„Aber auf keinen Fall bin ich Österreicher …“ Georg Kreisler zum 100. Geburtstag

Nein, Österreicher wollte Kreisler nach „jenen Jahren“ nicht mehr sein und doch prägte ihn das Land. Vom Humor her, dem Denken, dem klassischem Schmäh samt dem dunkel-bösen Humor. Auf einen Plattentitel wie „‚Nichtarische‘ Arien“ muß einer erst mal kommen: galliger, bissiger, schwarzer Humor, wie so oft bei Kreislers Albumstiteln und viel mehr noch bei seinen Texten. Geselllschaftliches wie auch Privates und alles mit jenem Zug Melancholie, man höre hier bei „Es wird alles wieder gut Herr Professor“, ein Liebeslied, das kein Liebeslied ist. „Liebeslieder am Ultimo“:

Immer wieder mischen sich in seinen Chansons solche Melancholie sowie Traurigkeit, aber auch der Spott und vielleicht das, was man einen jüdischen Humor nennen kann und der in Deutschland immer noch mit einer gewissen Angst wahrgenommen wird, über das vermeintlich Falsche zu lachen. Einen Witz wie „Warum lieben jüdische Frauen beschnittene Männer? Weil sie nichts in die Hand nehmen, was nicht um 20 % reduziert wurde“, kann ein Deutscher Nichtjude nur sehr bedingt machen. Solchen Humor besaß Kreisler, aber er war eben mehr als bloß ein Sänger, der halbwegs lustige, manchmal böse Lieder sang: Er war Autor und Komponist, ein Virtuose in Sprache. Aber er war eben doch nicht mehr in Östereich zu Hause – jenem Land das ihn und seinesgleichen vertrieb und nach jener Entwurzelung durch die deutschen Nazis: „Ich fühl mich nicht zu Hause“, so sang er zugleich mit jenem beißenden Witz:

Ich war bei meiner Schwester in Berlin
Sie will ich soll auf immer zu ihr zieh’n
Ihr Mann ist jetzt gestorben, a Schlemihl
Und hat ihr hinterlassen viel zu viel
Sie hat a Wohnung, da ist alles drin
Sie kennt die allerbesten Leut‘ –
Doch ich sprach: „Schwester, wenn ich ehrlich bin
Mir macht das Leben hier ka Freud‘

Heimatlos und kein Ort und so geht das lyrische Ich dieses Songs alle möglichen Orte durch: von Berlin, über New York und Argentinien. Nicht zu Hause, und das heißt auch: nicht zu Hause in Israel, so dichtete der Jude Georg Kreisler. So blieb Kreisler ein Staatenloser, mit dem Paß eines US-Bürgers. Ein aus Österreich vertriebener Österreicher, der mit dem Leben davonkam. Den Massenmord an den Juden überlebte er im Exil in den USA, dort schlug er sich mit Musik durch und nahm am Zweiten Weltkrieg teil und verhörte unter anderem nach Kriegsende Julius Streicher. Kreisler kehrte Mitte der 50er Jahre sodann aus dem Exil nach Wien zurück, doch ein Zuhause war es nicht, allenfalls Heimat: in Österreich. Oder eben doch nicht und „Wie schön wäre Wien ohne Wiener“ und Österreich ohne das braune Pack.

Wie schön wäre Wien ohne Wiener
So schön wie a schlafende Frau
Der Stadtpark wär sicher viel grüner
Und die Donau wär endlich so blau
Wie schön wäre Wien ohne Wiener
Ein Gewinn für den Fremdenverkehr

Die Autos ständen stumm
Des Riesenrad fallet um
Und die lauschigen Gassen wärn leer
In Grinzing endlich Ruh‘
Und’s Burgtheater zu
Es wär herrlich, wie schön Wien dann wär

Keine Baustölln, keine Schrammeln
Und im Fernsehn kein Programm
Nur die Vogerln und de Pferderln
Und de Hunderln und de Baam
Und wer durch dies Paradies muss
Findet später als Legat
Statt des Antisemitismus
Nur ein Antiquariat

CC-Lizenz, gemeinfrei

Vielfach sind Kreislers Lieder durchsetzt von dieser Vergangenheit und der dumpfen Spießigkeit jener bleiernen Jahre. Noch das Stück „Zwei alte Tanten tanzen Tango“ deutet darauf. Und weil ihm diese Subtilitäten im Text lieb waren, so haßte er irgendwann sein wunderbares Stück „Tauben vergiften im Park“ und mochte es nicht mehr spielen. Georg Kreisler war ein Musiker mit Sprachwitz. Seine Couplets unterhielten nicht bloß geistreich – ein Stück wie „Der Musikkritiker“ ist neben dem Moment des gekonnt Albernen ganz einfach nur virtuos zu nennen, wenn da von Schubert bis Beethoven und Dvořák die „schönen Stellen“ durchgespielt werden und sowieso: „Orff und Eck und Boris Blacher/ Fürchten meine hohnerfüllten Lacher/ Hindemith, Strawinsky und Varese sind zwar gut/ Doch ich bin bese.“ Und zuweilen transportiert das Couplet auch die Alltagswahrheit: „Und jedem Künstler ist es recht, spricht man vom anderen Künstler schlecht.“

Aber es gibt ebenso diesen entsetzlichen Hintergrund deutscher Geschichte, die auch Kreisler betraf, und diese schlägt sich in einem vermeintlich so harmlos daherkommenden Anfang des Stückes „Lassen sie nur meine Tante“ nieder, gleichsam eine Familiengeschichte von einer seltsamen älteren Frau, die am Strand Leute verschreckt.

„Lassen Sie nur meine Tante, schau’n sie, da liegt sie am Strand
Sie hat im Leben noch nie ein solches Leben gehabt
Nu, warum soll sie nicht spielen im Sand?

Lassen Sie nur meine Tante, ich weiß ja, es sieht nicht schön aus
Dass sie die anderen Gäste mit Steinen bewirft
Aber ich nehm’ sie bestimmt gleich ins Haus

Sie hat a Nichte, die lebt in Australien
Und einen Neffen, das ist ein Pilot
Und einen Bruder in Nordrhein-Westfalien
Aber sie glaubt, die sind schon tot

Lassen Sie nur meine Tante, sie wird ihn nicht beißen, den Hund
Und außerdem glauben Sie mir, dass sie verrückt ist, die Frau
Nu, das hat einen tieferen Grund

Lassen Sie nur meine Tante, schau’n Sie wie friedlich sie ruht
Und wie sie lächelt. Im Schlaf glaubt sie noch
Ihr Leben wird eines Tages noch gut

Jetzt sind es fast zwanzig Jahre, da wurde sie plötzlich so krank
Natürlich weiß man warum, und sogar Sie würden’s versteh’n
Aber ich glaub’, die Geschicht ist zu lang

Sie hat a Tochter in Bohrbeck bei Essen
Und einen Sohn, irgendwo knapp daneben
Und eine Schwester in Marburg in Hessen
Aber sie glaubt, die sind am Leben

Lassen Sie nur meine Tante, ich nehm’ sie dann mit mir hinein
Im Grunde nenn’ ich sie nur meine Tante
Sie ist in Wirklichkeit gar ka Verwandte
Und könnte ebensogut ihre eigne Tante sein!“

Nichtarische Arien eben, und es ist das letzte Stück auf dieser teils so heiteren, teils beklemmenden Platte jüdischen Lebens. Am 18. im schönen Monat Juli wurde Georg Kreisler in Wien geboren.

3 Gedanken zu „„Aber auf keinen Fall bin ich Österreicher …“ Georg Kreisler zum 100. Geburtstag

  1. Dass Sie Gisela Kraner in dieser schönen Erinnerung nicht erwähnten, mag ein Indiz dafür sein, dass Sie kein Novák sind.

    (ich halte Ihr mir bereits bekanntes Interesse an Hugo Wiener für mehr als ausreichend, um diesen kleinen Scherz richtig zu verstehen)

  2. Man kann ja in einem derart kurzen Text leider nie alles erwähnen. Wobei Cissy Kraner durchaus einen eigenen Eintrag wert wäre. Ihr Todestag war im Februar nun auch schon zehn Jahre her und es ist gut, an all diese Menschen zu erinnern, denn sie werden bald einer Zeit angehören, die vergessen sein wird.

    Geben wir also gerne noch einmal den Novak, aber diesmal in einer erweiterten Form:

  3. Sehr schön, also wirklich wahr…

    (wie Recht Sie haben damit, dass nicht nur Wieners Witz in Vergessenheit geraten wird – lassen Sie uns milde darüber schweigen)

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