Zum Tod von Eva-Maria Hagen

Eva-Maria Hagen ist tot. In Erinnerung ist sie mir hauptsächlich als Sängerin, weniger als Schauspielerin, wenngleich ich mich vor allem an „Die Legende von Paul und Paula“ noch gut erinnere und ich meine auch, sie in dem einen oder anderen „Polizeiruf 110“ aus den 1970er Jahren gesehen und dabei auch gerne gesehen zu haben – später in den Wiederholungen. Ich mochte die Art, wie sie Brecht und Weill sang, ich mochte ihre Chansons und wenn sie russische Lieder sang. So auf der Platte „‚Nicht Liebe ohne Liebe‘. Eva-Maria Hagen singt Russische Romanzen, Zigeunerlieder und Balladen – ins Deutsche gebracht von Wolf Biermann“, erschienen im Jahr 1979, darauf war manch schönes Lied, dunkle russische Seele, Melancholie auch. Nicht alles gefiel mir zwar, aber es waren auf der Platte bzw. der Kassette, die ich mir in der Bücherei damals auslieh, doch einige sehr schöne Lieder. Vor allem aber war es ihre Stimme, die man so schnell nicht vergaß.

Gut erinnere ich mich noch, wie Hagen irgendwann Anfang der 1990er Jahre im Philosophenturm bei einem philosophischen Seminar von Herbert Schnädelbach plötzlich aufschlug. Einer der Studenten damals, Siegfried Gerlich, ein ungeheuer kluger Kopf, überbordend in seinen Ideen und Assoziationen und auch in seinem Wissen, das oft zwar ein Halbwissen war, aber doch mit einer Emphase vorgetragen, daß es die Zuhörer mitriß, sollte in jenem Seminar ein Referat halten, es muß wohl zu Levinas oder Derrida gewesen sein, aber Gerlich sprach über Lacan; und er hatte da im Schlepptau eben Eva-Maria Hagen, mit der er Anfang der 1980er Jahre zusammen war. Hagen besang diese Laison zu einer Tangomelodie in einem ihrer Lieder, geschrieben von Biermann, gesungen später dann aber von Hagen:

Das müßt ihr mir schon nachsehen
Mein Liebster ist schon achtzehn
Und ich bin erst fünfzig Jahr.

Wir kommen so gut zurande
Wir sind eine irdische Schande
Und ein himmlisches Liebespaar.

Wobei ich hier sagen muß, daß mir dieses Lied von Biermann vorgetragen besser gefällt, weil da mehr noch ein Raues mitschwingt. Ich mag einiges von Hagen, aber eben leider nicht alles. Großartig ist sie da, wo sie Lieder von Brecht sind und in ihrer Art interpretiert. Hagen wurde 87 Jahre. Das immerhin kann man ein erfülltes Leben nennen. Bewegend und schön und immer wieder gerne zu hören ist jenes ihr von Biermann auf den Leib gedichtete Lied „Ich

Und dann die „Ballade vom Förster und der Gräfin“: Was für ein Lied und was für ein Vortrag.

Es war eine Lieb‘ zwischen Füchsin und Hahn:
Oh, Goldener, liebst du mich auch?
Und fein war der Abend,
doch dann kam die Früh, kam die Früh, kam die Früh:
all seine Federn, sie hängen im Strauch!