Über Bersarin

Wir erzeugen die Texte und die Strukturen innerhalb derer wir unsere Diskurse gruppieren. Wir sind das Fleisch von Eurem Fleische und Euch doch gänzlich unähnlich. Wir sind die Engel der Vernichtung und wir schreiten durch Eure Schlafzimmer, wenn Ihr nicht mit uns rechnet. Wir entfachen das Feuer und die Glut. Aber wir löschen Euch nicht, wenn Ihr verbrennt. Wir sind der kalte Blick, der die Welt als eine Struktur sieht.

Zum Tod von Bill Ramsey und jene wunderbaren 80er Jahre

Im April wurde Bill Ramsey 90 Jahre, nun ist er am 2. Juli gestorben. Ich kannte Ramsey zunächst nicht so sehr vom eigenen selbständigen Hören, sondern durch Erzählungen von der Jugendzeit meiner Eltern, die immer mal wieder seine eingängigen Melodien summten oder das Radio damals in den 1970ern lauter drehten, wenn der Humba-Tumba-Schokoladeneisverkäufer erscholl. Ich kannte jenen bärtigen Ramsey, weil die Eltern gerne von der Musik jener Jahre sprachen, jene Nachkriegsfünfzigerjahre und dieser Art von Musik, die eine gewisse Heiterkeit versprach und doch vom Musikalischen auch die Rockelemente aufgriff, so daß es tanzbar war. Man kann solches Erzählen und Erinnern als Abwiegeln und Verdrängen auffassen, man kann es aber auch als eine Möglichkeit sehen, Autoritäten und den Marschmusiksound der Väter aufzuweichen und ihnen mit witziger und lockerer Musik eins auszuwischen. „Mach doch mal diesen Negerjazz aus!“ hieß in jenen Jahren eine geflügelte Wendung, die als Aufforderung und Befehl an unsere damals noch jungen Eltern erging (zumindest war es beim Vater so: Arztsohn und angesehene Familie am Ort, bei der Mutter zum Glück nicht) – das Wort „Jazz“ dabei ausgesprochen wie das J in „Jacke“ und Jazz wie Hatz, mit harter Endung.

Ein wenig wieder zu Ehren kam Ramsey in jenen ironischen Musikrunden des Punk der frühen 1980er Jahre, wenn wir neben den üblichen Platten auf einer Party auch einmal von Gus Backus dessen herrliches „Da sprach der alte Häuptling der Indianer“ auflegten oder ein Stück von Bill Ramsey spielten, wie etwa die „Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe“, „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“ (zu vermuten steht, daß die Bremer Punkband „Die Mimis“ daher auch ihren Namen hatte) oder eben jene „Souvenirs“. Schöne alte Zeit, mitten in Le Angst und Atomtod. Wir freuten uns und lachten zu solcher Musik, zumal man damit jene Musikpuristen ärgern und die Erwachsenen, die meist in Gestalt von 1968er-Lehrern auftraten, die mit solcher Musik nicht viel am Hut hatten, verwundern konnte, denn: Hier kommt das Wirtschaftswunder, das neue Wirtschaftswunder. (Und so nannte sich denn eine Punk/New-Wave Band auch „The Wirtschaftswunder“. Das Lied „Der Kommissar“ befindet sich hinter dem Link) Nur, daß das Wirtschaftswunder nicht mehr kam, sondern mit Ronald Reagan und Margaret Thatcher eine Form von Marktliberalisierung, die so tat, als sei es der Einzelne, auf den es ankäme.

Dennoch: die alten Kämpfe und die Ideologien der Marxexegeten, des Arbeitermarxismus und derer, die auf Revolution setzten, waren für die 1980er Jahre – zumindest für uns – passé. Mit Punk und New Wave kam ein neuer Blick in die Zukunft auf, Frankie Goes to Hollywood, Depeche Mode, The Cure, die Einstürzenden Neubauten und Anne Clark bereiteten eine neue Erotik und Ästhetik: Tanz in Ruinen, Darkrooms. Die alten Modelle von revolutionärer Veränderung funktionierten nicht mehr und hatten auch nicht funktioniert – zumindest nicht für westliche Wohlstandsländer, in denen man kaum eine Revolution der Landarbeiter oder der ausgebeuteten Industriearbeiter anzetteln, geschweige denn erwarten konnte: jeder deutsche Arbeiter verdiente in den 1980er Jahren mehr als er ausgeben konnte, die Kinder jener Schicht besuchten vermehrt die Gymnasien, und selbst in Ländern wie Italien und Frankreich, wo es zuweilen noch Zeichen von solchem Aufruhr gab, ging diese Rebellion wieder unter, da waren keine Revolutionen zu erwarten – was man bereits zum Ausgang der 1960er Jahre hätte ahnen können – und aufgrund solcher Diskrepanzen von Denken und Wirklichkeit dichtete Mitte der 1980er eine Hamburger Punk-Band in einem ihrer Songs die schöne Wortfolge „Freizeitguerilleros, Freizeitsombreros“. Es war alles ein Scherz, ein Lachen, es war vor allem nix mehr mit Revolution. Es war auch nicht mehr die „bleiernen Zeit“, frei nach Hölderlin und der Wiedergewinnung dieses großen Wortes für die schweren, trägen 1970er mit dem mächtigen Staat gegen die RAF – zumindest nicht in dieser Dramatik. Da war kein Blei, außer im Benzin oder in den Dienstwaffen der Polizei oder in den Heckler & Koch-MPs der RAF von der Suzuki herab. Aber es war auch kein Aufbruch. Das war das Erbe der 1970er am die 1980er Jahre.

Wir ahnten diese Aporie, wenngleich wir fleißig weiter Brecht, Sartre, Benjamin und Adorno lasen, und wir ahnten auch, daß die Latzhosenkreise, die Räucherstäblichen, die schwarzen Lederjacken mit Motorradhelm, das RAF-Kokettieren und die Leute mit dem Slime-Parolen in diesem Sinne eine nette Folklore waren, zu der wir aber als Politisierte doch irgendwie dazugehörten. Dennoch war es vorbei und ausgeträumt. Aber wir nahmen dieses „Vorbei“ nicht im Sinne von „Ton Steine Scherben“ mit ihrem „Der Traum ist aus“, sondern als einen mit Foucault damals gedachten „fröhlichen Positivismus“, im Negieren affirmierten wir, im Sinne eines ironischen Charakters, so wie sich junge Menschen ihr Denken aus Unterschiedlichem zusammenklauben, einer Art von „destruktivem Charakter“ auch, der lacht und wo ästhetisch beseitigt wurde, was politisch nun einmal der Fall war. Beuys und Kippenberger, Ramsey und Marc Almond. Dazu paßte auch der Humor der damaligen Titanic-Mannschaft: Neue Frankfurter Schule; die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche, doch die erste Banane gab es für Zonengabi noch nicht: daß die DDR ewig dauern würde, vermuteten wir, aber es war uns Wessis gleich. Am Ohr und am Puls der Geschichte war niemand, und niemand begriff, wo die tatsächliche Revolution demnächst stattfinden würde, wenn man diesen Sturz denn als Revolution bezeichnen möchte. Wir fanden es allenfalls bizar, dort in der DDR, in Ostberlin einmal für einen Tag einzureisen. Innerdeutscher Kolonialistenblick, ex post und dann realiter setzte sich dieser Blick 1990 bei vielen fort. Das Eigenständige und Kluge, das Großartige dort, diese Art von Subversion und Zwischen-den-Zeilen-Lesen begriffen wir Mitte der 1980er Jahre nicht im Ansatz. (Mir war es ein wenig durch die Musik aus den 1960ern von Biermann klar und weil ich mich für DDR-Kunst interessierte.)

Zeitszenarien. Doch „was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln“. Wir aber dachten damals nicht für die Ewigkeit, sondern im Moment und Augenblick, wollten den Kairos fassen und bekamen ihn nur rudimentär beim Schopf. Und in solchem Sinne kann man diesen Ramsey-Text auch als Anschluß an jenen Jim-Morrison-Artikel von gestern lesen: jene seltsamen und jene wunderbaren Jahre, jene 1980er Jahre, die vor Krisenszenarien und Angstkommunikation nur so strotzten: von Le Waldsterben, über Le Atomangst bis hin zur Le Volkszählung (heute gibt man bei jedem Internetbesuch auf bestimmten Seiten mehr von sich preis als mit allen Fragen der Volkszählung zusammen, von bestimmten sozialen Medien ganz zu schweigen, die einen bis in die privatesten Lebensgewohnheiten aushorchen.) Und wer je das Melancholisch-Totenliedhafte, aber auch das mit religiöser Widerstandsinbrunst gesungene von „Wehrt Euch, leister Widerstand“ noch im Ohr hat, (gesungen zur Melodie von „Hejo, spann den Wagen an“ und als Kinderlied gedacht), mag sich ein wenig von dieser Zeit und ihren Ängsten vergegenwärtigen. Insofern verhält sich ein Großteil jener Generation gegenüber den von der Generation Greta-und-Luise gemalten Zeichen und Menetekeln eher gelassen – wenngleich diese Relationierung nicht gegen ihre Bedenken spricht. Wir standen vor der atomaren Auslöschung, und Tschernobly 1986 war real und grausig.

Ramseys Musik war dazu eine Gegenmusik – statt dieser Betroffenheit nun Schlager – und sie gehörte in diesem Kontext zu dem, was man später dann Fun-Punk nannte. Nachfahren Ramseys waren, wenngleich mit härterem Sound und schärferen Texten, sicherlich „Die Ärzte“, die sich als Punkband Anfang der 1980er Jahre in Berlin gründeten. Insofern spielte Bill Ramsey für uns zwar keine zentrale Rolle, aber über diese Art von heiterer Musik, die man ernst nahm und dann wieder doch nicht so ganz, in der Haltung von Ironie und gleichzeitig der Provokation, war Ramsey dennoch ein Teil dessen, was man unter der Rubrik „Spaßpunk“ abhandelte und was dann fünfzehn Jahre später mit Gildo Horn und einem neuen Schlagerrevival salonfähig wurde. Vorreitende 1980er Jahre.

„Jazz in der Bauchtanztruppe“, so betitelte der taz-Journalist Jan Feddersen seine Würdigung zu Ramseys Tod:

„Für Musik interessierte er sich immer – und wie es sich für viele US-Amerikaner seiner Generation gehört, waren seine Vorbilder keine Weißen, sondern schwarze Musiker, Heroen wie Nat King Cole, Duke Ellington und Count Basie. Bill Ramsey liebte den Jazz inbrünstig, die Kunst der Phrasierung, der tonalen Umwidmung melodisch fester Strukturen.

Anfang der Fünfziger Jahre kam er in die Bundesrepublik, hier hatte er seinen Wehrdienst zu absolvieren. Trat in Jazzkellern auf, etwa in Frankfurt am Main und auf Festivals. Als Angestellter des US-Soldatensenders AFN war er durchaus privilegiert.

Jetzt ist der Sänger und Entertainer Bill Ramsey iim Alter von 90 Jahren gestorben. Das teilte seine Familie der Deutschen Presse-Agentur mit.

Berühmt wurde er allerdings durch Kracher in einer Sorte Musik, die er nicht ganz so sehr liebte: dem Schlager. Aber er brachte ihm nun mal Ruhm und viel Geld. In den Sechziger Jahren war Ramsey eine der Leitfiguren dieses Genres, das schon aus kommerziellen Gründen, also der Not stets Abwechslungsreiches bieten zu müssen, das der größten Diversity war.“

Womöglich haben Songs wie die von Bill Ramsey mehr zur sogenannten Re-Education der Deutschen nach dem Dritten Reich und zu jenen ideologischen Lockerungsübungen beigetragen als mancher mahnende Zeitungstext. Vor allem aber ist die Bedeutung des Radios und solcher Sender wie AFN, dem US-amerikanischen Soldatensender, nicht zu unterschätzen. Die Generation der in den 1940er Jahren Geborenen hing vor den Radiogeräten, drehte am Frequenzrad und horchte auf. Spielte den Sound lauter. Bill Ramsey machte solche Rock-Musik in einer gemäßigten, deutschen Form salonfähig auch fürs deutsche Radio.

„Night divides the day“ – Jim Morrisons 50. Todestag

Vor 50 Jahren verstarb in Paris Jim Morrison. Man sagt, Morrison sei an einer zu hohen Dosis Heroin in einer Wohnung in der Rue Beautreillis verendet. Mit dem Heroin wollte er sein Asthma beruhigen. Ein Asthmatiker wie Proust. Es erwies sich als schlechte Idee. Proust lebte und schrieb länger: legendär sein Versuch, noch den Tod und das Sterben in Literatur festzuhalten und in diesem Sinne zu bannen. Das Leben kann kurz sein und so konnte Jim Morrison viele nicht mehr vollenden oder weitermachen. Ein Leben wie Mick Jagger, beide der gleiche Jahrgang 1943, war ihm nicht beschieden: einer jener aus der Truppe „Poprock in Concert“ der mit 27 Lenzen Gefallenen: „Live fast, die young!“, so ging das Motto der Bohème. Nur hat der Rebell am Ende nicht viel davon, wenn er das Leben in vollen Zügen auskosten will. Der Zug reichte bis 27. Man sagte, daß Jim Morrison ein schlechter Sänger, aber ein guter Dichter sei. Das mag stimmen. Freilich: ich war nie ein besonders großer Doors-Fan, und ich muß sogar sagen, daß ich die Doors in den 1980er Jahren verachtet habe, weil das für mich Hippiepack war, wie ich es damals formulierte – sie selbst eigentlich gar nicht so sehr, aber doch ihre Fans. Auch das Gedudel dieser Doors-Orgel und das Gleiten der Gitarre waren nicht meins: dieses immer weiter und länger schweifende Düdeln und Klimpern ärgerte mich. Und das Gefasel derer, die fanhaft die Doors hörten, war ebenfalls nicht erbaulich. So verachtete ich also in den jungen Jahren des Punk die Doors, mußte jedoch damit leben, daß mancher meiner Freunde diese Musik mochten, besonders die weiblichen; und wer zu Frauen will und nicht nur lesen und debattieren über Musik, der muß manchmal gute Miene zum bösen Orgelspiel machen.

Das Grab von Jim Morrison befindet sich in Paris auf dem Friedhof Père Lachaise. Als ich 1985 zum ersten Mal in dieser Stadt weilte, besuchte ich zunächst nur die Friedhöfe Montmartre und Montparnasse – wegen Heinrich Heine, Sartre und Baudelaire und wegen Becketts Grab. (Nein, reingelegt, Leser: Becketts Grab gab es noch gar nicht, der starb erst 1989, und an diesem Grab war ich dann, um den Toten und den Helden zu ehren, erst im Jahr 2016, auch dazu werde ich hier vielleicht noch eine Geschichte erzählen. Aber nicht jetzt.)

Das erste Mal auf den Père Lachaise ging ich 1988 mit einer Freundin und dazu zwei ihrer Freundinnen, die sie mitbrachte. Ich kam mir beim Gang zu Morrisons Grab vor wie in Prousts Albertinen-Schar. Als einziger Mann und als Jim-Morrison- oder vielmehr Doors-Verächter. Während die eine der Freundinnen-Freundin bei der Metrofahrt zur Grabstätte andauernd von ihrer Spirale sprach, die sie sich zur Verhütung hatte implantieren lassen, und wie gut das sei und ich schon bereute, überhaupt mitgekommen zu sein, weil ich, da ich damals sehr noch im hohen Ton von Literatur und erlesenen Gesprächen schwelgte, nicht an Muschi-Gerede und Kupfermaterial in Vaginas interessiert war, wobei andererseits durch meine intensive Henry Miller-Lektüre, die ja ausgezeichnet auch zu Paris paßte, mich dieses Thema zugleich doch wieder voyeuristisch und auf der Suche nach Sexualität und Wahrheit fesselte, aber nur eben nicht von dieser Frau in dieser Stimmlage und in dieser Art des Sprechens vorgetragen: so erreichten wir die Metrostation Père Lachaise, wir stiegen aus und die jungen Frauen stoppten sogleich im Gang an einem Verkaufsstand mit Ringen, Schmuck und Tand, so wie eben Frauen gerne solche Dinge sich betrachten. Talmi-Kram, Tallois. Aus Spaß zog auch ich einen Ring mir über den Finger und hielt ihn der Freundin mit Lust am Spiel unters Gesicht: „Beuge Dein Haupt und küsse den Ring des Herzogs von Orleans!“ Sie lachte spöttisch, wie es ihre Blondes-Mädchen-lächelt-spöttisch-Art war. Die Höckersfrau, die da im Metro-Gang an ihrem Stand hinter dem Klapptisch hockte, schaute skeptisch. Ich zog den Ring wieder vom Finger, um ihn in die Auslage zu legen, zumindest versuchte ich es. Allein: der Ring wollte nicht, er ließ sich nicht lösen, er stoppte, hakte, harrte. Die Finger hatten sich wegen des Ringspiels gedehnt, Blut und Säfte machten den Finger sperrig, und ich zog und zog, aber das machte es nicht besser und das machte mich wiederum unruhig, denn ich hatte nicht vor, diesen Ring zu kaufen, zumal meine Reisekasse knapp war. Und ich hatte noch weniger vor, ihn mir vom Finger sägen zu lassen. Da trat Spiralmadame heran und zog aus ihrem Täschchen eine Art Vaseline-Crème, mit der sie meinen Finger und den Ring in unnachahmlicher Akkuratesse berieb. Sie streifte, rieb, drehte und zog und siehe – er löste sich. Und befreit atmete ich durch und schenkte der Dunklen ein Lächeln. Maliziös und fischig, so daß es unklar blieb, ob ich nun dankbar oder gleichgültig dachte. Der Ring aber war ab und sie legte ihn wieder in die Auslage. Der Händlerin war ein Geschäft entgangen.

Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden
Im Lande Mordor, wo die Schatten drohn.

Wir aber gingen nun auf den Friedhof, um Gräber zu schauen. Dazu hatte ich aus einem meiner Bücher – nämlich dem Bildband über Pariser Friedhöfe „Zum Sterben schön“ – den Lageplan der Gräber kopiert: da, wo all die Berühmten ewig ruhen und wo sie uns Lebenden nicht mehr entwischen können, damit wir Blumen, Gebinde oder andere Grabgaben ablegen, für jene Dichter, Musiker, Schauspieler oder Maler, die wir verehren. Symbolisches Tun oder Tausch, Pose oder Posse – je nachdem. Die Frauen wollten zuerst – naturgemäß – zu Jim. Was für mich bedeutete, daß wir danach weder zu Proust, noch zu Balzac, noch zu Oscar Wilde noch gehen würden, denn wenn das Betrachten von Jims Büste vorbei, käme der Kaffeedurst oder ein dringend notwendiger Toilettengang oder irgend eine andere Sache, um all die anderen Gräber, die ich gerne gesehen hätte – so auch das Mahnmal für die Pariser Kommune – nicht sehen zu müssen. Aber mir war es gleich, ich würde sowieso noch einmal und am besten nur für mich auf diesen schönen Friedhof gehen wollen, um verschiedene Zwiesprachen zu halten.

Das Grab von Jim Morrison hätten wir auch ohne Plan finden können, weil dort eine Horde von Hippies und trüben Gestalten mit Bier und Wein und Dope lungerte und trauerte und irgendwas faselte, Jungs und Mädchen, und sie riefen, sangen und lärmte. Sie betranken sich, sie redeten und hockten vor ihren Kerzen. Revolte aus zweiter Hand. Poprock aus zweiter Hand, Leben aus vierter Hand. Wir gesellten uns dazu, betrachteten die mit Sprüchen und Farben und Kritzeleien beschmierte Büste des armen Mannes, in dessen Mund eine Zigarette steckte. Wir verharrten einige Zeit vor dem Grab und ich wußte ab diesem Moment endgültig, weshalb ich die Doors, Jim Morrison und vor allem seine verschmutzten Fans nicht mochte. Daß jene lärmenden Gestalten ebenfalls Deutsche waren, hörten wir an ihren Unterhaltungen. Man ist nirgends vor seinesgleichen sicher, dachte ich mir, und ich wünschte mir Schüsse aus dem Hinterhalt; vielleicht von einem alten Résistance-Kämpfer, dem es zu bunt wurde und der sich, wie so ein Japaner auf einer der abgelegenen Inseln hier versteckte und der nicht mitbekommen hatte, daß der Krieg schon lange vorüber war, denn so vielleicht träte aus einem der Grabdenkmäler plötzlich ein tapferer Mann mit Karabiner, um die Lärmenden zu vertreiben und am besten zu beseitigen, damit sie in die Höllenschlünde führen, die ja auf den Pariser Friedhöfen zuweilen anzutreffen sind. Das aber geschah nicht.

Irgendwann gingen wir. Auch die Gruppe der schmutzigen Hippies verließ nun mit uns das Grab. Sie tanzten und grölten über den Friedhof, sangen, die Allee entlang, riefen, dort wo alte Französinnen in Schwarz gekleidet auf einer Bank saßen, in Andenken und Erinnerungen versunken, und die alten Frauen schauten entgeistert, traurig und angewidert. Sie schüttelten die Köpfe. Und mir war es peinlich, unangenehm und entsetzlich, daß wir, die Deutschen, so über diesen Friedhof zogen. Bis ich schließlich diesen Hippies zurief, daß sie sich hier nicht anders benähmen als die Wehrmacht 1940 in Paris. Die Schmutzigen fanden das weniger witzig und drohten mir Prügel an. Als aber jene Freundin, der ich in der Metro den Ring zum Küssen reichte, die Drecksbande in scharfem Französisch anfuhr, denn sie sprach, anders als ich, perfekt diese Sprache, da ward Ruhe und die Hippies schlichen sich.

Diese Szene sowie jenes sinnfreie Gerede der Hippiefreunde zu Schulzeiten: all diese Umstände machten mir die Doors nicht sympathischer. Daß diese Phrasen und dieses Gehabe mit Jim Morrison nicht viel und eigentlich gar nichts zu tun hatten, denn Morrison war kein Hippie, war auch mir zwar klar, aber ich konnte doch meine Abneigungen nicht im Zaum halten und dies färbte auch auf die Musik ab.

Das erste Mal freilich merkte ich auf, als ich Mitte der 1980er im Kino den wunderbaren Film „Apocalypse Now“ sah. Da paßte diese Musik plötzlich, das mußte auch ich zugeben: „The End“ und wie da Captain Willard auf dem Bett im tropischen, heißen Vietnam irgendwo in einem Hotelzimmer lag, schwitzend, denkend, auf einen Auftrag wartend, und Willard liegt da, sein Blick auf die Zimmerdecke gerichtet, auf den sich ewig drehenden Ventilator und wie sich aus diesen Ventilatorflügeln mit einem Male die Rotorblätter des Hubschraubers herauswinden, so meine ich mich zu erinnern, das herrliche und zugleich martialische Dröhnen des Motors, dazu dieser seltsame, dramatische und sich zu einem Sturm steigernde Sound der Doors: das war stark, das beeindruckte mich in dieser Verbindung von Bild und Ton: das besaß ästhetische Intensität. Und so schlich sich beim Sehen und Hören eine Ambivalenz ein, die zwar dann durch die schmutzigen Deutschhippies wieder ins Negative getrübt wurde. Aber manche Klänge blieben doch haften und begeisterten. Hier waren die „Doors“ ein gelungener Auftakt – auch weil diese Musik die Verbindung von Pop und Krieg illustrierte: was dann anders herum auch wieder die Musik inspirierte, wenn sie methodische Auslöschungen des Gegners und damit auch zugleich der Bevölkerung Vietnams zum Anlaß eines Musiktitels nahm: man erinnnere sich an das von Iggy Pop und den Stooges vorgetragene „Search and Destroy“.

Eine weitere Lockerungsübung im Blick auf die Doors brachte einige Jahre später, 1991 oder 1992, Oliver Stones Doors-Film. Diese Verbindung von Bildern und Musik, dieser Ton, dieser Satz „No One here Gets out Alive“ versöhnte mich mit den Doors. Das war auch auf der ästhetischen Ebene, weil in Bilder überführt, eine interessante Weise der Brachialgewalt. Von Zeit zu Zeit höre ich die Doors aus diesen Gründen gerne – was auch damit zu tun haben mag, daß diese Musik mich an eine längst vergangene Zeit erinnert, die manche die Jugend nennen.

Die Tonspur zu Wiglaf Drostes 60. Geburtstag – nachträglich

Der Satz „Er fehlt uns mehr als je“, den man Prominenten und bedeutenden Menschen gerne nachruft, mag ein ausgelatschtes Klischee sein, darin eigentlich nur steckt, daß man selbst und die eigene Generation es nicht besser mehr hinbekommt, und jemand wie Droste spottete darüber vermutlich, wenn er noch könnte. Aber in seinem Fall trifft der Satz zu. Man kann sich die Mühen machen und es ihm nachtun, aber es macht sehr viel mehr Spaß, Droste zuzuhören. Immer noch eines seiner großen Stücke, über Kreuzberg und jene in Schablonen denkende Linke: „Als Schokoladenonkel unterwegs“ (nachzuhören hier auf Youtube, in: „Die schweren Jahre ab 33“ und schon für diesen Titel seiner Auftritte damals gebührt ihm Ruhm.)

„Eine Opferrolle vorwärts“: als ob Droste die Methode heutiger identitätspolitischer Linker vorwegnahm. Und er tat dies auch: denn bereits in jenen 1990er Jahren waren diese Leute ja da. Nur dank des Umstandes, daß es kein Internet gab und auch sonst wenige Verstärker für solchen Unfug gab, nahm man die Spacken, die Dogmatiker und all jene, die Opfersein instrumentalisierten, lediglich im inneren Kreis derer, die zu den jeweiligen Politszenen gehörten, wahr. Heute hingegen manifestiert sich solches bis in den Kulturbetrieb hinein und es gibt ganze Blogs, die diese Schiene als Feuilleton im Internet bespielen und den Leuten dabei auch noch Geld aus dem Kreuz leiern. Droste war ein Linker, der genau diese linke Dogmatik aufs Korn nahm. Nachtun kann man es ihm nicht. Aber wir können weitermachen.

Das Leben lag da, vor mir. Ich konnte es liegenlassen, oder ich konnte es aufheben.
Schon seltsam
Wie leicht man vegisst
Dass alles, was man tut
Für immer ist.
(Wiglaf Droste)

22. Juni 1941: Wer Wind sät, wird Sturm ernten

Ich bin kein großer Freund von Frank Walter Steinmeier, aber die Rede, die er zum Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion hielt, war stark und gut und wichtig. Um so schandbarer, daß der widerliche Bundestagspräsident Schwarzkonten-Schäuble eine Gedenksitzung des Bundestages zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion verweigerte. (Und die Tagesschau-Homepage des gebührenfinanzierten Fernsehens hat nichts Besseres zu tun als die Regenbogenflagge ganz oben auf ihre Seite zu setzen, um über die Causa München zu berichten.) Steinmeyers Rede macht nichts ungeschehen, aber sie bringt den Schrecken ins Gedächtnis. Dafür ist ihm zu danken.

„Was nun folgte, was am 22. Juni 1941 begann, war die Entfesselung von Hass und Gewalt, die Radikalisierung eines Krieges hin zum Wahn totaler Vernichtung. Vom ersten Tage an war der deutsche Feldzug getrieben von Hass: von Antisemitismus und Antibolschewismus, von Rassenwahn gegen die slawischen und asiatischen Völker der Sowjetunion.

Die diesen Krieg führten, töteten auf jede erdenkliche Weise, mit einer nie dagewesenen Brutalität und Grausamkeit. Die ihn zu verantworten hatten, die sich in ihrem nationalistischen Wahn gar noch auf deutsche Kultur und Zivilisation beriefen, auf Goethe und Schiller, Bach und Beethoven, sie schändeten alle Zivilisation, alle Grundsätze der Humanität und des Rechts. Der deutsche Krieg gegen die Sowjetunion war eine mörderische Barbarei.

So schwer es uns fallen mag: Daran müssen wir erinnern! Und wann, wenn nicht an solchen Jahrestagen? Die Erinnerung an dieses Inferno, an absolute Feindschaft und die Entmenschlichung des Anderen – diese Erinnerung bleibt uns Deutschen eine Verpflichtung, und der Welt ein Mahnmal.

Hunderttausende sowjetische Soldaten sind schon in den ersten Monaten des Krieges, im Sommer 1941, gefallen, verhungert, erschossen worden.

Unmittelbar mit dem Vormarsch der deutschen Truppen begann auch die Ermordung jüdischer Männer, Frauen und Kinder durch Erschießungskommandos des SD, der SS und ihrer Hilfstruppen.

Hundertausende Zivilisten in der Ukraine, in Belarus, in den baltischen Staaten und in Russland wurden Opfer von Bombenangriffen, wurden als Partisanen unerbittlich gejagt und ermordet. Städte wurden zerstört, Dörfer niedergebrannt. Auf alten Fotografien ragen nur noch verkohlte steinerne Kamine aus einer verwüsteten Landschaft.

Es werden am Ende 27 Millionen Tote sein, die die Völker der Sowjetunion zu beklagen hatten. 27 Millionen Menschen hat das nationalsozialistische Deutschland getötet, ermordet, erschlagen, verhungern lassen, durch Zwangsarbeit zu Tode gebracht. 14 Millionen von ihnen waren Zivilisten.

Niemand hatte in diesem Krieg mehr Opfer zu beklagen als die Völker der damaligen Sowjetunion. Und doch sind diese Millionen nicht so tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt, wie ihr Leid, und unsere Verantwortung, es fordern.

Dieser Krieg war ein Verbrechen – ein monströser, verbrecherischer Angriffs- und Vernichtungskrieg. Wer heute an seine Schauplätze geht, wer Menschen begegnet ist, die von diesem Krieg heimgesucht wurden, der wird an den 22. Juni 1941 erinnert – auch ohne Gedenktag und Mahnmal.

Spuren dieses Krieges finden sich in alten Menschen, die ihn als Kinder erlebten, und in den jüngeren, in ihren Enkeln und Urenkeln. Man findet sie von der Weißmeerküste im Norden bis zur Krim im Süden, von den Ostsee-Dünen im Westen bis Wolgograd im Osten. Es sind Zeichen des Krieges, Zeichen der Zerstörung, Zeichen des Verlustes.

Zurück blieben Massengräber – „Brudergräber“, wie man auf Belarusisch, Ukrainisch und Russisch sagt.

[…]

Nichts, was damals weit im Osten geschah, geschah zufällig. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei, des SD, der Waffen-SS und ihrer Helfer bahnten sich nicht planlos und brandschatzend ihren Weg. Sie folgten dem Vernichtungswahn und den mörderischen Plänen, die im Reichssicherheitshauptamt und in den zuständigen Reichsministerien erarbeitet worden sind. Und sie folgten der Wehrmacht, deutschen Soldaten, die zuvor schon die Bevölkerung beraubt, drangsaliert oder als vermeintliche Partisanen getötet hatte. Der verbrecherische Angriffskrieg trug die Uniform der Wehrmacht. An seinen Grausamkeiten hatten auch Soldaten der Wehrmacht teil. Lange, zu lange haben wir Deutsche gebraucht, uns diese Tatsache einzugestehen.

Die Pläne, denen die deutschen Soldaten folgten, hießen „Generalplan Ost“, „Hunger- oder Backe-Plan“, und erhoben Unmenschlichkeit zum Prinzip. Es waren Pläne, die das Ausbeuten und Aushungern von Menschen, ihre Vertreibung, Versklavung und schließlich ihre Vernichtung zum Ziel hatten.“

[Die komplette Rede von Steinmeier, gehalten in Karlshorst, ist an dieser Stelle nachzulesen.]

Noch sein Schweigen war beredt – Karl Kraus zum 85. Todestag

„Ich pfeife auf den Text, ich bin imstande, das Antlitz der heutigen Welt mir aus dem hinteren Annoncenteil zusammenzustellen.“
(Karl Kraus, Die Katastrophe der Phrasen)

So dachte es sich Kraus beim Betrachten von Zeitungen. Und das ist wahr, wie sich im Laufe dieser Würdigung zeigen wird, wenn es zur „Reklamefahrt zur Hölle“ geht.

Über Karl Kraus zu schreiben, kann im Grunde nur bedeuten, Karl Kraus selbst sprechen zu lassen. Alles andere bleibt schales Nachholen und Nachbeten. Was können wir von Kraus lernen? Die Waffe der Kritik schärfen und die Kritik der Waffen vorantreiben, um einen anderen bekannten Kritiker und Polemiker zu nennen. Kritik kommt vom griechischen krínein und heißt „unterscheiden“, „trennen“; und es bedeutet unter anderem auch: hinterfragen, was uns geboten wird. Das galt bei Kraus vor allem für die Zeitungen und für das, was der common sense so dachte und machte und was sich in Wien das kulturelle Leben vor, während und nach dem ersten Weltkrieg nannte. Aber solcher Blick auf Gesellschaft allein reicht nicht aus, denn die Vernebelungen und das Seichte kommen in einem Medium daher: nämlich der Sprache. Insofern muß der Kritiker den Blick auf diese Sprache richten, die wir sprechen und schreiben und die unser Denken formt. Wenn Leser, Radiohörer, Internetfreunde oder TV-Zuschauer nicht mehr selber sehen, urteilen und sich in die Details begeben, sondern ihnen im Nachrichtenteil die passende und die richtige Meinung von Medien qua Phrase vorgesetzt wird: an dieser Stelle setzt die Arbeit der Kritik ein. Kraus spießte solche Zeitungsphrasen in seinem Hausorgan „Die Fackel“ auf – eine Zeitschrift, die er als Ein-Mann-Projekt betrieb. Kraus‘ Methode war die Satire. Darin steht Kritik über ihrem Gegenstand und nicht darunter. Das haben Leute wie Jan Böhmermann und Leo Fischer bis heute nicht begriffen. Diese Haltung betrifft auch das Medium selbst: Sprache. Karl Kraus beherrschte sie als Waffe meisterhaft. Ob gegen dumpfes Deutschtum und gegen eine Kultur, der ihr eigener Begriff abhanden kam:

„Im Sagenkreis des Deutschtums wird dereinst ein großes Durcheinander entstehen zwischen Kyffhäuser und Kaufhäuser.“

Oder aber Kunst als Kulturindustrie, was Kraus bereits im Wien der Jahrhundertwende heraufziehen sah:

 „»Ein bis jetzt unbekanntes Trauerspiel von Shakespeare wurde jüngst im Inseratenteil einer in St. Gallen erscheinenden Zeitung angekündigt. Es hieß nämlich dort, dass im Stadttheater von St. Gallen zur Aufführung gelange: ›König Lehar‹, Trauerspiel in fünf Aufzügen von W. Shakespeare.«

Da gibts gar nichts zu lachen. Es ist grauenhaft. Der Setzer hat keinen Witz machen wollen. Das Wort, das er nicht zu setzen hat, die Assoziation, die ihm in die Arbeit gerät, ist der Maßstab der Zeit. An ihren Druckfehlern werdet ihr sie erkennen. Was hier zu lesen war, ist ein Shakespearesches Trauerspiel.“

Ebenso gab es bei Kraus die Kritik jener restaurativen Tendenz in der Kunst, sozusagen gegen das, was Adorno die „gebeizte Stimmungskunst“ nannte:

„Mir scheint alle Kunst nur Kunst für heute zu sein, wenn sie nicht Kunst gegen heute ist. Sie vertreibt die Zeit — sie vertreibt sie nicht! Der wahre Feind der Zeit ist die Sprache. Sie lebt in unmittelbarer Verständigung mit dem durch die Zeit empörten Geist. Hier kann jene Verschwörung zustandekommen, die Kunst ist. Die Gefälligkeit, die von der Sprache die Worte stiehlt, lebt in der Gnade der Zeit. Kunst kann nur von der Absage kommen. Nur vom Aufschrei, nicht von der Beruhigung. Die Kunst, zum Troste gerufen, verläßt mit einem Fluch das Sterbezimmer der Menschheit. Sie geht durch Hoffnungsloses zur Erfüllung.“

Und zugespitze:

„Vor jedem Kunstgenuß stehe die Warnung: Das Publikum wird ersucht, die ausgestellten Gegenstände nur anzusehen, nicht zu begreifen.“

Was Kraus zum Journalismus schrieb, hören bis heute viele nicht gerne, besonders jene, die im Bötzowviertel oder in Nachbarschaft als Kulturjournalisten Wohnraum okkupieren. Kein Wunder, denn häufig (aber nicht immer) sind es Journalisten, die die Kritik an ihrer Zunft abwiegeln. Ähnliches gilt für das Phänomen, für das wir den Begriff „Kultur“ reserviert haben: Kraus kritisierte Kultur, ohne aber in akademischer Weise „Kulturkritik“ zu betreiben. Sondern er nahm sich vielmehr in concreto ihre Ausprägungen vor. Angefangen beim bürgerlichen Moralbegriff. Hoch stand für ihn die Privatsphäre, die jedem zustand. Auch einem Reaktionär. Auch vor der Justiz: der (vermeintlich schlechte) Lebenswandel eines Menschen – etwa wenn im fin de siècle eine Frau als Prostituierte wirkt – läßt nicht umstandslos auf die Schuld schließen. Dafür focht er. Etwa in „Sittlichkeit und Kriminalität“ oder in seinem Essay „Maximilian von Harden. Eine Erledigung“, wo es um die Affäre Eulenburg ging. Jener Graf Eulenburg  wurde von dem Publizisten Maximilian von Harden öffentlich der Homosexualität bezichtigt, mit dem Ziel, ihn aus dem Kabinett des Kaisers Wilhelm II zu entfernen. Kraus attackierte den einst bewunderten von Harden scharf:

„Nicht Wanzen zu töten, aber den Glauben an die Nützlichkeit der Wanzen zu vertilgen ist meine Sache.“

„Die Hölle der Neuzeit ist mit Druckerschwärze gepicht.“

Und ganz folgerichtig heißt eine seiner Aufsatzsammlungen „Untergang der Welt durch schwarze Magie“.

Anker seiner Volten, seiner Texte und Polemiken war Kraus‘ Abneigung gegen das Bestehende und gegen eine Welt, die schlecht eingerichtet ist. Jener Rotz der Zeit und der Ranz, der sich in bestimmten Typen manifestierte. Sie haben Namen. Kraus nahm es persönlich und zugleich war die Person doch mit der Sache assoziiert, so daß das Individuum zugleich für ein Allgemeines stand. Aber es war nicht nur das Ziel von Kraus, diese Abneigung im Lamento zu wiederholen, sondern Idiosynkrasie und Kritik sollten produktiv gemacht werden:

„Da ich sie [die Welt] nicht bessern werde, solle ich’s mit Seufzern statt mit Angriffen und mit Klagen statt mit Anklagen versuchen. Ich will den freundlichen Rathgebern meines Wesens nachtschwarze Gründe öffnen: Die Schurken, die nicht zu bessern sind, zu ärgern, ist auch ein ethischer Zweck.“ (Kraus, Die Fackel 82)

Und darin ist solche Kulturkritik auch ein Stück weit Ethik des Textes: oder wie es Kraus zur ersten Ausgabe der „Fackel“ schrieb:

„Das politische Programm dieser Zeitung scheint somit dürftig; kein tönendes ‚Was wir bringen‘, aber ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘ hat sie sich als Leitwort gewählt.“ (Kraus, Die Fackel, Nr. 1, 1899

Kritik als Waffe. Wer sich zum Verhältnis von Karl Kraus und der Kritischen Theorie informieren will, der greife im übrigen zu Irina Djassemys Dissertation Der „Productivgehalt kritischer Zerstörungsarbeit“. Kulturkritik bei Karl Kraus und Adorno. Kulturkritik ist bei Kraus wie bei Adorno Sprachkritik. Adorno formulierte es in seinem Essay Kulturkritik und Gesellschaft wie folgt:

„Wer gewohnt ist, mit den Ohren zu denken, der muß am Klang des Wortes Kulturkritik sich ärgern nicht darum bloß, weil es, wie das Automobil, aus Latein und Griechisch zusammengestückt ist. Es erinnert an einen flagranten Widerspruch. Dem Kulturkritiker paßt die Kultur nicht, der einzig er das Unbehagen an ihr verdankt.“

[Und jenes Motiv des Mit-den-Ohren-Denkens nahm auch Iris Dankemeyer in ihrer schönen Dissertation Die Erotik des Ohrs. Musikalische Erfahrung und Emanzipation nach Adorno auf.]

Kulturkritik freilich bedeutete nicht, auf die Annehmlichkeiten des Lebens zu verzichten. Ein Platz im Kaffeehaus war nie verkehrt, und die Dialektik und das Spiel der Technik brachte Kraus derart auf den Begriff:

„Es gibt nur eine Möglichkeit, sich vor der Maschine zu retten. Das ist, sie zu benützen. Nur mit dem Auto kommt man zu sich.“

Was mir als passioniertem Autofahrer gut gefällt; und es erinnert dieses Motiv an den Eiffelturmverächter Guy de Maupassant, der schrieb, daß der beste Platz in Paris oben auf dem Eiffelturm sei. Denn dort sähe man diesen schrecklichen Koloß aus Stahl nicht. Kraus‘ Dialektik reicht bis ins Politische und weist auf die Gegenwar. Denn auch solche Sätze, die fast das Programm der Hartz-IV-Gesetze, und ebenso die Überwindung des Nützlichkeitsdenkens vorwegnehmen, tragen jenen Widerspruch  in sich, der auf eine andere Zeit weist:

„Demokratie teilt die Menschen in Arbeiter und Faulenzer. Für solche, die keine Zeit zur Arbeit haben, ist sie nicht eingerichtet.“

Es gibt etwas wie den Gebrauchswert einer Sache, und es sollte in einer Gesellschaft nicht die Arbeit ein Selbstzweck sein. Freilich mußte man sich diese Haltung eben auch leisten können. Kraus wußte das.

Sein  Mittel war – unter anderem – der Aphorismus. Der Aphorismus spitzt ein Übel zu, denn in der Übertreibung scheint Wahrheit grell auf, ohne daß ein Aphorismus im strengen Sinne begründungswahr sein müßte. „Der Aphorismus deckt sich nie mit der Wahrheit; er ist entweder eine halbe Wahrheit oder anderthalb.“ Aber wir unterschätzt Kraus, wenn wir ihn lediglich auf dieses Medium der knappen, flapsigen, klugen Bemerkung reduzieren, die uns lachen läßt, weil böse Wahrheit ohne viel Langtext hervorblitzt. Genauso gibt es bei Kraus den Essay, der sich etwa der bürgerlichen Doppelmoral oder der Literatur widmete oder sein mächtiges und leider auf deutschen Bühnen nie gespieltes Drama „Die letzten Tage der Menschheit“. Eine moderne Montage, eine Anklage gegen Krieg, gegen die Kriegsrhetoriker aus Presse und Politik (die Literaten nicht zu vergessen, die diesen sinnlosen ersten Weltkrieg hochleben ließen), die widerlichen Kriegsgewinnler und jene, die am liebsten sofort losschießen würden – ohne freilich selber mit dabeisein zu müssen. Und dabei war es Kraus ganz egal, ob das nun Männer oder Frauen waren: es mochte zu jener Zeit um 1916 hoch modern und feministisch en vogue sein, daß eine Frau wie Alice Schalek als Kriegsreporter arbeitete. Solche Camouflage jedoch hielt Kraus nicht davon ab, den verlogenen Pathos ihrer Artikel auseinanderzunehmen, egal ob Weib oder Mann, denn es ging um die Sache und nicht um Identität: „Die Schalek ist eines der ärgsten Kriegsgreuel, die der Menschenwürde in diesem Kriege angetan wurden.“ (Kraus, Die Fackel 423-425)

Solche Hölle wurde einige Jahre später, 1921, in einer Reklame zur Besichtigung freigegeben: 

kraus_annonce

Über diesen Kriegs- und Katastrophentourismus schrieb Kraus in „Reklamefahrt zur Hölle“:

„In meiner Hand ist ein Dokument, das, alle Schande dieses Zeitalters überflügelnd und besiegelnd, allein hinreichen würde, dem Valutenbrei, der sich Menschheit nennt, einen Ehrenplatz auf einem kosmischen Schindanger anzuweisen. Hat noch jeder Ausschnitt aus der Zeitung einen Einschnitt in die Schöpfung bedeutet, so steht man diesmal vor der toten Gewißheit, daß einem Geschlecht, dem solches zugemutet werden konnte, kein edleres Gut mehr verletzt werden kann. Nach dem ungeheuren Zusammenbruch ihrer Kulturlüge und nachdem die Völker durch ihre Taten schlagend bewiesen haben, daß ihre Beziehung zu allem, was je des Geistes war, eine der schamlosesten Gaukeleien ist, vielleicht gut genug zur Hebung des Fremdenverkehrs, aber niemals ausreichend zur Hebung des sittlichen Niveaus dieser Menschheit, ist ihr nichts geblieben als die hüllenlose Wahrheit ihres Zustands, so daß sie fast auf dem Punkt angelangt ist, nicht mehr lügen zu können, und in keinem Abbild vermöchte sie sich so geradezu zu erkennen wie in diesem:“ (Kraus, Reklamefahrt zur Hölle, Fackel 577-582

Und Kraus sprach seine Texte selbst, er war ebenfalls eine großer Rezitator und Vorleser, der mit seinen Vorträgen Säle füllte, wie man etwa an „Reklamefahrt zur Hölle“ hören kann:

https://www.kraus.wienbibliothek.at/content/filmausschnitt-reklamefahrten-zur-hoelle

Dennoch war Kraus im strengen Sinne kein Linker. Er ließ sich keinem Lager zuordnen, er blieb Zeit seines Lebens Einzelgänger, nur sich, seinem Denken und der Sache verantwortlich. Sofern er Partei nahm, geschah es aus einer konkreten Situation und einem Anlaß heraus. Friedrich Rothe schreibt in seiner Kraus-Biographie: „Proteste und Resolutionen gegen behördliche Gängelung von Literatur und Kunst hatte er als Selbstreklame von Leuten verachtet, die fürchteten, übersehen zu werden.“ Das kommt mir heute im Zeichen von Netzfeminismus und Irgend-was-mit-Medien-links gut bekannt vor. Und man möchte mit den Fanta4 gleich rufen: „Ist es die da?“ Oder der da? Na wir wissen. Solche wie die Kolumnistin Margarete Stokowski oder Georg Diez: Sie beziehen ihre Schreibberechtigung aus der Politphrase. Die Banalität der Blöden.

„Feuilletonisten sind verhinderte Kurzwarenhändler. Die Eltern zwingen sie zu einem intelligenten Beruf, aber das ursprüngliche Talent bricht sich doch Bahn.“

„Der Journalismus dient nur scheinbar dem Tage. In Wahrheit zerstört er die geistige Empfänglichkeit der Nachwelt.“

Heute freilich hat diese Art von Kolumnen- und Tendenzjournalismus derart Überhand genommen, daß das Ausmisten des Stalls lange schon nicht mehr von einer einzigen Person betrieben werden kann. Selbst jemand wie Herman L. Gremliza in „konkret“, und in der Tradition von Kraus stehend, mußte mit seiner Sprachkolumne an diesem Unterfangen scheitern, jenes Salbadern zu entlarven. Das mochte noch in den guten alten 1980er Jahren möglich gewesen sein, als Gevatterin FAZ und Tante ZEIT betulich taten, und im Rückblick erscheint einem das Liberalalala der kalten Gräfin, wie Fritz J. Raddatz Marion Gräfin Dönhoff zu nennen pflegte, fast wieder sympathisch. Aber ob der Vielzahl an Mist auf dem Markt läßt sich das nur noch partiell fassen. Man muß sehen, was man aufspießt. Man muß mit den Kräften haushalten. Walter Benjamin beschrieb das Verhältnis von Technik und Phrase in seinem Essay „Karl Kraus“ wie folgt:

„Die Phrase. Sie ist aber eine Ausgeburt der Technik. ‚Der Zeitungsapparat verlangt, wie eine Fabrik, Arbeit und Absatzgebiete. Zu bestimmten Zeiten am Tage – zwei- bis dreimal in großen Zeitungen – muß für die Maschinen ein bestimmtes Quantum Arbeit beschafft und vorbereitet sein. Und nicht aus irgendwelchem Material: alles, was in der Zwischenzeit  irgendwo und auf irgendeinem Gebiete des Lebens, der Politik, der Wirtschaft, der Kunst usw. geschah, muß inzwischen erreicht und journalistisch verarbeitet sein.‘ Oder, in großartiger Abbreviatur, bei Kraus: ‚Es sollte Aufschluß über die Technik geben, daß sie zwar keine neue Phrase bilden kann, aber den Geist der Menschheit in dem Zustand beläßt, die alte nicht entbehren zu können. In diesem Zweierlei eines veränderten Lebens und einer mitgeschleppten Lebensform lebt und wächst das Weltübel.‘ Mit einem Ruck schürzt Kraus in diesen Worten den Knoten, zu dem Technik und Phrase sich verbunden haben. Die Lösung freilich folgt einer anderen Schlinge: ihr ist der Journalismus durchweg Ausdruck der veränderten Funktion der Sprache in der hochkapitalistischen Welt. Die Phrase in dem von Kraus so unablässig verfolgten Sinne ist das Warenzeichen, das den Gedanken verkehrsfähig macht so wie die Floskel, als Ornament, ihm den Liebhaberwert verleiht.“

Das Universum Kraus ist groß und herrlich. Wer sich einen ersten Überblick verschaffen will, lese „Die chinesische Mauer“ und darin besonders schön der Text „Die Welt der Plakate“, darin Kraus sein Verfahren des Vergrößerns von Kleinigkeiten gut beschreibt, und es fahre der Leser dann fort mit dem Band „Aphorismen“, beide bei Suhrkamp erschienen, oder aber im marix Verlag das Buch mit dem schönen Titel: „Ich bin der Vogel, den sein Nest beschmutzt: Aphorismen, Sprüche und Widersprüche“. In Vergessenheit geraten sind leider seine Gedichte, so wie überhaupt Kraus ein großartiger Autor war, der über die Frauen und die Liebe schreiben konnte – wunderbar leichtfüssig und witzig. Einer der schönsten Aphorismen.:

„Es kommt nicht bloß auf das Äußere einer Frau an. Auch die Dessous sind wichtig.“

„Sie sagte, sie lebe so dahin. Dahin möchte ich sie begleiten.“

„Wenn Frauen, die sich schminken, minderwertig sind, dann sind Männer, die Phantasie haben, wertlos.“
 

Seine innig und tief geliebte Sidonie Nádherná von Borutín mochte ihm da zuweilen inneres Bild gewesen sein. Was uns auf die Lyrik von Kraus bringt – man lese das Gedicht „Flieder“.

Auch für die Berliner Literaten und jene, die sich hier „Kulturjournalisten“ nennen, hatte er einen Satz parat:

„Wenn man mich fragt, von wem ich glaube, daß er dem Geist näher steht: der Stiefelputzer eines böhmischen Grafen oder ein neuberliner Literat, so kann ich nur antworten, daß ich, ehe ich mir von einem neuberliner Literaten die Schuhe putzen ließe, ihm lieber mit dem Absatz ins Gesicht treten würde.“

„Was Berlin von Wien auf den ersten Blick unterscheidet, ist die Beobachtung, daß man dort eine täuschende Wirkung mit dem wertlosesten Material erzielt, während hier zum Kitsch nur echtes verwendet wird.“

„Gegen das Buch gegen Berlin: Ein Kulturmensch wird lieber in einer Stadt leben, in der keine Individualitäten sind, als in einer Stadt, in der jeder Trottel eine Individualität ist.“

„Der Vorsatz des jungen Jean Paul war, ‚Bücher zu schreiben, um Bücher kaufen zu können‘. Der Vorsatz unserer jungen Schriftsteller ist Bücher geschenkt zu bekommen, um Bücher schreiben zu können.“

Vieles davon klingt bis heute aktuell. Aber kann, darf, soll man das überhaupt: Kraus zitieren?

„Ich warne vor Nachdruck. Meine Sätze leben nur in der Luft meiner Sätze: so haben sie keinen Atem. Denn es kommt auf die Luft an, in der ein Wort atmet, und in schlechter krepiert selbst eines von Shakespeare.“

Atem der Sprache. Doch der und jener Hauch müssen zum Laut werden. Kraus dachte mit dem Ohr, nahm Texte akustisch war, und er mußte, wie Elias Canetti in „Die Fackel im Ohr“ schrieb „diese Zeitungen so lesen, als ob er sie hörte. Die schwarzen, toten Worte waren für ihn laute Worte. Wenn er sie dann zitierte, war es, wie wenn er Stimmen sprechen ließe: akustische Zitate.“

Von Karl Kraus können wir uns abhören, daß Sprachkritik zugleich Gesellschaftskritik ist. Darin kommt er mit Adorno und Benjamin überein. Aber es gibt bei Kraus auch diese Poesie der Abschweifung, das, was man den digressiven Takt nennen kann (ein im übrigen auch für Adorno wichtiger Begriff), und für solche Digression ist und bleibt einer der Lieblinge von Karl Kraus zuständig:

„Den Weg zurück ins Kinderland möchte ich, nach reiflicher Überlegung, doch lieber mit Jean Paul als mit S. Freud machen.“

Eben jene in der Imago unverstellte Zeit, die auch für Adorno bedeutsam war. Kindheit und der Aspekt des Abschweifens und Vorstellen: Phantasie. Jenes Land, das wir nicht mehr erreichen, es sei denn in einer Recherche der Literatur und des Erzählens. Doch solches Schreiben hat an der bitteren Realität sein Ende.

„Mir fällt zu Hitler nichts ein“, so beginnt Kraus‘ „Dritte Walpurgisnacht“. Aber das eben stimmte nicht. Noch sein Schweigen war beredt. Den Einmarsch der Nazis in Österreich bzw. dessen Anschluß, daß die alte Heimat heim ins schreckliche Reich käme, mußte Karl Kraus zum Glück nicht mehr erleben. Alles hatte seine Zeit.

Karl Kraus‘ Grabstelle auf dem Wiener Zentralfriedhof,
photographiert von Bersarin, im Oktober 2019

„Keine Ferne macht dich schwierig“ – Dirk von Petersdorff „Romantik. Eine Einführung“

RR_126_PetersdorffZur Romantik gibt es zahlreiche Publikationen, wissenschaftliche wie auch populärwissenschaftliche Bücher. Das neueste Buch stammt von Stefan Matuschek und trägt den Titel  „Der gedichtete Himmel. Eine Geschichte der Romantik“. Das bekannteste Buch dürfte von Rüdiger Safranski verfaßt sein: „Romantik. Eine deutsche Affäre“, erschienen 2007. Beim ersten Lesen damals fand ich dieses Buch hilfreich und inspirierend, der Leser bekam Lust auf die dort vorgestellten Autoren und Texte, und vor allem reichte diese Romantik hin bis zu Kleist und Hölderlin und darüber hinaus noch bis zu Wagner. Safranski schreibt locker und doch nicht banal, so daß Anfänger einen guten Überblick bekommen und eine komplexe Epoche, die man vom Jahr 1795 bis hin zur Mitte des 19. Jahrhunderts und wenn man es weiter fassen will gar bis zum Gesamtkunstwerk Wagners einordnen kann. Einerseits. Erkauft freilich ist dieser Blick damit, daß der Leser zuweilen die Interpretation und die Zuschreibungen Safranskis und nicht die Sicht von Autoren wie Novalis, Wackenroder, Tieck, Schelling oder den Gebrüdern Schlegel geliefert bekommt. Solche Festschreibung und Interpretationsartefakte etablierende Lektüre freilich ist ein häufig anzutreffendes Problem von Einführungen – weshalb es geboten ist, möglichst zeitnah dann auch, nach der Lektüre einer solchen Einführung, die Originaltexte zu lesen, um selber zu urteilen und zu schauen, was geschrieben steht. Dennoch macht Safranskis Buch Lust auf jene Epoche sowie ihre Autoren, es regt zu eigenen Lektüren an und es wirft die Leser mit Emphase und Lust in jene Zeit. Safranski ist ein wunderbarer Stilist und Autor.

Das Grundproblem von solchen Einführungen bleibt freilich bestehen: erst wenn man über den Status des Anfängers hinaus ist, kann man überhaupt die Qualität eines solchen Buches beurteilen; und dann eben benötigt man im Grunde keine Einführung mehr, sondern wundert sich vielmehr über manche Einführung. Und wer auf die Einführung als Anfänger angewiesen ist, kann nicht recht beurteilen, ob das, was dort steht, auch stimmt, gegebenenfalls erfährt man Unsinn und hält solchen Unsinn gar für eine gelungene Sichtweise, die man dann auch noch nachplappert – wie das bei Leuten wie Richard David Precht der Fall ist, wenn sie Einführungen zur Philosophie verfassen. Insofern ist der Leser am Ende auf die Redlichkeit des Autors angewiesen, daß er nicht allzu viele einseitige Zuspitzungen, Interpretationskonstrukte und verengende Lektüren einbaut.

Nun ist im letzten Jahr in der Roten Reihe von Klostermann eine Einführung in die literarische und philosophische Romantik erschienen, und zwar von dem Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Dirk von Petersdorff, gegenwärtig – und passend zum Sujet – wie sein Kollege Stefan Matuschek in Jena lehrend. Und damit sind wir topographisch mitten in der literarischen Romantik, ihren Mythen und Anekdötchen von der wilden Wohngemeinschaft der Gebrüder Friedrich und August-Wilhelm Schlegels in der Leutragasse 5, mit ihren Weibern, Dorothea Friederike Schlegel (geborene Brendel Mendelsohn) und Caroline Schlegel-Schelling, einem Leben jenseits der üblichen bürgerlichen Konventionen, dem Besuch von Novalis, Tieck und Schelling dort, Debatten- und Leseabenden sowie, wie es die Legende will, einem freien Leben und Lieben. Und gar fleißig parodierte der Kreis Schillers Pathos, so etwa tat es August-Wilhelm Schlegel in „Schillers Lob der Frauen“

„Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe,
Wollig und warm, zu durchwaten die Sümpfe,
Flicken zerrißene Pantalons aus;
Kochen dem Manne die kräftigen Suppen,
Putzen den Kindern die niedlichen Puppen,
Halten mit mäßigem Wochengeld Haus.“

Später, 1828 beschrieb Ludwig Tieck jene wunderbare Jahre in einer Widmung seines „Phantasus“. An August Wilhelm Schlegel dediziert,  formulierte Tieck:

„Jene schöne Zeit in Jena ist […] eine der glänzendsten und heitersten Perioden meines Lebens. Du und Dein Bruder Friedrich – Schelling mit uns, wir alle jung aufstrebend, Novalis-Hardenberg, der oft zu uns herüber kam: diese Geister bildeten gleichsam ununterbrochen ein Fest von Witz, Laune und Philosophie.“

Doch es ging in Jena um mehr als ein Lebensprojekt, wenn denn Ortsnamen auch für Denkbewegungen stehen sollen. Jena war mit Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Schiller und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling ein Zentrum des Denkens der Philosophie und der Kunst, dezentral-zentral gleichsam und eine Pferdereise entfernt lag Weimar. (Hegel kam erst hinzu, als der Zauber vorüber und eine Gestalt des Lebens alt geworden.) Das Szenario Jena um 1800 beschreibt Peter Neumann in seinem Buch „Jena. Republik der freien Geiser“. (Freilich sehr an der Oberfläche geschrieben. Mir hat es nicht besonders gut gefallen. Aber es ist unterhaltsam zu lesen und wer einen schnellen Blick auf jene Jahre werfen möchte, ist halbwegs gut bedient.)

Pointiert und im Sinne der Philosophie und also als gescheite Einführung zu empfehlen ist das Buch die beiden französischen Philosophen und Derrida-Schüler Philppe Lacoue-Labarthe und Jean-Luc Nancy, und zwar „Das Literarisch-Absolute. Texte und Theorie der Jenaer Frühromantik“. In Frankreich damals 1978 ein Standardwerk, zumal darin Texte der Gebrüder Schlegel, Schellings und Novalisʼ sich befinden. Beide Autoren beschreiben diese Szene der Literatur-Philosophie wie folgt:

„Die Personen, die sich in Jena versammeln werden, sind auf unmittelbarste Weise an dieser dreifachen Krise [die soziale und moralische des Bürgertums, die politische Krise der Französischen Revolution und die Kantische Kritik bzw. die Antwort Johann Gottlieb Fichtes in seiner Wissenschaftslehre von 1794, Hinw. Bersarin] beteiligt. Ihr Projekt wird deshalb kein literarisches Projekt sein, es wird keine Krise in der Literatur, es wird vielmehr eine allgemeine (soziale, moralische, religiöse, politische: all diese Aspekte lassen sich in den Fragmenten auffinden) Krise und Kritik eröffnen, die ihren bevorzugten Ausdrucksort in der Literatur oder in der Literaturtheorie findet.“ (Lacoue-Labarthe/Nancy, Das Literarisch-Absolute)

Wenn es um eine Text-Kommentar-Einführung in die literarische und philosophische Frühromantik und um das Studium dieser Zeit geht, ist jenes Buch unbedingt zu empfehlen. Um aber überhaupt erstmal einen schönen und auch gut geschriebenen und klugen Einstieg zu bekommen, greife man zu von Petersdorffs Buch. Es ist im Blick auf die Facetten der Romantik weiter gefaßt und kommt insofern auch unserem Alltagsverständnis entgegen, was wir im gewöhnlichen Gebrauch unter Romantik verstehen: etwa ein romantischer Abend zu zweit. Wer eine schnelle, aber dennoch präzise Einführung lesen möchte, um ein wenig die Kontexte und Zusammenhänge zu erfassen, der greife zu diesem Buch. Von Petersdorff schrieb eine originelle Einführung, die sich in Ton und Stil von den üblichen Einführungen abhebt. Nicht so sehr in dem Sinne, daß darin eine Vielzahl philosophischer Bezüge frühromantischer Ästhetik entfaltet werden: von Kants „Kritik der Urteilskraft“, vom Spinoza-Streit, von Friedrich Jacobi, Schillers „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“, Fichtes Wissenschaftslehre von 1794/95, dem sogenannten ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus von 1797 (von Schelling, Hölderlin, Hegel, ganz genau ist die Verfasserschaft bis heute nicht geklärt) bis hin zu Hölderlins Philosophie samt seiner Dichtung und Hegels Kritik der Romantik – die ironischerweise genau aus dem Geist der Romantik erfolgte, weswegen man zu recht auch Hegel einen Philosophen der Romantik nennen kann. Denn was sie alle gemeinsam verbindet, ist die Frage nach dem Absoluten und wie es in der Sprache und als Denken in eine Darstellung zu bringen ist. All diese philosophischen Voraussetzungen fehlen zwar in dem Buch, und man hätte sie durchaus einbauen können, doch da von Petersdorffs Methode – mithin sein Weg – ein anderer ist, kann man dieses Fehlen zugleich entschuldigen. Und damit sind wir, frei nach Hegels Kapitel aus der „Wissenschaft der Logik“ bei der Frage, womit der Anfang gemacht werden muß. Am besten mit dem Anfang, und das heißt, daß wir zunächst einmal anfangen, ohne die Präliminarien zu prüfen. „Der romantischen Anfänge um 1800“, so von Petersdorff, „fanden in Wohngemeinschaften statt.“ Das würde ich als Auftakt nicht ganz so sehen, eher schon, daß an bestehende Probleme und Fragen der Philosophie und der Literatur angeknüpft wurde und daß sich, um in die Debatten und Live-Gespräche zu treten, eben auch jene Lebensform des gemeinsamen Denkens und Wohnens anbot, sei es in Jena oder die Gemeinschaft von Friedrich Schlegel und Friedrich Schleiermacher in Berlin. Nicht das Wohnen per se, sondern bestimmte Fragen und Probleme des Denkens bildeten das Zentrum, von dem alles ausging und woran jene Autoren anknüpften.

Um dabei in jene „wilden Jahre der Philosophie“ (R. Safranski) und auch der Literatur und überhaupt einer speziellen Form des ästhetischen Denkens zu gelangen, bietet von Petersdorffs Buch dennoch einen guten Zugang. Stichpunktartig greift er Ansätze dieses Denkens der Romantik heraus, so von Novalis die Überlegungen zum Unendlichen und Friedrich Schlegels Konzept von Ironie, dem Romantisieren, um dem eigenen Leben eine Bedeutung zu verleihen. Petersdorff macht Szenarien auf, die den Lesern die für die Romantik wesentlichen Begriffe, wie etwa Unendliches und Gewöhnliches, Ironie, Fragment, veranschaulichen – immer wieder mit einem Ausflug in die Texte, sei es von Novalis oder Schlegel, und durch Zitate, die von Petersdorff erläutert und qua Auslegung in einen Kontext bringt. Oft auf eine unterhaltsame Weise, ohne dabei trivial zu sein. Zuweilen liest sich das Buch wie eine Vorlesung, der man gerne zuhört und wo niemand auf dem iPhönchen sich textend-tindernd ablenkt. Das ist die Stärke dieses Buches. Der Leser steckt nach der Lektüre sofort in einem Denkszenario und bekommt – ganz romantisch gesprochen – ein Gespür für das, was Romantik bedeutet. Es geht von Petersdorff also mehr um die Erfahrung der Bedeutung eines Begriffes und weniger um philosophische Problemhorizonte, wie dies etwa bei Lacoue-Labarthe und Nancy im Titel „Das Literarisch-Absolute“ entfaltet wird. Es soll das Spezifische dieses doch weit gefaßten Begriffes „Romantik“ gegenwärtig gemacht werden.

Das passiert auch durch Petersdorffs Ausgriffe auf die Gegenwart, die er immer wieder in seine Darstellung einbaut: so zum Beispiel in die Welt des Pop: sei das ein Song von Ed Sheeran („Castle on the Hill“ von 2017) oder James Camerons Titanic-Verfilmung mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio von 1997 oder aber die Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann, die Songs von Bob Dylan und von Tocotronic. Zentral in diesem Kontext des Ausschweifens in die Welt ist auch Wolfgang Herrndorf und das von Eichendorffs „Taugenichts“ romantisch inspirierte Reisemotiv im „Tschick“, auf das Gustav Seibt in einer Rezension hinwies und das Petersdorff im Sinne von Eichendorff und Novalis‘ „Heinrich von Ofterdingen“ aufgreift. Es werden hier also durch unterschiedliche Texte Bezüge und Verbindungen auch zu unserer Gegenwart erzeugt, die den Lesern bestimmte Motive verdeutlichen. Diese Motive sowie die Form ihrer Darstellung sind für die Frühromantik und darüber hinaus spezifisch und machen den Begriff aus. Insofern finden wir in diesem Buch nicht nur den Blick in eine Epoche der deutschen und englischsprachigen Geistesgeschichte (die französische Romantik kommt in dem Buch leider kaum vor), nämlich jener Zeit zwischen 1795 und 1850, sondern ebenso aktualisiert Petersdorff jenes romantische Gefühl nach Unendlichkeit und jenes Sehnen auch zur Gegenwart hin. Das Unendliche, die unendliche Reflexion sollen die Empfindungen und all unsere Sinne berühren und nicht bloß den Verstand – schließlich ging es nicht nur der Romantik darum, das Verstandesdenken zu überwinden – zugunsten einer umfassenden, vielfältigen Vernunft. Das Absolute wäre nicht absolut, umfaßte es nicht auch diesen Bereich des Empfindens und der Affekte. In diesem Sinne ist es konsequent, daß ins Denken der Romantik auch lebens- und existenzphilosophische Aspekte Einzug halten: „‚Romantisieren‘: dem eigenen Leben Bedeutung verleihen“ heißt eines der Kapitel. Die Frage nach dem Verhältnis von Unbedingtem und Bedingtem und wie dieses in eine Sprache und damit auch in eine Anschauung gebracht werden kann, ist für das endliche Leben und die Weise des Reflektierens sterblicher Lebewesen zentral. Oder wie es in Novalis‘ „Blüthenstaub“-Fragement – veröffentlicht 1798 in der Zeitschrift „Athenäum“ der Gebrüdern Schlegel –  schrieb: „Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge.“ So bereits taktet die Fragmentsammlung im ersten Satz auf.

Solche philosophischen Bezüge wie auch die unterschiedlichen Phasen der Romantik, von Jena bis hin nach Heidelberg, verfolgt von Peterdorff. Fein auch, daß Autoren wie Clemens von Brentano zu Wort kommen. So etwa dessen wilder Roman „Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter“ von 1801, und darin der Wechsel der Erzähler und die Auflösung konventioneller Erzähl-Muster stattfinden und auch der Einschlag eines selbstreflexiven Erzählens, in dem immer einmal wieder die eigene Erzählhaltung kommentiert wird. Ebenso das Geschlechter-, Liebes- und Reflexionsspiel, das in Fr. Schlegels wunderbarem Roman „Lucinde“ durchdekliniert wird. Ebenfalls von Petersdorff erwähnt, doch weniger schön und ästhetisch anregend, ist der bei Achim von Arnim und bei Brentano wirkende Antijudaismus bzw. Antisemitismus, so etwa in Brentanos „scherzhafter Abhandlung“ „Der Philister vor, in und nach der Geschichte“. Die spätere Romantik, gerade in der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon und der Besetzung deutscher Gebiete durch Frankreich ist eben auch durch einen gesteigerten Nationalismus gekennzeichnet. Und hier tritt der Begriff der politischen Romantik in eine verhängnisvollere Konstellation. Was in Novalis‘ fast unschuldig-politischen Schrift „Glauben und Liebe“ noch eine freundliche, idealische Note besaß und in „Die Christenheit oder Europa“ als gewaltlose soziale Utopie eines einigen Europas auftrat, ohne Nationalismus, nimmt im Laufe der Zeit zunehmend politisch-praktischere Züge an, so etwa bei Adam Müller. Die Frage der Französischen Revolution nach einer neuen Form von Gemeinschaft ist Ende des 18. Jahrhunderts und nur wenige Jahre nach dem Terror der Revolution und einer ungeheuren Staatsmaschine bei Novalis, bei Schiller und im Schlegelkreis weiter virulent. Allerdings geht Novalis einen anderen Weg als die Gebrüder Schlegel und auch Friedrich Schiller, dem das Blut der Revolution ebenfalls ein Grauen war, der aber in seinen „Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen“ über den Gedanken der ästhetischen Bildung, daß der Mensch durch die Schönheit hindurch zur Freiheit wandere, eine andere Komponente enthielt als den Glauben und die alle Menschen in einer Gemeinschaft vereinende Religion. Solche Szenarien, bereits in der frühen Romantik angelegt, weisen darauf, daß es sich bei der Romantik nicht nur um eine ästhetische Bewegung handelt, sondern daß darin auch ein politischer, gesellschaftlicher Aspekt steckte. Petersdorff schreibt:

„Die Romantik wählte einen dritten Weg zwischen der alten absolutistischen Ordnung und der neuen Idee der Demokratie, denn sie will den Staat und die Gesellschaft über ‚Glaube und Liebe‘ integrieren, wie es der Titel der Sammlung ankündigt. ‚Uneigennützige Liebe im Herzen und ihre Maxime im Kopf‘ sei die Basis der Staatsverbindung, behauptet Novalis, und damit der Staat das Herz der Bürger erreiche, muss er sichtbar und erlebbar sein – daher die zitierten Vorschläge zum Bild der Königin in den Wohnzimmern und zum Marmorstandbild Schadows. Novalis hält damit an der Monarchie fest. Ein wahrhaftes Königspaar erreiche ‚den ganzen Menschen‘ während die abstrakte Republik mit ihrer Verfassung ‚für den bloßen Verstand‘ gemacht sei. Wenn sich die Bürger an den Herrschern als Idealmenschen orientieren, könne man auf eine Veredelung der ‚öffentlichen Gesinnung‘ hoffen. Der romantische Staat greift also weit aus, will die Gesellschaft formieren und den Einzelnen erziehen, in dessen Privatbereich er mit seinen Zeichen und Symbolen hineinreicht.“

Doch mit Napoleon stand plötzlich ein anderes Europa auf der politischen Tagesordnung. Die europäische Einheit war nicht mehr über eine Kombination aus Gefühl, Glaube und Vernunft zu bewerkstelligen, sondern über die imperiale Politik der Eroberung und Landnahme, wenn auch im Zeichen der französischen Aufklärung und des Code Civil. Und der Staat erwies sich als eine funktionale Angelegenheit. Was eine gewisse postmetaphysische Zerrissenheit nach sich zog, für die Hegel im Kontext der heraufziehendne ästhetischen und sozialen Moderne den Begriff der Entzweiung fand. (Wer diese Zusammenhänge politischer Theorie und Philosophie im Kontext mit Hegels Denken nachlesen will, der greife unbedingt zu der großartigen Studie von Joachim Ritter „Hegel und die französische Revolution“. Das Buch hat mir damals während meines Studiums zahlreiche Bereiche des hegelschen Denkens aufgetan.) Bei von Petersdorff heißt es in bezug auf Novalis weiter:

„Mit ‚Glaube und Liebe‘ liegen die Grundideen der politischen Romantik vor. Sie waren als Antwort auf die Französische Revolution und die Krise der alteuropäischen Ordnung entwickelt worden, aber um 1800 bestand noch kein unmittelbarer Handlungsdruck, und Friedrich von Hardenberg musste auch keine direkten Kriegserfahrungen machen. Dies änderte sich mit den Napoleonischen Kriegen und der Auflösung des ‚Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation‘ (1806). Für den utopischen, auch ein wenig spielerisch-idyllischen Charakter von ‚Glaube und Liebe‘ war kein Platz mehr.“

So leuchtet von Petersdorff die unterschiedlichen Konstellationen und Felder der Romantik aus und schlägt immer wieder den Bogen in die Gegenwart. So etwa über Richard Rortys liberale Ironikern aus „Kontingenz, Ironie und Solidarität“; und auch im letzten Kapitel des Buches „Verjüngungen. Romantik im 20 Jahrhundert und in der Gegenwart“ werden aktuelle Phänomene des Pop, von Bob Dylan bis Tocotronic und auch der Literatur genannt. Ebenso gestreift wird das Thema der romantischen Liebe – bis heute uns beschäftigend. Im Gegensatz aber zur Neubestimmung der Ironie in der Frühromantik, zur Neubestimmung des Fragments, der Etablierung einer Transzendentalpoesie sowie zum Romantisieren und der Suche nach dem Unbedingten kommt es bei der romantischen Liebe nicht zu einer Eigenentwicklung, sondern es werden bereits im frühen 18. Jahrhundert etablierte Kulturformen lediglich aufgenommen. Der Vorstellungskomplex der romantischen Liebe ist in diesem Sinne nicht romantisch, sondern liegt zeitlich vor der Romantik, so von Petersdorff. Dennoch kommen, insbesondere in Friedrich Schlegels „Lucinde“, freiere Formen der Liebe ins Spiel. Unendliche Gespräche und gar ein Spiel mit den Geschlechterrollen, indem sich per Phantasie jeder der Akteure ins andere Geschlecht versetzt. Auch die Briefkultur als Ausdruck ästhetischer und lebensweltlicher Subjektivität gewinnt an Bedeutung und wird ästhetisch fruchtbar gemacht. Petersdorff nennt hier Clemens von Brentanos Korrespondenz mit Sophie Mereau. Ebenso aber kommt auch im heiligen Bezirk inniger heiliger Liebe die Ironie wieder ins Spiel, wie von Petersdorff an einem Gedicht von Heine zeigt.

Was in diesem Buch im Blick auf die Ästhetik, die Kunst, die Philosophie und auch das Spazieren und Reisen freilich fehlt, und das halte ich für eine erhebliche Lücke dieser Einführung, sind die Bezüge zu Wilhelm Heinrich Wackenroder, nämlich die „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“, jenes Buch, das man als eines der „Gründungsdokumente“ der Romantik ansehen kann – zusammen zwar mit Ludwig Tieck verfaßt, aber wesentlichen Passagen stammen aus der Feder Wackenroders. Jener Kontrast und doch zugleich das Zusammenspiel zwischen der Kunst Albrecht Dürers und der von Raffael. Nürnberg und Italien. Mit Hölderlin gesagt und wie er im Dezember 1801 in jenem berühmten Brief an den Schriftstellerfreund Casimir Ulrich Boehlendorf schrieb: „Wir lernen nichts schwerer als das Nationelle frei gebrauchen.“ Wesentlich scheint mir dieser Wackenrodertext auch deshalb, weil darin im Feld der Kunst wie auch der Betrachtungen von Welt der Gegensatz zwischen Eigenem und Anderem, zwischen Nationalem und Fremden aufgelöst wurde und hier ein Modell des Miteinanders von Verschiedenem aufschien, das im Laufe der Zeiten und der Zuspitzungen verlorenging. Diese Kurve der Romantik und der Bezug auch zu Hölderlins Denken fehlen leider. Und das Adjektiv „romanisch“ als Beschreibung eines angenehmen Szenarios und einer Stimmung kommt meines Wissens ebenfalls zum ersten Mal bei Wackenroder vor. So im Brief an die Eltern vom 24. Juni 1793: „Nürnberg ist eine Stadt, wie ich noch keine gesehen habe, u hat ein ganz besonderes Interesse für mich. Man kann sie ihres Äußeren wegen in der Art romantisch nennen.“

Nun ist es in einer Rezension zwar immer bequem zu schreiben, was der Rezensent vermißt und was er haben will, zumal ein Autor kaum gehalten ist, den Wünschen des Rezensenten entgegenzukommen. Da es sich in diesem Falle jedoch, aus den oben gerade genannten Gründen, nicht bloß um eine subjektive Präferenz handelt, Wackenroder einen Abschnitt zu widmen, scheint mir dieser Einwand doch gewichtig. Allerdings schmälert er nicht das Buch selbst und die Leistungen von Petersdorffs, eine ansprechende Einführung geschrieben zu haben, die einen Blick auf den Gefühls- und Denkhorizont der Romantik liefert, und zwar in der Weise, daß darin nicht bloß eine Epoche mit ihren unterschiedlichen Ausprägungen beschrieben wird, sondern ein Gefühls- und Denklage, die bis in die Gegenwart des Pop und der Kunst hinein in unterschiedlichen Formen immer wieder zum Tragen kommt und wirkmächtig ist.

Der Schluß des Buches freilich, daß von Petersdorff ausgerechnet mit Dirk von Loetzow den romantischen Sänger wieder auftreten und auferstehen läßt, scheint mir bei aller Liebe zu Tocotronic, die der Rezensent hegt (und dies hat er an vielen Stellen dieses Blogs bewiesen), doch ein wenig weit hergeholt – auch philosophisch genommen. Wenn man es böse wollte, könnte man die Texte von Tocotronic als Slogan- oder Protokollsatz-Dichtung benennen. Aber gut: es geht dem Buch um Gefühlslagen, die einen Teil der Romantik ausmachen und dazu gehört dann eben auch der romantisch inspirierte Pop-Sänger (und die vorletzte Platte hieß ja auch „Die Unendlichkeit“): Keine Ferne macht dich schwierig, kommst geflogen und gebannt und zuletzt des Lichts begierig bist du Schmetterling verbrannt. Das eben ist die selige Sehnsucht, der nur die wenigsten entkommen und das ist es, was wir begehren. Das Absolute steckt zugleich im Augenblick und im Detail. Im Küssen, im unendlichen Gespräch, am Strand der Elbe, gemeinsam auf einer Englandjacke sitzend, während seine Hand zum ersten Mal durch ihr blondes Haar strich. Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren … Und dieses Gedicht eben, von Novalis, aus dem „Heinrich von Ofterdingen, ist neben einiger Dichtung Eichendorffs, eines der schönsten Stücke der romantischen Lyrik:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit werden gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort

Jenes geheime Reich müssen wir uns erlesen. Und ganz im Sinne der Phänomenologen bleibt dann im Blick auf die Romantik nur zu sagen: Zu den Texten, citoyens!

Dirk von Petersdorff: Romantik. Eine Einführung, Klostermann Verlag 2020 (Klostermann Rote Reihe 126), 162 Seiten, mit farbigen Abbildungen. Kt 16,80 €, ISBN 978-3-465-04394-2

Baby, laß uns impfen!

Bisher war ich mit der Kampagne #allesdichtmachen lässig, fand die teils lustig und gut, vor allem #teamtukur und #teamliefers, aber mit diesem Video übertreiben sie ihre Satire. Auf eine derartig böse Weise darf man Impfwerbung nicht in den Dreck ziehen. Denn ich halte das Impfen für eine wichtige und gute Sache. #allesdichtmachen geht hier zu weit.

„Baby, lass uns impfen!
Ich und du wir zwei!
Lass uns hier verschwinden
Endlich sind wir frei!
Komm wir gehn jetzt impfen,
du kannst mir vertraun!
Wir tanzen und wir singen
ein Leben wie im Traum!“

Und ich fange heute zum ersten Mal daran zu zweifeln an, ob ich mich wirklich impfen lassen will, nachdem ich dieses Video sah. Vielleicht ist es doch besser, es nicht zu tun, wenn derart geworben wird. Kleiner Witz – geht ja eh nicht, weil in Berlin gar kein Impfstoff da ist und es staatlich organisiert auch keine Impftermine gibt. Nicht einmal für die Leute, die in der Prioritätsgruppe 3 nun an der Reihe wären. Seit etwa 1 1/2 Monaten versuche ich auf der Internetseite des Landes Berlin bei einem der sechs Impfzentren einen Termin zu buchen.*[Zum Land Berlin siehe Fußnote] Nicht daß ich schon an der Reihe wäre, ich gehöre nicht zur Priogruppe 3, sondern nur zu den geburtenstarken Jahrgängen, die irgendwann mal drankommen, vielleicht, wenn die vierte oder fünfte Welle kommt, wie der Alarm eben gerade rauscht, aber ich versuche aus Recherchegründen, einen Termin zu buchen. Es erscheint dann seit Mitte April und also seit sechs Wochen jeden Tag eine Meldung wie diese:

„Bitte beachten Sie, dass aufgrund der hohen Nachfrage und aktuell begrenzter Impfdosen alle Verfügbarkeiten ausgebucht sind. Bitte versuchen Sie es erneut zu einem späteren Zeitpunkt.“

Der in vielen Zeitungen und Fernsehmedien verbreitete Impfoptimismus scheint mir verfehlt.

Eigentlich müßte es gegen diese verfehlte Corona-Politik – von mangelnden Lufttauschern in den Schulklassen bis hin zu Kindern, die durch den Wind sind, und Triage in den Kinder- und Jugendpsychiatrien, einem Staat, der von seinen Bürgern viel und mehr als das fordert, aber selber nicht in der Lage ist zu leisten – massiven Protest geben. Leider werden die Corona-Demos zu einem großen Teil von Idioten bespielt. Das ist gegenwärtig das Problem. Etwas Besseres kann Leuten wie Jens Spahn und Michael Müller et al. gar nicht passieren. Kaum einer noch traut sich auf die Straße, weil er davor sich fürchtet, mit diesen Spasten in einen Sack gesteckt zu werden.

Immerhin haben hier Leute wie #allesdichtmachen in eine Kerbe gehauen. Und wenn es schon in diese Richtung geht, dann frage ich mich vielmehr weiter: Wer bezahlte die Werbekampagnenen der Bundesregierung im Sommer 2020? Wer bezahlt die steindämliche Kampagne dieses Wir-bleiben-zu-Hause-Quatschs, wo erwachsene Menschen mit Prominentenstatus wie Kindsköpfe mit IQ von 70 ein Dach über ihrem Kopf formen, während jene dachformenden Prominenten auf mindestens 120 qm (pro Stockwerk in der Zweietagenvilla) ihren Kindern gut ausweichen und ihrer Ehefrau mit Penetrationswünschen bequem aus dem Weg gehen können. Der Deutsche tut anscheinend nichts ohne klare Ansage: sei es Blitzkrieg, sei es Zu-Hause-bleiben.

Man sagt, Scholz & Friends stecke hinter der Werbe-Kampagne fürs Zuhause-Bleiben. Und da möchte ich gerne wissen, ob diese Werbeagentur diese Kampagne umsonst machte oder ob sie dafür Bundeskohle erhielt. Und wenn letzteres: dann ist die Frage wieviel; und es steht weiterhin die Fragen im Raum, ob dieses Geld nicht sinnvoller in Lüftungsgeräte für Schulen oder eine bessere Ausstattung von Kliniken oder Schulen oder Universitäten gesteckt worden wäre als in diese strunzen- und blunzenblöde Kampagne – vom Sofaheld bis hin zu dieser Dach-überm-Kopf-Kindergarten-Aktion. Das sind Dinge, über die ich mich sehr viel mehr ärgere als über die stellenweise sehr treffenden, lustigen und guten Videos der Schauspieler.

Und wenn wir schon dabei sind: nein, es ist, wie viele Zeitungen berichten, keine neue Normalität und auch keine „neue Freiheit“, wenn man zum spontanen Besuch eines Biergartens oder des Außenbereichs eines Restaurant, wo nachweislich und bei den Winterwinden des Mai 2021 frische Luft weht, einen Gesundheitsnachweis braucht, für den man sich vorher das Nasenloch penetrieren lassen muß. Und nein: ich werde nicht bei Karstadt einkaufen gehen und vorher nach einer Teststation suchen. Sondern ich bestelle dann selbst das Paar Socken und die Unterhosen bei Amazon. Schließlich bin ich für 7,99 Euro im Monat Prime-Kunde, kann die schöne Serie „Vikings“ oder die BILD-Doku gucken und bekomme, Socken, Unterhosen, Jeans, CDs, DVDs und vieles mehr kostenlos nach Hause geliefert. Und im Unterschied zu den Freunden der Ökologie stören mich auch Aluschalen nicht, mit denen Restaurantessen geliefert wird.

____________

* Zwar weiß ich, daß ich in Berlin teils in einem Failed State lebe, dem Reichshauptstadtslum eben, wo einem Monika Herrmann, Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, schon auch mal entgegnet, wenn sich eine Frau über schwarzen Dealer in der Görlitzer Brache beschwert, die dieser Frau was aufs Maul gaben, so daß ihr ein Zahn fehlte: „Da mußt Du halt besser auf Deine Zähne aufpassen!“ (Aus dem Gedächtnis zitiert.) Gesundheit ist eine politische Sache und da lehnt man dann auch gern die Bundeswehr ab, wenn es um Personal für Gesundheitsämter in Zeiten von Corona-Krise geht. Statt daß Monika Herrmann nun aber selber Personal organisiert oder Freiwillige mobilisiert geschieht was? Gar nichts.

Mohrenstraße bleibt!

Seit einigen Jahren wollen Aktivisten die Mohrenstraße wegbenennen und mithilfe des Bezirks und an der Bevölkerung vorbei wird dies auch geschehen, wenn nun nicht Bürgerprotest erfolgt, und zwar von all den Berlinern und denen, die in Berlin wohnen. Nur wenn es viele sind, wird es nützen. (Wie das geht, dazu gleich unten.)

Der Historiker Götz Aly schrieb in der „Berliner Zeitung“ vom 18.5.:

„Seit 330 Jahren gehört diese Straße zu der in ihrer historischen Struktur erhaltenen Friedrichstadt. Durchgesetzt haben diesen Geschichtsfrevel Grüne, SPD und Linke im Bezirk Mitte. Zuvor hatten dieselben Parteien im Abgeordnetenhaus eine Ermächtigungsklausel beschlossen, mit der sie die Ausführungsvorschriften des Straßengesetzes um ein gummiweich formuliertes Kriterium zur Umbenennung ergänzten: den „Bezug zu rassistisch-imperialistischen Ideologien“. Aber dieser besteht im Fall Mohrenstraße nicht.

Ohne jede Begründung wird zudem behauptet, der Straßenname schade „dem nationalen und internationalen Ansehen Berlins“ und enthalte einen „rassistischen Kern“. Dazu ist zu sagen: Zur Zeit der Benennung wurden in der ständisch verfassten Gesellschaft einzelne Menschen- und Berufsgruppen mit Straßennamen nicht diskriminiert, sondern ehrend als Gemeinschaften hervorgehoben. Deshalb haben wir in Berlin die Schützenstraße, die Jüdenstraße, den Gendarmenmarkt, den Kadettenweg, den Hugenottenplatz, die Böhmische Straße usw. Die Mohrenstraße kreuzt die nach dem vor 320 Jahren regierenden Königspaar – Friedrich und Charlotte – benannten Straßen des heutigen Zentrums. Eine derart hervorgehobene Position im alten und heutigen Zentrum Berlins kann nicht herabsetzend gemeint gewesen sein. Im Deutschen wird das Wort Mohr seit langer Zeit nicht mehr als Bezeichnung für einen Menschen dunkler Hautfarbe verwendet; es existiert auch nicht als Schimpfwort.

Die Mohrenstraße ist Teil der Stadtgeschichte, ähnlich der Mauerstraße, dem Festungsgraben, der Invaliden- oder der Hirtenstraße. Dasselbe gilt für die zur Mohrenstraße parallel verlaufende Taubenstraße. Sie war nicht etwa dem Vogel, sondern solchen Soldaten gewidmet, die im Kriegsdienst ertaubt waren und dort Unterkunft gefunden hatten. Gilt das demnächst als behindertenfeindlich? Es gibt keinen Grund, an den historischen Namen zu rütteln. Sie sind Schriftdenkmale, die es uns Heutigen ermöglichen, die Vergangenheit unserer Stadt zu lesen und besser zu verstehen.

Was tun? Nach den Paragraphen 40 und folgende des Bezirksverwaltungsgesetzes wäre das Bezirksamt verpflichtet gewesen, die „Mitwirkung der Einwohnerinnen und Einwohner zu fördern“ und diese rechtzeitig „über ihre Mitwirkungsrechte zu unterrichten“. All das haben der Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel und die zuständige Stadträtin Sabine Weißler (beide Grüne) fahrlässig oder willentlich unterlassen.

Die Idee zur Umbenennung wurde von einer kleinen, wenig informierten antikolonialistischen Gruppierung forciert. Diese nennt das Bezirksamt „zivilgesellschaftliche Akteurinnen/Akteure“. Diejenigen, die dagegen seit Jahren begründete Einwände erheben, zählt dasselbe grün-rot-rot durchherrschte Amt nicht zur Zivilgesellschaft. Dagegen sollte man sich zur Wehr setzen.

In den nächsten vier Wochen können alle Berliner und Berlinerinnen brieflich Widerspruch gegen die Umbenennung einlegen, zu richten an: Bezirksamt Mitte von Berlin, Abt. Weiterbildung, Kultur, Umwelt usw., Karl-Marx-Allee 31, 10178 Berlin. Lassen Sie sich den Eingang bestätigen.“

Diesem Aufruf kann ich mich nur anschließen und ich werde ebenfalls ans Bezirksamt Mitte schreiben. Geschichte – auch Kolonalgeschichte – läßt sich nicht begreifen, indem man Denkmäler schleift und Namen tilgt, sondern nur, indem Menschen wissen, was mit bestimmten Namen verbunden ist. Selbst bei solchen Namen wie dem Hamburger Kaufmann und Sklavenhändler Heinrich Carl von Schimmelmann reicht es nicht aus, einfach einen Straßennamen zu entfernen – und wenn man es möchte, dann muß das unter Beteiligung aller Bürger einer Stadt oder eines Bezirkes geschehen. Bei der Mohrenstraße nun liegt der Fall noch einmal anders. Es ist dies kein Name, sondern wie Aly zeigte, eine Ehrbezeichnung. Schlimm auch, daß gerade jene Kräfte, die ansonsten bei dem Thema Bürgerbeteiligung im demokratischen Gemeinwesen eine hohe Meinung von genau solcher Partizipation haben, genau dann von solcher Beteiligung abgerücken, wenn es der eigenen Agenda zuwiderläuft und wenn es sich gar um ein Projekt handelt, daß jene Politiker auf Teufel komm raus, auch gegen den Willen von Bürgern, durchbringen wollen.

Sentimentale Reise: Bernward Vesper zum 50. Todestag

Heute ist der 50. Todestag von Bernward Vesper: Autor, Sohn, Vater, Geliebter und Mann von Gudrun Ensslin. Er starb in der Irrenanstalt Hamburg-Ochsenzoll, wo er sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben nahm. Sohn des völkischen Dichters Will Vesper. Der Vater sympathisierte nicht nur mit den Nazis, sondern teilte auch deren Ideen. Völkisch-nationalistisch bis in die Knochen und bis in die Literatur hinein.

indexBernward Vesper litt unter diesem Vater und suchte zugleich die Anerkennung des Vaters. Noch in der Mitte der 1960er hegte er – übrigens zusammen mit Gudrun Ensslin, seiner Geliebten – den Nachlaß des Vaters. Eine tragische Lebensreise, zwischen alter Zeit und einer Generation des Aufbruchs, und ein viel zu kurzes Leben. Vespers autobiographischer Fiktions- und Lebensessay „Die Reise“ gehört für mich zu jenen interessanten und besten Büchern aus dem Bereich „Neue Subjektivät“ und dem sich seit den späten 1960er Jahren etablierenden Schreiben aus dem Ich und der neuen Empfindsamkeit heraus, nachdem die Revolutionsträume gescheitert waren und Teile der Linken in die K-Gruppen oder in die RAF und den 2. Juni abtauchte. Oder eben in die Innerlichkeit. Zu dieser Literatur der Neuen Subjektivität gehört auch Thomas Bernhards Tetralogie über seine Kindheit und Jugend. Radikaler aber und an den US-amerikanischen Schreibweisen der Beatniks orientiert, war jedoch Vespers „Reise“.

Im Schreiben versuchte Vesper, sich der Wirklichkeit zu versichern. Doch der Augenblick läßt sich nicht bannen und festhalten und fixieren. Alles fließt. Immer. Leben eben:

„Beim Vorbeifahren der Autos auf der Autobahn begreife ich, daß ja nur das Allerwenigste protokollierbar ist. Wiederum: Schriftsteller würden sagen: die Sprache, der Rahmen des Buches reicht nicht zu. Aber das meiste ist bereits unwiederbringlich verloren, wenn es geschieht. Ich stelle mir vor, ich hätte die Protokolle aller, die bisher lebten. Und mit einer Feuersbrunst würden diese Milliarden Leben noch einmal vernichtet. Oberflächliche Aufzeichnungen, gewiß. Aber das Bewußtsein und die Sprache sind nie darüber hinausgekommen.“ (Vesper, Die Reise)

Dieser Wunsch, Leben und Szenen des Lebens und auch das Gewöhnliche festzuhalten, daß der Augenblicke bliebe und daß wir verweilen könnten, daß wir diesen Moment in Sprache bringen, das Nachdenken darüber, wie solche Szenen festzuhalten wären, wird zur Frage des Erzählens: wie dies darstellen? Wie den Augenblick protokollieren? Das Leben ist kein Protokoll. Aber in der Literatur geht zumindest das Erzählen, Beschreiben, Schreiben oder es erfinden  – zumindest die Transformation und die Verwandlung von Zeit vermag die Literatur. Ob Vesper das wußte, bleibt fraglich. Vesper war im Sinne der Innerlichkeit ein Romantiker, aber nicht im Sinne ästhetischer Reflexion und Komposition: dem Gewöhnlichen einen höheren Sinn zu geben, wie Novalis es in einem seiner Fragmente schrieb. Doch Vesper war nicht Handke und wollte es vielleicht auch gar nicht sein, er unternahm eine andere Reise, während Handke das Gewöhnliche poetisierte und zugleich beschrieb.

Wenn freilich Bewußtsein und Sprache nicht darüber hinauskommen, dann mögen andere Mittel recht sein, um jenes Bewußtsein und damit auch die Sprache zu erweitern. Versuche eben:

„DIESE AUFZEICHNUNGEN FOLGEN nicht im geringsten einer Assoziationstechnik. Sie haben nichts mit Kunst oder Literatur zu tun. Ich bin darauf verwiesen, die Spitze der Eisberge wahrzunehmen.“

Obgleich diese Prosa keine Literatur und Kunst sein mag, sind Vespers Reise-Aufzeichnungen zu einem Teil dennoch die Poetik eines anderen Erzählens, eines anderen Beschreibungstons, ästhetisch  innovativ insofern, denn sie gründen das mit, was man – von der Beat-Literatur der USA beeinflußt – eine Form von rauschhaftem Freischreiben nennen kann, das in Jack Kerouac und der ästhetischen Drogenratte William S. Burroughs seinen Vorläufer besitzt,  und was das Genre dieser Neuen Subjektivität der 1970er Jahre ausmacht. Bei Vesper funktioniert diese Neue Subjektivität in einer gelungenen Weise, ästhetisch avanciert, gleichsam Deutsch-Amerikanische-Freundschaft, während ein Jahr später die RAF und Gudrun Ensslin in der Heidelberger Offensive die US-Army attackierten; eine Subjektivität, die noch nicht im Ton einer Karin Struck oder dem Tod des Märchenprinzen bagatellisierte. Aus Reisen werden Trips und der Versuch, das eigene Leben zu erzählen und vor allem: festzuhalten. Eine Erfahrungsseelenkunde gleichsam, doch auf neue Weise und damit vielleicht, wie es im Klappentext des Buches heißt, der „Nachlaß einer ganzen Generation“ und ihrer erfüllten wie gescheiterten Hoffnungen. Das Jahr 1979 brachte dann jenen erheblichen Einschnitt und einen Geschichtsbruch, gegen den das Jahr 1968 und auch 1989 unerheblich waren. (Wer wissen will warum, greife zu Frank Bösch „Zeitwende 1979. Als die Welt von heute begann“.)

Wer ein wenig auch über Vesper und das Verhältnis von Vesper und Ensslin (beide gefördert von der Studienstiftung des Deutschen Volkes und begabte Studenten) erfahren will, der lese in Ingeborg Gleichaufs Ensslin-Biographie „Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin“ und dazu auch von Michael Kapellen: „Doppelt leben. Bernward Vesper und Gudrun Ensslin. Die Tübinger Jahre.“ Darin finden wir ein Panorama jener 1960er Jahre und dieser Zeit des Umbruchs und des Ausbruchs. Und auch die Lektüre von „Die Reise“ lohnt sich. Fluch der Familie und daß Blut doch dicker ist als Wasser. Und Weibergeschichten gibt es da auch.