Neues aus Rußland

So schreibt Wladimir Kaminer:

„Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung weiß gar nicht was ihr geschieht, weil sie die russischen Medien nicht verfolgt. Seit Wochen schlagen die Nachrichtensprecher dort Alarm, sie machen sich Sorgen um eingefrorenes, verarmtes, dem Untergang geweihtes Europa. Laut russischen Informationen haben die Berliner nahezu alle Bäume im Tiergarten zu Heizzwecken abgeholzt, darüber soll die Nachrichtenagentur Blumberg berichtet haben. Nun sammeln die BürgerInnen Elefantenmist im Zoo, weil sie erfahren haben, dass man mit dem Mist auch heizen kann. Doch Mist reicht nicht für alle. Deswegen haben die „Russischen Häuser“ – noch übrig gebliebenen Kultureinrichtungen und Konsulate der russischen Föderation ein humanitäres Hilfsprogramm für die Europäer gestartet. In Deutschland, Frankreich, Luxemburg können die zugefrorenen Einheimischen in diesen Häusern ihre Handys vom stabilen Stromnetz aufladen, für Erwachsene werden zu warmen Tee mit Plätzchen Tarkowski-Filme gezeigt, für die Kinder Zeichentricks.

Die Interviews mit dankbaren Einheimischen können Steine zum Weinen bringen. Ein anderes Problem in Europa seien die Haustiere, berichtet die Propaganda. Angesichts der grassierenden Inflation können die Europäer ihre Haustiere nicht füttern, sie setzen sie vor der Tür. Schuld an allem seien die bösen Amerikaner unter deren Diktat Europa leidet. Den europäischen Regierungen fehle es an Souveränität. Sonst wären sie längst Putins beste Freunde und müssten nicht frieren.

Natürlich sind diese Nachrichten nicht für Europäer bestimmt, sondern für Russen, die Fernsehen gucken und allem glauben, was dort erzählt wird. Manche von ihnen haben Freunde und Verwandten in Europa, so wie die beiden Freudinnen und die Schwester meiner Mutter. Sie machen sich Sorgen um Mama und ihre Katze, sie rufen Mama in Berlin an ohne Rücksicht auf Telefonkosten. Sie können nicht gleichgültig bleiben, wenn es anderen schlecht geht. Das bricht innen das Herz. Sie sind alle knapp 90 Jahre alt, sie haben eine mickrige Rente, die nicht einmal ausreicht, ihre Stromrechnung zu begleichen, die meisten von ihnen können ihre Wohnungen seit Jahren nicht verlassen, weil sie in oberen Stockwerken leben, in Häusern ohne Fahrstuhl und auf Straßen, die nicht einmal mit Gehhilfe zu bewältigen sind. Russland ist nicht barrierefrei. Sie sind voll und ganz auf ihre Enkeln angewiesen, die sie einmal die Woche mit Lebensmitteln und Medizin versorgen und ihre Haushaltskosten zahlen. Aber richtig sorgen tun sie sich um meine Mutter, um ihre Katze, um die Bäume im Tiergarten. Keine Angst, die Bäume sind noch alle da, sagt Mama geduldig, der Katze geht es gut und überhaupt haben wir einen sehr warmen Herbst, die ganze Zeit 20 Grad plus. Aber danke der Nachfrage, wir halten durch.“

Man möchte solchen Unsinn nicht glauben, ich vermute aber leider, daß es wahr ist. Und wie Kaminer schreibt: diese Propaganda ist nicht für den Westen bestimmt, sondern fürs eigene Land, das vollständig von anderen Informationskanälen abgeschnitten ist. Klein-Nordkorea gewissermaßen. Für den Westen dann wieder ist andere Propaganda bestimmt. Die liefern hier die üblichen Verdächtigen und die üblichen Portale.

10 Gedanken zu „Neues aus Rußland

  1. Ich denke eher, es wird sich kaminertypisch um eine nette Satire handeln, die die grausliche russische Innenpropaganda auf die Schippe nimmt.

  2. Leider bin ich mir da nicht so sicher, wenn ich Berichte darüber lese und mir auch von Menschen in der Bloggoshäre das durchlese, was sie aus Rußland berichten und was ansonsten in russischen Medien berichtet wird – auch im Blick auf die Polit-Talkshows dort. Insofern fürchte ich inzwischen fast, daß es die Wahrheit ist.

  3. PS.: Beunruhigend auch, wenn man in bezug auf Rußland Satire und Realität kaum noch auseinanderhalten kann. Die irren Ausfälle, wo einer im TV von Atomangriffen auf London und New York fabuliert, könnten der Dystopie eines Sorokin entstammen.

  4. Kaminer übertreibt da nicht. Das alles kann man wirklich in russischen Medien lesen. Die Sache mit dem abgeholzten Tiergarten ist besonders witzig, da man ja nur aus den Fenstern der Russischen Botschaft schauen muss, um sich vom Gegenteil zu überzeugen.

  5. Немцы срубили почти все деревья в парке Берлина
    9 октября 2022 г., 10:23

    Жители Германии вырубили почти все деревья в парке Берлина из-за энергокризиса.

    Местные жители немецкой столицы срубили почти все деревья центрального парка Тиргартен, чтобы прогревать свои дома. И задумались об использовании конского навоза из-за нехватки топлива. Об этом сообщил 8 октября Bloomberg.

    В материале также отмечается, что европейцам с низким уровнем дохода уже приходится выбирать между предметами первой необходимости и отоплением.

    Deutsche fällen fast alle Bäume in einem Park in Berlin
    9. Oktober 2022, 10:23 Uhr

    Wegen der Energiekrise haben deutsche Bürger fast alle Bäume in einem Berliner Park gefällt.

    Die Einwohner der deutschen Hauptstadt haben fast alle Bäume im zentralen Tiergarten gefällt, um ihre Häuser zu heizen. Und wegen des Treibstoffmangels wird über die Verwendung von Pferdemist nachgedacht. Dies wurde von Bloomberg am 8. Oktober berichtet.

    In den Unterlagen wird auch darauf hingewiesen, dass Europäer mit geringem Einkommen bereits zwischen Grundbedarf und Heizung wählen müssen.

    https://web.archive.org/web/20221017095838/https://vse42.ru/news/33529700

  6. Eine Welt, in der Satire und Realität nicht mehr auseinanderzuhalten sind. Statt aber solches in Rußland zu kritisieren, bis hin zu den russischen Lagern für Dissidenten, wird der Westen implizit verantwortlich gemacht für Putins Innen- wie Außenpolitik. das Geschrei von Schwurblern wie Wagenknecht wäre groß, wenn man hier in Deutschland allein für die Teilnahme an einer Antikriegsdemo, die sich bei der gegenwärtigen Friedensbewegung seltsamerweise nie gegen Rußland richtet, für Jahre in den Knast wandert oder einfach von der Straße weg verhaftet würde. Und zu recht protestierte man gegen solches Gebaren, das in Rußland üblich ist.

  7. Man hört von Wagenknecht übrigens auch nichts zu Iran. Umso erstaunlicher, da ihr (verschollener) Vater Iraner ist.

    Aber Iran ist für Russland, gegen USA. Da müssen Frauen- und Freiheitsrechte zurückstehen.

  8. Danke für den Hinweis. Das ist genau der Punkt, und es ist auch der Aspekt, wo sich eine Linke, die auf der Höhe der Zeit ist, von den Saftsäcken und Demagogen scheidet. Dieser Frau geht es nicht um Freiheit, sondern um das Durchzocken ihrer Agenda, die wesentlich durch den Haß auf den Westen und die USA geprägt ist.

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