Documenta 15: endlich Ende

Antisemita nannten sie einige. Vielleicht in Teilen nicht ganz zu unrecht, auch wenn das Gros der gezeigten Werke es nicht war, so zumindest mutmaße ich und so sprachen auch einige, die auf der documenta 15 waren. Dennoch: Unfaßbar ist vor allem, wenn dieses, im harmlosesten Fall naive und im härteren Fall berechnende Kollektiv erwartet, daß das deutsche und das internationale Publikum sich auch für andere Teile der Welt interessiert, also Regionen für die Namen wie globaler Süden, Dritte Welt und Entwicklungsländer kursieren, selber aber kommen diese Leute von Ruangrupa nach Deutschland und wissen nichts, rein gar nichts über das Land, wo die documenta stattfindet: eines der bedeutendsten Kunstereignisse der Welt und fest mit Kassel und damit auch mit Deutschland und seiner Geschichte verbunden. Und nichts davon ist diesem Kollektiv irgendwie präsent. Hätte Ruangrupa um die Geschichte dieses Landes gewußt, hätten diese Gruppe umgehend sehen müssen, daß jene gezeigten Bilder des Kollektivs Tarin Padi antisemitische Stereotypen enthalten, wie sie auch im „Stürmer“ und anderen NS-Organen gezeigt wurden und wie sie bis heute bei Rechtsradikalen, Nazis, linken wie arabischen Antisemiten kursieren. Wer Dialog sagt, muß auch selber dann dazu in der Lage sein, andere Kulturkreise zu erfassen – einmal davon abgesehen, daß es Stereotypen gibt, wo kaum vorstellbar ist, daß diese nicht auch in Indonesien angekommen sind. Man kann sich aber auch naiv oder eben dumm stellen. Nur muß man dann auch mit dem Vorwurf leben, dumm zu sein und nicht fähig zu lernen. Jenes Schlagwort, das gerne in solchen antirassistischen Kreise gebraucht wird. Aber „lernen“ gilt dort immer nur für die anderen, und wenn diese Leute „lernen“ sagen, fühlt man sich eher an Schulformen des 19. Jahrhunderts erinnert, wo der Oberlehrer mit dem Oberrohrstock daherkommt und nicht nur mit Klopstock.

Es sind aber nicht bloß jene Bilder, sondern auch das Zeigen dieser Propagandafilme bzw. der antisemitischn Filmreihe „Tokyo Reels“, wo Terror gegen Israel verherrlicht wird, spricht für sich. Thomas Schmid bringt es bündig in einem Essay mit dem Titel „Ein neuer Antisemitismus, der den alten beerbt. Zum Ende einer empörenden Documenta“ auf den Begriff:

„Was, wenn israelische Künstler mit der Documenta 15 beauftragt worden wären? Und unter anderem Bilder gezeigt hätten, auf denen Palästinenser oder afghanische Islamisten als brutale, blutrünstige Gestalten zu sehen gewesen wären? Und islamische Gläubige als Herde von dumpfen Fanatikern. Diese Documenta wäre dieser Werke rassistischen Inhalts wegen augenblicklich zum Skandal erklärt geworden. Alle Verantwortlichen hätten sich umgehend entschuldigt und einen minutiösen Prozess der Aufklärung eingeleitet.“

Der Aufschrei in der linken Kulturschickeria-Szene von Kulturzeit und Cecil Schortmann bis hin zu Margarete Stokowski, Mario Sixtus, dem Kritiker mit der Kritikerbrille Georg Diez, Teresa Bücker, dem Kopftuch- und Milli-Görüsch-Fangirl Kübra Gemüsay und vielen anderen: der Aufschrei und das „Wir sind mehr“ fiele laut aus. Und während bei diesen Leuten ansonsten schon ein falsches Wort ausreichen kann, daß ein Scheißesturm auf Twitter entfesselt und orchestriert wird, blieb es in der Causa documenta seltsam ruhig und wir hörten von ebendiesen Leuten lautstark ein klandestines Schweigen. Und auch Kulturzeit berichtete vielfach und besonders im Abschlußbericht vom 16. September eher wohlwollend über diese Veranstaltung und die unselig unbegabte oder unbegabt unselige Cécile Schortmann schlenderte über die documenta, als wenn irgendwie nichts gewesen wäre und stellte dazwischen kaum kritische Fragen an drei Mitglieder des Kollektivs, um ansonsten bei den Antworten wohlwollend und von Verständnis getragen mit dem Kopf zu nicken. Hätte Schortmann auch bei Björn Höcke derart nickend wie Wackeldackel dagesessen oder hätte sie nicht vielmehr mit skeptischem Blick und hochgezogenen Augenbrauen als Journalistin hart nachgefaßt?

Und so reiht sich eine Unseligkeit an die andere. Eine Kunstausstellung, die weniger Kunst ist, sondern an den Aktivismus von Gemeinschaftskundeprojektwochen der gymnasialen Mittelstufe erinnert. Nur daß die in der Regel ohne solchen Antisemitismus auskommen. Im Blick auf die arabischen Terror gegen Israel verherrlichenden „Tokyo Reels“-Filme heißt es dann im Dokumenta-Handbuch:

„Indem es die bewegten Bilder wieder in Umlauf bringt, reaktiviert Subversive Film mit Bedacht heutige Solidarität-Konstellationen und reflektiert die Utopie einer weltweiten Befreiungsbewegung.“

All das ist alles andere als Kunst: es sind Propagandafilme, und zwar ohne jeden doppelten Boden oder eine mehrschichtige Ebene, wie es für gelungene Kunst der Spätmoderne in ihrer verschachtelten Reflexivität auch auf ihr eigenes Tun unabdingbar ist. Bei den „Tokyo Reels“ handelt es sich um explizite Polit-Propaganda und Auslöschungswünsche gegenüber Israel. [Zum Inhalt dieser Filme siehe auch hier bei AISTHESIS.] Es handelt sich, wie die taz schreibt, um „20 propalästinensische Propagandafilme aus den 1970er und 1980er Jahren […], zusammengestellt von einem japanisch-palästinensischen Künstlerkollektiv. Laut der offiziellen Programmbeschreibung sollen sie ‚Auskunft über die weitestgehend übersehene und nicht dokumentierte antiimperialistische Solidarität zwischen Japan und Palästina geben‘.“

Kein Mensch würde es in Deutschland goutieren, wenn irgendwo auf einer Kunstschau in Berlin oder Düsseldorf, bei den Internationalen Oberhausener Kurzfilmtagen oder bei DOK-Leipzig plötzlich ein Film auftauchte, der die Wehrsportgruppe Hoffmann und den Anschlag auf das Münchener Oktoberfest 1980 hochleben ließe und diese Aktionen und die Filme dazu als Dokumente des nationalen Widerstands gegen die Besetzung Deutschlands durch die Alliierten feierte. Gut, Ken Jebsen mit seinem Airbase-Rammstein-Tick vielleicht und der ufogläubige Verschwörungschwätzer Dirk Pohlman vielleicht. Aber sonst würden solch krudes Zeug nur Rechtsextremisten ausstellen wollen. Hier aber, im Falle arabischen Terrors: Schweigen. (Nein, man muß kein Freund davon sein, wie Israel mit den Arabern teils umgeht. Aber der politische Analytiker muß die Zusammenhänge sehen: nämlich ein Land, das grundsätzlich in seiner Existenz bedroht ist. Bis heute vom Terror der Hamas. Und das gilt auch für ein solches Künstlerkollektiv. Hier will Kunst nicht mit einem Extrem provozieren, sondern es sind politische Statements.)

Solche Filme zu zeigen, die Terrorismus verherrlichen oder die aus einer bestimmten Zeit, etwa der der RAF, stammen und diese Zeiten nostalgisch betrachten: Das mag für die BRD noch angehen. Aber bei Israel verhält sich die Sache anders: Das Land war und ist umgeben von Ländern, die Israel nicht wohlgesonnen sind – um es sehr freundlich zu sagen. Hier steht die Existenz Israels auf dem Spiel. Anders als in Deutschland, dessen Existenz seit 1949 nie auf dem Spiel stand. Hinzu kommt in Deutschland, aus der Geschichte heraus, eine besondere Verantwortung für Israel. Prinzipiell ist nichts gegen solche Filme zu sagen, wenn man ihren geschichtlichen Hintergrund und auch die andere Seite darstellt und einordnet – zumal es sich bei diesen Filmen nicht um Kunstwerke, sondern um politische Propaganda handelt, zudem aus einer Region, die nicht jedem vom Wissen her so gut vertraut ist wie Deutschland. All das ist aber nicht geschehen, sondern unidirektional wurden hier die Erzählungen arabischer Terrorgruppen von Ruangrupa übernommen und zum Narrativ gemacht. Unter dem Deckmantel der Kunst.

Stefan Laurin bringt es auf den Punkt: „Die Documenta hat dazu beigetragen, Antisemitismus und Israelhass in Deutschland salonfähiger zu machen“ so lautet die Überschrift seines Artikels bei den Ruhrbaronen. Und statt des von Ruangrupa angeblich favorisierten Dialogs gab es eine Kultur des Wegsehens, des Abwiegelns und des Relativierens. Am Ende spielten sie die verfolgte Unschuld, indem Kritiker solcher antisemitischer Darstellungen und solche, die auf erhebliche Probleme bei dieser documenta aufmerksam machten, wiederum als rassistisch bezeichnet wurden: man dreht einfach den Spieß um, wenn man bei Antisemitismus ertappt wird. Die FAZ berichtete darüber.

Eines aber bleibt für die documenta festzuhalten und das gilt auch für die Causa Mbembe vor einem Jahr und auch im Blick auf Passagen in seinem Buch „Politik der Freundschaft“: Der globale Süden hat ein Problem. Das Problem heißt Antisemitismus, der sich hinter solcher Kritik an Israel verbirgt. Von Leuten nebenbei, die für Uiguren, für Frauen im Iran, Freiheitsrechte im Iran oder in Rußland und Menschen in Tibet nicht viele Worte verlieren. Aktivisten, die beim Sklavenhandel USA und Großbritannien und Frankreich sagen – sehr zu recht – aber beim Königreich Benin schmalllipig werden. Kleiner Nebenscherzschausplatz: Bei den Benin-Skulpturen im Humboldt-Forum zu Berlin haben nun wiederum nicht nur die Nigerianer Ansprüche angemeldet, sondern auch Schwarze in den USA , die von Sklaven abstammen, haben Forderungen an Nigeria gestellt, weil ihre Vorfahren nämlich vom Königreich Benin gejagt, aus ihren Dörfern geraubt und dann verkauft und jene Skulpturen von jenem Gold gefertigt wurden, welches das Köngreich Benin mit dem Sklavenhandel verdiente.

Es bleiben im Blick auf diese documenta viele Fragen und es hinterlassen die letzten Monate, jene 100 Tage, nicht einfach nur Irritationen – das wäre ja gut, wenn tatsächliche Kunst das täte -, sondern es steht der entscheidende Aspekt im Raum, ob solche organisierte Verantwortungslosigkeit, indem man irgendwelchen Kollektiven irgendwas überläßt, nicht vielmehr Beliebigkeit fördert, statt gute und gelungene Kunst hervorzubringen. Kunst heißt nicht, daß Ausstellungsmacher irgendwas ausstellen, um dann in einer Reisscheune zusammen herumzulungern und Politdinge irgendwie in die Öffenlichkeit zu bringen, darin auch die armen Neger einmal vorkommen dürfen. Für solchen Sabbelkommunismus reicht es aus, den Menschen die „Theorie des kommunikativen Handelns“ in die Hand zu geben oder etwas einfacher die Menschen in eines der Fachschaft-Cafés von Soziologen einzuladen: da ist jeden Tag viel Lumbung mit Humbug mit Reisscheune.

Kuratorenarbeit ist bereits schwierig. Deutlich schwieriger noch ist eine Arbeit im Kollektiv, gegen die nichts zu sagen ist. Sie muß nur eben funktionieren und kann nicht bedeuten, daß am Ende niemand für irgendwas verantwortlich ist.

Aber zurück zum Ernst: Selbst wenn man einen erweiterten Kunstbegriff ansetzte, um solche Schau – gleichsam eine umgekehrte Völkerschau – von Ästhetik und Kunstkritik her zu denken, bleibt nicht viel von solcher Ausstellung übrig. Wenn alles Kunst ist, auch das Hochhalten von Protestplakaten und unmittelbare politische Statements, dann ist am Ende zugleich auch nichts mehr Kunst. Ex negativo demonstriert dies Wolfgang Ullrich mit seinem Anfang des Jahres erschienenen, leider unsäglichen Buch „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“. Zu Ende ist freilich nicht die Autonomie der Kunst, sondern vielmehr Ullrich mit seinem Jägerlatein, wenn noch zwischen „Hello Kitty“, Dritte-Welt-Kommerz und den Kardashian alles irgendwie ästhetisch bedeutsam ist und damit zu einer entgrenzten Kunst werden kann. Den Kunstbegriff erweitert man nicht um schützenswerte Minderheiten, wenn man den Autonomiebegriff der Kunst preisgibt. Ganz im Gegenteil schüttet man damit auch noch den politischen Impetus von Kunst aus und begibt sich der Möglichkeit, unterschiedliche und vor allem auch ästhetisch bedeutsame Positionen aus jenen uns fremden Kulturräumen zu zeigen. Eigentlich müßte auf dem Gebiet der Kunst der globalen Süden mehr zu bieten haben als eine Ansammlung von Sozialprojekten.

Im Rückblick auf die documenta und im Blick auf sogenannte „Israelkritik“ schreibt Schmid weiter:

„Doch dieser kapitale Fehltritt war wohl kein Ausrutscher. Er kommt aus der Mitte des kulturellen Milieus Deutschlands. Aus einem Milieu, in dem die obsessive Kritik am Staat Israel ebenso weit verbreitet ist wie die Forderung, die Israel-Boykott-Bewegung BDS verdiene in Deutschland staatliche Förderung. Vor knapp zwei Jahren erschien ein Aufruf, in dem behauptet wurde, Kritik an Israel sei verboten, die Meinungsfreiheit stehe vor dem Aus. Unterzeichnet hatten zahlreiche Kulturinstitutionen und Personen – vom Deutschen Theater Berlin bis zum Goethe-Institut, von der Kulturstiftung des Bundes bis zu Kampnagel, von der Stiftung Humboldt Forum bis zum heutigen Amtschef von Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Ein durchaus repräsentativer Querschnitt deutscher Kultureinrichtungen. Man muss daraus schließen, dass für die Mehrheit der deutschen “Kulturschaffenden“ Israel unter Dauerverdacht steht. Nicht China, der Iran oder Russland. Sondern der einzige demokratische Staat in der Region. Ein Staat in dem anders als dort, wo die Hamas das Sagen hat, Schwule und Queere frei leben können. Diese israelfeindliche Obsession lässt nur eine Deutung zu: Hier lebt ein alter Anti-Judaismus fort. Diesmal im linken, im linksliberalen Gewand.

Das legt nahe, die große Erzählung von der erfolgreichen Rezivilisierung der Deutschen nach 1945 in Zweifel zu ziehen. Und zu fragen, ob es nicht doch mehr negative deutsche Kontinuität gibt, als diese Erzählung suggeriert. Was auf der Documenta geschah, weckt nämlich einen Verdacht. Nach dem Ende der NS-Herrschaft blieb das gerade Vergangene zumeist beschwiegen. Es wurde gewissermaßen unter den Teppich der Nation gekehrt. Dort zerkrümelte es aber nicht, sondern blieb konserviert, es überlebte. Und nun kommt es – fortschrittlich eingefärbt – am anderen Ende des Teppichs wieder hervor. Der linksliberale Antisemitismus beerbt den alten Antisemitismus von rechts und setzt ihn damit fort. Offensichtlich ist der erhabene Gesang vom Sieg der Demokratie in Deutschland beträchtlich geschönt.“

Ein insgesamt lesenswerter Text von Schmid, der diese documenta gelungen pointiert und zum Abschluß bringt. Es wäre besser gewesen, diese documenta hätte so und in dieser Form niemals stattgefunden. Die nächsten Macher werden es schwer haben. Aber vielleicht ist es eben auch eine Chance, Ästhetik, Kunst, Reflexion, Autonomie der Kunst und ebenso das Politische der Kunst zusammenzudenken, ohne Gemeinschaftskundeunterricht für die Untertertia zu absolvieren. Ein Problem aber bleibt: eine teils entleerte, um sich kreisende, ins Leere laufende Bildende Kunst, die ihre besten Tage hinter sich zu haben scheint und wenig nur noch überrascht. Bleibt zu hoffen, daß die nächste documenta anders und besser ausfällt. Diese nun inzwischen vergangene documenta im Sinne avancierter Kunst wie auch einer solchen Ästhetik zu überbieten, dürfte freilich und andererseits nicht schwierig sein.

Documente 13 (Kassel 2012)