„Sie werden für immer unsere Bürger sein“

So drohte Putin in seiner Annexions-Rede im Kreml. Im Hinblick auf die Aspekte Freiheit und das Eingebundensein der Menschen in eine blutige Diktatur erinnert mich Putins Spruch an Hitlers Reichenberger Rede vom Dezember 1938, besonders an jenen letzten Satz dieser Passage:

„Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln, und wenn nun diese Knaben, diese Mädchen mit ihren zehn Jahren in unsere Organisationen hineinkommen und dort so oft zum erstenmal überhaupt eine frische Luft bekommen und fühlen, dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitler-Jugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre, und dann geben wir sie erst recht nicht zurück in die Hände unserer alten Klassen- und Standeserzeuger, sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei oder in die Arbeitsfront, in die SA oder in die SS, in das NSKK und so weiter. Und wenn sie dort zwei und anderthalb Jahre sind und noch nicht ganze Nationalsozialisten geworden sein sollten, dann kommen sie in den Arbeitsdienst und werden dort wieder sechs oder sieben Monate geschliffen, alle mit einem Symbol: dem deutschen Spaten (Beifall). Und was dann nach sechs oder sieben Monaten noch an Klassenbewußtsein oder Standesdünkel da oder dort noch vorhanden sein sollte, das übernimmt dann die Wehrmacht zur weiteren Behandlung auf zwei Jahre (Beifall), und wenn sie dann nach zwei oder drei oder vier Jahren zurückkehren, dann nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall rückfällig werden, sofort in die SA, SS und so weiter, und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben (Beifall), und sie sind glücklich dabei.

Nein, man kann in vielen Aspekten Hitler nicht mit Putin vergleichen. Bei Putin findet kein Genozid statt, die Parallele liegt in den Kriegsverbrechen, im Angriffskrieg und im Landraub und dem Abbau von jeglicher Freiheit sowie der Abschaffung freier Wahlen. Und die Strukturen faschistischer oder semifaschistischer Diktaturen ähneln sich – wobei Putins Diktatur mehr noch einen brutalen Mafiasystem aus Korruption, Erpressung, Vorteilsnahme und Mord gleicht, und wer da nicht spurt, der „springt“ dann schon mal aus dem Fenster, wie diverse Manager der russischen Staatskonzerne, bekommt einen Herzinfakt oder hat Novitschok in der Unterhose wie Nawalny. Hinzu kommt Putins Satz zum KGB: Wer einmal in seinem Leben KGB-Agent war, der bleibt es sein ganzes Leben. Putins Zeit im KGB reichte bis über dessen Auflösung.

Und unter Garantie werden da wieder Leute sein, die sagen „Aber das war gar nicht Rußland“ oder „Rußland wurde ja nur von der NATO dazu gedrängt!“ Und wenn man diese Leute dann als Putins Rektumsschlecker bezeichnet, werden sie es mit empörter Geste von sich weisen. Es ist immer das gleiche Spiel. Nein, Diskussionen mit solchen Leuten wie Dirk Pohlmann, Matthias Bröckers, Ken Jebsen, Uli Gellermann, Tobias Riegel, Albrecht Müller, Jens Berger, Tom J. Wellbrock und ihren Gefolgsleuten sind völlig unsinnig, sie führen zu nichts. Es geht nicht mehr darum, diese Leute zu überzeugen, sondern es muß gezeigt werden, daß die Lügen und Dekontextualisierungen dieser Menschen für andere sichtbar gemacht werden.

***

Eine gute Aktion haben mutige Menschen in Rußland geliefert: Sie brachten am Grab von Putins Eltern auf dem Serafimowski-Friedhof in Sankt Petersburg einen Mahnzettel an:

„Liebe Eltern! Euer Sohn benimmt sich grässlich! Er schwänzt den Geschichtsunterricht, prügelt sich mit seinen Banknachbarn und droht, die ganze Schule in die Luft zu jagen! Handeln Sie!“

6 Gedanken zu „„Sie werden für immer unsere Bürger sein“

  1. Bedenkt man, dass bei der jüngsten Mobilisierung ethnische Minderheiten prozentual wieder stärker betroffen sind, versucht er es zumindest indirekt.

    Und wir alle wissen, woran das erinnert (Triggerwarnung).

  2. Putins Annexionsversuch hat etwas vom „Reichsgau Flandern“, „Reichsgau Wallonien“ und dem „Distrikt Brüssel“, die am 15. Dezember 1944 nachträglich direkt an das Großdeutsche Reich angeschlossen wurden. De facto hatten die Alliierten dieses Gebiet bereits im September befreit, nur noch Dunkerque war unter deutscher Besatzung.

  3. Reichsgaue und Großrussisches Reich: Genau das dachte ich gestern auch, als ich Manfred Quirings „Russland – Ukrainekrieg und Weltmachtträume“ las: irgendwie kommt mir das alles gut bekannt vor, was Putin mit den ehemaligen nichtrussischen Teilrepubliken der ehemaligen Sowjetunion vorhat: Heim ins Reich.

  4. Einerseits ja, andererseits bin ich bei solchen Paranoia-Urteilen als klinischer Diagnose vorsichtig. Was Putin da präsentiert, ist im Grunde genommen nichts anderes als das ganze Geschwätz, was Verschwörungsschwurbler wie der UFO-Freund Dirk Pohlman, die Haschischpfeife Mathias Bröckers, die beiden Männer mit direktem Zugang zu Putins Rektum, Tom J. Wellbrock und Thomas Röper, seit Jahren fabulieren. Und im Lauf solcher Prozesse einer sich immer mehr verdichtenden Verschwörungserzählung, wo nicht mehr die Fakten geprüft, sondern ins Korsett der eigenen Vorannahmen gepreßt werden – Stichwort „Confirmation bias“ – kommen dann Wahnsysteme heraus, die in der Tat an ein paranoides Weltbild erinnern: frei nach dem alten Psychoanalytikerwitz: Der Neurotiker baut sich ein Wolkenkuckucksheim, der Paranoiker lebt im Wolkenkuckucksheim und der Psychiater kassiert die Miete. Leute wie Ken Jebsen sowie seine Hintermänner, die mit solchem Wahnsinn ihre Geschäfte machen, sind alles drei in einem. (Hier auch eine Recherche der ZEIT zu den Netzwerken, die hinter solchen Verschwörungsportalen stehen:

    Ken Jebsen: Ken bleibt auf Sendung. Die Anschläge vom 11. September 2001 nannte er eine „Terrorlüge“, die Corona-Pandemie ein „Gehorsamsexperiment“. Ken Jebsen erreicht mit Verschwörungstheorien ein Millionenpublikum. Wer hat ihn all die Jahre unterstützt?   Von Jonas Fedders, 6. August 2022,
    https://www.zeit.de/2022/32/ken-jebsen-sendung-verschwoehrungstheorie

    Am Bau solcher Irrsinnskonstrukte haben wesentlich Portale wie die Nach“Denk“Seiten mitgewirkt und die ganze Rede, ich habe sie mir in Übersetzung angehört und Avantgarde hat daraus oben ebenfalls zitiert, wirkte wie eine Zusammenfassung des Gefasels von Leuten wie Haschisch-Bröckers und UFO-Dirk.

    Der Trick dieser Leute: Es muß an diesen Verschwörungsreden immer auch ein Stück Wahrheit sein. Wer behauptet, daß der Regen von oben nach unten fiele, sei nicht dem Gesetz der Schwerkraft geschuldet, sondern der New World Order und der US-Amerikanischen Eliten, die uns täuschen, denn in Wahrheit fiele der Regen von unten nach oben, wird eher ein müdes Lächeln ernten. Wer aber mit Vietnam, Brutkastenlüge, Irakkrieg und CIA kommt, wird schnell ein offenes Ohr finden. Und auf diese Weise manipulativer Assoziationen wird dann der Reigen des Immergleichen abgespult, wie in Putins oder Pohlmanns Reden: Kontexte werden verfälscht, wesentliche Informationen werden fortgelassen, eine seit Jahrzehnten imperialistisch ausgerichtete Außenpolitik Rußlands wird gar nicht erst erwähnt, Putins mafiose Verquickungen, seine Morde an Systemgegnern, das System der Gaunereien: all das bleibt außen vor. Und so entsteht in solchem Prozeß ein Weltbild, das an Paranoiker erinnert und nicht an rational denkende Menschen. Wobei eben der Witz am Paranoiden ist, daß er sich rational gibt. Und dieser Schein von Rationalität beruht auf genau diesem in sich geschlossenen Wahnsystem. Leute wie Putin, Lawrow, Hitler oder Goebels glauben, was sie sagen. Wobei ich andererseits bei Putin nicht so sicher bin, weil dort die Macht der Lüge, nämlich als Manipulation anderer Menschen, eine erhebliche Rolle spielt, eben das, was wir mit der Kultur des Lügens, des vranyo (враньё) bezeichnen.

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