„Kommt Putin zum Arzt ..“. Wie Verschwörungsideologie funktioniert und wie sie wirkt

Kommt Putin zum Psychiater:
„Herr Doktor, Herr Doktor. Ich höre Stimmen in meine Arsch!“

Es setzt dies sozusagen der Krone den Schmalz auf. Die Reihe der Rektumskriecher (sie ließe sich noch um Tom J. Wellbrock, Gabriele Krone-Schmalz und einige andere ergänzen), von oben links nach rechts unten: Gerd Ewen Ungar (ehemals Hetzseite „Propagandaschau“, Russia Today und Nach“denk“seiten), Ken Jebsen, Robert Fleischer („Ufos. Größte Herausforderung der Menschheit“), Dirk Pohlmann, Matthias Bröckers – beide haben sich als Verschwörungsprediger einen Namen gemacht. Die Bilder sind „Psiram“ entnommen, einem Portal, das sich „gegen Pseudowissenschaft, Esoterik und Verschwörungstheorien wendet“ (wikipedia). Wer auf Psiram und im Internet die Hintergründe zu diesen dem Putinismus zugeneigten Personen recherchert, wer die Beiträge dieser Leute hört oder liest, wird schnell die Nähe zum russischen Staatsfernsehen Russia Today und zum Putinismus entdecken. Mit anderen Worten: bei diesen Leuten handelt es sich um das, was man mit dem Wort Russentroll bezeichnet. Sie verbreiten zielgenau und in vollem Bewußtsein Desinformation im Sinne Putins – und dabei ist es unerheblich, ob diese Leute selber an den Unsinn glauben, mit dem sie andere indoktrinieren, oder ob sie solche Manöver in strategischer Absicht durchziehen, weil es ihnen darum geht, hinter der Front in einem Hybridkrieg immer neues Benzin zu verkippen. [Der Einfluß russischer Geheimdienste auf die Corona-Proteste, auf rechte Parteien wie die AfD und die Desinformationskampagnen von Gestalten wie Lawrow und Russia Today, so z.B. im Falle der angeblich entführten Lisa, einem russlanddeutschen Mädchen aus Berlin, ist nicht gering zu veranschlagen. Steter Tropfen höhlt den Stein und semper aliquid haeret: nach diesem Motto wird vorgegangen. Man muß eine Lüge oder eine Falschmeldung nur häufig genug wiederholen, dann wird sie auch für wahr gehalten.]

Was aber all diesen Verschwörungsideologen gemeinsam ist: Sie betreiben Täter-Opfer-Umkehr, sie waren auf die eine oder andere Weise bereits bei den Montagsmahnwachen dabei, als es darum ging, die russische Annexion der Krim zu rechtfertigen, indem sie immer wieder Themenumlenkungen betrieben. Mit anderen Worten: diese Angelegenheit ist nicht neu. Das, was sich als Milieu „alternativer Medien“ bezeichnet, ist eine seit mindestens einem Jahrzehnt orchestrierte Angelegenheit. Teils von Spinnern, wenn man sich die Esoterikszene bei den Montagsmahnwachen 2014 anschaut, teils von Hetzern und Verschwörungsideologen, wenn man sich Leute wie Ken Jebsen, Matthias Bröckers und Dirk Pohlmann anschaut.

Wie solche Verschwörungshetze funktioniert und weshalb sie geglaubt wird, formuliert Volker Eichener in seinem Essay „Russlands Krieg gegen die Ukraine: Kann man mit habituellen Lügnern verhandeln?“:

„Verschwörungstheorien verletzen sämtliche wissenschaftlichen methodologischen Regeln. Und sie wimmeln von logischen Fehlern, obwohl sie sich durch Verwendung von Konjunktionen wie „weil“ oder „deshalb“ den Anschein logischer Argumentationsketten geben. Aber die Schlüsse, die sie ziehen, sind in der Regel Fehlschlüsse, insbesondere:


Cui-bono-Fehlschluss. Weil jemandem ein Ereignis nutzen mag, ist nicht gesagt, dass der Nutznießer das Ereignis auch verursacht hat. Beispiel: „Selenskyj kann durch die Explosion im Hafen von Odessa die Russen der Aggression bezichtigen. Also hat er sie selbst inszeniert.“

Argumentum ad ignorantiam: Eine Behauptung ist nicht deshalb wahr, weil es (noch) keine Beweise gibt, welche die Behauptung widerlegen. Beispiel: „Das war eine ukrainische Sprengladung, die im Hafen von Odessa explodiert ist. Es gibt keinen Beweis, dass es eine russische Rakete war. Die Videos, die vom Meer aus anfliegende Raketen zeigen, sind gefälscht.“

Tu-quoque-Fehlschluss. Ein Verbrechen wird gerechtfertigt, weil andere auch Unrecht getan haben (sollen). Tatsächlich bleibt Unrecht Unrecht, unabhängig davon, ob andere auch Unrecht tun. Beispiel: „Ja, eine russische Rakete mag Zivilisten getötet haben. Aber die Ukrainer haben im Donbass einen Völkermord begangen.“ [Was nebenbei nicht stimmt, sondern die Ukraine wehrte sich gegen Angriffe durch russische Rebellen und von Rußland organisierte Angriffe, zudem auf ukrainischem Territorium, Hinweis Bersarin]

Ad-hominem-Fehlschluss: Die Gültigkeit von Aussagen wird bestritten, weil die Person, die sie geäußert hat, angegriffen wird. Beispiel: „Weil Wolodymyr Selenskyj Auslandsvermögen verschleiert hat, ist nichts von dem wahr, was die Regierung der Ukraine behauptet.“

Argumentum ad verecundiam: Eine Behauptung wird damit begründet, dass sie von angeblichen Autoritäten geteilt wird. Beispiel: „Dass die Ukraine den Angriff inszeniert hat, haben selbst arabische und indische Medien bestätigt.“ Abgesehen davon, dass die zitierten Autoritäten meist zweifelhaft sind, beweist das nichts, da sich auch Autoritäten irren können.

Non-sequitur-Fehlschluss: Es wird eine Behauptung mit einer Tatsache begründet, die gar keine Ursache dafür darstellt. Beispiel: „Die Ukraine hat den Angriff selbst verübt, weil sie mit westlichen Waffen versorgt worden ist.“ Das mit der Waffenversorgung stimmt, aber es hat nichts mit dem Angriff auf den Hafen zu tun.

[…]

Man kann die Leserschaft grob in drei Gruppen einteilen: (1) Die Putinfreunde, die ohnehin eine vorgefasste Meinung haben und die sich durch jede neue Verschwörungstheorie bestätigt fühlten. (2) Die Putingegner, die die Verschwörungstheorie sofort entlarvt haben und sich durch sie nicht beirren ließen, die sie widerlegten und sich über sie lustig machten. (3) Unentschlossene, bei denen die Verschwörungstheorie vielleicht einen Keim des Zweifels säen konnte und die diese Theorie dann möglicherweise in ihrem Bekanntenkreis weiterverbreiteten: „Ihr glaubt aber auch alles! Das waren nicht die Russen, das waren die Ukrainer selber! Ich weiß das aus sicherer Quelle.“ Jede kleine Verschwörungstheorie bildet ein Mosaiksteinchen, das zu einer großen Verschwörungstheorie beiträgt. Und selbst wenn solche kleinen Verschwörungstheorien enttarnt werden (was nicht immer wahrgenommen wird), verbleibt im Unterbewusstsein ein Rest des Zweifels („da war doch etwas“).“

Dieses Phänomen bschreibt Eichener sehr genau. Und es existiert bei solchen Lügen und Desinformationen noch ein weiteres Problem: daß nämlich in den Medien solche Lügen nicht als das bezeichnen werden, was sie sind, nämlich Lügen, sondern im Sinne einer Nachricht so getan wird, als wäre da eine Position neben der anderen – leider auch in der Tagesschau zu beobachten. Eichener schreibt weiterhin:

„Es ist ein altes Gebrechen der liberalen Demokraten, dass sie fair gegenüber Gegnern bleiben, die selbst unfair sind. Die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton zitierte Michelle Obamas Worte „When they go low, we go high” – und verlor mit dieser Taktik die Wahl gegen Donald Trump, der fortlaufend Beleidigungen und Lügen von sich gab. Deshalb fällt es uns so schwer, mit habituellen Lügnern umzugehen. Heidi Skjeseth notiert, dass sich viele westliche Qualitätsmedien sogar scheuen, eine Lüge als Lüge zu bezeichnen, weil das Wort so hart ist. Wir verstehen das Wesen der Lüge nicht, wenn wir stets von einer Wahrheitsvermutung ausgehen, d.h. davon, dass eine Aussage wahr ist, solange nicht ihre Unwahrheit bewiesen ist. Das ist allerdings der vollkommen falsche Umgang mit notorischen Lügnern.

In der russischen Sprache gibt es zwei unterschiedliche Wörter für das Wort „Lüge“: lozh (ложь) und vranyo (враньё). Lozh bedeutet schlicht Unwahrheit, während vranyo für ein Lügenmärchen steht, das gar nicht ernst zu nehmen ist. Ein Russe hat vranyo einmal mit folgenden Worten definiert: „Du weißt, dass ich lüge, und ich weiß, dass du es weißt, und du weißt, dass ich weiß, dass du es weißt, aber ich mache ohne mit der Wimper zu zucken weiter und du nickst ernsthaft und machst dir Notizen.“

Dieses Phänomen können wir jeden Tag bei den Aussagen Putins beobachten: erst hat Putin niemals die Absicht, die Ukraine zu überfallen [und jene Putinfreunde in Deutschland heben empört die Arme hoch und  rufen „Nein, NATO-Hetze!“ als im Dezember 2021 die Sache klar war, und als dann das Offensichtliche offensichtlich wurde, war es plötzlich ein Abwehrkrieg gegen böse NATO-Truppen oder gegen Nazis], dann wieder droht Putin mit Atomwaffen, dann wieder will er das alles gar nicht so gemeint haben. Und wenn man diese Taktik Putins bis auf das Jahr 2001 und seine Bundestagsrede herunterrechnet, dann erscheint auch diese dem Anschein nach gutwillige Rede als ein Ausdruck solcher vranjo: hier freilich nochmal anders motiviert, nämlich als Täuschung und daß wir im Westen diese Rede kaum hinterfragten und wir alle glaubten, mit Putin leben zu können. Nur wenige, wie Marielouise Beck, haben immer schon vor diesem Mann und seinem System gewarnt. Wir alle aber wollten es nicht hören und  hielten es entweder für transatlantische Hetze oder aber für völlig absurd und überzogen. 

Und um ebenfalls diesen Irrtum im Blick auf angeblich plural auszudeutende Fakten auszuräumen – auch hinsichtlich der Putin-Propaganda-Rede von Gabriele Krone-Schmalz an der VHS Reutlingen vor einigen Tagen: Es geht in solchen Fragen wie dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht um ein plurares und breites Meinungsspektrum. Es handelt sich bei solchen Analysen zum russischen Angriff auf die Ukraine nicht um eine Cafeteria, wo man sich das eine oder das andere Stück Kuchen aussuchen kann. Niemand käme auf die Idee, bei der Bombardierung von Dschungelflächen und Menschenin Vietnam durch US-Flugzeuge, die Agent Orange und Napalm abwarfen, von einem breiten Meinungsspektrum zu sprechen und daß man ja die USA angesichts des Kalten Krieges  verstehen könnte, solche  Massaker anzurichten: sondern hier wie auch bei Rußlands Terror gegen die Ukraine handelt es sich um Kriegsverbrechen und um einen Angriffskrieg. Und ebensowenig gibt es bei der Annexion fremder Länder, wie Rußland dies mit der Krim betrieb und ebenso mit der russischen Intervention im Donbas 2014 ein breites und plurales Meinungsspektrum. Und es hilft an dieser Stelle auch der Mythos von der NATO-Osterweiterung, die angeblich  Rußland bedroht hätte, nicht weiter. Wären die Staaten des Baltikums nicht in der NATO, gäbe es diese Staaten heute nicht mehr oder sie wären derart destabilisiert, daß dort kein intaktes Leben mehr möglich wäre. Der Sicherheitslage des freien Europa wird nicht mit Rußland entschieden,sondern in Europa geht es um die Sicherheit vor Rußland. Und warum Schweden und Finnland ausgerechnet zur NATO streben und nicht in den Einflußbereich Putins: sich das einmal zu fragen, darauf kommt keiner der oben  genannten Verschwörungsschwätzer.