Verspäteter Nachtrag zum Tod von Hans Magnus Enzensberger

„Jede Migration führt zu Konflikten, unabhängig davon, wodurch sie ausgelöst wird, welche Absicht ihr zugrunde liegt, ob sie freiwillig oder unfreiwillig geschieht und welchen Umfang sie annimmt. Gruppenegoismus und Fremdenhaß sind anthropologische Konstanten, die jeder Begründung vorausgehen. Ihre universelle Verbreitung spricht dafür, daß sie älter sind als alle bekannten Gesellschaftsformen. Um sie einzudämmen, um dauernde Blutbäder zu vermeiden, um überhaupt ein Minimum von Austausch und Verkehr zwischen verschiedenen Clans, Stämmen, Ethnien zu ermöglichen, haben altertümliche Gesellschaften die Tabus und Rituale der Gastfreundschaft erfunden. Diese Vorkehrungen heben den Status des Fremden aber nicht auf. Sie schreiben ihn ganz im Gegenteil fest. Der Gast ist heilig, aber er darf nicht bleiben.

[…]

Je höher die Qualifikation der Einwanderer, desto weniger Vorbehalte begegnen ihnen. Der indische Astrophysiker, der chinesische Stararchitekt, der schwarzafrikanische Nobelpreisträger – sie sind überall auf der Welt willkommen. […] Dem Sultan von Brunei hat noch niemand seine Hautfarbe übelgenommen. Wo die Konten stimmen, versiegt wie durch ein Wunder der Fremdenhaß.


Den Vogel schießen in dieser Hinsicht die Drogen- und Waffenhändler ab, zusammen mit den Bankiers, die ihr Geld waschen. Sie kennen keine Rassen mehr und sind über jeden Nationalismus erhaben. Vermutlich sind sie die einzigen auf der Welt, denen jedes Vorurteil fernliegt. Fremde sind um so fremder, je ärmer sie sind.

[…]

Wer seine Landsleute auffordert, alle Mühseligen und Beladenen der Welt eine Zuflucht zu bieten, womöglich unter Berufung auf kollektive Verbrechen, die von der Eroberung Amerikas bis zum Holocaust reichen, ohne Folgenkalkül, ohne politische und ökonomische Vermittlung, ohne Rücksicht auf die Realisierbarkeit eines solchen Vorhabens, macht sich unglaubwürdig und handlungsunfähig. Tiefgreifende gesellschaftliche Konflikte können nicht durch Predigten abgeschafft werden.“ (Hans Magnus Enzensberger, Die Große Wanderung. 33 Markierungen, in: Versuche über den Unfrieden, Berlin 2015)

***

Der Fliegende Robert

Eskapismus, ruft ihr mir zu,
vorwurfsvoll.
Was denn sonst, antworte ich,
bei diesem Sauwetter! –,
spanne den Regenschirm auf
und erhebe mich in die Lüfte.
Von euch aus gesehen,
werde ich immer kleiner und kleiner,
bis ich verschwunden bin.
Ich hinterlasse nichts weiter
als eine Legende,
mit der ihr Neidhammel,
wenn es draußen stürmt,
euern Kindern in den Ohren liegt,
damit sie euch nicht davonfliegen.

nach 1970
[Hans Magnus Enzensberger]


Cherson

Tanzende und feiernde Menschen auf den Straßen Chersons. Und so muß es überall in der Ukraine aussehen, und das gelingt nur mit Waffen und am Ende auch mit dem verdeckten Einsatz von NATO-Kommandos und Armeebrigaden aus dem Westen – in Uniformen der ukrainischen Armee versteht sich.

Im Februar kamen die Russen, jetzt die Ukrainer: „Als unsere Soldaten einfuhren, waren ihre Maschinengewehre in die Luft gerichtet. Als die Russen einfuhren, waren ihre Waffen auf die Menschen gerichtet. Das erklärt alles. Und sie sagten, sie seien unsere Befreier.“ So berichtet es im Tagesspiegel einer der Bewohner von Cherson – einer jener Menschen dort, die über Monate Widerstand gegen die russischen Besatzer leisteten.

Zum Tod von Kristof Schreuf

Gestern erst las ich, nachdem ich von einer Reise aus Bambergs Nebelwelt, mit Hegels „Logik“ angereichert, zurückkehrte, daß der Musiker und Autor Kristof Schreuf tot ist. Er starb mit nur 59 Jahren. Ich mochte diese Art des Schreibens und Schreiens und Wisperns, diese Musik aus einer inzwischen anderen Zeit. Es hatten seine Lieder, die Melodien und Texte und die Art, wie Schreuf es sang, immer auch einen Hauch von Rio Reiser und Udo Lindenberg. Mit anderen Worten: diese Musik ruht auf einer guten Tradition, nämlich trotz englischsprachiger Präponderanz im Pop Deutsch zu singen, aber doch nicht die in Ton, Melodie und Rhythmus ruhigere Musik der Liedermacher zu spielen – wobei auch diese, wenn ich an Georg Kreisler, Walter Mossmann, den freilich auch lauten und wild singenden Wolf Biermann, Hannes Wader und den egozentrischen DKPler Franz Josef Degenhardt denke, eine für den deutschen Text wichtige Angelegenheit war und somit ihre Berechtigung besaß – auch politisch.

Der Pop von Schreuf jedoch war auf andere Weise politisch, derart wie es auch bei Rio Reiser geschah, aber angereichert um jenen Funken Hoffnungslosigkeit, daß es nie mehr so sein würde, wie in den utopischen Träumen von einer befreiten Gesellschaft angedacht, und dazu angereichert um ein Repertoire aus Fragment und den Versatzstücken des aus Frankreich in den 1980er Jahren in Deutschland in den Pop hereinbrechenden Poststrukturalismus im Geflecht von so unterschiedlichen Autoren wie Roland Barthes, Jacques Derrida und Michel Foucault: „Der Text ist meine Party“, so lautet die wohl vielfach zitierte und bekannte Zeile aus jenem Song „Party“. 1989 trat mit der Band „Kolossale Jugend“ – bereits in der Spätpunkphase – in Hamburg eine Band auf den Plan, die etwas machte, was es in dieser Art nicht gab, und was dann von Bands wie „Die Braut haut ins Auge“, „Tocotronic“, „Die Sterne“ und „Blumfeld“ in unterschiedlicher Weise weitergeführt wurde und was fürderhin unter dem Namen „Hamburger Schule“ firmierte. Tocotronic brachte dies 1995 in den halb ironisch, halb huldigenden Song „Ich bin neu in der Hamburger Schule“ auf den Punkt.

Immer auch war es bei Schreufs Musik die Kritik an Deutschland, einem nach der Wiedervereinigung erwachten neuen Deutschland, das nicht mehr die alte BRD war und vor dem viele Angst hatten – in meinern Augen schon damals allzu alarmistisch gedacht: als ob ein neues Großdeutschland entstünde, und unfair war diese Haltung auch gegenüber all jenen in der DDR, die für ihre Freiheit kämpften: eine Freiheit, die in Hamburg und anderswo im Westen in den Zentren des Politprotests wie selbstverständlich genommen wurde. Auch wenn ich gegenüber Schreufs Sicht politisch auf Distanz bleibe, trotzdem ich die Wut auf Deutschland nach den Gewaltauswüchsen jener Hooligans zur WM 1990 verstehen kann, jenem Vorlauf zu Rostock-Lichtenhagen, betrachtet man es ex post facto, so mischte sich diese Musik doch politisch und ästhetisch in einer neuen Form und in gelungener Weise, von Sound und Text her, in das Handgemenge ein. Aber Deutschland ist mehr als „Halt’s Maul, Deutschland!“ – auch wenn man diesen Slogan zugleich ironisch verstehen kann, bei einer Band, die auf Deutsch sang. Denn gerade in der Kritik an rechtsradikalen Verhältnissen ist man eben auch und zum Glück Deutschland – ein anderes Deutschland freilich. Und für dieses andere Deutschland, mit einer anderen Art von Pop-Musik, stand Schreuf ein.

Die Band „Kolossale Jugend“ war ein Teil von unserer Zeit in Hamburg. Und die Platte „Bourgeois with Guitar“ von 2010 bildet einen schönen melancholischen Abgesang auf eine Zeit, die mal war. Gerne hätte ich Schreufs Roman gelesen, den er zum ersten Mal 2003 in Klagenfurt vorstellte und der in Planung war und sich doch immer weiter aufschob. Es paßte wohl zu seiner Art des Schreibens als Scheitern: Niemals fertig zu werden. Manche Texte haben die Tendenz, ein Luftschloß zu bleiben, darin sich gemütlich oder auch verzweifelt wandeln läßt – als Möglichkeitssinn, daß der Autor irgendwann das perfekte und gelungene Werk schüfe: Werke, die keine Werke mehr sind. Oder es geschieht wie in Thomas Bernhards Roman „Beton“, darin der Protagonist von seiner großen und größten Studie zum Komponisten Mendelssohn Bartholdy fabuliert, bei der er jedoch nicht einmal über den ersten Satz hinausgekommen ist. Das Fragment im Kopf oder in der Schublade als Form der Moderne. Dennoch: gerne würde ich die Fragmente und die Texttrümmer von Schreuf lesen, die da im Digitalen oder in einer Schublade schlummern. Aber das wird nun nichts mehr. Aber vielleicht findet sich trotzdem ein Herausgeber, der die Notate ordnet und dann bringt.

Die Goldenen Zitronen haben auf ihrer Facebookseite einen seiner Songs, nämlich „Laufe blau“, zum Andenken gepostet. Doch es sind diese alten Zeiten leider auch vorbei und wir liegen in neuen, stehen in jener Zeitenwende, auch von der Musik her vermutlich. Und doch nimmt mancher immer wieder neue Anläufe und das ist gut so. Let there be rock! Und doch waren es diese guten, alten Hamburger Zeiten, die einen besonderen Ton, eine besondere Musik und ein besonderes Lebensgefühl schufen, das auf unterschiedliche Weise ästhetisch wie auch politisch, manchmal auch als bloße Lebenspose und sogar -posse umgesetzt wurde: mit Alkohol, Abende, die bis in den Morgen gingen, mit dem unendlichen Gespräch in jenen Kneipen, Cafés und Bars, zwischen „Sorgenbrecher“ und Café unter den Linden. Eine Jugend, Ende der 1980er, in der wir eigentlich schon lange keine Jugendlichen mehr waren.

Sankt-Martinstag: das ist Laternenumzug

„Viele Kinderaugen fragen,
Es ist kalt in den Novembertagen!“

Heute abend ist wieder Laternenfest oder besser und genauer Sankt-Martinstag – rabimmel, rabammel, rabumm; man muß sich das immer von Blixa Bargeld gesprochen vorstellen – und also laufen manche heute wieder beim schönen Laternenumzug mit, so sie denn Kinder haben. Ich habe diese Veranstaltung damals als Kind sehr, so sehr genossen: im Dunkeln auf der Straße mit der Laterne, darin eine Kerze brannte. „Messer, Gabel, Schere, Licht, dürfen kleine Kinder nicht!“ – heute aber doch das Licht, das schöne, und auch Messer und Gabel durften wir schon und auch die Schere, aber eine stumpfe zum Basteln, die schöne Susanne rammte einmal einem Mitschüler eine solche Schere in den Rücken. Damals verbuchte man das aber noch nicht als Mädchenpower, sondern eher als abweichendes Verhalten, obwohl doch der Junge sie nunmal geärgert hatte. Meine schöne Laterne war blau und darauf waren der gute Mond und die lieben Sterne zu sehen, mit Gesichtern und in feinem Gelb und rötlichem Schimmer. Und wir sangen wohl auch Lieder und was das schönste war: Ein ganzer Spielmannszug zog, der Kinderschar hintendran, durch die Straße: von der Horner Rennbahn ging es los, über die Manshardtstraße, hunderte Kinder und ihre Eltern und wohl zwanzig, dreißig Jugendliche und Kinder in den Uniformen des Spielmannszuges, sie spielten ihre Instrumente – daß ich bis heute Spielmannszüge liebe, muß ich wohl nicht extra sagen – und dazu schmetterten sie Melodien: „Wacht am Rhein“, „Bomben auf Engeland“, „Wir aus den Kroogblöcken werden siegen!“ – was man eben so in einer sozialdemokratischen Stadt der späten 1960er, der frühen 1970er Jahre spielt. Nein, ich verwechsele da was, diese verdammte Erinnerung, sie spielten anderes. Und weil solche Laternenmusik so schön ist und ich mich so gerne erinnere, verweise ich an dieser Stelle auch auf einen feinen Song, den ich, glaube ich, vor einiger Zeit bei Ralf Scherzinger fand.

Ein wunderbares Musikstück namens „Laternenlied“ mit einem tollen Text! „Zieht er sein Schwert am Mikrophon und er zerteilt sein maillot jaune.“

Endstation Reeperbahn

Es gibt einen legendären Song von Gottfried & Lonzo, der heißt „Hamburg ʼ75“ – den Text schrieb der Satiriker Hans Scheibner, wunderbar gecovert 2005 von „Element of Crime“. Dieses ragtimeartige Stück handelt, wen wundert’s, von Hamburg, genauer gesagt von der Hamburger Szene jener Jahre rund um den Musikclub „Onkel Pö’s Carnegie Hall“ in Eppendorf. Berühmt durch sich selbst. Über Hamburg hinaus bekannt durch eine prägnante Zeile aus Lindenbergs „Andrea Dorea“: „Im Onkel Pö’s spielt ʼne Rentnerband, seit 20 Jahren Dixieland …“

Wer diesen Song von Gottfried & Lonzo (dem Teufelsgeiger von Eppendorf) kennt, weiß, was ich meine und der weiß um die Atmosphäre einer Stadt, die wir damals als Kinder erlebten: von Honka bis HSV, zwischen Billstedt, Jenfeld und Horn. Wer Song und Sound dieser Zeit nicht kennt, dem ist nicht zu helfen und dem kann man es auch nicht beschreiben: jenes Hamburg der 1970er Jahre. [Ich mache es vielleicht ein andermal, wenn wir eine „Sentimental Journey“ in jene wunderbaren Jahre unternehmen.] Wie dem auch sei: Dies waren die gemütlichen Zeiten. Es gab jedoch andere, häßlichere Zeiten, häßlichere Orte, weniger buntscheckig (wobei Billstedt und Horn auch nicht zu den schönsten zählen). Wild aber dennoch. Da waren nicht nur die feine Binnen- und Außenalster, die Flaniermeile Jungfernstieg, das politisch linke Eimsbüttel, wo all die Lehrer wohnten, das teils elegante, teile linke Eppendorf, verträumtes, ländliches Blankenese mit Elbhügelblick und jene herrliche Mutter Elbe, die breit strömte, sondern es war da auch die höchst seltsame Reeperbahn mit ihren Buden, Bordellen und Spelunken, der Hafen in der Nähe, der Fischmarkt, der Geruch von Pisse, Fisch, Hafen und Bier. Und was in den 1970er Jahren noch „normales“ Nuttengeschäft und Geschäft mit Bars und Bums war, das entwickelte sich in den 1980er Jahren ins organisierte Verbrechen: Kiez-Kriege wurden nicht mehr nur intern und mit Fäusten ausgetragen – sehr schön zu sehen in Klaus Lembkes „Rocker“ (1972), wenn sich Loden und Leder prügelten.

Die ARD-True-Crime-Dokumentation zur „Reeperbahn Spezialeinheit FD65“ nimmt diese Zeit unter die Lupe: Eine speziell gebildete Ermittlergruppe der Hamburger Polizei gegen die sich herausbildende organisierte Kriminalität wird portraitiert, der Hamburger Kiez, seine Zuhälter und Prostituierten, das St. Pauli der späten 1970er und dann vor allem der 1980er Jahre. Fünf Teile mit Interviews, Archivbildern und nachgestellten Szenen. Die Doku-Bilder und die Doku-Szenerien aus NDR-Archivfilm sind insofern interessant, weil sie gute Einblicke in jene Zeit und in die Probleme liefern, sie lassen die Atmosphäre jener Jahre noch einmal an uns vorbeiziehen, dazu erzählen Zeitzeugen, wenn auch zuweilen in der Aufmachung überdramatisiert. Weniger schafft in manchen Fällen mehr. In diesem Sinne ist jene vor einem Jahr im NDR gelaufene mehrteilige Doku zum Kiez, von den 1950er bis zu den 1990er Jahren, besser geraten, nämlich ohne jene Effekte, bei denen man sich durch die nachgespielten Szenen in „Reeperbahn Spezialeinheit FD65“ zuweilen bei ZDF-History oder Terra-X wähnte. Aber man muß es vielleicht so sehen: Suspense will inszeniert sein. Und weil diese Serie mit Photographien und Filmen eine Menge an Doku-Material aus dieser Zeit bietet, funktioniert das Prinzip dennoch an einigen Stellen leidlich, auch weil dort Menschen sprechen, die dabei waren und diese Zeit kommentieren und von ihrem Blick her analysieren: Polizisten, Staatsanwälte, ehemalige Prostituierte, die MoPo Reporter Thomas Hirschbiegel und Thomas Osterkorn, Kiez-Größen wie der damals „Neger-Kalle“ genannte Geldeintreiber Karl Heinz Schwensen. Und es sprechen auch, was für die 1980er Jahre etwas Besonderes ist, ehemalige Polizistinnen über ihre Arbeit inmitten einer harten und harschen Männerwelt: eine der Polizistinnen von der Schutzpolizei herstammend, sie diente auf der Davidwache mitten auf St. Pauli; und eine Polizistin als Teil des Teams vom FD65. Damals waren Frauen in der Polizei eine Seltenheit, so wie auch in der Bereitschaftspolizei bei Demos Anfang der 1980er keine oder kaum Frauen dabei waren, sondern junge Männer mit Oberlippenbärten, wie sie heute wieder modern sind. Manche hätte man für den jungen Lee Hazlewood halten können, trügen sie keine Schlagstöcke, Schilder und schwere Uniformen.

Die Serie streift teils auch die politischen Bezüge jener 1980er Jahre, von der „Stoppt-Strauß“-Demo 1980; dazu 1981, 1982 dann die Hausbesetzerszene der Hafenstraße, die Brokdorf-Demos, der Hamburger Kessel Mitte der 1980er Jahre, wo mehrere hundert Anti-AKW-Demonstranten rechtwidrig über Stunden auf der Straße festgehalten und eingekesselt wurden (gezeigt in den letzten Teilen), aber auch das Rockermilieu der Hells Angels, die das Schanzenviertel einschüchterten und von den Wirten Schutzgeld erpreßten. Niemand sprach darüber, alle wußten es.

Zentrale Figur in dieser Doku ist der Leiter des FD65, Wolfgang Sielaff, damaliger Chef der frisch gegründeten Abteilung „Organisierte Kriminalität“, der von seiner Arbeit berichtet. Ein bis heute hin eindrucksvoller Mann, der eloquent, überzeugend und mit klarer Stimme die Lage benennt, Probleme beschreiben und eine Situation analysieren kann, um daraus gezielte Vorgehensweisen zu entwickeln. Solche Macher braucht es, vor allem auch heute, um solcher Organisierten Kriminalität das Leben schwerzumachen. Wenn man diese Polizisten bei ihrer Arbeit sieht, so leben wir keineswegs nur in einem postheroischen Zeitalter. Ganz im Gegenteil sind Menschen gefordert und gewünscht, die für eine gute Sache mit ihrem Mut, ihren Überzeugungen und ihrer Tatkraft einstehen. Das nur nebenbei gesagt – denn das Problem OK ist ja keineswegs vom Tisch, und auch sonst erweist es sich im Politischen, daß solche Eigenschaften gefragt sind. Polizisten wie Wolfgang Sielaff zeigen, wie man mit Entschlossenheit eine Sache angehen kann.

Die fünf Teile umfassen das Kiezleben der ausgehenden 1970er Jahre bis hin zum Amok des Auftragskillers Werner Pinzner am 29. Juli 1986 mitten im Hamburger Polizeipräsidium. Im ersten Teil geht es um den „Paten von St. Pauli“ genannten Wilfried „Frieda“ Schulz und seinem Handlanger Dakota-Uwe. Schulz betrieb auf dem Kiez Bars, Bordelle und Spielcasinos im großen Stil und es ging Anfang der 1980er Jahre jenes Gerücht um, daß über den Hamburger Kiezgrößen irgendwer in der Polizeibehörde seine schützende Hand hielt, insbesondere der Kriminaldirektor Hans Zühlsdorf geriet in Verdacht. Nachweisen konnte man ihm nichts. Aber der Verdacht blieb. Soziologisch aufschlußreich ist auch der Blick in Schulz‘ Anwesen in Blankenese und wie dieses Haus im inneren und im Garten eingerichtet ist: Plüsch und Protz: jene Mischung aus Emporkömmling und Kleinbürgergeist und wie sich solch ein Kleinbürger vom Interieur her die großbürgerliche Welt vorstellt, die er zu imitieren und an der er teilzuhaben versucht, um zu zeigen, daß er in der Gesellschaft oben angekommen ist. Aber Schulz war, folgt man den Zeugenaussagen, zugleich auch eine Persönlichkeit, die Menschen für sich einnehmen konnte. Nur setzte er dieses Wesen in die Manipulation von Roulette-Tischen und Spielkarten sowie in die Förderung von Prostitution.

Im zweiten Teil geht es um die Verbindungen von Schulz zur US-Mafia und wie die Hamburger Polizei in ihrer Arbeit von den US-Behörden und vom FBI lernte, um eine der effektivsten Abteilungen zur Bekämpfung von Organisierter Kriminalität in der Bundesrepublik aufzubauen. Sielaff berichtet von seinen Reisen in die USA und auch US-Polizei kommt zu Wort. Die Polizei mußte angesichts dieser neuen Art von Kriminalität auf neue Methoden zurückgreifen und so wurde auch das FD65 gegründet. 1982 wurde Schulz in einer großangelegten und bis auf die letzte Minute vor allen Dienststellen der Polizei geheimgehaltenen Aktion verhaftet und verschiedene Objekte auf dem Kiez und an anderen Orten Hamburgs wurden zeitgleich durchsucht.

Der dritte Teil handelt unter anderem von den Prostituierten und ihrer Ausbeutung durch die Zuhälter, es wird erzählt, was mit sogenannten Lampen-Bräuten passiert: Frauen, die der Polizei erzählen, was mit ihnen gemacht wurde, wenn sie nicht genug anschafften und dann von ihren Zuhältern verprügelt wurden oder wenn sie ganz einfach den Zuhältern nicht den nötigen Respekt erwiesen – so wie „Respekt“ auf der Reeperbahn sowieso ein Zauberwort war. Vor den großen Gestalten hatte man zu gehorchen und zu parieren. Ihr Wort war Gesetz. Schlecht nur, wenn die Alphatiere aneinandergerieten, so wie es in den 1980er Jahren geschah und als auf dem Kiez die Zuhälterkriege ausbrachen. Denn in die Leerstelle, die Schulz nach seiner Verhaftung hinterließ, strömten neue Kiezgrößen wie die Nutella Bande, Sunny-Boy- Zuhälter, die wegen ihres jugendlichen Aussehens derart genannt wurden, sowie die GMBH, die wegen der Vornamen ihrer vier Mitglieder diese Bezeichnung trug. Und plötzlich galt auch nicht mehr das Gesetz der Faust, welches auf dem Kiez Konflikte regelte: „Keine Schußwaffen!“, so hieß es, soll das Motto von Schulz gewesen sein; man traf sich und eine Art von Feme- und Privatgericht regelte die Sache, sprach Kiezverbote aus oder verteilte einen „Denkzettel“, der meist ein blutiges Andenken war. Nun aber kamen nicht nur Schlagringe, sondern auch Knarren ins Spiel.

In den letzten beiden Teilen geht es um die erheblichen Veränderungen, die nach der Verhaftung von Schulz das Leben auf dem Kiez mit sich brachte. Leider reißen insbesondere die beiden letzten Teile, darin auch die politischen Aspekte von St. Pauli qua linksautonomer Szene in den Blick kommen, vieles nur noch an. Auch die Straßengang-Szene, die Anfang oder Mitte der 1980er Jahre auf dem Kiez mitmischte, kam zu kurz: die Streetboys, die sich mit den Zuhältern der GmbH und der Nutella-Bande prügelten, der Kampf der Gangs wie der Champs und der Streetboys, die zu einem Teil aus Türken-Jungs, aber auch aus deutschen Kids bestanden, gegen die in Hamburg hart vertretene Nazi-Skinhead-Szene werden genannt, aber auch ihr Kampf gegen Punks und Hafenstraßenlinke. Im Blick auf den Polit-Kiez kommt auch Schorch Kamerun (Sänger der Punk-Band „Die Goldenen Zitronen“ und Mitbetreiber des Golden Pudel Club zwischen Hafenstraße und Fischmarkt) zu Wort. Was diese Verquickungen und Kämpfe angeht, hätte ich mir pro Folge mindesten eine ¾ Stunde mehr gewünscht statt der üblichen 42 Minuten, die jeder der Teile umfaßt. Diese Szenarien und Hintergründe wären mindestens zwei Extrafolgen wert gewesen. Und auch die sich auf dem Kiez tummelnden und seit Mitte der 1980er Jahre ins rechtsextremistische Milieu abgeglittene Szene des HSV-Fanclubs die Löwen hätte eine Erwähnung finden können. Ich hätte mir an manchen Stellen dieser Serie einen vertiefenden Einblick gewünscht – auch über die Prostitution und das Schicksal der Prostituierten. Andererseits war der Fokus der Serie die Organisierte Kriminalität und dafür spielen die soziologischen und politischen Aspekte jener wilden wie kriminellen Kiez-Jahre nun einmal nur eine Nebenrolle.

Dennoch: Es ist dies eine Serie, die man über das Thema OK hinaus auf mindestens 20 Folgen ansetzen könnte, mit Themenfäden wie: Der Kiez, die Zuhälter, die Huren, die Freier, das Alltagsleben, die Polizei, Organisierte Kriminalität, das politische St. Pauli, die Hafenstraße, der Wandel von St. Pauli, das Nacht- und Musiknachtleben, die Drogen, der Hafen, die Schanze, die S-Bahnlinie 3. Freilich mit einigen Verränderungen in der Machart und der Inszenierung. Eigentlich gäben solche Folgen ein schönes Sittenbild jener wilden 1980er Jahre, die auf dem Kiez eben auch so derart viel Trauriges hervorbrachten: Armut, Drogen, Erpressung, derbe Gewalt. Der MoPo-Reporter Thomas Hirschbiegel beschreibt es am Ende der Serie treffend und es ging auch mir meist so, wenn ich dort zum Ausgehen mich aufhielt: Der Reporter war jedesmal wieder froh, wenn er von seinen nächtlichen Photo-Einsätzen mit Toten, mit Drogen, mit Nutten, mit Zuhältern und mit all dem Versifften dort wieder nach Hause in seinen (klein)bürgerlichen Bezirk kam und er weg von jenem ranzigen, räudigen Kiez war.

Jene romantisierende Kiez-Schwärmerei mancher Szenegänger, die zwischen Schanzenviertel und Reeperbahn und ihren Seitenstraßen in den 1980ern lustwandelten und ihre Ausgehabende organisierten, habe ich nie verstanden, und als da eine junge Frau verzückt ausrief: „Oh, wie geil ist es hier auf der Reeperbahn!“ erboste es mich dann doch: als ob die Nutten, die Schläger, die Junkies und die Zuhälter dort herumstanden, um der jungen Frau ein Privatvergnügen zu bereiten und als ob es ein wilder Spielfilm nach Manier von New Hollywood sei. Ich muß vielleicht zur Entschuldigung sagen, daß sie im Grunde mit ihren 15 Jahren noch ein Mädchen war. Aber der Heroin-Schick und die große weiße Dame namens Koks sind am Ende kein Spaß und kein Spiel. Und auch über Prostitution kann man sich streiten, wenngleich ich kein grundsätzlicher Gegner derselben bin, solange sie nicht unter Zwang geschieht. Hier waren dann auch die kurzen Sequenzen der Huren interessant, die eben nicht wirkten, als wären sie gezwungen worden, wenngleich ihr Leben sicherlich nur bedingt schön zu nennen ist – aber auch das sind nur Ausschnitte, anderen geht es anders, und es war nicht jede eine Domenica Niehoff.

Diese Serie ist durchaus spannend, aber sie zeigt vielfach auch, wie man es besser machen kann. Ehemalige Polizistinnen, die auf der Davidwache wirkten, muß man nicht unbedingt mehr in Uniform zeigen, wenn sie lange schon außer Dienst sind. Ähnliches gilt für die Kameraführung bei Kalle Schwensen: Das Objektiv von unten, so daß es bedrohlich und mächtig wirkt, gefilmt in irgendeiner edel wirkenden Nachtbar, damit Milieuatmosphäre entsteht: solches Setting zielt auf Effekte und nicht auf Wissen. Als ein Stück visueller Sozialgeschichte von Hamburg ist diese Serie interessant – auch im Blick auf solche inzwischen vergessenen Orte wie das „Cleopatra“ in Hamburg-Bramfeld. Aber es hätte der Geschichte als Forschungsdisziplin, als Oral History wie auch einfach nur im Sinne eines seriösen Dokumentarfilms gutgetan, auf manchen reißerischen Effekt zu verzichten – auch bei den Interviews. Warum muß man ehemalige Streetboys in Bomberjacken stecken? Warum müssen Staatsanwälte in einem Interieur sitzen, das wie eine hochelegante Hotellobby ausschaut oder einer großbürgerlichen Villa ähnelt? Solche Settings sind überflüssig. Und so hinterläßt diese Serie leider immer wieder den Eindruck, daß es sich am Ende mehr um eine voyeuristische Schlüssellochperspektive handelt und nicht um einen gutgemachten Dokumentarfilm über ein Stück Hamburger Leben und Geschichte. Das ist schade.

Photographie: Homepage ARD zur Doku-Serie.

„Kommt Putin zum Arzt ..“. Wie Verschwörungsideologie funktioniert und wie sie wirkt

Kommt Putin zum Psychiater:
„Herr Doktor, Herr Doktor. Ich höre Stimmen in meine Arsch!“

Es setzt dies sozusagen der Krone den Schmalz auf. Die Reihe der Rektumskriecher (sie ließe sich noch um Tom J. Wellbrock, Gabriele Krone-Schmalz und einige andere ergänzen), von oben links nach rechts unten: Gerd Ewen Ungar (ehemals Hetzseite „Propagandaschau“, Russia Today und Nach“denk“seiten), Ken Jebsen, Robert Fleischer („Ufos. Größte Herausforderung der Menschheit“), Dirk Pohlmann, Matthias Bröckers – beide haben sich als Verschwörungsprediger einen Namen gemacht. Die Bilder sind „Psiram“ entnommen, einem Portal, das sich „gegen Pseudowissenschaft, Esoterik und Verschwörungstheorien wendet“ (wikipedia). Wer auf Psiram und im Internet die Hintergründe zu diesen dem Putinismus zugeneigten Personen recherchert, wer die Beiträge dieser Leute hört oder liest, wird schnell die Nähe zum russischen Staatsfernsehen Russia Today und zum Putinismus entdecken. Mit anderen Worten: bei diesen Leuten handelt es sich um das, was man mit dem Wort Russentroll bezeichnet. Sie verbreiten zielgenau und in vollem Bewußtsein Desinformation im Sinne Putins – und dabei ist es unerheblich, ob diese Leute selber an den Unsinn glauben, mit dem sie andere indoktrinieren, oder ob sie solche Manöver in strategischer Absicht durchziehen, weil es ihnen darum geht, hinter der Front in einem Hybridkrieg immer neues Benzin zu verkippen. [Der Einfluß russischer Geheimdienste auf die Corona-Proteste, auf rechte Parteien wie die AfD und die Desinformationskampagnen von Gestalten wie Lawrow und Russia Today, so z.B. im Falle der angeblich entführten Lisa, einem russlanddeutschen Mädchen aus Berlin, ist nicht gering zu veranschlagen. Steter Tropfen höhlt den Stein und semper aliquid haeret: nach diesem Motto wird vorgegangen. Man muß eine Lüge oder eine Falschmeldung nur häufig genug wiederholen, dann wird sie auch für wahr gehalten.]

Was aber all diesen Verschwörungsideologen gemeinsam ist: Sie betreiben Täter-Opfer-Umkehr, sie waren auf die eine oder andere Weise bereits bei den Montagsmahnwachen dabei, als es darum ging, die russische Annexion der Krim zu rechtfertigen, indem sie immer wieder Themenumlenkungen betrieben. Mit anderen Worten: diese Angelegenheit ist nicht neu. Das, was sich als Milieu „alternativer Medien“ bezeichnet, ist eine seit mindestens einem Jahrzehnt orchestrierte Angelegenheit. Teils von Spinnern, wenn man sich die Esoterikszene bei den Montagsmahnwachen 2014 anschaut, teils von Hetzern und Verschwörungsideologen, wenn man sich Leute wie Ken Jebsen, Matthias Bröckers und Dirk Pohlmann anschaut.

Wie solche Verschwörungshetze funktioniert und weshalb sie geglaubt wird, formuliert Volker Eichener in seinem Essay „Russlands Krieg gegen die Ukraine: Kann man mit habituellen Lügnern verhandeln?“:

„Verschwörungstheorien verletzen sämtliche wissenschaftlichen methodologischen Regeln. Und sie wimmeln von logischen Fehlern, obwohl sie sich durch Verwendung von Konjunktionen wie „weil“ oder „deshalb“ den Anschein logischer Argumentationsketten geben. Aber die Schlüsse, die sie ziehen, sind in der Regel Fehlschlüsse, insbesondere:


Cui-bono-Fehlschluss. Weil jemandem ein Ereignis nutzen mag, ist nicht gesagt, dass der Nutznießer das Ereignis auch verursacht hat. Beispiel: „Selenskyj kann durch die Explosion im Hafen von Odessa die Russen der Aggression bezichtigen. Also hat er sie selbst inszeniert.“

Argumentum ad ignorantiam: Eine Behauptung ist nicht deshalb wahr, weil es (noch) keine Beweise gibt, welche die Behauptung widerlegen. Beispiel: „Das war eine ukrainische Sprengladung, die im Hafen von Odessa explodiert ist. Es gibt keinen Beweis, dass es eine russische Rakete war. Die Videos, die vom Meer aus anfliegende Raketen zeigen, sind gefälscht.“

Tu-quoque-Fehlschluss. Ein Verbrechen wird gerechtfertigt, weil andere auch Unrecht getan haben (sollen). Tatsächlich bleibt Unrecht Unrecht, unabhängig davon, ob andere auch Unrecht tun. Beispiel: „Ja, eine russische Rakete mag Zivilisten getötet haben. Aber die Ukrainer haben im Donbass einen Völkermord begangen.“ [Was nebenbei nicht stimmt, sondern die Ukraine wehrte sich gegen Angriffe durch russische Rebellen und von Rußland organisierte Angriffe, zudem auf ukrainischem Territorium, Hinweis Bersarin]

Ad-hominem-Fehlschluss: Die Gültigkeit von Aussagen wird bestritten, weil die Person, die sie geäußert hat, angegriffen wird. Beispiel: „Weil Wolodymyr Selenskyj Auslandsvermögen verschleiert hat, ist nichts von dem wahr, was die Regierung der Ukraine behauptet.“

Argumentum ad verecundiam: Eine Behauptung wird damit begründet, dass sie von angeblichen Autoritäten geteilt wird. Beispiel: „Dass die Ukraine den Angriff inszeniert hat, haben selbst arabische und indische Medien bestätigt.“ Abgesehen davon, dass die zitierten Autoritäten meist zweifelhaft sind, beweist das nichts, da sich auch Autoritäten irren können.

Non-sequitur-Fehlschluss: Es wird eine Behauptung mit einer Tatsache begründet, die gar keine Ursache dafür darstellt. Beispiel: „Die Ukraine hat den Angriff selbst verübt, weil sie mit westlichen Waffen versorgt worden ist.“ Das mit der Waffenversorgung stimmt, aber es hat nichts mit dem Angriff auf den Hafen zu tun.

[…]

Man kann die Leserschaft grob in drei Gruppen einteilen: (1) Die Putinfreunde, die ohnehin eine vorgefasste Meinung haben und die sich durch jede neue Verschwörungstheorie bestätigt fühlten. (2) Die Putingegner, die die Verschwörungstheorie sofort entlarvt haben und sich durch sie nicht beirren ließen, die sie widerlegten und sich über sie lustig machten. (3) Unentschlossene, bei denen die Verschwörungstheorie vielleicht einen Keim des Zweifels säen konnte und die diese Theorie dann möglicherweise in ihrem Bekanntenkreis weiterverbreiteten: „Ihr glaubt aber auch alles! Das waren nicht die Russen, das waren die Ukrainer selber! Ich weiß das aus sicherer Quelle.“ Jede kleine Verschwörungstheorie bildet ein Mosaiksteinchen, das zu einer großen Verschwörungstheorie beiträgt. Und selbst wenn solche kleinen Verschwörungstheorien enttarnt werden (was nicht immer wahrgenommen wird), verbleibt im Unterbewusstsein ein Rest des Zweifels („da war doch etwas“).“

Dieses Phänomen bschreibt Eichener sehr genau. Und es existiert bei solchen Lügen und Desinformationen noch ein weiteres Problem: daß nämlich in den Medien solche Lügen nicht als das bezeichnen werden, was sie sind, nämlich Lügen, sondern im Sinne einer Nachricht so getan wird, als wäre da eine Position neben der anderen – leider auch in der Tagesschau zu beobachten. Eichener schreibt weiterhin:

„Es ist ein altes Gebrechen der liberalen Demokraten, dass sie fair gegenüber Gegnern bleiben, die selbst unfair sind. Die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton zitierte Michelle Obamas Worte „When they go low, we go high” – und verlor mit dieser Taktik die Wahl gegen Donald Trump, der fortlaufend Beleidigungen und Lügen von sich gab. Deshalb fällt es uns so schwer, mit habituellen Lügnern umzugehen. Heidi Skjeseth notiert, dass sich viele westliche Qualitätsmedien sogar scheuen, eine Lüge als Lüge zu bezeichnen, weil das Wort so hart ist. Wir verstehen das Wesen der Lüge nicht, wenn wir stets von einer Wahrheitsvermutung ausgehen, d.h. davon, dass eine Aussage wahr ist, solange nicht ihre Unwahrheit bewiesen ist. Das ist allerdings der vollkommen falsche Umgang mit notorischen Lügnern.

In der russischen Sprache gibt es zwei unterschiedliche Wörter für das Wort „Lüge“: lozh (ложь) und vranyo (враньё). Lozh bedeutet schlicht Unwahrheit, während vranyo für ein Lügenmärchen steht, das gar nicht ernst zu nehmen ist. Ein Russe hat vranyo einmal mit folgenden Worten definiert: „Du weißt, dass ich lüge, und ich weiß, dass du es weißt, und du weißt, dass ich weiß, dass du es weißt, aber ich mache ohne mit der Wimper zu zucken weiter und du nickst ernsthaft und machst dir Notizen.“

Dieses Phänomen können wir jeden Tag bei den Aussagen Putins beobachten: erst hat Putin niemals die Absicht, die Ukraine zu überfallen [und jene Putinfreunde in Deutschland heben empört die Arme hoch und  rufen „Nein, NATO-Hetze!“ als im Dezember 2021 die Sache klar war, und als dann das Offensichtliche offensichtlich wurde, war es plötzlich ein Abwehrkrieg gegen böse NATO-Truppen oder gegen Nazis], dann wieder droht Putin mit Atomwaffen, dann wieder will er das alles gar nicht so gemeint haben. Und wenn man diese Taktik Putins bis auf das Jahr 2001 und seine Bundestagsrede herunterrechnet, dann erscheint auch diese dem Anschein nach gutwillige Rede als ein Ausdruck solcher vranjo: hier freilich nochmal anders motiviert, nämlich als Täuschung und daß wir im Westen diese Rede kaum hinterfragten und wir alle glaubten, mit Putin leben zu können. Nur wenige, wie Marielouise Beck, haben immer schon vor diesem Mann und seinem System gewarnt. Wir alle aber wollten es nicht hören und  hielten es entweder für transatlantische Hetze oder aber für völlig absurd und überzogen. 

Und um ebenfalls diesen Irrtum im Blick auf angeblich plural auszudeutende Fakten auszuräumen – auch hinsichtlich der Putin-Propaganda-Rede von Gabriele Krone-Schmalz an der VHS Reutlingen vor einigen Tagen: Es geht in solchen Fragen wie dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht um ein plurares und breites Meinungsspektrum. Es handelt sich bei solchen Analysen zum russischen Angriff auf die Ukraine nicht um eine Cafeteria, wo man sich das eine oder das andere Stück Kuchen aussuchen kann. Niemand käme auf die Idee, bei der Bombardierung von Dschungelflächen und Menschenin Vietnam durch US-Flugzeuge, die Agent Orange und Napalm abwarfen, von einem breiten Meinungsspektrum zu sprechen und daß man ja die USA angesichts des Kalten Krieges  verstehen könnte, solche  Massaker anzurichten: sondern hier wie auch bei Rußlands Terror gegen die Ukraine handelt es sich um Kriegsverbrechen und um einen Angriffskrieg. Und ebensowenig gibt es bei der Annexion fremder Länder, wie Rußland dies mit der Krim betrieb und ebenso mit der russischen Intervention im Donbas 2014 ein breites und plurales Meinungsspektrum. Und es hilft an dieser Stelle auch der Mythos von der NATO-Osterweiterung, die angeblich  Rußland bedroht hätte, nicht weiter. Wären die Staaten des Baltikums nicht in der NATO, gäbe es diese Staaten heute nicht mehr oder sie wären derart destabilisiert, daß dort kein intaktes Leben mehr möglich wäre. Der Sicherheitslage des freien Europa wird nicht mit Rußland entschieden,sondern in Europa geht es um die Sicherheit vor Rußland. Und warum Schweden und Finnland ausgerechnet zur NATO streben und nicht in den Einflußbereich Putins: sich das einmal zu fragen, darauf kommt keiner der oben  genannten Verschwörungsschwätzer.