Berechtigte Fragen an Angela Merkel

In der Tat ist dies einer der großen Skandale, die die Bundesrepublik Deutschland aufarbeiten und durchdringen muß. Immer neue Hintergründe werden offenbar, wie alte Stasi-Seilschaften mit der Energieversorung Deutschlands betraut waren. Dazu ein Altkanzler, der als Putin-Buddy auftrat. Die große Skepsis von Ländern wie Polen, Estland, Lettland und Litauen gegenüber Deutschland ist gut nachvollziehbar.

Hierzu muß dann unbedingt noch auf Catherine Beltons Buch von Anfang Februar hingewiesen werden, nämlich „Putins Netz – Wie sich der KGB Russland zurückholte und dann den Westen ins Auge fasste“ (HarperCollins 2022, ISBN 9783749903283, EUR 26,-) und ebenso auf das Interview mit ihr aus der ZEIT vom 21. Juli: „‚Es gibt ein Netzwerk der Superreichen, das wie die Tentakel des Kremls fungiert‘
Kaum jemand kennt das System der milliardenschweren Männer hinter dem russischen Präsidenten so gut wie die britische Journalistin Catherine Belton. In einem ihrer seltenen Interviews spricht sie über Putins Spiel mit den Oligarchen und seine Anfänge als KGB-Mann in Dresden.“

https://www.zeit.de/wirtschaft/2022-07/catherine-belton-wladimir-putin-kreml-buch/komplettansicht

Ansonsten bringt es im Blick auf das Kochen von Nudeln Carlo Masala gut auf den Punkt:

Putins Tote – Folter in Rußland

„Putins Soldaten schneiden einem Kriegsgefangenen vor laufender Kamera (!) die Hoden und den Penis ab. Soweit ist dieser Angriffskrieg. Aber in unseren putin-nahen Medien regt man sich über ein Glas Sekt auf, das Klitschko reicht oder ein Vogue-Fotoshooting des Präsidentenpaares.“ So schreibt es der östereichische Journalist Florian Klenk auf Twitter und so wird es auf der Seite MailOnline berichtet – verifiziert auch in russischen Telegrammgruppen.

Als während des Irakkriegs im Jahr 2004 die Greultaten von Abu Ghraib ans Licht kamen, die Angehörige der US-Streitkräfte dort verübten, ging es in der Öffentlichkeit und in den Medien hoch her. Über Folter in russischen Gefängnissen, die Ende 2021 bekannt wurden, berichteten die Medien zwar, aber es gab keinen Aufschrei und nichts dergleichen. Und hoch her ging es schon gar nicht bei den üblichen Verschwörungsportale sowie den üblichen Verdächtigen dort: von Pohlmann bis Gellermann. Sie und leider auch Teile der Linken, von Zarenknecht bis Ehemann, starteten nicht etwa einen ihrer Aufschreie, was ganz sicher geschähe, wenn nur die USA involviert wäre, sondern sie schwiegen. Und gleiches geschieht nun bei jenen Kriegsverbrechen russischer Soldaten, die ans Licht kommen. Twittert und facebooked Zarenknecht sich die Finger wund?

Was Rußland im Augenblick tut, müßte hunderttausende Menschen auf die Straße bringen. Aber es geschieht nichts.

Im Blick auf Kriegsgefangene aus dem Stahlwerk in Mariupol schreibt Bernhard Torsch auf Facebook:

„Russland behauptet, die Ukraine habe ein Gefängnis im russisch besetzten Gebiet mit HIMARS-Raketen beschossen und dabei seien bedauerlicherweise 40 ukrainische Kriegsgefangene ums Leben gekommen. HIMARS sind hoch präzise und die verwendeten Geschosse extrem teuer. Dass die Ukraine damit ihre eigenen Leute umbringt, ist so gut wie auszuschließen. Auch nicht durch Zufall, denn das Gefängnis und dessen genaue Lage ist den ukrainischen Streitkräften wohl bekannt.

Viel wahrscheinlicher ist, dass Russland die Gefangenen, bei denen es sich vor allem um Verteidiger der Stadt Mariupol handelte, nach wochenlanger Folter einfach ermordete, dann ein paar Granaten auf die Leichen gefeuert hat und jetzt dummdreist der Ukraine die Schuld zuschieben will. Dazu passt, dass derzeit unerträgliche Videos auftauchen, in denen russische und tschetschenische Soldaten ukrainische Gefangene auf grausamste Art foltern. Es war kein Geheimnis, dass Russland sich an den Verteidigern von Mariupol, zu denen auch das rechtsextreme Asow-Regiment gehörte, für deren heftige und lange Gegenwehr exemplarisch „rächen“ wollte.“

In den deutschen Medien wird über die russischen Kriegsverbrechen nur spärlich berichtet, so letztens bei frontal“ über die „Straße des Todes“ – ein schwer zu ertragendes Grauen, wie eine russische Soldateska dort wütete – und vielleicht stimmt es: solche Bilder kann man nicht jeden Tag sehen und ertragen. Aber wir alles sollten zur Kenntnis nehmen, daß es sie gibt und wir sollten uns bei allen Maßnahmen der Bundesregierung, die uns womöglich hart treffen, vor Augen halten, was in der Ukraine geschieht: Russen, die dort morden, foltern, vergewaltigen und Menschen willkürlich erschießen oder deportieren. Die Bild-„Zeitung“ immerhin schreibt heute auf ihrer Online-Titelseite: „Unfassbares Kriegsverbrechen im russisch besetzten Gebiet. Putin-Soldat kastriert gefesselten Ukrainer“:

„Bestialische Fotos und Videos aus Sjewjerodonezk im russisch besetzten Gebiet der Ukraine zeigen eine völlige Perversion des Krieges: Ein russischer Söldner schneidet aus Sadismus und Hass einem gefangenen ukrainischen Soldaten bei vollem Bewusstsein mit einem Teppichmesser die Hoden ab.

Bei dem auf Video dokumentierten Kriegsverbrechen trägt der Söldner – er wurde als Vitaly A. (39) identifiziert – blau-grüne OP-Handschuhe.“

Und immerhin gab es vor einigen Tagen auch auf tagesschau.de einen Bericht. Darin heißt es unter anderem:

„Auf dem Boden waren große Blutlachen, überall lagen blutgetränkte Verbände herum“, berichtet er. Die Russen hätten nicht versucht, ihre Taten zu verbergen: „Sie unterhalten sich darüber, lachen, als sei das eine Show.“

Burjaks Angaben können unabhängig nicht überprüft werden. Aber sie stimmen überein mit den Schilderungen anderer Häftlinge oder Menschenrechtsorganisationen. Der Teenager berichtet von stundenlangen Folterungen mit Gummiknüppeln, Eisenstangen und Elektroschocks. „Sie haben ein spezielles Gerät, mit dem sie dir Stromschläge verpassen. Dann verbinden sie das mit Drähten und schieben so etwas wie Nähnadeln unter die Fingernägel und schalten den Strom an.“ Manchmal würden die Elektroschocker auch an Genitalen angewendet, erzählt Burjak.

Von ähnlichen Foltermethoden berichtet unter anderem der Journalist Stanislaw Aseyew, der 2017 in der Ostukraine verhaftet und zwei Jahre in einem berüchtigten Foltergefängnis in Donezk festgehalten wurde.

Und auch die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat derartige Fälle öffentlich gemacht. Für ihren aktuellen Bericht hat sie 42 Fälle von Verschleppung und Folter von Zivilisten in den besetzen Gebiete im Süden der Ukraine dokumentiert. Zwei Personen starben demnach nach Folterung durch die Besatzungstruppen. „Ich bin schockiert von der Brutalität, der Grausamkeit und der völligen Gesetzlosigkeit, die in diesen Regionen herrschen“, sagt Yulia Gorbunova von Human Rights Watch.

Ein Mithäftling von Burjak habe die Brutalität nicht ausgehalten und sich mit dem Deckel einer Konservendose die Pulsadern auf geschnitten, erzählt der 16-Jährige. Er habe anschließend neben dem Mann gesessen und seine Hand gehalten, bis ein russischer Soldat die Zelle betreten und einen Arzt gerufen habe. „Was dann aus ihm wurde, weiß ich nicht“, sagt Burjak. „

Diese Verbrechen sind keine einzelnen  Exzesse,  wie sie in vielen Armeen dieser Welt leider vorkommen, sondern diese Kriegsverbrechen gehören zum System Putin und sie sind systematisch, um das Volk der Ukraine zu zerstören und zu demoralisieren. Nicht anders als die Deutsche Wehrmacht in den eroberten Gebieten der Ukraine und auch in den westlichen Teile der Sowjetunion entsetzliche Kriegsverbrechen beging, geht Putins Armee systematisch vor: Folterungen von Mißliebigen, Verschleppungen von Ukrainern, Mißhandlungen und Vergewaltigungen von Frauen, willkürliche Erschießungen von Zivilisten. Was wäre an den Wochenenden vor der US-Botschaft los, wenn all das die USA getan hätten? Was gäbe es für einen Aufschrei hier im Land? So aber: gar nichts. Was wird heute vor der russischen Botschaft los sein? Es gehen dort die Querdenker vorbei mit ihrem „Auftakt zur Woche der Demokratie“.

Wir müßten eigentlich jeden Tag vor der russischen Botschaft stehen und diese Leute darin bedrängen. Wir müßten vorm Wohnhaus des russischen Botschafters steht und dort campieren und Botschafter und Familie blockieren. Kein rein, kein raus. Medienwirksame Bilder eines Protestes, die durch Europa und um die Welt gehen.Und schnell ist es auf den Straßen ruhig geworden nach dem 24.2.2022, dem Tag des russischen Überfall auf die Ukraine. Immerhin aber gibt es viele Helfer, die etwas tun, die still helfen, die Flüchtlinge aufnehmen und versorgen, Menschen, die spenden, die Transporte mit Waren und Kriegsgerät in die Ukraine organisieren. All die Unsichtbaren. Und dennoch ist es irgendwie seltsam, daß das Leben hier in Deutschland wie normal weitergeht, während keine 1500 km von Berlin entfernt ein brutaler Krieg gegen ein gebeuteltes Volk tobt, das sich nach Freiheit sehnte, das sich nicht die Diktatur, sondern die Demokratie wählte und dafür zum Lohn von Putins Rußland überfallen wurde. Denn nichts haßt der bleiche Lurch aus Moskau mehr als Demokratien in seiner näheren Umgebung. Darum geht es und nicht um angebliche NATO-Erweiterungen – Erweiterungen zudem, die niemand den Letten, den Esten, den Litauern, den Polen, den Ungarn, Tschechen und Rumänen aufgezwungen hat, sondern einen Beitritt, den diese Länder freiwillig und aus sehr nachvollziehbaren Gründen wählten. Länder, die seit 1945 wissen, wie es sich anfühlt, unter dem Sowjetjoch zu leben. Hätten diese Länder diesen Beitritt zu einem Verteidigungsbündnis nicht gewählt, gäbe er vermutlich unter Putins Rußland seit 2014 kein Baltikum mehr und vermutlich auch kein Polen und auch in Rumänien setzten vermutlich, wie im Donbass russische Destabilisierung ein. 

Straflager Olenivka im Donbas. Foto Google-maps.

Greultaten wie diese kennen wir ansonsten nur vom IS in Syrien und aus den Folterlagern Assads. Wobei: Da wissen wir zumindest, woher Putin seine Anregungen  bezog. Oder eben umgekehrt.

Die im Augenblick beste Friedensbewegung heißt M142

„Diese Karte zeigt die Aktivität der russischen Artillerie bevor und nachdem die ukrainische Armee begonnen hat, die russischen Depots mit HIMARS-Raketen auszuschalten.

Wenn man bedenkt, daß 80-90% der ukrainischen Verluste (militärische und zivile) zur Zeit von feindlicher Artillerie verursacht werden muß man einfach konstatieren, daß der Einsatz des westlichen HiTech-Systems in wenigen Tagen Hunderte von Menschenleben gerettet hat.

Ein System – da sind sich deutsche Intellektuelle, Querdenker, Nazis und Demokratiefeinde von links und rechts einig – das niemals hätte in die Ukraine geliefert werden dürfen.

Dann wären diese Menschenleben allerdings nicht gerettet worden.

Wie verdreht im Kopf oder abgrundtief zynisch und moralisch verkommen muß man sein, zu vertreten, alle diese Menschen wären besser nicht am Leben geblieben.“
[Net Luke, am 16.7. auf Facebook]

Und das eben sollen all jene, die offene Briefe schreiben oder die unspezifisch „Frieden“ rufen, ohne den Aggressor beim Namen zu nennen, bitte vier bis acht Mal aufsagen, damit es sich einprägt. Bequemlichkeitspazifismus bei jenen Offene-Briefe-Schreibern. Lumpenpazifismus bei denen, die da am Ostermarsch durch Berlin gingen.

Russische Kriegsverbrechen in der Ukraine

Die hier in der Bundesrepublik lebenden Schreibtisch-Gefährten der Kriegsverbrecher – über Albrecht Müller von Putins Hausorgan, den Nach“Denk“Seiten, bis hin zu Schreibtischtätern wie Dirk Pohlmann, Ken Jebsen und Tom J. Wellbrock – wird man mit dieser frontal-Dokumentation zu russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine vermutlich nicht erreichen. Es sind Schreibtischtäter, die an Putins Morden indirekt mitwirken, indem sie ihr Geschmiere, das sie für Journalismus halten, hier als Propaganda Putins verbreiten. Aber vielleicht wird eine solche Dokumentation doch jene erreichen, die bisher am Sinn von Sanktionen und von Gassparen zweifeln: auch um zu zeigen, daß die freie Welt Rußland dieses Morden nicht durchgehenlassen darf.

Die Dokumentation „Die Straße des Todes. Kriegsverbrechen in der Ukraine“ von Arndt Ginzel ist noch bis zum 20. August in der ZDF-Mediathek zu sehen. Bitte unbedingt anschauen!

„Wenige Tage nach Kriegsausbruch liefern Drohnenvideos erste Belege für ein Kriegsverbrechen auf einer Schnellstraße vor Kiew. Reporter haben Überlebende und Angehörige der Opfer ausfindig gemacht und mutmaßliche Täter identifiziert.

Die ermittelnde Staatsanwaltschaft geht von mehr als 30 getöteten Zivilisten aus. Wer sind die Täter? Nicht alle Beweise konnten die Soldaten vor ihrem Abzug aus den nördlichen Vororten von Kiew beseitigen. In ihren einstigen Unterständen entlang der Straße entdecken Reporter verräterische Dokumente. Es sind Formulare, in denen die russischen Soldaten den Empfang von Waffen und Munition gegengezeichnet haben. Die Spuren führen zur 5. Motorisierten Garde, Einheit: 46108.

„frontal“ dokumentiert erstmals ein Kriegsverbrechen an ukrainischen Zivilisten mithilfe von Zeugen, Opfern und Dokumenten. Die Spuren führen zu einer berüchtigten russischen Armee-Einheit.“

Hier der Link zur Sendung:

https://www.zdf.de/politik/frontal/dokumentation-die-strasse-des-todes-kriegsverbrechen-in-der-ukraine-vom-7-juli-2022-100.html

Buscha_Irina Abramova musste erleben, wie russische Soldaten ihren Mann erschossen_GIORGOS MOUTAFIS

Putins Tote: Yaroslav und Dimitro

Jan Jessen aus: Peremoga, Kyyivs’Ka Oblast‘, Ukraine:

„Das Zimmer von Yaroslav Dzybenko im Haus seiner Eltern in Peremoha östlich von Kiew. Er hat 2014 mit auf dem Maidan demonstriert. Als der russische Überfall im Februar begann, wollte er mit seinem Cousin Dimitro sein Dorf verteidigen. Sie bauten Molotowcocktails. Eingesetzt haben sie sie nicht. Als die Russen am 28. abends in Peremoha einrückten, erschossen sie Yaroslav und Dimitro. Die beiden sind zwei von 17 Toten in dem kleinen Dorf. Mindestens drei Frauen wurden vergewaltigt. Als Nachbarn Yaroslavs Leiche fanden, hatte er kein Gesicht mehr. Seine Mutter erfuhr erst nach dem russischen Abzug einen Monat später von seinem Tod. Sie weint noch heute jeden Abend um ihn, sie hat auch bitterlich geweint, als sie uns seine Geschichte erzählte. Yaroslav Dzybenko wurde 37 Jahre alt.“

Auch auf solches konkrete Grauen müssen wir immer wieder aufmerksam machen. Denn die Opfer von Putins Verbrechen haben alle einen Namen und sie haben auch ein Gesicht, selbst wenn die russische Soldateska es ihnen nehmen will. Szenen, die erzählt werden müssen, immer wieder, damit in Deutschland endlich begriffen wird, worum es geht und was auf dem Spiel steht: nämlich unser aller Freiheit. Jene Verfasser von „Offenen Briefen“ sollen ihre Ideen besser in Moskau vortragen. Da sind sie am richtigen Ort. Nicht aber in der deutschen Öffentlicheit.

Wie oft hat bisher eigentlich die sogenannte Friedensbewegung vor der russischen Botschaft demonstriert? Wetten werden angenommen. Ich fürchte aber, daß diese Wette einfach ausfällt.

Der bleiche Lurch und das Getreide

Bernhard Torsch schrieb am 23.7.2022 auf Facebook:

„Gestern unterzeichnete Russland im Beisein von UN-Generalsekretär Antonio Guterres ein Abkommen mit der Ukraine, das Getreidelieferungen über das Schwarze Meer ermöglichen sollte. Ein Punkt in dem Vertrag: Die Konfliktparteien verpflichten sich, keine Häfen und keine Hafen-Infrastruktur anzugreifen. Nicht einmal 24 Stunden später bombardiert Russland den Hafen von Odessa.

Das ist ein Signal. Putin sagt damit: „Ich pfeife auf die UNO und auf Verträge und auf Verhandlungen.“

Das ist keine Überraschung sondern exakt das, was jeder, der Putin kennt und ihm nicht ideologisch verbunden oder materiell von ihm abhängig ist, seit langem weiß.

Für Verhandlungen mit einem, der Verhandler verhöhnt, hat derweil wieder der ungarische Putin-Freund Viktor Orbán plädiert. In einer antiwestlichen und antisemitischen Ansprache vor der Ungarisch sprachigen Minderheit in Rumänien. Orbán hat an diese Minderheit vor ein paar Jahren ungarische Pässe ausgegeben. Kein Wunder, dass er Russland verteidigt. Er will nachmachen, was Putin vormacht. Nach einem Zusammenbruch der EU wird er in Siebenbürgen einmarschieren und die „rumänischen Ungarn heim ins Vaterland“ holen.

Was aber reitet Menschen wie die SPÖ-Vorsitzende Rendi-Wagner, nach Verhandlungen mit Putin zu rufen? Ist ihr die Gesellschaft mit Orbán nicht ein wenig unangenehm? Was passiert da in den Köpfen angeblicher Denker/innen, die in Offenen Briefen dasselbe fordern? Sind die nur zu dumm, um zu begreifen, was vor sich geht, oder wollen die wirklich dem Massenmörder Putin die Mauer machen?

Sollte Putin mit seinem Angriffskrieg Erfolg haben oder auch nur ungestraft davonkommen, wird ganz Europa im Krieg versinken. Es wird keine SPÖ oder andere Sozialdemokratien mehr geben und die, die heute „Offene Briefe“ schreiben, werden sich in Gefängnissen wiederfinden. Wenn sich Russlands ethnofaschistische Politik durchsetzt, ist es mit allem, was auch nur ansatzweise progressiv ist, vorbei.“

Aber nach all den Kriegsverbrechen, den Zwangsumsiedlungen von Ukrainern, dem Konzentrationslager in Yahidne, wo 300 Menschen auf engstem Raum in einem Keller eingesperrt waren, dem Dauerbeschuß von Zivilisten, braucht niemanden das Bombardement auf Odessa weiter zu verwundern. All jene, die meinen, daß man mit Putin verhandeln könne und die töricht und naiv Offene Briefe verfassen, sollten sich diese Szenarien zu Gemüte führen. Was Putin von der UN hält, hat er in Odessa gezeigt und das zeigte er bereits Ende April, als António Guterres in Moskau weilte und Putin erst einmal Kiew als deutliches Zeichen beschießen ließ, um dann Kiew noch einmal zu beschießen, als Guterres dann nach Kiew reiste. Deutliche Machtpolitik. Was hätte eigentlichi die sogenannte Friedensbewegung gemacht, wenn ähnliches sich die USA geleistet hätten? Wie viele Friedensdemos der sogenannten Friedensbewegung gab es bisher vor der russischen Botschaft in Berlin?

Und auch das, was im letzten Absatz steht, kann man nicht oft genug wiederholen. Es mögen die westlichen Demokratien in vielen Dingen verbesserungsbedürftig sein, aber im Vergleich mit dem russischen Joch, wo Menschen dafür bereits auf Nimmerwiedersehen in einem Lager verschwinden, weil sie auf irgendeinem Platz ein weißes Schild in die Höhe halten, auf dem nichts geschrieben steht, ist noch die unvollkommenste Demokratie bewahrenswerter als das, was uns droht, wenn Putin im freien Europa und das heißt auch: in der Ukraine Fuß faßt. Bellizisten sind nicht die, die dafür plädieren, gerüstet zu sein und die dafür plädieren, der Ukraine beizustehen, sondern Bellizist ist Putin. Frech werden in solchen Fällen Täter und Opfer verdreht. Eben nach dem Prinzip von Putins Hausblatt in Deutschland, den Nachdenkseiten.

Putin ist als Politiker nicht satisfaktionsfähig. Jeder Vertrag mit ihm ist das Papier nicht wert, auf dem er geschrieben wurde.

ODESSA, UKRAINE – 20. Februar 2022: Einheitsmarsch in Odessa gegen die russische Invasion. Menschenmenge mit riesiger blau-gelber Flagge. — Foto von Nofret

Zum 20. Juli 1944 und zu einem Artikel auf den „NachDenkseiten“

Dieser Text ist eine überarbeitete und stark erweiterte Fassung eines bereits im Juli 2019 erschienenen Artikels von mir, der sich mit einem Beitrag von Werner Rügemer auf den Nachdenkseiten befaßt. Warum ich diesen Artikel hier und heute bringe? Weil solche von mir immanent geübte Textkritik anhand einiger weniger ausgewählter Aspekte zeigen soll, wie Verschwörungsmythen funktionieren und wie man mittels solcher Halbwahrheiten Propaganda und Falschinformationen in Umlauf bringt. Diese Mechanismen zu durchschauen, ist insbesondere im Hinblick auf die Faktenlage im Blick auf die Corona-Krise und den Ukraine-Krieg außerordentlich wichtig. Dabei lasse ich in diesem Essay die Hintergründe zu Rügemer und seine teils antisemtischen, antiamerikanischen Ausfälle unerwähnt bzw. nenne sie nur in diesem Zusatz, damit die Leser wissen, mit wem sie es hier tatsächlich zu tun haben. Daß Rügemer zugleich Recherchearbeit im Blick auf Wirtschaftskriminalität und Verflechtungen von Poltik und Wirtschaft leistete, steht dazu nicht in Widerspruch. Allerdings tangieren solche Verschwörungseinschläge am Ende dann auch die mehr oder weniger seriösen Arbeiten eines solchen Menschen. Ähnlich verhält es sich mit dem Autor Holger Strohm, der Anfang der 1970er Jahre und dann in erweiterter Auflage auch für die 1980er einen der Klassiker der Anti-AKW-Bewegung schrieb, nämlich „Friedlich in die Katastrophe“, darin nicht nur die Funktionsweise verschiedener Reaktortypen und die damit auftauchenden Problematiken analysiert wurden, sondern vor allem auch die gesellschaftlichen Aspekte wie etwa ein sich ausbildender Polizeistaat. Das Buch ist bis heute wichtig, auch wenn Strohm in die rechtsextremistische Esoterik und in die Richtung von Chemtrails-Verschwörung abgedriftet ist und inzwischen kaum noch ernstgenommen werden kann. 

Für diesen Text freilich tun diese Umstände um die Aktivitäten von Rügemer nichts zur Sache, da es hier lediglich darum geht zu zeigen, nach welchem Muster solche Artikel auf den Nachdenkseiten produziert werden und wie Verschwörungserzählungen funktionieren.

***

Am 26. Juli 2019 erschien auf den  NachDenkseiten ein Text mit dem Titel „Verschwörung in der Verschwörung“. Der Artikel stammt von Werner Rügemer und handelt vom Widerstand des 20. Juli sowie der Verquickung des OSS, also der Auslandsspionage der USA, und insbesondere geht es darin um die Aktivitäten des durchaus fragwürden Allen Dulles. In den frühen 1940er Jahren war er im Auftrag des OSS Gesandter in der Schweiz, mit guten Kontakten nach Deutschland und zum Widerstand, von 1953 bis 1961 Direktor des CIA,  also im Kalten Krieg und zu einer Zeit, als die Sowjets die Wasserstoffbombe entwickelt hatten, ein gnadenloser Wettkampf der Systeme im Gange war bzw. der Kampf der Systeme hauptsächlich in Entwicklungsländern oder unterentwickelten Ländern wie Korea ausgetragen wurde. In dieser Zeit seines Amtes war Dulles an zahlreichen politischen Aktionen wie der Ermordung des kongolesischen Präsidenten Lumumba und an Regimewechseln im Iran und in Guatemala beteiligt, außerdem Mitglied der Warren-Kommission, die zum Tod von JFK ermittelte. Eine in manchem Aspekt problematische Person und damit – und wo Geheimdienst drinnen steckt, da ist immer gut Munkeln – eine gute Voraussetzungen also für steile Thesen und für ein geschichtliches Mischmasch, um eine  Verschwörungserzählung in den Umlauf zu bringen. Und genau so macht es Rügemer auch im Blick auf den 20. Juli.

Herausgekommen ist ein schlecht recherchierter Text mit rheotorischen Tricksereien, die ein ungeübter Leser nicht bemerkt, aber womöglich dann als Thesen über die bösen westlichen Alliierten nachbetet. Es wird ein simples Narrativ geboten, geschichtliche Fakten werden unterschlagen und verdreht. So rührt der Autor einen kruden Brei an. Wie er das macht, zeige ich anhand von Zitaten und Belegen im folgenden.

Dabei geht Rügemer der Frage nach, wieweit die westlichen Alliierten von Dullesʼ Wissen um die Zustände in Nazi-Deutschland Gebrauch gemacht haben, um einen Regime-Sturz in Deutschland vorzubereiten beziehungsweise zu verhindern, wie der Autor nahezulegen versucht, so daß also durch diesen „verhinderten“ Regimesturz noch mehr Leid über die Welt gekommen wäre, weil damit der Krieg sich weiter fortsetzte. Rügemer versucht zu zeigen, wie jene Regierungen von Großbritannien und den USA angeblich die eigene Bevölkerung über die Zustände in Deutschland täuschten, in dem sie verbreiteten, alle Deutschen wären Nazis und dazu Dullesʼ Recherchen unterdrückten, es gäbe in Deutschland einen breiten Widerstand. Das gipfelt bei Rügemer in dem Satz:

„Merke, auch für heute: Regierungspropaganda und reales (Geheimdienst-)Wissen sind zwei sehr verschiedene Dinge! Fake information, fake production – sie kann auch darin bestehen, dass das Gegenteil von dem behauptet wird, was man weiß.“

Intuitiv würden diesem Satz manche zustimmen. Geheimdienste sind manchmal böse [nur der russische FSB natürlich nicht, der würde niemals Novitschok einsetzen oder in Moskau Wohnblocks in die Luft sprengen, darin die eigenen Landsleute leben]. Und auch demokratisch gewählte Regierungen können zuweilen und ebenfalls aus pragmatischen oder aus politisch-sachhaltigen Gründen, weil es keine anderen Optionen gibt, unangenehme Handlungen oder einschneidende Maßnahmen in Gang bringen. Ja, das ist manchmal so und manchmal stecken sehr handfeste und gute Gründe dahinter A zu tun und B zu lassen. Mittels solcher vagen Konstrukte und mittels dese Ausblendens komplexter Hintergründe und politischer Fakten ist es leicht, eine Scheinkritik zu erzeugen, so wie Rügemer dies betreibt. Und der Leser nickt sie ab. Irgendwas wird schon dran sein. Schaut man sich aber den Gang von Rügemers Argumentation genauer und gründlicher an, kann man schnell sehen, mit welchen rhetorischen Tricks er arbeitet und wie vermeintliche Argumente sich als Betrug erweisen.

Warum dieser Aufwand und dieser lange Text? Ich will zum einen zeigen, daß vermeintlich Gutes mit unlauteren Methoden zum Schlechten gerät und nicht nur argumentativ, sondern auch von der Sache her schlecht ist, und ich will zeigen, daß die Abwägung verschiedener Hinsichten einer Sache (hier des Widerstands vom 20. Juli und der Reaktion der Alliierten darauf) und das heißt also die komplexe Entfaltung eines geschichtlichen Sachverhaltes besser ist als eine perspektivische Verengung des vermeintlich gesellschaftskritischen Blicks zugunsten einer im Kopf bereits vorab festgezimmerten These der bösen US-Macht und ihrer dunklen Helfer.

Solcher Tunnelblick passiert, weil man sich wie Rügemer in dogmatische Verabsolutierungen verstrickt, die der eigenen  Ideologie geschuldet sind. Confirmation bias auch genannt. Und  es läuft dann wie in dem bekannten Witz: Radiodurchsage „Achtung, auf der A 4 kommt Ihnen ein Geisterfahrer entgegen!“ Autofahrer: „Waass, einer? Hunderte!“. Der Manipulierer paßt mit Gewalt die Fakten an die eigene Ideologie an  – das also, was Rügemer „Fake information“ nennt und was er anderen vorwirft – und zieht unlautere Schlüsse, die sich bei umfassender Sichtung des Materials nicht ergeben hätten. Ob Rügemer dies in bewußter und damit in manipulierender Absicht macht oder ob er um die Fehlerhaftigkeit seiner Argumente nicht weiß (also aus Torheit schreibt), spielt dabei keine Rolle, da es hier nicht primär um die Intentionen des Autors geht, die wir nicht kennen, sondern um die Strukturen solchen Vorgehens bei Verschwörungsideologien, indem stringente Argumentation von solchen Leuten hintertrieben und die Rolle von historischen Ereignissen und Zusammenhängen dekontextualisiert und wie bei Rügemer im schlimmsten Fall sogar verfälscht wird. [Kennt  man freilich die Hintergründe um Rügemer, kann man durchaus und wie es für die Nachdenkseiten inzwischen üblich ist, von Manipulation, Propaganda und Falschinformationen ausgehen. Und zwar über die Betrachtung der Faktenlage.]

Insofern ist Rügemers Text darin auch wieder gelungen: denn er eignet sich immerhin als Beispiel, um zu studieren, was passiert, wenn  Behauptungen ohne Belege dogmatisch verabsolutieren werden und dabei zu unsauberen Konstruktionen gegriffen wird, um die Behauptung vermeintlich abzusichern, und wenn all jene nicht ins Gerüst passende Fakten unterschlagen werden. Diese Art von Trickserei und diese Manipulation von Fakten machen Leute wie Rügemer derart gefährlich. Genau das ist das Prinzip, welches die Nachdenkseiten und andere Akteure der Verschwörungsszene seit Jahren durchziehen.

Ärgerlich ist vor allem die methodisch unsaubere Arbeit des Autors sowie eine Guilty-by-Association-Logik, indem Aspekte, die nicht im selben Kontext stehen, auf Verdacht aneinander gekettet werden, um rhetorisch eine bestimmte „Stimmung“ zu erzeugen, die dann unbezüglich und qua eines Fehlschlusses durch Assoziation kurzerhand als Pauschalanwurf auf die Gegenwart umgebogen wird. Diese polemische Absicht, als bewußt rhetorische Verzerrung in diesem Artikel (eine von mehreren, nebenbei), zeigt sich kondensiert im letzten Satz des Textes:

„Wer das missglückte Attentat vom 20. Juli 1944 so als Vorbild feiert – und sich zudem auch noch die Beleidigung der Attentäter durch Churchill kommentarlos gefallen lässt – wie die diskreditierte herrschende Klasse in Deutschland, scheint bereit zu sein, vergleichbare Opfer auch heute hinzunehmen. Man ist ja schon mittendrin.“

Was Rügemers Text unseriös macht, sind die polemischen Mittel und die rhetorische Tricks, um bestimmte Denkmuster beim Leser zu installieren und mittels logisch falscher Übertragungen geschichtliche und politische Aspekte zu analogisieren, die nicht analog sind. Zunächst einmal: Etwas nicht zu erwähnen („sich […] kommentarlos gefallen lässt“), heißt nicht, es bereits zu goutieren (argumentum e silentio) – insofern läßt sich daraus zunächst mal gar nichts ableiten und der Satz bleibt eine Phrase. Churchills Äußerungen (so wie Rügemer sie wiedergibt: „Churchill: ‚Nur ein Kampf der Hunde untereinander‘“) entstammen zudem einer Zeit, in der Krieg herrschte. Und wer je von Warschau, Rotterdam, London oder Coventry hörte, wird sich ein Bild machen können, in welchem Zustand sich Europa befand und was Churchills Äußerungen motivierte. Daß Churchill 1944, also nachdem Nazideutschland praktisch schon in Trümmern lag, „not amused“ von dieser nacheilenden Tat war, kann man nicht nur aus historischer Perspektive, sondern vor allem aus Churchills Gegenwart heraus nachvollziehen und es ist ist von dort aus auch begründbar. Auch hier wirft Rügemer völlig unterschiedliche Perspektiven in einen Topf und verrührt diese, um daraus dann seine krude Sicht zu gewinnen.

Wer im übrigen die Behauptung aufstellt, daß die „herrschende Klasse“ – wer immer das sein mag, Rügemer schweigt darüber, Genauigkeit ist seine Sache auch an dieser Stelle nicht – diskreditiert sein solle, der muß  belegen, womit und wodurch sie diskreditiert ist. Die, die heute den 20. Juli feiern, waren kaum mehr am NS-Regime beteiligt – durch die NS-Zeit kann diese „Klasse“ also kaum diskreditiert sein. Dadurch, daß sie die Attentäter feiert, ebenfalls nicht, denn die Attentäter vom 20. Juli entstammten sehr unterschiedlichen politischen Gruppierungen. Vielleicht ist sie aber einfach auch nur deshalb diskreditiert, weil sie Rügemers Ansicht nicht teilt. Davon abgesehen, daß solche Akte in der Regel symbolisch sind und zum Gedenken dienen – auch diesen Umstand vermag Rügemer intellektuell nicht zu erfassen. Sie sind nicht dazu da, an diesem Tag, auf Gedenkveranstaltungen Differenzen und Debatten von Historikern irgendwie zum Thema zu machen, sondern zunächst einmal zu erinnern. So wie auch der 27. Januar kein Kolloqium zur Shoah ist, so ist auch der 20. Juli kein Kongreß zu Fragen des deutschen Widerstands gegen Hitler – so problematisch man ansonsten den 20. Juli auch sehen mag. Die Debatten zum 20. Juli finden vielmehr in der Forschung und für das gebildete Publikum ebenfalls im Feuilleton oder auf den Wissenschaftsseiten von Tages- und Wochenzeitungen statt.

Der Association Fallacy des „vergleichbare Opfer auch heute hinzunehmen. Man ist ja schon mittendrin“, mit dem hier Unverbundenes  zusammengeschlossen wird, um zu diskreditieren, funktioniert ebenfalls nicht und erweist sich als rhetorischer Effekt, um beim Leser eine Stimmung zu erzeugen statt ein Argument zu bringen oder aber Fakten zu liefern, die eine bestimmte Auslegung nahelegen. Welche Opfer es konkret sind, wird zudem von Rügemer im Nebel des Unwissens gelassen: so kann dann jeder selbst in freier Assoziation hinzufügen, was ihm gerade an Opfern einfällt. Container-Wörter mithin.

Weiterhin müßte Rügemer Roß und Reiter nennen und sagen, wer hier was und in welchem Kontext als Vorbild feiert, sonst bleibt solcher Bezug nämlich Ausdenk-Internetz. Und wo man „schon mittendrin“ ist, möchte ich als Leser dann ebenfalls gerne wissen. Wenn man solche Sätze liest, scheint es dem Autor insofern mehr um Polemik zu gehen und auch darum, Assonanzen hervorzurufen, die jeder nach eigenem Gutdünken und eigenem Gestus bedienen kann – mithin auch ein Appell an Emotionen – statt um sachliche Auseinandersetzung mit dem 20. Juli. Dazu greift Rügemer in die rhetorische Trickkiste und verquickt manches mit manchem.

Auch der Auftakt des Textes ist bereits in solch sophistischem Modus gehalten:

„In BILD, ZEIT, Süddeutsche, ARD, ZDF, bei der Bundeskanzlerin und auch in der aufklärerischen junge Welt: Bei allen Würdigungen des Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944 blieb auch zum 75. Jahrestag ein Beteiligter verbissen ausgeblendet: Der US-Geheimdienst Office of Strategic Services (OSS).“

Davon einmal abgesehen, daß all die genannten und sehr unterschiedlichen Medien den 20. Juli in ganz unterschiedlichen Aspekten beleuchteten, ist nicht ersichtlich, weshalb für diese Betrachtung ausgerechnet der OSS zentral bzw. erwähnenswert sein sollte. Weil eine Sache X für Rügemer interessant ist, muß sie es nicht für andere sein und es lassen sich durchs „Nichtnennen“ ebensowenig irgendwelche Verschleierungstendenzen ableiten („verbissen ausgeblendet“). Woher nimmt Rügemer das „Verbissen“? Saß er mit in den Redaktionen und blickte in verkniffene Gesichter, die am Ausblenden waren und beim Ausblenden die Gesichtsmuskeln anspannten? Und genau so wie hier in dieser Art von freier Assoziation funktioniert auch das, was Verschwörungsideologen wie Ken Jebsen, Tom J. Wellbrock, Albrecht Müller, Jürgen Elsässer, Dirk Pohlmann und Mathias Bröckers machen: Manipulation am Leser, indem für einen Sachverhalt relevante Fakten ausgeblendet und komplexe wie komplizierte geschichtliche Zusammehänge dekontextualisiert werden. Exemplarisch führe ich es an diesem Text von Rügemer vor und wenn man will, kann man es an fast allen Beiträgen dieser „Autoren“ zeigen.

Rügemers erwähnt also den Geheimdienst OSS. Dazu muß man freilich einige Aspekte ergänzen: Daß Geheimdienste in einem Krieg notwendige Aufklärungsarbeit leisteten (Deutschland führte im übrigen, wie heute auch Rußland, einen Angriffskrieg und überfiel einen souveränen Staat). Insbesondere der OSS leistete wichtige Aufklärungsarbeit und dort arbeitete auch mancher der vor den Faschisten geflohenen Emigranten mit, so etwa Herbert Marcuse, um gegen Hitler zu kämpfen. Solche Geheimdienste waren in der militärischen Arbeit gegen das faschistische Deutschland unerläßlich und zu dieser Arbeit in Deutschland, um an Informationen zu gelangen, die wiederum für das Allliierte Bomberkommando relevant waren, gehören dann auch die erwähnten Kontexte und die Kontakte zum deutschen Widerstand. In diesem Kontext bekommen die Ausführungen von Rügemer mit einem Mal ein etwas anderes Licht als diese polemische und rhetorisch Volte, und es zeigt sich, wie notwendig Dullesʼ Arbeit der Informationsbeschaffung war, um nicht nur ein faschistisches Deutschland zu besiegen (und vor allem zu beseitigen!), sondern auch, um die Gefahren einer nicht minder brutalen Diktatur von Stalin zu bannen und im Zaum zu halten. Was es mit dieser Diktatur Stalins auf sich hatte, konnten wir im übrigen an den Ländern im Ostblock sehen, und zwar von 1945 bis 1989, dem Zusammenbruch dieser Dikatur.

Daß es Stalin ganz gut auch mit anderen Diktaturen aushalten kann, zeigte der Hitler-Stalin-Pakt von 1939, darin unter anderem im Geheimen Zusatzprotokoll die Annexion des Baltikums und die Aufteilung Polens festgehalten wurde. Und daß für Stalin auch mit einem eher national-rechts-deutschen, nicht-demokratischen Deutschland der Widerständler politisch sich besser leben ließe als unter einer liberalen und zudem kapitalistisch organisierten Demokratie im Stile der USA oder Großbritanniens, ist eine Annahme, die ebensowenig auszuschließen ist und deshalb nicht unerwähnt bleiben sollte, wenn man die Beziehungen der Sowjetunion zu den Deutschen im Dritten Reich sich betrachtet, wie Rügemer das in seinem Artikel macht. Und womöglich ist es auch leichter, ein von der rechten Diktatur infiziertes Volk nun für eine „linke“, stalinistische Diktatur umzubiegen. Im Blick auf Stalins Diktatur bleibt Rügemer schmallippig, während er nicht müde wird, über westliche Geheimdienste zu dozieren.

Weiterhin: Wenn, wie Rügemer schreibt, Dulles konstatiere, es gäbe einen breiten Widerstand, dann muß er dies schon genau zeigen. („Aber Dulles konstatierte: Es gab einen breiten Widerstand.“) Denn selbst wenn Dulles das konstatiert, muß es deshalb nicht richtig sein. Insofern ist es erforderlich, daß Rügemer zeigt, wie dieser „breite Widerstand“ ausgesehen haben soll bzw. was Rügemer unter dem Wort „breit“ versteht, wenn er diese Dulles-These als Grundlage seiner eigenen These verwendet. Insofern ist der Text auch an dieser Stelle schwach argumentiert. Stürzt diese These stürzt die gesamte Argumentation des Textes.

Öffentlicher Protest der Deutschen gegen Hitler und damit politisch größerer Widerstand in verschiedenen Formen kann mit dem Wort „breit“ nicht gemeint sein. Denn der Straßenprotest und der Widerstand gegen Hitler um 1933 und auch die Jahre danach und als dann zunehmend Juden sowie politische Gegner drangsaliert und am Ende liquidiert wurden, blieb nicht nur weitgehend, sondern fast vollständig aus. Er fand allenfalls im privaten Kreis statt. Wenn wir es durchzählten vielleicht ein paar zehntausend Menschen – von etwa 80 Millionen Reichsbürgern, von denen man Kinder und Alte abziehen muß, so daß man vielleicht bei 50 Millionen Menschen ist. Breiter Widerstand wäre dann, wenn ein paar Millionen Menschen auf die Barrikaden gegangen wären. Sie sind es aber nicht. Es gab keine Volkserhebungen gegen Hitler, sondern es sabotierten lediglich einzelen Akteure das System.

Hier vom „breiten Widerstand“ zu sprechen, ist lächerlich. Der überwiegende Teil der Deutschen tat mit, war begeistert oder schwieg aus Angst. Das NS-Regime wurde von großen Teilen der Bevölkerung getragen – so wie es Churchill und Roosevelt sagten und wie es Franz Neumanns „Behemoth“, den Rügemer zitiert, und auch zahlreiche weitere Forschung nahelegt. Das Regime um Hitler wurde getragen von Menschen, die aus der Arbeitslosigkeit und aus Krisenjahren kamen und die jene Versorgungsdiktatur goutierten und mehr als das: die soziale Fürsorge durch den NS-Staat wurde akzeptiert und manches andere ebenso. Wo der breite Widerstand gegen Hitler war, das müßte uns Werner Rügemer schon zeigen. Kann er aber nicht.

Vor diesem Hintergrund erscheinen solche Sätze dann in einem etwas anderen Licht und es wird gut die polemische und verzerrende Absicht dahinter deutlich:

„Damit zeichnete der Geheimdienstler [Dulles] ein ganz anderes Bild als damals die US-Regierung und vor allem das State Department öffentlich propagierten: Ganz Deutschland sei im Griff der Nazis, alle Deutschen seien Nazis, der Terror seit total. Dulles schickte seine Berichte unter dem Codewort breaker (Brecher) nach Washington. Aber Roosevelt und seine Generäle logen weiter, Churchill machte begeistert mit: Alle Deutschen sind Nazis!“

Davon ab, daß man sich für diese Aussagen von Roosevelt und Churchill Quellenbelege und den Kontext wünscht, in dem diese Sätze gesagt worden sind: Nach dem Stand der  Forschung kann man sagen, daß Deutschland ein tief vom Faschismus durchdrungenes Land war. Die paar zehntausend Leute bildeten kein Gegengewicht. Und von „breitem Widerstand“ kann schon gar nicht die Rede sein.

Daß die westlichen Alliierten und insbesondere die britische Regierung 1944 und bereits schon Ende 1941 nicht mehr an Umsturzplänen interessiert waren, dürfte ebenfalls naheliegend sein: Deutschlands militärische Niederlage zeichnete sich zunehmend ab. Der Verstoß in Nordafrika kam zum Erliegen und auch an der russischen Front lief es Ende 1942 nicht wie gewünscht. Und bereits Sir Winston Churchills seit 1940 anhaltender Widerstand gegen Hitler, obwohl er mit ihm nach dem Fall Frankreichs durchaus ein Agreement hätte aushandeln können, zeigt die konsequente Haltung. Churchills legendäre Rede und seine Worte von „Blood, Toil, Tears and Sweat“ im Kampf gegen den Faschismus, gehalten am 13 Mai 1940 in Westminster, finden sich an dieser Stelle. Ein großer Politiker, ein Staatsmann und in Europa der einzige Politiker, der gegen Hitler, gegen die deutschen und die italienischen Faschisten vehement Widerstand leistete. Während der blutige Diktator Stalin, in dessen Land die Menschen verschwanden, mit Hitler paktierte.

Auch aus den Erfahrungen des ersten Weltkrieges im übrigen heraus lag es nahe, es nicht noch einmal zu solch einer desolaten Situation kommen zu lassen und das besiegte Land nicht zu besetzen: Das Deutsche Reich bestand 1918 weiter, die alten Kräfte konnten nicht nur subkutan wirken, sondern sie taten es bis in die Regierungsebene hinein. Bis auf das Rheinland und das Saarland stand Deutschland 1919 nicht unter alliierter Militärverwaltung. Das, was aus dieser Situation damals erwuchs, wollte man sich für ein zweites Mal ersparen, auch im Hinblick auf zwei Weltkriege, die von Deutschland ausgingen. Insofern kam nur die bedingungslose Kapitulation, wie sie 1943 auf der Konferenz von Casablanca von den westlichen Alliierten beschlossen wurde, infrage. (Stalin war ebenfalls eingeladen, aber reiste nicht an.) Auch dieses Motiv der westlichen Alliierten ist mitzunennen. Die Alliierten waren nicht an einem konservativ-rechts-nationalen Deutschland interessiert und in diesem Sinne konstatierte Churchill ganz richtig, daß es nur ein Kampf der Hunde untereinander war. Ende 1943 dann, auf der Konferenz von Teheran wurde zwischen den drei Alliierten (dem sowjetischen Diktator Stalin sowie dem Präsidenten Roosevelt und dem Premierminister Churchill) neben der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands ebenso die Aufteilung Deutschlands beschlossen. Rügemer hingegen mutmaßt:

„Der Widerstand durfte keinen Erfolg haben, denn der hätte nur „den Russen“ genützt und möglicherweise zu Friedensverhandlungen geführt. Die Feindschaft des Westens gegen die Sowjetunion mit der Gefahr eines neuen Krieges hatte spätestens schon 1943 begonnen – eine Kontinuität bis heute.“

Daß es Rügemer eher mit russischen oder sowjetischen Diktatoren hält, bleibt an solchen Stellen keine Mutmaßung mehr, sondern wird evident. Wenn es im übrigen darum ginge, die UdSSR unter Stalin kleinzuhalten und es ausschließlich auf ein Wettrennen der unterschiedlichen Blöcke ankäme, wie Rügemer insinuiert, und wenn es das Ziel wäre, eine kommunistische Diktatur sowjetisch-stalinistischen Vorbilds in Mitteleuropa zu verhindern, dann bleibt es unverständlich, weshalb in Teheran ein gemeinsames Vorgehen der Alliierten abgestimmt wurde und es bleibt unklar, weshalb die USA das Lend-Lease-Programm  für die Sowjetunion erst am 12. Mai 1945, also einige Tage nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches, auslaufen ließen und nicht schon viel früher.

Ohne den Treibstoff der USA wäre kaum ein sowjetisches Flugzeug geflogen und nur wenig Panzer gefahren. Die Kriegswende 1942/43 ist auch durch die umfangreichen Lieferungen der USA an Logistik, Panzern, Flugzeugen, Schiffen, Lokomotiven, LKWs, Stahl, Lebensmitteln bis hin zu Soldatenstiefeln erklärbar. Diesen Umstand sollte der Artikel ebenfalls erwähnen. Daß er es nicht tut, ist bezeichnend und zeigt die Stoßrichtung – auch des Antiamerikanismus dieses Autors. Ohne die umfangreichen US-Lieferungen wäre das Regime Stalins am Ende gewesen. Da er aber einseitig den Blick auf einen konservativen Geheimdienstmann richtet, muß Rügemer solche Aspekte bewußt ignorieren und er muß durch solche Perspektivenverengung dann zu einer monolithischen und verkürzten Darstellung gelangen.

Von der „Verschwörung in der Verschwörung“, von der Rügemer fabuliert,  bleibt also am Ende nicht viel übrig, wenn man sich die historischen Fakten genauer betrachtet. Solche polemischen Sätze insbesondere zeigen dann gut, wohin die Reise von Rügemer geht:

„Ebenso wurden im weiteren Verlauf des totalen westlichen Krieges die ungleich zahlreicheren Kriegsopfer auf ziviler und militärischer Seite hingenommen: Unconditional surrender!“

Eine irre und perverse „Logik“, wie sie dieselben Leute, die sich Friedensbewegung und Mahnwache nennen, heute auch für die Ukraine in Anschlag bringen. Davon ab, daß die „Logik“ einer solchen Argumentation ebenso von einem Funktionär der NPD stammen könnte: unter Aufgreifung von Goebbels „totalem Krieg“ als Triggerwort – und hier wird es dann wieder antisemitisch, semifaschistisch unappetitlich bei Rügemer -, besteht seine Manipulation zunächst einmal darin, Täter und Opfern zu vertauschen. Den totalen Krieg führte Deutschland und brach ihn 1939 vom Zaun, nicht die Alliierten, die Polen beistanden. (Nicht anders übrigens als Putin dann am 24.2.2022 die Ukraine überfiel: Wie die Muster im Blick aufs Verdrehen von Fakten sich doch gleichen.) Weiterhin unterschlägt Rügemer, daß nur die bedingungslose Kapitulation Deutschlands durch die Widerständler und die verbleibenden Generäle sofort die Einstellung der Kriegshandlungen nach sich gezogen hätte. Darüber aber wollten viele der Generäle, die unter Hitler dienten, nicht verhandeln, ebensowenig die Widerständller, und die westlichen Alliierten wollten sich auch nicht auf einen Separatfrieden einlassen, bei dem das Deutsche Reich dann weiter gegen die UdSSR gekämpft hätte, wie von Teilen der Generäle angedacht. Soviel nur zu dem herbeikonstruierten Narrativ, den westlichen Alliierten ginge es darum, bereits 1943, also inmitten des 2. Weltkrieges auf Konfrontationskurs zur Sowjetunion zu gehen. Solche Passagen und Insinuierungen Rügemers zeigen wohin die Tendenz gehen soll: nämlich das Installieren eines klassischen Verschwörungsnarrativs. Auch hier wieder sehen von der Methode her, wie Verschwörungsmythen arbeiten und wie sie sich im Kopf mancher Leser festsetzen und dann weiterverbreitet werden. Gegen solche Fälschungen hilft nur Aufklärung anhand von Fakten.

Daß übrigens – zum Abschluß – die lesenswerte und bis heute bahnbrechende Studie „Behemoth“ von Franz Neumann zwar „den Terrorapparat [schilderte], ohne auf die frühe Förderung Hitlers durch die großen Kapitalisten wie Ford und Krupp einzugehen“ bedarf eigentlich keiner Erwähnung, denn es war eben letzteres gar nicht die Absicht der Studie, den militärisch-industriellen Komplex vor Hitler auszuleuchten, sondern „Behemoth“ befaßt sich in soziologischer Absicht mit den internen Funktionsabläufen des NS-Staates. Rügemer ist nicht einmal fähig, in einfachsten Bezügen zu denken, geschweige eine hinreichend valide Analyse zu liefern. Man merkt es dem Artikel noch in den kleinsten Stellen, selbst in einer Fußnote an: Auch hier wieder wird Rhetorik eingestreut, um eine bestimmte Richtung zu inszenieren. Daß übrigens Werner Rügemers Text nicht auf die Verbrechen Hitlers und den Völkermord Stalins eingeht, bedürfte wohl ebensowenig einer besonderen Erwähnung. Insofern frage ich mich, was die Absicht solcher von außen an eine Sache herangetragener Sichtweisen ist, wie sie Rügemer auffährt.

Gegen Rügemers Text spricht nicht nur sein methodisch ungenaues Arbeiten und seine Verabsolutierung einer These zu einer Seite hin – bereits im Titel zeigt sich die Schlagseite des Textes, sondern auch der propagandistisch-ideologische Impetus seines Textes. Durch solche systematische Verzerrungen bekommt ein historischer Aspekt Schieflage. Bezieht man jedoch all die von mir genannten unterschiedlichen Hinweise mit ein, besitzt diese Angelegenheit eine doch etwas breitere Perspektive und ist deutlich komplexer als eine bloße Geheimdienstgeschichte samt verschwörerisch-bösen US-Staatsmännern sowie einem böse-finsteren Churchill.

Die Ironie dieser Sache ist dabei: Das was Rügemer den USA und Churchill vorwirft und was eben am Ende nicht zutrifft, betreibt er selber: nämlich die Produktion von Ideologie. Es ist jedoch wichtig, gerade an solchen doch relativ simplen Texten zu zeigen, wie die Produktion von Lüge und Propaganda funktioniert – gerade im Blick auf die Corona-Krise und den Krieg Rußlands gegen die Ukraine zeigen sich solche Manipulationen, insbesondere bei den Nachdenkseiten und all jenen Autoren, die da im Umfeld agieren.

Merke: Es muß bei Verschwörungsideologien immer ein Funke Wahrheit im Spiel sein: Wer sagt, der Regen falle in Wirklichkeit von unten nach oben und wir alle werden optisch von Reptiloiden in Gestalt von Angela Merkel, H. Clinton und Obama manipuliert, wird eher im Irrenhaus landen. Wer aber vermeintliche Fakten nennt, etwa, daß Länder um Rußland wie die baltischen Staaten, Polen und Rumänien nun in der NATO sind und Rußland angeblich einkreisen, kann auf Fakten rekurrieren, die zunächst mal plausibel wirken. (Davon einmal abgesehen, daß die Grenze zwischen NATO und Rußland gerade einmal 2 % der gesamten russischen Grenze zu anderen Ländern ausmachen: aber was schert schon die Wahrheit, wenn man wie Rügemer, Pohlmann, Jebsen, Ganser auch lügen kann.) Und was solche Ideologen zudem regelmäßig im Blick auf die NATO und die Erweiterung dieses Bündnisses verschweigen: Es wird von diesen Leuten so getan, als hätte

„die NATO die osteuropäischen und baltischen Staaten gewaltsam besetzt und dann in diesen Ländern eine Militärpräsenz aufgebaut. Diese Staaten wurden aber nicht besetzt, sondern suchten um eine Mitgliedschaft bei der NATO an. Niemand ist also irgendwohin „gerückt“, souveräne Staaten sind einem Bündnis beigetreten. So wie es demnächst Finnland und Schweden machen werden. Der einzige, der irgendwohin „rückt“, ist tatsächlich Putin.“

So schrieb es gestern Bernhard Torsch auf Facebook. Hinzu kommt: Der 8. Mai wird zwar in Deutschland (inzwischen)  als Tag der Befreiuung gefeiert und er wird bis heute am 9. Mai in Rußland gefeiert. Nur wird dabei ein zentraler Umstand oft beschwiegen: Der 8. Mai war für die Länder Mittel- und Osteuropas, für Lettland, Estland, Litauen, Polen, Ungarn, die SBZ, später DDR, die Tschechoslowakei, Rumänien und Bulgarien kein Tag der Befreiung  gewesen. Sondern es begann eine neue und blutige Diktatur, die von 1945 bis 1989 dauerte. Auch diesen Umstand verschweigt uns Rügemer.

In Anbetracht all dieser von mir genannten Aspekte ist es folgerichtig,  Rügemer einen Verschwörungsideologen zu nennen. Und ein Portal, das ungeprüft solche Artikel veröffentlicht, muß sich ebenfalls solches zurechnen lassen. Nach der Corona-Krise, aber auch schon seit 2015 in der Berichterstattung gegen die Ukraine und in der Parteinahme der Nachdenkseiten für Putins Rußland hat sich bereits gezeigt, woher der Wind dort und anderswo weht. [Zu der teils rechtsextremistischen Unterwanderung der Mahnwachen einer sogenannten Friedensbewegung seit 2014 schreibe ich vielleicht gesondert nochmal etwas.]

In diesen Zeiten des Hybrid-Krieges mit Rußland können und sollten wir uns freilich, was Haltung und was den Umgang mit einem Feind angeht, an jenem Mann ein Beispiel nehmen: nämlich an Winston Churchill, der standhaft blieb und mit eisernem Willen dazu beitrug, daß am Ende Deutschland nicht siegte.

[Photographie, Quelle: Wikipedia, gemeinfrei]

„Die Mörder sind unter uns“: Vladimir Plotnikov und Sonia Plotnikova bereisen die EU

„Und sie haben nichts zu befürchten“ so schrieb es Jutta Pivečka. Diesmal ist die Mörderbande im freien Europa auf Urlaub, nämlich der russische Abgeordnete Vladimir Plotnikov (Abgeordneten des Permer Stadtparlaments, Putinfreund und Verfechter des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine). Er bereist mit seiner Tochter Sonia Plotnikova Venedig, Kroatien und Wien. Hier geht es zu Sonia Plotnikovas Instagram-Account, wo die Botox-Frau fröhliche Photos postet, während in der Ukraine Frauen und Kinder von Russen vergewaltigt und umgebracht werden, während sich ukrainische Frauen tapfer der russischen Soldateska in den Weg stellen und sie mit Granaten und Kugeln empfangen. Ich hoffe, diese beiden Gestalten … Nein, das darf man nicht schreiben, es wäre wohl eine Aufforderung zur Gewaltanwendung. Und leider werden diejenigen, die diese widerlichen Gestalten im Kempinski Hotel in Istrien oder in irgendeinem Hotel in Wien bedienen und ihnen Service liefern, diesen Profiteuren des Krieges keinen Nachttopf über dem Kopf ausleeren oder ihnen in den Drink kein schönes Abführmittel verabreichen – sozusagen ein alter Russenbrauch, Lebensmitteln etwas zuzusetzen, was dort nicht hineingehört. Es muß ja nicht immer Novitschok sein, wie bei Nawalny, bei Sergej und Julia Skripal, die Putins Geheimdienst in England vergiften ließ. Oder der von Putin vergiftete Alexander Litwinenko oder die von Putins Schergen vergiftete Anna Politkowskaja, weil sie kritisch über Rußlands Vorgehen im Tschetschenienkrieg berichtete. Der Satz „Einen im Tee haben“ bekommt beim Umgang mit Russen eine besondere Bedeutung. Es muß ja nicht immer Assam sein, was da in der Tasse ist. Manchmal auch eine Prise russisches Nowitschok.

Während Putin sein Volk in einem blutigen Angriffskrieg gegen die Ukriane verheizt, bereisen Vladimir Plotnikov und seine Botox-Tochter Sonia Plotnikova das freie Europa. Ich hoffe, sie verirren sich auch nach Polen. Da werden sie vermutlich etwas anders empfangen.

Die Berliner Zeitung schreibt:

„Während also Plotnikov den Krieg seiner Landsleute in der Ukraine unterstützt, verbringt er zeitgleich seinen Sommerurlaub beim Markusdom oder im azurblauen adriatischen Meer. Auf Instagram sieht man Fotos mit seiner Tochter Sofia, einer Nachwuchstennisspielerin. Ein Selfie machten sie während einer Bootstour in Venedig, ein anderes Bild zeigt die beiden in der Lobby eines luxuriösen Fünf-Sterne-Hotels auf der Halbinsel Istrien in Kroatien.

Doch wie kommt ein regimetreuer Parlamentsabgeordneter in Zeiten des größten europäischen Landkrieges seit 1945 überhaupt physisch nach Italien und Kroatien? Welche Behörde hat dem Abgeordneten und seiner Tochter die benötigten Visa ausgestellt?

Schon während der ersten Kriegsstunden, Ende Februar 2022, monierte Michael Roth den europäischen Umgang mit russischen putinnahen Oligarchen und ihren Familien. „Sie müssen spüren, dass sie hier nicht willkommen sind, weil sie Putins System Jahre gestützt haben“, so der Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages. „Oft leben diese Leute in Paris, London, Berlin oder Rom, schicken ihre Kinder auf Schulen im Westen, investieren hier Geld und machen Urlaub“, so Roth. Dabei würden auch Maßnahmen gegen Russlands Milliardäre „dem oligarchischem System Putin das Wasser abgraben“.“

Nein, es reicht nicht, daß diese Profiteure des Systems Putin es spüren – das Spürenlassen sollte man bei Putin-Anhängern wie Ken Jebsen, Dirk Pohlmann, Mathias Brökers, Tom J. Wellbrock, Albrecht Müller betreiben, indem man sie und ihre Anhänger sozial ächtet -, sondern es müssen massive Sanktionen her. Was ich erschreckend finde: Wie halbherzig all diese Sanktionen zu sein scheinen, wenn solchen Gestalten es immer noch möglich ist, Länder der EU zu bereisen. Und immer noch denke ich: jene Oligarchen trifft es am härtesten, wenn sie ihre Kinder nicht mehr auf die feinen Internate in der Schweiz, in England, Deutschland und Frankreich schicken können. Solange das System Putin Bestand hat und solange die Russen sich in der Ukraine in den Grenzen von 2013 aufhalten, solange bei den russischen Eliten kein Umdenken stattfindet, solange kann und darf es kein Auskommen mit Rußland geben. Auch wenn es für einige Gewerbe touristisch und damit montetär hart sein mag, daß das Russengeld nun draußen bleibt.

„Aber auf keinen Fall bin ich Österreicher …“ Georg Kreisler zum 100. Geburtstag

Nein, Österreicher wollte Kreisler nach „jenen Jahren“ nicht mehr sein und doch prägte ihn das Land. Vom Humor her, dem Denken, dem klassischem Schmäh samt dem dunkel-bösen Humor. Auf einen Plattentitel wie „‚Nichtarische‘ Arien“ muß einer erst mal kommen: galliger, bissiger, schwarzer Humor, wie so oft bei Kreislers Albumstiteln und viel mehr noch bei seinen Texten. Geselllschaftliches wie auch Privates und alles mit jenem Zug Melancholie, man höre hier bei „Es wird alles wieder gut Herr Professor“, ein Liebeslied, das kein Liebeslied ist. „Liebeslieder am Ultimo“:

Immer wieder mischen sich in seinen Chansons solche Melancholie sowie Traurigkeit, aber auch der Spott und vielleicht das, was man einen jüdischen Humor nennen kann und der in Deutschland immer noch mit einer gewissen Angst wahrgenommen wird, über das vermeintlich Falsche zu lachen. Einen Witz wie „Warum lieben jüdische Frauen beschnittene Männer? Weil sie nichts in die Hand nehmen, was nicht um 20 % reduziert wurde“, kann ein Deutscher Nichtjude nur sehr bedingt machen. Solchen Humor besaß Kreisler, aber er war eben mehr als bloß ein Sänger, der halbwegs lustige, manchmal böse Lieder sang: Er war Autor und Komponist, ein Virtuose in Sprache. Aber er war eben doch nicht mehr in Östereich zu Hause – jenem Land das ihn und seinesgleichen vertrieb und nach jener Entwurzelung durch die deutschen Nazis: „Ich fühl mich nicht zu Hause“, so sang er zugleich mit jenem beißenden Witz:

Ich war bei meiner Schwester in Berlin
Sie will ich soll auf immer zu ihr zieh’n
Ihr Mann ist jetzt gestorben, a Schlemihl
Und hat ihr hinterlassen viel zu viel
Sie hat a Wohnung, da ist alles drin
Sie kennt die allerbesten Leut‘ –
Doch ich sprach: „Schwester, wenn ich ehrlich bin
Mir macht das Leben hier ka Freud‘

Heimatlos und kein Ort und so geht das lyrische Ich dieses Songs alle möglichen Orte durch: von Berlin, über New York und Argentinien. Nicht zu Hause, und das heißt auch: nicht zu Hause in Israel, so dichtete der Jude Georg Kreisler. So blieb Kreisler ein Staatenloser, mit dem Paß eines US-Bürgers. Ein aus Österreich vertriebener Österreicher, der mit dem Leben davonkam. Den Massenmord an den Juden überlebte er im Exil in den USA, dort schlug er sich mit Musik durch und nahm am Zweiten Weltkrieg teil und verhörte unter anderem nach Kriegsende Julius Streicher. Kreisler kehrte Mitte der 50er Jahre sodann aus dem Exil nach Wien zurück, doch ein Zuhause war es nicht, allenfalls Heimat: in Österreich. Oder eben doch nicht und „Wie schön wäre Wien ohne Wiener“ und Österreich ohne das braune Pack.

Wie schön wäre Wien ohne Wiener
So schön wie a schlafende Frau
Der Stadtpark wär sicher viel grüner
Und die Donau wär endlich so blau
Wie schön wäre Wien ohne Wiener
Ein Gewinn für den Fremdenverkehr

Die Autos ständen stumm
Des Riesenrad fallet um
Und die lauschigen Gassen wärn leer
In Grinzing endlich Ruh‘
Und’s Burgtheater zu
Es wär herrlich, wie schön Wien dann wär

Keine Baustölln, keine Schrammeln
Und im Fernsehn kein Programm
Nur die Vogerln und de Pferderln
Und de Hunderln und de Baam
Und wer durch dies Paradies muss
Findet später als Legat
Statt des Antisemitismus
Nur ein Antiquariat

CC-Lizenz, gemeinfrei

Vielfach sind Kreislers Lieder durchsetzt von dieser Vergangenheit und der dumpfen Spießigkeit jener bleiernen Jahre. Noch das Stück „Zwei alte Tanten tanzen Tango“ deutet darauf. Und weil ihm diese Subtilitäten im Text lieb waren, so haßte er irgendwann sein wunderbares Stück „Tauben vergiften im Park“ und mochte es nicht mehr spielen. Georg Kreisler war ein Musiker mit Sprachwitz. Seine Couplets unterhielten nicht bloß geistreich – ein Stück wie „Der Musikkritiker“ ist neben dem Moment des gekonnt Albernen ganz einfach nur virtuos zu nennen, wenn da von Schubert bis Beethoven und Dvořák die „schönen Stellen“ durchgespielt werden und sowieso: „Orff und Eck und Boris Blacher/ Fürchten meine hohnerfüllten Lacher/ Hindemith, Strawinsky und Varese sind zwar gut/ Doch ich bin bese.“ Und zuweilen transportiert das Couplet auch die Alltagswahrheit: „Und jedem Künstler ist es recht, spricht man vom anderen Künstler schlecht.“

Aber es gibt ebenso diesen entsetzlichen Hintergrund deutscher Geschichte, die auch Kreisler betraf, und diese schlägt sich in einem vermeintlich so harmlos daherkommenden Anfang des Stückes „Lassen sie nur meine Tante“ nieder, gleichsam eine Familiengeschichte von einer seltsamen älteren Frau, die am Strand Leute verschreckt.

„Lassen Sie nur meine Tante, schau’n sie, da liegt sie am Strand
Sie hat im Leben noch nie ein solches Leben gehabt
Nu, warum soll sie nicht spielen im Sand?

Lassen Sie nur meine Tante, ich weiß ja, es sieht nicht schön aus
Dass sie die anderen Gäste mit Steinen bewirft
Aber ich nehm’ sie bestimmt gleich ins Haus

Sie hat a Nichte, die lebt in Australien
Und einen Neffen, das ist ein Pilot
Und einen Bruder in Nordrhein-Westfalien
Aber sie glaubt, die sind schon tot

Lassen Sie nur meine Tante, sie wird ihn nicht beißen, den Hund
Und außerdem glauben Sie mir, dass sie verrückt ist, die Frau
Nu, das hat einen tieferen Grund

Lassen Sie nur meine Tante, schau’n Sie wie friedlich sie ruht
Und wie sie lächelt. Im Schlaf glaubt sie noch
Ihr Leben wird eines Tages noch gut

Jetzt sind es fast zwanzig Jahre, da wurde sie plötzlich so krank
Natürlich weiß man warum, und sogar Sie würden’s versteh’n
Aber ich glaub’, die Geschicht ist zu lang

Sie hat a Tochter in Bohrbeck bei Essen
Und einen Sohn, irgendwo knapp daneben
Und eine Schwester in Marburg in Hessen
Aber sie glaubt, die sind am Leben

Lassen Sie nur meine Tante, ich nehm’ sie dann mit mir hinein
Im Grunde nenn’ ich sie nur meine Tante
Sie ist in Wirklichkeit gar ka Verwandte
Und könnte ebensogut ihre eigne Tante sein!“

Nichtarische Arien eben, und es ist das letzte Stück auf dieser teils so heiteren, teils beklemmenden Platte jüdischen Lebens. Am 18. im schönen Monat Juli wurde Georg Kreisler in Wien geboren.