Günter Wallraff zum 80. Geburtstag

Heute wird Günter Wallraff 80 Jahre. Seine Industrie- und Betriebs-Reportagen, etwa zum Gerling-Konzern in Hamburg, seine Bundeswehr-Reportagen, seine Blicke ins Dunkeldeutschland und seine BILD-Bücher waren das erste, was ich las, als meine politische Sozialisation 1979, 1980 begann: die Bücher erschienen damals beim Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch: Ich halte solche Blicke – gleichsam in den Maschinenraum der Gesellschaft, in ihre Heizkeller und zu solchem Heiz- und Hetzmilieu gehörte auch BILD – nach wie vor für wichtig, und neben einer Theorie als Gesellschaftskritik stehen solche Berichte in der Tradition von Engels früher Studie zur Qualitativen Sozialforschung, nämlich „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“.

Bis heute ist Wallraff investigativ tätig und berät Rechercheteams. Wallraff arbeitete nie vom Schreibtischstuhl aus. Er war vor Ort, er war bei der BILD-„Zeitung“ Hannover der Mann, der Hans Esser war, er war mit „Ganz unten“ der Türke Ali. Man kann mit Fug und Recht sagen, daß dieses Buch Mitte der 1980er Jahre wohl zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik einer Vielzahl von Menschen, die nicht unbedingt politisch waren oder die sich kaum für solche gesellschaftlichen Zusammenhänge interessierten, die Lage der sogenannten Gastarbeiter anschaulich machte. Lange Zeit kamen jene Gastarbeiter allenfalls als Objekte von Türkenwitzen vor und nicht als Menschen, die hier lebten und vor allem jene Drecksarbeit taten, für die wir uns zu schade waren, ansonsten aber waren sie unsichtbar für uns. „Ganz unten“ leistet zu solcher Aufklärung einen erheblichen Beitrag. Aber Wallraff tat mehr noch. Er begab sich auch politisch in Gefahr. So schrieb „Tagesspiegel“ heute über Wallraff:

„In Solidarität mit griechischen Freunden, die vom Regime der Obristen verfolgt wurden, kettete sich Wallraff im Mai 1974 in Athen an einen Laternenpfahl und verteilte Flugblätter. Er wurde inhaftiert, gefoltert, verurteilt, und kam nach dem Sturz der Militärdiktatur im Juli darauf frei. Unbeirrt nahm er es im Jahr danach mit Portugals 1974 gestürztem Diktator Spinola auf, gab sich bei dessen Besuch in Deutschland als Unterhändler von Franz-Josef Strauß aus, mit Waffen im Angebot. Wallraff erfuhr von Spinolas Putschplänen und vereitelte sie, indem er sie öffentlich machte. 1983 schlüpfte Wallraff für zwei Jahre in die Rolle des türkischen „Gastarbeiters Ali“, unter anderem bei McDonald’s und im Thyssen-Konzern. Er erlebte mangelnden Arbeitsschutz, Rassismus, Schikanen – und schrieb darüber.

Sein Buch „Ganz unten“ kam ganz nach oben auf den Bestsellerlisten, übersetzt wurde es in 38 Sprachen, verehrt wurde der Autor in der Türkei. Doch der Erfolg weckte auch Neid und Ärger. Von ganz links warf man Wallraff vor, sich für Reformen zu stark auf das System, die Gewerkschaften einzulassen. Von rechts wurden die Undercover-Recherchen kriminalisiert – schon der Name „Wallraff“ versetzte Konzerne in Angst und Schrecken.

Besonders viele Anwälte mobilisierte der Springer-Verlag, nachdem Wallraff 1977 der Coup geglückt war, unter dem Namen Hans Esser in Hannover beim Boulevardblatt „Bild“ anzuheuern. „Esser wie Messer“, stellte er sich dort gern vor. In seinem Bestseller „Der Aufmacher“ schilderte Wallraff die an Skrupeln armen Methoden des Blattes. Springer heftete mit Wolf Schneider eigens einen Mann „zur besonderen Verwendung“ an seine Fersen, der ihm hinterherreiste, und im Publikum Gegenrede übte, wenn Wallraff das Buch vorstellte. Schneider wurde 1979 Leiter der neu gegründeten Henri-Nannen-Schule für Journalismus, was Wallraff entsetzte.“

Aber das Leben ist ambivalent: Schneider hat zugleich ein gutes Buch geschrieben, das alle Journalisten, besonders die Kindermenschenjournalisten, immer auf dem Nachtisch haben sollten: Nämlich „Deutsch für Profis“.

Inzwischen mögen die Bücher von Wallraff lange zurückliegen und jene Reportagen Vergangenheit sein. Doch lesenswert sind sie bis heute, denn sie liefern ein gutes Stück bundesrepublikanischer Sozialgeschichte.

„Sie werden für immer unsere Bürger sein“

So drohte Putin in seiner Annexions-Rede im Kreml. Im Hinblick auf die Aspekte Freiheit und das Eingebundensein der Menschen in eine blutige Diktatur erinnert mich Putins Spruch an Hitlers Reichenberger Rede vom Dezember 1938, besonders an jenen letzten Satz dieser Passage:

„Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln, und wenn nun diese Knaben, diese Mädchen mit ihren zehn Jahren in unsere Organisationen hineinkommen und dort so oft zum erstenmal überhaupt eine frische Luft bekommen und fühlen, dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitler-Jugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre, und dann geben wir sie erst recht nicht zurück in die Hände unserer alten Klassen- und Standeserzeuger, sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei oder in die Arbeitsfront, in die SA oder in die SS, in das NSKK und so weiter. Und wenn sie dort zwei und anderthalb Jahre sind und noch nicht ganze Nationalsozialisten geworden sein sollten, dann kommen sie in den Arbeitsdienst und werden dort wieder sechs oder sieben Monate geschliffen, alle mit einem Symbol: dem deutschen Spaten (Beifall). Und was dann nach sechs oder sieben Monaten noch an Klassenbewußtsein oder Standesdünkel da oder dort noch vorhanden sein sollte, das übernimmt dann die Wehrmacht zur weiteren Behandlung auf zwei Jahre (Beifall), und wenn sie dann nach zwei oder drei oder vier Jahren zurückkehren, dann nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall rückfällig werden, sofort in die SA, SS und so weiter, und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben (Beifall), und sie sind glücklich dabei.

Nein, man kann in vielen Aspekten Hitler nicht mit Putin vergleichen. Bei Putin findet kein Genozid statt, die Parallele liegt in den Kriegsverbrechen, im Angriffskrieg und im Landraub und dem Abbau von jeglicher Freiheit sowie der Abschaffung freier Wahlen. Und die Strukturen faschistischer oder semifaschistischer Diktaturen ähneln sich – wobei Putins Diktatur mehr noch einen brutalen Mafiasystem aus Korruption, Erpressung, Vorteilsnahme und Mord gleicht, und wer da nicht spurt, der „springt“ dann schon mal aus dem Fenster, wie diverse Manager der russischen Staatskonzerne, bekommt einen Herzinfakt oder hat Novitschok in der Unterhose wie Nawalny. Hinzu kommt Putins Satz zum KGB: Wer einmal in seinem Leben KGB-Agent war, der bleibt es sein ganzes Leben. Putins Zeit im KGB reichte bis über dessen Auflösung.

Und unter Garantie werden da wieder Leute sein, die sagen „Aber das war gar nicht Rußland“ oder „Rußland wurde ja nur von der NATO dazu gedrängt!“ Und wenn man diese Leute dann als Putins Rektumsschlecker bezeichnet, werden sie es mit empörter Geste von sich weisen. Es ist immer das gleiche Spiel. Nein, Diskussionen mit solchen Leuten wie Dirk Pohlmann, Matthias Bröckers, Ken Jebsen, Uli Gellermann, Tobias Riegel, Albrecht Müller, Jens Berger, Tom J. Wellbrock und ihren Gefolgsleuten sind völlig unsinnig, sie führen zu nichts. Es geht nicht mehr darum, diese Leute zu überzeugen, sondern es muß gezeigt werden, daß die Lügen und Dekontextualisierungen dieser Menschen für andere sichtbar gemacht werden.

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Eine gute Aktion haben mutige Menschen in Rußland geliefert: Sie brachten am Grab von Putins Eltern auf dem Serafimowski-Friedhof in Sankt Petersburg einen Mahnzettel an:

„Liebe Eltern! Euer Sohn benimmt sich grässlich! Er schwänzt den Geschichtsunterricht, prügelt sich mit seinen Banknachbarn und droht, die ganze Schule in die Luft zu jagen! Handeln Sie!“