„Johann, was machen die Diesel?“ Zum Tod von Wolfgang Petersen

Es gibt so Tendenzen, die nennen sich Ambivalenzen: Wolfgang Petersen ist tot und ich muß sagen, daß ich seinen Film DAS BOOT verachtet und zugleich gerne gesehen habe. Es war einerseits von der Dramatik her fesselnd, wie man einen Krieg unter Wasser und derart unter Druck aushält, und es waren diese Bilder andererseits ein übler Schmarrn. Klar, da war die Bedrängnis im engen Boot zu sehen, was man auch als Kritik am Krieg lesen kann, der Schrecken des Krieges verdichtete sich in die Tiefe. Und vielleicht ist es nicht einmal schlecht, den Krieg auch aus der Perspektive der deutschen Täter mitzuzeigen, vor allem dann, wenn der Zuschauer mit dem deutschen U-Boot fiebert, als es von den britischen Zerstörern angegriffen wurde und immer weiter in die Tiefe abtauchen mußte, bis es im Stahl knirschte und die Schrauben flogen. Tauchgang, um den Wasserbomben zu entkommen, eigentlich müßte man sich freuen, wenn das U-Boot draufginge, denn jene Männer kämpften für ein System von Verbrechern, und gerade in solchem Mitfiebern zeigen sich die Ambivalenzen, die auch in einem selbst stecken. Der Schrecken des Krieges immerhin zeigt sich am Schluß, als dann das U-Boot beim Einlaufen in den Hafen von La Rochelle angegriffen und zerbombt wird. Von der Mannschaft bleiben nur der Kaleun und Leutnant Werner übrig. Als Zuschauer war ich freilich doch auf der Seite der Bomberpiloten, die mit jedem Flug und mit jeder weiteren Bombe dem Terrorregime ein Ende bereiteten. Wer Wind sät, wird Sturm ernten.

Dennoch bleib, trotz aller Faszination an diesem Film, ein Stück weit jene Landserästhetik. Ich fand damals in der ZEIT das Urteil von Fritz J. Raddatz hart, aber es traf am Ende irgendwie doch die Sache, obgleich ich eben diese drei Teile gerne sah: Seemmann, der ins Becken kotzt, andern vor die Füße rotzt und auf dem Heimweg torkelt, so ganz Mann, so ganz Held. Und doch waren genau diese Leute es, die furchtbar mittaten und die die Mordmaschine am Leben hielten – vielleicht mancher auch ohne Wissen und aus Liebe zum Vaterland, das schon lange keines mehr war und was jeder mit etwas Blickigkeit hätte wissen und sehen können. In diesem Sinne hat Raddatz recht:

„Die Einschaltquotenfetischisten können sich die Hände reiben: 60 Prozent aller deutschen Haushalte sahen die drei Folgen der Fernsehfassung von Wolfgang Petersens Verfilmung des Romans Das Boot; das sind 24 Millionen Deutsche. Was haben sie gesehen? Nach meinem Urteil: eine Trivialschnulze, (…) deren Schauspielerleistung sich zu 50 Prozent in männlich-hartem Blick und eisernen Backenmuskeln erschöpfte, wenn nicht gerade durchs Fernglas gestarrt wurde; deren politische Qualität – sprich: Nicht-Qualität mich geradezu empört. Ein Kriegsfilm am Rande der Verherrlichung. (…) Es geht mir um die zugleich so simple wie komplizierte Frage nach der politischen Moral; die dieser Film nicht stellt: Wie war denn das so, im Stuka über Warschau? Im Panzer vor Leningrad? Im U-Boot eben unter dem Atlantik? Das war doch nicht nur heiß und eng und voller Gestank, Schweiß, Angst und Zote? Das war doch auch ein Verbrecher-Handwerk? Ich will gar nicht so weit gehen wie Kurt Tucholsky, der gesagt hat, „Soldaten sind Mörder“. (…) Ich will aber so weit gehen, zu sagen: Schiebt es nicht immer auf ein paar SS-Bestien und Leibstandarten-Henker – auch die deutsche Wehrmacht hat tausendfach Verbrechen begangen; hat gemordet, geplündert, gebrandschatzt, geraubt. Sie hat einem der schlimmsten Terroristen der Geschichte gedient. (…)

Die guten Leute (…) waren privat vielleicht ehrbar, muntere Puffgänger, brave Familienväter und feste Trinker bei Rosita Serranos Schellack-Gekrächze. Doch was sie ausübten, war ein unehrbarer Beruf. Und sie wollten siegen; „Wir bauen für den Sieg“ stand an einen U-Boot-Bunker des Films gepinselt. Wohl wahr. Gott bewahre uns alle, sie hätten gesiegt. Keine dieser Fragen stellt der Film. Er zieht unser Mitleid in die falsche Richtung; weil ein Film ja optisch argumentiert, nicht verbal, zieht er den Betrachter auf die Seite der Männer in ihrer Bedrängnis und Not und macht prompt vergessen, daß ja sie es waren, die Tausende in Bedrängnis und Not brachten, Frauen und Kinder in den Tod bombten. (…) Bestimmte Dinge nicht sagen – auch das kann heißen: lügen. Insofern ist dies ein verlogener Film.“

Andererseits müssen wir Zuschauer, die nun einmal Deutsche sind, eben genau diesen Zwiespalt aushalten: mitfiebern bei einer Sache, wo es nichts zu fiebern gibt. Die Seemänner waren arme Säue und sie waren es zugleich nicht. Implizit zeigte der Film dies. Freilich hätte er es am Ende ästhetisch doch ein wenig expliziter machen können.