich erweist. Zumindest jedoch verschob sich spätestens im ausgehenden 18. Jahrhundert, dem Beginn jener Sattelzeit, die Funktion der Kunst. So stand das Werk für sich, und es bedurfte einer Instanz, um das, was sich als Literatur zeigte und auf den Markt trat, zu sichten und dem Bürger (oder der lesenden Bürgerin) einsichtig zu machen. Die Geburt der Kunstkritik aus dem Geist des Salonsessels, um in Assonanz an jenen Nietzsche-Titel diesen in endloser Phrase und Paraphrase ein weiteres Mal zu variieren. Das bürgerliche Zeitalter als Motor einer Lesekultur, die als Instanz ebenso und notwendig die Literaturkritik etablierte.

„Der bedeutsamste Raum im vornehmen bürgerlichen Hause wird dagegen einem ganz neuen Gemach zugeteilt … Der Salon dient aber auch nicht dem ‚Hause‘, sondern der Gesellschaft; und diese Gesellschaft des Salons ist weit entfernt, gleichbedeutend zu sein mit dem engen, festgeschlossenen Kreis der Freunde des Hauses.“ So zitiert Habermas W.H. Riehl, Die Familie und fährt fort: „Die Linie zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit geht mitten durchs Haus. Die Privatleute treten aus der Intimität des Wohnzimmers in die Öffentlichkeit des Salons hinaus; aber eine ist streng auf die andere bezogen.“ (Habermas, Strukturwandel der Öffentlichkeit)

Als notwendig erwies sich für die erstarkende bürgerliche Öffentlichkeit samt ihrem Ideal von Bildung diese neue Art der Kritik auch deshalb, weil ein Werk nicht mehr nach den strengen Regeln eine verbindlichen Poetik konstruiert zu sein hatte, sondern vielmehr traten andere Kriterien wie die künstlerische Freiheit, ein Sujet so oder anders zu gestalten, die Ende des 18. Jhds im Begriff des Genies terminierte, oder binnenästhetische Aspekte wie die Beziehung von Form und Inhalt in den Vordergrund. Diese „Offenheit des Kunstwerkes“ führte notwendigerweise dazu, daß das Bedürfnis nach Deutung anwuchs. Was dann in der Kunst der Modernen des 20. Jahrhunderts zu der These führte, daß ein Kunstwerk – da von seiner Konstitution in Abstraktheit meist unverständlich – unweigerlich auf Interpretation angewiesen sei. So traten einerseits die Theorie als Werkerklärer (am pointiertesten sicherlich in den hermeneutischen Methodenlehren) und die Kritik der Feuilletons als Kunstvermittler auf den Plan. Doch zeigten sich die Schwierigkeiten frei operierender Kunst, nach eigenem Gesetz nun angetreten, bereits viel früher.

Ein prominentes Beispiel für eine allgemeine Kunstkritik jenseits der Regelpoetik in den Anfängen jener bürgerlichen Epoche findet sich in Lessings „Laokoon“ aus dem Jahr 1766, deren Untertitel lautete: „Über die Grenzen der Malerei und Poesie“. Darin fragt Lessing nach der Eigenart des Poetischen und wie dieses in seiner Verfahrensweise insbesondere im Hinblick darauf, wie das Schöne darzustellen sei, von der bildenden Kunst sich abgrenzt.

Zwar terminieren Lessings Ausführungen wiederum in eine Art von Regelpoetik, insofern er Bestimmungen der Kunst liefert, wie ein Dichter im Unterschied zu einem Bildhauer vorzugehen habe. Doch gründen sich diese Kriterien nicht auf einer bloßen Abstraktion, in der – gleichsam als ontologische Bestimmung von Kunst – Schmerz und Leid der einzigen und einen Weise gemäß abzubilden seien, sondern Lessing arbeitete – als Schriftsteller und Dramatiker, als Künstler eben – ein spezifisches Moment von Kunst heraus. Es ist nämlich der Gegenstand selbst, der in seiner jeweiligen Verfaßtheit dem Künstler das Maß liefert, statt daß abstrakte und der Sache am Ende äußerlich bleibende, gesetzte Regeln den Kanon konstituieren. Das Kunstwerk erlangt binnenästhetisch eine Eigendynamik, darin der Rezipient ebenso eine Stelle zugewiesen bekommt wie auch das Werk selber, welches einerseits als Rätselgestalt, andererseits als zu Deutendes auf eine Sichtung angewiesen ist. Dies eben bringt sowohl Literatur- und Kunstkritik auf den Plan. Wie überhaupt Lessing beide Tätigkeiten in sich band: die des Kritikers wie man etwa in seinen Abhandlungen „Briefe, die neueste Literatur betreffend“ nachlesen kann und die des Dramatikers.

Dieses Spezifische, die Möglichkeiten und Grenzen, wie Künstlerinnen und Künstler Stoff und Material formen, wird für die unterschiedlichen Kunsttheorien als auch für die Praktiken der Kunst des 19. und 20. Jahrhundert einen wesentlichen Maßstab abgeben. In diesen Fragen der Form samt des Inhalts gründet ebenfalls jenes Moment, das ich als Eigensinn der Kunst bezeichnete. Sprache eines Anderen, vom anderen Ort her, autonom, nur dem Gesetz der Form folgend, parteinehmend, realistisch, verrätselt, politisch, symbolisch, impressiv, tragisch, verspielt, harsch, streng, Slang, dialektisch und verdreht, manchmal sogar wunderbar kontraproduktiv, ambivalent, Kauderwelsch aus Kannitverstan, musikalisch, fremd, faszinierend, hermetisch. Ein gleichsam subjektiv-objektives Merkmal des Entzuges, das es (in Kritik und Essay oder aber in der Kunst selber als selbstreferentiellem Bezug) zu bewahren und gleichzeitig einzuholen gilt, dieses Etwas innerhalb von Ästhetik und Rezeption, was sich in der Tradition der Philosophie mit jenem individuum est ineffabile ausdrücken läßt, ohne dabei freilich im Modus des Unbestimmbaren und Vagen entschärft zu werden, und wofür in der wesentlich in Frankreich sich ausbildenden Geschmacksästhetik des ausgehenden 17. Jahrhunderts jene Wendung des „Je ne sais quoi“ stand. Eine Ästhetik nebenbei, die ebenfalls mit der Strenge der Regeln und der Vorschriften brach, nach denen ein Werk gefertigt sein mußte, und ein subjektives Moment sowohl innerhalb der Komposition von Kunst als auch in der stilvollen, formvollendeten Betrachtung von Kunstwerken zu installieren suchte, ohne derart freilich ins Beliebige eines Geschmacks abzugleiten, der seine repressive Toleranz in jenem „De gustibus non disputandum“ findet. Denn in der Kunstbetrachtung, da habe jeder seine Meinung. Kunstrezeption sozusagen als kontemplative Komplexitätsreduktion gesellschaftlicher Wirklichkeit, Kunst als Entlastung von einer immer verhärteter sich gestaltenden gesellschaftlichen Wirklichkeit und um die Widersprüche umso besser ertragen zu können. Kunst als Kompensationsmodus, wie dies, durchaus positiv konnotiert, die Gehlens der Kunstbetrachtung gerne sähen. Ästhetisches Urteilen in einem irgendwie noch auf die Sache gehenden Sinne stört in dieser Selbstimmunisierung des Rezeptionswesen, das sich gerne als ästhetische Erfahrung verkauft, nur. Emphatische Kunst und ihre Kritik machen diese Bescheidung freilich nicht mit. Sie bleiben im Modus des Destruktiven, der Dekonstruktion und des Widerständigen, sie entziehen den Sinn. Das „De gustibus non disputandum“ bildet den ästhetischen Kitt einer deformierten Gesellschaft.

Adorno übertitelte einen seiner Aphorismen in den „Minima Moralia“ prägnant und um der Sache der Kunst willen De gustibus est disputandum:

„Auch wer von der Unvergleichbarkeit der Kunstwerke sich überzeugt hält, wird stets wieder in Debatten sich verwickelt finden, in denen Kunstwerke, und gerade solche des obersten und darum unvergleichlichen Ranges, miteinander verglichen werden und gegeneinander gewertet. Der Einwand, bei solchen Erwägungen, die eigentümlich zwangshaft zustandekommen, handle es sich um Krämerinstinkte, ums Messen mit der Elle, hat meist nur den Sinn, daß solide Bürger, denen die Kunst nie irrational genug sein kann, von den Werken die Besinnung und den Anspruch der Wahrheit fernhalten wollen. Der Zwang zu jenen Überlegungen ist aber in den Kunstwerken selber gelegen. So viel ist wahr, vergleichen lassen sie sich nicht. Aber sie wollen einander vernichten.“

Diese Bewegung gälte es nachzuzeichnen. Susan Sontag formulierte in ihrem Essay „Gegen Interpretation“ – freilich ohne Fragezeichen – die Kritik an einem Lektüreansatz, der das Kunstwerk in den Deutungen erstickt und damit ebenso den Eigensinn eines Kunstwerkes unterm Wust begräbt. Ich wies im ersten Teil dieses Essays darauf hin, inwiefern sich die sogenannten Diskurse des Sekundären an die Stelle des Werkes setzen. Leichtsinnig und sicherlich contrecœur verfällt Sontag damit jedoch dem Reflex amusischer Kunsterschlürfung, den „Anspruch der Wahrheit“ in Kunst preiszugeben. Richtig liegt Sontag zwar in ihrer Intuition darin, wenn sie den Umstand kritisiert, daß der Gehalt eines Kunstwerkes nicht nur verfehlt wird, sondern ebenfalls verloren geht, wenn ein Werk auf den je eigenen Referenzrahmen des Deuters reduziert und dort eingespannt wird, indem der Interpret externen Faktoren in Anschlag bringt oder aber die eigenen Theoriekonstruktionen ins Werk preßt. Ebenso verfehlt eine solche Interpretation das Werk regelmäßig, wenn in der Lektüre die Intention des Autors ermittelt werden soll. Was Dante oder Shakespeare uns als empirische Subjekte sagen wollten, sofern sie uns denn überhaupt etwas sagen wollten und es nicht vielmehr begehrten, daß die Dichtung selber beredt werde, läßt sich sinnvoll kaum ermitteln.

Dieses Gerüst reduktionistischer Theorie mag als Schafott ein jedes Kunstwerk um sein bestes bringen, sofern Text und Theorie sich dem Werk nicht als angemessen erweisen und mindestens genauso gut sind wie die Sache selbst. Dennoch: auch die Sprachlosigkeit vorm Werk ist nicht die Alternative, allenfalls als erster Reflex des Staunens, daß solch Ungeheures ist und nicht vielmehr nichts. Zur Kunst gehören Entdeckerwille, unbändige Phantasie, in der die Gedanken gleiten und schweifen. Diese Wendung bedeutet nicht, dafür zu plädieren, daß Theorie in einem unmittelbaren Sinne ästhetisch wird. Aber trotzdem steht sie in einer direkten Beziehung zu ihrem „Gegenstand“, der kein bloßer Gegenstand und kein Objekt bloßer Reflexion sein möchte.

Sontag schreibt: „Heute geht es darum, daß wir unsere Sinne wiedererlangen. Wir müssen lernen, mehr zu sehen, mehr zu hören und mehr zu fühlen.“ Heute und gegenwärtig muß wohl niemand mehr befürchten, daß ein Kunstwerk in seinen Deutungen von Reflexion oder Akademismus erstickt und erdrückt würde, staubig-trocken, gefühllos und unsinnlich, sondern es ist in der ubiquitär über Kunst quasselnden Gesellschaft genau das Gegenteil der Fall: ein Smalltalk der Bedeutungslosigkeiten, Flauberts „Wörterbuch der Gemeinplätze“ entnommen, beherrscht vielfach das Kunstgespräch. Kuschelfaktor x hoch tausend. Kunst/Literatur dienen in ihren unterschiedlichen Ausprägungen auf Seiten der Rezipienten als Wohlfühlfaktor, und so nähert sich das Kunstobjekt mehr und mehr an den Design-Gegenstand an. Oder aber sie markiert, wie es Bourdieu – freilich überspitzt – formulierte, die Lage einer bestimmten Gruppe oder Klasse, die Kunst benutzen, um Unterscheidungen zu markieren. Trotzdem – ganz so absurd wie es zunächst angesichts einer auf die Sinne geeichten Kunstschau erscheint, ist der Hinweis Sontags nicht. Denn dieser Satz beinhaltet, daß wir extrem genau hinschauen müssen, und nur eine solche intensive Sicht ermöglicht eine Lektüre von Kunst, mithin Kunstkritik, die mehr als bloße Deutung und Einordnung ins Schema sein möchte. Denn bei aller Kritik an der Interpretation schließt Sontag diese eben nicht vollkommen aus, sondern lediglich eine bestimmte Form derselben verfällt ihrem Verdikt.

Diesen Blick aufs Detail und ins Innere des Werkes, auf sein Gemachtsein, seine Anordnungen, den Sinn fürs Sinnliche konterkariert allerdings – so scheint es zunächst – das Eröffnungszitat, mit dem Sontag ihren Essay einleitet: „Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach dem äußeren Erscheinungsbild. Das Geheimnis der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare.“ (Oscar Wilde). So gewitzt Wildes Dialektik der Sinnlichkeit sein mochte, wird er das Sichtbare kaum rein und als solches vor sich haben, sondern es zeigt sich gefiltert, gerastert. Hier das betrachtende Ich, da die Mannigfaltigkeit von Welt oder Werk, die roh daliegt und man brauche sie nur aufzugreifen, bleibt eine Illusion. Der Sinn des Sinnlichen liegt keineswegs im Sinnlichen, sondern an einem ganz anderen Ort. Zudem mag das Sichtbare manches Geheimnis bergen, und es mag das Geheimnis der Welt das Sichtbare sein. Doch genau an diesem Punkt fängt das Unsichtbare an. Ein für alle sichtbares Geheimnis ist eben kein Geheimnis, sondern Evidenz. Insofern scheint auch in Wildes Zitat etwas von der Vertracktheit im Kunstwerk auf. Kunstkritik löst dieses Rätsel und das Geheimnis nicht, sondern potenziert es vielmehr, indem es das Sinnliche des Kunstwerks, das sich als Schein manifestiert und verflüchtigt, Nähe und Ferne in einem, in seinem Spiel einsichtig macht.

„Als konstitutiv aber ist der Rätselcharakter dort zu erkennen, wo er fehlt: Kunstwerke, die der Betrachtung und dem Gedanken ohne Rest aufgehen, sind keine. Rätsel ist dabei keine Allerweltsphrase wie meist das Wort Problem, das ästhetisch nur im strikten Sinn der von der immanenten Zusammensetzung der Werke gestellten Aufgabe zu verwenden wäre. Nicht minder strikt sind die Kunstwerke Rätsel. Sie enthalten potentiell die Lösung, nicht ist sie objektiv gesetzt. Jedes Kunstwerk ist ein Vexierbild, nur derart, daß es beim Vexieren bleibt, bei der prästabilierten Niederlage ihres Betrachters. Das Vexierbild wiederholt im Scherz, was die Kunstwerke im Ernst verüben. Spezifisch ähneln sie jenem darin, daß das von ihnen Versteckte, wie der Poesche Brief, erscheint und durchs Erscheinen sich versteckt.“ (Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie)

Diese Arbeit im Werk nötigt zur ästhetischen Theorie, zum Essay, das sich seinem Gegenüber gewachsen zeigt, ohne es zu ersticken. In diesen Passagen erweist sich Adorno als Schlegelscher Romantiker, dem die Kritik des Werkes genauso viel gilt wie das Kunstwerk. Kunst und Philosophie sind bei Adorno unabdingbar aufeinander verwiesen. Dazu nächstens mehr.

Sensus Communis – Von der „Freiheit zum Objekt“

Man kann das bei einer Literaturbesprechung in einem Blog anders machen als im klassischen Feuilleton oder im wissenschaftlich gedeckten Essay: Mäandern, wildern, unsystematisch ticken und Zitate vertickern. Notate fertigen, denn ein Blog kann Notziheft sein, sofern diese Einträge denn hinreichend geistreich und gut ausfallen und nicht nur der Laune sich schulden – rein kapriziös also auftreten. Notizen: Nicht gerade über Twitter verbreitet zwar, im schnellebigen Medium unserer Zeit. Sondern hier als Text, als Vorankündigung auf Eduardo Halfons jüngst ins Deutsche übersetzten Roman „Der polnische Boxer“. Ich bin zwar kein Freund der freigestellten Zitate, die dann als Thesenpapier unbezüglich, assoziativ eingebracht und ohne Struktur und tieferen Kontext um Blog-Raum herumlungern. In diesem Falle aber scheint es mir gut zu passen, zumal dieser Satz Aspekte und Teile meines Denkens über das Meinen, das Für-wahr-halten und insbesondere des Geschmacksurteils berührt.

 „Ich erklärte, unser einfaches Geschmacksurteil müssten wir um ein feineres Verständnis erweitern, fast immer gefalle uns etwas bloß deshalb nicht, weil wir es nicht verstünden beziehungsweise weil wir uns nicht genügend bemüht hätten, es zu verstehen, und dann sei es natürlich am bequemsten, zu sagen, es habe uns nicht gefallen, und uns damit aus der Affäre zu ziehen. Wir müssen unsere Kriterien schärfen, sagte ich, etwas analysieren und zusammenfassen, das kann man üben, wir dürfen nicht bloß irgendwelche Meinungen von uns geben. Man muss lernen, über die Wörter hinaus zu lesen.“

 Klassisches Motiv auch innerhalb der Literaturkritik: Von der doxa fort und hin zur episteme. Das emphatisch verstandene Geschmacksurteil arbeitet gleichsam subjektiv-objektiv und unterliegt eben dieser Doppelstruktur, auf der Ebene des Subjekts einen ästhetischen Gegenstand, der im besten Falle ein Kunstwerk ist, in eine Konstellation zu bringen, die mehr über dieses Werk sagt als beliebiges Meinen. Der senus communis als Idee eines gemeinschaftlichen Sinnes und beim späten Kant im Feld der Urteilskraft behandelt, bezeichnet zunächst eine Reflexionsbewegung, die nicht mehr nur als gesunder Menschenverstand das für alle Wahrnehmbare in die Benennung und Affirmation bringt, sondern weiter und darüber hinaus ein Vermögen der Vernunft umfaßt, dem objektive Geltung zukommt.

Kant schreibt im § 40 der „Kritik der Urteilskraft“:

„Unter dem sensus communis aber muß man die Idee eines gemeinschaftlichen Sinnes, d.i. eines Beurteilungsvermögens verstehen, welches in seiner Reflexion auf die Vorstellungsart jedes anderen in Gedanken (a priori) Rücksicht nimmt, um gleichsam an die gesamte Menschenvernunft sein Urteil zu halten und dadurch der Illusion zu entgehen, die aus subjektiven Privatbedingungen, welche leicht für objektiv gehalten werden könnten, auf das Urteil nachteiligen Einfluß haben würde. Dieses geschieht nun dadurch, daß man sein Urteil an anderer, nicht sowohl wirkliche als vielmehr bloß mögliche Urteile hält, und sich in die Stelle jedes andern versetzt, indem man bloß von den Beschränkungen, die unserer eigenen Beurteilung zufälligerweise anhängen, abstrahiert: welches wiederum dadurch bewirkt wird, daß man das, was in dem Vorstellungszustande Materie d. i. Empfindung ist, so viel möglich wegläßt, und lediglich auf die formalen Eigentümlichkeiten seiner Vorstellung, oder seines Vorstellungszustandes, acht hat. Nun scheint diese Operation der Reflexion vielleicht allzu künstlich zu sein, um sie dem Vermögen, welches wir den gemeinen Sinn nennen, beizulegen; allein sie sieht auch nur so aus, wenn man sie in abstrakten Formeln ausdrückt; an sich ist nichts natürlicher, als von Reiz und Rührung zu abstrahieren, wenn man ein Urteil sucht, welches zur allgemeinen Regel dienen soll. […] Man könnte den Geschmack durch sensus communis aestheticus, den gemeinen Verstand durch sensus communis logicus bezeichnen.“

 Was wir mit Kant an dieser Stelle vorfinden, ist einerseits eine Weise von (bürgerlicher) Introspektion, gleichsam eine Vorform der modernen Rezeptionsästhetik, die den Inhalt des Urteils an das Subjekt bindet, statt den Gehalt ebenso im Objekt aufzusuchen. Andererseits aber, qua erstarkter Subjektivität, finden wir bei Kant eine Weise des Gemeinsinnes, der die bloßen Beobachtungsdaten übersteigt und – zumindest abstrakt – auf ein Prinzip von ästhetischer Kritik und damit auf Vergesellschaftung und Intersubjektivität verweist, die nur im Raum der Öffentlichkeit ihre Stätte haben kann. Die Möglichkeiten bürgerlicher Öffentlichkeit – zunächst als literarische Salons und Debattierzirkel wie in Weimar und Jena – stehen mit Kant gleichsam an ihrem Beginn, in der kritisch und mit Verve der ästhetische Disput sich eröffnen kann. (Wieweit solche ästhetische Kritik in den Feuilletons mittlerweile verwässert ist, wie dies etwa der Verleger des Verbrecher Verlags Jörg Sundermann  kürzlich in einem Interview feststellte, und was seit langem bereits mein Ceterum censo hier im Blogs ist, steht auf einem anderen Blatt.) In diesem von Kant konzipierten Sinne hat das Moment des Intersubjektiven noch eine aufklärerische Funktion, die es im 20 Jahrhundert weitgehend einbüßte, weil sich lediglich der common sense noch kommunizierte. Das eben, was der gesunde Menschenverstand als für sich begreiflich ausmacht. (Und das ist häufig nicht sehr viel.)

Tückisch freilich bleibt diese Sicht Kants darin, daß in dessen Diktion am Ende dieses Prozesses der ästhetischen Erfahrung ein Rang eingeräumt wird, der das Kunstwerk zur bloßen Akzidenz und zum Reizvermittler herabstuft , wie wir es in manchen Ästhetiken der Spät- und Postmoderne seit den 70er Jahren finden. Denn Anlaß zur subjektiven ästhetischen Erfahrung kann vieles abgeben und bleibt ins (meinende) Belieben des Subjekts gestellt, ohne daß diese Erfahrungen etwas über die Struktur und die Beschaffenheit der Sache verraten. Weshalb aus genau dieser Beliebigkeit des Anlasses heraus in den popkulturellen Diskursen solche Empfindungsästhetiken seit einigen Jahrzehnten Konjunktur haben und gerne gepflegt werden. (Das reicht bis hin zu Lyotards Ästhetik der Intensitäten in den achtziger Jahren. Auf eine interessante Art und mit dialektischen Dreh versucht diese Aporie freilich Diedrich Diederichsen in seinem Buch „Über Pop-Musik“ zu umschiffen oder zumindest benennbar zu machen.) Das Geschmacksurteil bindet sich bei einer radikal verstandenen und konsequent durchgeführten ästhetischen Erfahrung an seinen rein subjektiven Aspekt – womit wir wieder zu unserem Ausgangspunkt, dem Zitat von Halfon, zurückgekehrt sind – und verliert mehr und mehr seinen Doppelcharakter, der zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven einst zu vermitteln trachtete.

Der Unterschied zwischen schönem Design und gelungener Kunst gerät in solcher Reflexion flüssig. Ästhetischer Erfahrung in ihrer rein subjektiven Komponente ist es im Grunde egal, woran sie sich entzündet. Wenn der ans frei flottierende Subjekt gebundene Modus ästhetischer Erfahrung übertourig fährt und zum Kriterium und Ausweis der Sache wird, ist die Sache bereits voll und ganz im Banne des Subjekts. Willkürliche und zupackende Subjektivität. Gepreßt und damit auf ein der Sache fremdes Maß heruntergebrochen, das im Kunstwerk nicht mehr seinen Bezirk hat, sondern in den Erlebniswelten. Was bei Adorno einst die „Freiheit zum Objekt“ hieß, gerät zum sich perpetuierenden Bannfluch verkapselter Subjektivität, eingeschlossen in deren monologischen Solipsismus. Daß Wahrheitsästhetik, wie Anfang der 70er Jahre von Rüdiger Bubner forciert, zugunsten ästhetischer Erfahrung verabschiedet wurde, schneidet auch am Kunstwerk selber ein und verkürzt es auf Reaktionsweisen. Die Tendenz, ästhetische Erfahrung als Modus der Ästhetik zu setzen, finden wir noch bis in die Gegenwart hinein, etwa bei Martin Seels Kontemplationsästhetik.

Natur und Subjekt

„Denn Versöhnung, an der Naturverfallenheit ihr Ende erreicht, ist nicht über Natur als ein schlechthin Anderes, das vermöge seiner Andersheit abermals nur Herrschaft über Natur sein könnte und durch Unterdrückung an ihrem Fluch teilhätte. Was dem Naturstand Einhalt gebietet, ist zu diesem vermittelt, nicht durch ein Drittes zwischen beidem sondern in der Natur selbst. […] Genius ist selber auch Natur. Sein Tod ‚im Ernste des Lebens‘ – das wäre das Erlöschen der Reflexion, und der Kunst mit ihr, im Augenblick, da die Versöhnung aus dem Medium des bloß Geistigen übergeht in die Wirklichkeit. Die metaphysische Passivität als Gehalt der Hölderlinschen Dichtung verschränkt sich wider den Mythos mit der Hoffnung auf eine Realität, in welcher die Menschheit jenes Bannes der eigenen Naturbefangenheit ledig wäre, der in ihrer Vorstellung vom absoluten Geiste sich spiegelte: ‚Denn nicht vermögen / Die Himmlischen alles. Nämlich es reichen / Die Sterblichen eh an den Abgrund. Also wendet es sich, das Echo, / Mit diesen.‘“ (Th. W. Adorno, Parataxis, in: Noten zur Literatur)

 Einen Nachtrag zur Ankündigung von KRS 4 möchte ich noch liefern, ein wenig Altes wieder aufwärmend, nämlich die (von mir verfaßte) Ankündigung zu meinem Hölderlinvortrag, der dann in jener Ausgabe „Kunst Spektakel und Revolution“ erschien, die ich noch einmal zum Kauf empfehle. So also diesmal eine Zweitverwertung als Blogtext. Lehrreich hoffentlich trotzdem.

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Friedrich Hölderlin – der Dichter der Deutschen. Diese Lesart mögen etwa sein Gedicht „Der Ister“, welches den Unterlauf der Donau besingt, oder die Hymne „Der Rhein“ auf einen ersten Blick nahelegen: Hölderlin, der Dichter der Heimat und zugleich des Griechentums. Solche Sicht zeigt sich etwa in Heideggers Hölderlinlektüren. Hölderlin transformiert sich unter diesem Blick in die Innerlichkeit und die lyrische Gestimmtheit. So wird Hölderlin zum Dichter des Seins umfunktionalisiert – und das ist nicht sehr weit entfernt von des Deutschen Michels Schlafmütze. Was bei einer solch reduzierten Sicht jedoch unter den Tisch fällt, ist der Aspekt des Politischen in der Dichtung Hölderlins, denn es gibt auch jenen anderen Hölderlin, und das wird gerne verschwiegen: den Hölderlin, welcher sich für die Französische Revolution und deren Forderungen nach Gleichheit und Freiheit begeisterte. Das Verrätselte seiner Sprache, etwa in den oben genannten Gedichten, mag über den Aspekt des Politischen in seiner Dichtung hinwegtäuschen. Insbesondere während seiner Zeit im Tübinger Stift entstanden jedoch Gedichte, die sich ganz explizit auf diese Revolution bezogen und den Sturz der Tyrannen besangen. Es brach mit der Französischen Revolution, aber auch mit den Umstürzen in der Philosophie – paradigmatisch dafür: die drei Kantischen Kritiken, sowie die Philosophie Fichtes – eine neue Zeit heran. Dieses Neue registrierte Hölderlin hellsichtig und brachte es vermittels der Dichtung in eine sprachliche Gestalt.

Gegen solche reduzierte und entschärfende Lesart Hölderlins, wie sie etwa die hermeneutische Schule oder Heidegger betrieben, soll zunächst Georg Lukács‘ Aufsatz „Hölderlins Hyperion“ in die Lektüre gebracht werden, in welchem gezeigt wird, daß Hölderlins Dichtung und insbesondere sein Roman „Hyperion“ diese Revolution mit den Mitteln poetischen Schreibens in eine Form der Darstellung bringen, in welcher der Gehalt von Begriffen wie Gleichheit und Freiheit entfaltet wird. Im Zuge dessen entwickelt sich die Utopie einer freiheitlich organisierten Gesellschaft in Hölderlins Text jedoch aporetisch, weil das, was ihm in Anlehnung an das Griechentum und die Feste Griechenlands vorschwebt, in Deutschland bzw. dem Flickenteppich der Fürstentümer und Königreiche, nicht einzulösen ist. Erst spätere Dichter wie Shelley konnten, so Lukács, die Sphären von gesellschaftlichem Sein und kritischem Bewußtsein, das praktisch zu werden vermag, vermitteln – etwa in der Figur seines Prometheus. Hölderlins Sprache sucht deshalb die Zuflucht beim Mythos und teils auch im Mystischen, denn ihm stehen nicht die Mittel und Möglichkeiten bereit, den Prozeß der Überwindung bzw. der Aufhebung der feudalen und weiterhin dann der bürgerlichen Gesellschaft in die poetische Reflexion zu bringen. Diese Aporie der Hölderlinschen Dichtung und zugleich ihre Tragweite macht Lukács einsichtig. Die Stoßrichtung von Lukács‘ Lektüre ist eine geschichtsphilosophische Interpretation Hölderlins.

Vor dem Hintergrund dieser geschichtsphilosophischen Perspektivierung möchte ich zu Adornos Hölderlin-Essay „Parataxis“ überleiten (und möglicherweise, sofern die Zeit es zuläßt, auch Peter Szondis Hölderlinstudien streifen), um gleichsam einen Gegenpol zum Text von Lukács zu schaffen. Bedingt ist dieser Bruch und die Verschiebung der Akzente in der Interpretation Hölderlins vor allem durch die geschichtlichen Veränderungen: Konnte Lukács in den 30er Jahren auf ein Proletariat als historisches Subjekt rekurrieren, das Geschichte zu ändern vermag, so ist dies in der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule nicht mehr umstandslos möglich. Im Zeichen von Faschismus, Stalinismus und einem entfesselten Kapitalismus wird das kritische Bewußtsein aufgerieben.

Was Lukács bei Hölderlin geschichtsphilosophisch an die Realität von Gesellschaft bindet, das wird bei Adorno zu einer Reflexion auf die Sprache selbst. Diese Verschiebung in der Hölderlin-Interpretation hin zur Sprache als kritischer Instanz sowie das Verhältnis von Subjekt und Natur gilt es als Prozeß nachzuzeichnen.

Die Aporien und die Ausweichbewegungen Hölderlins hin zu einer schwarz verhängten Utopie sind in der Tat einem materialen und gesellschaftlichen Moment geschuldet, welches sich als Misere in der Geschichte potenzierte, und von der Gegenwart und der Ästhetik Adornos her gedacht, nurmehr im Diskurs des Ästhetischen und in der Reflexion kritischer Philosophie erfahrbar zu machen ist – nicht anders eigentlich als zu Hölderlins Zeit. Allerdings: Im Schatten von Auschwitz und der Möglichkeit der universalen Vernichtung der Menschheit durch den Menschen selbst, wirft sich die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Utopie und von verändernder, eingreifender Praxis überhaupt auf. Im Zusammenhang mit Adorno und insbesondere seinem Satz, daß nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, barbarisch sei, wie er dies in seinem Aufsatz „Kulturkritik und Gesellschaft“ formulierte und später dann in seiner „Negativen Dialektik“ revidierte, möchte ich kurz die Dichtung Paul Celans streifen. Celan selbst bezog sich dabei vielfach auf Hölderlin, insbesondere über jene Form von Sprache, welche an die Grenze ihres Ausdrucks, an die Grenze des Verstummens gerät und zugleich in die Musik übergleitet. Aus dieser Konstellation heraus soll eine Möglichkeit poetischen Sprechens nach Auschwitz bzw. im Zeichen von Katastrophenerfahrungen entfaltet werden.

Und hinter tausend Stäben: Bloß diese eine Welt …

Um einmal wieder das Naturschöne wahrzunehmen und mich daran in dubiosem Sinne zu ergötzen, beschloß ich in den Berliner Zoo zu gehen, um dort dem Treiben der Tiere zuzusehen. Unbeteiligt beobachtend. Und dieses ebenso im photographischen Bild festzuhalten. Adorno, der hier in diesem Blog öfter schon als Referenzrahmen wirkte, war einer der ersten, der für die moderne Ästhetik des 20. Jahrhunderts das Naturschöne als Begriff der Kunst wieder in Anschlag brachte.

„Seit Schelling, dessen Ästhetik Philosophie der Kunst heißt, hat das ästhetische Interesse sich auf die Kunstwerke zentriert. Der Theorie ist das Naturschöne, an das noch die durchdringendsten Bestimmungen der Kritik der Urteilskraft sich hefteten, kaum mehr thematisch. Schwerlich jedoch deshalb, weil es, nach Hegels Lehre, tatsächlich in einem Höheren aufgehoben wäre: es wurde verdrängt. Der Begriff des Naturschönen rührt an eine Wunde, und wenig fehlt, daß man sie mit der Gewalt zusammendenkt, die das Kunstwerk, reines Artefakt, dem Naturwüchsigen schlägt. Ganz und gar von Menschen gemacht, steht es seinem Anschein nach nicht Gemachtem, der Natur, gegenüber. Als pure Antithesen aber sind beide aufeinander verwiesen; Natur auf die Erfahrung einer vermittelten, vergegenständlichten Welt, das Kunstwerk auf Natur, den vermittelten Statthalter von Unmittelbarkeit.“ (Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie)

In Hegels „Vorlesungen über Ästhetik“ kommt das Naturschöne als bloß geistlose, leblose Materie vor: und damit nur bedingt zur Kunst gehörend, eben kein Gegenstand, der im Sinne von Poiesis oder überhaupt der wirkenden Tat von Menschen hervorgebracht wurde. Diese Vorstellung von Natur als Gegenpol der Kunst bzw. dieser – antithetisch gesetzt – nicht zugehörig, blieb lange Zeit die herrschende Vorstellung. Baudelaire etwa galten die künstlichen Paradise viel, die Natur war ihm Moder und Aas, er nahm sie als Grausamkeit, als Vergehen von Zeit und als einziger Fraß des Körpers wahr. Dieses Verhältnis von Natur, Wahrnehmung derselben und der Poetisierung eines Spazierganges als Text (im Text) zeigt sich in Baudelaires Gedicht „Ein Aas“ Der Dichter allein, aber nicht einmal dieser, denn der ist ja ebenso vergänglich, sondern der Text selbst vermag es einzig, die „die Form, den göttlichen Gehalt“ zu erhalten und überhaupt erst zu schaffen. Aufb(ew)ahrungsorte. Texte. Nature morte.

Die Natur als Unheimliches. Erst in der Bearbeitung, im Künstlichen, im Raum der Stadt, der Großstadt des 19. Jahrhunderts sollte sie zu sich selber und damit hinein in ihr ganz anderes gelangen. Lob des Schmucks, „Lob der Schminke“ wie ein Text Baudelaires heißt, Lob des Zierats, des Künstlichen. Die Welt der Großstadt ist eine durch und durch artifizielle, eine Warenwelt. Zu dieser Welt des 19. Jahrhundert gehören ebenso die zoologischen Gärten, die in dieser Zeit ihre Verbreitung auch für eine größere Öffentlichkeit fanden und die dazu dienten, Tiere und auch Menschen aus anderen Erdteilen dem Publikum zur Schau zu stellen. Und zwar nicht mehr bloß zu wissenschaftlichen Zwecken, sondern als warenförmig ausgestellte Exoten.

Weiterhin galt die Natur lange Zeit als kontemplativer Raum des Rückzugs, eher Gegenbild zur Kunst, zur Künstlichkeit, zum Artifiziellen. Erst in den 60er Jahren mit dem Aufkommen der Land Art und als Vorläufer vielleicht in jener Kunst, die sich zunehmend mit den Material selber auseinandersetzt: also mit der Farbe als Farbe, dem Stein als Stein, mithin den fürs Bild verwendeten Stoffen, kam ein erster Begriff davon auf. In den späten 80ern und in den 90ern widerfuhr dann dem Naturschönen eine Art Renaissance – sicherlich wesentlich über den Begriff des Erhabenen, den Lyotard von Kants Naturbetrachtungen her auf die Kunst selber (so z.B. auf die Bilder C.D. Friedrichs und Barnetts Newmans) übertrug.

Nun ist aber der Zoo das direkte Gegenbild zum Naturschönen. Trotzdem geht von den Tieren in der Gefangenschaft ein eigentümlicher Reiz aus, der den Betrachter teils angewidert, teils fasziniert zurückläßt. Die Photographien dieses Rundganges gibt es bei „Proteus Image“ zu sehen.
 
 
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On Populare Culture. Aus E mach U: samt einem Blick auf Diederichsen und Heidegger

Diesen Satz möchte ich denn doch nachreichen, um das gestern Ausgeführte in die richtige Wendung zu bringen:

„‚Leichte‘ Kunst als solche, Zerstreuung, ist keine Verfallsform. Wer sie als Verrat am Ideal reinen Ausdrucks beklagt, hegt Illusionen über die Gesellschaft. Die Reinheit der bürgerlichen Kunst, die sich als Reich der Freiheit im Gegensatz zur materiellen Praxis hypostasierte, war von Anbeginn mit dem Ausschluß der Unterklasse erkauft, deren Sache, der richtigen Allgemeinheit, die Kunst gerade durch die Freiheit von den Zwecken der falschen Allgemeinheit die Treue hält. Ernste Kunst hat jenen sich verweigert, denen Not und Druck des Daseins den Ernst zum Hohn macht und die froh sein müssen, wenn sie die Zeit, die sie nicht am Triebrad stehen, dazu benutzen können, sich treiben zu lassen. Leichte Kunst hat die autonome als Schatten begleitet. Sie ist das gesellschaftlich schlechte Gewissen der ernsten. Was diese auf Grund ihrer gesellschaftlichen Voraussetzungen an Wahrheit verfehlen mußte, gibt jener den Schein sachlichen Rechts. Die Spaltung selbst ist die Wahrheit: sie spricht zumindest die Negativität der Kultur aus, zu der die Sphären sich addieren.“
(Th. W. Adorno/M. Horkheimer, Dialektik der Aufklärung)

mrs-miniver Neben dieses Zitat möchte ich eines aus Diedrich Diederichsens Buch „Über Pop-Musik“ stellen, so wie man überhaupt das Buch von Diederichsen, das mit gelehrigen, klugen, assoziativen und anregenden Thesen und Überlegungen aufwartet und mit profundem (Musik-)Wissen glänzt, im Grunde parallel mit einigen Texten von Adorno lesen müßte – insbesondere dem Kapitel über die Kulturindustrie als auch den zentralen, noch vor der „Dialektik der Aufklärung“ geschriebenen Text „Über den Fetischcharakter der Musik und die Regression des Hörens“, der sich mit Walter Benjamins These von der zerstreuten Rezeption als progressivem Moment einer neuen Kunst, insbesondere des Films, sowie dem Verlust der Aura auseinandersetzt. Ich habe diesen instruktiven Text Adornos bereits an dieser Stelle einmal schon besprochen.

Weiterhin wäre es im Sinne einer (Pop-)Ästhetik (sofern dieser Begriff keine Contradictio in adiecto bedeutet) womöglich tricky, Diederichsens Buch mit Heideggers Kunstwerkaufsatz gegenzulesen: Heidegger – einerseits als eine Wahrheits- andererseits als eine Rezeptionsästhetik gedacht – goes Pop: „Werksein heißt: eine Welt aufstellen.“ Die Bestimmung der Kunst als „Ins-Werk-Setzen der Wahrheit“. Vermutlich eignete einer solchen Lektüre eine gewisse Gewalttat. Aber sie wäre dennoch interessant. Das, was gegensätzlich ist oder erst einmal im Widerspruch steht, zusammenzudenken und beides dennoch in seiner Unterschiedenheit, in seiner Heterogenität bestehen zu lassen: sein zu lassen und ineinander zu lesen und auf den Begriff zu bringen, weshalb mich beide Pole dennoch gleichermaßen interessieren. Das gilt sogar für die Texte von Heidegger und Adorno. Doch nun zu Diederichsen und Adorno. Es ist eine sehr treffende Passage, weil sie das Wesen der Kunst sehr gut bezeichnet und zugleich ihr Verlöschen anzeigt:

„1910 sitzt der kleine Theodor W. Adorno beim vierhändigen Klavierspiel mit Mutter oder Tante und ist glücklich. Proust konstruierte 500 km weiter westlich ein zeitgemäßes Subjekt rund um den – im Grunde äußerst musikalischen – Moment der wiedererkennenden Erinnerung. Er rekonstruiert in großräumiger Genauigkeit die Fülle und den architektonischen Reichtum dieses Subjekts als verfügendes Selbst. Und er durchschreitet die Gesellschaft, die es möglich gemacht hat, deren Verfall aber erst es erlaubte, seine Entstehung als Erinnerung aus dem Zeitfluss herauszunehmen und in kompositorischer Makroform zu präparieren. Komponieren ließe sich allein das schon Untergegangene, dasjenige mithin, dessen Fruchtbarkeit einem in deren Zeit, etwa die Kindheit des Autors, nicht als historische Form erscheint, sondern als produktive Natur. Die Recherche war erst nach dem Untergang möglich, sie ist 1922 zwar das avancierteste Kunstwerk, aber sie spricht von einer vergangenen Welt. Der junge Musiker Adorno hingegen erarbeitet sich das Glück seiner Kindheit nicht nur expressiv, sondern auch in Echtzeit. Er ist nicht nur glücklich, er bringt die Musik, die ihn glücklich macht, selber hervor.

Im Umgang mit geregelt-gebrauchten Zeichen entdeckt er das Unbekannte, weiß sich das also Gefährliche wie das Verheißungsvolle zu erobern. In dieser Nähe zwischen dem Zeichen, dem beherrschten, gekannten, kontrollierten Zeichen und dem Unkontrollierbaren, dem Abenteuer, der Freiheit liegt dieses große Glück, von dem große bürgerliche Kunst immer wieder handelt.“
(D. Diederichsen, Über Pop-Musik, S. 194)

Bei Adorno finden wir diese Momente des erfüllten Glücks, das herzustellen in der Praxis ebenfalls die Aufgabe der Philosophie wäre – und sei es nur als ästhetisches Moment, als eine Weise von Erfahrung, indem ein ästhetisches Subjekt sich konstituierte – in den „Meditationen zur Metaphysik“, in seinem Text über Amorbach oder in dem Aphorismus „Sur l’eau“ in den „Minima Moralia“. Philosophie bedeutet – neben der immanenten Kritik und der Analyse – ebenso, die verschüttete Kindheit freizulegen und deren Glücksmomente als Nicht-Regressives sich wieder anzueignen; den Erfahrungsgehalt der Kindheit, die Erfahrungswelt des Kindes wieder zu mobilisieren, ohne auf die Stufe des Kindes zu regredieren. (Was übrigens ebenso an die drei Verwandlungen des Geistes, am Ende hin zum Kinde, in Nietzsches „Zarathustra“ erinnert.)

Darin, in dieser welterschließenden Verhaltensweise, im Begriff einer unverstellten Erfahrung, die auf den Begriff oder eben ins Werk zu setzen ist, mag sich Philosophie mit der gelungenen Variante des Pop decken, der zumindest in der Geste auf ein ganz Anderes verweist, was nicht von dieser Welt ist. Denn auch das Phänomen des Pop ist schließlich eines, das aufs Ganze geht und in dem es eben nicht nur darum geht, als Experte eine bestimmte Musik zu hören. An solche Musik knüpft sich nämlich ein ganzes Bündel an Nebenaspekte, die am Ende als gar nicht so „neben“ sich erweisen. Trotz des völlig durchkommerzialisieren Charakters der Musik. (Was aber in den Events der Bildenden Kunst oder in anderen Gattungen nicht viel anders ist.) Doch kann solcher Begriff von einer erweiterten (ästhetischen und auch aisthetischen) Erfahrung immer nur eine Art Korrektiv bilden, niemals aber ist ihm bereits die Fülle und die Erfüllung eingeschrieben. In der warenförmig organisierten Gesellschaft, in der verwalteten Welt existiert kein Draußen. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“, wie Adorno nicht nur bezüglich des Wohnens schreibt.

Daily Diary (99) – Singbarer Rest

„Aber die Freiheit in der Wahl der Ideologie, die stets den wirtschaftlichen Zwang zurückstrahlt, erweist sich in allen Sparten als die Freiheit zum Immergleichen. Die Art, in der ein junges Mädchen das obligatorische date annimmt und absolviert, der Tonfall am Telephon und in der vertrautesten Situation, die Wahl der Worte im Gespräch, ja das ganze nach den Ordnungsbegriffen der heruntergekommenen Tiefenpsychologie aufgeteilte Innenleben bezeugt den Versuch, sich selbst zum erfolgsadäquaten Apparat zu machen, der bis in die Triebregungen hinein dem von der Kulturindustrie präsentierten Modell entspricht. Die intimsten Reaktionen der Menschen sind ihnen selbst gegenüber so vollkommen verdinglicht, daß die Idee des ihnen Eigentümlichen nur in äußerster Abstraktheit noch fortbesteht: personality bedeutet ihnen kaum mehr etwas anderes als blendend weiße Zähne und Freiheit von Achselschweiß und Emotionen. Das ist der Triumph der Reklame in der Kulturindustrie, die zwangshafte Mimesis der Konsumenten an die zugleich durchschauten Kulturwaren.“
(Th. W. Adorno, Dialektik der Aufklärung)

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Adorno, Heidegger, Derrida. Philosophie und Denken nach Auschwitz

Ich schrieb es mehrfach schon: Schade ist es, wenn eine ausführliche Antwort auf einen Kommentar, wenn ein Text, angeregt durch einen Kommentar, für nichts und im Nichts, im Strang der Kommentare stranguliert wird, untergeht und schwierig nur auffindbar ist. Das Privileg des Bloggers ist es, eigene Texte und Essays schreiben zu können. Anders als die Kommentatorinnen und Kommentatoren – mögen deren Beiträge zur Philosophie noch so gelungen sein. Am Ende aber, im Fluß der Lektüren und der sich verwebenden Texte gehen im Dickicht der Einträge auch die Blogbeiträge selber verloren. Ein Thema ist tot und abgelebt und wie es im Feuilletongeplauder der Tage so geht, kommt ein neues Thema, dem ich mich schreibend nähere. Doch zurück zu Heidegger. Zu einem Teil antwortet dieser Eintrag einem Kommentar von Viktor. Ja, es gibt diese Irrwege, insbesondere dort, wo sich das Engagement mit der Philosophie paart. Davon wissen einige Philosophen ein Lied zu singen. Und diese Lied hat manchmal viele Strophen.

In der Diskussion um Heidegger und den Nationalsozialismus sind, was Heideggers Biographie betrifft, die wesentlichen Punkte genannt und gesagt, darin gebe ich Viktor Recht. Abzuwarten ist, was Heidegger in jene „Schwarzen Hefte“ schrieb. Es bleibt aber im Gang der Debatten jener Aspekt der Geschichtsphilosophie als eine Art Rest übrig. Zu all dem hier im Blog über die Politik Heideggers Geschriebenen allerdings läßt sich die Perspektive erweitern, indem man in Heideggers Texte (noch einmal, als Rekurs, oder überhaupt erst) einsteigt und darin einerseits einen Aspekt der Philosophie findet, der weitergedacht werden muß und zugleich das Befremdende mitliest, wie in „Wozu Dichter?“ und ebenso in anderen Texten: solche Passagen, die in einer Sprache abgefaßt sind, die das – höflich geschrieben – rechtsaußenkonservative Moment an Heideggers Denken signalisieren. Jener Punkt, an dem Heidegger sein eigenes Denken nicht mehr verstand und in den Blick bekam. Seinsvergessen. Aber diese Lektüre des Textes von Heidegger ist Detailarbeit – im Hinblick auf die Politik Heideggers, jene „Fiktion des Politischen“ stehen die Grundzüge der Diskussion wohl fest. Was ich in Heideggers Text immer wieder lese: Wie sehr das Ontische, das Faktische in die vorgeblich ontologische Dimension hineinspielt. Diesen „Jargon“ stellte Adorno ziemlich klar heraus. Wenngleich er manches an Heideggers Philosophie dann auch wieder unter einer ganz anderen Optik wahrnahm und insofern für Heideggers philosophische Frage nichts übrig hatte. Womit wir beim Aspekt der Geschichtsphilosophie angelangt sind.

Doch dieser Gegensatz Heidegger – Adorno ist zusammenzudenken. Ohne ihn dabei in eins fallen zu lassen und die These zu vertreten, daß sie beide dasselbe sagten, aber bloß auf eine andere Weise. Entscheidend bleibt die Differenz. Trotzdem stelle ich mir die Frage, weshalb ich diese beiden Autoren lese. Und das heißt: sie zusammenzudenke, ohne daß sie in irgendeiner Weise zusammengehören.

Was nun die Subjektlosigkeit anbelangt, so scheint mir der Hinweis auf zwei so unterschiedliche Autoren wie Foucault und Luhmann richtig, denn unter Bezug auf Heidegger – bei Foucault ganz deutlich, bei Luhmann lediglich über ein strukturelles Moment – existiert in ihrer Theorie kein Subjekt als Instanz. Dieses ist entweder – grob geschrieben – Diskurseffekt und damit selber in den Blick der Theorie zu nehmen, oder es ist wie bei Luhmann in der Theorie nicht existent, weil Theorien nun einmal nur von Objekten handeln und sich auf Objekte beziehen. Insofern hat, so Luhmann in einem Interview, das Subjekt darin nichts zu suchen. All diese Oppositionen unterläuft hingegen Derrida: er schreibt in die Theorie seinen eigenen Namen, seinen Eigen-Namen ein, ohne diese Inschrift aber in einer Geste narzißtischer Subjektivierung oder als transzendental-empirisches Double zu praktizieren. (Ich komme auf diese Inschrift des Namens, dieses Schreibens im eigenen Namen im Laufe meiner Derrida-Lektüre, die ich dieses Jahr anstimmen möchte, zurück.)

Nein, nach Auschwitz hin – und das bleibt die entscheidende Frage in diesem Diskurs, wobei die Äußerungen und das Verhalten Heideggers dabei lediglich einen hinzutretender Aspekt bedeuten – führte nicht das Tun oder das Schreiben einzelner. Weder Heideggers Denken, noch sein Handeln. Dazu bedurfte es mehr. Das, was sich unter der Metapher, dem Begriff, dem Ereignis und Geschen Auschwitz manifestiert, bedurfte vielfacher Faktoren. Insbesondere eine Gesellschaft, in deren Struktur der Antisemitismus vor allem in seiner eliminatorischen Variante, fest verankert ist. Snyders These in „Bloodlands“ allerdings scheint mir zu kurz zu greifen. Ich sehe ein Problem darin, inwiefern sich Tote (geopolitisch) zusammenrechnen lassen. Auschwitz beruht auf einem anderen Prinzip (obwohl: Prinzip ist nicht das richtige Wort) als Stalins Gulag. Der von Snyder ausgemachte geopolitische Todesraum verkennt den Aspekt des Antisemitismus (dies stellte die Kritik in der FR seinerzeit hersaus), er verkennt das vollkommen Irrationale dieser Vernichtung der Juden, die zugleich mit einer ungeheuren Akribie durchgeführt wurde. Sobald eine Region unter faschistischer deutscher Herrschaft gelangte, wurden Juden aus diesen Gebieten und am Ende aus fast jedem Winkel Europas zusammengetrieben. Nicht um sie irgendeinem Arbeits- oder Vernutzungszweck „zuzuführen“, sondern um sie, unter Ausbeutung ihrer Habe, zu vernichten. Nicht in einem Gulag, irgendwo in Kolyma oder anderswo, zu versklaven und diese Juden irgendwie noch als produktive Kraft wirken zu lassen, sondern um sie umzubringen. Nur das. Die geopolitische Orientierungen, die ein Geschehen auf die geschichtliche Beschaffenheit eines Raumes festmachen will, greift nicht nur zu kurz, sondern relativiert auch die Shoah auf universelles Geschehen von Mord, der irgendwie mit allem und jedem, was sich in diesem Raum ereignete, zusammenhängt. Mord an Völkern, an Ethnien, an Gruppen gab es immer. Dieses Vorgehen aber war so ganz und gar anders.

Auschwitz ist, das scheint mir zumindest ein wesentlicher Aspekt zu sein, ein Ereignis, das in mehrfacher Hinsicht ans Unaussprechliche grenzt, und zwar bereits auf der Ebene des Faktischen: Wer im Vernichtungslager war und durch die Maschinerie ging, kann darüber nicht mehr sprechen, weil sie oder er am Ende dieses Vorgangs meisten tot sind. Wer trotzdem entkam und Zeuge bleibt, dessen Blick ist entstellt und zerstört, weil solches Geschehen in keinen Erfahrungsraum mehr eingeholt werden kann. Es geschieht in der schreibenden, sprechenden Wiederholung eine Anamnesis an einen Ort, der quer zu jeglicher Rationalität liegt, anamnetisch nicht erreichbar ist und der dennoch ganz und gar rational durchorganisiert war. Es geschieht der (literarische oder dokumentarische) Versuch, das in Sprache zu bringen, was sich nicht zum Sprechen bringen läßt. Deshalb Adornos Diktum, daß nach Auschwitz keine Gedichte mehr sich schreiben lasse. (Meist wird dieser Satz nicht in seiner weitreichenden Dimension genommen, daß jegliche Diskursivierung oder Verbildlichung des Sinnlosen nur eine weitere Produktion von Sinn bedeutet, sondern in einer Banalvariante. Wie auch der Satz vom richtigen Leben im falschen.)

Zugleich aber eignet Auschwitz sich nicht, um in einer Art negativen Theologie auf die Knie zu fallen und es zu zelebrieren. Auschwitz ist der Punkt, an dem alles Reflektieren nach 1945 hängt, der Ort, wo Sache und Begriff, Denken und Gegenstand in keinen Einklang mehr zu bringen sind. Eine tragfähige Analyse liefert komprimiert und auf den Punkt gebracht Wolfgang Pohrt in seinem Text „Nationalsozialismus und KZ-System“. (Noch einmal Dank an den Nörgler für diesen Text!)

„Auch die Sache aber stellt sich für das Bewußtsein stets nur in Begriffen dar. Wo die Sache an sich selbst unbegreiflich ist, weil ihre eigene Struktur die Voraussetzung aller Erkenntnis; die ‚adaequatio rei et intellectus‘, die Übereinstimmung von Gegenstand und Einsicht prinzipiell ausschließt, dort tendiert sie dahin, sich der Darstellung und dem Bewußtsein überhaupt zu entziehen. Das Unbegreifliche ist am deutschen Faschismus aber gerade das Wesentliche. Ihn zeichnet aus, daß er von keiner Theorie mehr wirklich erreicht werden kann. Nicht einmal die Konstruktion eines strafenden Gottes – das erste Tasten wie der letzte Ausweg der Vernunft – vermag die planmäßige, fabrikmäßige Vernichtung von mindestens 6 Millionen Menschen in jenen sinnvollen Zusammenhang zu stellen, in dem der Gegenstand allein erkannt werden kann. Die Theorie setzt einerseits stets ein die Sache unter seinen eigenen, subjektiven Bestimmungen setzendes Subjekt voraus. Sie beginnt also erst jenseits der Konzentrationslager, in denen das Subjekt planmäßig vernichtet wird. Die Theorie setzt andererseits eine Sache voraus, die von den Denkbestimmungen eines auf sie reflektierenden menschlichen Subjekts nicht völlig verschieden ist: was real keiner menschlichen Logik gehorcht, kann auch kein Mensch begreifen. Vor einer Institution, in welcher die Unmenschlichkeit zum Prinzip erhoben ist, muß die Theorie daher kapitulieren.“ (W. Pohrt, Nationalsozialismus und KZ-System, in: Ausverkauf)

Insofern tangiert Auschwitz die Philosophie als Aufgabe. Und darin versagte Heidegger auf ganzer Ebene. Insbesondere in seiner Philosophie. Das Ungeheuerliche, das Heidegger in seiner Hölderlinvorlesung über dessen Gedicht „Der Isther“ anspricht, in der er auf das Chorlied in Sophokles‘ „Antigone“, sowie das Unheimliche des Menschen Bezug nimmt, werden zur ontologischen Befindlichkeit abstrakten Daseins relegiert.

Vielleicht ist es richtig, die „Beiträge zur Philosophie“, jenes zweite, nach „Sein und Zeit“ bahnbrechende Werk, wieder zu lesen. Den Heidegger der Kehre, der vom Seyn her denkt. Nur bleibt der Gedanke, daß Heidegger in seiner Metaphysikverwindung, für die er eine Sprache sucht, um an die Grenzen und über die Grenze hinaus zu gelangt, am Ende in einem luftleeren Raum verbleibt. Adornos „Negative Dialektik“ bewegt sich Lichtjahre näher an dem, was sich nicht zur Sprache bringen läßt und was dennoch dahin drängt, ausgesprochen zu werden – jenes Ungeheure, das den (Eigen-)Namen Shoah oder Alles-Verbrennung trägt. Ebenfalls der Text Derridas. Bei Heideggers Lektüre des Seins bleibt dieser Verdacht, daß da zugleich die Nebelkerzen geworfen werden. Das Da-Sein und das Seyn als strukturale (Nicht-)Struktur fallen am Ende zurück in die abstrakte Verdünnung des Unwesentlichen, des Man. Es bleibt eine Weise des Sprechens, bei der nicht mehr unterscheidbar ist, ob es sich nun um Aphasie, Dichtung, Mystik oder aber ein irres Raunen handelt. [Diese Unentscheidbarkeit wiederum macht den Text Heideggers einprägsam und interessant, wenngleich der Ton vielfach in den Jargon kippt. Dennoch: es zusammenzudenken.]

Der Text der späteren Philosophie Heideggers erinnert mich an das erste Kapitel, genauer gesagt an den Anfang von Hegels „Wissenschaft der Logik“. Im Grunde beginnt überhaut erst an diesem Punkt der Unterschiedslosigkeit, der unbestimmten Unmittelbarkeit – über Heidegger hinaus – die Philosophie. Nach Adorno kommt die Philosophie Jacques Derridas diesem Denken zwischen Metaphysik und ihrem Ende, diese Symphilosphie (freilich anders als es sich die Jenaer Romantiker dachten), die sich zwischen Dichtung und Denken bewegt, wohl am nächsten. Insbesondere sein „Schibboleth“. Und es bleibt in dieser Anordnung diese eine Frage, die Jean-François Lyotard 1980 auf dem Symposion in Cerisy-la-Salle zum Thema „Les Fins de l’homme“ als Titel eines Vortrags stellte: „Discussion, ou phraser ‚après Auschwitz‘“. Hier liegt der „Einsatz des Denkens“. In vielfacher Ausprägung als Denken des Datums, als eine Schreibweise, die die Grenze zwischen Literatur und Philosophie oder, eine Spur weihevoller geschrieben, zwischen Denken und Dichten, in einer anderen Weise schreibt, ohne dabei die Unterschiede der Gattungen einzuziehen. Aber dieser Aspekt des Grenzgängerischen zwischen Literatur und Philosophie wäre ein andermal zu thematisieren.

Was bleibt, ist die Frage: Wie nach Auschwitz sprechen, ohne simpel zu reifizieren oder ins Betroffenheitsgequatsche der evangelischen Akademien zu driften?

„Sicher ist, daß ich kein Marxist bin.“ (Karl Marx) – Einige Aspekte zur Kritischen Theorie Adornos

Diese Überlegungen sind eine Antwort auf einen Kommentar von „Mathepauker“ hier im Blog. Ich stelle sie als eigenständigen Beitrag in den Blog, weil sich in diesem Text einiges über die Philosophie Adornos lernen läßt. Schließlich möchte auch dieser Blog – zumindest von Zeit zu Zeit – seinem Bildungsauftrag nachkommen. Wieweit ist die Kritische Theorie Adornos vom Text Marx‘ geprägt?

Überschreiben wir diesen Beitrag zunächst einmal so: „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin“ (Karl Marx in: MEW 37) Damit haben wir zunächst einiges über die Engführung der Begriffe Marxismus/Marxist hin zu Karl Marx gesichtet. Und so können wir dann und in diesem Kontext schreiben: sicher ist, daß Adorno kein Marxist ist. Ansonsten geriete die Formulierung Adorno sei kein Marxist, sondern Linksweberianer schief. Es ist nicht der Arbeitermarxismus oder der Herz-Jesu-Marxismus evangelischer Akademien, der Adorno umtrieb und auf den der Text von Marx gerne heruntergebrochen wird.

Daß sich die Kritische Theorie von Marx her nicht sinnvoll rekonstruieren ließe, ist schlichtweg falsch. Die Bestimmungen zum Fetischcharakter der Ware sowie die Tendenz der Verdinglichung, die bis ins Bewußtsein hineinragt, bilden immer noch den Bestandteil Kritischer Theorie. Allerdings produziert Adorno keinen Marxismus und keinen (Vulgär-)Materialismus, der Phänomene des Überbaus schlicht auf die Produktionsbedingungen zurückführt. Richtig ist es allerdings, daß wir bei Adorno – anders als bei der Philosophie Hegels oder Kants – keine direkte Auseinandersetzung mit dem Text von Marx finden. Dieser Umstand mag auf den ersten Blick befremden. Was freilich nicht bedeutet, daß die Kritische Theorie Adornos sich von Marx‘ Kritik der Politischen Ökonomie verabschiedet hätte. Ganze Passagen der „Dialektik der Aufklärung“ sind davon getragen und Adornos Überlegungen zum Begriff eingreifender, gesellschaftsverändernder Praxis sind eine implizite Weiterführung Marxscher Begrifflichkeit. Adorno Text von Marx zu „befreien“ und ihn der Metaphysik zuzuschlagen, bedeutet schlicht eine Entschärfung der Kritischen Theorie. Nicht anders als Habermas es mit Adorno tat, indem er den Gehalt Kritischer Theorie in Kommunikation und kommunikative Rationalität überführte. „Um sich vom Ideologieverdacht zu reinigen, ist es neuerdings gelegener, Marx einen Metaphysiker zu nennen, als den Klassenfeind.“ (Th. W. Adorno, Negative Dialektik, Einleitung) Dies trifft ebenfalls auf eine bestimmte (entschärfende) Adorno-Lektüre zu, die Adorno von Marx zu reinigen beabsichtigt.

In Adornos akademischer Antrittsvorlesung von 1931 „Die Aktualität der Philosophie“ heißt es:

„Wenn Marx den Philosophen vorwarf, sie hätten die Welt nur verschieden interpretiert, und ihnen entgegenhielt, es käme darauf an, sie zu verändern, so ist der Satz nicht bloß aus der politischen Praxis, sondern ebensowohl aus der philosophischen Theorie legitimiert. In der Vernichtung der Frage bewährt sich erst die Echtheit philosophischer Deutung und reines Denken vermag sie von sich aus nicht zu vollziehen: darum zwingt sie die Praxis herbei. Es ist überflüssig, eine Auffassung vom Pragmatismus ausdrücklich zu sondern, in welcher Theorie und Praxis derart sich verschränken wie in der dialektischen. (GS 1, S. 338-339)

Nun hat sich freilich in dieser Zeit zwischen 1931 und 1945 einiges geändert: Die Weimarer Republik geriet mithilfe einer entstellen Sozialdemokratie endgültig in die Geiselhaft reaktionärer Kreise, die Arbeiterklasse dankte dank Stalin ab und verschwand wie eine Träne im Ozean, Hitler kam, Stalin säuberte, ein totalitärer US-Kapitalismus verkaufte Kultur als Ware. Diese Parameter bestimmten fortan auch die Kritische Theorie der Gesellschaft. Den Hitler-Schergen entronnen, blieb nicht viel Spielraum für Hoffnungen auf die Arbeiterklasse. Wenn sie nicht in den Lagern deportierte wurde oder mitmachte, sah sie Filme aus Hollywood oder inhalierte vorfabrizierte Musik. Nicht anders als die bürgerliche Klasse, die sich anschickte im nivellierten Mittelstand zu verschwinden. Grob gesprochen.

Daß Adorno nicht der Arbeiterklasse entstammt, dürfte kein Geheimnis sein. Adorno generell Empathie für Arbeiter abzusprechen, läuft der Philosophie Adornos entgegen. Es käme ihm kaum in den Sinn, einzelne Individuen oder Gruppen pauschal zu verurteilen. Was er in seinen Texten jedoch freilegt, sind Mechanismen der Subjekt- und Bewußtseinszurichtung sowie – auch an Weber orientiert – Formen der Rationalität. In dieser Weise der Analyse und der Kritik folgte ihm Foucault später nach. Allerdings hegte Adorno, anders als mancher Linke in der BRD, keinerlei Illusion, daß dem Arbeiter als Klasse irgend eine revolutionäre, gesellschaftsverändernde Funktion zukäme. Im Bewußtseinsstand hatte der Arbeiter dem Kapitalisten nichts mehr voraus. Und auch hinsichtlich der Studentenproteste verstand Adorno seine eigene Theorie nicht als Handlungsanweisung für einen alleinseligmachenden Weg.

Richtig ist es, daß Adorno an Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes festhält. Allerdings aus einem materialistischen Motiv heraus: In der Leiderfahrung sowie ihrer Anamnesis in Philosophie und Kunst verschwistern sich Materialismus und Metaphysik. Die verschiedenen Stränge der Adornoschen Philosophie lassen sich nicht in einem einzigen Aspekt zusammenfassen, so daß man sagen könnte: Adorno sei nun dies oder das, ihm ginge es lediglich um die Rehabilitierung einer Metaphysik, wobei damit die Aspekte Marxscher Theorie aussetzten. Er ist so nahe bei Hegel und Nietzsche wie er nahe bei Kant und Marx ist. Dialektische Lektüre läuft darauf hinaus, den einen mit dem anderen gegenzulesen und in ein konstellatives Denken zu bringen. Was die Dialektik betrifft, so borgt Adorno von Hegels Denken. Aber diese Dialektik stellt sich nicht positiv still und kommt zu keinem Abschlußhaften. Das Nichtidentische ist kein Ort, der sich fixieren läßt, sondern es changiert, erzeugt immer wieder neue Modelle und Bilder – kaleidoskopähnlich. Die Nähe zur literarischen Romantik ist hier evident, und damit berührt sich die Adornosche Gesellschaftskritik auch mit der Ästhetik: Das Kunstwerk und ästhetische Erfahrung liefern Bilder und Modelle, aber sie lassen sich im Akt eines zugreifenden hermeneutischen Verstehens nicht stillstellen.

„Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe. Dieser Imperativ ist so widerspenstig gegen seine Begründung wie einst die Gegebenheit des Kantischen. Ihn diskursiv zu behandeln, wäre Frevel: an ihm läßt leibhaft das Moment des Hinzutretenden am Sittlichen sich fühlen. Leibhaft, weil es der praktisch gewordene Abscheu vor dem unerträglichen physischen Schmerz ist, dem die Individuen ausgesetzt sind, auch nachdem Individualität, als geistige Reflexionsform, zu verschwinden sich anschickt. Nur im ungeschminkt materialistischen Motiv überlebt Moral. Der Gang der Geschichte nötigt das zum Materialismus, was traditionell sein unvermittelter Gegensatz war, die Metaphysik.“ (Th. W. Adorno, Negative Dialektik)

Diese Sätze inthronisieren nicht die Metaphysik, sondern sie deuten vielmehr darauf, wie sich inmitten einer Gesellschaft, die nicht mehr auf unmittelbare revolutionäre Befreiung hoffen kann, die Kategorien verschoben haben. Telos Adornoscher Philosophie ist ein Subjekt, das sein Anderes in sich befaßt und auch die leiblichen, die somatischen, die impulshaften Momente in sich aufnimmt. Hierfür steht in vielfältiger Weise Adornos Begriff der Mimesis ein, die sich, um nicht bloßer idiosynkratischer Impuls zu bleiben, mit begrifflichem Denken koppelt. Synthesis des Zerstreuten ohne dieses gleichzumache, so könnte man es formelhaft auf den Punkt bringen, wenn sich denn Philosophie in einzelnen Sätzen erschöpfte. Das aber tut sie nicht.

Adorno liefert theoretische Bestimmungen zur Möglichkeit und zur Unmöglichkeit von Praxis. Es geht ihm dabei nicht um Handlungsmodelle, die zu einer Parole oder zum Pamphlet gerinnen, sondern es überlebt in der Theorie ein Moment von Praxis. Dies aber bedeutet nicht, daß sich Adorno nun im stillen Kämmerlein und als unschuldiger Metaphysiker von der 11. Feuerbachthese des Karl Marx verabschiedet hätte, um der Innerlichkeit zu huldigen. Daß die Philosophen die Welt nur verschieden interpretiert haben und eine Veränderung nun unmöglich sei. Allerdings bleibt Adorno skeptisch gegen allzu einfache Modelle, weil er – darin freilich Webers Modell von Rationalität folgend – eine Vernunft und ein Denken am Werke sieht, das genau diese Emanzipation des Subjekts verhindert. Von diesem Blick her kann man dann wiederrum Adornos Denkmodelle, die er in der „Negativen Dialektik“ entwickelt mit seinen Texten aus den „Minima Moralia“ und der „Dialektik der Aufklärung“ gegenlesen.

Kritische Theorie der Gesellschaft bleibt eine Theorie der Emanzipation und sie ist der Aufklärung geschuldet, darin der Kritik der Politischen Ökonomie verwandt. Die Aufklärung wird innerhalb einer Dialektik der Aufklärung nicht mit der Gegenaufklärung eines Heidegger, eines Carl Schmitt oder eines Leo Strauss bekämpft, sondern dialektisch bei ihrem eigenen Begriff genommen. Dies schließt materialistische und metaphysische Aspekte zusammen.

„Der Prozeß, durch den Metaphysik unaufhaltsam dorthin sich verzog, wogegen sie einmal konzipiert war, hat seinen Fluchtpunkt erreicht. Wie sehr sie in die Fragen des materiellen Daseins schlüpfte, hat Philosophie seit dem jungen Hegel nicht verdrängen können, wofern sie sich nicht an die approbierte Denkerei verkaufte. Kindheit ahnt etwas davon in der Faszination, die von der Zone des Abdeckers, dem Aas, dem widerlich süßen Geruch der Verwesung, den anrüchigen Ausdrücken für jene Zone ausgeht. (…) Wem gelänge, auf das sich zu besinnen, was ihn einmal aus den Worten Luderbach und Schweinstiege ansprang, wäre wohl näher am absoluten Wissen als das Hegelsche Kapitel, das es dem Leser verspricht, um es ihm überlegen zu versagen. Theoretisch zu widerrufen wäre die Integration des physischen Todes in die Kultur, doch nicht dem ontologisch reinen Wesen Tod zuliebe, sondern um dessentwillen, was der Gestank der Kadaver ausdrückt und worüber deren Transfiguration zum Leichnam betrügt. Ein Hotelbesitzer, der Adam hieß, schlug vor den Augen des Kindes, das ihn gern hatte, mit einem Knüppel Ratten tot, die auf dem Hof aus Löchern herausquollen; nach seinem Bilde hat das Kind sich das des ersten Menschen geschaffen. Daß das vergessen wird; daß man nicht mehr versteht, was man einmal vorm Wagen des Hundefängers empfand, ist der Triumph der Kultur und deren Mißlingen.“ (Negative Dialektik, Meditationen zur Metaphysik)

Dies sind entscheidende Sätze Kritischer Theorie: jener Hotelbesitzer, der Adam hieß, ist eines der Urbilder entstellter Subjektivität. Wer jene Passagen in dieser Adornoschen Diktion liest, dem stellt sich die Frage nach der (unsinnigen) Wahlmöglichkeit „Materialismus oder Metaphysik“ nicht mehr. Als ob das Subjekt in einer Cafeteria sich befände: Marx oder Cola oder Metaphysik? Adornos Text lediglich einer Seite zuzuschlagen, perpetuiert verdinglichtes und undialektisches Denken. Dieser Umstand eben macht nach wie vor die Aktualität Adornos aus: daß sein Text in immer neuen Facetten schimmert und scheint, weil es eine Theorie ist, die sich nicht auf eine Position festnageln läßt. Darin dem Denken Hegels und Marx‘ verwandt.

Kleine Nachlese zur Frankfurter Buchmesse

 
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Wenn ich die Wahl habe, nach Davos zu fahren oder Thomas Manns „Der Zauberberg“ zu lesen, dann lese ich den „Zauberberg“. Eine Fahrt nach Davos ist beschwerlich, die Umstände sind meist mißlich, der Zug überfüllt, das Flugzeug hat Verspätung, vom Flughafen aus muß der Transfer nach Davos organisiert sein. Und selbst falls all diese Verwerfungen nicht eintreten, so gibt es dennoch zu viele andere Widrigkeiten. Wenn ich jedoch den „Zauberberg“ lese, bin ich nicht nur reisend in Davos, sondern zugleich in einer ganz andren Welt, die einerseits durchaus Davos ist und es zugleich doch nicht ist. In jener Welt dort drüben, über den Wipfeln – im Text. Im Schneegestöber und auf einem eiskalten Spaziergang. Durchs Gebirg. Keine Wirklichkeit mag die Verschlingungen, Verwindungen, Verstrickungen, Vielschichtigkeiten, die Bezüge, die Assonanzen, die Assoziationen, die Eindrücke so eindringlich und mit solcher Intensität in eine Anordnung zu bringen, wie ein Text, wie die Literatur. Metaphern, die die Imago anheizen und solche, die die Wirklichkeit neu strukturieren und begehbar machen. Gute Literatur schafft einen Raum des Imaginären sowie des Begehrens. Die Wirklichkeit ist um der Kunst willen geschaffen und nicht umgekehrt.

Die Welt ist ein Bild, um der ästhetischen Produktion Gestalt und Form zu geben, und nur als solches gerechtfertigt. Die Rechtfertigungslehre kann im Zeitalter der Immanenz nur eine ästhetische sein. Die Welt überlebt und hält sich in Rückhalt einzig im ästhetischen Schein.
 
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„Die von der Kulturindustrie Überlisteten und nach ihren Waren Dürstenden befinden sich diesseits der Kunst: darum nehmen sie ihre Inadäquanz an den gegenwärtigen gesellschaftlichen Lebensprozeß – nicht dessen eigene Unwahrheit – unverschleierter wahr als die, welche noch daran sich erinnern, was einmal ein Kunstwerk war. Sie drängen auf Entkunstung der Kunst. Die Leidenschaft zum Antasten, dazu, kein Werk sein zu lassen, was es ist, ein jegliches herzurichten, seine Distanz vom Betrachter zu verkleinern, ist unmißverständliches Symptom jener Tendenz. Die beschämende Differenz zwischen der Kunst und dem Leben, das sie leben und in dem sie nicht gestört werden wollen, weil sie den Ekel sonst nicht ertrügen, soll verschwinden; das ist die subjektive Basis für die Einreihung der Kunst unter die Konsumgüter durch die vested interests. Wird sie trotz allem nicht einfach konsumierbar, so kann das Verhältnis zu ihr wenigstens sich anlehnen an das zu den eigentlichen Konsumgütern. Erleichtert wird das dadurch, daß deren Gebrauchswert im Zeitalter der Überproduktion seinerseits fragwürdig wurde und dem sekundären Genuß von Prestige, Mit-dabei-Sein, schließlich des Warencharakters selbst weicht: Parodie ästhetischen Scheins.“
(Th. W. Adorno, Ästhetische Theorie)

Aber es gelten diese Sätze ebenso in anderen Zusammenhängen. Ja, Kritik ist dunkel und negativ. „Aber wo bleibt denn das Positive, Herr Adorno?“ so wurde er gefragt. Und mit einem Zitat von Kästner antwortete er „Ja – wo bleibt es denn?“

Ach, und zur Nachlese verlinke ich zudem auf Don Alphonso. Herrlich geschrieben, böse, bissig, auf den Punkt gebracht dort in seinem FAZ-Blog, das gesamte Gewese um die digitalen Welten samt dem e-commerce.

Wie immer bei Don Alphonso finden sich Texte mit Substanz, subtil. Daß solche von  Denkfauleritis befallenen Schnellschußschreiber wie Sascha Lobo bei Rowohlt und in anderen Ranz-Medien Platz finden, zeigt im Grunde wie heruntergewanzt dieser ganze Betrieb ist. Oder um es mit Helene Hegemann im Jugend(stil)slang zu schreiben: Heruntergerockt. „Fettklößchen“, wie eine Novelle von Guy de Maupassant heißt: der Ranz schwimmt immer oben. Ob es sich bei der digitalen Inszenierungs-Bohème jedoch so verhält wie mit dem Eifelturm, über den Maupassant schrieb, daß er sich jeden Tag dort oben auf der Plattform aufhielte, weil diese der einzige Ort in Paris sei, an dem er dieses scheußliche Objekt nicht sehen müsse, bleibt eine Überlegung wert.
 
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